Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Leopold / Lipot (Zvi Jehuda) Ungar, 06. Elul 667 (= Freitag, 16. August 1907)

Standortnummer: 729

  • Grabstein Ungar Leopold - 16. August 1907

    Foto 1993

  • Grabstein Ungar Leopold - 16. August 1907

    Foto 2016


Die Grabinschrift

Inschrift Leopold Ungar: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier liegt) b(egraben) פנ
[2] ein Mann von edlem Geist, der zu jeder Zeit das Rechte tat איש יקר רוח עושה צדקות בכל עת
[3] und berühmt war an Ruhm und Ehre, כ“ה צבי יהודה
[4] Sohn d(es ehrenhaften) H(errn) Meir Ungar, a(uf ihm sei) F(riede). בן כ“ה מאיר אונגאר ע“ה
[5] Er verstarb im Alter von 65 Jahren am V(orabend) d(es heiligen Schabbat), dem 6. Elul, נפטר בן ס“ה שנים ביום עש“ק ו אלול
[6] und wurde mit großer Trauer begraben am Sonntag danach ונקבר ביום א אחריו בהספד גדול
[7] (im Jahr) 667 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). תרסז לפ“ק
[8] Unsere prächtige Blüte verwelkte, die Krone fiel von unserem Haupt. ציץ תפארתנו נבל, נפלה עטרת ראשנו
[9] In der Fülle des Landes ist er geborgen und aufgehoben, daher verdunkelten sich unsere Augen. בפשע ארץ נטמן ונפקד לזאת חשכו עינינו
[10] Der Tag kam, ein Tag der Dunkelheit und Finsternis war jener Tag. יום בא, יום חשץ ואפלה יום ההוא
[11] G(ott) rief ihn von oben zu sich am Vorabend des Schabbat. Im Leben hatte er diesen geheiligt und nun hat (Gott) ihn zu sich geholt. ה’ קרא לו ממעל ערב שבת חיה ויקדשהו ויקרבהו
[12] Die Vornehmen des Volkes Israel versammelten sich und jedes Auge weinte. ואצילי בני ישראל נאספו, וכל עין בוכיה
[13] Denn sein Wort wurde vernommen, oh weh, Herr, oh weh, seine Bedeutung war in der Stadt bekannt. דבר כי נודע, הוי אדון, הוי הודו נשמע בקריה
[14] Oh weh um ihn, denn jeder sagt: „Der Ruhm seiner Herrlichkeit ist verstummt“. הוי כי לו כלו אומר כבוד תהלתו דומיה.
[15] Oh weh, denn vergangen sind seine Pracht und seine Gerechtigkeit, entschwunden die ganze Herrlichkeit. אויה כי פנה הודו וצדקתו לוקח כליל תפארה
[16] Wer wird sich der Elenden erbarmen, wer ihnen zu Hilfe kommen? ומי ירחם את אומללים, מי יקום להם לעזרה
[17] Er handelte redlich und half den Menschen in Zeiten der Not. נשא ונתן באמונה הציל נפשות בעת צרה
[18] Er war der Bedeutendste unter den Juden und der Erste bei den Versammlungen. גדול היהודים ראשון מיושבי שערה
[19] Treu verbunden war er seiner Stadt und seiner Gemeinde wie ein prächtiges Diadem einer Krone. אדוק לעירו ולקהלתו פאר ונזר עטרה
[20] Eifrig erfüllte er die Gebote und übte Werke der Mildtätigkeit. Zum Gedenken sei er! רץ למצות וגמילות חסדים, לאזכרה
[21] Das Gedenken an ihn soll nicht enden und bei allen zukünftigen Generationen nicht in Vergessenheit geraten, זכרו לא יסוף ולא ישכח לדור דורים
[22] denn als Mahnmal stand er wie ein Mast auf den Bergen. לנס כי עמד כתורן על ההרים.
[23] S(eine) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). תנצבה



Anmerkungen

Zeile 2: Sprüche 17,27 וקר (ק: יקר) רוח.

Zeile 6: Vgl. הספד גדול „die öffentlich(e) gezeigte Trauer(feier)“ im Unterschied zum eigentlichen Trauergefühl, dessen Ausmaß etc. nicht vorgeschrieben werden kann; s. bes. babylonischer Talmud, Traktat Taanit 181, Megilla 5b sowie weiters Rosch Haschana 25a, Moed Qatan 21b u.a.

Zeile 8: Jesaja 28,1 וציץ נבל צבי תפארתו; vgl. Jesaja 28,4.

Klagelieder 5,16 נפלה עטרת ראשנו.

Zeile 9: Sprüche 28,2 בפשע ארץ. Die mir nicht restlos klare Formulierung könnte auf irgendein Unheil schließen lassen, das direkt oder indirekt zum Tod geführt hat. Allerdings lässt sich ein solches historisch und biografisch nicht nachweisen. Eine Übersetzungsvariante „Im Frevel des Landes…“ o.ä. möchte ich eher ausschließen. In der Übersetzung wurde davon ausgegangen, dass vielleicht eine Metathese vorliegt: שפע statt פשע? Möglich wäre auch, dass mit פשע ארץ ארץ ארורה, also die Diaspora gemeint ist. Gehen wir von der richtigen Schreibung in der Grabinschrift aus, könnte bei „Frevel des Landes“ an den Kommentar des R. Mose ben Nachman (Nachmanides) zu Numeri 13,2 gedacht worden sein, wo er zu Numeri 13,32 „…ist ein Land, das seine Bewohner auffrisst…“ …ארץ אכלת יושביה… ausführt, „…dass es nicht ihr Frevel alleine war…“ …ואל תחשוב כי היה פשעם באמרם ארץ אוכלת יושביה בלבד….

Klagelieder 5,17 חשכו עינינו.

Zeile 10: Zefanja 1,15 היום ההוא…יום חשך ואפלה.

Zeile 11: Vgl. Exodus 20,8 „Gedenke des Schabbat und halte ihn heilig“ זכור את יום השבת לקדשו. Vgl. auch Deuteronomium 5,12. Allerdings ist der Subjektwechsel nicht ganz unproblematisch. Oder ist ויקרבהו mit „…und jetzt hat er sich ihm (dem Schabbat) genähert“ oder „…und jetzt ist er ihm (Gott) nahegekommen / hat sich ihm genähert“ zu übersetzen?

Zeile 12: Exodus 24,11 ואל אצילי בני ישראל.

Vgl. Klagelieder 1,16 „Darüber muss ich weinen, von Tränen fließt mein Auge…“ על אלה אני בוכיה עיני | עיני ירדה מים….

Zeile 14: Psalm 29,9 כלו אמר כבוד; weiters wurde für die Übersetzung die Konstruktion von הוי ל‏ in Ezechiel 13,18 herangezogen. Als Alternativübersetzung, die durchaus auch zum Inhalt passen würde, bietet sich an: „Oh weh, denn in seiner ganzen Person war ein Wortgewaltiger (wörtl.: „… war er Kunde…“), dessen Ruhm seiner Herrlichkeit nun verstummt ist“.

Psalm 66,2 כבוד תהלתו‏. Vgl. Psalm 65,2 לך דומיה תהלה‏ wörtl.: „Dir ist das Schweigen ein Lob“ in dem Sinn, dass Gott durch Worte nicht genug gelobt werden kann; vgl. auch Kommentare zur Stelle.

Zeile 17: Vgl. babylonischer Talmud, Traktat Schabbat 31a „In der Stunde, wenn man einen Menschen zum Gericht bringt, fragt man ihn: ‚Hast du deinen Handel in Redlichkeit betrieben‘?…“ בשעה שמכניסין אדם לדין אומרים לו נשאת ונתת באמונה…. Es „… ist dies die erste Frage, die an den Menschen im Jenseits gerichtet wird.“
(Wachstein B., Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540(?)-1670, Quellen zur Geschichte der Juden in Deutsch-Österreich, hrsg. von der historischen Kommission der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, IV, Wien 1912, Seite 128)

Zeile 18: Psalm 69,13 יושבי שער‏; wörtl.: „die in den Toren (der Stadt) Sitzenden“.

Zeile 20: Vgl. Psalm 119,32 „Ich eile voran auf dem Weg deiner Gebote…“ דרך מצותיך ארוץ.

Leviticus 6,8 אזכרתה u.a. Das Wort dient hier wohl in erster Linie dem Reim.

Zeile 21: Ester 9,28 וזכרם לא יסוף.

Jesaja 51,8 לדור דורים.

Zeile 22: Midrasch Psalmen 46,3 „…richtete der Herr sie auf wie einen Mast und die Fahne…“ …העמיד להן הקב“ה כתורן וכנס mit Bezug auf Numeri 26,10 „…und sie wurden zu einem warnenden Zeichen“ …ויהיו לנס. S. auch Jesaja 13,2; 18,3.

Zeile 8-22: Akrostychon: Die Anfangsbuchstaben ergeben den hebräischen Vornamen und den Nachnamen des Verstorbenen (Zwi Jehuda Ungar) sowie die abbrevierte Euphemie „s(ein Andenken) m(öge bewahrt werden)“.


Biografische Notizen

Leopold / Lipot (Zvi Jehuda) Ungar, geb. 21. Mai 1842 in Eisenstadt, Handelsmann, gest. mit 65 Jahren am 15. August 1907 um 14 Uhr in Unterberg-Eisenstadt an einem Herzschlag

Matriken Geburt Leopold Ungar

Matriken Geburt Leopold Ungar

Matriken Tod Lipot Ungar

Matriken Tod Lipot Ungar

Sterbeanzeige Leopold Ungar

Sterbeanzeige Leopold Ungar, Neue Freie Presse, 16. August 1907, Seite 20


Vater: Moritz (Meir) Ungar
Mutter: Fani (Anna, Johanna) Ungar, geb. Ofner, gest. 28. Oktober 1846, begraben am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt

Brüder:
Heinrich (Chajim) Ungar, geb. 20. Dezember 1840, gest. 25. November 1911

Friedrich / Fritz Ungar, geb. 30. September 1845


Ehefrau: Barbara (Betti/y, Babette, Bertha) Ungar, geb. Guttmann, gest. 17. August 1905

Töchter:
Rosa (Rebekka) Opler, geb. Ungar 13. April 1869 in Eisenstadt, gest. 03. Juli 1919 (Geburtsmatriken Mutter: „Adelheid“, s. Matrikeneintrag bei Rosa Opler)

Johanna / Helene Ungar, geb. 21. Juli 1876 in Eisenstadt, geh. 11. April 1896 in Eisenstadt Jakob Nagler, Kurzwarenhändler, geb. 06. Juli 1863 in Budapest VII, Rombachgasse 11, Sohn des Abraham Nagler, Kurzwarenhändler in Budapest, Rombachgasse 11, und der Maria Politzer.
Sowohl in den Geburts- als auch in den Trauungsmatriken finden wir den Vornamen „Johanna“, nur in der Sterbeanzeige des Vaters (s.o.) wird als Tochter „Helene“ Nagler angegeben.

Matriken Geburt Johanna Ungar

Matriken Geburt Johanna Ungar

  • Matriken Hochzeit Johanna Ungar und Jakob Nagler

    Hochzeit Johanna Ungar und Jakob Nagler

  • Matriken Hochzeit Johanna Ungar und Jakob Nagler

    Hochzeit Johanna Ungar und Jakob Nagler


Friederike / Fri(e)da (Feile Chaja) Ungar, geb. 14. Juni 1880, gest. 13. Dezember 1900

Söhne:
Samuel (Simcha) Ungar, geb. 29. Mai 1866 in Eisenstadt, geh. 10. Dezember 1893 in Mödling Jenny (Tscharna) Ungar, geb. Kohn, gest. 20. Oktober 1895.

Matriken Geburt Samuel Ungar

Matriken Geburt Samuel Ungar


(Leopold) Philipp Ungar, geb. 17. Jänner 1868 in Eisenstadt, Israelitengasse 127, gest. 26. Mai 1879

Markus (Mordechai, Miksa) Ungar, geb. 21. Oktober 1872 in Eisenstadt, gest. 08. Juli 1886

Gustav Ungar, geb. 12. Oktober 1874 in Eisenstadt

Moritz Ungar, geb. 17. August 1878 in Eisenstadt 15

Heinrich (Chajim) Ungar, geb. 29. Jänner 1882 in Eisenstadt 22, gest. 25. August 1895 an Bauchtyphus in Oberberg-Eisenstadt (In den Geburtsmatriken ist als Vater „Heinrich“ angegeben, als Mutter „Betti Guttmann“, in den Sterbematriken aber Vater „Leopold“, Mutter „Betti Guttmann“. „Heinrich“ als Vater muss eine Verschreibung in den Matriken sein!)

Matriken Geburt Heinrich Ungar

Matriken Geburt Heinrich Ungar (Vater: „Heinrich“!)

Matriken Tod Heinrich Ungar

Matriken Tod Heinrich Ungar (Vater: „Leopold“!)


Material und Maße des Grabsteins

Gabbro, 220/63/40

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt