Nathan und die Wölfe von Eisenstadt

Ein erster Schritt zu einer längst fälligen Biografie der Familie Wolf

Auf den beiden jüdischen Friedhöfen Eisenstadts, dem älteren und dem jüngeren, liegen mehr als 40 Familienangehörige der Familie Wolf begraben, wenn nur die engsten Angehörigen gezählt werden. Nehmen wir Schwiegerkinder und -eltern, Tanten, Onkel, Schwäger und Schwägerinnen usw. dazu, kommen wir auf weit mehr als 100 Gräber. Dass die Wurzeln der Familie bis in die Wiener Gemeinde zurückverfolgbar sind, wurde hier im Blog schon abgehandelt.

Das Österreichische Jüdische Museum befindet sich im sogenannten Wertheimerhaus, das 1875 von der Familie Wolf gekauft und zum Firmensitz der 1790 gegründeten “Weingroßhandlung Leopold Wolf’s Söhne” wurde, wie schon Bernhard Wachstein 1922 anmerkte:

Die Bürolokalitäten des Hauptsitzes der Firma in Eisenstadt befinden sich jetzt in dem von Simson Wertheimer erbauten Hause, das seit 1875 im Besitze der Firma ist. …

Wachstein B., Die Grabinschriften des Alten Judenfriedhofes in Eisenstadt, Eisenstädter Forschungen, hrsg. von Sándor Wolf, Band I, Wien 1922, Anm. 1, Seite 286f

'Weinhandlung Leopold Wolf's Söhne', heute jüdisches Museum Eisenstadt

“Weingroßhandlung Leopold Wolf’s Söhne”, heute jüdisches Museum Eisenstadt


Es ist schon erstaunlich, dass es bis zum heutigen Tag keine gründliche Biografie über die mittlerweile weltweit verzweigte Familie Wolf oder zumindest über die Generationen der Familie, die Eisenstadt und weite Regionen des heutigen Burgenlandes bis 1938 maßgeblich prägten, gibt. Richard Berczeller hat die Familie Wolf immerhin als “burgenländische Rothschilds” bezeichnet. Der Korrektheit halber muss angemerkt werden, dass Ernst Wolf, Sohn von Adolf Wolf (dort mehr Informationen über Ernst Wolf), 1924 im Eigenverlag das hier oft zitierte Buch “Die Familie Wolf” herausgegeben hat, in dem er im Vorwort erst aus den Memoiren der Glückel von Hameln (1645-1724) zitiert:

Meine lieben Kinder, ich schreibe Euch dieses, damit, wenn heute oder morgen Eure lieben Kinder oder Enkel kommen und sie ihre Familie nicht kennen, ich dieses in Kürze aufgestellt habe, damit Ihr wisst, von was für Leuten Ihr her seid.

und schreibt weiter:

… will ich als ältester Enkel in der männlichen Linie ein Familienregister der Nachkommen unseres Großvaters Leopold Wolf und seiner Gattin Rosa, geb. Spitzer aufstellen und in Druck legen lassen.
Es ist in der heutigen Zeit, in der man uns als Fremde und Zugewanderte anfeindet, von sehr großer Bedeutung, dass wir unsere Bodenständigkeit in Mitteleuropa durch drei Jahrhunderte nachweisen können. Wir haben eine Reihe von bedeutenden Ahnen und auch diejenigen unter uns, die aus Mischehen stammen, können auf diese Vorfahren mit Stolz zurückblicken.

Die Worte haben wohl heute dieselbe Gültigkeit, nur dass es bald vier Jahrhunderte sind … die Arbeit von Ernst Wolf wurde jedenfalls nie wirklich ernsthaft fortgeführt. Ernst Wolfs z.T. akribisch erstellte Stammbäume und Kurzbiografien dürfen auch heute als Standardwerk oder zumindest als Basis für alle weiterführenden biografischen Arbeiten über die Familie Wolf gelten.
Dass Ernst Wolf bei den biografischen Angaben doch manch Fehler unterlaufen ist, dürfte daran liegen, dass er nicht selbst recherchiert hat, sondern im März 1923 an seine Verwandten die Bitte richtet, ihm Daten (Nachkommentafeln, Reproduktionen von Familienbildern etc.) zukommen zu lassen. Dass er die Daten nicht überprüfte, sollte ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden. Zweck seines Buches und vor allem sein Zielpublikum waren andere – Ich übergebe dieses Werk meinen lieben Verwandten…. -, als bei wissenschaftlichen Publikationen.

Die “Söhne”

Wer sind aber nun genau die “Söhne” in “Leopold Wolf’s Söhne”? Leopold Wolf, gest. 11. Jänner 1866, hatte 2 Söhne: Adolf, der 2 Söhne hatte (Ernst und Leopold), und Ignaz, der sieben Töchter und ebenfalls zwei Söhne hatte: Leopold und das wohl bekannteste und berühmteste Familienmitglied: Sohn Alexander, der sich selbst (ung.) Sandor nannte.

Noch erstaunlicher als das Fehlen einer Biografie allerdings und auch ein wenig ärgerlich ist aber, dass die spärlichen Informationen, die wir über die Familie finden, nicht nur lücken-, sondern oft auch fehlerhaft sind und viele Fragen offen bleiben.
Das beginnt damit, dass wir 3 verschiedene Geburtsdaten für Ignaz Wolf finden, beim Geburtsdatum seiner Ehefrau Hermine Neubrunn sich zwischen dem Datum am Grabstein und jenem im Geburtsmatrikeneintrag von Trenčín in der Westslowakei eine Differenz von mehr als 2 Monaten auftut, dass Adolf Wolf laut Geburtsmatriken eigentlich Arnold Adolf heißt und dass wir für zumindest 2 Töchter von Ignaz Wolf verschiedene Vornamen finden (Adele/Adelheid und Kathi/Gisela) oder dass Tochter Helenes Geburtsdatum gar um ein ganzes Jahr abweicht… Selbstredend schwerwiegender: dass es nahezu keine detaillierteren Informationen über die enorme wirtschaftliche Bedeutung des Wolf’schen Imperiums gibt.

Nathan Alexander/Sándor Wolf

Insbesondere sind auch die verfügbaren Informationen über die herausragendste Persönlichkeit der Familie, Alexander/Sándor Wolf, das 6. Kind von Ignaz und Hermine Wolf, ausgesprochen mager und z.T. schlicht falsch:

So finden wir sowohl in der gedruckten Literatur als auch online hundertfach das Geburtsdatum 21. Dezember 1871 für Alexander/Sándor Wolf, auch auf Dokumenten, für die er offensichtlich selbst seine Daten zur Verfügung stellte, wie etwa den Nationale-Dokumenten der Universität Wien, wo sich im Gedenkbuch auch eine ausführlichere Biografie findet.

In den Geburtsmatriken allerdings – hat sich niemand die Mühe gemacht, Originalquellen anzusehen? – finden wir nur einen Eintrag vom 30. Dezember 1871 mit Geburt Nathan Wolf (s.u.)!, Vater: Ignaz Wolf, Mutter: Hermine Neubrunn! Entweder das tradierte Geburtsdatum 21. Dezember ist falsch, oder aber – wohl wahrscheinlicher – in den Matriken wurde das Beschneidungsdatum anstatt des Geburtsdatums eingetragen?

Der jüdische Name “Nathan” von Alexander/Sándor Wolf ist – verwunderlich genug – bis dato offenbar völlig unbekannt, außer auf einigen privaten genealogischen Einträgen (und dort “Nathanel“) ist er nirgends zu finden.


Matriken Geburt Nathan

Matriken Geburt (?) Nathan


Alexander/Sándor (Nathan) Wolf war – in fast unzulässiger Kürze aufgezählt – Weinhändler, Kunstsammler und Forscher, ehrenamtlicher Landeskonservator für das Burgenland, 1926 Mitgründer des Burgenländischen Landesmuseums, Initiator für das jüdische Zentralarchiv für das Burgenland, Publizist, Mitglied unzähliger Gesellschaften und Vereine für Kunst und Kultur, Geschichte, Volkskunde, moderne Kunst etc., Zionist.
Sándor Wolf, neben seinem enormen wirtschaftlichen Einfluss vor allem ein kunstsinniger und feinsinniger Humanist, ein bedeutender Sammler und Mäzen, dessen Haus ein beliebter Treffpunkt für das Who-is-who der damaligen Kunst- und Kulturszene war. Zu seinen Gästen gehörten z.B. die Schriftsteller Anton Wildgans, Hugo von Hofmannsthal, Franz Werfel oder Felix Salten und die Musiker Wilhelm Kienzl, Edmund Eysler und Anton von Webern.

Exkurs: Lucie Rie

Wenig verwunderlich, dass Sándor Wolf auch ein sehr inniges Verhältnis zu seiner Nichte Lucie Marie hatte, die am 16. März 1902 als Tochter von Sándors Schwester Kathi (Gisela) Wolf und Prof. Dr. Benjamin Gomperz geboren wurde und später als Keramikerin unter dem Namen Lucie Rie weltbekannt wird (geh. am 07. September 1926 im Stadttempel Wien Hans Rie). Sie starb am 01. April 1995 in London. Lucie war in ihrer Jugendzeit vor allem von den römischen Keramikobjekten in der Sammlung ihres Onkels beeindruckt und später in ihrem Werk beeinflußt. Der sehr enge Kontakt zwischen Nichte und Onkel zeigt sich auch darin, dass Sándor Wolf mit Lucie 1922 eine Reise in die wichtigen italienischen Städte, 1924 eine Reise nach Frankreich unternahm und einige Tage in Monaco verbrachte. Auch noch aus seiner Zeit in Palästina sind uns viele Briefe von Sándor Wolf an Lucie Rie erhalten.

Lucie Rie beauftragte 1928 den erst 25-jährigen Architekten Ernst Plischke mit der Einrichtung ihrer Wohnung in der Wollzeile in Wien, was für Plischke den Karrierestart bedeutete. Seit 1999 ist die Wohnung als Gesamtrekonstruktion im Hofmobiliendepot zu sehen. “Sie ist ein Highlight der österreichischen Wohnkultur zwischen den Kriegen und erinnert an die Freundschaft zweier österreichischer Künstler, die in der Emigration eine Weltkarriere gemacht haben” (siehe “Die Wohnung Lucie Rie von Ernst Plischke”, von Eva B. Ottilinger, Seite 53 (*.pdf). In Tony Birks: Vienna and Eisenstadt. In: ders.: Lucie Rie. Reprint. Yeovil 1995. S. 9-15, gibt Lucie Rie einen Einblick in ihre Zeit in Eisenstadt bei der Wolf-Familie (s. dazu bes. auch The Lucie Rie Archive at the Crafts Study Centre, Sektion 3 und 5, mit Fotos aus der Zeit).

Frieda Löwy-Wolf und das Erbe ihres Bruders Sándor

Sándor Wolf musste nach der Beschlagnahmung seines Besitzes im Frühjahr 1939 über Triest nach Palästina fliehen und starb am 02. Jänner 1946 in Haifa. Wenige Monate davor hatte er in einem Brief seinen Verwandten mitgeteilt, dass er einen neuen Anfang in Eisenstadt für unmöglich und sinnlos hält:

… mit einem Gefühl großer Unlust, weil man uns die Heimatliebe ausgebläut hat ….

Nur am Rande angemerkt sei: Dies ist wohl der deutlichste Beleg dafür, dass Sándor Wolf in Haifa keinesfalls “inmitten seiner Reisevorbereitungen für eine Rückkehr nach Eisenstadt” starb, wie wir in der Wikipedia leider lesen (die Fußnote führt übrigens zur Anmerkung “Beleg fehlt”)… aber in diesem sehr dünnen und aus wissenschaftlicher Sicht fast fahrlässigen Artikel wird auch das Gebäude, in dem heute unser jüdisches Museum untergebracht ist und das jahrzehntelang der Verwaltungssitz der “Weinhandlung Leopold Wolf’s Söhne” war, mit keinem Wort erwähnt.

Bereits Anfang der 1920er Jahre hatte Sándor Wolf am Standort des heutigen Landesmuseums, gleich neben unserem Haus, sein Wolf-Museum errichtet, mehr dazu in unserem Blogartikel “Ein entzückendes kleines Barockpalais“.

Frieda Löwy-Wolf

Frieda Löwy-Wolf

Frieda Löwy-Wolf erbte nach dem Tod von Bruder Sándor (s.u.) dessen Kunstsammlung mit immerhin 26.000 Kunstobjekten, darunter ein beträchtlicher Teil Judaica. Die Republik Österreich war nicht bereit, die Kaufsumme von 1.100.000 öS aufzubringen, ein kleiner Teil wurde vom Amt der Burgenländischen Landesregierung angekauft, der größte Teil wurde 1958 von der Galerie Fischer in Luzern versteigert.

Frieda Löwy-Wolf war es auch, die am 13. März 1946, etwas mehr als 2 Monate nach dem Tod ihres Bruders Sándor, in Haifa an Freunde in Europa schrieb:

Mein geliebter Bruder Sándor Wolf hat uns am 2. Jänner für immer verlassen. Er war eine Woche krank, und leider konnte die Kunst der Ärzte ihn nicht am Leben erhalten. Sie haben ihn gekannt und werden meine, der ganzen Familie und aller Freunde Trauer um diesen wahrhaft guten Menschen verstehen. Wie hätte er sich mit Ihren Briefen gefreut. … Auch die Nachricht, dass seine Sammlung in Eisenstadt unversehrt erhalten, kam um wenige Tage zu spät.
Er hatte ein schönes reiches Leben, und er hat es auf seine Weise voll und ganz genossen. Nicht einmal die Nazis konnten ihm seinen schönen Glauben an Gott und die Menschen rauben.


Der Artikel eröffnet eine Beitragsserie zur Familie Wolf, die Sie mit dem Schlagwort “wolf” abrufen können (selbstverständlich wurden auch ältere Beiträge zum Thema “Familie Wolf” mit aufgenommen).

PS: Wer noch mehr erfahren möchte, findet ausführliche Informationen (mit Bildern von den Matrikeneinträgen und weiteren Fotos) bei den online gestellten Grabsteinen.

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