Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Samuel Bunzlau, 29. Siwan 641 (= Sonntag, 26. Juni 1881)

Standortnummer: 310

  • Grabstein Bunzlau Samuel - 26. Juni 1881

    Foto 1993

  • Grabstein Bunzlau Samuel - 26. Juni 1881

    Foto 2016


Die Grabinschrift

Inschrift Samuel Bunzlau: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Der gottesfürchtige Mann, der die Gerechtigkeit G(ottes) übte, האיש ירא אלהים וצדקת ה’ עשה
[2] der edle, angesehene und e(hrenhafte) [H(err), sein e(hrenvoller) N(ame) war s(eine Zier)]. היקר והנכבד כ“[שת כ“ה]
[3] H(ier liegt) b(egraben). פנ
[4] Gott erhob ihn (SAMUEL) in die oberen Schatzkammern des Himmels, שמו אל בגנזי מרומים
[5] um ihm Genüge zu tun für die Frucht all seiner kostbaren Taten. מפרי מעלליו להשביעו חמודות
[6] Blühen wird er unter den Schlafenden, ופרוח יפרח בין הנרדמים
[7] unter jenen, die Ehren gesammelt haben, אלה אשר אספו נכבדות
[8] um Vollkommenes zu tun für heute und morgen, לעשות היום ולמכר נשלמים
[9] der Sohn des MORENU Josef Noa Meir Bunzlau, בן מהו יוסף נח מאיר בונצלוי
[10] d(as Andenken) d(es Gerechten) m(öge bewahrt werden). Er wurde mit seinen Vorfahren vereint in hohem Alter זצל ונאסף אל עמיו בזקנה טובה
[11] am Sonntag, dem V(orabend des) N(eumond)t(ages) Tammus, und kehrte zurück in die Erde am יום א ער“ח תמוז ושב לאדמתו ביום
[12] N(eumond)t(ag) des Jahres 641 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). Es beweinten ihn ר“ח שנת תרמא לפק ויבכו אותו
[13] seine Söhne wegen des Verlusts der prächtigen Krone ihres Hauptes. בניו כאבדן עטרת תפארת ראשם:
[14] S(eine) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). תנצבה



Anmerkungen

Zeile 1-3: Die ersten beiden Zeilen sind in der Grabinschrift im Rundbogen geschrieben, die Einleitungsformel „Hier liegt begraben“ steht – aus dem Kontext genommen und nur der Form geschuldet – in Zeile 3.

Zeile 4: Midrasch suta zu Hohelied 1,4 גנזי מרום. Da hier die „oberen Schatzkammern“ als Wohnort für die Frommen Israels verstanden werden, wurde das Zitat wohl bewusst gewählt, um den Verstorbenen in die Reihe der Frommen zu stellen. Der hebräische Ausdruck, ein Beiname für den Garten Eden, lehnt sich an Ezechiel 27,24 an ובגנזי ברמים.

Zeile 5: Micha 7,13 מפרי מעלליהם. S. auch Jesaja 3,10. Wir finden die Bitte „…jedem nach seinen Wegen zu geben und nach der Frucht seiner Handlungen…“ …לתת לאיש כדרכיו וכפרי מעלליו… auch im Gebet הצור תמים „Der Fels, vollkommen (ist sein Tun…)“, jenem Gebet, das bei der Ankunft der Leiche auf dem Friedhof bzw. in der Trauerhalle (außer an Tagen, an denen kein תכנון „Bittgebet“ vorgesehen ist, gebetet wird (wie z.B. am Neumondtag, zu Chanukka etc.). In diesem Gebet geht es vor allem um die Gerechtigkeit Gottes. Vielleicht ein wenig überraschend, dass wir in der Inschrift dieses Zitat finden, da Samuel Bunzlau am Vorabend des Neumondtages verstorben und am Neumondtag begraben wurde.

חמודות wird in der Übersetzung als zur status constructus-Verbindung gehöriges Substantiv verstanden; die Wortklammer erklärt sich durch den Reim.

Zeile 4-8: Akrostychon: Die Anangsbuchstaben sowie die beiden ersten Worte in Zeile 4 ergeben den (hebräischen) Vornamen des Verstorbenen (Samuel). Die Übersetzung der Zeile 4 ist ein Vorschlag. Die grammatischen Formen sowie die Wortwahl und die Syntax scheinen primär sowohl dem Akrostychon als auch dem Reim untergeordnet zu sein. Die ersten beiden Worte in Zeile 4 sind am Grabstein groß geschrieben, da sie, als ein Wort gelesen, den Vornamen des Verstorbenen bezeichnen (Samuel). Aufgelöst in zwei Worte kommt die Lesung שמו אל „schmo el“ m. E. schon aus inhaltlichen Gründen nicht in Frage, abgesehen davon, dass diese Variante das finite Verb, das der Infinitiv in Zeile 5 ergänzt, vermissen ließe. Die vorgeschlagene Lesung ist שמו „samo“ (biblisch fünfmal belegt: Ezechiel 17,4.5 u.a.).

Zeile 8: נשלמים: Form wohl wegen des Kreuzreimes gewählt.

Zeile 9: Die Zeile knüpft inhaltlich an Zeile 3 und das Akrostychon an, eine sicher originelle Art der Text(fort)führung.

MORENU bedeutet wörtlich „u(nser) L(ehrer), H(err)“. Den MORENU-Titel erhielten nur besonders gelehrte Männer, Bernhard Wachstein bezeichnet ihn als „synagogaler Doktortitel“ (siehe Bernhard Wachstein, Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540 (?)-1670, 2. Teil 1696-1783, Wien 1912, 2. Teil, S. 15).

Zeile 10: Vgl. Genesis 49,33 „(Jakob) verschied und wurde mit seinen Vorfahren vereint. (wörtl.: ‚…zu seinen Vorfahren eingesammelt.‘)“ …ויגוע ויאסף אל עמיו.

Zeile 13: Lesung unsicher, der Sinn der Zeile ist aber doch ziemlich klar. באבדן oder כאבדן oder auch כאבדו „nachdem sie verloren hatten“?

Jesaja 62,3; Sprüche 4,9; 16,31 עטרת תפארת.


Biografische Notizen

Samuel Bunzlau, verheiratet, gest. mit 60 Jahren am 26. Juni 1881 in Eisenstadt, daselbst auch Wohnort.

Matriken Tod Samuel Bunzlau

Matriken Tod Samuel Bunzlau


Vater: Josef Noah Meir Bunzlau, gest. 18. Jänner 1862, am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben.
Mutter: Sarl Bunzlau, gest. 27. Juni 1830, begraben am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt

Josef Noach Meir Bunzlau war ein gelehrter und angesehener Mann, den wir seit 1814 in allen Würden des Gemeindelebens antreffen.

Wachstein B., Die Grabinschriften des Alten Judenfriedhofes in Eisenstadt, Eisenstädter Forschungen, hrsg. von Sándor Wolf, Band I, Wien 1922, 199, Anm. 53

Bruder: Ascher Bunzlau, gest. 21. Dezember 1833, begraben am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt

Ehefrau: Leni Wolf, Tochter des Asriel Wolf und der Anna (Chana) Hartstein – und somit eine Schwester von Abraham Wolf, Viktor Wolf, Wilhelm Wolf und Mayer (Meir) Wolf. Sie lebte in Neudörfl, gest. 10. März 1903, in Eisenstadt begraben, allerdings ist der Grabstein von Leni Bunzlau am Friedhof nicht mehr vorhanden! Leni Bunzlau kann nur am jüngeren jüdischen Friedhof begraben worden sein, dass das Grab schon 19 Jahre nach ihrem Tod, als Wachstein sein Buch veröffentlichte, bereits nicht mehr vorhanden ist, verwundert doch.
Die Hochzeit war am 26. Dezember 1855 in Eisenstadt, Samuel war 35 Jahre, Leni 26 Jahre alt, beide ledig (s. Trauungsmatriken unten).

Matriken Hochzeit Samuel Bunzlau und Leni Wolf

Matriken Hochzeit Samuel Bunzlau und Leni Wolf


Tochter:
Sara Bunzlauer
(sic!), geb. 02. Juni 1863 in Eisenstadt 4

Söhne:
Wilhelm Bunzlau, geb. 03. November 1856 in Eisenstadt

Gustav Bunzlau, geb. 14. Februar 1858 in Eisenstadt 2

Albert (Abraham) Bunzlau, geb. 12. Juli 1859 (lt. Matriken, lt. Grabinschrift (s.u.) am 13. Juli) in Eisenstadt 2, gest. 31. August 1914, begraben am jüdischen Friedhof in Wiener Neustadt.

Grabstein Albert Bunzlau

Grabstein Albert Bunzlau; Foto: Traude Triebel



Israel Bunzlauer (sic!), geb. 08. November 1860 in Eisenstadt 1

Eduard Bunzlauer (sic!), geb. 14. Dezember 1861 in Eisenstadt 1

Moritz Bunzlau, geb. 01. Oktober 1865 in Eisenstadt 24


Material und Maße des Grabsteins

Kalksandstein, 125/54/19

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