Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Johanna / Anna (Hendel) Rosenberger, 09. Nisan 675 (= Dienstag, 23. März 1915)

Standortnummer: 607

  • Grabstein Rosenberger Johanna - 23. März 1915

    Foto 1993

  • Grabstein Rosenberger Johanna - 23. März 1915

    Foto August 2017


Grabstein Rosenberger Johanna - 23. März 1915

Foto August 2017


Die Grabinschrift

Inschrift Johanna Rosenberger: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier ist) g(eborgen) פט
[2] die bedeutende und verehrte Frau, die in ihren Taten Vollkommene und Bescheidene auf ihren Wegen, האשה החשובה והכבודה התמימה במעשיה והצנועה בדרכיה
[3] die tüchtige Frau, die Krone und Zier ihres Mannes, die Gerechte, אשת חיל עטרת ותפארת בעלה הצדקת
[4] unter den Frauen im Zelt sei sei gepriesen, מנשים באהל תבורך
[5] Fr(au) Hendel, a(uf ihr sei) F(riede), מר’ הענדל ע“ה
[6] Ehefrau des ehrenwerten, seligen und g(ottes)fürchtigen Herrn אשת הקצין המנוח ירא ה’
[7] Aaron Rosenberger, a(uf ihm sei) F(riede). אהרן ראזענבערגער ע“ה
[8] Bescheiden mit G(ott) war ihr Wandel. הצנע לכת עם ה’ היו תהלוכותיה
[9] Durch ihr erfolgreiches Tun krönte sie ihr Haupt. ענדה לראשה עטרת בכשרון מעשיה
[10] Bekannt in den Toren (der Stadt) war ihre Gerechtigkeit und die Lauterkeit ihrer Wege. נודע בשערים צדקתה ותום דרכיה
[11] Sie strebte nach Einsicht und förderte die Weisheit durch ihre Kraft. דרשה תושיה ותמכה הוגיה בידיה
[12] Sie begeisterte ihre geliebten Nichten und Neffen für das Studium der Tora. ללמוד התורה הלהיבה בני אחיה אהוביה
[13] Mit ihrem Ehemann unterstützte sie diese durch die Furcht ihrer Hände. עם בעלה החזיקה אותם בפרי כפיה
[14] Ihre Gerechtigkeit, die sie übte, wird ihr vorangehen, הלך יהלך צדקה אשר פעלה לפניה
[15] die in ihre Welt ging am 9. Nisan 675 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). שהלכה לעולמה ביום ט ניסן העתר לפ“ק
[16] D(er) N(ame) i(hrer Mutter war) Rachel. I(hre) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). וש“א ראכל תנצבה




Anmerkungen

August 2017: Der Grabstein liegt derzeit noch sehr weit von seinem Standort entfernt am Ende von Reihe 5 (s.o. Bilder). Da er mit der Inschrift nach unten liegt, muss der Korrektheit halber angemerkt werden, dass die Zuordnung zu Johanna Rosenberger zwar sehr wahrscheinlich, aber nicht 100% sicher ist. Wir werden den Grabstein in den nächsten Wochen auf seinen Standort zurückbringen. Foto-Update folgt.

Zeile 2: Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat 59b אשה חשובה u.a.

Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat 53b צנועה אשה u.a.

Zeile 3: Sprüche 12,4 אשת חיל עטרת בעלה.

Zeile 4: Richter 5,24. Im Targum zur Stelle wird die Frau als eine interpretiert, die im Bet ha-Midrasch (Lehrhaus) dient; im Kommentar des Raschi zur Stelle wird die Frau mit den Frauen der Patriarchen, Sara, Rebekka, Rachel und Lea, gleichgesetzt. Wohl auch als Anspielung auf das „Zelt der Tora“ (vgl. Genesis 25,27) zu verstehen; s. auch babylonischer Talmud, Traktat Nazir 23b.

Zeile 8: Micha 6,8 והצנע לכת; תהלוכות: Das Wort wurde offensichtlich aus Gründen des Reimes gewöhlt (wörtl.: „Bescheiden zu gehen mit Gott, waren ihre Umgänge“). S. dazu babylonischer Talmud, Trakat Makkot 24a „…(das heißt) ‚einem Verstorbenen das Geleit geben und eine Braut unter den Baldachin führen‘. Nun ist (durch einen Schluss) vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn die Tora von Dingen, die öffentlich zu erfolgen pflegen, gesagt hat: ‚und bescheiden zu gehen‘, um wieviel mehr gilt dies von Dingen, die heimlich erfolgen sollen…“ ..זו הוצאת המת והכנסת כלה לחופה והלא דברים ק“ו ומה דברים שדרכן לעשותן בפרהסיא אמרה תורה הצנע לכת דברים שדרכן לעשותן בצנעא על אחת כמה וכמה….

תהלוכותיה wörtl.: „ihre Umgänge“.

Zeile 9: Vgl. Ijob 31,36 „…als Kranz winde ich es mir um den Kopf“ …אענדנו עטרות לי:.

Vgl. Kohelet 4,4 „…jedes erfolgreiche Tun…“ ואת כל כשרון המעשה.

Zeile 10: Sprüche 31,23 נודע בשערים. Die Stelle wurde wohl gewählt, um auf den großen Einfluss der Frau auf ihren Ehemann hinzuweisen. Vgl. dazu S. R. Hirsch, der die Stelle mit „In den öffentlichen Versammlungen…“ übersetzt und anmerkt, „Wenn ihr Mann im Rat der Orts- oder Landgemeinde saß, erkannte man ihn als Gatten der wackeren Frau, deren geistiger und sittlicher Einfluss in Wort und Tat des Mannes in öffentlicher Angelegenheit sich kundtat…“ Hirsch Samson Raphael, Siddur. Israels Gebete, Zürich-Basel 1992, 288.

Vgl. Ijob 4,6 „(Ist nicht)…dein lauterer Lebensweg (deine Hoffnung)?“ הלא…תקותך ותם דרכיך:; vgl. auch Sprüche 10,29.

Zeile 11: הוגיה (sic!): Das Wort ist mir unklar. Als Wurzel wurde hier הגה „nachdenken, sinnen“ angenommen. Da הוגיה auch als Partizip (m pl) mit Pronominalsuffix der 3. ps f sg verstanden werden kann, ist als Übersetzung auch möglich: „Sie strebte nach Einsicht und förderte mit ihrer Kraft jene, die über sie (die Tora) nachdachten“.

Zeile 11: יד hier nicht mit „Hand“, sondern mit „Kraft“ übersetzt; vgl. Deuteronomium 32,36 u.a.

Zeile 12: Wörtl.: „Zu lernen die Tora, entflammte sie die geliebten Kinder ihrer Brüder“.

Zeilen 8-14: Akrostychon: Die Anfangsbuchstaben ergeben den hebräischen Vornamen der Verstorbenen (Hendel) und die Abkürzung von „a(uf ihr sei) F(riede)“.

Zeile 15: Umstellung der Buchstaben der Jahreszahl und danach ל; vgl. 2 Chronik 33,19 „Sein Gebet und dessen Erhörung…“ ותפלתו והעתר לו….


Biografische Notizen

Johanna / Anna (Hendel) Rosenberger, geb. 19. März 1834 in Eisenstadt, gest. mit 81 Jahren am 23. März 1915 um 20 Uhr an Altersschwäche (20 Uhr war schon der 09. Nisan, aber noch der 23. März).

Matriken Geburt Anna Deutsch

Matriken Geburt Anna Deutsch

Matriken Tod Johanna Rosenberger

Matriken Tod Johanna Rosenberger

Jahrzeittafel Hendel Rosenberger

Jahrzeittafel Hendel Rosenberger
Jahrzeittafel-Installation in der Synagoge unseres Museums

Jahrzeittafel von Hendel Rosenberger – die Übersetzung:
Jahrzeittafel Hendel Rosenberger: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Jahrzei(t) der יאהרציי’ של
[2] Frau Hendel האשה הענדל
[3] Rosenberger, ראָזענבּערגער
[4] Tochter der Rachel. בת ראַכל
[5] 9. Siwan ט’ ניסן
[6] 675 תרעה


Ausführliche Informationen über die Jahrzeit und die Jahrzeittafel-Installation in der Synagoge des Museums finden Sie im Artikel Jahrzeit.


Vater: Ahron (Ahron ben Simeon Zvi Hirsch) Deutsch, gest. mit 64 Jahren am 29. August 1862, begraben am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt
Mutter: Regina (Rachel) Deutsch, gest. mit 53 Jahren am 17. April 1862, Tochter des Jehuda Meir Pollak und der Kröndel Pollak, alle begraben am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt


Schwestern:
Theresia / Resi Deutsch, geb. 02. März 1837, gest. 08. Oktober 1895 in Eisenstadt an einer Bauchfellentzündung

Rosalia (Reli) Deutsch, Handarbeiterin, geb. 12. Mai 1838, gest. 09. Dezember 1853 an einer Nervenkrankheit in Eisenstadt, Judengasse 29, begraben am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt


Brüder:
Benjamin / Benjamen / Benö / Beni Deutsch, geb. 26. November 1847, gest. 23. Mai 1918

Moritz Deutsch, geb. 04. November 1840

Simon Deutsch?, geb. 22. Juni 1842

Die Brüder sind in Zeile 12 der hebräischen Grabinschrift genannt, siehe Anmerkung zur Zeile und besonders Bruder Benjamin Deutsch.

Ehemann: Adolf (Benjamen / Aaron) Rosenberger, gest. mit 62 Jahren am 11. Mai 1897 um 23 Uhr an Gehirnblutung, geh. 13. Juni 1861 in Eisenstadt. Adolf war bei der Hochzeit 28 Jahre, Johanna 27 Jahre alt, beide ledig.

Matriken Hochzeit Johanna Deutsch und Adolf Rosenberger

Matriken Hochzeit Johanna Deutsch und Adolf Rosenberger


Material und Maße des Grabsteins

Syenit, 164/83/40

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt