Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Arnold (Mose Aron) Fürst, 22. Menachem Av 672 (= Sonntag, 04. August 1912)

Standortnummer: 205


  • Grabstein Fürst Arnold - 04. August 1912

    Foto August 2017

  • Grabstein Fürst Arnold - 04. August 1912

    Foto August 2017


Die Grabinschrift

Inschrift Arnold Fürst: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier liegt) b(egraben) פנ‎‏‏
[2] ein Großer der Tora, angesehen aufgrund von Weisheit und Wissen, und jung an Jahren. גדול בתורה זקן בחכמה ודעת וצעיר לימים,
[3] Gottesfürchtig war er mit ganzem Herzen und sorgte sich aufrichtig um das Wort G(ottes). ירא שמים בלב שלם וחרד לדבר ה’
בתמים.
[4] Ein wunderbarer Prediger, der sich auf gefällige Rede verstand und sich durch seine Sprache hervorhob. דרשן נפלא נותן אמרי שפר מפיק מרגליות
[5] Ein Mann mit ausgezeichneten Eigenschaften, von edlem Geist, beliebt bei Gott und allen Geschöpfen. איש המדות יקר רוח נוח למקום ולבריות.
[6] Er war Rabbiner der Bethäuser Stumperschul und der „Emunat Avot“ in der R(esidenz)s(tadt) Wien. רב בתי כנסיות שטומפרשול ואמונת אבות בע“מ וויען.
[7] Er war ruhmreich aufgrund seines Wirkens und seiner erhabenen Eigenschaften. נודע לתהלה על פי פעלו ומדותיו הנשגבות.
[8] Sein guter Name wird nicht in Vergessenheit geraten, und sein Andenken wird auf ewig gepriesen werden. שמו הטוב אין לשכוח וזכרו לעולם ברוך, ‎‏‏
[9] In der Höhe wird er wohnen, dort wird seine Ruhestatt in Ehren sein und sein Lohn vorbereitet werden. מרומים ישכון שם מנוחתו כבוד ושכרו ערוך!
[10] S(eine) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). תנצבה ‎‏‏
[11] Äußerlich und innerlich wohlgestaltet wurde er in seiner Jugend aus dem Leben gerissen יפה פרי תואר נקטף בנוער, ‎‏‏
[12] zum Seelenleid seines Vaters und tiefsten Herzenskummer seiner Familie, לדאבון נפש אביו ולמגנת לב משפחתו ‎‏‏
[13] der Mitglieder seiner Gemeinde und aller, die ihn liebten, ובני קהלתו וכל אוהביו,
[14] er, der MORENU Mose Aron, s(ein Andenken) m(öge bewahrt werden), הוא מו“ר משה אהרן ז“ל
[15] Sohn des großen Gelehrten, des Rabbiners Jesa(ja) Fürst, d(er) l(ange) g(ut) l(eben möge), Amen, בן הגאון רבי ישעי פירסט שלי“טא
[16] d(es Vorsitzenden) u(nd Leiters) d(es Gerichts)h(ofes) der Schiffschul in Wien, רא“בד דשיפשול בוויען‎‏‏
[17] und Enkel des Rabbiners und großen Gelehrten, des MORENU Schalom Kutna, d(as Andenken) d(es Gerechten) m(öge bewahrt werden), ונכד הרב הגאון מו“ה שלום קוטנא זצ“ל
[18] d(es Vorsitzenden) d(es Gerichts)h(ofes) der h(eiligen) G(emeinde) E(isen)s(tadt). אב“ד דק“ק א“ש‎‏‏
[19] Er verstarb am 22. Menachem Av 672. נפטר כ“ב מנחם אב תרעב
[20] Denn siehe, fern von mir ist ein Tröster (= 672)! כי הנה רחק ממנו מנחם
[21] des Jahres – n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). שנת לפ“ק
[22] Ach! Verloren ist der große Mose Aron (= 672). הוי! אבד גדול משה אהרן ‎‏‏
[23] Der Name seiner Mutter ist Sara Mirl, G(ott) m(öge sie schützen). ושם אמו שרה מירל ה“י



Anmerkungen

August 2017: Der Grabstein ist umgestürzt und liegt eine Reihe hinter seinem Standort über dem Grabstein von Adolf (Mordechai; Nathan Abraham?) Hess und unter dem Grabstein von Benjamin Deutsch (s.o. 4. Bild). Wir werden in den nächsten Wochen versuchen, die Grabsteine an ihren Standorten zu platzieren bzw. ev. sogar aufzustellen. Foto-Update folgt.

Zeile 2: Jesaja 33,6 חכמת ודעת.

Zeile 3: 1 Chronik 28,9; 29,9 בלב שלם.

Vgl. Esra 9,4 „…die der Rede Gottes Jisraels entgegenbeben…“ (so Buber-Rosenzweig) …כל חרד בדברי אלהי ישראל….

Zeile 4: Genesis 49,21 הנתן אמרי שפר.

Wörtl.: „…der Perlen hervorbrachte…“ Babylonischer Talmud, Traktat Qidduschin 39b (= Chulling 142a) פה שהפיק מרגליות; der Ausdruck wurde zum geflügelten Wort und bezeichnet jemanden, der erhaben, schön und inhaltsreich sprechen kann.

Zeile 5: Vgl. Babylonischer Talmud, Traktat Avot VI,6 „…er wird geliebt, liebt Gott, liebt die Menschen…“ …אהוב, אוהב את המקום, אוהב את הבריות…; vgl. auch Avot II,16 בריות „Gottesgeschöpfe“ meint ausnahmslos alle Menschen.

Zeile 6: In der Stumpergasse 42 im 6. Wiener Gemeindebezirk befand sich seit 1860 ein Israelitischer Tempel- und Schulverein. In der Storchengasse 21 im 15. Bezirk gab es den 1863 gegründeten Bethausverein „Emunas Aves“, auch unter dem Namen „Storchenschul“ bekannt (s. Vereinssynagoge des Israelitischen Tempel- und Schulvereins 6, Stumpergasse 42).

Zeile 8: Vgl. babylonischer Talmud, Traktat Avot II,8 …קנה שם טוב… „…hat er einen guten Namen erworben, hat er etwas für sich erworben“. Der gute Name kommt im Gegensatz zu allen anderen geistigen und sittlichen Gütern fast ausschließlich dem Besitzer zugute und bleibt auch nach dem Tod sein eigen (Hirsch Samson Raphael, Siddur. Israels Gebete, Zürich-Basel 1992, 443); s. auch Avot IV, 7 „… Drei Kronen gibt es: die Krone der Tora, die Krone des Priestertums und die Krone des Königtums; die Krone des guten Namens aber erhebt sich über sie“ ‎‏‏ … שלשה כתרים הן: כתר תורה וכתר כהונה וכתר מלכות: וכתר שם טוב עולה על גביהן.

Zeile 9: Jesaja 33,16 מרומים ישכן.

Jesaja 11,10 מנחתו כבוד.

Zeile 11: Jeremia 11,16 יפה פרי תאר; wörtl.: „mit schöner Frucht und Gestalt“.

Zeile 11: Deuteronomium 28,65 ודאבון נפש.

Klagelieder 3,65 מגנת לב.

Zeile 14 und 17: MORENU bedeutet wörtlich „u(nser) L(ehrer), H(err)“. Den MORENU-Titel erhielten nur besonders gelehrte Männer, Bernhard Wachstein bezeichnet ihn als „synagogaler Doktortitel“ (siehe Bernhard Wachstein, Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540 (?)-1670, 2. Teil 1696-1783, Wien 1912, 2. Teil, S. 15).

Zeile 15 und 16: S.u. biografische Notizen.

Zeile 19: „Menachem“ ist der Beiname für den Monat Av nach Klagelieder Rabba I. Die Klagelieder werden zum Volkstrauertag am 9. Av, dem Tag der Tempelzerstörung durch die Römer, gelesen. S. bes. Klagelieder Rabba I zu Klaglieder 1,16 „… Denn fern ist mir ein Tröster …“ …כי רחק ממני מנחם…. Hier werden die gleichen Zahlenwerte von מנחם, „Tröster“, und von צמח, „Spross“ (Sacharja 6,12) als Beweis angeführt, dass „Menachem“ der Name des Erlösers der Juden ist. Bei seiner Geburt, so Klagelieder Rabba weiter, ist das Heiligtum (der Tempel) zerstört worden. Es wird durch ihn (Menachem) aber wieder aufgebaut werden.

Zeile 20: Klagelieder 1,16 כי רחק ממני מנחם.


Biografische Notizen

Arnold (Mose Aron) Fürst, Beamter, ledig, geb. 22. November 1878 in Eisenstadt, gest. in Wien IX, Peter Jordanstraße 82 an Lungentuberkulose, wh.: Wien, Große Schiffgasse 8 „Der Vorname lautet richtig: Mose Aron (nicht Arnold). Verfügung der k.k. nö (= niederösterreichischen) Statthalterei vom 04. März 1913 …“. „Die Leiche wurde behufs Beerdigung am 06. August 1912 nach Eisenstadt überführt“ (s.u. Sterbematriken Wien).

Matriken Geburt Mose Aron Fürst

Matriken Geburt Mose Aron Fürst

Matriken Tod Arnold Mose Aron Fürst

Matriken Tod Arnold Mose Aron Fürst, Eintrag Wien

Matriken Tod Arnold Mose Aron Fürst

Matriken Tod Arnold Mose Aron Fürst, Eintrag Eisenstadt



Vater: Sigmund (Jesaja) Fürst, Rabbiner und in der Zwischenkriegszeit Oberrabbiner der „Schiffschul“, gest. 1943 in London, s.u.

Mutter: Emilie (Sara Mirl Chaja) Fürst-Kutna, Tochter des Eisenstädter Rabbiners Salomo (Schalom) Kutna, gest. 07. Februar 1909, und seiner 1. Ehefrau Katharina (Sara Gütel) Fischer, gest. 01. November 1903

Nach dem Abbruch des Lazenhofes im Jahr 1848 als „Ankerschul“ in der Ankergasse (heute Hollandstraße 3) von orthodoxen ungarischen und polnischen Juden gegründet, übersiedelte die „Schiffschul“ 1864 in die Große Schiffgasse 8, wo dem Bethaus u.a. ein Lehrhaus, Religionsschule, Mazzotbäckerei und 10 Fleischverschleißstellen angegliedert waren. Zur Erhaltung dieser Institutionen wurde 1897 der Verein „Adass Jisroel“ gegründet. Bis 1938 blieb die Schiffschul“ ein Zentrum der Orthodoxie (Genée P., Wiener Synagogen 1825 – 1938, Wien 1987, 38, 61).

Der erste Rabbiner der Schiffschul war Salomon Spitzer, ein Schwiegersohn des berühmten Preßburger Rabbiners Chatam Sofer, des Begründers der modernen Ultraorthodoxie… In der Schiffschul wirkte nach dem Tod Spitzers 41 Jahre lang Rabbiner Jesaia Fürst, ein Absolvent der Jeschiwa des Chatam Sofer in Pressburg. Er war vor seinem Ruf nach Wien Rabbiner der beiden ungarischen Trennungsgemeinden von Tyrnau und Eperjescz, weiters Vorsitzender des Rabbinischen Rates der Aguda für Österreich sowie Mitglied des 17-köpfigen Großen Rabbinischen Rates der Aguda. 1938 flüchtete er nach London, wo er im Alter von 89 Jahren 1943 starb.

Evelyn Adunka, Die Orthodoxie, in: Frank Stern und Barbara Eichinger (Hg), Wien und die jüdische Erfahrung. 1900-1938. Akkulturation – Antisemitismus – Zionismus, 138f


Bruder:

Theophil Fürst, geb. 11. August 1899

Material und Maße des Grabsteins

Diorit, 228/75/30


Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt