Austerlitz Heinrich – 28. Dezember 1909

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Joachim Heinrich / Benedict (Mose Chajim) Austerlitz, 16. Tevet 670 (= Dienstag, 28. Dezember 1909)

Standortnummer: 322

  • Grabstein Austerlitz Heinrich - 28. Dezember 1909

    Foto 1993

  • Grabstein Austerlitz Heinrich - 28. Dezember 1909

    Foto 2017

Grabstein Austerlitz Heinrich - 28. Dezember 1909

Foto 2017


Die Grabinschrift

Inschrift Heinrich Austerlitz: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier liegt) {Levitenkrug} b(egraben) פ {כד של לווים} נ
[2] ein untadeliger, rechtschaffener und gottesfürchtiger Mann, איש תם וישר וירא אלקים
[3] d(er ehrenhafte) H(err) Mose Chajim, Sohn des כ“ה משה חיים בן
[4] MORENU Benjamin Seev Halevi, a(uf ihm sei) F(riede), מו“ה בנימין זאב הלוי ע“ה
[5] aus der Familie Austerlitz. ממשפחת אויסטערליטץ
[6] Er ging in seine Welt im Alter von 76 Jahren הלך לעולמו בן ששה ושבעים שנה
[7] am 16. des Monats Tevet des Jahres 670 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). ביום ט“ז לחדש טבת שנת עתר לפ“ק
[8] Mose steig auf zu Gott, und seine Ehefrau klagte über ihn: „Wohin ist mein Liebling gegangen?“ משה עלה אל אלקים ותקונן עליו רעיתו אנה דודי פנה,
[9] Chajim genoss das Leben mit der Frau, die er beinahe 50 Jahre liebte. חיים ראה עם האשה אשר אהב כמעט חמשים שנה,
[10] Er hatte keine Kinder; mehr wert als Söhne und Töchter war der gute Name, den er sich erworben hatte. בנים לא היו לו, טוב מבנים ומבנות שם טוב אשר לו קנה,
[11] Im G(ottes)haus hielt er sich zweimal täglich auf, am Morgen und am Abend. בבית ה’ היה שבתו פעמים בכל יום בבקר ובערב,
[12] Redlich handelte er, daher segnete ihn der H(err), der denen Speise gibt, die ihn fürchten. נשא ונתן באמונה, וגם ברכו ה’ הנותן ליראיו טרף,
[13] Er wich nicht ab nach rechts oder links und achtete darauf, alles zu befolgen, was der H(err) ihm aufgetragen hatte. ימין ושמאל לא סר, שמר לעשות כאשר ה’ צוה,
[14] Dies war sein Anteil am Leben: zu hören auf das Wort G(ottes), das dieser in seiner Tora verkündet hatte. זה חלקו בחיים לשמוע לדבר ה’ אשר בתורתו חוה,
[15] Der barmherzige Vater möge ihm sein Verdienst vergelten, und reich möge seine Belohnung sein im Land der Lebenden. אב הרחמים ישלם שכרו, תהי משכרתו שלמה בארצות החיים,
[16] Gott, sein Heil, wird mit ihm sein, und er wird an der Güte im Himmel Anteil haben, die dieser dem, der in fürchtet, bereithält. היות לו ישועות פניו מטוב אשר צפן ליראיו בשמים.
[17] S(eine) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). ת’נ’צ’ב’ה’

Sockel 2

Inschrift Heinrich AusterlitzS2: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Wulkan & Neubrunn
[2] Wien



Anmerkungen

Zeile 3: Ijob 1,8; 2,3 איש תם וישר sowie Ijob 1,1 האיש…תם וישר וירא אלהים.

Zeile 4: MORENU bedeutet wörtlich „u(nser) L(ehrer), H(err)“. Den MORENU-Titel erhielten nur besonders gelehrte Männer, Bernhard Wachstein bezeichnet ihn als „synagogaler Doktortitel“ (siehe Bernhard Wachstein, Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540 (?)-1670, 2. Teil 1696-1783, Wien 1912, 2. Teil, S. 15).

Zeile 7: Mit der Umstellung der Buchstaben der Jahreszahl sol das Wort „bitte, beten“ (hebräische Wurzel: עתר) assoziiert werden.

Zeile 8: Exodus 19,3 ומשה עלה אל האלהים.

Vgl. Ezechiel 27,32 „…stimmen sie über dich ein Totenlied an…“ …וקוננו עליך….

Zeile 9: Kohelet 9,9 ראה חיים עם אשה אשר אהבת.

Jesaja 56,5 טוב מבנים ומבנות שם.

Vgl. Babylonischer Talmud, Traktat Berachot 17a „…Heil dem, der … mit gutem Namen gestorben ist …“ ‎…אשרי…שנפטר בשם טוב; vgl. auch babylonischer Talmud, Traktat Avot II,8 „…hat er einen guten Namen erworben, hat er etwas für sich erworben“ …קנה שם טוב, קנה לעצמו…. Der gute Name kommt im Gegensatz zu allen anderen geistigen und sittlichen Gütern fast ausschließlich dem Besitzer zugute und bleibt auch nach dem Tod sein eigen (Hirsch Samson Raphael, Siddur. Israels Gebete, Zürich-Basel 1992, 443); s. auch Avot IV, 7 „… Drei Kronen gibt es: die Krone der Tora, die Krone des Priestertums und die Krone des Königtums; die Krone des guten Namens aber erhebt sich über sie“ ‎‏‏ … שלשה כתרים הן: כתר תורה וכתר כהונה וכתר מלכות: וכתר שם טוב עולה על גביהן.

Zeile 10: Diese Zeile ist höchst bemerkenswert. Mir sind keine Inschriften bekannt, wo so deutlich, sozusagen sogar mit Begründung, der ausgesprochen wertvolle biografische Hinweis zu finden ist, dass das Ehepaar keine Kinder hatte.

Zeile 12: Vgl. babylonischer Talmud, Traktat Schabbat 31a „In der Stunde, wenn man einen Menschen zum Gericht bringt, fragt man ihn: ‚Hast du deinen Handel in Redlichkeit betrieben‘?…“ בשעה שמכניסין אדם לדין אומרים לו נשאת ונתת באמונה…. Es „… ist dies die erste Frage, die an den Menschen im Jenseits gerichtet wird.“
(Wachstein B., Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540(?)-1670, Quellen zur Geschichte der Juden in Deutsch-Österreich, hrsg. von der historischen Kommission der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, IV, Wien 1912, Seite 128)

Genesis 27,27 ברכו יהוה; vgl. auch Jesja 19,25.

Psalm 111,5 טרף נתן ליראיו.

Zeile 13: 2 Könige 22,2; 2 Chronik 34,2 ולא סר ימין ושמאול.

Vgl. Deuteronomium 15,5 „…auf dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, achtest und es hältst.“ …לשמור לעשות את כל המצוה הזאת אשר אנכי מצוך היום.

Zeile 14: Kohelet 9,9 חלקך בחיים.

Zeile 15: Vgl. Rut 2,12 „Der Herr möge dir dein Tun vergelten und dich reich belohnen“ ישלם יהוה פעלך ותהי משכרתך שלמה….

Psalm 116,9 באצות החיים; das „Land der Lebenden“ ist ein Beiname für die ewige Welt nach Jesaja 38,11 „Ich darf den Herrn nicht mehr schauen im Land der Lebenden…“ …לא אראה יה יה בארץ החיים….

Zeile 16: Psalm 42,6 ישועות פניו.

Vgl. Psalm 31,20 „Wie groß ist deine Güte, Herr, die du bereithältst für alle, die dich fürchten…“ מה רב טובך אשר צפנת ליראיך….

Zeile 8-16: Akrostychon: Das jeweils erste Wort in Zeile 8, 9, 13 und 15, die ersten beiden Buchstaben in Zeile 10, die Anfangsbuchstaben in Zeile 11, 12, 14 und 16 sowie das zweite Wort und der erste Buchstabe des dritten Wortes in Zeile 16 ergeben, konsequent von oben nach unten gelesen, die hebräischen Vornamen des Verstorbenen (Mose Chajim ben Benjaim Seev Halevi).


Biografische Notizen

Joachim Heinrich / Benedict (Mose Chajim) Austerlitz, Kurzwarenhändler, geb. am 16. Oktober 1835 in Eisenstadt (23. Tischre, Simchat Tora 596; s.u. Anmerkung zum Vornamen und Geburtsmatriken), gest. mit 77 Jahren (lt. Sterbematriken; 76 Jahre, lt. Grabinschrift, Zeile 6; er war 74 Jahre alt!) am 28. Dezember 1909 um 10 Uhr an Lungenentzündung; wh.: Unterberg-Eisenstadt.

In den Geburtsmatriken der IKG Wien ist „Benedict“ durchgestrichen, in den Geburtsmatriken Sopron findet sich nur „Benedict“ eingetragen. „Benedict“ überrascht, den Namen erwarten wir eher bei seinem Bruder Bernhard (Baruch) Austerlitz.

Matriken Geburt Joachim Heinrich Austerlitz

Matriken Geburt Joachim Heinrich Austerlitz, Eintrag IKG Wien

Matriken Geburt Benedict Austerlitz

Matriken Geburt Benedict Austerlitz, Eintrag Sopron

Matriken Tod Heinrich Austerlitz

Matriken Tod Heinrich Austerlitz


Vater: Wilhelm (Wolf ben Salman ha-Levi) Austerlitz (?), gest. 16. November 1868, begraben am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt
Mutter: Theresia (Rösel Frau Wolf ha-Levi) Austerlitz, geb. Spitzer (?), gest. 09. Jänner 1856, begraben am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt

Die Elternschaft ist ein wenig unsicher. Grundsätzlich halte ich die Elternschaft für ausreichend belegt, jedoch sollen die Pros und Kontras kurz erläutert werden:

Für die Elternschaft spricht:

  1. Der Vater wird in Zeile 6 der hebräischen Grabinschrift als „MORENU Benjamin Seev Sega“l“ genannt. „Seev“ = „Wolf“, Wilhelm (Wolf ben Salman ha-Levi) Austerlitz war auch MORENU.
  2. Der Vater wird in Zeile 5 als großer Toragelehrter und Vorsitzender des Gerichtshofes bezeichnet. Das passt alles auf Wolf ben Salman ha-Levi Austerlitz, der nicht Rabbiner war, sondern nach Rabbiner Hildesheimers Weggang von Eisenstadt als Rabbinatsverweser (Richter) eingesetzt wurde.
  3. O.g. Vater ist mit Theresia (Rösel) Spitzer verheiratet.

Was offen bleibt, ev. sogar gegen eine Elternschaft sprechen könnte:

  1. Der in der hebräischen Grabinschrift (auch in der Grabinschrift seines Bruders Heinrich) genannte Vorname des Vaters „Benjamin“ kommt in der hebräischen Grabinschrift des Vaters nicht vor und ist auch sonst nicht nachweisbar.
  2. In den Sterbematriken wird der Vater als „verheiratet“ bezeichnet (s. Sterbematriken dort). Seine Ehefrau Theresia, geb. Spitzer, starb jedoch 1856, er müsste also als „verwitwet“ eingetragen sein. Eintragunsfehler?


Schwestern:
Anna (Ginendel / Netti) Schneider, geb. Austerlitz, geb. 1823?, gest. 15. Jänner 1906

Eleonora / Lina Pollak, geb. Austerlitz, geb. 11. Oktober 1840 in Eisenstadt (Beruf des Vaters: Handelsmann), verh. mit Valentin Pollak,
Töchter:
Rosi Pollak, geb. 18. September 1862 in Eisenstadt 123
Fanni Pollak, geb. 18. Mai 1864 in Eisenstadt 129
Gisella Pollak, geb. 30. Mai 1874 in Oberberg-Eisenstadt
Söhne:
Simon Pollak, geb. 06. Oktober 1865 in Eisenstadt 128
Samuel Pollak, geb. 02. November 1877 in Leithaprodersdorf

Matriken Geburt Eleonora Austerlitz

Matriken Geburt Eleonora Austerlitz


Charlotte Pollak, geb. Austerlitz, geb. 20. Juni 1842 in Eisenstadt (Beruf des Vaters: Jurist (sic!)), geh. 12. März 1861 Gerson Pollak, geb. 12. Februar 1834 in Eisenstadt, Sohn von Simon Pollak und Karoline (Pollak), wh.: Eisenstadt, Mayerhof 132;
Tochter: Erna (Elke/a) Geiger, geb. 29. März 1876 in Eisenstadt, gest. ebd. 04. Jänner 1932

Matriken Geburt Charlotte Austerlitz

Matriken Geburt Charlotte Austerlitz

Matriken Hochzeit Charlotte Austerlitz und Gerson Pollak

Matriken Hochzeit Charlotte Austerlitz und Gerson Pollak


Brüder:
Moritz (Meier) Austerlitz, geb. 05. Dezember 1833 in Eisenstadt (Mutter: Rosaly, Beruf des Vaters: Produktenhändler)
In den Geburtsmatriken der IKG Wien ist „Moritz“ durchgestrichen, in den Geburtsmatriken Sopron findet sich nur „Moritz“ eingetragen (dort lese ich das hebräische „Meier“ mit Vorbehalt).

Matriken Geburt Meier Austerlitz

Matriken Geburt Meier Austerlitz, Eintrag IKG Wien

Matriken Geburt Moritz Austerlitz

Matriken Geburt Moritz Austerlitz, Eintrag Sopron


Bernhard (Baruch) Austerlitz, Privater, geb. am 15. Juni 1836 in Eisenstadt, gest. am 17. Juni 1918


Ehefrau: Katharina (Katalin) Austerlitz, geh. 25. Juli 1861 in Eisenstadt, Heinrich war bei der Hochzeit 26 Jahre, Katharina 19 (lt. Matriken; genaugenommen 20) Jahre alt; wh.: Eisenstadt 25. Katharina starb 1921.

Matriken Hochzeit Katharina Janowitz und Heinrich Austerlitz

Matriken Hochzeit Katharina Janowitz und Heinrich Austerlitz


Material und Maße des Grabsteins

Gabbro, 220/85/45

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