Reitlinger / Sabl? Franziska – 14. oder 16. April 1879

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Franziska / Fanny (Sprinze Chaja) Sabl?, verw. Reitlinger, geb. Kohn, 21. oder 23. Nisan 639 (= Montag, 14. April oder Mittwoch, 16. April 1879)

Standortnummer: 628

  • Grabstein Reitlinger/Sabl? Franziska - 14./16. April 1879

    Foto 1993

  • Grabstein Reitlinger/Sabl? Franziska - 14./16. April 1879

    Foto 2017


Die Grabinschrift

Inschrift Reitlinger Johanna: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier liegt) b(egraben) פ“נ
[2] die bedeutende Frau, die Angesehene, erhaben in den Eigenschaften, האשה החשובה הקצינה נעלה במדות
[3] mit edlem Geist und klugem Verstand, die Frau des Lappidot. יקרת רוח וטובת שכל אשת לפידות
[4] Sie fürchtete G(ott), unter den Frauen im Zelt war sie angesehen, יראה את ה’ מנשים באהל נכבדה
[5] weisen Herzens, kenntnisreich und gelehrt, חכמת לב יודעת טעם ומלמדה
[6] die Rabbinersgattin, הרבנית
[7] F(rau) Sprinze Chaja, a(uf ihr sei) F(riede). מ’ שפרינצא חיה ע“ה
[8] Sie starb am 7. Tag von Pesach מתה יום ז’ של פסח
[9] und wurde begraben in g(utem) R(uf) am l(etzt)e(n) Tag (von Pesach). ונקברה בש“ט ביום א“ח
[10] Es versammelten sich bei ihr am Tag ihres Begräbnisses die Söhne ונאספו אליה ביום קבורתה בניה
[11] ihres ersten Ehemanns, des Vorsitzenden und Leiters der Gemeinde, מבעלה הראשון ראש ומנהיג העדה
[12] H(errn) Abraham Löb Reitlinger, a(uf ihm sei) F(riede), ה’ אברהם ליב רייטלינגער ע“ה
[13] im Jahr 639. בשנת תרלט
[14] I(hre) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). ת’נ’צ’ב’ה’

Sockel: Die Grabinschrift

Inschrift Reitlinger JohannaS: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] S. Kamalner ס. קאמאלנער
[2] Pest פעסט


Mit dem Grabstein von Sprinze Chaja sind alle noch existierenden Grabsteine des jüngeren jüdischen Friedhofes in Eisenstadt online.

Die Familie Reitlinger ist neben den Familien Wolf und Spitzer sicher eine der bedeutendsten Familien, die schon im 18. Jahrhundert zu den international vernetzten Hoffaktoren gehörten und von deren Bedeutung die Mausoleen in Wien, Paris, London und New York Zeugnis ablegen… siehe dazu mehr Informationen bei der ersten Ehefrau ihres Mannes, Karoline (Kela) Reitlinger.

Wie eine Ironie des „genealogischen Schicksals“ ist, dass uns ausgerechnet Sprinze Chaja wochenlang, eigentlich genau genommen 20 Jahre lang, beschäftigt hat.
Es war die hebräische Grabinschrift, die uns zu neuen genealogischen Erkenntnissen geführt hat und dennoch müssen viele Fragen offen bleiben… s. u. Conclusio oder: „Wer war Sprinze Chaja?“ bzw. „Wer war sie nicht?“



Anmerkungen

Zeile 2: Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat 59b אשה חשובה u.a.

Zeile 3: Sprüche 17,27 וקר ק: יקר) רוח.

1 Samuel 25,3 טובת שכל.

Richter 4,4 אשת לפידות; s. dazu Babylonischer Talmud, Traktat Megilla 14a und v.a. Kommentar des Raschi zur Stelle, in dem die Frau als eine bezeichnet wird, die die Dochte für das Heiligtum anfertigte. Siehe auch ausführliche Kommentare zur stelle, wo die Frau u.a. als eine Frau beschrieben wird, die flink wie das Feuer einer Fackel in ihren Handlungen war לפיד (Fackel).

Zeile 4: Vgl. Richter 5,24 „…gepriesen (sei Jael) unter den Frauen im Zelt…“ תברך מנשים יעל…. Im Targum zur Stelle wird die Frau als eine interpretiert, die im Bet ha-Midrasch (im Lehrhaus) dient; im Kommentar des Raschi zur Stelle wird die Frau mit den Frauen der Patriarchen, Sara, Rebekka und Lea, gleichgesetzt. Wohl auch als Anspielung auf das „Zelt der Tora“ (vgl. Genesis 25,27) zu verstehen; s. auch Babylonischer Talmud, Traktat Nasir 23b.

Zeile 5: Exodus 35,25.35 וכל אשה חכמת לב, חכמת לב.

Vgl. Psalm 119,66 „Lehre mich Erkenntnis und rechtes Urteil…“ טוב טעם ודעת למדני….

Zeile 8: Der 7. Tag von Pesach ist der 21. Nisan, d. i. im Jahr 5639/1879 der 14. April bzw. der 13. April ab den Abendstunden (s.u. Biografische Notizen).

Zeile 9: Vgl. Babylonischer Talmud, Traktat Berachot 17a „…Heil dem, der … mit gutem Namen gestorben ist …“ ‎…אשרי…שנפטר בשם טוב; vgl. auch babylonischer Talmud, Traktat Avot II,8 „…hat er einen guten Namen erworben, hat er etwas für sich erworben“ …קנה שם טוב, קנה לעצמו…. Der gute Name kommt im Gegensatz zu allen anderen geistigen und sittlichen Gütern fast ausschließlich dem Besitzer zugute und bleibt auch nach dem Tod sein eigen (Hirsch Samson Raphael, Siddur. Israels Gebete, Zürich-Basel 1992, 443); s. auch Avot IV, 7 „… Drei Kronen gibt es: die Krone der Tora, die Krone des Priestertums und die Krone des Königtums; die Krone des guten Namens aber erhebt sich über sie“ ‎‏‏ … שלשה כתרים הן: כתר תורה וכתר כהונה וכתר מלכות: וכתר שם טוב עולה על גביהן.


Biografische Notizen

Franziska / Fanni Sabl?, verwitwete Reitlinger, geb. Kohn ca. 1791 in Bielitz (Schlesien), gest. mit 88 Jahren am 16. April 1879 in Unterberg-Eisenstadt 28, begraben am 18. April 1879 (lt. Sterbematriken).
Hebräisches Sterbe- und Begräbnisdatum (s.o. Zeile 8 und 9) weichen um 2 Tage vom Datum in den Sterbematriken ab: Der 7. Tag von Pesach ist der 21. Nisan (Montag, 14. April), der letzte Tag von Pesach אחרון של פסח ist der 22. Nisan, d.i. im Jahr 5639/1879 der 15. April (bzw. der 14. April ab den Abendstunden). Das hebräische Datum ist m.E. eine Spur glaubwürdiger, a) weil die Formulierung „7. bzw. letzter Tag“ größere Aufmerksamkeit erfordert als etwa 14., 15. oder 16. April und b) weil Sterbe- und Begräbnisdatum lt. Matriken 2 Tage auseinanderliegen, was bei einem Todesfall in Eisenstadt kaum erklärbar wäre (außer wir gehen davon aus, dass die „Söhne des ersten Ehemanns“ Zeit für die Anreise benötigten!).

Ob Sprinze Chaja tatsächlich nach dem Tod ihres ersten Ehemannes Abraham Leopold (Amschel Löb, Lewi) Reitlinger einen Herrn Sabl geheiratet hat (über den wir leider nichts finden konnten), muss letztlich offen bleiben, s.u. Conclusio oder: „Wer war Sprinze Chaja?“ bzw. „Wer war sie nicht?“.

Matriken Tod Franziska Sabl

Matriken Tod Franziska Sabl


Schwester:
Emma (Eva) Spitzberger, geb. K/Cohn ca. 1801 in Bielitz (Schlesien), geh. Raphael Spitzberger, Handelsmann, türkisch-…? Untertan aus Neutra, gest. 07. Jänner 1849.
Emma Spitzberger, gest. 23. Oktober 1882 um 19.45 Uhr an Lungenentzündung in Wien, Fleischmarkt 14, begraben am 25. Oktober um 10 Uhr.
Emma Reitlinger, Tochter unserer Franziska / Fanni (Sprinze Chaja) Reitlinger / Sabl?, „starb während eines Besuches bei ihrer Tante Eva (sic!) Spitzberger, geb. Kohn“ (Georg Gaugusch, Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800-1938, L-R, Wien (2016), 2914).

Matriken Tod Emma Spitzberger

Matriken Tod Emma Spitzberger

Sterbeanzeige Emma Spitzberger

Sterbeanzeige Emma Spitzberger, Neue Freie Presse, 24. Oktober 1882, Seite 13


Töchter:
Emilia Spitzberger, geb. 1827?, geh. 07. Dezember 1851 Sigmund Seligmann, geb. in Meidling, Sohn des Abraham Seligmann, Fabriksinhaber, und der Jeanette Schosberger. Emilia war bei der Hochzeit 24 Jahre alt.

Eleonora Spitzberger, geb. 1829, gest. mit 7 Monaten am 27. Mai 1830 in Wien

Julia (Rela) Spitzberger, geb. 28. August 1831 in Wien, geh. 24. Februar 1856 Philipp Schlesinger, Kaufmann aus Bielitz,, geb. 06. August 1809 (!), Sohn des Philipp Schlesinger (weiland), Kaufmann aus Bielitz in Wien, und der Josefa Cohn, „jetzt verwitwete Fischer“.
Julia Schlesinger, geb. Spitzberger, wirkte in den ersten Jahrzehnten im Vorstand der von Wilhelm Karl Königswarter gegründeten Königswarter Stiftung in Meran, die u.a. auch den Bau der Synagoge in Meran unterstützte. Siehe auch v.a. Innerhofer Joachim u.a., Mörderische Heimat: Verdrängte Lebensgeschichten jüdischer Familien in Bozen ….

Matriken Geburt Julia (Rela) Spitzberger

Matriken Geburt Julia (Rela) Spitzberger

Matriken Hochzeit Julia Spitzberger und Philipp Schlesinger

Matriken Hochzeit Julia Spitzberger und Philipp Schlesinger


Flora Spitzberger, geb. 30. März 1834, geh. 28. Oktober 1862 im Stadttempel Wien Adolf Cohn, Sohn des Aron Cohn, Pest, und der Maria Ullmann, gest. 10. Jänner 1912

Bertha Spitzberger, geb. 1836, gest. mit 15 Jahren am 22. Juni 1851, neben ihrem Vater am jüdischen Friedhof Währing in Wien begraben

Amalia Spitzberger, geb. 1841?, gest. mit 20 Jahren am 06. August 1861 in Wien

Söhne:
Moritz Spitzberger, geb. 1832 in Wien, gest. 30. Mai 1834 in Wien

Adolph Spitzberger, geb. 1828, gest. mit 14 Tagen am 10. September 1828 in Wien

Ehemann: (2. Ehefrau von) Abraham Leopold (Amschel Löb, Lewi) Reitlinger, Kaufmann in Eisenstadt und Spediteur des David Semler in Wien, geb. ca. 1770 in Pappenheim, gest. mit 55 Jahren am 14. September 1826 an Schlagfluss in Wien Leopoldstadt, begraben am 15. September am jüdischen Friedhof Währing.

1. Ehefrau: Karoline (Kela) Reitlinger, gest. 31. März 1814 und Mutter von Salman Reitlinger, gest. 11. August 1840, beide begraben am älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt

Matriken Tod Abraham Leopold Reitlinger

Matriken Tod Abraham Leopold Reitlinger, Eintrag Wien Währing


Tochter:
Emma (Scheva) Reitlinger, geb. ca. 1823 in Eisenstadt, gest. 17. September 1840 in Wien, Leopoldstadt an Abdominaltyphus, begraben 18. September 1840 jüdischer Friedhof Währing, ledig, wh.: Eisenstadt.
Emma Reitlinger „starb während eines Besuches bei ihrer Tante Eva (sic!) Spitzberger, geb. Kohn“ (s.o.) (Gaugusch G., a.a.O., 2914).

Unsere Sprinze Chaja unterschreibt am 23. September 1840 die Verlassenschaftsabhandlung mit „Franziska Reitlinger“!, s.u. Sperrs-Relation und die Conclusio oder: „Wer war Sprinze Chaja?“ bzw. „Wer war sie nicht?“.

Matriken Tod Emma Reitlinger

Matriken Tod Emma Reitlinger, Eintrag Wien Währing

Matriken Tod Emma Reitlinger

Sperrs-Relation (Verlassenschaftsabhandlung) Emma Reitlinger
mit Unterschrift „Franziska Reitlinger“
Bild-©: Georg Gaugusch, Wien


Söhne:
Jakob / Jacques Reitlinger, Kaufmann in Wien, geb. ca. 1818 in Eisenstadt, gest. 04. Juli 1900 um 14 Uhr an Lungenentzündung in Wien I., Rudolfsplatz 6, begraben 06. Juli 1900 um 10 Uhr (s.u. Sterbematriken), um 10.30 Uhr (s.u. Sterbeanzeige) Zentralfriedhof Wien, geh. 14. Juni 1857 in Baden (!) Theresia Olop, geb. 14. Mai 1827 in Wien, Tochter des Philipp Olop und der Fanny Reichenstein, gest. 22. November 1905 um 23 Uhr an Magenentartung in Wien I, Rudolfsplatz 6, begraben 24. November 1905 um 10.45 Uhr (s.u. Sterbeanzeige), um 10 Uhr (s.u. Sterbematriken) Zentralfriedhof Wien. Die Ehe blieb kinderlos.

Matriken Hochzeit Jakob Reitlinger und Theresia Olop

Matriken Hochzeit Jakob Reitlinger und Theresia Olop

Matriken Hochzeit Jakob Reitlinger und Theresia Olop

Matriken Hochzeit Jakob Reitlinger und Theresia Olop

Matriken Tod Jakob Reitlinger

Matriken Tod Jakob Reitlinger

Sterbeanzeige Jaques Reitlinger

Sterbeanzeige Jaques Reitlinger, Neue Freie Presse, 05. Juli 1900, Seite 14

Matriken Tod Therese Reitlinger, geb. Olop

Matriken Tod Therese Reitlinger, geb. Olop

Sterbeanzeige Therese Reitlinger, geb. Olop

Sterbeanzeige Therese Reitlinger, geb. Olop, Neue Freie Presse, 24. November 1905, Seite 20


Samson / Sigmund? Reitlinger, Handelsmann in Pest, geb. ca. 1824 in Eisenstadt (zurückgerechnet aufgrund der Altersangabe in den Trauungsmatriken, s.u.) oder geb. ca. 1819 (zurückgerechnet aufgrund der Altersangabe in den Sterbematriken, s.u. und des Eintrages in der Konskripitonsliste von 1836, s.o.), gest. 28. Mai 1891 in Budapest, begraben isr. Kerepeser Friedhof, geh. 10. Juni 1849 in Pest Rosa / Rosie Weinberger, geb. ca. 1825, gest. 19. Jänner 1890 in Budapest. In den Trauungsmatriken (Eintrag Pest) findet sich beim Bräutigam nur der Nachname „Reitlinger“. Die Eltern der Braut sind verstorben, die Eltern des Bräutigams nicht eingetragen (s.u. Trauungsmatriken)
Für den Fall, dass Sprinze Chaja tatsächlich Franziska Sabl ist: Der Vorname Sigmund findet sich (offensichtlich ausschließlich) in „Conscription der hochfürstlich Esterházyschen Schutz-Juden in der Gemeinde Eisenstadt, Herrschaft Eisenstadt, vom Jahre 1836“, in: Markbreiter M., Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Eisenstadt, Wien 1908, Seite 84.

Matriken Hochzeit (Samson/Sigmund) Reitlinger und Rosa Weinberger

Matriken Hochzeit (Samson/Sigmund) Reitlinger und Rosa Weinberger, Eintrag Budapaest, Pest

Matriken Tod Samson Reitlinger

Matriken Tod Samson Reitlinger, Eintrag Budapaest, Pest

Matriken Tod Rosa Weinberger

Matriken Tod Rosa Weinberger, Eintrag Budapaest, Pest


Söhne von Samson Reitlinger und Rosa / Rosie Weinberger (bei allen Söhnen Vater „Samson“), alle geboren in Budapest und eingetragen in Pest :

Emanuel Reitlinger, geb. 03. Juni 1851, gest. 17. Oktober 1853

Matriken Geburt Emanuel Reitlinger

Matriken Geburt Emanuel Reitlinger


Ignatz Reitlinger, geb. 22. Juli 1852

Matriken Geburt Ignatz Reitlinger

Matriken Geburt Ignatz Reitlinger


Sandor Reitlinger, geb. 13. Februar 1854

Matriken Geburt Sandor Reitlinger

Matriken Geburt Sandor Reitlinger


Mori(t)z (Moses) Reitlinger, Kaufmann in Budapest, geb. ca. 1823 in Eisenstadt, gest. 13. November 1902 Budapest IV., Podmaniczky u. 21, begraben Budapest, isr. Rákoskereszturer Friedhof, geh. 20. Mai 1851 Pest Klara Löwy, Tochter des Simon Löwy, geb. ca. 1831, gest. 20. Dezember 1914 Budapest III., Lajos u. 68, begraben isr. Rákoskereszturer Friedhof

Ich folge dabei Georg Gaugusch, vor allem nach einem langen Gespräch mit ihm und aufgrund der Tatsache, dass ihm weitere Dokumente vorliegen. Nur der Korrektheit halber seien die Probleme mit den Matrikeneinträgen erwähnt, die prima vista in Frage stellen, dass Mori(t)z (Moses) Reitlinger der Sohn von Abraham Leopold (Amschel Löb, Lewi) Reitlinger und Franziska / Fanni Sabl?, verwitwete Reitlinger, geb. Kohn ist

  1. Trauungsmatriken (s.u.): Mori(t)z Reitlinger war lt. Trauungseintrag bei der Hochzeit mit Clara Löwy im Jahr 1851 23 Jahre alt, er wäre demnach 1828 geboren (und nicht 1823). Sein Vater war jedoch bereits am 14. September 1826 verstorben. Die Altersangabe darf in solchen Einträgen nicht für bare Münze genommen werden.
  2. Sterbematriken (s.u.): Mori(t)z Reitlinger starb mit 77 Jahren am 13. November 1902. Demnach wäre er 1825 geboren (und nicht 1823), wenngleich auch hier der Altersangabe nicht viel Bedeutung beimessen werden sollte. Schwerwiegender scheint, dass als Eltern von Mori(t)z Reitlinger „weiland Karoly (= Karl) Reitlinger“ und „weiland Erszebeth (= Elisabeth) Spitzberger“ angeführt sind! Laut Georg Gaugusch handelt es sich dabei um – nicht so selten vorkommende – Fehleinträge, wahrscheinlich entstanden aufgrund der Tatsache, dass Emma / Eva Spitzberger die Schwester der Mutter von Mori(t)z war und hier schlicht Unklarheiten entstanden sind.

Matriken Hochzeit Mori(t)z Reitlinger und Clara Löwi

Matriken Hochzeit Mori(t)z Reitlinger und Clara Löwi

Matriken Tod Mori(t)z Reitlinger

Matriken Tod Mori(t)z Reitlinger


Leopold (Abraham Löb) Reitlinger, „Kaufmann in Pest, Wien, zuletzt in Frankreich“ (Gaugusch G., a.a.O., 2914), geh. 01. Juli 1860 in Budapest Johanna / Janka Steinberg, geschiedene Pollak, geb. ca. 1836 in Stuhlweißenburg (Ungarn), Tochter des Ignaz Steinberg und der Josefa Deutsch. Leopold war bei der Hochzeit 32 Jahre, Johanna 24 Jahre alt.
Leopold Reitlinger, gest. mit 80 Jahren am 28. Februar 1907 an Altersschwäche in Neuilly-sur-Seine, Avenue de Neuilly 90, Frankreich. Der Sterbeeintrag aus Neuilly-sur-Seine ist ziemlich ausführlich, der von Eisenstadt stammt vom 17. Juli 1909 (s. beide u.).

1. Ehe Johanna Steinberg: geh. 10. September 1857 in „Alba“ (Alba Regalis, lat. für Stuhlweißenburg) Hermann Pollak, Kaufmann in Palota, Sohn des Ignatz Pollak und der Juli Schelnitz, Alba. Johanna, wh.: Alba, war 20 Jahre, Hermann 21 Jahre alt.

Johanna Steinberg hatte zumindest 4, zum Teil wesentlich jüngere Geschwister, alle in Stuhweißenburg geboren (Vater immer: Igna(t)z Steinberg)

Hermine Steinberg, geb. 05. Mai 1844 (Mutter: Paul. Deutsch)

Matriken Geburt Hermine Steinberg

Matriken Geburt Hermine Steinberg

Rosalia Steinberg, geb. 21./26./27. oder 29. Mai 1848 (keine Mutter genannt)

Matriken Geburt Rosalia Steinberg

Matriken Geburt Rosalia Steinberg

Max Steinberg, geb. 12. Juni 1853 (Mutter: Johanna Deutsch)

Matriken Geburt Max Steinberg

Matriken Geburt Max Steinberg

Regina Steinberg, geb. 08. August 1859 (Mutter: Josepha, geb. Deutsch)

Matriken Geburt Regina Steinberg

Matriken Geburt Regina Steinberg


Matriken Hochzeit Hermann Pollak und Johanna Steinberg

Matriken Hochzeit Hermann Pollak und Johanna Steinberg

Matriken Hochzeit Leopold  Reitlinger und Johanna Steinberg, geschiedene Pollak

Matriken Hochzeit Leopold Reitlinger und Johanna Steinberg, geschiedene Pollak

Auf dem Sterbeeintrag von Neuilly-sur-Seine wird die Ehefrau Jeanne Steinberg mit 73 Jahren (und am Leben!) angegeben. Sie muss also nach dem 28. Februar 1907 gestorben sein. Wir bemühen uns weiter, den Sterbeeintrag zu finden … Auch finden sich auf dem Dokument die Unterschriften von Sohn Arnold (Ascher) Reitlinger, geb. 24. September 1865 in Budapest, s.u., und wohnhaft in Villa Méquillet 6, Neuilly-sur-Seine (sein Alter wird mit 41 Jahren angegeben) und die Unterschrift von Moise Zuckermann (Alter: 39 Jahre), dem Ehemann von Tochter Marianna Reitlinger, geb. 07. Jänner 1873 in Wien (s.u.).
Auf dem Sterbeeintrag, der 1909 nach Eisenstadt übermittelt wurde (s.u.), wurden die Eltern ebenfalls korrekt als verstorben, die Ehefrau als noch am Leben angegeben.

Matriken Tod Leopold Reitlinger, Eintrag Neuilly-sur-Seine

Matriken Tod Leopold Reitlinger, Eintrag Neuilly-sur-Seine

Matriken Tod Leopold Reitlinger, Eintrag Neuilly-sur-Seine

Matriken Tod Leopold Reitlinger, Eintrag Neuilly-sur-Seine

Matriken Tod Leopold Reitlinger

Matriken Tod Leopold Reitlinger, Eintrag Eisenstadt


Kinder von Leopold Reitlinger und Johanna Steinberg, in Budapest geboren (alle eingetragen in Pest):

Caroline Reitlinger, geb. in Budapest 16. Dezember 1860 (in Pest als Totgeburt eingetragen!, s.u. Geburtsmatriken), geh. 19. Dezember 1880 in Wien VIII, Florianigasse 41, isr. Bethaus, Julius Hirschler Musiklehrer aus Komáron (ungarisch-slowakische Grenze), geb. 02. August 1858, Sohn des Israel Hirschler, Gastwirt in Komáron, und der Cäcilia, geb. Bacher.
Caroline Reitlinger, gest. 19. September 1895 in Wien

Matriken Geburt Caroline Reitlinger

Matriken Geburt Caroline Reitlinger

Matriken Hochzeit  Caroline Reitlinger und Julius Hirschler

Matriken Hochzeit Caroline Reitlinger und Julius Hirschler


Emma (Scheva) Reitlinger, geb. 09. Juli 1862 (Vor- und Synagogalname nach ihrer Tante, der 1840 verstorbenen Schwester ihres Vaters, s.o., benannt), geh. in Budapest 09. Dezember 1883 David Kohn

Matriken Geburt Emma (Scheva) Reitlinger

Matriken Geburt Emma (Scheva) Reitlinger


Isidor (Itziq) Reitlinger, geb. 22.3. 1864, gest. 23.4. 1865

Matriken Geburt Isidor (Itziq) Reitlinger

Matriken Geburt Isidor (Itziq) Reitlinger


Arnold (Ascher) Reitlinger, geb. 24. September 1865, geh. in Paris 18. Dezember 1892 Beila Rosenthal

Matriken Geburt Arnold (Ascher) Reitlinger

Matriken Geburt Arnold (Ascher) Reitlinger


Ferdinand Philip(p) (Fülop; Pinchas) Reitlinger, geb. 09. März 1868, einziger Eintrag in ungarischer Sprache

Matriken Geburt Philipp (Fülop; Pinchas) Reitlinger

Matriken Geburt Philipp (Fülop; Pinchas) Reitlinger

Am 28. März 1904 wurde Ferdinand Philip Reitlinger in Großbritannien (Sussex, Burgess Hill) eingebürgert. Sein Alter wird mit 35 Jahren angegeben. Das ist fast richtig, er war 36 Jahre alt. Der Geburtsort Paris kann auch nicht stimmen, es handelt sich mit um an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um den am 09. März in Budapest geborenen Philipp (Pinchas) Reitlinger.
Er war ohne Beschäftigung, verheiratet und hatte drei minderjährige Kinder, die bei ihm wohnten:

Ernst Victor Reitlinger, 8 Jahre
Dorothy Reitlinger, 7 Jahre
Leonard Hugo, 6 Jahre

  • Einbürgerungsdokument Ferdinand Philip Reitlinger in England

    Einbürgerungsdokument Ferdinand
    Philip Reitlinger in England

  • Einbürgerungsdokument Ferdinand Philip Reitlinger in England

    Einbürgerungsdokument Ferdinand
    Philip Reitlinger in England


Kinder von Leopold Reitlinger und Johanna Steinberg, in Wien geboren:

Rosa Reitlinger, geb. 13. Jänner 1870

Matriken Geburt Rosa Reitlinger

Matriken Geburt Rosa Reitlinger


Marianna (Mirjam Ester?) Reitlinger, geb. 07. Jänner 1873 in Wien, geh. 04. oder 12. Juli 1897 in Paris Moise Zuckermann.
Die Mutter, Johanna Steinberg, war bei der Hochzeit ihrer Tochter, also 1897, definitiv noch am Leben: s.u. die beiden Unterschriften am Hochzeitskontrakt sowie die Tatsache, dass

Marianna Reitlinger, … , Klavierlehrerin, volljährige Tochter von Leopold Reitlinger und Johanna Steinberg, Bijouterie-Erzeugnisse, wohnhaft bei Vater und Mutter in Paris, Rue des Meslay 11.

Matriken Geburt Marianne Reitlinger

Matriken Geburt Marianne Reitlinger

  • Registerkarte Hochzeit Marianne Reitlinger und Moise Zuckermann

    Registerkarte Hochzeit
    Marianne Reitlinger und Moise Zuckermann

  • Eintrag im Heiratsregister Hochzeit Marianne Reitlinger und Moise Zuckermann

    Heiratsregister Hochzeit
    Marianne Reitlinger und Moise Zuckermann


Julius Alexander Reitlinger, geb. 09. September 1877 in Wien, gest. 01. September 1880 in Wien (das Matrikenblatt mit dem Sterbeeintrag in Wien fehlt leider)

Matriken Geburt Julius Alexander Reitlinger

Matriken Geburt Julius Alexander Reitlinger





Conclusio oder: „Wer war Sprinze Chaja?“ bzw. „Wer war sie nicht?“

  1. 1995 passierte mir in der Publikation „Hier in der heiligen jüdischen Gemeinde Eisenstadt. Die Grabinschriften des jüngeren jüdischen Friedhofs in Eisenstadt“ ein fataler Fehler bei der genealogischen Zuordnung. Der Segenswunsch „auf ihm sei Friede“ ע“ה nach dem Namen des ersten Ehemanns von Sprinze Chaja zeigt klar, dass Abraham Löb Reitlinger beim Ableben von Sprinze Chaja (1879) bereits tot war (Zeile 12 hebräische Grabinschrift).
  2. Sprinze Chaja kann daher nicht die Ehefrau des 1907 in Frankreich verstorbenen jüngsten Sohnes von Abraham Löb Reitlinger, Leopold (Abraham Löb) Reitlinger (s.o.) sein und ist daher keinesfalls mit Johanna / Janka Steinberg, seiner Ehefrau gleichzusetzen! Johanna Steinberg lebt zum Zeitpunkt des Todes ihres Ehemanns, Leopold Reitlinger, am 28. Februar 1907 noch (s.o. auch Unterschriften auf dem Heiratseintrag von Tochter Marianna aus dem Jahr 1897).
  3. Sprinze Chaja ist definitiv die 2. Ehefrau von Abraham Leopold (Amschel Löb, Lewi) Reitlinger, gest. 14. September 1826 in Wien (s.o.) und daher „Franziska Reitlinger“, geb. Kohn, ev. auch „Franziska Sabl“ (zwischen 1827 und 1836 und in den Sterbematriken).
  4. In Zeile 6 der hebräischen Grabinschrift wird Sprinze Chaja als „Rabbinersgattin“ bezeichnet, eine nicht allzuoft vorkommende Bezeichnung, die meist auch nur bei Ehefrauen von tatsächlichen Rabbinern verwendet wird. Obwohl ihr erster Ehemann Abraham Löb Reitlinger nicht Gemeinderabbiner, sondern 1821 „nur“ Richter der jüdischen Gemeinde war („Vorsitzender und Leiter der Gemeinde“, Zeile 11), wird sie als „Rabbanit“ bezeichnet. Jedenfalls passt die Bezeichnung in Zeile 6 und die Beschreibung seiner Ämter in Zeile 11 nur für den Vater Abraham Löb Reitlinger und nicht für seinen Sohn.
  5. Es ist auffällig, dass die hebräische Grabinschrift sehr massiv den Eindruck aufkommen lässt, dass mit allen Mitteln vermieden werden soll, einen Nachnamen oder gar den Namen des zweiten Ehemanns zu nennen. So finden wir etwa nicht eine Formulierung wie „Witwe des …“ o.ä. Als einziger Nachname in der Inschrift ist nur jener des 1. Ehemanns genannt.
  6. Die Formulierung „(die Söhne von) ihrem ersten Ehemann“ ist an Deuteronomium 24,1-4 angelehnt, wo es um Scheidebrief und Wiederverheiratung geht. Auf jeden Fall hat Sprinze Chaja nach dem Tod ihres ersten Ehemanns im Jahr 1826 ein zweites Mal geheiratet, möglicherweise bzw. wahrscheinlich einen Herrn Sabl.
  7. Der Name „Sabl“ fußt ausschließlich auf der Tatsache, dass wir in den Sterbematriken den Eintrag der „Franziska Sabl“ vom 16. April 1879 finden (s.o. kleine Datumsdifferenz zum hebräischen Datum). Zu diesem Herrn Sabl konnten wir leider nichts finden.
  8. In der Konskriptionsliste von 1836 (Markbreiter, a.a.O., 84) finden wir eine Franzisca Sabl, Witwe, die auch Haus- oder Hausanteilsbesitzerin in Unterberg-Eisenstadt ist. 3 Kinder finden sich in der Liste: Jacob, 18 Jahre alt, Sigmund, 17 Jahre alt und Eva, 11 Jahre alt. Es könnte sich dabei um die o.g. gemeinsamen Kinder (Jakob, Samson und Emma) mit Abraham Löb Reitlinger handeln, allerdings fehlen in diesem Fall die Söhne Moritz und Leopold (Das Fehlen einzelner Kinder sollte nicht zu sehr überraschen, da dies in den Konskriptionslisten öfter vorkommt, etwa Tochter Josefa bei Salman Reitlinger). Franziska war 1836 schon zum zweiten Mal Witwe, der 2. Ehemann war ebenfalls schon verstorben oder aber sie war von ihm bis 1836 geschieden. Für eine Scheidung spricht die Tatsache, dass wir bereits 1840 – nach dem Tod ihrer Tochter Emma – eine Unterschrift von ihr mit „Franziska Reitlinger“ finden (s.o.)!
  9. Wie auch immer, Herr Sabl – oder wie der 2. Ehemann geheißen haben mag -, war bei ihrem Tod im Jahr 1879 längst Geschichte und wird in der Inschrift nicht mehr erwähnt. Sehr wahrscheinlich auf Wunsch jener, die wohl den sehr schönen Grabstein und die Inschrift bezahlt haben, nämlich ihre Söhne mit Abraham Löb Reitlinger.

Material und Maße des Grabsteins

Marmor, 165/63/15

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