Der zweite Teil unserer kleinen Serie: ausgehend von Triest eine Reise zu den jüdischen Friedhöfen in 4 Städten in Friaul und in 2 ehemals italienischen Städten, die nunmehr in Kroatien liegen.
Nach Fiume / Rijeka reisen wir heute ins nahe liegende Abbazia / Opatija, wo der kleine jüdische Friedhof sich ebenfalls auf dem Gelände des städtischen Friedhofs befindet (durch ein Tor abgetrennt).

Abbazia, eine Stadt mit eindeutigen Assoziationen: Sonne, Meer und vor allem Kur.

Den Weltruf verdankt Opatija dem Wiener Mediziner Julius Glax, dem Direktor der städtischen Kurkommission. Seine
Anwendungen an der „österreichischen Riviera“ waren so berühmt, dass auch Sigmund Freud seinen Patienten riet:
„Fahren Sie zum Kuren nach Opatija!“

Gleich ums Eck, in: Der Spiegel, 09. 07. 2007

Die Liste der prominenten Kurgäste und Persönlichkeiten in Abbazia ist lang: Kaiser Franz Joseph und seine Sisi stiegen im Hotel Imperial ab und trafen dort Kaiser Wilhelm II., Leo Sternbach, Sohn eines jüdisch-galizischen Apothekers und einer jüdischen Ungarin und bekannt vor allem durch die Erfindung des Valiums, wurde 1908 in Abbazia geboren, und Theodor Billroth starb 1894 in Abbazia.

Péter Nádas schreibt in seinen Parallelgeschichten:

Ich bin im Mittelmeer geschwommen, in der Nordsee, in der Adria, Abbazia war unser Stammplatz.

Péter Nádas, Parallelgeschichten, Hamburg 2012, 360

Am jüdischen Friedhof in Abbazia / Opatija finden wir auch die Gräber von Ignaz Nádas und seiner Ehefrau Teréz Schoszberger sowie jene von Ignaz Nádas‘ Tochter Rosa, die als „Natan“ geboren wird, und ihrem Ehemann Bernard Nathan. Die Nádas kamen aus Ungarn, ursprünglich freilich aus Österreich, und hatten – wie auch die Vorfahren von Péter Nádas – ihren Namen „Neumayer“ magyarisiert. Dem Geschäftsmann Bernard Nathan, der 1968 in Abbazia starb, verdanken wir viele Einblicke in die jüdische Geschichte der Stadt. Er war auch, nach seiner Rückkehr in die Stadt, der Initiator des Holocaustdenkmals, das am 01. Mai 1955 feierlich enthüllt wurde.

Siehe v.a. Péter Nádas, Aufleuchtende Details. Memoiren eines Erzählers, 2017 (s. Rezension in der NZZ), wo der Autor detailliert über seine Familie und ihre Herkunft schreibt, die Nadas in Abbazia aber nicht erwähnt.

Oder das Grab von Antonie Breiner, die nach dem Tod ihres Ehemanns Sigmund Breiner 1898 die Führung der beiden Hotels in Abbazia sowie die Leitung des Familienhotels in Bad Gleichenberg in der Steiermark übernahm. Alle Hotels existieren auch heute noch, mit der jüdischen Geschichte der Häuser wird ganz verschieden umgegangen… Sigmund Breiner, der 1840 in Deutschkreutz geboren wurde, ist am Zentralfriedhof in Wien begraben, Ehefrau Antonie in Abbazia.

Sowohl Emilie Glässner, die 1863 in Wien geboren wird, 1886 in Wien heiratet und in Wien ihre drei Söhne auf die Welt bringt, als auch Alfred Löwy, der seinen Namen in Lenauer änderte, in Wien heiratet und ebenfalls in Wien 2 Kinder bekommt, verstarben in Abbazia / Opatija und sind am jüdischen Friedhof begraben.

Der Präsident und spätere Ehrenpräsident der israelitischen Kultusgemeinde Abbazia / Opatija, Sigmund Kurz, heiratet 1869 in Wien. Dort kommt auch Sohn Jakob Kurz, später Arzt in Abbazia / Opatija, auf die Welt. Sowohl Sigmund Kurz, der 1929 mit 90 Jahren stirbt, als auch sein Sohn Dr. Jakob Samuel Kurz, gest. 1939, sind auf dem jüdischen Friedhof in Abbazia / Opatija begraben. Nur am Rande angemerkt sei: In der hebräischen Grabinschrift von Sigmund Kurz finden wir eine sehr spannende Formulierung…

Die Liste an (naheliegenden) Beziehungen zu Österreich könnte noch lange fortgesetzt werden.

Wir haben Fotos von 44 Grabsteinen des jüdischen Friedhofes in Abbazia / Opatija mitgebracht und wieder alle hebräischen Inschriften transkribiert, übersetzt und die Synagogalnamen sowie Sterbedaten ausgelesen. Wie in Fiume erhielten wir auch hier dadurch überhaupt erst ein korrektes Sterbedatum, oft sogar erstmals den Namen der Bestatteten, da in den existierenden Publikationen (hier und hier) zum jüdischen Friedhof Abbazia / Opatija die hebräischen Inschriften durchwegs ignoriert wurden, die Abschriften generell unvollständig und leider oft auch fehlerhaft sind.
Auch hier geht es uns primär darum, die Namen und Menschen hinter diesen Namen nicht zu vergessen.

Dies ist auch der Grund dafür, dass wir alle Namen auf dem Holocaustdenkmal in unser Personenregister aufgenommen haben; die 64 Namen von in Abbazia / Opatija verstorbenen Juden wurden mit den Namen von 52 Schoa-Opfern, darunter 4-jährige Kinder und 90-jährige Greise, ergänzt.

Entdecken Sie mit uns den jüdischen Friedhof von Abbazia / Opatija und schreiben Sie – auch diesmal – mit uns ein kleines Stückchen der jüdischen Geschichte Eisenstadts weiter:

Denn auch die prominente jüdische Weinhändler-Familie Wolf kurte in Abbazia. Etwa Leopold Wolf, Firmenvorstand der Weingroßhandlung „Leopold Wolf’s Söhne“, und seine Frau Ottilie Laschober:

Ottilie Laschober und Leopold Wolf in Abbazia, ca. 1915 Foto: E. Jelusich / Quelle: Burgenländisches Landesarchiv, Fotosammlung

Ottilie Laschober und Leopold Wolf in Abbazia, ca. 1915
Foto: E. Jelusich / Quelle: Burgenländisches Landesarchiv, Fotosammlung



Und die Tante von Leopold Wolf, Minna Wolf, geb. Gomperz, starb 1905 63-jährig in Abbazia, sehr wahrscheinlich während ihrer Kur, und wurde auf den jüngeren jüdischen Friedhof nach Eisenstadt überführt. Ihr Ehemann, Adolf Wolf, starb übrigens auch während der Kur, 24 Jahre später, in Bad Ischl, und wurde ebenfalls nach Eisenstadt überführt. In beiden hebräischen Grabinschriften werden die Sterbeorte deutlich erwähnt.

Sterbeanzeige Minna Wolf 17. November 1905, Neue Freie Presse, 23. November 1905

Sterbeanzeige Minna Wolf 17. November 1905, Neue Freie Presse, 23. November 1905



Heute Abend beginnt der 14. Adar und damit in wenigen Stunden das Purimfest.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Purim 5778!

חג פורים שמח לכולם!