Zwei Zeitdokumente – Briefe von Sandor und Frieda Wolf an ihre Freunde in Triest

Die Arbeit am jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt hat eine neue Perspektive notwendig gemacht. Während die primäre Frage am älteren jüdischen Friedhof war:

Woher sind die Menschen gekommen, die sich in Eisenstadt ansiedelten und auch hier starben?

war die entscheidende Frage nun:

Was ist aus den Ehepartnern, Geschwistern, Kindern und Enkelkindern jener Juden, die auf dem Friedhof begraben sind, geworden? Konnten sie rechtzeitig fliehen und überleben oder führte ihr Weg nach Auschwitz und in den Tod?

Was wir bisher wissen und traurige Gewissheit ist: Es sind so viele Familienmitglieder der insbesondere zweiten und dritten Generation der auf den jüdischen Friedhöfen Eisenstadt begrabenen Juden, die die Schoa nicht überlebten. Viele von ihnen lebten vor ihrer Deportation nicht mehr in Eisenstadt und werden daher in den Datenbanken nicht zu den burgenländischen Opfern der Schoa gezählt.
Das Österreichische Jüdische Museum hat es sich zu einer seiner primären Aufgaben gemacht, über den „regionalen Tellerrand“ zu blicken, um die Geschichte der jüdischen Familien von Eisenstadt möglichst lückenlos zu dokumentieren. Allein der erste der beiden vorliegenden Briefe ließ uns vier Schoa-Opfer nachtragen.

Im Folgenden die beiden Briefe vom Sommer 1945 und März 1946.

Tief berührend in den Briefen sind die Trauer und der Schmerz über jene Familienangehörigen und Freunde, die den Holocaust nicht überlebten,
die große und qualvolle Ungewissheit, wer von den Verwandten und Freunden vielleicht doch die schreckliche Zeit überlebt haben könnte, und – insbesondere im handschriftlichen Zusatz im ersten Brief deutlich erkennbar – die große Freude, oft erst sehr spät erfahren zu haben, dass einzelne Angehörige und Freunde doch überleben konnten und in Sicherheit waren.

Die Ungewissheit aber wurde oft zur Gewissheit (wenn auch in diesem Fall Sandor Wolf sie nicht mehr erlebt hat): So wurde etwa seine Nichte Grete Back (s.u.), von der er so lange nichts gehört hatte, in Auschwitz ermordet.

Erster Brief

Haifa, Sommer 1945. Der letzte (uns bekannte) Brief von Sandor Wolf, der am 2. Jänner 1946 stirbt. Adressat sind Irma und Emilio Stock in Triest. Irma, Tochter des Eisenstädter Lederhändlers Leopold Hirschler, hatte 1903 in Baden bei Wien Manó Emil Stock, den Bruder des Gründers des Stock-Spirituosen-Imperiums Lionello Stock, geheiratet und war mit ihrem Ehemann nach Triest gezogen.
Emilio Stock starb 1951, Irma Stock, geb. Hirschler, 1972. Mit ihnen begraben auf dem jüdischen Friedhof in Triest auch Sohn Guido, geb. 1904 in Spalato/Split, gest. 1992 in Kitzbühel.

Die tiefe und respektvolle Freundschaft zwischen Sandor Wolf und der Familie Hirschler / Stock hatte ihre Wurzeln in der alten und geliebten Heimat, in Eisenstadt. Eine „Heimatliebe, die man (wohl nicht nur) Sandor Wolf ausgebläut hatte„, wie wir im Brief lesen. Und es kann nur deutlich wiederholt werden: Nein, Sandor Wolf beabsichtigte keineswegs nach Eisenstadt zurückzukehren (wie immer wieder behauptet wird, etwa hier). Es wäre ihm zu wünschen gewesen, dass er seine Kunstsammlung nach Haifa bringen hätte können. Das unwürdige und unselige Schauspiel des Landes Burgenland und besonders auch der Presse in den späten 1950er Jahren haben weder Sandor Wolf noch seine Sammlung verdient.




Transkription:

Irma und Emilio Stock, Via […], Trieste

Liebe Freunde Stock!

Endlich sind Sie wieder dorthin zurückgekehrt in Ihr schönes Heim, von dem Sie durch die Unholde vertrieben wurden und gezwungen waren die Wanderung anzutreten, die Ihnen viele Jahre viel Sorge und Plage verursachte, von der Sie aber mit Gottes Hilfe und Gnade gesund mit Ihren lieben Kindern und unversehrt zurückgelangt sind! Nehmen Sie unsere herzlichsten Glückwünsche, an Sie und die Familien Ihrer lieben Söhne.

Wie gern würde ich die Geschichte Ihrer Wanderung kennen. Wie Sie damals aus Trieste nach Spalato gekommen sind, und wie Sie dann aus Jugoslawien, als es ein Brandherd geworden ist, in dem doch so viele Juden umgekommen sind, heil heraus in die Schweiz gekommen sind! Das war ja eine Meisterleistung da aus dem Hexenkessel, des Balkans und Italien in die friedliche Schweiz zu gelangen, in dem Ihre lieben Söhne sicherlich die Mentoren waren!

Nun bin ich auch gespannt zu erfahren, wie die Zukunft Ihrer Unternehmungen sein werden, da sie doch in Istrien und Dalmatien liegen, die sich vorläufig in der jugoslawischen Einflusssphäre befinden!

Ich habe leider weniger diesbezügliche Sorgen. Meine Weingeschäfte in Österreich, die doch auf eine Tätigkeit im Handel basieren, sind doch nicht wiederherzustellen. Eine durch 150-jährige Tätigkeit groß gewordene Unternehmung, die auf Weinvorrat basiert, der doch längst ausgetrunken wurde, auf einer Einrichtung von Fässern, die wahrscheinlich schon verbrannt wurden, auf Kunden, die gestorben oder (Weinen, die, Anm. d. Verf.) verdorben sind. Und wenn sie vergangen wären, von Juden nichts mehr wissen wollen. Das Personal, das zum Großteil jüdisch, nun in alle Weltteile zerstreut ist, ist nicht mehr zu rekonstruieren, umso weniger, weil weder ich noch mein Neffe Hans Wolf, der beim englischen Militär dient – aber in den nächsten Wochen demobilisiert wird – werden nach Österreich zurückkehren wollen; oder erst in dem Moment wo unser weniges Geld zu Ende geht; und wir nichts aus Österreich und Ungarn transferierbares Vermögen zurückbekämen. Aber auch das geschähe mit einem Gefühl großer Unlust, weil man uns die Heimatsliebe ausgebläut hat, und wir jetzt schon unsere neue – alte Heimat lieben gelernt haben. Ich habe aus Wien die Nachricht, dass unser Geschäftshaus im XI. Bezirk Simmering steht, dass aber mein und meiner Nichten Privathaus in der Wollzeile bombardiert wurde. Aus Eisenstadt habe ich – da es von den Russen besetzt ist – keinerlei Nachricht. Jedoch Dr. Ignaz Friedmann, der mit seiner engsten Familie am Leben geblieben ist, ließ mir sagen, dass mein Museum nur schwach beschädigt ist. Ist das wahr, dann hätte ich vielleicht die Hoffnung, wenigstens Teile davon hierherzubekommen, was natürlich auch das Entgegenkommen Österreichs und der Russen voraussetzt!

Aber unsere Familie und unsere Freunde haben durch die Nazigräuel sehr gelitten. In Budapest ist meine Nichte Rosa Schmidek, geb. Schleiffer (Tochter von Sandor Wolfs Schwester Ernestine, Anm. d. Verf.), und ihr Mann und ihr Enkel, Andris Ney, ermordet worden; obwohl sie von mir Palästinische Zertifikate schon im Juni 1943 zugeschickt bekamen. Unsere Cousins und Cousinen in Budapest, in Györ und Steinamanger sind in Pest ermordet, ganze Familien von der Provinz nach Auschwitz deportiert worden. Grete Back, geborene Braun – meine Nichte (Tochter von Sandor Wolfs Schwester Flora, Anm. d. Verf.) –, wurde nach Lodz (Ghetto Litzmannstadt, Anm. d. Verf.) deportiert und seit einigen Jahren hören wir nichts mehr von ihr – was nur Hoffnungslosigkeit bedeutet.

Beinahe der schwerste Schlag für mich ist die Deportation meines intimsten Freundes Dr. Sandor Schwarz aus Sopron, der samt seiner Sekretärin, Irene Breiner – eine Schönberger Tochter aus Eisenstadt, Nichte von Zsiga Schönberger (Sigmund Schönberger, Sohn von Samuel und Bruder von Berthold Schönberger, Anm. d. Verf.), nach Auschwitz deportiert wurde. Ihr Onkel Zsiga Schönberger, ist mit Frau und 90-jähriger Schwiegermutter von Nizza, wohin sie aus Fiume wanderten, nach Polen geschickt worden und [sie alle] werden leider Gottes nicht mehr zurückkehren. Schönbergers waren bei einer französischen Familie gut versteckt, aber er beging den Fehler, dass er Briefe aus seiner früheren Wohnung holen wollte und dabei erwischt und samt seinen Damen dann verschickt wurde. Über Dr. Schwarz sind Gerüchte da, aus Amerika, dass ihn jemand in Deutschland in einem Lager gesprochen hätte; aber wie könnte es sein, dass man von ihm sonst gar kein Lebenszeichen bekommen hat. Dabei hatte er als mein Generalbevollmächtigter angeblich unser großes Weingut in Debrecen verkauft. Ich weiß nicht an wen, und auch nicht wohin das Geld gekommen ist. Hier sind wir alle gesund, ich wurde vor 2 Jahren zweimal operiert, es ist aber gut ausgegangen. Aber unsere geliebte Nichte, Ing. Käthe Böhm, ist im Jahre 1942 an einer schweren Gelbsucht infektiöser Natur gestorben. Sie war nie im Leben krank! Nun hoffe ich auch von Ihnen allen einen Bericht zu bekommen und werde mich freuen nur Günstiges zu hören. Wie geht es Ihren lieben Töchtern? Wo sind Sie? Ich glaube Ihre Ältere ist in Südamerika. Wie sind Ihre lieben Enkelkinder herangewachsen? Bitte grüßen Sie mir Ihre Söhne, Schwiegertöchter und seien Sie selbst innigst gegrüßt von Ihrem getreuen in alter Freundschaft

Sandor Wolf

Unter dem Brief ein handschriftlicher Zusatz der Schwester von Sandor Wolf, Frieda Löwy-Wolf:

Meine liebste Frau Irma!

Es war für mich eine große Freude, als ich hörte, dass Sie mit Ihren lieben Kindern gerettet sind. Was machen meine lieben Freunde Guido und Mario (Söhne von Irma und Emilio Stock, Anm. d. Verf.), ihre Frauen und Kinder? Ich bitte um recht ausführlichen Bericht. Es grüßt Ihren lieben Mann und Ihre Kinder. Es küsst Sie Ihre

Frida.



1908 besuchte Irma Stock, geb. Hirschel, offensichtlich mit einigen Verwandten aus Triest, ihre Eltern in Eisenstadt.


Familie Hirschel vor ihrem Haus in der Oberen Gasse im jüdischen Viertel Eisenstadt

Familie Hirschel vor ihrem Haus in der Oberen Gasse im jüdischen Viertel Eisenstadt



Dr. Mario Stock, Sohn von Irma Stock, Präsident der jüdischen Gemeinde Triest, geb. 1906 in Spalato/Split, gest. 1989 in Triest, beschreibt 1979 das Foto auf Italienisch, hier die Übersetzung:

Die Fotografie zeigt meine Großeltern Leopold und Charlotte Hirschel im Jahr 1908 vor ihrem Haus, das heute noch existiert. An den Fenstern zeigen sich 4 Töchter, von denen eine meine Mutter ist. Auf der Straße Sohn Sami und drei Neffen, unter ihnen Oscar, Leutnant, der mit 18 Jahren im Juni 1918 während des Angriffs bei Asiagio umkam, und Ottilie, (jetzt) 80-jährig und noch am Leben.

Anmerkung: Ottilie Flaschner, geb. 01. September 1894 in Graz, gest. 21. Jänner 1989 in Triest, Tochter von Berta Hirschel und Wilhelm Flaschner, ist die Nichte von Irma Stock, geb. Hirschel (Irma und Berta Hirschel sind die Töchter von Leopold Hirschel und Charlotte Tachauer).

Zweiter Brief

Haifa, März 1946. Frieda Löwy-Wolf, die Schwester von Sandor Wolf, informiert die Familie Stock über das Ableben ihres Bruders:




Transkription:

Haifa, 3. März 1946 Hause Winterlich, Haifa, Israel

Liebste Freundin, liebste Frau Irma, liebe Familie Stock!

Schweren Herzens entschließe ich mich, Ihnen zu schreiben. Mein geliebter Bruder Sandor Wolf hat uns am 2. Jänner für immer verlassen. Er war eine Woche krank und leider konnte die Kunst der Ärzte ihn nicht am Leben erhalten. Sie haben ihn gekannt und werden meine, der ganzen Familie und aller Freunde Trauer um diesen wahrhaft guten Menschen verstehen. Wie hätte er sich mit Ihren Briefen gefreut. Mit Sehnsucht warteten wir auf Nachricht von Ihnen und nun kamen diese schönen mit guten Nachrichten zu spät. Auch die Nachricht, dass seine Sammlung in Eisenstadt unversehrt erhalten, kam nun wenige Tage zu spät. Er hatte ein schönes, reiches Leben und er hat es auf seine Weise voll und ganz genossen. Nicht einmal die Nazis konnten ihm seinen schönen Glauben an Gott und die Menschen rauben. Sie können sich denken, wie einsam und verlassen ich mich ohne den geliebten Bruder fühle. Um Ihre Geschwister, liebe Frau Irma, trauere ich mit Ihnen. Wo lebt Willi? Wir trafen ihn zuletzt in London.

Zu Ihren Enkelkindern will ich Ihnen heute nur herzlichst gratulieren und Sie bitten jeden einzelnen meiner jungen Freunde innigst zu grüßen. Herrn Ingenieur Stock bitte ich zu entschuldigen, dass ich deutsch schreibe, aber derzeit ist mein Kopf und Gemüt zu betrübt, um meine Gedanken in einer anderen Sprache wiederzugeben. Ich grüße Sie alle innigst und bin in alter Freundschaft
Ihre

Frida Löwy

Ich möchte mich im Auftrag der alten Frau Reiner, die noch in Sandors Gesellschaft ihren 80. Geburtstag bei uns gefeiert hat, nach deren Nichte, Frau Otti Stock, erkundigen.

Anmerkung: Marie Reiner, geb. Flaschner, Tochter von Ignaz Isak Flaschner und Sali Joachim, ist die Schwester von Wilhelm Flaschner, dem Vater von Ottilie Stock, geb. Flaschner. Marie Flaschner heiratete am 29. November 1885 Samuel Reiner (aus Deutschkreutz) in Eisenstadt.



Vielen Dank an meine Mitarbeiterin Sonja Apfler für den großartigen Fund (der Briefe) in den Tiefen unserer Archive! :-)