Bedenken und Bekennen der christlichen Kirchen zum Gedenkjahr 1938 – 2018

Ende Oktober / Anfang November 1938 meldete die Israelitische Kultusgemeinde Wien, dass es im Burgenland keine jüdischen Gemeinden, keine Juden mehr gibt.
Die burgenländischen Juden hatten den sogenannten Anschluss Österreichs im März 1938 schneller und brutaler zu spüren bekommen als die Juden in den anderen Bundesländern. Buchstäblich über Nacht waren sie ausgewiesen und vertrieben worden.

Fast auf den Tag genau nach 80 Jahren fand am Dienstag, 30. Oktober 2018 um 17 Uhr in der Synagoge in unserem Museum die Be- und Gedenkveranstaltung der christlichen Kirchen zum Gedenkjahr 1938 – 2018 statt.
Im allerkleinsten Kreis beteten und sprachen Diözesanbischof Dr. Ägidius Zsifkovics, Superintendent Mag. Manfred Koch und Oberrabbiner Arie Folger, MBA. Kantor Rami Langer sang u.a. „El Male Rachamim“.

Sowohl Bischof Zsifkovics als auch Superintendent Koch formulierten in ihren Ansprachen deutlich ihre Betroffenheit sowohl über das „unaussprechliche Leid so vieler Menschen, aber auch Betroffenheit darüber, dass unsere christlichen Kirchen und ihre Mitglieder so viel schuldig geblieben sind. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, haben katholische wie evangelische Christen sowohl in Österreich, auch im Burgenland, … zum Schicksal der Juden weithin geschwiegen, obwohl sie geahnt, wenn nicht sogar gewusst haben, was mit ihren Mitmenschen geschieht…“

Oberrabbiner Folger betonte, dass er gerne zu dieser Gedenkveranstaltung gekommen ist, vor allem auch, weil dadurch die seit geraumer Zeit stattfindenden internationalen Bemühungen auf lokaler Ebene zum Ausdruck gebracht und realisiert werden können. Die kleine jüdische Gemeinde in Österreich, so Folger, braucht Partner ‒ wie die Kirchen oder unser Museum ‒, die gegen Judenfeindlichkeit und Antisemitismus auftreten.

Danach überreichten Bischof und Superintendent dem Herrn Oberrabbiner einen ökumenischen Hirtenbrief aus Anlass der Novemberpogrome vor 80 Jahren:

Diözesanbischof Ägidius Zsifkovics und Superintendent Manfred Koch überreichen Oberrabbiner Arie Folger den ökumenischen Hirtenbrief

Diözesanbischof Ägidius Zsifkovics und Superintendent Manfred Koch überreichen Oberrabbiner Arie Folger den ökumenischen Hirtenbrief

Gegen ein Schweigen, das zum Himmel schreit.

Wenn Christen von sich sagen dürfen, Mitarbeiter im Reich Gottes zu sein, so heißt das nicht, eine Auswahl zu treffen, wer sonst noch dazu gehört und wer nicht.

Der Hirtenbrief umfasst sechs Seiten, am Schluss die dringende Empfehlung:

Dieser Ökumenische Hirtenbrief möge am 10. oder 11. November 2018 in allen katholischen und evangelischen Pfarren des Burgenlandes zur Gänze oder in Auszügen verlesen werden.

Download (pdf) des Hirtenbriefes auf der Website der Diözese Eisenstadt.

Dort siehe auch „Zsifkovics und Koch gegen ‚Unkultur des Schweigens‘„.

Danke ORF Burgenland für den Bericht online und im TV (ORF-Mediathek).