Simon Salloman Sinzheim, 23. Siwan 544 (= Mittwoch, 14. April 1784)


Die Grabinschrift

Inschrift Simon Sinzheim: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier ist) b(egraben) פ“נ
[2] d(er ehrbare) H(err) Simon, Sohn d(es ה“ר שמעון בן
[3] ehrbaren) H(errn) Salman Segal, ה“ר זלמן סגל
[4] s(ein Andenken) m(öge bewahrt werden), Sinzheim. ז“ל זינצהיים
[5] E(r starb) u(nd) w(urde begraben) am Mittwoch, 23. נ“ו“נ יו’ ד’ ך“ג
[6] Nisan 543 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). ניסן ת“ק“מ“ג לפ“ק


Anmerkungen

Der Grabstein von Simon Salloman Sinzheim ist der heute noch existierende älteste Grabstein des jüdischen Friedhofs Währing!

Zeile 6: Die Jahreszahl des Sterbedatums ist falsch, 543 ist 1783, der jüdische Friedhof Währing wurde aber erst 1784 angelegt. Zudem wäre der 23. Nisan 543 auch kein Mittwoch, sondern ein Freitag (der 25. April 1783) gewesen. Es muss also statt ת“ק“מ“ג natürlich ת“ק“מ“ד heißen.
Der 23. Nisan 544 ist Mittwoch, der 14. April 1784 (s.u. Biografische Notizen).

Interessant und eher unüblich ist, dass in der hebräischen Grabinschrift mit Ausnahme des Titels כהרר „d(es ehrenwerten) H(errn), u(nseres) M(eisters)“ in Zeile 3 keine Abkürzungen verwendet wurden.


Biografische Notizen

Simon Salloman Sinzheim, Diskrepanz beim Sterbedatum:

Hebräische Grabinschrift: gest. Mittwoch, 23. Nisan 544 = 14. April 1784 (laut hebräische Grabinschrift, eingerechnet der Fehler in der Jahreszahl, s.o. Anmerkungen zu Zeile 6).
Sterbebuch Währing (s.u.): Gestorben 13. April 1784 mit 45 Jahren an „der Abzehrung, Erschöpfung“ (also praktisch verhungert) im „weißen Stern“. Auch der Polizeibericht spricht vom 13. April 1784 (s. Anmerkung Dr. Pinkas Heinrich oben!).
Wiener Diarium (Vorläufer der „Wiener Zeitung“) vom 24. April 1784, Seite 12: Gestorben „Vor der Stadt“ (Seite 11) am 12. April (1784) Simon Salamon Zinzheimer, Jud, alt 44 Jahre, am hinteren oberen Markt N. 463 (s.u.).

Eintrag Sterbebuch Simon Sallomon Sinzheim, 13. April 1784

Eintrag Sterbebuch Simon Sallomon Sinzheim, 13. April 1784



Wiener Diarium 24. April 1784, Seite 12

Wiener Diarium 24. April 1784, Seite 12


Vater: Salman Abraham Jakob ben Eisik ha-Levi Sinzheim, gest. 08. Juli 1757 (wie Sohn Simon) mit 44 Jahren, begraben auf dem jüdischen Friedhof Rossau (Seegasse, Wien).

Salman Sinzheim war ein Brudersohn des bekannten Hoffaktors Löb Sinzheim […] Das reiche Lob, das Salman Sinzheim in der Grabschrift gespendet wird, findet eine Bestätigung durch einen Zeitgenossen, der seine Gastfreundschaft in reichem Maße genossen hatte […] so lernen wir aus dem anderen gelegentlichen Bemerkungen des Autors seinen Einfluss bei den höchsten Stellen kennen. Der mächtige, aber kinderlose Onkel Löw Sinzheim sorgte wie für seine Nichte auch für seinen Neffen, in dem er ihn in die großen geschäftlichen Unternehmungen einführte und zum „Mit-Universalerben“ einsetzte. Salomon Sinzheim hatte den kaiserlichen Marstall mit Pferden, Futter u. dgl. m. zu versehen […] In der […] Liste Wiener Juden aus dem Jahre 1752 erscheint der Haushalt Salomon Sünzheims (sic!) als der eines großen Kaufherrn, in dem es von allerhand „Domestiken“ wimmelt.

Wachstein B., Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien, 2. Teil, 1696 – 1783, Wien 1917, 397ff.

Der erwähnte Onkel ist Jehuda Efraim genannt Löb ben Chajjim ha-Levi Sinzheim und starb am 04. Juni 1744. Er ist ebenfalls am jüdischen Friedhof in der Seegasse begraben, in einem Sarkophag aus Marmor.

Löb (Löw) Sinzheim war einer der Bedeutendsten unter den Wiener jüdischen Finanzmännern des 18. Jahrhunderts. Seine Familie scheint aus Worms zu stammen. Seit 1699 lebte sein Vater Chajjim ben Salomo Sinzheim als Vorsteher in Mannheim, wo er 1721 starb. […] Nach Wien kam Löw infolge der 1709 eingegangenen Ehe mit Mirjam, der Tochter Josef Guggenheims, eines Schwiegersohnes Samuel Oppenheimers, wie er denn auch unter dem Schutze des Oppenheimerschen Privilegiums lange Zeit lebte […] Schon in den ersten Jahren seines Wiener Aufenthaltes sehen wir ihn sich an größeren Finanzoperationen beteiligen […] In der Folge begegnen wir ihm unablässig fast bis zu seinem Tode an allen großen Unternehmungen teilnehmen, bald auf eigene Rechnung, bald als Vertreter der holländischen Firma Deutz, bald in Verbindung mit Marx Schlesinger und mit anderen Kapitalisten […]Aber nicht nur als Geschäftsmann war Sinzheim bekannt, sondern auch als Wohltäter und Mäzen…

Wachstein B., Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien, 2. Teil, 1696 – 1783, Wien 1917, 280ff.

Es darf nicht verwundern, dass wir auch hier Berührungspunkte mit der jüdischen Gemeinde Eisenstadt finden. Der oben erwähnte Marx Schlesinger (Mordechai ben Moses Margulies) hatte schon im Wiener Ghetto eine geachtete Stellung eingenommen und starb 1683 eines gewaltsamen Todes, wie wir aus dem Epitheton „der Heilige“ hinter seinem Namen schließen dürfen. Polnische Soldaten hatten ihn in Klosterneuburg ermordet. Dieses Epitheton finden wir zwar nicht auf den Wiener Grabsteinen, wohl aber auf den Eisenstädter Grabsteinen seiner Nachkommen (und in anderen Aufzeichnungen).

Sein Sohn Wolf (bürgerlich: Wolf Schlesinger), war über Nikolsburg nach Eisenstadt gekommen und hielt zeit seines Lebens seine Beziehungen zu Eisenstadt aufrecht. Er starb am 13. Juni 1727 und ist auf dem jüdischen Friedhof in der Seegasse begraben.
Sohn Israel (Ascher Anschel) Güns (bürgerlich: Israel Marx Schlesinger) war erst als alter Mann nach dem Jahr 1721 in die königliche Freistadt Eisenstadt gekommen, ist dort 1734 gestorben und am älteren jüdischen Friedhof begraben. Israel Schlesinger ist der Stammvater der Familie Güns (-Schlesinger) und der Urgroßvater von Rabbi Akiba Eger!

Ebenfalls am jüdischen Friedhof in der Seegasse begraben ist eine Tochter unseres Simon Salloman Sinzheim, Hindche Tochter Simson ha-Levi Sinzheim, die am 25.? Jänner 1775 starb, siehe
Wachstein B., Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien, 2. Teil, 1696 – 1783, Wien 1917, 499.

Ein 15jähriger Sohn Simons, namens Salomon Sinzheim, starb am 19. April 1779, Kienmarkt 463.


Personenregister jüdischer Friedhof Währing