…von den Friedhofsprojekten des Österreichischen jüdischen Museums in Eisenstadt

English version


Der Artikel ist die deutschsprachige Version meines bei der 39. Internationalen Konferenz zur Jüdischen Geneaolgie in Cleveland, Ohio, am 31. Juli 2019 in Englisch gehaltenen Vortrages. Er wird bis auf die einleitende Vorstellung meiner Person hier ungekürzt wiedergegeben.

Lesen Sie auch meinen zweiten Vortrag vom 02. August 2019 „Hilfe ich kann nicht Hebräisch…„.

Ich danke sehr herzlich für die Einladung und dass ich die Gelegenheit habe, hier zu sprechen.

Vorweg: Sie müssen nicht mitschreiben oder die Sorge haben, etwas zu überhören. Sie bekommen am Schluss der Präsentation einen Link, wo Sie die gesamte Präsentation inklusive aller Beispiele sowie alle Tools downloaden können!


Die Bedeutung biografischer Informationen in hebräischen Grabinschriften.

Eingangs-Hypothese

Die hebräischen Grabinschriften führen insbesondere innerhalb der genealogischen Forschungen meist nur ein Schattendasein und bekommen nur selten den Stellenwert, den sie haben sollten.

Wenn ich mir die einschlägigen Web-Portale ansehe, allen voran natürlich das Jewish Genealogy Portal auf Facebook, fällt auf, dass zwar häufig Übersetzungshilfen von hebräischen Grabinschriften erbeten werden, dass das Interesse sich dabei aber meist auf den Namen und das Sterbedatum beschränkt. Dass also jener oft dominante Teil einer hebräischen Grabinschrift, das sogenannte Lob (die Eulogie), kaum oder gar nicht Beachtung findet.

Und das ist schade. Denn damit lässt der Genealoge mit einem sehr hohen Wahrscheinlichkeitsgrad für die genealogische Forschung enorm relevante (biografische) Daten außen vor. Daten und Informationen, die wir in den meisten Fällen eben nicht in anderen Quellen finden.

Der Titel meiner Präsentation ist:
Was wir lernen sollten von den Friedhofsprojekten des Österreichischen jüdischen Museums in Eisenstadt

Worum aber geht es bei diesem Projekt bzw. diesen Projekten?

Eisenstadt war das Zentrum der sogenannten „Sieben-Gemeinden“, hebr. „Scheva Kehillot“, also sieben heiliger jüdischer Gemeinden auf ehemals westungarischem, heute burgenländischem Gebiet. Das Burgenland ist seit 1921 das östlichste Bundesland Österreichs, an der Grenze zu Ungarn. Die Gemeinden wurden Ende des 17. Jahrhunderts besiedelt, 1938 bedeutete das endgültige Aus jeder jüdischen Ansiedlung, im Burgenland gibt es heute keine jüdischen Gemeinden mehr, nur mehr ein Dutzend Juden. Auf den 14 jüdischen Friedhöfen des Burgenlandes befinden sich etwa 8.000 Grabsteine mit fast ausschließlich hebräischen Grabinschriften. Es existieren im Burgenland keine Lagepläne von Friedhöfen. Es ist notwendig, jeden einzelnen Grabstein vor Ort zu besuchen.

Eisenstadt ist in der Region der einzige Ort, in dem wir heute zwei große jüdische Friedhöfe finden. Der mit Abstand bedeutendste jüdische Friedhof in den ehemaligen „Sieben-Gemeinden“ ist der ältere jüdische Friedhof in Eisenstadt. Der älteste Grabstein ist aus dem Jahr 1679 und der Friedhof wurde bis Sommer 1875 belegt. Der im Herbst 1875 angelegte jüngere jüdische Friedhof war der „Nachfolge-Friedhof“ des älteren und wurde bis 1938 belegt, in wenigen Einzelfällen kam es auch noch zu Begräbnissen nach 1945.

Ende Oktober 1992 wurde dieser jüngere jüdische Friedhof in Eisenstadt geschändet, 88 Grabsteine, oder präzise gesagt, die hebräischen Grabinschriften wurden mit Naziparolen und Nazisymbolen beschmiert:

Diese Schändung führte mich dazu, alle Inschriften des jüngeren jüdischen Friedhofes zu transkribieren, sie vollständig und zeilengerecht zu übersetzen und die Inschriften ausführlich zu kommentieren.

Erschienen ist die Aufarbeitung als Buch 1995 (damals, als das Internet noch in den Kindeschuhen war, noch mit Betriebssystem MS-DOS 6 erstellt und eine Herausforderung) und war in Österreich das erste (!) Buch dieser Art nach 1945.

Es ging mir vor allem darum, festzustellen, welche Grabsteine überhaupt auf diesem jüngeren jüdischen Friedhof vorhanden sind, wer also hier begraben ist (wie gesagt, Lagepläne fehlen zur Gänze!). Niemand wusste die Namen der Toten, die hier begraben sind, niemand konnte ein bestimmtes Grab finden.

Genealogische Ansprüche hatte die Publikation nur am Rande, genealogische Portale, wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht, Sterbebücher mussten mühsam fotografiert und gelesen werden, wir beschränkten uns in der Publikation auf biografische Notizen.

Der ältere jüdische Friedhof in Eisenstadt hat 1085 Grabsteine mit ausschließlich hebräischen Inschriften! Wir finden keinen einzigen nicht-hebräischen Buchstaben auf dem Friedhof.

Bereits 1922 publizierte der langjährige Direktor der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Dr. Bernhard Wachstein, alle Grabinschriften des älteren jüdischen Friedhofes. Das bedeutet, dass wir zwar wissen, wer 1922 auf dem Friedhof begraben war, welche Grabsteine sich damals auf dem Friedhof befunden haben, dass wir aber bis 2015 nicht wussten, wie viele Gräber überhaupt und welche Gräber jetzt noch auf dem Friedhof zu finden sind und vor allem, wo sich welches Grab auf dem Friedhof befindet. Tausende Menschen aus aller Welt besuchen jährlich den älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt, aber insbesondere Angehörige und Nachfahren hatten jahrzehntelang keine Möglichkeit das Grab oder die Gräber ihrer Familienangehörigen auf dem Friedhof zu finden!

Diese sehr traurige Situation führte schließlich 2015 zum großen Projekt „Älterer jüdischer Friedhof von Eisenstadt“. Es ging dabei einerseits um eine längst überfällige historische und kulturgeschichtliche Notwendigkeit und andererseits aber vor allem auch um eine religiöse Notwendigkeit, mehr noch – um eine religiöse Pflicht. Denn es ist, nach der Pikuach Nefesch, der Rettung aus der Lebensgefahr, die wichtigste Mitzwa, Kavod Hamet, die Achtung der Würde des Toten, und dazu gehört, die Gräber der Toten zu kennen!

Die vollständige Dokumentation, sowohl des älteren als auch des jüngeren jüdischen Friedhofes (dieser folgte 2017, vor allem ergänzt mit biografischen Daten), findet sich im Internet, im Blog des Österreichischen Jüdischen Museums, wo jeder Grabstein und jede Grabinschrift abgerufen werden kann. Für Menschen, besonders Nachkommen, die ihre Verwandten und Vorfahren suchen, gibt es auf jedem Grab auf beiden Friedhöfen einen QR-Code, der zur URL des Grabsteins mit Foto, Inschrift, Links zu den Verwandten sowie Lageplan führt. Ich darf sagen ‒ ein Service, das weltweit einzigartig ist. Der genealogische Anspruch unserer Arbeit ist mit den Jahren gewachsen, war die Hauptfrage beim älteren jüdischen Friedhof „Woher sind die Menschen gekommen“, änderte sich die Frage beim jüngeren Friedhof und lautete nun „Was ist mit ihnen geschehen?“ Nämlich mit den Ehepartnern, Kindern und Schwiegerkindern, die nicht am Friedhof begraben sind.

Wenn wir über die Grabsteine und hebräischen Inschriften der beiden jüdischen Friedhöfe von Eisenstadt sprechen, sprechen wir über Grabsteine, deren hebräische Inschriften oft 40 Zeilen (!) und mehr umfassen (Guetel/Meir Austerlitz, Malka Austerlitz, Fradl/Loeb Schacherls):

Wir sprechen also von Grabinschriften, auf denen wir in der hebräischen Inschrift neben Name und Sterbedatum noch viele weitere Informationen finden, Informationen, die oft höchste genealogische Relevanz haben!

Im Folgenden daher ein deutliches Plädoyer für die hohe Relevanz von hebräischen Grabinschriften für die genealogische Forschung:

Schon eingangs habe ich versucht klar zumachen, dass der Name und das Sterbedatum sehr oft nicht die einzigen biografischen Informationen sind und dass jener oft dominante Teil einer hebräischen Grabinschrift, das sogenannte Lob (die Eulogie), kaum oder gar nicht Beachtung findet.

Als Lob bzw. Eulogie bezeichnen wir – grob gesagt – meist jenen Mittelteil einer hebräischen Grabinschrift, der vom Zeilenumfang her den größten Teil der Inschrift ausmacht und mit biblischen, nachbiblischen und rabbinischen Wendungen und Zitaten den individuellen Lebenswandel des Verstorbenen zunehmend immer detailreicher beschreibt.

Als Stilmittel werden der Reim gerne verwendet oder das Akrostychon, also dass die Zeilenanfänge ‒ von oben nach unten gelesen ‒ den Namen des oder der Verstorbenen wiederholen, oft durch größere Buchstaben oder Markierungen über den Buchstaben kenntlich gemacht (Adele Wolf, 14. Jänner 1894):

Grabstein / gravestone Adele Wolf, 14/01/1894

Grabstein / gravestone Adele Wolf, 14/01/1894, jüngerer jüdischer Friedhof / younger Jewish cemetery in Eisenstadt



Hier etwa hilft das Akrostychon sogar den hebräischen Namen der Verstorbenen korrekt zu lesen, da dieser in der Namenszeile ausgebrochen ist.

Obwohl die Eulogie nie eine 1:1-Abbildung des realen Lebens sein will, schon gar nicht des bürgerlichen Lebens, besteht die Herausforderung darin, die biografisch relevanten Informationen aus den stereotyp und zitatenreich formulierten Texten zu „entdecken“ und zu verstehen.

Am jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt finden wir unmittelbar nebeneinander die Grabsteine der Brüder Bernhard Austerlitz und Heinrich Austerlitz:

Grabstein / gravestone Bernhard Austerlitz, 17/06/1918

Grabstein / gravestone Bernhard (Baruch) Austerlitz, 17/06/1918, jüngerer jüdischer Friedhof / younger Jewish cemetery in Eisenstadt



Bernhard Baruch Austerlitz starb 1918 im Alter von 82 Jahren und hatte mit seiner Ehefrau Rosa 11 nachweisbare Kinder (4 Töchter, 7 Söhne). Wir fanden von allen Kindern die Geburtseinträge.

Dass wir in diesem Fall Mühe aufwenden sollten, nach Kindern in den Matriken zu suchen, wissen wir von der hebräischen Grabinschrift, wo es in Zeile 11 und 12 heißt:

Auch seine Kinder (wörtlich „Söhne“) und seine Nachkommen (gemeint sind wohl die Enkel und Urenkel!) unterwies er auf dem Weg der Vollkommenheit.

Das hebräische Wort בנים „banim“, „Söhne“, wird üblicherweise für „Kinder allgemein“ verwendet, und zwar meist dann, wenn nicht auch die Töchter zusätzlich und ausdrücklich erwähnt werden (wie wir gleich sehen werden).

Der daneben begrabene Bruder Heinrich (Benedikt Mose Chajim) Austerlitz ist 9 Jahre früher gestorben, am 28. Dezember 1909. Er war noch älter als sein Bruder, nämlich 85 Jahre, seine Frau Katharina, die auch am jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben ist, starb ebenfalls mit 85 Jahren 1921.

Grabstein / gravestone Heinrich (Benedikt Mose Chajim) Austerlitz, 28/12/1909, jüngerer jüdischer Friedhof / younger Jewish cemetery in Eisenstadt

Grabstein / gravestone Heinrich (Benedikt Mose Chajim) Austerlitz, 28/12/1909, jüngerer jüdischer Friedhof / younger Jewish cemetery in Eisenstadt



Und selbstverständlich begannen wir ‒ sozusagen routinemäßig ‒ in den Matriken nach Kindern des Ehepaares zu suchen, da wir davon ausgingen, dass wir ‒ wie bei seinem Bruder ‒ auch bei Heinrich und Katharina Austerlitz mehrere Kinder finden würden.

Genau diese Suche in Matriken oder anderen Quellen können sich aber Genealogen ersparen, wenn sie die Zeile 10 in der langen hebräischen Grabinschrift kennen und berücksichtigen, denn dann wird klar, dass das Ehepaar in 50 Jahren ihrer gemeinsamen Ehe kinderlos blieb (und offensichtlich auch bleiben wollte), denn in Zeile 9 und 10 lesen wir:

Chajim genoss das Leben mit der Frau, die er beinahe 50 Jahre liebte.
Er hatte keine Kinder; mehr wert als Söhne und Töchter war der gute Name, den er sich erworben hatte.

Wir lernen also: Lesen wir ausdrücklich בנות „banot“, „Töchter“, können wir uns darauf verlassen, dass es auch oder nur Töchter gab. Problematischer ist בנים „banim“, „Söhne“, weil sowohl „Kinder“ allgemein als auch explizit „Söhne“ gemeint sein können. Hier ist oft Fingerspitzengefühl bei der Übersetzung notwendig. Wenn es etwa heißt „er brachte viele ‚banim‘ in den Bund Abrahams“ sind natürlich die „Söhne“ gemeint, genauso wenn wir eine Zahl davor finden: „Ein Vater von sieben ‚banim'“ ist natürlich ein Vater von sieben „Söhnen“ und nicht „ein Vater von sieben Kindern“. Wenn wir allgemeine Formulierungen finden wie oben „Er hatte keine ‚banim'“ ist gemeint, dass er „keine Kinder“ hatte.

Ortsangaben

Ebenfalls in der Eulogie, aber auch in kurzen Inschriften ohne Eulogie, finden wir häufig Ortsangaben: Geburts- bzw. Herkunftsort oder Sterbeort. Sterbeort vor allem dann, wenn die oder der Verstorbene in einem anderen Ort als jenem, in dem sich der Grabstein befindet, verstorben ist. Grabstein von Monisch ben Mordechai aus Eibenschitz (Ivančice), gestorben 27. Jänner 1737 (מאייבשיץ „aus Eib(en)schitz“):

Grabstein / gravestone Monisch ben Mordechai aus Eibenschitz, 27/01/1737

Grabstein / gravestone Monisch ben Mordechai aus Eibenschitz, 27/01/1737, älterer jüdischer Friedhof / older Jewish cemetery in Eisenstadt



Oder der Grabstein von Adolf Wolf, der am 07. Juli 1929 (in) במרחץ אישל „Merchatz Ischl“ = Bad Ischl verstarb, Zeile 15):

Grabstein / gravestone Adolf Wolf, 07/07/1929

Grabstein / gravestone Adolf Wolf, 07/07/1929, jüngerer jüdischer Friedhof / younger Jewish cemetery in Eisenstadt



Es hätte hier selbstverständlich auch die Möglichkeit gegeben, den Ortsnamen einfach Deutsch, aber mit hebräischen Buchstaben zu schreiben, man hat aber die direkte Übersetzung von „Bad“ = hebräisch „merchatz“ bevorzugt. Bad Ischl ist ein auch bei Juden sehr beliebt gewesener österreichischer Kurort im Zentrum des Salzkammergutes im südlichen Teil von Oberösterreich.

Für Genealogen ist die Angabe des Sterbeorts natürlich extrem hilfreich, weil im betreffenden Ort weitere Quellen (wie Tageszeitungen etc.) nach Spuren durchsucht werden können. Umso mehr, also etwa der Tod von Adolf Wolf nicht nach Eisenstadt gemeldet wurde, der Tod von Adolf Wolf also nicht auch im Sterbebuch von Eisenstadt eingetragen ist!

Mit anderen Worten: Nur mit der Durchsuchung des Sterbebuches Eisenstadt, also der Basisarbeit des Genealogen, würden wir Adolf Wolf nicht finden. Und andererseits wüssten wir ohne die vollständige Dokumentation des jüdischen Friedhofes in Eisenstadt und ohne das Lesen und Übersetzen der gesamten hebräischen Inschriften nicht, wo Adolf Wolf gestorben und begraben ist!

Dass der Geburts- bzw. Herkunftsort aus genealogischer Sicht von enormer Bedeutung ist, muss hier nicht weiter ausgeführt werden:

Juliana (Jütl) Holzer ist am älteren jüdischen Friedhof in Eisentadt begraben. Sie starb am 14. März 1845 und ist die erste Ehefrau des Urgroßvaters von Herrn Samuel Holzer, Natan Holzer. Jütl Holzer, in Eisenstadt geboren und zuständig nach Kobersdorf מק“ק ק“ד („aus der heiligen jüdischen Gemeinde Kobesdorf“, Zeile 3), ist 25 Tage nach der Geburt ihres ersten Kindes Anton (Todros) in Eisenstadt verstorben:

Grabstein / gravestone Juliana (Jütl) Holzer, 14/03/1845

Grabstein / gravestone Juliana (Jütl) Holzer, 14/03/1845, älterer jüdischer Friedhof / older Jewish cemetery in Eisenstadt



Eine sehr exakte Angabe des Herkunftsortes finden wir in der Inschrift am Grabstein von Jütel Cohen, gestorben 1765:

Grabstein / gravestone Juetl Cohen, 06/10/1765

Grabstein / gravestone Juetl Cohen, 06/10/1765, älterer jüdischer Friedhof / older Jewish cemetery in Eisenstadt



Sie kommt aus Tenovice (Zeile 4) in Böhmen, hebräisch פיהם „peham“ (Zeile 5)! (Das muss man wissen, dass „peham“ eine der hebräischen Bezeichnungen für Böhmen ist). Nur am Rande sei angemerkt, dass insbesondere hebräische Namen von Orten oft große Herausforderungen darstellen, wie etwa auch das hebräische כנען „Kna’an“ weder etwas zu tun hat mit dem historischen Ort in Galiläa noch mit dem Gebiet Canaan, sondern schlicht ein weiterer hebräischer Name für Böhmen ist.

Der hebräische Name (Synagogalname) versus bürgerlichen Namen

Grundsätzlich: In hebräischen Grabinschriften ist immer und ausschließlich der hebräische Name (oder Synagogalname) angegeben, und zwar sowohl von Frauen als auch von Männern. Es wird nie der bürgerliche Name angegeben. In jüngeren Inschriften finden wir den bürgerlichen Namen gelegentlich als Zusatz in deutscher oder ungarischer Sprache, aber eben nie in der hebräischen Inschrift (Beispiele: Antonia (Taube) Hirsch, 04. Oktober 1936, jüdischer Friedhof Mattersburg, und Charlotte (Schwarzl) Spitzer, 05. Juni 1914, jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt):

Wir finden also in der hebräischen Inschrift nie „Charlotte“, sondern etwa „Schwarzl“, nie „Antonia“, sondern etwa „Taube“ und nie „Armin“, sondern z.B. „Mordechai Zvi“.

Am älteren jüdischen Friedhof, darauf wurde schon hingewiesen, finden wir unter 1.085 Grabsteinen keinen einzigen bürgerlichen Namen.

Aber sogar am jüngeren jüdischen Friedhof finden wir in der heute zweiten, ursprünglich ersten Reihe, der sogenannten Rabbiner-Reihe, in der sich 22 Grabsteine aus der Zeit von 1878 bis 1937 befinden, keinen einzigen nicht hebräischen Buchstaben und folglich auch keinen deutschen Namenszusatz.

Ein sehr schönes Beispiel für die regionale Besonderheit von Nachnamen finden wir am jüdischen Friedhof von Triest in der hebräischen Grabinschrift von Adele Aschkenasi, gestorben 1873:

Grabstein / gravestone Adele Ashkenasi, 08/11/1873

Grabstein / gravestone Adele Ashkenasi, 08/11/1873, jüdischer Friedhof / Jewish cemetery in Triest



In der hebräischen Inschrift heißt sie Adele Aschkenasi (Zeile 2). „Aschkenas“ אשכנז ist Hebräisch „Deutschland, Deutsch“.

Sterbebuch / death book Triest, Adele Tedeschi

Sterbebuch / death book Triest, Adele Tedeschi



Wenn wir nun im Sterbebuch von Triest den Eintrag suchen, werden wir nichts finden, wenn wir Aschkenasi suchen. Denn Adele ist als „Tedeschi“ (das italienische Wort für „Aschkenasi/Deutsch“) eingetragen. Und wäre Frau Tedeschi, hebräisch Aschkenasi, z.B. aus Wien oder Eisenstadt, und die Sterbemeldung würde in ihren Heimatort geschickt werden, wäre sie unter „Deutsch“ zu finden.

Adele Aschkenasis Grabstein ist sehr klein, die Inschrift sehr kurz, dennoch gehört die Inschrift zu den reizvollsten und interessantesten Inschriften, die ich kenne, vor allem aber auch, weil in dieser so kurzen Inschrift eine Menge an genealogischen Hinweisen verpackt ist:

Grabstein / gravestone Adele Ashkenasi, 08/11/1873

Grabstein / gravestone Adele Ashkenasi, 08/11/1873, jüdischer Friedhof / Jewish cemetery in Triest



Denn in der hebräischen Inschrift (Zeile 3) lesen wir, dass Adele an einer מגפה „magefa“ (Plage, Epidemie) gestorben. Das Sterbebuch bestätigt das und präzisiert, dass sie die Frau des Händlers Moise Tedeschi war und mit 25 Jahren an der Cholera starb. So weit so gut.

Was wir aber im Sterbebuch nicht lesen, ist, dass Adele einen Sohn hatte, der die Epidemie offenbar überlebte. Das lesen wir nur in der hebräischen Inschrift Zeile 5 und 6! Da heißt es:

Sie verstarb an der Cholera am Schabbat „Fürchte dich nicht, denn Gott hat gehört die Stimme des Knaben„.

Aber warum behaupte ich, dass dieser Satz in der Inschrift darauf hinweist, dass der Sohn die Cholera überlebt hat?

Weil dieser Satz in der Inschrift ein Vers aus jener Parascha, also jenem Toraabschnitt ist, der am Schabbat, an dem Adele starb, gelesen wurde. Die Parascha umfasst die Bibelverse Genesis 18,1-22,24 und da finden wir auch den Satz, der in der Inschrift steht (Genesis 21,14-18).

Um die genealogische Relevanz dieses Satzes wirklich umfassend zu verstehen, zitiere ich den betreffenden Absatz aus der Parascha, wo eben auch der Satz aus der Inschrift vorkommt:

14) Früh am Morgen stand Abraham auf, nahm Brot und einen Schlauch mit Wasser und gab es Hagar, legte es ihr auf die Schulter, übergab ihr das Kind und entließ sie. Sie zog fort und irrte in der Wüste von Beerscheba umher. 15) Als das Wasser im Schlauch zu Ende war, warf sie das Kind unter einen Strauch, 16) ging weg und setzte sich in der Nähe hin, etwa einen Bogenschuss weit entfernt; denn sie sagte: Ich kann nicht mit ansehen, wie das Kind stirbt. Sie saß in der Nähe und erhob ihre Stimme und weinte. 17) Gott hörte den Knaben schreien; da rief der Engel Gottes vom Himmel her Hagar zu und sprach: Was hast du, Hagar? Fürchte dich nicht, denn Gott hat die Stimme des Knaben gehört, dort, wo er liegt. 18) Steh auf, nimm den Knaben hoch und halt ihn fest an deiner Hand; denn zu einem großen Volk will ich ihn machen.

Eindeutiger geht es nicht und die Botschaft des zitierten biblischen Verses ist klar: Adele hatte jedenfalls einen Sohn und der Satz aus der Parascha in der Grabinschrift würde keinen Sinn machen, wenn der Sohn die Cholera nicht überlebt hätte.

In jedem Fall ein wunderschönes Beispiel, dass eine auch noch so kurze hebräische Grabinschrift mehr an biografischen Hinweisen geben kann als andere genealogische Quellen!

Grabstein / gravestone Juliana Machlup, 15/03/1838

Grabstein / gravestone Juliana Machlup, 15/03/1838, älterer jüdischer Friedhof / older Jewish cemetery in Eisenstadt



Ein besonders schönes Beispiel für den Umgang mit dem hebräischen Namen zeigt auch die hebräische Grabinschrift der mit 27 Jahren früh verstorbenen Juliana (Jentel) Machlup, gestorben 1838 und begraben am älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt.

In der schönen langen Inschrift lesen wir:

Eine anmutige Frau … bei der Schönheit und Lieblichkeit sich mit einem edlen Herzen vereinten. Betrübten Gemütes, bedrängt von der Zeit … kehrte sie noch eine junge zarte Lilie in das väterliche Haus zurück … erkrankte und ertrug mit Geduld das ihr auferlegte Leid … und als die Zeit für die junge Taube (Tochter des Jona) herannahte, da flog sie hoch in den Himmel hinauf

Das hebräische Wortspiel in Zeile 14 ist faszinierend: בת יונה „bat jona“ ist wörtlich „junge Taube“, aber eben auch zu übersetzen mit „Tochter des Jona“ (hebräisch „jona“ ist „Taube“). Natürlich kann der ganze Satz auch als Euphemie für das Sterben interpretiert werden.

Durch die Formulierung „bat jona“ wissen wir aber definitiv, dass der Vater von Juliana „Jona“ heißt und es ist Jona Klaber, der zum Zeitpunkt des frühen Todes seiner Tochter noch lebte, 1858, also 20 Jahre später, starb und ebenfalls am älteren jüdischen Friedhof begraben ist.

Ortsnamen als Nachname sind ein bekanntes Phänomen, über das wir hier nicht ausführlich sprechen müssen. Auf dem älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt finden wir bei 1085 Grabsteinen 51x den Namen Austerlitz, 50x den Namen Güns, 30x den Namen Spitz oder Spitzer, 7x den Namen Nikolsburg, weiters die Namen Neufeld, Winden, Mühlendorf, Rust, Lackenbach, Kittsee, Koblenz, Wiesbaden, Halberstadt, Wien, Krakau, Pressburg, Stampfen, Brünn oder Schaffa.

Dass die Ortsnamen in der Frühzeit (17., 18. Jahrhundert) selbstverständlich für genealogische Belange eine verstärkte Rolle spielen, liegt auf der Hand. Insbesondere dann, wenn in der hebräischen Inschrift noch der Ortsname als Name verwendet wird, sich in den Sterbebüchern und bei den folgenden Generationen aber ein ganz anderer Name findet: Etwa der Ortsname „Mühlendorf“ in der hebräischen Inschrift, im Sterbebuch eingetragen als „Pollak“.

Spannender noch sind Namen, die Berufsbezeichnungen wiedergeben und die wir ohne Hebräischkenntnisse nur schwer in den Sterbebüchern finden können. Oder vielleicht umgekehrt deutlicher:

Grabstein / gravestone Abraham Goldschmidt, 11/11/1735

Grabstein / gravestone Abraham Goldschmidt, 11/11/1735, älterer jüdischer Friedhof / older Jewish cemetery in Eisenstadt



Finde ich in den Sterbebüchern einen Abraham Goldschmidt, gestorben 1735, und suche sein Grab am jüdischen Friedhof, muss ich wissen, dass ich, zumindest in der Frühzeit, also 17. Und 18. Jahrhundert, einen Abraham Zoref (Zeile 7) suchen muss, weil das hebräische Wort צורף „zoref“ eben „Goldschmied“ heißt.

Selbiges gilt, wenn ich in den Sterbebüchern einen Moses Schneider, gestorben 1791, finde:

Grabstein / gravestone Mose Chajjat, 16/10/1791

Grabstein / gravestone Mose Chajjat, 16/10/1791, älterer jüdischer Friedhof / older Jewish cemetery in Eisenstadt



Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass wir in der Frühzeit am jüdischen Friedhof den Grabstein des Moses Chajjat (Zeile 4) suchen müssen, denn das hebräische Wort חייט „chajjat“ bedeutet „Schneider“.

Schließlich ist es für Genealogen sicher hilfreich, wenn sie wissen, dass Hirsch, der Sohn des Gelehrten Löb Rofe (Zeile 6), der Sohn eines Arztes ist, denn das hebräische Wort רופא „rofe“ bedeutet „Arzt“.

Grabstein / gravestone Hirsch Rofe, 11/04/1723

Grabstein / gravestone Hirsch Rofe, 11/04/1723, älterer jüdischer Friedhof / older Jewish cemetery in Eisenstadt



Die Liste ließe sich fortsetzen, selbiges gilt natürlich auch für den Namen „chasan“ חזן, was „Vorbeter / Kantor“ bedeutet oder, um das wohl berühmteste Beispiel zu zitieren: Moses Sofer oder Moses Schreiber, weil „sofer“ סופר eben „Schreiber“ bedeutet (bekannt ist er als Chatam Sofer und war 33 Jahre lang Rabbiner von Pressburg).

Zu den in einschlägigen Foren am häufigsten gestellten Fragen gehört inwieweit hebräische Namen (Synagogalnamen) bestimmten bürgerlichen Namen entsprechen und umgekehrt, also ob von hebräischen Namen verlässlich auf bestimmte bürgerliche Namen geschlossen werden kann!

Wir kennen die „üblichen Verdächtigen“: ob der hebräische Name Mose immer Max, Sigmund immer Bernhard entsprechen würde…

Faktum ist, dass wir aus hebräischen Namen nie verlässlich auf bürgerliche Namen schließen dürfen und vice versa, wenn wir bürgerliche Namen finden, dürfen wir von diesen nie verlässlich auf hebräische Namen schließen. Zumindest müssen wir immer davon ausgehen, dass alles auch ganz anders sein kann!

Zwar häufen sich gewisse Regelmäßigkeiten wie Mordechai und Max oder Rösl und Theresia, aber es gibt genügend Beispiele, die ein ganz anderes Bild zeichnen. Selbstverständlich, und das darf nicht außer Acht gelassen werden, sind auch regionale und zeitliche Unterschiede feststellbar. Wenn wir Statistiken erstellen wollen, die zu einem seriösen Ergebnis kommen sollen, müssen vorab strenge Kriterien und Parameter festgelegt werden: Region, Zeitraum, gegebenenfalls auch religiöses Klima, also ob es sich um eine orthodoxe Gemeinde handelte usw.

So finden wir etwa nur auf den beiden jüdischen Friedhöfen von Eisenstadt, also auf insgesamt ca. 1.400 Grabsteinen für den bürgerlichen Namen

  • Max die hebräischen Namen Meir, Mordechai, Mose und Michael Zvi.
  • Für Sigmund finden wir Jesaja, Samuel, Paltiel und Issachar (nur am Rande sei angemerkt, weil vorhin die regionalen Unterschiede erwähnt wurden: für den hebräischen Namen Issachar finden wir beispielsweise in Deutschland, im Unterschied zum Osten Österreichs, meist den bürgerlichen Namen Bernhard, daneben etwa auch Hermann)
  • Für Adolf finden wir vor allem Aron und Abraham.
  • Für Alexander finden wir Saul, Süßkind, Salomo Jehuda und Sender.
  • Für Heinrich finden wir Mose Chajim und Kalonymus Zvi.
  • Für Rosa / Rosalia finden wir Rachel, Rebekka, Sara, Sarl, Selda und Süssl.

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Statistische Häufungen von Entsprechungen hebräischer Name ‒ bürgerlicher Name sind oft auch in der jüdischen, biblischen Tradition verwurzelt:

So geht die Verbindung der Namen Jehuda und Leopold auf den Jakobssegen in Genesis 49,9 zurück: Hier vergleicht Jakob seinen Sohn Jehuda mit einem Löwen. Daher finden wir häufig die Gleichsetzung von Jehuda und dem hebräischen אריה „Arje“, „Löwe“, dem deutschen Löb/Löw, was dann modernisiert wird zu „Leopold“.

Noch einmal in aller Deutlichkeit: Wir dürfen beim Lesen von Matrikeneinträgen nie davon ausgehen, dass der bürgerliche Name nichts anderes als eine Art Übersetzung des hebräischen Namens ist und vice versa! Es gibt zweifelsohne Regelmäßigkeiten, aber verlassen dürfen wir uns darauf nicht. Lohnend wäre es, wenn es dazu mehr seriöses statistisches Material geben würde, das heute, im technischen Zeitalter, leichter erstellbar wäre als noch vor 100 Jahren.

Geburtsbuch / birth book Deutschkreutz 1887

Geburtsbuch / birth book Deutschkreutz 1887



(Die hebräischen Vornamen von oben nach unten: Mose, Chana, Mose, Chajim Zvi, Bella/Bila, Sanwel, Berl, Mirjam, Sanwel, Josef)

Oft finden wir besonders in Geburtsbüchern auch den hebräischen Namen eingetragen. Der leider von vielen Genealogen gerne ignoriert wird. Dabei geht es primär gar nicht darum, dass sie diesen hebräischen Namen vielleicht nicht lesen können, sondern darum, dass das Bewusstsein nicht vorhanden ist, dass dieser hebräische Name für die genealogische Forschung von enormer Wichtigkeit sein kann!

Und warum das so ist, will ich Ihnen an einem sehr schönen Beispiel zeigen:

In Mattersdorf (Mattersburg), eine der sogenannten „schewa kehillot“, der heiligen „Sieben-Gemeinden“ des heutigen Burgenlandes (früher Westungarn) etwa waren Regina Trebitsch Kohn und Regina Trebitsch Kohn Schwestern! Ja, Sie haben richtig gehört. Beide Schwestern heißen Regina und sind auch so in den Hochzeits- und Sterbebüchern eingetragen. Allerdings waren die bürgerlichen Namen, also Regina in unserem Fall, nur eine Formalität, die beiden Schwestern wurden zuhause mit ihren hebräischen Namen, nämlich Rivka und Rachel, gerufen. Jede genealogische Arbeit kann daher in einem solchen Fall nur über die hebräischen Namen zu einem seriösen Ergebnis führen.

Aus der Praxis: Sie finden im Hochzeitsbuch zum Beispiel drei oder viermal in der fraglichen Zeit eine Hochzeit zwischen Ignatz Kohn und Resl Schwarz, beide Namen sind in der fraglichen Region und in der fraglichen Zeit überaus häufig. Das Alter aller Paare lag zwischen 22 und 32 Jahren. Welche Hochzeit ist nun die richtige, also ist die, die Sie suchen?

Die Lösung führt über die hebräischen Namen, die wir im optimalen Fall in den Geburtsmatriken finden oder nicht selten auch über die hebräische Grabinschrift, in der ebenfalls nur der hebräische Name genannt ist. Dass wir daher bei der Indizierung von Geburts-, gegebenenfalls Hochzeits- und Sterbebüchern, auch die hebräischen Namen indizieren sollten, wird eines der Themen in meiner zweiten Präsentation am Freitag sein.

Alters- und Statusangaben

Der Name wird meist eingeleitet durch die Angabe des Status des oder der Verstorbenen: „Das Kind“, „der Knabe“, „das Mädchen“, „der Junggeselle“, „die junge Frau“, „die Witwe“, „der Greis“ usw. Fast ausschließlich bei Männern kommt zusätzlich noch ein Titel, der vor allem die Funktion innerhalb der Gemeinde beschreibt: der sehr verehrte Herr, der Toragelehrte, der Erhabene, der MORENU = unser Lehrer und Meister usw.

Besondere Vorsicht ist geboten bei den Wörtern הבחור „ha-bachur“, „der Junggeselle“, „der unverheiratete Mann“. Als „Bachur“ kann aber auch ein 60jähriger Mann bezeichnet werden, der nicht verheiratet war! „Bachur“ alleine ist also zunächst eine Status-Bezeichnung und keine Altersangabe! Hingegen ist הבחור החשוב wörtlich „der bedeutende Junggeselle“ immer ein junger unverheirateter Mann! Im Volksmund heißt es „chaschuv bachurl“ und bezeichnet schlechthin einen gelehrten Jüngling!

Ähnlich bei unverheirateten Frauen: הבתולה „ha-betula“ ist die unverheiratete Frau, egal welchen Alters sie ist! Hingegen meint das hebräische Wort העלמה „ha-alma“ immer eine wirklich junge (unverheiratete) Frau!

Grabstein / gravestone Salde Klaber, 13/09/1843

Grabstein / gravestone Salde Klaber, 13/09/1843, älterer jüdischer Friedhof / older Jewish cemetery in Eisenstadt



In diesem konkreten Fall, der Grabstein gehört Salde Klaber, gestorben 1843, lesen wir in der ersten Zeile הבתולה „ha-betula“, also „die unverheiratete Frau“, aber in der Eulogie wird in der ersten Zeile das Wort העלמה „ha-alma“ verwendet mit einem Zitat, angelehnt an Jeremia 4,31 צרה כמבכירה „Angstschrei (über den Tod einer jungen Frau)“. Folglich müssen wir das הבתולה „ha-betula“ in der ersten Zeile natürlich als „Mädchen“ übersetzen!

Stirbt jemand relativ jung, werden meist Formulierungen wie מת בדמי ימיו „Er starb in der Mitte seiner Tage“, ein Zitat aus Jesaja 38,10 oder נקטף בעודו באבו „Er wurde gepflückt noch in seiner Blüte“, angelehnt an Hiob 8,12, verwendet.

Üblicherweise finden wir in hebräischen Inschriften nur sehr ungefähre Altersangaben wie ישיש „jaschisch“, „hochbetagt“, זקן „saken“, „alt“ oder שיבה „seva“, „Greisenalter“, oft in Formulierungen wie „Er erreichte ein gutes Greisenalter“.
מרומם „merumam“ etwa bedeutet eigentlich „erhaben“, wird aber fast ausschließlich nur bei Männern in höherem Alter verwendet.

Das alles können für genealogische Belange natürlich essentielle Informationen sein. Wenn wir bei einem Grabstein nicht sicher sind, ob er der richtige ist und wir zum Beispiel einen jung Verstorbenen suchen, aber das Wort מרומם „merumam“ in der Inschrift finden, wissen wir, dass zumindest die Wahrscheinlichkeit bei 98% liegt, dass der Verstorbene nicht der von uns Gesuchte ist. Häufig kommen alle Ausdrücke nebeneinander bzw. in einer Inschrift vor, siehe etwa Samuel Schneider, gestorben 05. Mai 1928, Zeile 2 und 10:

Grabstein / gravestone Samuel Schneider, 05/05/1928

Grabstein / gravestone Samuel Schneider, 05/05/1928, jüngerer jüdischer Friedhof / younger Jewish cemetery in Eisenstadt



(2) ein alter Mann und Greis
(10) Er verstarb in gutem Ruf mit 82 Jahren

Nicht selten kommen in den hebräischen Grabinschriften der beiden jüdischen Friedhöfe in Eisenstadt aber auch Altersangaben vor, die in der jüdischen Tradition verwurzelt sind, wie etwa in der Inschrift von Samuel (Nataniel) Schönberger, gestorben 04. Mai 1911, Zeile 10 und 11:

Grabstein / gravestone Samuel (Nataniel) Schönberger, 1911/05/04

Grabstein / gravestone Samuel (Nataniel) Schönberger, 1911/05/04, jüngerer jüdischer Friedhof / younger Jewish cemetery in Eisenstadt



Er verstarb in hohem Alter, nachdem er zu Kräften gekommen war

Wie alt war er?

Wir lesen in Psalm 90,10 „Die Zeit unseres Lebens währt siebzig Jahre, wenn es hochkommt, achtzig.“ …ואם בגבורת שמונים שנה… und babylonischer Talmud, Traktat Avot V,25 „…80 Jahre alt zum hohen Alter…“ …בן שמונים לגבורה…. Wenn wir also in einer Inschrift lesen: „Er oder sie starb, nachdem er / sie zu Kräften gekommen war“, dürfen wir davon ausgehen, dass die- oder derjenige mit ca. 80 Jahren verstarb.
Samuel (Nataniel) Schönberger starb tatsächlich laut Sterbematriken mit 79 Jahren.

Die Angabe des Geburtsdatums in hebräischen Grabinschriften ist nicht üblich, was mit dem Bibelvers Kohelet 7,1 erklärt wird:

Besser ein guter Name als Parfüm ‒ und der Tag eines Todes als der Tag einer Geburt.

Über den „guten Namen“ in Inschriften und in der Grabsteinsymbolik gäbe es viel Spannendes zu sagen, aber das hebe ich mir für meine Präsentation am Freitag auf.

Segenswünsche

„Wie das Amen im Gebet“ folgt hinter dem Namen eines Verstorbenen / einer Verstorbenen der Segenswunsch עליו \ עליה השלום „auf ihm/ihr sei Friede“, נוחו עדן „seine Ruhe möge im Garten Eden sein“ oder ז“ל „sein / ihr Andenken möge bewahrt werden“, bei besonders Gelehrten זצ“ל „das Andenken des Gerechten möge bewahrt werden“ o.ä.

Grabstein / gravestone Hendl Hess, 1907

Grabstein / gravestone Hendl Hess, 1907, jüngerer jüdischer Friedhof / younger Jewish cemetery in Eisenstadt



Nicht ganz so regelmäßig und verlässlich ist der Segenswunsch bei noch lebenden Verwandten: נ“י „sein Licht möge leuchten“. In diesem Fall, Grabstein von Hendl Hess, gestorben 1907, (Zeile 5). Das Mädchen starb im Alter von 9 Jahren, der Vater lebte, erwartungsgemäß, noch und wurde übrigens 74 Jahre alt. Dass der Vater in fortgeschrittenem Alter war, erkennen wir in der Inschrift aber ‒ wir haben eben darüber gesprochen ‒ am Wort מרומם „merumam“ (Zeile 4), „erhaben“, das nur bei betagten Männern verwendet wird.

Der Segenswunsch, der meist abgekürzt ist, also gerademal aus zwei oder drei Buchstaben besteht, kann aber bei genealogischen Forschungen das Zünglein an der Waage sein, ob die Suche in die richtige Richtung läuft oder nicht. Ein fast dramatisches Beispiel:

Grabstein / gravestone Franziska (Sprinze) Sabl-Reitlinger, 14/04/1879

Grabstein / gravestone Franziska (Sprinze) Sabl-Reitlinger, 14/04/1879, jüngerer jüdischer Friedhof / younger Jewish cemetery in Eisenstadt



Als ich 1995 das Buch über den jüngeren jüdischen Friedhof publizierte, übersah ich leider bei der Inschrift von Franziska Reitlinger den Segenswunsch עליו השלום „auf ihm sei der Friede“ in Zeile 12. Zeile 10-12 lauten:

Es versammelten sich bei ihr am Tag ihres Begräbnisses die Söhne ihres ersten Ehemannes, des Vorsitzenden und Leiters der Gemeinde, Herrn Abraham Löb Reitlinger, auf ihm sei der Friede.

So publizierten wir also Abraham Löb Reitlinger, gestorben 1907, als ihren Ehemann und Franziska als Franziska Sprinze Chaja Reitlinger.

22 Jahre lang wurde dieser fatale Fehler abgeschrieben, in genealogischen Büchern und online in genealogischen Datenbanken. Niemand hat sich die Mühe gemacht, einen Blick auf die hebräische Grabinschrift zu werfen, denn dann wäre der Fehler natürlich sofort aufgefallen.

  • Durch den Segenswunsch „auf ihm sei Friede“ wird unmissverständlich klar, dass der genannte erste Ehemann Abraham Löb Reitlinger beim Ableben von Franziska (Sprinze Chaja), 1879, nicht mehr am Leben ist, demzufolge nicht 1907 gestorben sein kann! Tatsächlich starb er am 14. September 1826 in Wien und der Reitlinger, der 1907 in Paris starb, war sein Sohn Leopold (Abraham Löb) Reitlinger. Die Namensähnlichkeit von Vater und Sohn war natürlich ein Mitgrund, dass der Fehler so lange unentdeckt blieb.
  • Durch korrektes Berücksichtigen des Segenswunsches in Verbindung mit Zeile 11 („die Söhne ihres ersten Ehemannes„) der Inschrift wird klar, dass Sprinze Chaja jedenfalls ein zweites Mal geheiratet haben muss (weil sonst „erster Ehemann“ keinen Sinn macht). Dieser zweite Ehemann, Herr Markus Mordechai Sabel-Wiesbaden, so wissen wir heute, starb schon 1830. Da seine erste Frau im Februar 1827 starb, kann er Franziska erst frühestens Ende 1827 geheiratet haben. Markus Sabel starb nach ca. 2 Jahren Ehe und war zum Zeitpunkt des Ablebens von Franziska schon 49 Jahre tot!

Und auf einmal, nach 22 Jahren, passte auch der Eintrag im Sterbebuch:

Sterbebuch Franziska Sabl, 16/04/1879

Sterbebuch Franziska Sabl, 16/04/1879



Franziska (Sprinze Chaja) ist als Franziska Sabel eingetragen, und nicht als Franziska Reitlinger, die wir 22 Jahre lang suchten.

Wir lernen aus dieser Geschichte: Achten Sie bitte immer penibel auf die Segenswünsche!

Schließlich kommen wir noch zum

Sterbedatum

Das Sterbedatum wird in hebräischen Inschriften ausschließlich nach dem jüdischen Kalender angegeben. Das Datum wird nie in Zahlen, sondern immer mit hebräischen Buchstaben, die einen bestimmten Zahlenwert haben, angegeben. Wie dieses Datum auch für Nicht-Hebräischkundige erkannt und einfach umgerechnet werden kann, ist Thema meiner zweiten Präsentation am Freitag.

Der Grabstein von Samuel Breier, gestorben am 13. Dezember 1904, begraben am jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt:

Grabstein / gravestone Samuel Breier, 13/12/1904

Grabstein / gravestone Samuel Breier, 13/12/1904, jüngerer jüdischer Friedhof / younger Jewish cemetery in Eisenstadt



Sie sehen hier schön (Zeile 6), dass das Sterbedatum mit hebräischen Buchstaben angezeigt wird, nie mit Zahlen!

Wenn das Sterbedatum in der hebräischen Inschrift nicht mit dem Sterbedatum im Sterbebuch oder anderen Quellen übereinstimmt, ist die entscheidende Frage in der Praxis immer, welchem Datum vertrauen wir mehr, dem in der Inschrift oder dem im Sterbebuch?

Grabstein / gravestone Mose Elias Gelles, 04/05/1865

Grabstein / gravestone Mose Elias Gelles, 04/05/1865, älterer jüdischer Friedhof / older Jewish cemetery in Eisenstadt



Der Kaufmann Moses Elias Gelles starb laut hebräischer Grabinschrift, die auch heute noch klar zu lesen ist (Zeile 4) am 08. Ijjar 625, umgerechnet Donnerstag, 04. Mai 1865 und ist am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben. In der hebräischen Inschrift ist auch der Wochentag (5. Tag = Donnerstag) angegeben.

Sterbebuch / death book Mose Gelles, 04/05/1865

Sterbebuch / death book Mose Gelles, 04/05/1865



In den Sterbematriken findet sich allerdings das Sterbedatum 04. Juni 1865 (also Datumsdifferenz von 1 Monat!). Der Sterbeeintrag wurde offensichtlich nachgetragen und trägt die „laufende Nummer“ 11a.

Was die Sache prima vista schwieriger macht, ist, dass sich in den Sterbematriken das Sterbedatum auch auf Hebräisch findet, und zwar wie folgt:

בהעלתך יום א „am 1. Tag (Sonntag) der (Woche der) Parascha / des Toraabschnitts ‚Wenn du die Lampen auf den Leuchter steckst'“ (Numeri 8,1), und das ist im Jahr 625 / 1865 Sonntag, der 10. Siwan = 04. Juni! Also sowohl Datum als auch Wochentag komplett anders als in der hebräischen Inschrift.

Dies bedeutet, dass das hebräische Datum eindeutig das bürgerliche Sterbedatum des Sterbeeintrags im Sterbebuch heranzieht und zwar korrekt rückrechnet, dennoch aber letztlich das falsche Datum liefert. Erwartungsgemäß wird nicht das Datum der hebräischen Grabinschrift genommen, da der Matrikeneintrag bereits im Juni 1865 erfolgte, der Grabstein mit der Grabinschrift aber sehr wahrscheinlich erst am 1. Jahrzeittag nach einem Jahr, also am 04. Mai 1866, gesetzt wurde.

Es darf also so gut wie sicher davon ausgegangen werden, dass der Matrikenführer Mai mit Juni verwechselte und das Sterbedatum falsch eintrug (noch zumal es keinen Eintrag im Mai gibt).

Ein interessantes Beispiel, wo weder der (bürgerliche) Eintrag im Sterbebuch noch der hebräische Eintrag im Sterbebuch, sondern das hebräische Datum in der Grabinschrift der verlässlichste Datumslieferant ist!

Insbesondere bei verderbten und nachgetragenen Matrikeneinträgen ist es von enormem Vorteil, auch die hebräische Grabinschrift zur Verfügung zu haben bzw. diese eben entsprechend zu berücksichtigen.

Nach meiner Erfahrung ist auf die Genauigkeit des Sterbedatums in den hebräischen Inschriften insbesondere dann mehr Verlass als auf Einträge in Sterbebüchern, wenn das Sterbedatum (oder auch das Begräbnisdatum) mit sehr viel Mühe und Akribie verfasst wird:

Grabstein / gravestone Rosa Schlesinger, 15/09/1875

Grabstein / gravestone Rosa Schlesinger, 15/09/1875, jüdischer Friedhof / Jewish cemetery in Mattersburg



Rosa Schlesinger ist 1875 gestorben und am jüdischen Friedhof Mattersdorf / Mattersburg begraben, ihren Grabstein gibt es nicht mehr. Ihre Mutter ist Sara, Tochter von Rabbi Akiba Eger!

Drittvorletzte und vorletzte Zeile:

und wurde zur Ruhe gebracht am Freitag danach, Erev Schabbat Kodesch, Parascha ‚Ki Tavo‘ (Deuteronomium 26,1-29,8) „Wenn du in das Land hineinziehst…“) 635 nach der kleinen Zeitrechnung = Freitag, 17. September 1875

Es liegt auf der Hand, um ein ‒ in diesem Fall ‒ Begräbnisdatum so zu formulieren, reicht es nicht, einfach einen Blick auf den jüdischen Kalender zu werfen, da ist wesentlich mehr Mühe, mehr Genauigkeit, mehr Traditionsbewusstsein und mehr religiöses Wissen verlangt.

Sehr verehrte Damen und Herren,

so sehr ich die Nicht- oder Zu-wenig-Beachtung der hebräischen Grabinschriften und anderer hebräischer Quellen (wie Jahrzeittafeln, hebräische Einträge in den Matriken etc.) in der genealogischen Forschung bedauere!, es ist die schöne Sprache der oft mit so viel Weisheit und Liebe geschriebenen Inschriften, die mich nach wie vor am meisten fasziniert. Und ich würde mir wünschen, dass es mir gelungen ist, Sie für diese Schönheit der Sprache der hebräischen Inschriften ein wenig zu begeistern, auch abseits des genealogischen Interesses.

Todesursache

Die häufig in Sterbematriken vermerkte Todesursache spielt für Genealogen keine oder eine nur sehr untergeordnete Rolle (Ausnahme: persönliches Interesse). Ebenso finden wir in hebräischen Grabinschriften nur selten einen Hinweis auf die Todesursache (Ausnahme: Märtyrer, Seuchenopfer usw.).

Hin und wieder findet sich aber eine besonders schöne Formulierung:

Grabstein / gravestone Elias Abraham Gabriel, 15/02/1878

Grabstein / gravestone Elias Abraham Gabriel, 15/02/1878, jüngerer jüdischer Friedhof / younger Jewish cemetery in Eisenstadt



Elias (Abraham) Gabriel starb am 12. Adar I 638 (15. Februar 1878)

mit einem göttlichen Kuss im Alter von 71 Jahren…

lesen wir in Zeile 2.

Zitiert ist hier der babylonischer Talmud, Traktat Moed Qatan 28a und Baba Batra 17a, wo es heißt „…und Mirjam starb ebenfalls (d.h. wie Mose) mit einem (göttlichen) Kuss (d. h. ohne Qual und Schmerz)…“ Siehe auch Traktat Berachot 8a „…die leichteste (Todesart) ist der Kuss(tod)…“.

Elias (Abraham) Gabriel starb einen leichten Tod und ist in der sogenannten Rabbinerreihe am jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben.


Danke!


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