Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Suchergebnisse für: 'Gaugusch'

Nachlese Vortrag Georg Gaugusch

Gleich vorweg: an alle, die am Donnerstag nicht kommen konnten: Sie haben etwas versäumt! Georg Gaugusch faszinierte in seinem Vortrag „Vom Burgenland in alle Welt“ über 60 BesucherInnen, im Saal…

Gleich vorweg: an alle, die am Donnerstag nicht kommen konnten: Sie haben etwas versäumt! Georg Gaugusch faszinierte in seinem Vortrag „Vom Burgenland in alle Welt“ über 60 BesucherInnen, im Saal konnte man eine Stecknadel fallen hören, die Fragen danach zeigten das große Interesse unseres geschätzten Publikums.
Auch hier nochmals ein herzliches Dankeschön an alle, die an diesem für uns etwas ungewöhnlichen Vorweihnachtstermin die Zeit fanden und kamen.

Gaugusch ließ uns Einblick nehmen in die Anfangszeit seines Opus magnum, dessen 3. Band für 2020 geplant ist: Vom Zettel- und Karteikasten bis zu den heute meist online verfügbaren Datenquellen für seine umfangreichen akribischen Recherchen. Wir erfuhren aber auch, was Familie Gauguschs erstes Ziel in Städten wie New York, Paris oder Budapest ist: die jüdischen Friedhöfe! Gräber bzw. beeindruckende Mausoleen mit Namen, deren Wurzeln so oft in den jüdischen Gemeinden des Burgenlandes und Eisenstadts liegen.

Klar machte der Vortragende, dass Eisenstadt, das heute – und das soll keineswegs despektierlich klingen – eher nicht mit New York oder Paris vergleichbar ist in seiner Bedeutung, vor etwas über 100 Jahren aber so etwas wie der Nabel der Welt, zumindest der jüdischen, war. Eisenstadt: In der Nähe Wien, das damals eher ein Vorort mit untergeordneter Bedeutung war, Budapest und Pressburg. Eisenstadt, in der Mitte zwischen der jüdischen „Metropole“ Nagykanizsa, eine der Batthyánischen jüdischen Gemeinden, heute in Ungarn gelegen, und Wien, Eisenstadt – ein perfekter Handelsmittelpunkt.
Aufgrund der damals geltenden Familiantengesetze gewannen die ehemaligen (heute) burgenländischen jüdischen Gemeinden mit ihren Schutzjuden an enormer Bedeutung.

Damit Sie ein wenig teilhaben bzw. auch nachhören können, hier ein kleiner Ausschnitt des Vortrags:



Update 06. Jänner 2017: Wir bedanken uns sehr herzlich beim ORF Burgenland und beim Redakteur Norbert Lehner für die tolle Unterstützung!

BURGENLAND HEUTE – Buchpräsentation und Vortrag Georg Gaugusch vom 06. Jänner 2017, Redakteur: Norbert Lehner.

Wir wünschen Ihnen ein fröhliches Chanukkafest – Happy Chanukka – חג אורים שמח,
den christlichen Leserinnen und Lesern unseres Blogs schöne Weihnachten
und allen ein paar erholsame Tage!


Keine Kommentare zu Nachlese Vortrag Georg Gaugusch

Georg Gaugusch – ‚Wer einmal war‘

English version, see below Zum Index / View the Index Zum Buch Buchcover ‚Wer einmal war …‘, Amalthea-Verlag 5 Jahre haben wir mit großer Spannung darauf gewartet! Es ist soweit:…

Zum Buch


5 Jahre haben wir mit großer Spannung darauf gewartet! Es ist soweit: Am 24. November 2016 wird der 2. Band des monumentalen Werkes von Georg Gaugusch „Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800 – 1938, L-R“ präsentiert. Der 1. Band mit den Familiennamen A-K erschien bereits 2011. Als dreibändiges Buch angelegt und eigentlich ein Nachschlagewerk, ist auch der zweite Band spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Gaugusch stellt auf 1420 Seiten den akribisch recherchierten und höchst umfangreichen genealogischen Daten der einzelnen Familien jeweils eine recht umfangreiche Übersicht der Familiengeschichte (besonders die Bedeutung der einzelnen Personen sowie ihre Vernetzung mit anderen Familien) voran. Selbst bei geringem genealogischen Interesse sind schon allein diese Einleitungen höchst lesenswert. Ich mache es kurz: Auch wenn (bei Buchrezensionen) nicht üblich (und wohl meist auch nicht ganz korrekt), im Falle des Buches von Georg Gaugusch unterschreibe ich den Verlagswerbetext voll und ganz und ergänze: auch aus meiner Sicht ist das Buch eine klare Kaufempfehlung!

Der erste Band von „Wer einmal war“ revolutionierte grundlegend die historische Personenforschung und gilt als wegweisendes Standardwerk zur Geschichte der österreichischen Juden. Nun erscheint der zweite Band, der die Familien von L bis R umfasst. Die genealogischen, präzise erforschten Aufstellungen sind ergänzt um Informationen zu der Bedeutung und Vernetzung der einzelnen Familien. Autobiografien, Akten zu Standeserhebungen, Ordensverleihungen und zahlreiche zeitgenössische Zeitungsartikel lassen ein lebhaftes Porträt der einzelnen Familien entstehen. Georg Gaugusch, renommierter Kenner des jüdischen Großbürgertums zwischen 1800 und 1938, hat in akribischer Forschungsarbeit ein Opus magnum geschaffen.

Amalthea-Verlag

Beziehungen zum burgenländischen Judentum

Besonders spannend für uns war natürlich die Frage, ob, wieviele und welche Beziehungen wir zum ehemaligen westungarischen, später burgenländischen Judentum finden. Vor allem, weil die jüdischen Gemeinden unserer Region, insbesondere jene der Sieben-Gemeinden auf esterházyschem Gebiet wohl kaum mit jüdischem Großbürgertum assoziiert werden können.
Das Resultat unseres Index bestätigt diese Aussage. Nur etwa 1% der Namen konnten ehemalige jüdische Gemeinden des Burgenlandes zugewiesen werden, klammern wir die (heute) südburgenländischen Gemeinden unter dem Schutz der Fürsten bzw. Grafen Batthyány (wie Nagykanizsa) aus, erreichen wir nicht einmal einen halben Prozentpunkt.

Und doch ist es überaus faszinierend, im Buch von Georg Gaugusch Vernetzungen und Verbindungen von Familien zu finden, von denen Angehörige etwa auf den jüdischen Friedhöfen in Eisenstadt begraben sind:
Zum Beispiel Moses Rust, der am 19. Jänner 1825 verstarb, seiner Frau Hannele, gestorben am 20. Dezember 1813, und seiner Mutter Lea, gestorben am 14. Jänner 1806.

Wir konnten erst 2015 diese Gräber der Genannten im Zuge unseres Friedhofsprojekts „Digitale und physische Dokumentation der 1.082 Grabsteine des älteren jüdischen Friedhofs in Eisenstadt“ korrekt zuordnen. Die Grabsteine waren nicht mehr namenlos. Nun haben die Toten auch ihre Geschichte bekommen:

Die schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Eisenstadt nachweisbare Familie Rust gehört zu jenen Familien, die, ohne jemals eine eigene Toleranz für Wien zu besitzen, hier zwischen 1750 und 1829 kontinuierlich nachweisbar sind. Das erste namentlich bekannte Mitglied war der 1791 in Wien verstorbene Handelsmann Markus Rust, dessen Sohn Moses bereits damals eine der tragenden Säulen der Eisenstädter Gemeinde war…
Nach Moses Rusts Tod 1825 zog seine Witwe mit ihrem zweiten Mann Samuel Hirschel in das aufstrebende südungarische Nagy Kanizsa, wo beide, ihren imposanten Grabsteinen nach zu urteilen, zu den wohlhabendsten Gemeindemitgliedern gehörten. Moses Rusts 1818 in Wien geborener Sohn Bernhard … wandte sich nach Pest, wurde der Schwiegersohn des Pester Großhändlers Ignaz Müller und übernahm noch in den 1850 Jahren … das Pester Großhandelshaus Aron Bing & Comp. Das später in Rust & Müller umbenannte Unternehmen befasste sich hauptsächlich mit dem Stoffhandel … und verfügte über ein Verpackungsmagazin am Wiener Salzgries. In den 1870er Jahren wurde Bernhard Rust in die Budapester Filiale der Österr.-ungarischen Bank berufen und bekleidete ab 1878 die Stelle eines Generalrats. Im Jahr 1888 regte der Budapester Oberbürgermeister die Verleihung des ungarischen Adels an ihn an und wandte sich diesbezüglich an den ungarischen Innenminister … Somit konnte der ungarische Minister … einen entsprechenden Vortrag bei Kaiser Franz Joseph einbringen…
Dieses Gesuch wurde Kaiser Franz Joseph am 27. Juli 1888 in Ischl vorgelegt und von ihm ohne Kommentar am 29. Juli 1888 unterfertigt, wodurch er Bernhard Rust und seine Nachkommen mit dem Prädikat „de Ruszt“ in den ungarischen Adelstand erhob. Bernhard Rust de Ruszt starb 1896 in Budapest, und auch der Pester Lloyd vom 3. Dezember lobt den Self Made Man in einem langen Nachruf, und nennt den Verstorbenen einen Ehrenmann von echtem Schrot und Korn, fleißig, pflichttreu und ungewöhnlich einfach und bescheiden. Seine beiden Söhne Josef und Oskar folgten ihrem Vater nach, und die Familie gehörte bis zum Zweiten Weltkrieg zur Budapester Oberschicht.

Gaugusch G., Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800-1938, 3065f.

Matrikeneintrag Markus Rust

Matrikeneintrag Markus Rust, Sterbebuch Währing:
„Der Markus Rust aus Eisenstadt ist in Zuchsischen (?) Haus Nr. 2908 auf der Landstrasse an Urin Blasen Geschwür vestorben; Alt: 70 Jar.“


Der Index

Gemeinsam mit Genealogin Traude Triebel haben wir vorab den Namensindex erstellt, der weit über 33.000 Namen umfasst und den wir Ihnen hier exklusiv zur Verfügung stellen. Zusätzlich wurden alle Ortsnamen eingearbeitet. In Aufklappfeldern (für Nachname, Vorname, Buchseite und Ort) können alle indizierten Daten mit einem Blick erfasst bzw. durchgescrollt werden, was nicht nur den Vorteil einer viel besseren und schnelleren Übersicht über die Daten gewährleistet, sondern vor allem auch unbefriedigende bzw. leere Suchergebnisse vermeiden hilft.
Wie üblich wurden Namen, die – bei identischer Schreibung – mehrmals auf einer Seite vorkommen, im Index nur einmal, kleinste Variationen in der Schreibung jedoch berücksichtigt und ggf. mehrmals aufgenommen.
Beispiel: Polaczek Dr. Alfred und Polaczek Alfred (auf Seite 2299) generieren 2 Einträge im Index.
Für die Erstellung des Ortsnamensindex und das Korrekturlesen bedanke ich mich bei meinen Kolleginnen und Kollegen im Museum (Sonja Apfler, Christa Krajnc, Franz Ramesmayer).

Zum Index / View the Index

Aus aktuellem Anlass wurde der Index für Band 2 als erstes online gestellt, in Bälde werden wir den Index mit den Namen aus Band 1 updaten.


„Those Who Once Were“ – The Index

Zum Index / View the Index


About the book


We have waited five years, with bated breath, for this to happen. And finally, it’s ready: on 24 November 2016, Volume II of Georg Gaugusch’s monumental work, “Those Who Once Were. Vienna’s Upper Class Jewish Society 1800-1938” („Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800-1938“) will be presented. Volume I comprising family names from A-K was published in 2011. Conceived as a three-volume work by and large for reference purposes, Volume II is nonetheless fascinating from beginning to end. Gaugusch has meticulously researched wide-ranging and deep-delving genealogical data of the individual families and presents his findings over a span of 1,420 pages. Conveniently, the main body of work is preceded by a comprehensive overview of family histories, with particular attention paid to the individual persons and their interconnections with other families. Even those who have no great interest in genealogy will find these introductory passages quite scintillating. To put it in a nutshell: even if it is unusual, and of course also not quite correct, in the context of a book review, in the case of Georg Gaugusch’s book I can endorse the publisher’s blib completely, adding to it that from my personal vantage point as well, this book can be highly recommended.

Volume I of „Those Who Once Were“ revolutionized historical research procedures of individuals and has since become the trailblazing gold standard of the history of Jews in Austria, a fundamental reference work. Now the second volume comprising the families L to R has been published. Their genealogies include fastidiously compiled family listings and have been further enriched by supplementary information on the significance and interconnections of individual families. Autobiographies, dossiers and records tracing promotions in social rank, the conferring of orders, as well as numerous contemporary newspaper articles, together create a collection of animated, sparkling portraits of the individual families. What emerges from this painstaking research of Georg Gaugusch, noted authority of Upper Class Jewish Society between 1800 and 1938, is a true opus magnum on the subject.

Interfaces with Judaism in Burgenland

Of particular interest to us, of course, was the question of how many and what kinds of relationships and interconnections we could trace to former western Hungarian (later Burgenland) Judaism, first and foremost because the Jewish communities of our region, and particularly those of the Seven Communities in Esterházy territory (Sieben-Gemeinden), could hardly be associated with upper class Jewish society. The findings brought to light in this index corroborate that basic assumption. Only about 1% of the names cited in it hail from former Jewish communities in the Burgenland. Moreover, if we exclude today’s southern Burgenland towns under the protection of the Batthyány (and Nagykanizsa) princes and counts, it does not even amount to a half-percent.

Nevertheless, in Georg Gaugusch’s book it is utterly riveting to read about the interconnections and cross-weaving of families whose family members lie buried in the Friedhöfen Jewish cemeteries in Eisenstadt: for example Moses Rust, who died on 19 January 1825; his wife Hannele, who died on 20 December 1813; and his mother Lea, who died on 14 January 1806.

It was not until 2015 that we were able to correctly decode the graves of the above-named people in the course of our cemetery project „Digital and physical documentation of the 1,082 graves in Eisenstadt’s Older Jewish Cemetery“ At long last, those gravestones are not nameless. And now, as of the current juncture, the deceased have also been accorded their personal history:

The Rust family, whose history in Eisenstadt can be traced back verifiably to the beginning of the eighteenth century, numbers among those families who (not ever having any personal tolerance for Vienna) were continually present here between 1750 and 1829. The first family member known to us by name was Markus Rust, a tradesman who died in Vienna in 1791, and whose son Moses was one of the pillars of the community of Eisenstadt even back then …

Following the death of Moses Rust in 1825, his widow and her second husband Samuel Hirschel moved to the up and coming southern Hungarian town of Nagy Kanizsa where, to judge by their imposing gravestones, both of them numbered among the most wealthy members of the community. Moses Rust’s son Bernhard, who was born in 1818 in Vienna … emigrated to Pest in Hungary, became son-in-law to wholesale merchant Ignaz Müller of Pest, and assumed the reins of the wholesale import trading house Aron Bing & Comp. The company which was later renamed Rust & Müller dealt mainly in textiles … and also owned a packing warehouse on Salzgries Street, Vienna. During the 1870s, Bernhard Rust was appointed to a post at the Budapest branch of the Austro-Hungarian Bank, where he served as a General Counselor starting in 1878. In 1888 the Mayor of Budapest initiated the process of awarding Rust a title of Hungarian nobility and approached the Hungarian Minister for the Interior in this matter … The Hungarian Interior Minister then petitioned Emperor Francis Joseph and submitted the appropriate application….

This application was submitted to Emperor Francis Joseph on 27 July 1888 and subsequently signed by him without any added commentary on 29 July 1888, whereby Bernhard Rust and his descendants were raised to the Hungarian aristocracy with the title “de Ruszt”. Bernhard Rust de Ruszt died in 1896 in Budapest. In a copious obituary of 3 December, Lloyd of Pest extended great praise to this self-made man, deeming him a man of honor, carved out of true grit and grain, industrious, dutiful as well as remarkably simple and modest. His two sons Josef and Oskar followed in his footsteps. Thereafter, the family belonged to the upper crust of Budapest society until the Second World War.

Gaugusch G., Those Who Once Were. The Upper Class Jewish Society of Vienna 1800-1938, 3065f.

Matrikeneintrag Markus Rust

Entry on Markus Rust in the Death Register of Währing::
„Markus Rust of Eisenstadt died in Zuchsischen (?) house no. 2908 on Landstrasse, of ulcerated absess of the urinary bladder; age: 70 years.“


The Index

Together with genealogist Traude Triebel, we first put together the Index of Names comprising far more than 33,000 documented personal identifications which we provide to you here exclusively. In addition, all town names have also been included and properly assigned. In pop-up information fields (for family name, first name, page and town) all the indicated data can be viewed at a glance or scrolled through, thus providing not only the advantage of gaining a quicker and more comprehensive overview of the whole mass of data, but also helping to avoid empty searches which bring up no results.

As is customary, names written in identical fashion which occur several times on one page appear only once in the index, although minor variations in the ways the names were written are reflected and when necessary, repeated several times. For example: Polaczek Dr. Alfred and Polaczek Alfred (on p. 2299) generate two entries in the index.
I am deeply indebted to my colleagues at the museum, Sonja Apfler, Christa Krajnc and Franz Ramesmayer, for the index of town names.

Zum Index / View the Index


In light of this recent publication event, the Index for Volume II has been placed online first. The Index with the names from Volume I will be updated shortly.


10 Kommentare zu Georg Gaugusch – ‚Wer einmal war‘

‚Wer einmal war‘ – INDEX zum 2. Band von Georg Gaugusch

Mehr Informationen zum monumentalen Buchprojekt von Georg Gaugusch (Wien).



Mehr Informationen zum monumentalen Buchprojekt von Georg Gaugusch (Wien).


Kommentare deaktiviert für ‚Wer einmal war‘ – INDEX zum 2. Band von Georg Gaugusch

Franz – Der Lieblingsneffe der Tante Jolesch

Franz Jolesch starb am 25. Juli 1961 in Santiago de Chile und ist am jüdischen Friedhof daselbst in Sektor R, Reihe 5, Nummer 24 begraben. Im Friedhofsregister ist Franz Jolesch…

Franz Jolesch starb am 25. Juli 1961 in Santiago de Chile und ist am jüdischen Friedhof daselbst in Sektor R, Reihe 5, Nummer 24 begraben.

Im Friedhofsregister ist Franz Jolesch eingetragen, die Messingbuchstaben der Grabinschrift sind bis auf zwei Zahlen verschwunden (gestohlen?). Allerdings macht die Rückseite des Grabsteines sicher, dass es sich wirklich um den Grabstein von Franz Jolesch handelt:

In Liebe
Deine Kató


Schon ganz am Anfang des ersten Kapitels von Friedrich Torbergs „Tante Jolesch“ wird der Tante Lieblingsneffe Franz vorgestellt:

Was nun die Tante Jolesch selbst betrifft, so verdanke ich die Kenntnis ihrer Existenz ‒ und vieler der von ihr überlieferten Aussprüche ‒ meiner Freundschaft mit ihrem Neffen Franz, dem lieben, allseits verhätschelten Sprößling einer ursprünglich aus Ungarn stammenden Industriellenfamilie, die seit langem in einer der deutschen Sprachinseln Mährens ansässig und zu beträchtlichem Wohlstand gelangt war. Franz, bildhübsch und mit einer starken Begabung zum Nichtstun ausgestattet (das er nur dem Bridgespiel und der Jagd zuliebe aufgab), muß um mindestens zwölf Jahre älter gewesen sein als ich, denn er hatte bereits am Ersten Weltkrieg teilgenommen und wurde von seinen gleichaltrigen Freunden auch späterhin noch scherzhaft als ‚Seiner Majestät schönster Leutnant‘ bezeichnet. Ich war wiederholt auf dem mährischen Besitz seiner Familie zu Gast … Die einrückenden Deutschen hatten ihn 1939 als Juden eingesperrt, die befreiten Tschechen hatten ihn 1945 als Deutschen ausgewiesen. Man könnte sagen, daß sich auf seinem Rücken die übergangslose Umwandlung des Davidsterns in ein Hakenkreuz vollzog. Er verbrachte dann noch einige Zeit in Wien und übersiedelte schließlich nach Chile, wo er bald darauf an den Folgen seiner KZ-Haft gestorben ist. Die Tante Jolesch hat das alles nicht mehr erlebt…


Als wir vor einigen Jahren einer 1939 von Wien nach Santiago de Chile emigrierten Dame, die vor einigen Tagen ihren 90. Geburtstag feierte, das Buch „Tante Jolesch“ übergaben, rief sie erfreut nach dem Lesen der ersten Zeilen über den Neffen Franz: „Ja, ich habe Franz Jolesch noch persönlich gekannt“.

Selbstverständlich wusste Torberg sehr wohl, dass Franz 1961 in Chile verstorben ist ‒ und nicht kurz nach seiner Ankunft in Chile ‒, er hatte seiner Frau Katharina (Kató) zum Tod von Franz Jolesch kondoliert.

Dennoch kann man verstehen, warum Torberg dieses Detail der Biografie umgeschrieben hat. Er wollte zeigen, dass Überlebende der Konzentrationslager oft recht bald an den dort erlittenen physischen und psychischen Wunden verstorben sind. Auch sie sind Opfer der Schoa. [1]


Schon vor gut fünf Jahren hatten sich Robert Sedlaczek mit der Tante Jolesch sowie Georg Gaugusch mit der Genealogie zur Familie Jolesch, die er für das Buch von Sedlaczek zur Verfügung stellte, intensiv beschäftigt [2] ‒ (beide Autoren nennen allerdings weder ein genaues Sterbedatum noch den Begräbnisort von Franz Jolesch).

Franz Jolesch (s. Porträtfoto auf geni.com), geb. 20. Dezember 1898 in Wiese bei Iglau (IKG Pirnitz, Mähren), nach Buchenwald deportiert, dort befreit worden, gest. 25. Juli 1961 in Santiago de Chile, am jüdischen Friedhof daselbst begraben.

Vater: Emil Jolesch, Textilfabrikant, geb. 10. Juni 1868 in Wiese bei Iglau, gest. 20. Jänner 1935 in Wien
Mutter: Olga Zeisl, geb. 18. April 1879 in Gablonz an der Neisse (Böhmen), am 23. Juli 1942 von Prag ins Ghetto Theresienstadt deportiert und am 01. September 1942 von dort nach Raasiku (Estland) und ermordet (Schoa-Opfer)

1. Ehefrau: Anna Louise Gosztonyi de Abalehota, römisch-katholisch, geb. 06. März 1906 in Wien, gest. 04. Juli 1998 in Wien, begraben 16. Juli 1998 am Döblinger Friedhof 11/5/6.
Die Hochzeit mit Franz Jolesch fand am 07. Jänner 1927 in Budapest statt (Ehe wurde am 09. September 1935 geschieden, s.u.):

Matriken Hochzeit Franz Jolesch und Luiza Anna Gosztonyi, Budapest 07. Jänner 1927

Matriken Hochzeit Franz Jolesch und Luiza Anna Gosztonyi, Budapest, 07. Jänner 1927


Budapest als Hochzeitsort wurde vom Vater gewählt, der gegen die Hochzeit war und tags darauf bei einem Notar in Wien ein Testament aufsetzen ließ, das Franz Jolesch auf den Pflichtteil reduzierte [3].

Louise hatte bei der Hochzeit mit Franz Jolesch schon eine kurze Ehe hinter sich: Heirat am 10. August 1924 mit (Anton) Georg Boschan, geb. 21. November 1895 in Wien II, Sohn des Weingroßhändlers Franz Boschan aus Baja (Ungarn) und der Aranka Weiss aus Neutra. Die Ehe wurde geschieden. Anton Georg Boschan wurde nach Buchenwald deportiert und am 15. November 1944 ermordet (Schoa-Opfer).

Nach der Scheidung von Franz Jolesch am 09. September 1935 (Bezirksgericht Iglau) war Louises 3. Ehemann der österreichische Komponist, Schönberg-Schüler und „politisch sowie künstlerisch einer der engsten Weggefährten Bert Brechts“[4] Hanns Eisler, geb. 06. Juli 1898 in Leipzig, gest. 06. September 1962 in Ost-Berlin:
Die Hochzeit fand am 07. Dezember 1937 in Prag statt und wurde 1954 (so Georg Gaugusch, März 1955 lt. Wikipedia) in Wien geschieden.

Am 22. September 1955 heiratete Louise ihren 4. Ehemann, den Schriftsteller und kommunistischen Politiker Ernst Fischer, geb. 03. Juli 1899 in Komotau (Böhmen), gest. 31. Juli 1972 in Prenning bei Deutsch-Feistritz (Steiermark; Beisetzung der Urne am 31. August 1972 auf dem Wiener Zentralfriedhof).


Übrigens: Es war ‒ laut Friedrich Torberg ‒ Louise, die Lieblingsnichte der Tante Jolesch, die versuchte, der Tante Jolesch am Totenbett das Rezept ihrer berühmten Krautfleckerl zu entlocken:

Und dann also nahte für die Tante Jolesch das Ende heran, ihre Uhr war abgelaufen, die Familie hatte sich um das Sterbelager versammelt, in die gedrückte Stille klangen murmelnde Gebete und verhaltenes Schluchzen, sonst nichts. Die Tante Jolesch lag reglos in den Kissen. Noch atmete sie.
Da faßte sich ihre Lieblingsnichte Louise ein Herz und trat vor. Aus verschnürter Kehle, aber darum nicht minder dringlich kamen ihre Worte:
‚Tante ‒ ins Grab kannst du das Rezept ja doch nicht mitnehmen. Willst du es uns nicht hinterlassen? Willst du uns nicht endlich sagen, wieso deine Krautfleckerln immer so gut waren?‘
Die Tante Jolesch richtete sich mit letzter Kraft ein wenig auf:
‚weil ich nie genug gemacht hab…‘
Sprach’s, lächelte und verschied.


2. Ehefrau (von Franz Jolesch): Katharina (Catalina, Kató) Zahler, geb. 08. Juli 1912 in Kaschau (damals Ungarn, heute Košice, Slowakei), gest. 16. März 1989 in Wien III, Rudolfspital (Wohnort: Wien I, Mahlerstraße 3/5/20, begraben 28. März 1989 am Zentralfriedhof Wien 4. Tor 18a/36/26).
Die Hochzeit muss kurz nach der Scheidung von Franz Jolesch von seiner ersten Frau Anna Louise Gosztonyi de Abalehota (s.o.) stattgefunden haben.

Am 19. Februar 1936 sucht sie schon als Katharina Jolesch um einen Pass an. Als die Nazis die ‚Rest-Tschechei‘ besetzten, fliehen beide nach Kaschau. Nach dem Krieg geht das Ehepaar zunächst nach Wien, im April 1949 schiffen sie sich von Liverpool nach Chile ein[5]

In Chile konnte sich Franz Jolesch offensichtlich in der ihm angestammten Textilbranche eine neue Existenz aufbauen. 1957 waren Franz und Kató Jolesch auf einen Besuch in Wien, wo sie sehr wahrscheinlich auch Friedrich Torberg trafen[6].

Nach Franz Joleschs Tod blieb Kató noch eine Zeit lang in Chile, danach offensichtlich in New York und kehrte schließlich nach Wien zurück, in jene Stadt, wo auch Louise, die erste Frau von Franz Jolesch lebte[7].

Am 5. April 1975 schreibt sie [Kató, Anm. d. Verf.] Torberg. Soeben habe sie einen Anruf von einer Freundin bekommen, die ihr die ‚liebevollen Erinnerungen an den Franzl‘ vorgelesen habe: ‚Ich bin ganz gerührt und will mich schön bedanken. Er hat Sie sehr geliebt. Jetzt kommt eine unbescheidene Bitte. Könnte ich als letzte Jolesch ein gewidmetes Exemplar vom liebsten Autor [er]bitten? Viel Glück und alles Liebe. Herzlichst Ihre Kató Jolesch.‘
Torberg antwortet gleich am 7. April: Jetzt geht er in die Offensive ‒ um sich spätere Diskussionen zu ersparen. Kató Jolesch hat zu diesem Zeitpunkt das Buch ja noch nicht gelesen. ‚Liebe Kató, das war eine freudige Überraschung von Ihnen zu hören, und das gewünschte Widmungsexemplar geht mit gleicher Drucksachenpost an Sie ab. Sie werden übrigens merken, daß die Tante Jolesch kein Abbild der wirklichen ist, sondern eine symbolische Figur. Wirklich ist, was über den Franzl drinsteht. Ich bin glücklich, ihm und unserer Freundschaft auf diese Weise ein kleines Denkmal gesetzt zu haben…‘ [8]


[1] Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit. Eine Recherche, Innsbruck-Wien 2013, 248 [Zurück zum Text (1)]

[2] Robert Sedlaczek „Die ‚böse‘ Nichte der Tante Jolesch“, in: Wiener Zeitung, 03. 05. 2013, Robert Sedlaczek „The Making of ‚Die Tante Jolesch'“, in: Der Standard, 26. 04. 2013, Robert Sedlaczek „Die Tante Jolesch und ihre Zeit“, in: Online Merker. Die internationale Kulturplattform, 20. 07. 2013, und besonders: Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit. Eine Recherche, a.a.O., 264ff [Zurück zum Text (2)]

[3] Siehe Robert Sedlaczek „Die ‚böse‘ Nichte der Tante Jolesch“, in: Wiener Zeitung, 03. 05. 2013 [Zurück zum Text (3)]

[4] Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit. Eine Recherche, a.a.O., 122 [Zurück zum Text (4)]

[5] Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit, a.a.O., 150 [Zurück zum Text (5)]

[6] Siehe Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit, a.a.O., 150f [Zurück zum Text (6)]

[7] Siehe Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit, a.a.O., 153 [Zurück zum Text (7)]

[8] Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit, a.a.O., 248 [Zurück zum Text (8)]


Keine Kommentare zu Franz – Der Lieblingsneffe der Tante Jolesch

Finde:

Generic selectors
Nur exakte Ergebnisse
Suche im Titel
Suche im Inhalt
Suche in Beiträgen
Suche in Seiten
Filter nach Kategorien
'Mitbringsel / Souvenirs'
Abbazia / Opatija
Cheder
Fiume / Rijeka
Friedhof Eisenstadt (älterer)
Friedhof Eisenstadt (jüngerer)
Friedhof Mattersburg
Friedhof Triest
Genealogie
Karmacs
Kunst und Kultur
Leben und Glaube
Veranstaltungen
nach oben