Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Christopher Meiller

Bild der Woche – Chanukka 5775

Fünf Lichter an der großen Chanukkia, dazu Musik, Tombola, Festansprachen – etwa von Kultusgemeinde-Präsidenten Oskar Deutsch – und viel Festliches mehr gab es gestern Abend am Wiener Stock-im-Eisen-Platz/Stephansplatz; Gastgeber war…

Fünf Lichter an der großen Chanukkia, dazu Musik, Tombola, Festansprachen – etwa von Kultusgemeinde-Präsidenten Oskar Deutsch – und viel Festliches mehr gab es gestern Abend am Wiener Stock-im-Eisen-Platz/Stephansplatz; Gastgeber war das Wiener Chabad-Haus.

Chanukka-Kerzenanzünden, 20. 12. 2014


Wir wünschen Ihnen ein fröhliches Chanukkafest – Happy Chanukka – חג אורים שמח,
den christlichen Leserinnen und Lesern unseres Blogs schöne Weihnachten
und allen ein paar erholsame Tage!


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Weltkriegslyrik

Ein spätes Fundstück zum Gedenkjahr 1914/2014 Der Sieger im Kriege Zwei Israeliten aus neutralen Landen In einem Kurorte sich zusammenfanden, Sie sprachen über Krieg, Nationen und Mächte, Über Anleihe, Munition…

Ein spätes Fundstück zum Gedenkjahr 1914/2014

http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/3520630

Der Sieger im Kriege

Zwei Israeliten aus neutralen Landen
In einem Kurorte sich zusammenfanden,
Sie sprachen über Krieg, Nationen und Mächte,
Über Anleihe, Munition und Kriegsrechte.
Zum Schlusse gemächlich frug der Eine,
Was der And’re vom Erfolge meine?
Wer denn endlich gewinnt den Krieg,
Triumphierend davonträgt den Sieg?
Ganz verschieden dachten darüber beide
Um endlich mit sichtlicher Freude,
Vereint den Entschluß zu fassen,
Die Entscheidung dem Rabbi zu überlassen.
Der Rabbi hört und spricht: „Fürwahr!
Die Sache liegt wie die Sonne klar!
Gar nicht nötig war Euer Zweifel und Not:
Den Krieg gewinnt – gewiß nur Gott!“
Ganz verdutzt sahen sie den Weisen an;
Was denn diese Antwort bedeuten kann?
„Das will ich Euch gerne beweisen und zeigen:
Kennt ihr die Namen der Zentralmächte-Reigen?
Sie heißen: Germania, Oesterreich und Türkei;
Stellet die Anfangsbuchstaben dieser drei
Zusammen in ein Wort, und seh’t dann,
Daß nur Gott den Krieg gewinn kann.“

Josef Gottlieb, Wien

Beachte das Erscheinungsdatum des Gedichtes: 1915!


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Herzl posthum

Sehenswerte historische Filmaufnahme vom Empfang und der Beisetzung Theodor Herzls in Israel Eine Notiz zu seinem 110. Todestag Gerade einmal 44 war Theodor Herzl, der Übervater des modernen Zionismus, als…

Sehenswerte historische Filmaufnahme vom Empfang und der Beisetzung Theodor Herzls in Israel


Eine Notiz zu seinem 110. Todestag

Gerade einmal 44 war Theodor Herzl, der Übervater des modernen Zionismus, als er im Jahr 1904 im niederösterreichischen Edlach starb – und zwar am 3. Juli, also vor genau 110 Jahren. Beigesetzt wurde Herzl in Wien, auf dem eher beschaulichen Döblinger Friedhof. Über 6000 Menschen, so heißt es, wohnten der Beerdigung bei, die Anlass gab zu „eine[r] Art elementarer, ekstatischer Trauer, wie ich sie niemals vordem und nachher bei einem Begräbnis gesehen“ – so die Beschreibung von Stefan Zweig (vgl. und zit. n. Klaus Dethloff (Hg.), Theodor Herzl oder Der Moses des Fin de siècle. Wien u.a. 1986, Einleitung, S. 47; vgl. hier und weiters außerdem die Biographie von Amos Elon, Theodor Herzl. Eine Biographie. Wien-München 1979).

Die Geschichte von Herzls Tod und Bestattung ist an dieser Stelle aber noch nicht zu Ende. Denn die Ruhestätte auf dem Döblinger Friedhof sollte nur ein Provisorium sein: 45 Jahre nach Herzls Tod, im August 1949, wurde das Grab geöffnet, Herzls sterbliche Überreste (und die seiner Eltern) exhumiert, im Wiener Stadttempel aufgebahrt und schließlich nach Israel überführt, wo sie neuerlich beigesetzt wurden, nun auf dem Herzl-Berg im Westen Jerusalems.

Die Zeitschrift der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, „Die Gemeinde“, lieferte in einer Sonderausgabe eine detaillierte und eindringliche Beschreibung der Ereignisse:

Sonntag, den 14. August, frühmorgens erfolgte auf dem Döblinger Friedhof die Exhumierung der Leichen Herzl’s und seiner Eltern, die in Metallsärge gebettet wurden. Der Sarg, der die in Budapest verstorbene Schwester Herzl’s barg, wurde gleich den drei anderen in den Tempel in der Seitenstettengasse überführt und auf der Estrade vor dem Allerheiligsten, dem Oren hakodesch, aufgebahrt. Die vier Särge waren mit der israelischen Flagge bedeckt. (…) Bis in die späten Abendstunden dauerte am Sonntag der Vorbeimarsch der Tausenden, die gekommen waren, um den Toten in tiefer Ergriffenheit die letzten Grüße zu entbieten und der heroischen Leistung des Mannes, der Leben und Vermögen der Bewegung geopfert hatte, in Andacht und Dankbarkeit zu gedenken. (…)

Gegen 21 Uhr [des folgenden Montags; meine Anm.] landete das gewaltige viermotorige Flugzeug, es trug am Heck die Staatsflagge Israels (…). Die Zeremonie der Übergabe und Übernahme vollzog sich bei strömendem Regen. (…) Herzl’s Sarg wurde von den Offizieren in das Flugzeug gehoben. In dem Augenblick, als der Sarg auf dem Flugzeug, also auf israelischem Boden stand, ertönten mächtige Donnerschläge, die den Blitzen des niedergehenden Gewitters folgten. Mystische, geheimnisvolle Stimmung lag über der ganzen Szene in der letzten Stunde der Nacht, da Herzl’s sterbliche Überreste seine alte Heimat verließen, um in der neuen endlich Ruhe und Frieden zu finden …

Die Gemeinde, Sonderausgabe, August 1949, Nr. 6, S. 1-2

'Übernahmedokument der israelischen Regierung' für den Sarg Herzls, gezeichnet von David Ben-Gurion

„Übernahmedokument der israelischen Regierung“ für den Sarg Herzls, gezeichnet von David Ben-Gurion (Die Gemeinde, Rosch haschanah 5710, Festnummer, Sept. 1949, Nr. 7, S. 3)

In Israel wurde der posthume Empfang Herzls zum Massenereignis – von „150.000 Menschen“ ist da etwa die Rede, „die zwischen 4 Uhr nachmittags und 4 Uhr morgens am Sarge Herzl’s vorbeimarschierten (Die Gemeinde, Rosch haschanah 5710, Festnummer, Sept. 1949, Nr. 7, S. 4)

Gleichwohl blieb auch die Wiener Grabstätte der Familie Herzl weiterhin bestehen und ist auch heute noch, als Ehrengrab der Stadt Wien, erhalten.

  • Herzls Grab in Wien
  • Herzls Grab in Jerusalem


Herzls Gräber – links: in Wien, Döblinger Friedhof; rechts: in Jerusalem, Herzl-Berg (mit der hebräischen Aufschrift: „Herzl“) (Fotos: Iris Harter)

So hat Herzl also bis heute gewissermaßen ein doppeltes Grab: in der Diaspora und im Staat Israel – und was eigentlich könnte für den Vor-Denker des Zionismus passender sein?


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Purim seinerzeit

Wenn ich beim König Wohlwollen gefunden habe und wenn es ihm gefällt, dann möge mir und meinem Volk das Leben geschenkt werden. Das ist meine Bitte und mein Wunsch, so…

Wenn ich beim König Wohlwollen gefunden habe und wenn es ihm gefällt, dann möge mir und meinem Volk das Leben geschenkt werden. Das ist meine Bitte und mein Wunsch,

so spricht Königin Ester in der biblischen Erzählung zu König Artaxerxes (Ester 7,3), damit er das Unheil abwende, das den Juden seines Reiches droht. Ausgerechnet der besondere Favorit des Königs nämlich, Haman mit Namen, hatte einen mörderischen Plan gefasst: Haman „wollte … alle Juden im Reich des Artaxerxes vernichten“ (3,6). Doch glücklicherweise findet Esters Bitte Gehör: Der König höchstselbst schreitet ein – er lässt den „verbrecherische[n] Haman“ hängen (7,6.9f.), seine finsteren Pläne werden vereitelt. Den bedrohten Juden wird so in der Tat „das Leben geschenkt“ – und genau diese Errettung ist Anlass und Hintergrund des Purimfestes, das am kommenden Wochenende gefeiert wird.

Purim hat in der Vergangenheit wie in der Gegenwart zahllose folkloristische Ausschmückungen erfahren. Ein besonders hübsches historisches Beispiel für diese Purim-Folklore zeigen diese Filmaufnahmen von Purim-Festivitäten im Israel (damals noch Mandatsgebiet) der 20er- bzw. 30er-Jahre …

Die im Video zu sehenden Purim-Feiern in Tel Aviv – hebräisch „Adloyada“, auf Deutsch wörtlich in etwa: „bis man nicht mehr weiß“, in Anspielung auf ein Talmud-Wort, das dazu auffordert, an Purim reichlich dem Alkohol zuzusprechen – reichen bis in die Frühzeit der jungen Stadt zurück (vgl. die ausführliche Darstellung in der englischen Wikipedia: Adloyada) und gelten als die größte Massen-Veranstaltung der jüdischen Bevölkerung in der Mandatszeit – traut man den Zeitungsberichten, so zogen die Tel Aviver Purim-Feierlichkeiten zu ihrer Hoch-Zeit, Mitte der 30er-Jahre, bis zu 250 000 Besucher an, das ist mehr als das Doppelte der damaligen Einwohnerzahl (vgl. Hizky Shoham: „A huge national assemblage“: Tel Aviv as a pilgrimage site in Purim celebrations (1920-1935), in: Journal of Israeli History, Vol. 28, No. 1, March 2009, 1-20, hier 1 und 4f.).

Unschwer lassen sich in den obigen Aufnahmen Entsprechungen zu typischen Faschings- bzw. Karnevals-Bräuchen entdecken: die aufwendig drapierten Wagen etwa oder die Wahl einer Königin Ester (im Video ab 1:25). Die Filmaufnahmen haben aber auch eine interessante zeitgeschichtliche Pointe, nämlich in der Bezugnahme der Purim-Feiern auf den Nationalsozialismus: So etwa greift die Purim-Parade nationalsozialistische Symbole, namentlich das Hakenkreuz, auf und baut sie persiflierend in die Purim-Folklore ein (im Video ab 3:50, kurz auch schon bei 2:29)!

Ein ähnlich gelagertes Motiv war hier im Blog übrigens schon einmal Thema, nämlich die Assoziation von Haman und Hitler – siehe das bemerkenswerte Purim-Foto des „Haman Hitler“ aus Landsberg 1946 im Beitrag „Hamanpuppe„.

Der Ruhm des Purim-Spektakels in Tel Aviv jedenfalls verbreitete sich auch in der deutschsprachigen Diaspora – die in Berlin erscheinende „Jüdische Rundschau“ widmet beispielsweise den Purim-Feiern 1935 u.a. eine ganzseitige Reportage:

Drei Tage pulsierenden Lebens, farbigster Bewegtheit krönten Vorbereitungen von Wochen und Monaten. … Tel-Awiw dürfte noch niemals eine so große Zahl von Gästen beherbergt haben. Man schätzt die Besucherziffer auf 250 000. … Bezeichnend für den ungeheuren Zustrom ist die Tatsache, dass die Autobusgesellschaft ‚Egged‘ von Jerusalem nach Tel-Awiw einen Drei-Minuten-Verkehr eingerichtet hatte und sämtliche Wagen bis auf den letzten Platz gefüllt waren. … Die Zentren der Stadt waren festlich illuminiert, die Schaufenster standen im Zeichen des Purim … Das Straßenbild war belebt von buntesten Kostümen. … Auf den Hauptplätzen tanzten Gruppen junger Menschen die Horra bis zur Ekstase.

Jüdische Rundschau, 2. April 1935, S. 3, online auf compactmemory.de

Mit dieser kleinen Rückblende wünschen wir allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Purim!

חג פורים שמח לכולם!


2 Kommentare zu Purim seinerzeit

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