Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Claudia Chaya-Bathya

Der Golfkrieg 1991

Aus meinen Memoiren Vor 21 Jahren begann hier der wohl eigenartigste Krieg in der Geschichte des Staates Israel: der Golfkrieg. Dieser, im Westen Zweiter Golfkrieg genannt, bezeichnet den Krieg im…

Aus meinen Memoiren

Vor 21 Jahren begann hier der wohl eigenartigste Krieg in der Geschichte des Staates Israel: der Golfkrieg. Dieser, im Westen Zweiter Golfkrieg genannt, bezeichnet den Krieg im Nahen Osten, der 1990 mit dem Einmarsch des Iraks in Kuwait begann und 1991 durch eine von den USA geführte Koalition beendet wurde. Am 24. Dezember 1990 drohte der irakische Präsident Saddam Hussein, dass Israel das erste Ziel eines Angriffs sein werde, sollten die Koalitionsstreitkäfte angreifen. Soweit ich mich erinnern kann, wurde hier in Israel damit gerechnet, dass er Raketen mit Giftgas hierher schießen könne. Saddam Hussein spielte hier ganz sicher absichtlich psychologisch mit dem jüdischen Trauma vom Giftgas. Seine Drohungen wurden ernst genommen; schließlich hatte er in der Vergangenheit schon Giftgas eingesetzt: gegen den Iran und gegen die Kurden.
Die USA stationierten daraufhin Patriot-Raketen (gegen Raketenangriffe) in Israel und anderen gefährdeten verbündeten Ländern.

Kriegsvorbereitungen in Israel

Angesichts dieser Drohungen musste die israelische Regierung entscheiden, wie sie sich verhalten sollte. Es wurde heftig über einen Vergeltungsschlag auf etwaige Angriffe diskutiert. Die Charedim (Ultra-Orthodoxe) waren eindeutig dagegen.

Die Gojim machen lassen und sich nur ja nicht einmischen, so wie es heißt ‚Gott wird für euch kämpfen, und ihr sollt stillsitzen‘

Exodus 14,14,

verlautete es aus Kreisen von charedischen Rabbinern, darunter von dem auch politisch einflussreichen Raw Schach aus Bnei-Brak. Die Regierung schloss sich dieser Linie an, vor allem auch, weil die Amerikaner Israel sehr darum gebeten hatten, nur ja nichts zu unternehmen: eine Reaktion Israels hätte nur die ohnehin sehr fragile Koalition der USA mit Ägypten und Saudi-Arabien zunichte gemacht.

Armee und Verteidigungsministerium arbeiteten inzwischen an Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung, die ja diesmal den militärischen Schlag abkriegen würde. Es gab nicht genug Bunker für die gesamte Bevölkerung, und schon gar keine, die gegen chemische und biologische Angriffe ausgerüstet waren. Auch gab es damals noch keine betonverstärkten Sicherheits-Zimmer in Wohnungen, wie sie heute gebaut werden (und zwar als Folge des Golfkrieges).

Es wurde daher Folgendes beschlossen:
Als persönliches Verteidigungsmittel erhält jeder israelische Bürger, und auch jeder Tourist, vom Staat eine Gasmaske. Asthmakranke und kleine Kinder erhalten zusätzlich eine batteriebetriebene Luftpumpe dazu, damit sie genug Luft bekommen.
Mit der Maske erhält außerdem jeder eine Atropin-Spritze. Atropin ist ein Gegengift gegen Nervengas.

Gasmaske mit Atropin-Spritze

Wikipedia

Weiters soll jeder Haushalt ein Zimmer bereitstellen, das im Notfall abgedichtet werden kann. Es soll so wenige Fenster und Türen wie möglich haben. Etwaige Scheiben sind mit dicken Plastikfolien als Splitterschutz zu bekleben. Die Spalten aller Zimmeröffnungen müssen, nachdem sich im Falle eines Angriffs alle Anwesenden in das Zimmer begeben haben, mittels eines breiten Klebebandes (manchmal wird übrigens ein solches bis heute als „Kriegs-Klebeband“ bezeichnet) abgedichtet werden – damit kein Giftgas eindringen kann. Aus demselben Grund ist die untere Türspalte mit einem in Chlorbleiche getränkten Tuch abzudichten. (Ein schönes G’rucherl war das!)

Die Verteilung von Masken mit batteriebetriebenen Luftpumpen, von denen es anfangs nur eine beschränkte Anzahl gab, verursachte kuriose Debatten, wie es sie wohl nur in Israel geben kann: Politiker der orthodoxen Partei „Agudat Israel“ ereiferten sich darüber, dass Bartträger keine Gasmasken mit Luftpumpe bekämen, so wie Asthmatiker. Dies sei ein Schlag gegen das torahtreue Judentum, denn religiöse Juden dürften sich ja unter keinen Umständen den Bart abscheren. Dadurch sei ihr Leben bedroht. Einige Rabbiner erklärten zwar, dass die Kahlrasur im Falle von Lebensgefahr nicht nur erlaubt, sondern sogar religiöse Pflicht sei, wie der Oberrabbiner von Ra’anana, Raw Jitzchak Perez, der mit eigenem Beispiel voranging und sich bartlos der Öffentlichkeit präsentierte, doch in weiten Kreisen der Orthodoxen blieb eine solche Haltung extrem unpopulär. Für meinen Mann Schmuel ergab sich ein derartiges Problem nicht, da er als chronisch Asthma-Kranker eine Luftpumpe erhielt. Aber auch die glücklicherweise gesunden Charedim mussten ihr Leben nicht wegen des Barttragens opfern, denn der Staat verschaffte schließlich auch ihnen Pumpen.

Der Krieg beginnt

Am 1. Sch’wat (17. Jänner 1991), dem Tag vor dem Jahrzeittag meines seligen Schwiegervaters, den ich nie kennengelernt habe, begann der Luftangriff der amerikanischen Luftwaffe auf den Irak. Schmuel war in einem Dilemma: das Grab des Vaters auf dem Friedhof in Cholon aufsuchen oder nicht? Die Entscheidung wurde ihm dann schließlich durch den Verlauf der Dinge abgenommen.

Ich habe immer noch die triumphierenden Worte von Ezer Weizmann in den Ohren, damals Knesset-Abgeordneter und seinerzeit der Errichter der israelischen Luftwaffe, dem dieser massive Luftschlag offenbar gewaltig imponierte: „Den Irakern werden die Hände zittern, ehe sie wagen, uns anzugreifen!“ Nun, die Hände der Iraker werden wohl gezittert haben, aber das hielt sie nicht davon ab, einen Tag später ihre Drohungen wahr zu machen.

In der Nacht auf den 2. Sch’wat (18. Jänner) war stürmisches Wetter; über Tel-Aviv und Umgebung tobte ein Gewitter. Da ertönten plötzlich die Sirenen. Auf und ab, auf und ab. Dann krachte es, in einiger Entfernung zwar, aber doch deutlich vernehmbar. Aus dem Radio tönte die Stimme des nachmals legendären Sprechers der israelischen Streitkräfte, Nachman Schai:

Ist es eine Rakete oder ist es Donner? Inzwischen gehen Sie bitte ins ‚abgedichtete‘ Zimmer und legen die Gasmasken an, bis die Sache geklärt ist. Bleiben Sie ruhig und trinken Sie Wasser!

Inzwischen klatschten schwere Regentropfen aufs Dach.
Ich war mir absolut sicher, dass das kein Donner war. So hört sich kein Donner an! Wir eilten also mit den Kindern ins „abgedichtete“ Schlafzimmer. Mein Herz begann zu rasen; Kurzatmigkeit, Schwindelgefühl und Schweißausbrüche folgten. Das war eine Giftgasrakete, das sind die Anzeichen einer Nervengasvergiftung!!! Oder etwa doch nicht? Vielleicht doch nur ein Adrenalinschub mit all den bekannten Begleiterscheinungen? „Man muss prüfen, ob die Pupillen verengt sind!“, schoss es mir durch den Kopf. Aber halt, vielleicht sind sie das bei Aufregung auch? Während mir das alles durch den Kopf schoss, legte ich mir die Gasmaske an und zurrte sie fest. Dazu musste ich natürlich die Brille ablegen, ohne die ich, als stark kurzsichtige Person, nicht viel sehe, und ganz sicher keine verengten Pupillen von Mann und Kindern.

Die Autorin mit Gasmaske

Die Autorin mit aufgesetzter Gasmaske neben dem „Zelt“ fürs Baby. Die grauen Flächen sind die Filter und an der runden Öffnung auf der Vorderseite war innen ein Plastikärmel mit Handschuh befestigt, damit man das Baby versorgen kann.

Bild: Die beiden ältesten Töchter der Autorin. Die Große, Tamar, hat hier eine Gasmaske auf, auf der der Filter aber noch nicht aufgeschraubt ist. Auch sie hätte, wie ihre jüngere Schwester, eine Kapuze bekommen sollen. Allerdings gab es damals nicht genug von diesen und so mussten auch 5jährigen it einer Gasmaske für Kinder vorlieb nehmen.

Gemäß den Anweisungen sollte jeder, der dazu imstande war, zuerst selbst die Maske anlegen und dann erst den Kindern oder Hilflosen. Nachdem ich mir das Ding also aufgesetzt hatte (kurzer Test: alles dicht? Jawohl!), schob ich unseren damals 4 Monate alten Sohn Motti (= Mordechai, so benannt nach meinem oben erwähnten Schwiegervater) in sein Zelt, legte dann der bald 5-jährigen Tami ihre Gasmaske an und schließlich der 2 ½-jährigen Dina ihre speziell für Kinder konstruierte Kapuze mit batteriebetriebener Luftzufuhr. Beispiel für so eine Kapuze. Fertig.

Da fiel mein Blick auf Schmuel. Der saß gerade im Bett und zog sich umständlich die Socken an.
„Was tust du denn?!“, rief ich entsetzt aus. „Warum setzt Du dir nicht die Gasmaske auf?!“ Er warf mir einen konfusen Blick zu und murmelte etwas wie: „Ich habe gehört, dass das Gas auch durch die Ohren in den Körper eindringen kann.“ Diese Antwort – das muss ich gestehen – hat mich sogar in dieser Situation äußerst belustigt und die unerträgliche Spannung etwas gelöst. Was haben wir alle noch später darüber gelacht! Dann hat auch Schmuel schließlich seine Maske aufgesetzt.

Wir hatten inzwischen auch die Eingangstür zum Schlafzimmer mit Plastikplanen und breiten Klebebändern zugeklebt. Dina fragte interessiert, warum wir denn die „Tür in ein Plastiksackerl stecken“, und phantasierte etwas über einen „Gas-Schnuller“. Damit meinte sie wohl die Gasmasken. Ich hatte ihr nämlich erzählt, dass sich innen in der Maske ein Trinkrohr befinde, so etwas „wie ein Schnuller“. Sie selbst trug, wie bereits erwähnt, eine Gas-Kapuze. Ihren heißgeliebten Schnuller hatte sie darunter in ihrem Mund. Als er ihr einmal herausgefallen ist, war es eine ziemliche Prozedur, das Ding durch die Plastikschicht hindurch wieder in ihr Mäulchen zu bugsieren.
Inzwischen hatte sich herausgestellt (wie ich ohnehin schon von Anfang an vermutet hatte), dass der Krach, den wir gehört hatten, tatsächlich von einer Scud-Rakete stammte – und zwar von einer konventionellen.
Ein paar Leute hatten sich in Panik die Atropin-Spritzen injiziert und wurden daraufhin im Spital behandelt. Da die Giftmenge aber nur gering war und sowieso nur als Erste Hilfe gedacht war, so ist dadurch niemandem etwas Ernstes passiert.

Raketenangriff!

Weitere Raketen folgten im Laufe der kommenden Tage (insgesamt wurden 40 Scuds auf Israel abgefeuert). Abwechselnd tönte es dann: „Nachasch Zefa“ (= Vipernschlange; Code zum Betätigen der Sirenen), s.o. Video!,

oder „Scharaw kawed“ (= schwerer Chamsin; Zeichen dafür, dass die Gefahr vorbei ist) aus dem jetzt immer laufenden Radio.

Keine einzige Scud enthielt Giftgas, doch fuhren wir, gemäß den Anweisungen des Verteidigungsministeriums, mit dem Aufsetzen der Gasmasken und dem Abdichten der Räume weiterhin fort. Die nächste Rakete könnte ja doch Giftgas enthalten!

Nachman Schai wurde zum „Beruhiger der Nation“ und provozierte mit seinem mantra-artigen Ratschlag „Wasser trinken!“ viel Spott und Parodien.
In den ersten Tagen des Krieges kam es bei Raketenalarm beinahe zum Zusammenbruch des Stromnetzes, weil man im ganzen Land fast gleichzeitig den Strom in nicht benützten Zimmern abschaltete. Die Elektrizitäts-Gesellschaft bat die Bevölkerung inständig, doch die Lichter brennen zu lassen.
Eine andere Begleiterscheinung der Angriffe waren Plünderungen von Wohnungen. Wegen der Anweisung, die Türen im Alarmfall unverschlossen zu lassen (für die Rettungskräfte), hatten kriminelle Zeitgenossen leichtes Spiel und bedienten sich schamlos am Besitz anderer, während die Hauseigentümer zitternd im „abgedichteten“ Zimmer hockten.

Nicht alle folgten übrigens den Anweisungen: nicht wenige Wagemutige steckten nicht nur den Kopf aus dem Fenster („Raketen schauen“), sondern stiegen sogar aufs Dach, um besser sehen zu können. Einige haben das Schauspiel, das sich ihnen darbot, sogar fotografiert oder gefilmt:



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Mich hätten keine zehn Pferde aufs Dach gebracht. Allerdings kam es mir auch absolut lächerlich und absurd vor, sich gegen Raketen mit Plastikplanen zu schützen …

Die Spannung blieb immer bestehen. Obwohl die ersten paar Raketen alle konventioneller Art waren, war man sich nie sicher, ob das Gas nicht doch noch kommen würde. Gegen die Kurden hatte Saddam ja auch Giftgas eingesetzt – da wird er es gerade gegen Israel unterlassen?
Während der ganzen Kriegstage wurde im Rundfunk kein Wetterbericht gesendet. Man wolle dem Feind keine Informationen über die regionale Wetterlage bieten, hieß es als Begründung. Als ob die israelischen Medien die einzige Informationsquelle dazu wären. Naja.
Die Medien-Berichte über während der Attacken vor Freude tanzende Araber in Israel und den „Gebieten“ („Ja Saddam, ja chabib, udrub udrub Tel-Aviv“ = O Saddam, o Lieber, schlage, schlage Tel-Aviv) versetzten die jüdische Öffentlichkeit in Rage, ja sogar ausgesprochen links Stehende.
Wie in jedem Krieg, so machten auch hier zahlreiche Erzählungen über diverse „Kriegswunder“ die Runde, ganz besonders natürlich in religiösen Kreisen.

Gestörte Schabbat-Ruhe

Freitag Nachmittag, kurz vor Schabbat-Eingang. (An das genaue Datum kann ich mich nicht mehr erinnern.) Die Sirene, die normalerweise den Beginn des Ruhetages anzeigt, ertönte an diesem Tag nicht. Der Sirenenklang könnte die Menschen in unnötige Panik versetzten. Ich drehte unser Transistorradio auf und stellte die sogenannte „Stille Welle“ ein, einen mit Billigung der maßgeblichen Rabbiner eingerichteten besonderen Sendekanal für religiöse Juden am Schabbat. Wie der Name besagt, herrschte auf dieser Frequenz Funkstille, nur im Alarmfall wurden die notwendigen Warnungen und Durchsagen gesendet.
Schmuel zog seinen Schabbat-Kaftan an und setzte den Hut auf. „Schmuel, du wirst doch wohl nicht in die Synagoge gehen?“, meinte ich besorgt. – „Doch, ich gehe. Es passiert eh nichts.“ Und draußen war er. Die Gasmaske nahm er nicht mit. Er trägt nämlich am Schabbat auf der Straße nicht, obwohl es hier einen „Eruw“ gibt. (Die halachische Erklärung dafür verstehe ich auch nicht so recht, bitte einen Rabbiner fragen…)

Da saß ich nun mit den drei kleinen „G’schrapperln“. „Hoffentlich bleibt alles ruhig“, dachte ich etwas nervös und blickte auf die Straße. Es blieb nicht. Plötzlich begannen die Sirenen zu heulen. Oh nein!!! Schnell packte ich die Kinder, verbarrikadierte mich mit ihnen im „Kriegszimmer“ und absolvierte die übliche Gasmasken- und Abdichtungsprozedur, die irgendwie etwas Beruhigendes an sich hatte, weil man sich der Illusion hingeben kann, „etwas zu tun“. Danach sagte ich Tehillim (Psalmen).

Mitten im Geheul war ein Rumsen zu vernehmen – aber weniger deutlich als in der ersten Kriegsnacht. Auch die „Stille Welle“ war mittlerweile zum Leben erwacht, es kamen die üblichen Durchsagen.
Dann waren in einiger Entfernung Sirenen von Einsatzfahrzeugen zu hören, wieder und wieder. Die blieben dann in einiger Entfernung stehen (soweit man das durch bloßes Hören abschätzen kann). Durchsagen aus Lautsprechern schallten durch die dunkle Nacht. Wo ist Schmuel?!
Sodann wurde die Durchsage gesendet, es handle sich wieder um eine konventionelle Scud. Wo genau sie gefallen war, sagte man aber natürlich nicht. Wieder sah ich aus dem Fenster. Ein Igel lief auf der leeren Straße herum. Wo bleibt denn nur mein Mann? Nun, der kam dann auch endlich heim. Ja, auch er hatte die Explosion gehört, anscheinend stärker als ich hier. Er muss also näher dran gewesen sein.

Wie wir später hörten, war die Rakete in Ramat-Gan, unmittelbar an der Grenze zu Bnei-Brak, gefallen und hatte ein Wohnhaus in Schutt und Asche gelegt. Die religiöse Familie, die dort wohnt, war zum Glück nicht zu Hause gewesen. Es hieß, die Leute wollten ursprünglich den Schabbat zu Hause verbringen und hätten auch alle notwendigen Vorbereitungen getroffen. Da hätte plötzlich die Frau darauf gedrängt, zu ihren Eltern nach Bnei-Brak zu gehen, und der Mann hätte sich seufzend gefügt. Nachher muss er sich an Gottes Anweisung an den Erzvater Abraham erinnert haben:

Höre auf alles, was deine Frau sagt!

Genesis 21,12

Obwohl unser Haus vom Ort des Geschehens nur einige hundert Meter entfernt ist, habe ich die Explosion hier nur relativ schwach gehört, weil zwischen dem betroffenen Haus und unserem ein Hügel liegt. Es war allen klar, was die Iraker eigentlich treffen wollten: eine militärische Einrichtung unweit von hier, in Ramat-Gan. Es gab auch noch weitere Versuche, diese zu treffen, weshalb die Stadt Ramat-Gan auch noch einige weitere Raketen abgekriegt hat.
In der näheren Umgebung der Explosion waren alle Fensterscheiben zu Bruch gegangen, so auch im Haus einer Cousine meiner Schwiegermutter, Piri. Die alte Dame hat einen leichten Schock erlitten, ist aber ansonsten unversehrt geblieben. Den Schaden hat der Staat bezahlt, weil er durch eine feindliche Handlung verursacht worden war.

Galgenhumor und ein alt-neuer Hit

Wie unter Juden nicht anders möglich, begannen auch bald verschiedene Witze zu kursieren. [Beispiele?] Im Radio tauchten im Laufe des Krieges neue Lieder auf, darunter auch zahlreiche Spottlieder auf Saddam Hussein. Das bekannteste davon war „Ja Saddam, ja metumtam“, das den folgenden Refrain hatte (leider habe ich keine Aufnahme davon bzw. einen Link dazu):

Ja Saddam teze mischam
Adon Saddam ja metumtam
Teze mischam teze mischam
Se lo Iran-Amerikan teze mischam
Bum bum bum – Bush!

Übersetzung:
Oh Saddam geh raus von dort
Herr Saddam, oh Depp
Geh raus von dort, geh raus von dort
Das ist nicht Iran-American, geh raus von dort

In religiös-jüdischen Kreisen erschienen Cartoons, in denen Saddam mit dem bösen Haman verglichen wurde.
Im Radio war auch besonders oft die alte Schnulze „Sugar Bush I love you so“ zu hören, zu Ehren des damaligen amerikanischen Präsidenten George Bush senior. Bis zu diesem Zeitpunkt war derselbe hierzulande als Israel wenig gewogen empfunden worden. Nun änderte sich die Einschätzung schlagartig: Bush wurde als Schützer Israels gepriesen und das obengenannte Lied zur Lobeshymne für ihn umfunktioniert.



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Alltag in abnormalen Zeiten

In Bnei-Brak wurden, wie bereits erwähnt, in diesem Zeitraum die sonst üblichen Sirenen zur Verkündung des Eingangs des Schabbat nicht betätigt, damit die Leute nur ja nicht unnötig in Panik gerieten. Aus demselben Grund unterblieb nach den ersten paar Alarmen die Betätigung des gleichbleibenden Sirenentons zur Entwarnung.

Manche Leute, vornehmlich Frauen, waren so hysterisch, dass sie nicht einmal piepende Armbanduhren, pfeifende Kinderspielzeuge und alles, was sich nur im Entferntesten wie eine Sirene anhörte, hören wollten. Selbst das Geräusch eines fahrenden Autobusses in gewisser Entfernung erweckte unangenehme Assoziationen.

Andere Leute waren da mutiger (oder dümmer?). Viele unterließen das Anlegen von Gasmasken: einige besonders Religiöse aus Gottvertrauen; einige, weil sie überzeugt waren, dass sie im Ernstfall eh nichts nutzen.
Mit fortschreitendem Krieg – das muss ich hier festhalten – wurde meine Reizschwelle offenbar immer höher. Zum Schluss wachte ich in der Nacht von den Sirenen gar nicht mehr auf und legte auch keine Gasmaske mehr an. Irgendwie stumpft man ab und wird gleichgültig, und das ist in gewisser Beziehung ja auch gut so.
Mit Ausbruch des Krieges blieben alle Erziehungseinrichtungen – Schulen und Kindergärten – zunächst einmal geschlossen. Dann wurde verfügt, dass der Betrieb wieder aufzunehmen sei, nur müsse jedes Kind seine Gasmaske mitbringen (und überhaupt sollte jedermann, der aus dem Haus ging, seine Maske überallhin mitnehmen). Und um den Kindern im Notfall beim Anlegen der Gasmasken zu helfen – was ja bei zwei Kindergärtnerinnen nicht schnell genug geht –, mussten 1 – 2 Mütter als Freiwillige im Kindergarten anwesend sein. Einige Male erfüllte ich selbst diese Aufgabe, weil ich ja damals noch nicht arbeiten ging. Ich begleitete also Tamar, die stolz ihre mit buntem Papier beklebte Schachtel mit der Gasmaske trug; Dina, die damals noch nicht in den Kindergarten ging, kam auch mit (mit ihrer Kapuze), und natürlich auch Motti, dessen Zelt ich ebenfalls mitschleppte. Alle Schachteln mit den Masken der Kinder kamen in eine eigens dafür eingerichtete Ecke, und der gewohnte Kindergarten-Alltag nahm seinen Lauf. Tagsüber hatte es ja bisher keine Angriffe gegeben.

Ein Heidenschreck!

An einem Freitag holte ich Tamar aus dem Kindergarten ab. Dina und Motti waren bei Schmuel zu Hause geblieben. Ich selbst hatte meine Maske nicht dabei. Zusammen mit Tamar ging ich dann Schoschi, eine ältere Dame und Verwandte meiner Schwiegermutter, besuchen. Das Wetter war nicht besonders, es sah aus, als wolle es regnen.
Wir machten es uns auf dem Sofa gemütlich und begannen, wie gewohnt, über dieses und jenes zu plaudern. Da blitzte und krachte es plötzlich so heftig, dass die hölzernen Rollläden beinahe zerbarsten. Im selben Moment begann eine Sirene zu jaulen, mitten hinein in die jäh entstandene Totenstille. Du liebe Güte, war das ein Schreck! Sofort nestelte ich an Tamars Gasmaske herum und setzte sie ihr auf. Was wird jetzt mit mir, was wird aus Schoschi, die überhaupt keine Maske hat? Aber da hieß es im Radio schon: „Es handelt sich um einen Blitzschlag, das ist kein Raketenangriff“. Ich wiederhole: „Das ist kein Raketenangriff!“
Nachher bin ich mit noch leicht zitternden Knien mit meiner kleinen Tochter nach Hause geschlichen.

Das Purimwunder

Und dann war dieser eigenartige Krieg plötzlich zu Ende, passenderweise genau zu Purim. Ich erinnere mich noch an Leute, die jetzt spaßeshalber, quasi als Purim-Verkleidung, mit aufgesetzten Gasmasken herumzogen und lachten. Manche hatten die Masken bemalt oder mit Micky-Maus-Ohren und anderen Accessoires verziert.
Nach israelischen Angaben betrugen die Verluste unter der Bevölkerung insgesamt 74 Zivilisten. Davon starben zwei Personen direkt, vier indirekt durch Erstickung aufgrund von Gasmasken und die Restlichen durch Herzinfarkte.

Jetzt zählen wir das Jahr 2012 und wieder wehen im Nahen Osten Kriegswinde. Man hat hier auch wieder Gasmasken an die Bevölkerung verteilt. Ich habe sie inzwischen in der Rumpelkammer verstaut und hoffe stark, dass sie auch in Hinkunft dort verbleiben. Amen!


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Eine Fahrt im Autobus 402 von Bnei-Brak nach Jerusalem

Claudia/Chaya-Bathya, unsere ständige Gastautorin und Korrespondentin aus Bnei Brak, Israel, nimmt uns in ihrem heutigen Beitrag mit auf eine Busfahrt von Bnei Brak nach Jerusalem – und erklärt dabei Eigenheiten…

Claudia/Chaya-Bathya, unsere ständige Gastautorin und Korrespondentin aus Bnei Brak, Israel, nimmt uns in ihrem heutigen Beitrag mit auf eine Busfahrt von Bnei Brak nach Jerusalem – und erklärt dabei Eigenheiten des israelischen Alltags, die so manchem Israel-Urlauber bekannt vorkommen bzw. für künftige Israel-Reisen wissenswert sein könnten.
Überdies hat ihr Beitrag einen aktuellen tagespolitischen Nebenaspekt: der Attentäter, der 1989 den im Beitrag angesprochenen Anschlag auf Bus Nr. 405 (Linie Tel Aviv–Jerusalem) verübte, ist nach israelischen Pressemeldungen einer jener palästinensischen Häftlinge, die im Austausch gegen den entführten Soldaten Gilad Schalit freigekommen sind (siehe die Liste der freigelassenen Gefangenen auf Wikpedia).

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Im Folgenden möchte ich meine Eindrücke von meiner Reise von Bnei-Brak nach Jerusalem am 29. Juni 2011 wiedergeben. An diesem Tag muss ich arbeitsbedingt nach Jerusalem fahren, und das freut mich sehr, denn ich liebe Autobusfahrten über alles. Etwa 70 km sind es von hier nach Jerusalem. Die Fahrt dauert ca. eineinhalb Stunden.

Ich steige beinahe an der ersten Haltestelle zu, die liegt fast vor unserem Haus. Zu diesem Zeitpunkt ist der Bus noch leer. Das wird sich aber sehr schnell ändern.

Die Autobusroute in der engen und überfüllten Stadt Bnei-Brak windet sich wie Darmschlingen. Die Fahrt in Bnei-Brak allein nimmt fast ein Drittel der gesamten Fahrzeit in Anspruch! (Über Bnei-Brak könnte man Romane schreiben, und wer weiß, ob ich das nicht noch einmal tun werde.) Wie wäre es denn mit der Errichtung einer zentralen Autobushaltestelle für Überlandfahrten, so wie es sie in allen anderen Städten gibt? Jaja, ich weiß: darüber wird hier schon lange Jahre geredet. Geschehen ist nichts. Und so ziemlich alle Stellen, wo man eine solche hätte errichten können, sind inzwischen verbaut.

Der Autobus füllt sich langsam. Der 402er ist übrigens ein sogenannter Mehadrin-Bus, d. h. hier sitzt man nach Geschlechtern getrennt: Männlein vorne, Weiblein hinten. Nicht alle, auch nicht alle orthodoxen Juden, sind von dieser Einrichtung erbaut. Das Schlimmste sind selbsternannte Ordnungshüter, die ein jegliches weibliches Wesen, selbst wenn es ihre Oma sein könnte, grob anfahren oder gar handgreiflich werden (wie absurd!), wenn dieses im Männerteil Platz genommen hat. Solche Vigilanten sind aber eine eher seltene Erscheinung, zumindest hier in Bnei-Brak. Frauen beklagen sich eher über die Sitzordnung selbst, weil ihnen das Schaukeln im hinteren Teil des Busses nicht wohl bekommt. Sie sagen aber nichts. Wer partout keinen Mehadrin-Bus will, kann von Bnei-Brak auch mit dem Autobus Nr. 400 nach Jerusalem fahren. Der ist „gemischt“.

Ich selber sitze sehr gerne hinten, weil es da am meisten hüpft und schaukelt. (In diesem Leben werde ich wohl nie erwachsen.) Außerdem sitze ich liebend gerne am Fenster und sauge die vorüberziehenden Bilder förmlich in mich auf. Wenn ich doch nur eine Kamera bei mir hätte!

Interessiert beobachte ich die umständlichen Reisevorbereitungen mancher männlichen Fahrgäste: Rock bzw. Kaftan ausziehen, fein säuberlich zusammenlegen und ins Gepäckfach unter der Decke des Busses schieben. Der Hut folgt. Der eine tut das rasch und entschlossen, der andere hingegen mit Bedacht. Hie und da wird noch ein Talmudfoliant aus irgendeiner Tasche gezogen, und dann macht man sich’s auf dem gepolsterten Sitz bequem. Fertig! Andere laben sich an mehr irdischen Genüssen. Raschelnde Papiersackerl mit Gebäck und Süßigkeiten, ein krachender Biss in einen saftigen Apfel.

Neben mir nimmt eine ältere Dame Platz. Das große Plastiksackerl, das sie schleppt, stellt sie zwischen ihre Beine. Drinnen sind, soweit erkennbar, zahlreiche weitere Sackerl. Meine Sitznachbarin ist recht kommunikativ, zeitweise für meinen Geschmack ZU kommunikativ. Sie redet Hebräisch durchmischt mit Jiddisch und einer weiteren Sprache, die ich nicht zu identifizieren vermag. Vielleicht eine kaukasische Sprache? Ab und zu zieht sie eine Eineinhalb-Liter-Cola-Flasche – gut eingehüllt in weiteres Plastiksackerl – aus dem großen Sackerl und nimmt einen Zug.

Bei der Ausfahrt aus der Stadt auf die „Geha“-Autobahn fährt der Bus auf einem holprigen Fahrweg mit wenig Asphalt, aber umso mehr Schlaglöchern (skandalös ist das!) an einem heruntergekommen, verwahrlosten Einfamilienhaus vorbei. Über dem Eingang hängt ein Schild: Hachnasat Orchim schel Awraham Awinu, also Gastfreundschaft des Erzvaters Abraham. Und dem guten Vorbild des Letzteren folgt auch der Hausherr: „Hier kann man kostenlos essen und trinken“, verheißt ein handbeschriebenes Pappschild an einem der Fenster. Ich hoffe nur, den Gästen kracht die Bruchbude nicht über dem Kopf zusammen.

Heute gibt es, wie sich herausstellt, im Bus auch ein „Unterhaltungsprogramm“: Eine ältere Dame teilt an die Frauen und Mädchen Heftchen zum Tehillim[Psalmen]-Sagen aus. Ich lehne dankend ab, weil ich es vorziehe, die schöne Aussicht zu genießen. Bei den Männern teilt ein Chassid Zettel aus – Daf Hajomi [das tägliche Blatt Talmud] vermute ich, genau weiß ich’s aber nicht, weil ich ja in der „Frauenabteilung“ sitze.

Plötzlich ein durchdringendes Pfeifen und Knacken! Aus dem Bordlautsprecher ertönt eine Stimme. Der Sprecher – es ist der genannte Chassid – bedankt sich in jovialem Ton beim Fahrer für die Überlassung des Mikrophons und fängt an, einen rabbinischen Vortrag zu halten. Worüber genau, habe ich nicht mitgekriegt.

Die Dame neben mir raunzt und nörgelt in einer Tour vor sich hin. Sie möchte ihre Ruhe haben und ist von der akustischen „Zwangsbeglückung“ alles andere als entzückt. Die anderen Fahrgäste scheinen teils dasselbe zu denken, reagieren aber nicht. Sie möchten wohl den Tora-Vortrag nicht stören. Die Frauen sind mit Tehillim-Sagen, mit Unterhaltung oder Handy-Gesprächen beschäftigt, einige Männer – so ich sie von meinem Platz aus sehen kann – ebenfalls. Auch der junge Jemenite, der wegen akuten Platzmangels auf den Stufen vor dem Ausgang Platz genommen hat, zieht offenbar sein Handy dem Talmud vor.

Der Vortragende schließt endlich mit einer längeren Serie von Berachot [Segenssprüchen], nicht ohne mindestens fünfmal den heutigen Rettungstag des „Kaliver Rebben schlite“ [schlita = שליט“א ist eine hebräische Abkürzung mit der Bedeutung: er lebe lange und gute Jahre, Amen!] zu erwähnen. Der charakteristische Tonfall der Segenssprüche allein deutet den Zuhörern schon an, wann sie antworten sollen: Ooo-mejn! [Amen]

Der selbsternannte Entertainer, recte Schiur[Lektion]-Sager, übergibt nun das Mikrophon an einen Rosch Jeschiwe [Haupt einer Jeschiwa]. Der nuschelt halblaut etwas vor sich hin, von dem ich kein einziges Wort verstehe. Und ich bin nicht die Einzige.

Dann wird das Wort einem jüngeren Mann erteilt, der einen Sijum [Abschlußsseier] auf den ganzen Schass [Talmud] feiert, wie der Redner nicht vergisst zu betonen. Der Mann hat also den ganzen Talmud, gewöhnlich in 20 großen Folianten gedruckt, vollständig durchgelernt. Alle Achtung! Dieser Mann spricht laut und klar und fasst sich kurz.

Und ich? Ich habe nur Augen für die wunderbare Aussicht. Das satte Frühlings-Grün hat einem überwiegend gelbbraunen Farbton Platz gemacht. Reife Ähren stehen auf den Äckern, andere Felder sind schon abgemäht. Nur ein paar Strohballen sind übriggeblieben. Auch grüne Flecken gibt es noch: irgendwelches Gemüse und sonstige Blattpflanzen. Die werden bewässert. Ab und zu kugeln „Bluzer“ von Wassermelonen und Kürbissen kunterbunt herum. Die müssen aber noch ein bisschen wachsen. Auch Obstbaum-Plantagen gibt es. Die weißen Würfel, die hie und da in kleinen Gruppen an Feldrändern platziert sind, sind Bienenkolonien. Übrigens habe ich im Verlauf der Fahrt festgestellt, dass man vermehrt Wein anbaut. Man trägt also dafür Sorge, dass die hiesige Bevölkerung noch „geist“-reicher wird.

Immer wieder sieht man auch verstreute Ortschaften. Die bestehen aus Einfamilienhäusern, viele liegen in herrlich grünen Gartenlandschaften. In einer dieser Siedlungen sticht ein Gebäude durch Höhe und Baustil hervor: es handelt sich um „Seven Seventy“, eine genaue Replik des Hauptquartiers der Lubavitscher Chassidim in Crown Heights, New York. Wir sind also schon in Kfar Chabad. In diesem Dorf leben, wie der Name impliziert, ausschließlich Lubavitscher Chassidim. Der zweite Teil des Ortes – hierbei handelt es sich in erster Linie um das große religiöse Mädchengymnasium „Bejt Rivka“ mit angeschlossenem Internat – liegt übrigens auf der anderen Seite der Autobahn.

Den „Ben Gurion“-Flughafen sehe ich von meiner Seite aus nicht. Ich sitze bei der Hinfahrt nämlich rechts, weil auf der linken am Vormittag die Sonne hereinscheint. Ich hasse es, wenn man die Rollos runterzieht, weil ich dann die Aussicht nicht mehr genießen kann. Andererseits will ich aber natürlich auch nicht in der Sonne braten. Auf der Rückfahrt werde ich jedoch, wenn ich wieder auf der rechten Seite sitze, die startenden, landenden und parkenden Flugzeuge bewundern können.

Etliche Reisende sprechen jetzt das Tefillat ha-derech, das Reisegebet. So auch ich.

Jetzt sind wir schon in Scha’ar Hagaj, oder auf Arabisch: Bab El-Wad, das „Tor des Tales“, 23 km von Jerusalem! Von hier an geht es so richtig aufwärts. Aleppo-Kiefern, Sträucher, Kreidefelsen, Karst. Uff, ich kriege verlegte Ohren! Das passiert mir hier immer.

Der Ort ist landschaftlich wunderschön, aber auch ideal für einen Hinterhalt: die Straße verläuft in einem tiefen Einschnitt zwischen links und rechts aufragenden Felsen, die heute bewaldet sind.
Im Unabhängigkeitskrieg 1948 fanden hier heftige Kämpfe zwischen der Arabischen Legion und israelischen Soldaten statt. Auf halbverwachsenen Pfaden kann man die in der Gegend verstreuten Grabsteine für die 119 gefallenen jüdischen Konvoi-Kämpfer erreichen.

Die Überreste der bei den Kämpfen ausgebrannten Panzerfahrzeuge, einst rostrot gestrichen und ebenfalls auf dem Gelände verstreut, sind jetzt khakifarben und an einem Platz konzentriert. Man hat auch einen Gedenkort eingerichtet. Schilder erzählen davon, was hier passiert ist.

Bei einer Ausfahrt in der Umgebung steht eine hohe Mobilfunk-Antenne, in die man Äste von Nadelbäumen gesteckt hat, um sie unauffälliger zu machen. Das ist aber nicht wirklich gelungen, der „Riesen-Besen“ sieht vielmehr recht lächerlich aus.

Aus einer steil abfallenden Felswand vor der Har’el-Kreuzung wächst, halb hängend und eigenartig geformt, ein Feigenbaum. Verschwiegene Pfade führen ins Unterholz. Ach, wie hätte ich Lust, jetzt auszusteigen und zu wandern! Weit wandern, nur einfach so gehen. Irgendwohin, egal wohin.

Eine sehr schöne Aussicht gibt es bei dem arabischen Dorf Abu Gosch, bekannt vor allem für seine Restaurants, aber auch für musikalische Veranstaltungen. Jährlich zu Schawuot und Sukkot finden die „Abu Gosh Voice Festivals“ statt, in der Auferstehungskirche sowie in der modernen Kirche „Notre Dame Arche D’Alliance“ (Unsere Liebe Frau von der Bundeslade) finden zahlreiche weitere Konzerte statt.

Ganz in der Nähe liegt das Städtchen Kirjat Je’arim, umgangssprachlich „Tels-Stone“ genannt. Es ist fast ausschließlich von orthodoxen Juden bewohnt und hat durch den Selbstmordanschlag auf den Autobus Nr. 405 (Tel Aviv–Jerusalem) traurige Berühmtheit erlangt. Am 6. Juli 1989 stürzte sich ein arabischer Fahrgast – ein Mitglied des „Islamischen Dschihad“, wie sich später herausstellte – auf den Busfahrer, bemächtigte sich des Lenkrads und steuerte den Bus in den Abgrund. 16 Fahrgäste starben, 27 (darunter der Attentäter) wurden verletzt. Seitdem ist in israelischen Überlandbussen vor dem Fahrersitz eine Barriere installiert. Von den zumeist orthodoxen Freiwilligen, die mithalfen, die Verletzten und Leichen zu bergen, wurde später die Organisation ZAKA zur Identifizierung von Unfallopfern gegründet.

Ein Kaddisch de-rabbanan [Gebet nach dem Torastudium] reißt mich aus meinen Gedanken. Die Tora-Lektionen sind beendet. Einige Männer erheben sich, setzen den Hut auf und antworten vorschriftsmäßig auf das Kaddisch-Gebet. Die meisten anderen entledigen sich sitzend ihrer Pflicht. So auch ich. Es ist hier absolut kein Platz zum Aufstehen.

Die Frau, die die Tehillim verteilt hat, sucht nun all ihre Heftchen wieder zusammen: „Entschuldigen Sie, haben Sie ihr Heft schon zurückgegeben?“

Und dann sind wir auch schon in Jerusalem. An der ersten Station steige ich aus. In etwa hundert Metern Entfernung ragt der Pfeiler der charakteristischen und weithin sichtbaren Hängebrücke in den Himmel, auf der gerade eine Garnitur der neuerrichteten Jerusalemer Straßenbahn eine Probefahrt unternimmt. (Anmerkung: Inzwischen hat sie den regulären Betrieb aufgenommen.)

Ach, es ist doch immer schön, in Jerusalem zu sein!

4 Kommentare zu Eine Fahrt im Autobus 402 von Bnei-Brak nach Jerusalem

Familiantenstolz und ‚Brettel‘-Romantik

Der heutige Artikel führt uns in die vormärzliche mährische Judengasse. Es war dies eine Zeit, in der die Juden wahrlich nichts zu lachen hatten. Eine der schlimmsten Erscheinungen waren die…

Der heutige Artikel führt uns in die vormärzliche mährische Judengasse. Es war dies eine Zeit, in der die Juden wahrlich nichts zu lachen hatten. Eine der schlimmsten Erscheinungen waren die Heiratsbeschränkungen.

Die Heiratsbeschränkungen waren ein Versuch der Regierung, die Zahl der Juden in Mähren nicht anwachsen zu lassen, nachdem sich die gewaltsame Vertreibung als undurchführbar erwiesen hatte.
Ein Hofreskript des Kaisers Karl VI. vom 31. Juli 1725 verbot bei Strafe von 1000 Dukaten die Aufnahme von Juden an Orten, wo sie bisher nicht ansässig waren, und bestimmte die Höchstzahl der „systemierten“ Familien mit 5106. Mittels des Patentes vom 17. November 1787 wurde die Anzahl der tolerierten jüdischen Familien auf 5400 erhöht, eine Anzahl, die bis zum Jahre 1848 unverändert blieb.

Die größte Anzahl der systemierten Judenfamilien besaßen die Städte Nikolsburg (620), Proßnitz (328), Boskowitz (326) und Holleschau (265), die kleinste Anzahl Teltsch (7) und Puklitz (5). Auch außerhalb der 52 Judengemeinden wohnten Juden zerstreut auf dem Lande. Diese Juden behielten ihre Zuständigkeit in ihrer Heimatgemeinde und wurden auch bei Besetzung der Familienstellen den dortselbst wohnhaften Juden zugezählt.

Mittels eines Hofdekretes vom 25. September 1726 wurde die Verehelichung von Juden nur in der Weise gestattet, dass nur der älteste Sohn nach dem Tode eines Familienvaters eine gültige Ehe eingehen durfte und auf diese Weise die durch den Tod des Vaters erledigte „Familienstelle“ erhielt. Als Familienväter wurden laut Gubernial-Patente vom 24. Oktober 1726 nur die am Kundmachungstage verheirateten und verwitweten Juden, die Kinder hatten, angesehen.

Wie glücklich war der Mann, der eine solche „Familiantenstelle“ bekam! Er gehörte damit automatisch der gesellschaftlichen Oberschicht der Gemeinde an. Ein solches Familienoberhaupt tat seinen Status auch durch seine Tracht kund. Von Max Hrdlitschka wird sie folgendermaßen beschrieben:

Was die Tracht anbelangt, trugen die Balebattim (Hausväter) ein hohes weißes Halstuch mit Jabot, einen langen, bis an die Knöchel reichenden Tuchrock,eine lange, mit silbernen Knöpfen versehene Bauchweste, kurze Kniehosen mit langen Strümpfen und silberbeschnallte Schuhe. Am Samstag legten sie die Schubeze (einen mit langen Ärmeln versehenen Überzieher) an. Mein seliger Urgroßvater trug als Kopfbedeckung ein schwarzes Samtkäppchen und setzte sich auf den Kopf einen runden, platten Filzdeckel, der mit einem Kopfloch versehen war und der über die Samtkappe gestülpt wurde, sonst aber unter dem Arm getragen werden konnte, ‚Häubenbrettel‘.

Das „Häubenbrettel“ oder kurz „Brettel“ ist also eine Art Barett. Diese Kopfbedeckung soll im 15. Jahrhundert entstanden sein und wurde mit dem mittellateinischen Wort „barretum“ benannt. Ursprünglich war das Barett ein Zeichen gebildeter Stände, und ein solches, also ein Statussymbol, war auch das jüdische „Brettel“: wer eines hatte, gehörte zur Oberschicht der Gemeinde, war ein angesehener Familienvater, ein Mann der das Recht hatte, offiziell eine Familie zu gründen – ein Recht, das zahlreichen anderen Juden versagt blieb.

Das Tragen des „Brettel“ bei verschiedenen gottesdienstlichen Verrichtungen wurde als so wichtig angesehen, dass es auch in die Takkanot (Verordnungen) der Gemeinden aufgenommen wurde. Auch in den Takkanot vom Jahre 1753 der jüdischen Gemeinde im ungarischen Bonyhad, wo zahlreiche Emigranten aus Mähren wohnten, kommt das schön zum Ausdruck. In Paragraph 3: Aufruf zur Tora, Punkt 6 heißt es:

Mit einer Mütze auf dem Haupt darf niemand zur Toralesung aufsteigen [sondern nur mit dem „Brettel“] und auch nicht als Nebenmann dort stehen.

Waren die auf die Erstgeborenen übertragenen Familiennummern besetzt, musste der Heiratswerber warten, bis der „Familiant“ starb. Die Folge davon war, dass die jüngeren Familienmitglieder auswanderten mussten, um im Auslande, namentlich in Ungarn (Slowakei), eine auch vom Staate anerkannte Ehe schließen zu können, da dort bezüglich der Eheschließungen der Juden keine rechtlichen Beschränkungen bestanden haben. Diese wurden im Jargon der mährischen Juden „Magranten“ bzw. „Emigranten“ genannt.
Wer keine „Familiantenstelle“ bekam und im Lande blieb, gehörte zur Unterschicht und konnte nur eine nach mosaischem Rechte gültige Ehe schließen. Im Gegensatz zu den Familanten-Hochzeiten waren die sogenannten „Winkel-Hochzeiten“ der „Emigranten“ (so wurden auch diejenigen genannt, die heimlich heirateten, und nicht nur jene, die tatsächlich emigrierten) sehr einfach und still. Sie fanden im verschlossenen Zimmer statt, damit die Behörde nur ja nichts von dem ungesetzlichen Vorgange erfahre. Der Staat, dem diese Vorgänge natürlich nicht entgangen waren – die zahlreichen Kinder von anscheinend unverheirateten Frauen konnten niemandem verborgen bleiben –, betrachtete eine derartige Verbindung als Konkubinat und die aus ihr hervorgegangenen Kinder als unehelich. Briess bemerkt hierzu:

Es war ein Glück, daß es zur damaligen Zeit noch keine offizielle Statistik gegeben hat, sonst wären die Juden hinsichtlich der Unmoralität wegen der zahlreichen, staatlich stigmatisierten unehelichen Kinder an erster Stelle gestanden.

In der von dem damaligen mährischen Oberlandesrabbiner Samson Raphael Hirsch (später Rabbiner der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M.) verfassten Denkschrift an den Reichstag in Kremsier (1849), der über die Judenemanzipation abstimmen sollte, werden die Heiratsbeschränkungen mit scharfen Worten angeprangert:

Streng genommen ist jede Geburt eines jüdischen Mährers ohne vorgängiges Absterben eines Andern, ein Staatsverbrechen. Denn mit pharaonischem Hohn spricht das Gesetz: die Juden sollen sich nicht vermehren. 5400 Familien dürfen sein, und zwar so und so viel in der und der Gemeinde, mehr nicht! Pharaonische Milde ersäufte aber die neugeborenen Juden. Österreich läßt sie heranwachsen, um sie in Druck und Jammer lebenslänglich das Verbrechen ihrer Geburt büßen zu lassen. […]

Mehr als Alles drückend und verwerflich sind aber die Beschränkungen der Verheirathung der Juden, die das Familienrecht überhaupt nur nach Absterben eines andern Familianten ertheilen, nur den Erstgeborenen zunächst berechtigen, aus einer Familie in der Regel nur zwei Brüder zur Verheirathung zulassen, alle ürigen aber zu einem unfreiwilligen Cölibat verdammen, somit die Sittlichkeit des Juden auf naturwidrige, harte Probe stellen, Zerwürfnisse, Haß und Streit in den Schooß der Gemeinden mit vollen Händen streuen, Gesetzumgehungen, Bestechungen, Concubinate und Skandale aller Art provociren, und dem Staate den letzten Schimmer einer auf Sittlichkeitsprincipien beruhenden Anstalt rauben.

Die Denkschrift ist abgedruckt in: Jeschurun (S. R. Hirsch) 11 (1859), S. 606-622)

Ignaz Briess, geboren in Prerau im Jahre 1833 und Verfasser eines Buches über das Leben in einer kleinen mährischen Judengemeinde (s. u.) konnte von diesen Vorgängen ein Lied singen – er kannte die damit verbundenen Bemühungen, Intrigen, Bestechungen etc. aus seiner eigenen Familie:

Die Erlangung einer solchen Familiantenstelle – diese war die Vorbedingung zum Heiratskonsens – war oft erst nach jahrelangen Bewerbungen möglich. […] Es ist mir erinnerlich, daß der Heiratskandidat Wolf Briess in Prerau … sich sechs bis acht Jahre um die Familantenstelle bewarb. Er setzte dabei fast sein ganzes Vermögen zu und als er endlich gegen Ende des Jahres 1848 obsiegte, erschien am 4. März 1849 das Patent, durch welches sämtlichen großjährigen ledigen Juden das Heiraten gestattet wurde.

Briess, s. u. Quellen

Die revolutionären demokratischen Bestrebungen des Jahres 1848 rüttelten auch an der überkommenen Gesellschaftsordnung in den mährischen Judengemeinden. Vor diesem Hintergrund schrieb ein anonymer Korrespondent in der deutsch-jüdischen Zeitschrift „Der Orient“ 6 (1849), S. 31-32 den folgenden satirischen Artikel.

„Das ‚Bretel‘. Ein mährisches Genrebild

„Bretel“, kennst Du dies Wort, lieber Leser? Schlage Adelung und Heinsius nach; vergebens. Du wirst es nicht finden. Nur ich kann Dir aus Autopsie eine Erklärung liefern. „Bretel“, oder als Kompositum „Häubel-Bretel“ist eine runde, platte Kopfbedeckung, die aus zwei großen Hemisphären: aus einem Planiglobus und einem Käppchen besteht. Es ist kein Alltagsmöbel, sondern wird blos aufgesetzt, wenn der Jude in die Synagoge geht. Hier soll er weder in der demokratisch-profanen Mütze, noch in dem französisch-republikanischen Hut, sondern in dem alten, ehrwürdigen Bretel erscheinen. Der flache Kreis und der hohle Halbkreis sind ein Symbol des „flachen und hohlen“ Kopfes. Sein Alter ist historisch, man behauptet sogar, es sei vom Glorienschein des Mittelalters umgeben.

Das Bretel spielt in der Familienchronik eine wichtige Rolle. Dem Junggesellen, dem den heiligen Hallen der Ehe fernstehenden ist der Gebrauch des „Bretel“ verboten; erst wenn der Rabbiner die aramäische Ketuba [Heiratsvertrag] unter dem Baldachin in althebräischer Romantik vorgelesen, darf er sein Haupt mit dieser Synagogenkrone schmücken.
Die Leser können leicht denken, daß das „Bretel“ als ein theures Familienereigniß begrüßt wird. Wenn der junge Ehemann zum ersten Male mit den Insignien der Ehe in der Synagoge erscheint, wie pocht da das Herz des „Mechutan“ [Brautvater], wie freut sich da die „Mechutenet“ [Brautmutter]. Was dem König die Krone, dem Feldherrn die Uniform – ist dem jungen „Balbos“ [Hausherr, Familienvater] das Bretel.

Seit zwei Jahrzehenden aber ist ein Streit im Lager der Bretel-Romantik ausgebrochen: es haben sich Guelfen und Ghibellinen gebildet. Voll Muth, Entschlossenheit und Hingebung an Frankreichs Modegöttin hatten es anfangs nur Einige gewagt, das „Bretel“ mit dem Hute zu vertauschen.

Die mährischen Gemeinden, in ihrem Sinne für das Altromantische, murrten über diesen Frevel an der geheiligten Kleiderordnung, man stutzte über die Kühnheit der Neumodischen – allein das Beispiel ward gegeben und fand rasch Nachahmung. Die Partei der Hüte wurde zur Majorität und gelangte zur Herrschaft in der Synagoge. Viele wollten nicht zurückbleiben, und weinend nahmen sie Abschied von dem geheiligten Bretel, preßten es an ihr Herz, und setzten den Hut auf.

Die Fanatiker aber, denen der Staub, wenn er nur alt, sehr alt, heilig ist, ließen sich nicht zurückschrecken, und betrachteten sich als Märtyrer des „Bretelthums“. Heute noch erscheinen diese Helden im „Bretel“, mit dem Bewußtsein, das Judenthum von den verderblichen Neuerungen gerettet zu haben. Wie Archimedes den hereinstürzenden Soldaten gegenüber nur an seinen Kreis dachte, so ist der Fanatiker mit seinem Bretel-Kreis innigst verbunden. Die Bretel-Träger sind die Orthodoxen von echtem Schrot und Korn, und die in der süßen Hoffnung leben, einst in Jerusalem, ein Opfer vor sich hertreibend, mit ihrem Bretel zu wandeln. Leider hat die Alles zerstörende Reform auch in Mähren manches Kind der Romantik getödtet, und darum sind es nur wenig Auserkorene, die den „Muth einer Meinung“ haben – wie Humboldt – und ein Bretel tragen!

Rührend ist auch folgendes Gespräch zwischen Vater und Sohn einer Bretel-Familie:

Sohn:

Will sich’s „Bretel“ ewig von mir wenden,
Wo Reform mit den Schekozim-Händen
Den Reschoim [Frevlern] schrecklich Opfer bringt?
Wer wird künftig deinen Kleinen lehren,
Lulab [Palmzweig] schütteln und den Rebbe ehren,
Wenn der Lamdan [Toragelehrte] Jajin-Nesech [Wein von Nichtjuden] trinkt?

Vater:

Theurer Sohn, gebiete Deinen Thränen!
Nach Minhagim [rituellen Bräuchen] ist mein feurig Sehnen,
Diese Arme schützen’s Alterthum.
Kämpfend für den heil’gen Herd der Götter
Fall‘ ich, und des Judenthumes Retter
Geh‘ ich nach dem Tod im Bret’l herum.

Sohn:

Nimmer lausch‘ ich der Gemore [Talmud] Schalle,
Müßig liegt der Medresch [Midrasch] in der Halle,
Gedoilim’s [der großen Rabbiner] großer Lamdanstamm verdirbt.
Du wirst hingehn und kein Bretel scheinet,
Und das Judenthum in Asche weinet,
’s letzte Bretel in dem [Garten] Eden stirbt.

Vater:

All mein Sehnen will ich, all mein Denken,
In des Eden stillen Garten senken,
Aber doch mein Bretel nicht.
Horch! der Hammer klopft schon an den Mauern,
Gieb mich doch das Bretel, laß das Trauern!
Vaters Bretel stirbt im Eden nicht.

Nach Aufhebung der Heiratsbeschränkungen im Jahre 1849 holten zahlreiche „Emigranten“ das Verlorene nach und feierten offiziell ihre Hochzeit:

Nach der im Jahre 1849 erfolgten Aufhebung des der Menschlichkeit und der Natur hohnsprechenden numerus clausus … ließen sich die meisten Emigranten-Ehepaare in legaler Form trauen, damit sie ihren Kindern dadurch die Rechte ehelicher Deszendenten verschafften; es mutete sonderbar an, wenn mitunter erwachsene Söhne und Töchter bei der Hochzeitstafel ihrer Eltern anwesend waren und bei der nachher stattfindenden Tanzunterhaltung der vielleicht schon großjährige Sohn mit der Mutter und die erwachsene Tochter mit dem Vater den Ehrenreigen eröffnete.

Briess, s. u. Quellen

Und so gehörte zusammen mit dem „Familiantentum“ fortan auch das „Brettel“ der Vergangenheit an.

Quellen:

  • Ignaz Briess, Schilderungen aus dem ehemaligen Ghettoleben, Brünn 1922.
  • Max Grünfeld, „Äußerer Verlauf der Geschichte der Juden in Mähren bis 1890“, in: Gold (Hg.), Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, Brünn 1929, S. 14-16.
  • Theodor Haas, „Statistische Betrachtungen über die jüdische Bevölkerung Mährens in Vergangenheit und Gegenwart“, in: Gold, a.a.o., S. 591 ff.
  • Max Hrdlitschka, „Die mährische Judengasse in der vormärzlichen Zeit“, in: Gold, a.a.O. S. 53ff.


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Rabbi Samuel Ehrenfeld der Ältere

Titelseite Chatan Sofer Wir unterbrechen unsere Sommerpause kurz aufgrund der morgigen Jahrzeit von Rabbiner Samuel Ehrenfeld dem Älteren, dem Großvater des berühmten „letzten“ Rabbiners von Mattersburg, Rabbi Samuel Ehrenfeld des…

Titelseite Chatan Sofer


Wir unterbrechen unsere Sommerpause kurz aufgrund der morgigen Jahrzeit von Rabbiner Samuel Ehrenfeld dem Älteren, dem Großvater des berühmten „letzten“ Rabbiners von Mattersburg, Rabbi Samuel Ehrenfeld des Jüngeren.

Der 1. Tag des jüdischen Monats Aw (heuer: Montag, der 1. August) ist der Jahrzeittag des Mattersdorfer Rabbiners Samuel Ehrenfeld des Älteren. Er erblickte im Jahre 1839 in Pressburg das Licht der Welt. Die folgende biographische Skizze folgt im Wesentlichen dem Nachruf im „Israelit“ (Nr. 68 (1883), S. 1149-1151), einer von Rabbiner Dr. Markus (Mordechai) Lehmann in Mainz herausgegebenen deutsch-jüdischen Zeitschrift.

Rabbi Samuels Vater, Rabbi David Hisch (Zwi) Ehrenfeld, ein Schüler des Chatam Sofer, war ein frommer und gelehrter Mann, der sich zeitlebens weigerte, eine rabbinische Stelle zu übernehmen und als Kaufmann seinen Lebensunterhalt verdiente. Er muss ein glänzender Toragelehrter und vorbildlicher Mensch gewesen sein, denn sein Meister wählte ihn zum Mann seiner Tochter aus.
R. Samuel erbte die hervorragenden Geistesgaben sowie die Liebe zur Tora von beiden Elternteilen, sog sie gleichermaßen mit der Muttermilch auf, und das machte sich auch bald bemerkbar:

In seinem Sohne Rabbi Samuel erwacht schon im Knabenalter eine glühende Liebe und Lust zur Thora. Er besuchte bald die Jeschiwa seines Onkels בעל כתב סופר [Verfasser des Werkes „Ketaw Sofer“], und wohin der junge R. Samuel kam, erregte er durch seine talmudischen Kenntnisse großes Aufsehen.

Seine Begeisterung – und dieser Ausdruck ist in diesem Falle wörtlich zu verstehen – für die Tora behielt er zeitlebens bei:

Von frühem Morgen bis gegen Mitternacht saß er über seinen Folianten gebeugt und wer ihm dann ins Gesicht sah, der glaubte ופניו מאיר‘ כזהר שכינה – etwas von jenem höhern göttlichen Geiste auf seinen begeisterten Zügen zu bemerken.

Ist es ein Wunder, daß dieser Gelehrtentypus sich nichts sehnlicher wünschte als ungestört sich dem Lernen hingeben zu können?

Sein bescheidener ruhiger Charakter sehnte sich nach einem ruhigen, unabhängigen und bescheidenen Wirkungskreise. Sein sehnsüchtiges Verlangen wurde erfüllt, ein reicher angesehener ת“ח [Toragelehrter] R. Bunem Paschkus aus Szerdahely [Dunajská Streda] nahm ihn als Schwiegersohn und verschaffte ihm die Gelegenheit ganz seinem edlen Wunsche gerecht zu werden. Trotzdem er sich dem Kaufmannstande widmete, beschäftigte er sich ununterbrochen בלימוד תה“ק [mit dem Studium der heiligen Tora].

Israelit 68 (1883), S. 1150

Dem Artikel im „Israelit“ zufolge war die Ehe eine gelungene; die Eheleute führten ein glückliches und harmonisches Familienleben:

Welch ein glückliches Familienleben er mit seiner gleichgesinnten Gattin, die השב“ה [Gott, gelobt sei er] trösten möge, führte, das weiß nur derjenige zu würdigen, der, wenn auch kurze Zeit, das Glück hatte in seiner Nähe zu weilen. Die Erziehung seiner Kinder im Geiste des Judenthums machte er zu seiner ersten Lebensaufgabe, sein sanftes, liebenswürdiges Wesen, sein edles Beispiel wirkte belehrend und erziehend, diese Liebenswürdigkeit wahrte er aber auch gegen Jedermann.

Die Söhne wuchsen ebenfalls zu großen Gelehrten auf: Rabbi Simcha Bunem (Bernhard) wurde später seines Vaters Nachfolger in Mattersdorf, und R. David Zvi, seines Zeichens Gemeindevorsteher in Surany, wurde der Schwiegervater seines Neffen Rabbi Samuel Ehrenfeld des Jüngeren (der letzte Mattersdorfer Rabbiner).

Es wäre schade gewesen, wenn dieser hervorragende Gelehrte und Erzieher sich mit seiner Rolle als Kaufmann begnügt hätte. Zum Glück hatte man seine Fähigkeiten bald erkannt und drang in ihn, doch ein Rabbinat zu übernehmen.

Im Gegensatz zu seinem Vater vermochte er sich der rabbinischen Tätigkeit auf die Dauer nicht entziehen. In Folge wiederholter Aufforderung folgte er 1866 dem Ruf nach Bethlen [Beclean] in Siebenbürgen und zwei Jahre später nach Szikszó in Ungarn.

1877 erreichte ihn der Ruf aus Mattersdorf. Er erklärte sich dazu bereit, überlegte es sich später aber wieder – wohl auf Drängen der Gemeinde Szikszó hin – und wollte in seinem Amt bleiben, so heißt es im Israelit (Nr. 32 (1877), S. 763). Zwei Wochen später berichtet das Blatt, Rabbi Samuel werde nun doch nach Mattersdorf gehen (Nr. 35 (1877), S. 840.

Die damaligen ungarischen Rabbiner waren für sämtliche religiösen Funktionen in ihren zumeist nicht sehr großen Gemeinden zuständig: außer Leitung des Gottesdienstes in der Synagoge, der Beantwortung von religionsgesetzlichen Fragen, der Vornahme von Trauungen und Begräbnissen sowie der Überwachung des Kaschrut-Wesens oblag dem Rabbiner auch die Matrikenführung, und last but not least der Toraunterricht. Und dieses Gebiet war es auch, auf dem Rabbi Samuel seine größten Leistungen erbrachte.

Seine ersten Erfahrungen im Unterrichten machte der junge Rabbi Samuel noch in Pressburg. Und als einmal sein Onkel, der Oberrabbiner auf Anraten der Ärzte auf Kur fahren musste, so war er, der „noch sehr junge“ Kaufmann, einer seiner Stellvertreter an der Jeschiwa (Israelit 29 (1861), S. 353).

[Es] strömten aus ganz Ungarn zahlreiche בחורים [Bachurim, Studenten], um bei ihm zu lernen. Er war buchstäblich im ganzen Gebiete des jüdischen Wissens zu Hause, durchdrang den ganzen Talmud, mit jenem eigenthümlichen Scharfblick, der ihn immer auf den geraden Weg führte. Wer bei R. Samuel das Glück hatte, nur kurze Zeit zu verweilen, trug דברי תורה [Worte der Tora] davon. Er glich wahrhaft einem nie versiegenden Quell, aus dem immer Thora sprudelte.

Allgemein gerühmt wird die Art und Weise seines Vortrages, die das Schwierigste und Verwickeltste einem Jeden auch minder Befähigten klar und zugänglich zu machen wußte. Unübertrefflich war aber seine Lehrfähigkeit im Gebiete des Talmuds; jeder Schüler mußte bei ihm Fortschritte machen, denn der Verblichens wußte jeden für die Thora zu begeistern, und sein Fleiß im Thorastudium nahm nie ab.

Schon in Szikszó hatte er eine eigene, sehr gut besuchte Jeschiwa geleitet. Diese führte er dann in Mattersdorf weiter. Diese Gemeinde zählte zu jener Zeit etwa 200 Mitglieder. Der „Israelit“ (Nr, 2 (1878), S. 37) berichtet über die Jeschiwa, dass an ihr 80 Bachurim studierten. Zum Zweck der Verköstigung der meist armen Studenten gründete er den Verein Chewrat Mesonot [Ernährungsverein] – jedes Gemeindemitglied verpflegte mindestens einen Bachur einmal in der Woche den ganzen Tag. Auch die Juden in den umliegenden Dörfern beteiligen sich mit finanzieller Unterstützung an diesem Verein.

Einige Informationen über die Größe der Jeschiwa und ihre finanziellen Lage im Jahre 1882 lassen sich dem folgenden Spendenaufruf eines gewissen H. Wolffing aus Würzburg entnehmen (Israelit 3 (1882), S. 67):

Matterdorf (Ungarn). Mitleidsgefühle der mannigfachsten Art, wahre Nächsten- und Bruderliebe sind es, durch die ich mich dringend veranlaßt sehe, eine sehr bedeutungsvolle, gewiß bescheidene Bitte an die geschätzten Leser zu richten.

Die Jeschibah zu Mattersdorf gehört bekanntlich zu den hervorragensten und am zahlreich besuchtesten Ungarns, indem mehr als 110 Bachurim ה‘ יברכם [Gott segne sie] sich hier befinden, um aus dem reichlich sprudelnden Borne des hochzuverehrenden הרב הגאון והקדוש נ“י [des genialen und heiligen Rabbiners, sein Licht leuchte] zu schöpfen und dem Thorastudium obzuliegen. Aus fernen Gegenden nicht nur Ungarns, sondern auch anderer Länder weilen hier Schüler, dr Zudrang wird ein immer größerer und die Zahl Derjenigen, die der Unterstützung bedürfen, wird somit immer beträchtlicher. Wenn man nun auch der hiesigen Gemeinde zu sehr großem Danke für ihr gefälliges stetes Wohlwollen verpflichtet ist, so sind diese Beiträge gar zu gering, um das gewünschte Resultat zu erzielen, da Mattersdorf ja nur ein kleiner Marktflecken und der größte Theil der Jeschiba den Unbemitteln zuzuzälen ist. Als Schüler unseres hochzuverehrenden הרב הגאון נ“י [des genialen Rabbiners, sein Licht leuchte] und als College vieler lieber Freunde, die fast während der ganzen Woche von Brod und Obst leben, halte ich es für meine heilige Pflicht, im Vertrauen auf den vielfach bewährten Wohlthätigkeitssinn der geschätzen Leser an diese das hochwichtige Ersuchen zu richten, ihre wohlwollende Gesinnungen auch öfters der hiesigen Jeschibah in entsprechender Weise zeigen zu wollen.

Kann doch ein Jeder, der diesen Zeilen seine Aufmerksamkeit schenken möchte und diesem Wunsche ein bereitwilliges Ohr leihen würde, in der That sich durch dieses Werk עולם הבא die jenseitige Welt erkaufen. Indem die dahier Lernenden ihre ganze Thätigkeit dem Studium der hl. Thora widmen und bei echter יראת שמים [Gottesfurcht] nur לתורה ולעבודה [dem Torastudium und dem Gebet] leben, so würden edle Freunde und Gönner mit einer etwa monatlichen oder vierteljährlichen Einsendung des Betrages an den Verein der Jeschiba zu Matterdorf, Ungarn eine מצוה [Gebot, Wohltat] thun, die sowohl für diese als für jene Welt ihren Lohn sicherlich in sich birgt und mit vollem Rechte kann man einem Jedem, der edlen Spendenden zurufen: מה רב טובך אשר צפנת (Psalm 31, 20). Wie groß ist doch der Lohn, den Du Deinen Frommen aufbewahrst!

Von seiner Leidenschaft, nämlich der Unterweisung der heiligen Lehre, wollte Rabbi Samuel auch nicht lassen, als dies seiner Gesundheit schadete. Diese seine schwache Gesundheit war vielleicht erblich bedingt. Schon sein Vater, der 1861 mit 54 Jahren das Zeitliche segnete, hatte während seiner ganzen Lebenszeit mit physischen Leiden zu kämpfen gehabt (Israelit 47 (1861), S. 569-570).

Im Nachruf von Rabbiner Grünwald aus Ödenburg (Sopron) wird hervorgehoben, wie sehr ihm seine Jeschiwa am Herzen lag:

… trotzdem es ihm von den Ärzten verboten wurde, seiner Kränklichkeit wegen, מרביץ תורה ברבים [Tora in der Öffentlichkeit zu unterrichten] zu sein, eine Jeschiwa zu halten, die Jeschiwa dennoch nicht aufgab, denn er sagte: Wenn keine Jeschiwa – למה לי חיים? [Was soll mir das Leben?] […]

Dasselbe betont der Nachruf in der Berliner „Jüdischen Presse“:

Trotz der eindringlichen Abmahnung der Ärzte und der Professoren konnte sich derselbe nicht entschließen, des anstrengenden talmudischen Vortrages, welcher er unausgesetzt seinen Schülern zu Teil werden ließ, sich zu enthalten, und erst als bereits der Todeskeim seine Gesundheit vollends zu untergraben und zu zerstören begann, also ein starkes Lungen- und Brustübel ein solches Vorhaben unmöglich machte, erst dann entschloß er sich schwersten Herzen[s], seine Tätigkeit zu unterbrechen und einen Erholungsort aufzusuchen, von dem er nicht mehr lebend zurückkehren sollte.

Jüdische Presse (Berlin) 34 (1883), S. 400

Über sein Ende berichtet der „Israelit“ im eingangs erwähnten Nachruf:

Seit Anfangs Winter [1882] verschlimmert sich allmählich sein Leiden, so daß der Verklärte ז“ל [gesegneten Andenkens], der keine höheren Freuden auf Erden kannte als להרביץ תורה [Tora zu unterrichten] schon damals die שעורים [Lektionen] mit seinen תלמידים [Schülern] unterbrach. Auf Anrathen der Ärzte reiste er nach Kirling [Kierling, gehört heute zu Klosterneuburg; es gab dort ein Sanatorium] zur Erholung, wo aber die dortigen Ärzte und die herbeigerufenen Professoren erklärten, daß das Leiden ein höchst gefährliches sei. Von allen Seiten, wohin die Kunde gelangt war, liefen täglich Erkundigungen und theilnahmsvolle Briefe ein; תפלות ציבור ויחיד [Gebete von Einzelnen und von der Gemeinschaft] stiegen zu dem himmlischen Arzte ב“ה [gelobt sei er] auf.

Allein Er in seinem unerforschlichen Rathe hatte es anders beschlossen. In den letzten Tagen des Lebens של אמ“ו [des Lehrers und Meisters] eilten sämmtliche Kinder, Verwandte, an das Krankenlager des theuren Vaters und Lehrers; bis zur letzten Stunde, seines Lebens versäumte er keine תפלה [Gebet] und war beständig מהרהר בד“ת [dachte an die Worte der Tora].

In der Nacht zu שבת ר“ח אב [Samstag, Monatsbeginn Aw = 1. Aw] trat eine solche Verschlimmerung ein, daß nach dem Urtheile erfahrener בני חברא [Mitglieder der Beerdigungsgesellschaft] das Schlimmste zu befürchten war. Nach 11 Uhr Vormittags sank er nach kurzem Gebete zurück und starb eine wahre מיתה בנשיקה [leichten und schnellen Tod].

Über die Trauer der Angehörigen und Gemeindemitglieder sowie über das Begräbnis heißt es:

Die Schilderung des Schmerzes der Nächstbetheiligten und als die Hiobspost an die Bewohner Mattersdorfs gelangte, die mit seltener Verehrung und Hochachtung an ihren(!) Rabbiner hingen, ist unbeschreiblich.

Nachdem der Telegraphendrath die Trauerkunde על הלקח ארון אלקים [über das Hinwegnehmen der Bundeslade] verbreitet hatte, eilten zu der הלויה [Trauerkondukt], die auf Dienstag 9 festgesetzt war, selbst aus weiter Ferne, Verwandte, Freunde, Schüler, zahlreiche Rabbinenen(!) und einzelne Deputationen der Gemeinden.Von den zahlreichen Rabbinen und Rab.Col., die zur לויה [Trauerzug] eintrafen, sprachen am Grabe sein Sohn R. D. H. aus Suran, sein Onkel R. Spitzer, Wien, sein Cous. R. S. Schreiber, Erlau, sein Neffe Rabb. Glaser, Klausenburg, Rabb. As. Kohn, Mattersdorf, Rabb. Katz, Kreutz, Rabb. Alt-Kobersdorf, sein Schwager Rabb.-Ass. Stern, Szerdahely.

Noch am Tage des Begräbnisses hatte die Gemeinde in wahrer Würdigung der unsterblichen Verdienste ihres seligen Rabbiners זצ“ל seinen würdigen Sohn R. Bunem, Rabbiner in Sarvar, zum Nachfolger im heiligen Amte mit Acclamation gewählt, die Gemeinde wird von allen Seiten beglückwünscht.“

Beigesetzt wurde Rabbi Samuel Ehrenfeld der Ältere am Mattersdorfer Judenfriedhof.

Sein literarisches Schaffen, oder zumindest ein großer Teil davon, wurde im Werk Chatan Sofer gedruckt:

in das er die ganze Fülle seines allgemein anerkannten Wissensschatzes und seine scharfsinnigen Forschungen niederlegte ס‘ „חתן סופר“ wovon der 1. Theil in Szikszo, und der 2. Theil in Mattersdorf ausgearbeitet wurde. Über den Werth dieses Werkes zu unrtheilen, steht mir nicht zu, die größten und gefeiertsten haben in brieflichen und literarischen Mittheilungen ihr Urtheil bereis gesprochen und die künftigen Geschlechter werden darin noch einen fast unerschöpflichen Quell der gründlichsten Belehrung finden. Außerdem verfaßte er noch viele Manuscripte auf תורה ש“ס וש“ע ושו“ת [Tora, Talmud, Schulchan Aruch und Reponsen] und war bestrebt, womöglich es drucken zu lassen.

Doch der Lenker der Geschicke hatte es anders beschlossen und den Frühvollendeten in der Blüthe seines geistigen Schaffens abberufen, zum größten Schmerze der nächsten Angehörigen, wie aller derer, die ihn wahrhaft kennen gelernt und seine Werke zu würdigen verstehen.


1 Kommentar zu Rabbi Samuel Ehrenfeld der Ältere

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