Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Johannes Reiss

Shoa-Denkmal in Eisenstadt – Einladung zum Diskurs

Background photo from the Yad Vashem Hall of Stars in the children’s memorial. (Taken from Wikimedia Commons) Ausgangssituation In Eisenstadt gibt es kein Holocaust-Denkmal. Immer wieder wird von verschiedenen Seiten…

Background photo from the Yad Vashem Hall of Stars in the children’s memorial. (Taken from Wikimedia Commons)

Ausgangssituation

In Eisenstadt gibt es kein Holocaust-Denkmal.

Immer wieder wird von verschiedenen Seiten (politische Parteien, die Kirchen (s.u. den Brief der Pfarrer), aber auch etwa die Burgenländische Forschungsgesellschaft usw.) ein Holocaust-Denkmal (!) für Eisenstadt gefordert.

Konkrete Vorschläge für ein solches Denkmal oder eine nähere Begründung für ein solches Denkmal, außer „dass es in Eisenstadt eben fehle“, sind zumindest mir nicht bekannt.

Dass die Forderungen nach einem Holocaust-Denkmal in der Landeshauptstadt Eisenstadt verstärkt in der letzten Zeit, besonders auch im Zusammenhang mit dem Ge-/Bedenkjahr 2018 gestellt wurden, ist natürlich kein Zufall. Zumal in den letzten Jahren mehrere Denk-/Mahnmale im Burgenland errichtet wurden.

Ein jüdisches Museum kann und will sich dieser Diskussion in seiner Stadt nicht entziehen, nicht zuletzt, weil ein jüdisches Museum immer auch Akteur institutionalisierten Erinnerns ist (s. dazu besonders unseren Blogartikel „Eigenarten des Erinnerns„).


Die Holocaust-Denkmäler im Burgenland ‒ Ein kurzer Überblick über die letzten Jahre

Deutschkreutz war 2012 „Vorreiter“ mit einem Denkmal in der Hauptstraße, im Oktober 2014 folgte die Einweihung einer Gedenktafel am jüdischen Friedhof in Deutschkreutz im Gedenken an die ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter. Initiator war in beiden Fällen Misrachi Österreich (Wien) bzw. namentlich Michael Feyer.

Michael Feyer war es auch, der 2017 mit seinem Verein „Wir erinnern. Begegnung mit dem jüdischen Mattersburg“ das Holocaust-Denkmal in Mattersburg präsentierte. Ein Denkmal, das sehr prominent den Brunnenplatz dominiert und das alte Denkmal am Standort der ehemaligen Synagoge sozusagen ablöste. Zur Kritik an diesem Denkmal siehe meinen Kommentar unten.

Ebenfalls 2017 wurde das Mahnmal in Kobersdorf präsentiert, das vom früheren Bürgermeister der Gemeinde, Erwin Hausensteiner, initiiert worden war. Auf dem Denkmal befinden sich, im Unterschied zu den anderen Denkmälern, auch Namen von Opfern, Adressen usw. Zwischen Ermordeten und Vertriebenen wird aber nicht unterschieden, die Liste ist zudem unvollständig.

Sehr sensibel und überlegt ging man in Frauenkirchen vor, wo auf dem Platz der ehemaligen Synagoge der „Garten der Erinnerung“ errichtet und 2016 offiziell präsentiert wurde. Die Initiative erfolgte von Dr. Herbert Brettl und dem Verein „Initiative Erinnern Frauenkirchen„. Begleitet wurde/wird die Initiative von Vorträgen und Aktivitäten.



Gemeinsam all diesen erwähnten Denk- und Mahnmalen ist zunächst die Tatsache, dass es sich um Orte handelt, in denen bisher keine ausdrückliche und spezifische Erinnerungskultur stattfand, zumindest nicht mit deutlichem Bezug zu Orten oder Plätzen im Ort, die die Funktion eines Erinnerungsortes haben. Zwar gibt es in Kobersdorf, Deutschkreutz, Mattersburg und Frauenkirchen jüdische Friedhöfe, doch wurden diese in den Orten nie wirklich aktiv und permanent in die Erinnerungsarbeit eingebunden.

Das ist auch der entscheidende Unterschied zu Eisenstadt:

  • In Eisenstadt gibt es seit 1972 unser Österreichisches Jüdisches Museum, das älteste jüdische Museum in Europa seit 1945. Es wurde im Herz des ehemaligen jüdischen Viertels, im Palais des Hoffaktors und ungarischen Landesrabbiners Samson Wertheimer, ausdrücklich als Erinnerungs- und Gedenkort an die Sieben-Gemeinden allgemein und an die ehemalige jüdische Gemeinde Eisenstadt im Besonderen gegründet!

  • Im Museum findet sich neben der Synagoge, der einzigen „living synagogue“ des heutigen Burgenlandes, am Ende der Dauerausstellung ein Gedenkraum, der dem Gedenken an die Jüdinnen und Juden der Sieben-Gemeinden gewidmet ist.

  • Das jüdische Museum hat seinen Standort im ehemaligen jüdischen Viertel, am Rande dieses Viertels befinden sich die beiden jüdischen Friedhöfe, die seit jeher intensiv in die Museumsarbeit eingebunden werden und die einzigen jüdischen Friedhöfe in Österreich sind, die vollständig aufgearbeitet und umfassend dokumentiert sind! Jeder Friedhof hat immer primär auch Gedenkcharakter!

  • Sowohl nahezu alle Touristen als auch insbesondere die etwa 200 Schulgruppen aus ganz Österreich, die jährlich das jüdische Museum, die Synagoge, das jüdische Viertel und die beiden jüdischen Friedhöfe besuchen, tun dies als „aktiven Gedenkakt“ an die Geschichte der Jüdinnen und Juden in der Stadt und der Region.

  • Seit zumindest 1992 widmet das Museum sein Hauptaugenmerk der minutiösen und akribischen Aufarbeitung der Geschichte der Jüdinnen und Juden in den Sieben-Gemeinden, vornehmlich der Jüdinnen und Juden in Eisenstadt.

  • Sämtliche Aktivitäten dieser Aufarbeitung wurden von der Stadt Eisenstadt begleitet und gefördert (Printpublikation über den jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt 1995, Outdoor-Projekt „Ver(BE)gangen“ 2012 in der Stadt Eisenstadt, vollständige Dokumentation des älteren jüdischen Friedhofes 2015 und vollständige Dokumentation des jüngeren jüdischen Friedhofes 2017‒18 sowie alle im Zusammenhang mit diesen Dokumentationen stehenden Aktivitäten und Veranstaltungen!).


Wir bevorzugen als jüdisches Museum alternative (!) Formen eines Denkmals aus nachvollziehbaren sachlichen Gründen. Oder mit anderen Worten: Bevor über ein Holocaust-Denkmal nachgedacht wird, müssen wir die Namen und Geschichten der Menschen kennen, die selbst bzw. deren Kinder und Kindeskinder heute nicht mehr in Eisenstadt sind. Diesen ersten Schritt halten wir für eine Conditio sine qua non.

Insbesondere die Aufarbeitung des jüngeren jüdischen Friedhofes hat im sogenannten Ge-/Bedenkjahr 2018 gezeigt, dass ‒ trotz intensiver Arbeit ‒ noch zu viele Fragen offen sind: Wir wissen nicht, was mit den Kindern und Kindeskindern von über 500 in Eisenstadt verstorbenen bzw. in den Sterbebüchern verzeichneten Jüdinnen und Juden geschehen ist, wir kennen viele Schicksale nicht von den im Jänner 1938 in Eisenstadt ansässigen 446 Jüdinnen und Juden.
Siehe besonders unseren Blogbeitrag: Gedenkjahr 2018ff.

Konkret bedeutet dies:

Bevor die Geschichte der Juden bzw. die jüdische Geschichte nicht so aufgearbeitet ist, dass die wichtigsten Fragen um das Schicksal der Jüdinnen und Juden dieser Stadt beantwortet werden können, macht ein „herkömmliches“ Denkmal wenig Sinn, schon alleine, weil es einer permanenten Überarbeitung dieses Denkmals bedürfte (zumindest wenn konkrete Zahlen und Namen auf dem Denkmal vermerkt sind, was wir aber ‒ in welcher Form auch immer ‒ für sinnvoll halten).

Grundsätzlich muss die Frage erlaubt sein, ob die oben zitierte Form der Denk- und Mahnmale (mit Ausnahme Frauenkirchen!) nicht längst überholt sind und ausgedient hat. Ich zitiere Michael Blumenthal, Gründungsdirektor des jüdischen Museums Berlin, der schon im Jahr 2000 (!) deutlich macht, dass

es heute längst nicht mehr reicht, „ETWAS“ zu tun, sondern dass es heute um das „WIE“ etwas geschieht, geht! Sonst droht die gesamte Arbeit zur Alibihandlung zu werden. Die althergebrachten Erinnerungsformen haben weitgehend ausgedient, sie führen heute zu Irritationen und zu Widerspruch. Eine Reduktion der Gedenk- und Erinnerungsarbeit auf das „WAS“ wird einen Gedenk-Aktionismus zur Folge haben, der noch häufig reflexartig beklatscht wird, wird aber auf jeden Fall zur Folge haben, dass die Erinnerung für viele unverständlich ist und spaltet! Sie ist nicht mehr harmonisch, die Nachfahren der Täter verstehen sie nicht, und die Nachfahren der Opfer ebenso nicht. Erinnern darf die Vergangenheit nicht bloß mumifizieren, sondern muss sie lebendig und aktuell erhalten…

W. Michael Blumenthal, Streit um die Erinnerung. Über den schwierigen Weg zu einer Ethik des Gedenkens: Der Holocaust und die Öffentlichkeit, in: Art Projects | Synagoge Stommeln | Kuntprojekte, Ostfildern-Ruit, 2000, 21ff

Wie vermeiden wir es also, dass die heimische Bevölkerung sich nach zwei Wochen am örtlichen Denk-/Mahnmal sattgesehen hat, die Touristen wenig mit dem Denkmal anfangen können und Nachfahren von Opfern im Denkmal nur einen oberflächlichen Umgang mit der sie persönlich betreffenden Geschichte ihrer Vorfahren sehen? Sind doch die meisten dieser „herkömmlichen“ Denk- und Mahnmale beliebig austauschbar, können in irgendeinem Ort aufgestellt werden, in dem einst Jüdinnen und Juden lebten, maximal der aufgedruckte Ortsname müsste ausgetauscht werden. Und selbstverständlich führt es auch zu Irritationen, wenn sich ein Denkmal nicht klar dem Verdacht einer Alibihandlung entziehen kann: entstanden nur, um „etwas“ zu tun, im schlimmsten Fall als gedenkaktionistische Form und/oder, um politisches Kleingeld zu wechseln.

Vergleichbar mit Eisenstadt ist Hohenems in Vorarlberg, wo es auch ein jüdisches Museum gibt, das sich im ehemaligen jüdischen Viertel befindet, wo es auch einen jüdischen Friedhof gibt und wo sehr viele „kleine“ Einzelheiten an die Geschichte der Hohenemser Jüdinnen und Juden erinnern (Gebäude- und Straßennamen, Stolpersteine und vor allem die permanente und lebendige Erinnerungsarbeit des Museums). Und wo es auch kein „herkömmliches“ Denk- oder Mahnmal gibt, ein solches auch derzeit gar nicht überlegt oder gefordert wird.

Es gibt also derzeit keinen Grund für Schnellschüsse, ein Denk-/Mahnmal, wie es von verschiedensten Seiten gefordert wird, umzusetzen.

Eher im Gegenteil: Es muss vor allem um eine permanente, lebendige Erinnerungsarbeit gehen, fernab von politischem Kleingeld und herkömmlichen, längst ausgedienten Erinnerungsformen, unabhängig von offiziellen Ge- und Bedenkjahren, frei vom Verdacht einer Alibiaktion.


Eine Art Conclusio sowie Ideen und Denkansätze für die Zukunft

  • Es gilt primär, die vielen offenen Fragen zu klären. Das ist ein Arbeitsprozess, der noch einige Jahre dauern, den das jüdische Museum aber mit Leidenschaft und höchster Akribie machen wird. Damit soll ein permanentes und lebendiges Erinnern gewährleistet werden. Der gesamte Arbeitsprozess wird immer wieder die Unterstützung und Einbindung der Stadt Eisenstadt benötigen (vom Matrikenamt bis hin zu finanziellen Förderungen usw.).

  • Einer der nächsten Schritte ist sicher, die schon länger mit der Stadt Eisenstadt geplante Tafel (mit Plan und Erklärungen) am jüngeren jüdischen Friedhof anzubringen (analog der Tafel am älteren jüdischen Friedhof). Auf der Tafel sollen auch die offenen Fragen angesprochen werden.

  • Begleitend zu dieser Arbeit des Museums sollte auch überlegt werden, die „Ergebnisse“ in Form von „Steinen der Erinnerung“ in der Stadt sichtbar zu machen. Auch dies wäre ein Zeichen einer permanenten, kontinuierlichen und lebendigen Gedenk- und Erinnerungsarbeit.

  • Da aber selbstverständlich auch der Vertriebenen gedacht werden soll, wäre zu überlegen, ob an einzelnen Häusern und Plätzen, oder eventuell auch mit einer zentralen Gedenktafel, in Zukunft Tafeln mit den Namen, Berufen usw. der dort früher wohnhaften Jüdinnen und Juden angebracht werden könnten. Es müssen in jedem Fall klare, richtige und nachvollziehbare Antworten gegeben werden können auf die Frage, warum es heute keine Jüdinnen und Juden in Eisenstadt gibt und was mit ihnen geschehen ist.

  • Es gibt auch schon vorbildliche Projekte, die höchsten Respekt verdienen: Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Kurzwiese in Eisenstadt entwickelten im Ge-/Bedenkjahr 2018 „Das wandernde Mahnmal – ein Projekt gegen das Vergessen„. Lebendige, persönliche und konkrete Auseinandersetzung mit der Geschichte der jüdischen Schülerinnen und Schüler, mit dem Holocaust. Der ORF-Bericht beginnt mit dem Satz „In Eisenstadt gibt es bis heute keine Gedenkstätte für Opfer der Schoah“. Gibt mir, besonders im konkreten Kontext, zu denken. Hätten Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler trotzdem dieses schöne Projekt entwickelt, wenn es ein solches Denkmal gäbe in Eisenstadt? „Müssen“ sich Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler in Frauenkirchen, Kobersdorf, Deutschkreutz und Mattersburg nicht so intensiv mit der Geschichte jüdischer Schülerinnen und Schüler auseinandersetzen, weil es schon ein Denkmal im Ort gibt?

  • Selbstverständlich „verschließt“ sich unser Museum einem Holocaust-Denkmal nicht a priori. So wäre für uns grundsätzlich vorstellbar, dass eine Idee für ein wirklich überlegtes, sensibel gemachtes, künstlerisch hochwertiges und nicht beliebig „austauschbares“ Denkmal einen Denkprozess für eine Gestaltung in Gang setzen könnte (vorausgesetzt, es stimmen die o.g. Parameter. Will heißen, dass es beim „Wording“ beginnt „Shoa-Denkmal“ und nicht „Holocaust-Denkmal“, dass dieses Denkmal der vertriebenen und ermordeten Juden Eisenstadts gedenkt, aber eben nicht ein Denkmal für Juden, Sinti, Roma, dass wir seriöse Zahlen und Namen haben…).
    Die lebendige und permanente Gedenk- und Erinnerungsarbeit kann aber ohnehin kein Denkmal ersetzen.


6 Kommentare zu Shoa-Denkmal in Eisenstadt – Einladung zum Diskurs

Es bleibt noch viel zu tun… Gedenkjahr 2018ff

Mit einem Rückblick auf das Ge-/Bedenkjahr 2018 und einem Ausblick wünschen wir allen Leserinnen und Lesern ein fröhliches Chanukkafest Happy Chanukka – חג אורים שמח und schon jetzt unseren christlichen…

Mit einem Rückblick auf das Ge-/Bedenkjahr 2018 und einem Ausblick wünschen wir allen Leserinnen und Lesern ein fröhliches Chanukkafest
Happy Chanukka – חג אורים שמח
und schon jetzt unseren christlichen Leserinnen und Lesern
ein frohes Weihnachtsfest und allen einen guten Start ins Neue Jahr!


Status quo, viele Fakten, viele Hypothesen

Vor 80 Jahren, im November 1938, gab es im Burgenland keine jüdischen Gemeinden, keine Juden mehr. 1938 bedeutete das endgültige Aus einer jahrhundertelangen, in Europa einzigartigen Geschichte der Juden und jüdischen Geschichte in unserer Region.

In unserem Newsletter vom Februar 2018 haben wir angekündigt, insbesondere in diesem Gedenkjahr den Juden Eisenstadts ihre Namen und vor allem ihre Geschichte wiederzugeben.
Die Bilanz, die wir nun ziehen wollen, ist durchmischt.

Sicher erfreulich ist, dass es uns gelungen ist, beide jüdischen Friedhöfe Eisenstadts, den weltberühmten älteren jüdischen Friedhof und den jüngeren jüdischen Friedhof, digital vollständig zu erfassen (insgesamt 1.358 Grabsteine und 1.375 Personen) und vor Ort mit Standortnummern und QR-Codes zu versehen. Jeder in Eisenstadt Begrabene kann damit ab sofort sicher gefunden werden.

Besonders der jüngere jüdische Friedhof aber stellte uns vor unerwartete Herausforderungen. Am Friedhof fehlen (physisch) etwa 150 Grabsteine, sie wurden wohl nach 1945 gestohlen, nur mehr die Sockel zeugen von ihrer ehemaligen Existenz.

Der jüngere jüdische Friedhof wurde 1875 angelegt, auf ihm befinden sich heute 287 Grabsteine.

Die Sterbebücher von Eisenstadt weisen für die Zeit November 1874 (das letzte Begräbnis am älteren Friedhof fand am 28. Oktober 1874 statt) bis 1938 allerdings 801 Einträge auf.

Nur 126 Grabsteine bzw. Personen am jüngeren Friedhof können Matrikeneinträgen in diesem Zeitraum zugeordnet werden! Die anderen Grabsteine (der 287) sind Massengräber, nach 1945 Begrabene oder Jüdinnen/Juden, die in anderen Orten verstorben sind und nach Eisenstadt überführt wurden, jedenfalls nicht im Sterbebuch Eisenstadt eingetragen sind.

Am jüngeren jüdischen Friedhof befanden sich bis 1938 also etwa 430 Grabsteine (ca. 150 heute fehlende und 280 vorhandene, die erste Reihe mit 7 Grabsteinen wurde nach 1945 angelegt).

Gehen wir davon aus, dass die fehlenden ca. 150 Grabsteine Jüdinnen und Juden gehörten, die auch im Sterbebuch Eisenstadt eingetragen sind (801 Einträge von Jüdinnen und Juden, die in Eisenstadt begraben sein könnten, und 126 Grabsteine, die wir diesen Einträgen zuordnen können), fehlen etwa 525 Grabsteine. Waren unter den nachweislich fehlenden 150 Grabsteinen auch solche von Jüdinnen und Juden, die überführt wurden usw. und nicht im Sterbebuch eingetragen sind, fehlen ‒ theoretisch ‒ mindestens 525, im Worst Case aber 675 Grabsteine.

Da aber de facto am jüngeren jüdischen Friedhof mit Sicherheit weder 525 noch 675 Grabsteine fehlen, bleibt für uns die leider große Unsicherheit, wo diese Menschen begraben wurden. In den Sterbebüchern von Eisenstadt findet sich kein Hinweis auf den Begräbnisort, Begräbnisbücher fehlen zur Gänze.

Conclusio:

Da wir weder wissen, wie viele Jüdinnen/Juden von den 801 Einträgen in den Sterbebüchern tatsächlich am jüdischen Friedhof von Eisenstadt begraben wurden, noch, wie viele Jüdinnen/Juden von den ca. 150 physisch fehlenden Grabsteinen den 801 Matrikeneinträgen zugeordnet werden können, bleiben viele Unsicherheiten.
Es ist traurig, dass wir von mindestens 525 Jüdinnen und Juden aus Eisenstadt nicht wissen, wo sie begraben sind, nicht ihre Geschichte kennen.

Es bleibt noch viel zu tun… Gedenkjahr 2018ff.



PS:

Wir können Ihnen zu Chanukka online leider keine Latkes oder Krapfen reichen, haben aber pünktlich zum Fest drei neue Matrikenindizes von Schlaining / Oberwart online gestellt:

Geburtsindex Schlaining / Oberwart 1841 – 1917

Hochzeitsindex Schlaining / Oberwart 1851 – 1918

Sterbeindex Schlaining / Oberwart 1841 – 1920


2 Kommentare zu Es bleibt noch viel zu tun… Gedenkjahr 2018ff

Goldstein Dr. Eduard – 26. Jänner 1922

Dr. Eduard (Elijahu) Goldstein, 26. Tevet 682 (= Donnerstag, 26. Jänner 1922) Der Grabstein befindet sich auf dem jüdischen Friedhof von Frauenkirchen. Die Grabinschrift Inschrift Eduard Goldstein: Zeilengerechte Transkription und…

Dr. Eduard (Elijahu) Goldstein, 26. Tevet 682 (= Donnerstag, 26. Jänner 1922)

Der Grabstein befindet sich auf dem jüdischen Friedhof von Frauenkirchen.

Grabstein Dr. Eduard (Elijahu) Goldstein, 26. Jänner 1922. Foto: Dr. Herbert Brettl

Grabstein Dr. Eduard (Elijahu) Goldstein, 26. Jänner 1922. Foto: Dr. Herbert Brettl


Die Grabinschrift

Inschrift Eduard Goldstein: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier ist) g(eborgen) פ“נ
[2] der Weise, der Arzt, MORENU Elijahu, a(uf ihm sei) d(er Friede), החכם הרופא מוה אליהו עה
[3] der genannt wurde הנקרא
[4] Dr. Eduard Goldstein. ד“ר עדוארד גאלדשטיין
[5] Dr. Eduard Goldstein
[6] Er verstarb נפטר
[7] am 26. Tevet 682. כ“ו טבת ת’ר’פ’ב’
[8] Wie Diademsteine, die funkeln über seinem Erdreich, אבני נזר מתנוססות על אדמתו
[9] war er Tag und Nacht zu Diensten den Seufzenden und Stöhnenden, לילה ויום הכן לעזר נאנחים ונאנקים
[10] Ob reich oder arm, die an Krankheit Leidenden waren ihm Verpflichtung. יחד עשיר ואביון סובלי חולאים לחקים
[11] Sie werden ihre Zeugen stellen, „gepriesen sei er“, werden sie von ihm sagen. הם יתנו עידיהן ברוך יאמרו לעומתו
[12] Man sagte, er möge in Frieden eingehen und seine Ruhe möge Ehre sein. ויקראו יבא שלום והיתה כבוד מנוחתו
[13] S(eine) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). ת’נ’צ’ב’ה’
[14] Der Name seiner Mutter war Sarl. ושם אמו שרל


Anmerkungen

Zeile 2: MORENU bedeutet wörtlich „u(nser) L(ehrer), H(err)“. Den MORENU-Titel erhielten nur besonders gelehrte Männer, Bernhard Wachstein bezeichnet ihn als „synagogaler Doktortitel“ (siehe Bernhard Wachstein, Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540 (?)-1670, 2. Teil 1696-1783, Wien 1912, 2. Teil, S. 15).

Zeile 8: Sacharja 9,16: „So wird der HERR, ihr Gott, sie an jenem Tag retten als die Herde seines Volkes. Denn Steine an seinem Diadem sind sie, die über seinem Land funkeln.“

Zeile 9: Ezechiel 9,4. Gravurfehler: Es muss ונאנקים und nicht ונאנלים heißen!

Zeile 10a: Psalm 49,3 „… Reiche und Arme zusammen“ יחד עשיר ואביון.
10b: S. Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 98a: „Er sitzt zwischen den mit Krankheiten behafteten Armen“ יתיב ביני עניי סובלי חלאים.

Zeile 11: S. Jesaja 43,9 „Sie sollen ihre Zeugen stellen“ יתנו עדיהם.
Mir ist nicht klar, warum עידיהן und nicht עידיהם.

Zeile 8 – 12: Akrostychon: Die Anfangsbuchstaben ergeben den hebräischen Vornamen des Verstorbenen (Elijahu).


Über die Kategorie „Cheder“


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Goldstein August – 23. Juli 1901

August (Mose) Goldstein, 26. Tevet 682 (= Dienstag, 23. Juli 1901) Der Grabstein befindet sich auf dem jüdischen Friedhof von Frauenkirchen. Die Grabinschrift Inschrift August Goldstein: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung…

August (Mose) Goldstein, 26. Tevet 682 (= Dienstag, 23. Juli 1901)

Der Grabstein befindet sich auf dem jüdischen Friedhof von Frauenkirchen.

Grabstein August (Mose)  Goldstein, 23. Juli 1901. Foto: Dr. Herbert Brettl

Grabstein August (Mose) Goldstein, 23. Juli 1901. Foto: Dr. Herbert Brettl


Die Grabinschrift

Inschrift August Goldstein: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier liegt) b(egraben) פ“נ
[2] ein teurer Sohn, der unverheiratete Mann בן יקיר הבחור
[3] Mose (August) משה (אויגוסט)
[4] Goldstein, גאלדשטיין
[5] a(uf ihm sei) F(riede). ע“ה
[6] Er verstarb am 7. Av und wurde begraben a(m) 9. A(v) נפטר ז’ אב ונקבר בט“ב
[7] im Jahr 661 n(ach der kleinen Zeitrechnung). בשנת תרס“א ל.
[8] Wie hast du nur so schnell finden können ein Grab noch als Jüngling. מה זה מהרת למצא קבר בעודך נער
[9] Im Haus deiner Eltern ist das Tor zu Trümmern geschlagen. לילה ויום הכן לעזר נאנחים ונאנקים
[10] Du liegst wie ein Siegel auf ihren Herzen, dein Lager ist frisches Grün. יחד עשיר ואביון סובלי חולאים לחקים
[11] In der Finsternis breitet sich dein Lager aus und es wird ausgerufen: בחשך רפד יצועך ויעבר הרנה
[12] Hoffe auf Gott, denn wir werden ihn noch preisen. Steh auf und leuchte הוחילה לאלקים עוד תודנו קומי אורי
[13] in Seinem Licht und Seiner Wahrheit, wenn du in die Höhe auffährst. באורו ואמתו כעת במרום תמריאי
[14] S(eine) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). ת’נ’צ’ב’ה’
[15] Der Name seiner Mutter ist Mirjam. ושם אמו מרים


Anmerkungen

Zeile 8: Genesis 27,20 מה זה מהרת….

Zeile 9: Jesaia 24,12 …ושאיה יחת שער. Wortumstellung wegen des Reimes.

Zeile 10a: S. Hohelied 8,6 „Leg mich wie ein Siegel auf dein Herz שימני כחותם על לבך….
10b: S. Hohelied 1,16: „…Unser Lager ist frisches Grün“ …אף ערשנו רעענה:.

Zeile 11a: S. Ijob 17,13 „…In der Finsternis breite ich mein Lager aus.“ בחשך רפדתי יצועי:. Ich hätte in der Grabinschrift beim Verb auch eher eine 2. Person erwartet, also „du breitest aus…“. „Er breitet dein Lager aus“ würde nur Sinn machen, wenn Gott das Subjekt wäre, daher oben reflexiv übersetzt.
11b: 1 Könige 22,36 ויעבר הרנה.

Zeile 12a: S. besonders Psalm 42,6; 42,12 und 43,5: „Hoffe auf Gott, denn ich werde ihn noch preisen…“ הוחילי לאלהים כי עוד אודנו. Nur am Rande sei angemerkt, dass die Formulierung עוד תודנו exakt wie in der Grabinschrift in dem Gedicht קברות התאוה des großen Dichters der Haskala, Jehuda Leib Gordon, vorkommt.
12b: Jesaja 60,1 קומי אורי….

Zeile 13b: Ijob 39,18: כעת במרום תמריא. Im Bibeltext ist תמריא allerdings 3. f sg (Wenn sie – die Straußenhenne – aufschnellt…), in der Grabinschrift ist das Verb natürlich als 2. m sg zu lesen „du fährst auf“.

Zeile 8, 10 und 12: Akrostychon: Die Anfangsbuchstaben ergeben den hebräischen Vornamen des Verstorbenen (Mose).


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