Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Johannes Reiss

Wenn Würmer in den Kirschen nisten …

Jetzt ist Kirschenzeit. Hier im Burgenland, nahe Eisenstadt, gibt es den wunderschönen Kirschblüten-Radweg, die Bäume blüh(t)en prächtig (die eigentliche Kirschblüte ist schon vorüber) und auch auf den Märkten erhält man…

Jetzt ist Kirschenzeit. Hier im Burgenland, nahe Eisenstadt, gibt es den wunderschönen Kirschblüten-Radweg, die Bäume blüh(t)en prächtig (die eigentliche Kirschblüte ist schon vorüber) und auch auf den Märkten erhält man allerorts die leckeren Früchte aus der Familie der Rosengewächse.

  • Dienstliche Radtour zum Kirschblütenweg ;)
  • Noch: Kirschen ohne Würmer ...
  • Kirschen am Markt ...


Nun mag aber etwas die Freude des Kirschenessens trüben, nämlich die Würmer, die sich nur allzu gern in den Kirschen einnisten …
Und genau diese Würmer sind es auch, die eine Kirsche im Judentum zum verbotenen Lebensmittel machen (Update, 13.06.2011: so sie nicht aufgemacht und untersucht werden, siehe Kommentare). Mit anderen Worten: Kirschen gelten nur so lange als rituell in Ordnung und im weiteren Sinn als koscher, solange sie wurmfrei sind (Mit Ausnahme von vier Heuschreckenarten sind alle Reptilien, Amphibien, Würmer und Insekten unreine Tiere)!

Ein sehr schöner Merksatz hat sich mir dabei gut eingeprägt:

Kirschen bis Korach

Korach“ (4. Buch Mose – Numeri – 16,1-18,32) ist jener Leseabschnitt der Tora (Parascha), der heuer am Schabbat, dem 25. Juni, also in knapp 2 Wochen, gelesen wird! Bis zu diesem Datum also dürfen Sie noch gefahrlos Kirschen genießen, danach müssten Sie die Kirschen schon genau untersuchen, um zu klären, ob es sich Würmer in ihnen wohnlich gemacht haben ;)

Ob der Spruch „Kirschen bis Korach“ in der jüdischen Gemeinde Eisenstadt früher auch bekannt war, vermag ich nicht zu beurteilen, die Würmer in den Kirschen waren jedenfalls sehr wohl schon ein Thema kurz nach Schavu’ot:

Bald nach Schowuoth ist das Schuljahr zu Ende: die Gasse wird leerer, denn die Kinder vom Lande fahren nach Hause. Noch eine Pflicht haben sie sozusagen zu erfüllen: den ersten Wurm in den Kirschen zu suchen und zu finden. Wer die erste wurmige Kirsche zum Rabbiner bringt, erhält vom Tempelvorsteher 10 kr. ausbezahlt; in der Gasse aber wird verrufen, dass unaufgemachte Kirschen von nun an „osser wie cahser“ (verboten wie Schweinefleisch) sind […]

Fürst A., Sitten und Gebräuche einer Judengasse, Székesfehérvar 1908

PS: Heißt es im Judentum „Kirschen bis Korach“, so hört man – zumindest in unserer Region – oft den Spruch: „Die Maikirschen (also die ersten Kirschen) haben keine Würmer“.

22 Kommentare zu Wenn Würmer in den Kirschen nisten …

Schavu’ot 5771/2011

Du sollst das Wochenfest feiern, das Fest der Erstlingsfrüchte von der Weizenernte und das Fest der Lese an der Jahreswende. 2. Buch Mose (Exodus) 34,22 Am 06. Tag des Monats…

Du sollst das Wochenfest feiern, das Fest der Erstlingsfrüchte von der Weizenernte und das Fest der Lese an der Jahreswende.

2. Buch Mose (Exodus) 34,22

Am 06. Tag des Monats Sivan (heuer Mittwoch, 08. Juni) wird Schavu’ot gefeiert. In der Diaspora dauert das Fest zwei Tage, also heuer 08. und 09. Juni. Das hebräische Wort „Schavu’ot“ bedeutet „Wochen(fest)“, weil es auf den 50. Tag (ca. 7 Wochen) nach dem Pesachfest fällt. Andere meinen, dass das Wort nicht „Wochen(fest)“ bedeutet, sondern „Gelübde“, weil mit diesem Fest zwei Gelübde verbunden sind: das Gelübde, das das Volk Israel am Fuß des Sinai ablegte – „Wir wollen tun, wir wollen gehorchen“ (2. Buch Mose 24,7) -, und das Gelübde, das der Herr ablegte, als er versprach, das erwählte Volk durch kein anderes zu ersetzen. Ein weiterer Name für das Fest ist „das Fest der Gesetzgebung“, weil der Auszug aus Ägypten (Pesach) nur die Vorbereitung für die Gesetzgebung am Fuße des Berges Sinai war.

Schon in unserem ersten Beitrag zu Schavu’ot lesen wir, dass zuweilen Fehler passierten beim (rituellen) Zählen der 49 Tage zwischen Pesach und Schavu’ot. ;)

Und unser Tipp, den herrlichen schavu’ot-typischen Topfen-/Käsekuchen zu genießen, gilt übrigens auch nur, wenn Sie richtig gezählt haben:

Zu Schowuoth gilt es den Tempel recht hübsch herzurichten. Grünende Triumphbögen, blühende Kronen, duftendes Heu gestalten den Aufenthalt im Gotteshause wirklich zum Naturgenuß. Die erste Nacht wird trotzdem nicht hier, sondern im Beth-hammidrasch [Lehrhaus] – Lokal zugebracht (siehe unten); dort wird auch schwarzer Kaffee serviert und bei Morgengrauen das Morgengebet verrichtet. In der Frühe steht Jüdelein dann auf wie ein „Goj“, d.h. er setzt sich, ohne früher zu beten, zum Frühstück, zu den lachenden „Zworachdelkel“, Topfenkuchen, die nur demjenigen gebühren, der alle 49 Tage ohne Fehler gezählt hat […]

Fürst A., Sitten und Gebräuche einer Judengasse, Székesfehérvar 1908

Schavu’ot ist der Festtag der Tora schlechthin. Im Mittelpunkt steht die Erwählung Israels, die Verkündung der 10 Gebote und die Übergabe der Bundestafeln. In der Liturgie wird das Fest „Fest der Gabe unserer Tora“ זמן מתן תורתנו genannt.

Lyrics und Musik im Video von der großartigen Naomi Less, Songschreiberin und Musikerin, die vor allem mit ihrem Projekt „Jewish Chicks Rock“ große Bekanntheit erlangte, ein Projekt, mit dem sie jüdische Mädchen auf ihre Zukunft vorbereiten möchte.


Der Abend von Schavu’ot ist ganz dem Torastudium gewidmet und um das Verhalten der Vorfahren zu „korrigieren“ und ihre fehlende Wachsamkeit wiedergutzumachen (das Volk hatte trotz rechtzeitiger Ankündigung der Gesetzgebung am Sinai geschlafen und musste von Mose aufgeweckt werden), wird diese Nacht der Wache als „Tikun“, als Korrektur des Abends des Wochenfestes, bezeichnet (s.o. Bericht von Fürst). Man bleibt daher meist die ganze Nacht über wach und verbringt die Zeit mit dem gemeinsamen Torastudium, hört Vorträge, singt und tanzt und studiert wieder … bis zum Morgengrauen, daher gilt für heute Abend:

Stay Up All Night!


Danke unserem Kommentator Meir Deutsch für den Videolink!

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Schavu’ot!

חג שבועות שמח!

Wir dürfen auch nochmals auf unsere beiden Beiträge über die 10 Gebote hinweisen: „Die 10 Gebote I“ und „Die 10 Gebote II“ sowie auf die schon vergangenes Jahr verlinkte ausführlichere Einführung zu Schavu’ot von Michael Rosenkranz und wünschen guten Appetit mit dem herrlichen schavu’ot-typischen Käsekuchen :)


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Steinhof Lina / Steinhof Levia – 05. Oktober 1916

Lina Steinhof / Levia Steinhof, 08. Tischre 5677 (Donnerstag, 05. Oktober 1916) Anmerkungen In Zeile 6 und 7 wird der Ehemann von Lina (Levia) Steinhof genannt: „Ehefrau des rabbinisch Gebildeten…

Lina Steinhof / Levia Steinhof, 08. Tischre 5677 (Donnerstag, 05. Oktober 1916)

  • Foto: Grabstein von Levia Steinhof, 08. Tischre 5677
  • Datenblatt Isidor Öhler: Levia Steinhof, 08. Tischre 5677
  • Datenblatt Isidor Öhler, Rückseite: Levia Steinhof, 08. Tischre 5677


Anmerkungen

In Zeile 6 und 7 wird der Ehemann von Lina (Levia) Steinhof genannt: „Ehefrau des rabbinisch Gebildeten (7) MORENU Josef Meir Steinhof, d(as Andenken) d(es Gerechten) m(öge bewahrt werden)“ אשת הרבני מו“ה יוסף מאיר שטיינהאף זצ“ל.

Lina (Levia) Steinhof ist die Schwiegermutter von Süssl Steinhof und die Großmutter (väterlicherseits) des jung verstorbenen Josef Meir Steinhof.

Als Akrostychon findet sich von Zeile 8 – 16 ihr Vorname „Levia“ לביאה.

Biografische Notizen

Sterbematriken: Lina (Levia) Steinhof, geb. Fischer, wh. Mattersdorf, Judengasse 5, gest. 05. Oktober 1916 um 10 Uhr, mit 63 Jahren an Herzverfettung


Vater: Bernat Fischer (weiland)

Ehemann: Josef Meir Steinhof, gest. 01. November 1934


Archiv jüdischer Friedhof Mattersburg


1 Kommentar zu Steinhof Lina / Steinhof Levia – 05. Oktober 1916

Steinhof Mor(itz) / Steinhof Josef Meir – 21. Jänner 1915

Mor(itz) Steinhof / Josef Meir Steinhof, 06. Schvat 5675 (Donnerstag, 21. Jänner 1915) Anmerkungen In Zeile 2 wird Josef Meir mit dem „Stamme der Ältesten und bedeutenden, edlen Schreibern“ assoziiert…

Mor(itz) Steinhof / Josef Meir Steinhof, 06. Schvat 5675 (Donnerstag, 21. Jänner 1915)

  • Foto: Grabstein von Josef Meir Steinhof, 06. Schvat 5675
  • Datenblatt Isidor Öhler: Josef Meir Steinhof, 06. Schvat 5675


Anmerkungen

In Zeile 2 wird Josef Meir mit dem „Stamme der Ältesten und bedeutenden, edlen Schreibern“ assoziiert גזע ישישים, סופרים ותרשישים, in Zeile 3 wird er als „der rabbinisch gebildete Einflussreiche, der Selige“ הקצין הרבני המנוח bezeichnet.
In Zeile 4 dann der Name mit dem MORENU-Titel מו“ה יוסף מאיר שטיינהאף.

MORENU bedeutet wörtlich „u(nser) L(ehrer), H(err)“. Den MORENU-Titel erhielten nur besonders gelehrte Männer, Bernhard Wachstein bezeichnet ihn als „synagogaler Doktortitel“ (siehe Bernhard Wachstein, Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540 (?)-1670, 2. Teil 1696-1783, Wien 1912, 2. Teil, S. 15).

Nach dem Sterbedatum (Zeile 5) wird auch der Begräbnistag angegeben: „Erev Schabbat Kodesch“ (Vorabend des heiligen Schabbat = Freitag), 07. Schvat עש“ק ז“ שבט.

Als Akrostychon finden sich seine beiden Vornamen „Josef Meir“ in Zeile 6 יוסף מאיר, der Vorname „Meir“ in Zeile 7 und der Nachname „Steinhof“ שטיינהאף aufgeteilt auf die Zeilen 8 und 9.

Für genealogische Belange besonders interessant ist Zeile 10, die vorletzte Zeile des Lobes:
Die Zeile beginnt mit „Denn/dass [er] ein Sohn der Rebekka war er“ וכי בן רפקה הוא (nach Genesis 29,12, Jakob zu Rachel).
Der Rest stellte mich vor ein Rätsel, wörtlich müssten die 3 Wörter übersetzt werden mit „wurde gefragt/konsultiert Zippora …“ נדרשת צפרה אשת. Nur hat das dem Namen „Zippora“ folgende „eschet“ die status constructus-Form, es fehlt aber das „nomen rectum“, das unmittelbar darauf folgen müsste, also z.B. „Mose“ אשת משה („Frau des Mose“). Auch ein Grammatikfehler ist wenig wahrscheinlich, weil „Frau Zippora“ wohl eher geschrieben werden würde mit „מ“ צפרה o.Ä. und wer wäre dann eigentlich Frau Zippora?

Vielen herzlichen Dank an Claudia Chaya-Bathya Markovits Krempke, die eine Idee zur Lesung der 3 Wörter hatte: Das hebräische Wort „Zippora“ bedeuet „Vogel“ und das nachgestellte „eschet“ ist jene Form, die wir etwa aus dem Ungarischen kennen „Vogel-ne“, also Frau Vog(e)l.

Diese Lesung sehr wahrscheinlich macht auch m.E. der Kommentar von Carole Vogel, dass nämlich der jung verstorbene und gleichnamige Josef Meir, der Enkel von Moritz (Josef Meir), mehrere Geschwister hatte, darunter eine Jolán Steinhof Vogl (Jolán ist die ungarische Kurzform von Jolanda). Und 1915, als Moritz (Josef Meir) starb, konnte diese Tochter von Süssl Steinhof durchaus schon verheiratet gewesen sein (falls Jolán eine wesentlich ältere Schwester von Josef Meir wäre). Unklar allerdings bleibt, warum die Enkeltochter Jolán um den Namen der Mutter von Moritz (Josef Meir) Steinhof befragt wird und nicht Abraham Aaron, der Sohn, der, wie wir vom Grabstein des jung verstorbenen Josef Meir wissen, 1934 noch lebt.

Update 31. Mai 2011: Das Rätsel ist vielleicht weitgehend gelöst, es handelt sich sicher nicht um Jolán Steinhof Vogl, da diese erst 1907 geboren wurde. Siehe dazu den Kommentar von Carole Vogel!
Allerdings bleibt nach dieser Lösung das „eschet“ nach „Zippora“ unklar!

Update 01. Juni 2011: Anknüpfend an Carole’s Kommentar schlägt Meir Deutsch eine Lesung vor, die uns den Namen des Vaters von Josef Meir, Jom Tov, nennt! Damit wäre auch „eschet“ geklärt! :)


Biografische Notizen

Sterbematriken: Steinhof Mor, wohnhaft in Mattersdorf, Judengasse 5, verheiratet mit Lina Fischer, Rentner, verstorben am 21. Jänner 1915 um 10 Uhr, mit 68 Jahren, an einem Nierenleiden



Vater: Steinhof Fülöp
Mutter: Schey Joszsa



Ehefrau: Lina (Levia) Steinhof, gest. 05. Oktober 1916



Schwiegertochter: Sofie (Süssl) Steinhof, gest. 22. September 1934


Enkel: Josef Meir Steinhof, jung gestorben 01. November 1934


Archiv jüdischer Friedhof Mattersburg


7 Kommentare zu Steinhof Mor(itz) / Steinhof Josef Meir – 21. Jänner 1915

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