Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Johannes Reiss

Bild der Woche – Ein Zitronenbaum in Galizien

Ein wahres Prachtstück und der wohl eindrucksvollste und schönste Grabstein in Galizien ist jener von Abraham Jakob Hilferding, gestorben 1834, auf dem jüdischen Friedhof in Brody. Brody, die einst östlichste…

Ein wahres Prachtstück und der wohl eindrucksvollste und schönste Grabstein in Galizien ist jener von Abraham Jakob Hilferding, gestorben 1834, auf dem jüdischen Friedhof in Brody.

Brody, die einst östlichste Stadt des Habsburgerreiches und eine der reichsten und bedeutendsten Städte Polens, hatte seit dem 17. Jahrhundert einen hohen jüdischen Bevölkerungsanteil, der bis ins Jahr 1869 auf über 80% der Gesamtbevölkerung stieg. Brody ist die Geburtsstadt von (u.a.) Ezechiel Landau, dem späteren Oberrabbiner von Prag, und Joseph Roth. Ein Jahr nach Abraham Hilferdings Tod, im Jahr 1835, wurde in Brody die Mutter von Sigmund Freud, Amalia Nathansohn-Freud, geboren …

Am jüdischen Friedhof in Brody befinden sich ca. 20.000 Grabsteine.

Vielen herzlichen Dank an Herrn Mag. Wolf-Erich Eckstein, Wien, für die Zusendung des so schönen Fotos!

Grabstein von Abraham Jakob Hilferding auf dem jüdischen Friedhof in Brody, Foto: Wolf-Erich Eckstein, Wien

Grabstein von Abraham Jakob Hilferding auf dem jüdischen Friedhof in Brody,
fotografiert von Mag. Wolf-Erich Eckstein, Wien, am 17. Mai 2010, um 11.35 Uhr.
Klicken Sie auf das Bild für eine vergrößerte Ansicht (Achtung: Die Großansicht hat knapp 1 MB Bildgröße)!

Links oben (in der Herzform) ein Zitat aus Genesis 21,33: „Es pflanzte Abraham eine Tamariske“ ויטע אברהם אשל „in seinem Geburtsjahr“ שנת לידתו. (Das Zitat setzt fort mit: „… pflanzte eine Tamariske in Beerscheba und rief dort den Herrn an unter dem Namen: Gott, der Ewige“.)

Darunter finden wir eine Herberge und einen Baum, der eindeutig aber nicht wie eine Tamariske, sondern wie ein Zitronenbaum aussieht.
Die Herberge verwundert nicht, lesen wir in bSota 10a: „Er (Abraham) pflanzte eine Tamariske in Beerscheba. Resch Laqisch sagte: Dies lehrt, dass er einen Obstgarten baute und darin allerhand köstliche Früchte pflanzte, R. Jehuda und R. Nehemja (streiten darüber); einer sagt, einen Obstgarten, und einer sagt, eine Herberge …“ ויטע אשל בבאר שבע אמר ריש לקיש: מלמד, שעשה פרדס ונטע בו כל מיני מגדים. רבי יהודה ורבי נחמיה, חד אמר: פרדס, וחד אמר: פונדק. Ähnlich auch Raschi zur Stelle („Einen Hain … durch jenen Hain wurde der Name des Heiligen, gelobt sei Er, Gott der ganzen Welt genannt …“).

Ist der dargestellte Baum also ein Baum dieses Obstgartens? Oder war nicht klar, wie eine Tamariske genau aussieht?

Vom Dach der Herberge herab hält eine Hand einen Stab, auf dem wir lesen (Genesis 32,11b): „Denn nur mit einem Stab hab ich den Jordan überschritten“ כי במקלי עברתי את הירדן. (Das Zitat setzt fort mit: „…und jetzt sind aus mir zwei Lager geworden“.)

Das Zitat „… den Jordan überschritten“, mit dem das Sterben umschrieben wird, wird am Ende des Stabes, schon in die Horizontale laufend, fortgesetzt mit: „Im Jahr seiner Ruhe“ שנת מנוחתו.
Und tatsächlich, gleich danach folgt im Band über dem mittleren Teil zwischen den beiden Säulen ein Zitat aus Nehemia 9,7: „Du (Gott) hast Abraham Abram (s. Kommentar) auserwählt … und ihm seinen Namen Abraham gegeben“ בחרת באברם ושמת שמו אברהם . Die Wörter „seinen Namen Abraham“ שמו אברהם sind größer geschrieben und ergeben, addiert man die Zahlenwerte der Buchstaben, das Sterbejahr 594 (= 1834). Danach auch das zu erwartende „n(ach der) (kleinen) Z(eitrechnung)“ לפרט.

Mir in der Deutung nicht ganz klar sind die 3 Widder: Handelt es sich vielleicht um eine Anspielung auf uns unbekannte biografische Daten des Verstorbenen oder beziehen sich die 3 Widder auf folgende drei Bibelstellen:

  1. das Opfer Abrahams (Genesis 22), das unmittelbar der in der Inschrift zitierten Stelle aus Genesis 21 folgt
  2. die Geschenke an Jakobs Bruder Esau (Genesis 32,14ff), welche unmittelbar der zitierten Stelle aus Genesis 32,11b folgt
  3. Gottes Bund mit Abraham in Genesis 15,9: „Der Herr antwortete ihm (Abram): Hol mir ein dreijähriges Rind, eine dreijährige Ziege, einen dreijährigen Widder …“?

Abraham Jakob Hilferding wird (im mittleren Teil) mit vielen bemerkenswerten innergemeindlichen Titeln und Eigenschaften bedacht: „Der Herr, der Gelehrte, der Beglückte, der Wohltäter, der Vermögende, der weithin Bekannte, der MORENU Abraham Jakob, Sohn des Seligen, MORENU Zvi Hirsch Hilferding, s(ein Andenken möge) b(ewahrt werden)“ הר הרבני המאושר הנדיב הגביר המפורסים מוהרר אברהם יעקב בן המנוח מו“ צבי הירש הילפרדינג זל“.

Anmerkung: MORENU bedeutet wörtlich „u(nser) L(ehrer), H(err)“. Den MORENU-Titel erhielten nur besonders gelehrte Männer, Bernhard Wachstein bezeichnet ihn als „synagogaler Doktortitel“ (siehe Bernhard Wachstein, Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540 (?)-1670, 2. Teil 1696-1783, Wien 1912, 2. Teil, S. 15).

Im unteren Teil des Grabsteines bzw. der Grabinschrift finden wir das Lob und darüber ein Band/eine Banderole mit einer Krone. Die Krone ist unterschrieben mit „Krone des guten Namens“ כתר שם טוב und ist ein Zitat aus Pirke Avot (Sprüche der Väter) 4,17, wo es heißt: „Drei Kronen gibt es: Die Krone der Tora, die Krone der Priesterwürde und die Krone des Königtums; die Krone des guten Namens aber übertrifft sie alle“ שלשה כתרים הן כתר תורה וכתר כהונה וכתר מלכות וכתר שם טוב עולה על גביהן.

Im geschlungenen Band links und rechts der Krone finden wir (nochmals) das korrekte Sterbedatum: „Er starb am 4. Tag (= Mittwoch), 24. Adar I 594“ נפטר יום ד כד אדר א תקצד, das ist Mittwoch, der 05. März 1834.

Bei der ikonografischen Deutung muss ich leider vieles offen lassen und würde mich über weitere Deutungen sehr freuen.


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5 Kommentare zu Bild der Woche – Ein Zitronenbaum in Galizien

Schischa Mayer / Schischa Segal Meir – 29. August 1904

Mayer Schischa / Meir Schischa Segal, 18. Elul 5664 (Montag, 29. August 1904) Anmerkungen Laut hebräischer Inschrift (Zeile 1) wird Meir Schischa Segal am 19. Elul (Dienstag, 30. August) begraben….

Mayer Schischa / Meir Schischa Segal, 18. Elul 5664 (Montag, 29. August 1904)

  • Foto: Grabstein von Mayer Schischa / Meir Schischa Segal, 18. Elul 5664
  • Datenblatt Isidor Öhler: Mayer Schischa / Meir Schischa Segal, 18. Elul 5664


Anmerkungen

Laut hebräischer Inschrift (Zeile 1) wird Meir Schischa Segal am 19. Elul (Dienstag, 30. August) begraben.

Das Sterbejahr wird in der hebräischen Inschrift (Zeile 2) angegeben mit „Das Ende des Menschen“ אחרית אדם. Es handelt sich dabei um ein Zitat aus dem Kommentar von Nachmanides zu Numeri 23,10b „Oh, könnte ich den Tod der Gerechten sterben und wäre mein Ende dem seinen gleich“ תמת נפשי מות ישרים ותהי אחריתי כמהו. Vgl. dazu bBerakhot 17a „Das Ende des Menschen ist das Sterben“ סוף אדם למות. Der Zahlenwert der Buchstaben von אחרית אדם ergibt 664.

Many thanks to Professor J. David Bleich of the Cardozo School of Law / Yeshiva University, who visited with his wife both our museum and the older jewish cemetery of Eisenstadt some weeks ago (Jahrzeit of Rabbi Meir Eisenstadt). After his return to the States he helped me to find the comment of Nachmanides!

Öhler verrechnet sich bei beim Zahlenwert der Buchstaben um 1 Jahr.

Zeile 3: Der Nachname (Stammesname) „Segal“ סגל, oft auch als Zusatz nach dem Nachnamen, ist eigentlich ein Akronym für סגן לויה לוים, etwa „Führer der Leviten“.
Zum Symbol von Krug und Becken siehe unseren Lexikoneintrag.


Biografische Notizen

Sterbematriken: Mayer (Meir) Schischa (Segal), geb. in Mattersdorf, verheiratet, wh. Mattersdorf 321, Hausierer, gest. 29. August 1904, mit 73 Jahren an Altersschwäche, in Mattersdorf


Vater: Schischa Lazar, Hausierer, Mattersdorf
Mutter: Schischa Johanna, geborene Rosenberger



Ehefrau: Sarolta / Charlotte Hilfreich

Archiv jüdischer Friedhof Mattersburg


4 Kommentare zu Schischa Mayer / Schischa Segal Meir – 29. August 1904

Deutsch Pepi / Sofer Gütl Zippora – 05. August 1849

Pepi Deutsch / Gütl Zippora Sofer, 17. Av 5609 (Sonntag, 05. August 1849) Anmerkungen Laut hebräischer Inschrift (Zeile 2) ist der Ehemann von Gütl Zippora „Jakob Salomo Sof(er)“ יעקב שלמה…

Pepi Deutsch / Gütl Zippora Sofer, 17. Av 5609 (Sonntag, 05. August 1849)

  • Foto: Grabstein von Pepi Deutsch / Gütl Zippora Sofer, 17. Av 5609
  • Datenblatt Isidor Öhler: Pepi Deutsch / Gütl Zippora Sofer, 17. Av 5609


Anmerkungen

Laut hebräischer Inschrift (Zeile 2) ist der Ehemann von Gütl Zippora „Jakob Salomo Sof(er)יעקב שלמה סופ“.

Öhler liest den Sterbetag in Zeile 3 falsch: „16. (Menachem Av)“ würde nicht mit יו, sondern mit טז geschrieben werden. Daher kommt nur die Lesung „17“ יז in Frage. Außerdem ist in der hebräischen Inschrift auch der Wochentag „1. Tag = Sonntag“ יום א angegeben und Sonntag ist der 17. Av.

Als Akrostychon finden sich von Zeile 5 – 8 ihr Vorname „Gütl/Gitl“ גיטל und von Zeile 9 – 13 ihr zweiter Vorname „Zippora“ צפורה oder ציפורה, wenn das י, der 3. Buchstabe in der 9. Zeile im Akrostychon mitgelesen wird.


Biografische Notizen

Tochter: Rosalia / Sarl Steinfeld


Archiv jüdischer Friedhof Mattersburg


6 Kommentare zu Deutsch Pepi / Sofer Gütl Zippora – 05. August 1849

Hirsch Ignatz / Hirsch Natan – 22. März 1876

Ignatz Hirsch / Natan Hirsch, 26. Adar 5636 (Mittwoch, 22. März 1876) Anmerkungen In der hebräischen Inschrift (Zeile 1) wird – übereinstimmend mit den Matriken – das junge Sterbealter angedeutet:…

Ignatz Hirsch / Natan Hirsch, 26. Adar 5636 (Mittwoch, 22. März 1876)

  • Foto: Grabstein von Ignatz Hirsch / Natan Hirsch, 26. Adar 5636
  • Datenblatt Isidor Öhler: Ignatz Hirsch / Natan Hirsch, 26. Adar 5636


Anmerkungen

In der hebräischen Inschrift (Zeile 1) wird – übereinstimmend mit den Matriken – das junge Sterbealter angedeutet: „zart an Jahren, jung an Tagen“ רך בשנים צעיר לימים.

Natan Hirsch war „der Sohn d(es Herrn) Abraham Löb Segal, e(r möge) le(ben) i(n der) Lä(nge) d(er guten) T(age), S(ela)“ יחי“ לאו“יט“ס.

Der Nachname (Stammesname) „Segal“ סגל, oft auch als Zusatz nach dem Nachnamen, ist eigentlich ein Akronym für סגן לויה לוים, etwa „Führer der Leviten“.
Zum Symbol von Krug und Becken siehe unseren Lexikoneintrag.

Als Akrostychon finden sich von Zeile 5 – 7 zweimal sein Vorname „Natan“ נתן und von Zeile 8 – 11 sein Nachname „Hirsch“ הירש. Weiters finden sich der Vorname nochmals (horizontal) in Zeile 1 und der Nachname – von links nach rechts geschrieben (!) – (horizontal) in Zeile 11.
Die Anfangsworte von Zeile 12 und 13 sind der Segenswunsch „sein Andenken möge bewahrt werden“ זכרונו לברכה.

Die Punkte über den Buchstaben sind verständlich, solange es jene über den Buchstaben der Namen betrifft.
Allerdings finden sich auch Punkte (Zeile 9) über dem Wort „seine Taube“, was sich hier auf seine Ehefrau bezieht, יונתו (ein Zitat, angelehnt an Hohelied 5,2 und 6,9: „meine Taube, du Makellose“ יונתי תמתי) sowie über dem obzitierten Segenswunsch (Zeile 12 und 13) und über den Wörtern „Keren Kajemet“ („bleibendes Kapital“; Kontext: „wurde errichtet als ‚bleibendes Kapital‘ für die Ewigkeit“) קרן קימת in Zeile 13. Warum über diesen Wörtern ebenfalls Punkte sind, vermag ich nicht zu erklären.

Interessant sind besonders auch die Punkte über dem Wort „Klagen/Weinen“ in Zeile 6 בכי. Der Zahlenwert der Buchstaben ergibt das Sterbealter, nämlich 32 (Jahre). Offenbar wurde beim Abschreiben für die Eintragung in die Matriken das „Bet“ für „im (Weinen)“ ב am Beginn für den Zahlenwert mitgezählt, was dann die falsche Zahl „34“ ergibt (siehe Matriken).


Biografische Notizen

Sterbematriken: Ignatz (Natan) Hirsch, geb. in Mattersdorf, Händler, gest. 22. März 1876, mit 34 Jahren an einem Brustleiden (Zum Sterbealter siehe oben die letzte Anmerkung)

Ehefrau: Antonia (Taube) Hirsch, gest. 04. Oktober 1936


Archiv jüdischer Friedhof Mattersburg


3 Kommentare zu Hirsch Ignatz / Hirsch Natan – 22. März 1876

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