Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Johannes Reiss

Am jüdischen Friedhof II

Arnstein, 20 Millionen und die „fremden“ Friedhöfe Aus gegebenem Anlass soll dieser Beitrag als zweiter Beitrag unserer kleinen Serie „Am jüdischen Friedhof“ eingeschoben werden. Am 22. Dezember 2009 kam es…

Arnstein, 20 Millionen und die „fremden“ Friedhöfe

Aus gegebenem Anlass soll dieser Beitrag als zweiter Beitrag unserer kleinen Serie „Am jüdischen Friedhof“ eingeschoben werden.

Am 22. Dezember 2009 kam es in Österreich nach neun Jahren endlich zur Einigung, wer die Erhaltung, also die Bestandssicherung der jüdischen Friedhöfe bezahlen und wie die Finanzierung in den kommenden 20 Jahren gewährleistet sein soll. Thomas Rottenberg erklärt im Standard auch sehr gut, was der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Ariel Muzicant, mit einem „verspäteten Chanukkageschenk“ gemeint hat.

Im ersten oben verlinkten Beitrag heißt es u.a.:

Länder und Bund hatten jahrelang darüber gestritten, wer für die Erhaltung zahlen soll – die Friedhöfe waren währenddessen verfallen.

Selbstverständlich verfallen die Friedhöfe nicht erst seit 2001, und doch ist insbesondere in den letzten Jahren der zunehmende Verfall drastisch (drastischer?) und deutlich sichtbar. Es verfallen aber nicht „nur“ kunsthistorisch mehr oder minder wertvolle und bedeutende Grabdenkmäler, sondern – insbesondere – die Lesbarkeit der Inschriften wird jährlich schlechter. Die Grabsteine versinken in der Anonymität, vor allem dann, wenn es – wie etwa im Burgenland – keine Protokollbücher der Chevra Kadischa (Heilige Bruderschaft), Memor-Bücher oder gar Friedhofslisten und Lageplanregister gibt.

Der ältere jüdische Friedhof in Eisenstadt, Foto: David Peters

Noch einmal sei angemerkt, dass es hier im Burgenland 14 jüdische Friedhöfe gibt, deren etwa 8.000 Gräber mit einer Ausnahme (der junge Friedhof in Oberwart, Anfang 20. Jahrhundert) nur hebräische Inschriften aufweisen. Insbesondere diese hebräischen Grabinschriften lassen die Friedhöfe für viele Menschen namenlos und entseelt und damit oft (tendenziell) fremd wirken (siehe etwa auch den unseligen 2. Kommentar zum Thema).

Die Historikerin Tina Walzer, laut derstandard.at die Expertin für jüdische Friedhöfe generell, wünscht als erste Schritte:

Man müsste ganz dringend den Bewuchs roden und im Zaum halten und im nächsten Schritt alle besonders wertvollen Grabdenkmäler innerhalb der nächsten drei Jahre sanieren

Wenn diese Aussage auch in erster Linie auf den jüdischen Friedhof Währing abzielt, so stellen sich meines Erachtens doch einige Fragen.
In der ersten Reaktion habe ich getwittert, dass nicht die „besonders wertvollen Grabdenkmäler“, sondern die besonders gefährdeten als erstes saniert gehören, also jene, die man in drei Jahren nicht mehr oder noch weniger als heute lesen kann (Tweet 1, Tweet 2).

Gemeint ist damit:
Was sind denn nun eigentlich genau „besonders wertvolle Grabdenkmäler“?
Es ist schon richtig, dass kunsthistorisch besonders wertvolle Grabdenkmäler ehestmöglich renoviert werden müssen, und es ist meist auch richtig, dass die großen Namen wie Wertheim(b)er, Russo, Königswarther oder Arnstein und Eskeles eben diese (aus kunsthistorischer Sicht) besonders wertvollen Grabdenkmäler besitzen.

Auf den jüdischen Friedhöfen im Burgenland – die ältesten Grabsteine stammen immerhin aus dem Ende des 17. Jahrhunderts – finden wir aber keine Wertheimers oder Arnsteins und die bedeutenden Rabbiner haben zumeist genauso einfache Grabsteine wie die einfachsten Gemeindemitglieder. Grabmäler aus (Kalk)Sandstein sind mehr oder minder Standard, aber – im Gegensatz etwa zum Währinger Friedhof – in den allermeisten Fällen kein Zeichen dafür, dass die Toten ärmere Gemeindemitglieder gewesen wären. Selbst die (hebräischen) Grabinschriften lassen vom Umfang her oft nicht auf die Bedeutung der Bestatteten schließen, berühmte Rabbiner haben mitunter bescheidene und auffällig kurze Grabinschriften (siehe etwa das Grab von Rabbi Meir Eisenstadt).

Außer auf dem (aufgearbeiteten) jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt können heute so gut wie keine konkreten Gräber auf den jüdischen Friedhöfen des Burgenlandes gefunden werden.

Einer der Feinde des Verstehens ist die Anonymität und es gilt dringend, hebräische Inschriften auf jüdischen Grabsteinen dieser Anonymität zu entreißen, auch, damit sie vielleicht von weniger Menschen als fremd wahrgenommen werden. Und auch dann, wenn die Toten keine berühmten Personen waren und ihre Inschriften für biografische Forschungen nur sehr bedingt verwendbar und durch ihre Stereotypie sogar oft nur von mäßigem Interesse sein mögen.

Ich würde mir wünschen, dass die Erhaltung der jüdischen Friedhöfe (nicht nur) im Burgenland nicht immer mit dem Reparieren der Friedhofszäune beginnt und dem Aufstellen von umgefallenen Grabsteinen endet …

In der nächsten Folge dieser Serie dann der ursprünglich für heute geplante Beitrag: Wie Sie auch ohne großartige Hebräischkenntnisse Namen und Todesdaten in hebräischen Inschriften finden und übersetzen können …

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir einen virtuellen Ausflug auf den jüdischen Friedhof Währing (Website leider nicht ganz aktuell).

Update 11. Jänner: Marco Schreuder zeigt in seinem Blog einige sehr informative Videos zum Währinger Friedhof, die wir hier – passend zu unserem Tipp – einbetten dürfen:

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Bild der Woche – Chanukkaleuchter

Der Chanukkaleuchter stammt aus der Gemeindesynagoge Eisenstadts, vielleicht sogar aus der ehemaligen privaten Synagoge Samson Wertheimers. Er wurde erst 1972 im Zuge von Renovierungsarbeiten in der Genisa unserer kleinen Synagoge…

Der Chanukkaleuchter stammt aus der Gemeindesynagoge Eisenstadts, vielleicht sogar aus der ehemaligen privaten Synagoge Samson Wertheimers. Er wurde erst 1972 im Zuge von Renovierungsarbeiten in der Genisa unserer kleinen Synagoge gefunden und befindet sich heute in der Dauerausstellung des Museums. Eine Genisa (hebräisch „Archiv, Schatzkammer“) ist ein Raum, in dem unbrauchbar gewordene heilige Bücher oder andere Kultgegenstände aufbewahrt werden, oft, bevor sie rituell begraben werden.

Chanukkaleuchter, Nürnberg, ca. 1680

Chanukkaleuchter aus massivem Messing, Nürnberg ?, Ende 17. Jahrhundert


Heute ist der zweite Tag Chanukka. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unseres Blogs ein fröhliches Chanukkafest – חג חנוכה שמח לכולם!



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Bild der Woche – Jagdszene

In der vergangenen Woche erhielten wir eine sehr nette Anfrage vom Autor einer Dalmatiner-Chronik, dem im Zuge seiner Recherchen Darstellungen von Jagdszenen (mit Dalmatinern) in jüdischen Handschriften aufgefallen sind. Das…

In der vergangenen Woche erhielten wir eine sehr nette Anfrage vom Autor einer Dalmatiner-Chronik, dem im Zuge seiner Recherchen Darstellungen von Jagdszenen (mit Dalmatinern) in jüdischen Handschriften aufgefallen sind.

Das aus dem 14. Jahrhundert stammende Blatt (fol. 29v) aus einer spanischen Pesach-Haggada (John Rylands Universitätsbibliothek in Manchester) zeigt am unteren Bildrand einen Hasenjäger, dessen schwarz-weiß gefleckter Hund einen Hasen jagt. Der gefleckte Hund symbolisiert die Inquisition, die einen Juden (Hasen) verfolgt. Repräsentanten der Inquisition waren die Dominikaner, deren Ordenskleid schwarz-weiß ist.

Jagdszene in der John Rylands Haggada

Die Jagdszenen sind ein Symbol für die Verfolgung der Juden, die Hunde und Jäger daher das Symbol für die christliche Kirche. Da solche Jagdszenen auch in der christlichen Kunst ohne ideologische Hintergründe verbreitet waren, konnten auf diese Weise antijüdische Haltungen zum Ausdruck gebracht werden.


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Blue Beanie Day 2009

Das Österreichische Jüdische Museum verfügt seit 2005 über einen barrierefreien Internetauftritt, oder vielleicht korrekter formuliert, über einen Webauftritt, bei dem wir uns sehr um Webstandards und Barrierefreiheit bemühen. Gleich hier…

Das Österreichische Jüdische Museum verfügt seit 2005 über einen barrierefreien Internetauftritt, oder vielleicht korrekter formuliert, über einen Webauftritt, bei dem wir uns sehr um Webstandards und Barrierefreiheit bemühen. Gleich hier sei angemerkt, dass dieser Anspruch für dieses Blog noch nicht im selben Maße gilt. Das Blog ist noch sehr jung, wir arbeiten aber ständig daran.
Wir gehörten – insbesondere auch ohne gesetzliche Verpflichtung – damit zu den ersten musealen Einrichtungen im deutschen Sprachraum, die sich bemühten, ihren Webauftritt aus einer bewusst ethischen Perspektive zu betrachten. Eine Perspektive, die den Ansprüchen einer kulturellen Einrichtung angemessen schien.

Deshalb war auch die Frage nach dem Nutzen von Webstandards und Barrierefreiheit der eigenen Website für uns zu keinem Zeitpunkt prioritär. Die Frage wurde stets ausschließlich von außen an uns herangetragen, wir waren selbstverständlich aber schon alleine aufgrund unserer Existenz als Subventionsbetrieb zu einer Antwort verpflichtet. Abgesehen von Allgemeinplätzen, die für alles und jeden in nahezu gleicher Weise gelten, führ(t)en wir in unserer Antwort insbesondere die sprachliche Ebene im weitesten Sinn als primär nutzbringendes Element an. Dies, weil nicht nur die Website selbst, sondern auch das Museum in erster Linie Informationsaufgaben hat. Verständliche Sprache, eine Übersetzung in die Gebärdensprache sowie in Leichte Sprache waren daher angezeigt.

Dass wir für unsere Website 2005 eine BIENE erhielten, war für uns in höchstem Maße erfreulich.

In diesen Tagen werden es 4 Jahre seit der Preisverleihung und wir werden gelegentlich nach unseren Erfahrungen mit der barrierefreien Website gefragt. Die Antwort mag überraschen, es gibt kaum Erfahrungen: Wir erhielten von Besuchern/Besucherinnen der Website so gut wie kein Feedback, das Rückschlüsse auf eine positive Akzeptanz der neuen Internetpräsenz zuließe.

Auch die Antwort auf die Frage, inwieweit unser Projekt Barrierefreiheit im Web nachhaltig transportieren konnte (z.B. Nachahmungseffekt), fällt nach vier Jahren ernüchternd aus.

Umso überzeugter unterstützen wir diesen Blue Beanie Day 2009!

Schluss mit der egomanischen Selbstdarstellung in der Architektur mittels (pseudo-)künstlerischer und oberflächlicher – im wörtlichen Sinne zu verstehen – Gestaltungswut. Was gefordert wird und notwendig ist, ist eine ethisch motivierte Architektur, eine Architektur, die sich der Verantwortung gegenüber den Anderen – das sind die späteren Benutzer des Geplanten – bewusst ist und dementsprechend handelt.

Das proklamierte der italienische Stararchitekt Massimiliano Fuksas im Jahr 2000 in seiner damaligen Funktion als Direktor der Architekturbiennale in Venedig anlässlich seiner Ausstellung, die er unter das Motto „Less Aesthetics, More Ethics“ stellte; zitiert aus: Mutz et.al., Web Creative. Alles Wissenswerte über Screendesign, Web-Marketing, Usability und Animationsdesign im Web, Kilchberg 2004, Seite 131.

Vollkommen richtig merken die Autoren des obzitierten Buches an, dass man die Regeln kennen muss, um sie (bewusst) zu brechen … und „(d)erselbe Satz ‚Less Aesthetics, More Ethics‚ aus dem Munde von Jakob Nielsen […] in dem Sinne, wie ihn Fuksas verstanden haben mag, wohl mehr als absurd wäre“.

Trifft aber nicht genau das auf Kulturbetriebe im Allgemeinen und auf Museen (im weitesten Sinn) im Besonderen zu? Auf die Museen, die der Philosoph Wolfgang Welsch als „besonderen Ort von ästhetischer Erfahrungsmöglichkeit“ bezeichnet?

Während barrierefreies Bauen zu Recht zunehmend (auch in der Museumslandschaft) unter ethischen Aspekten betrachtet wird, scheint mir bei der Erstellung von Websites, insbesondere in Hinblick auf die Beachtung von Webstandards und Accessibility, der ethische Aspekt nach wie vor weitgehend ausgeblendet zu werden.

Auch wir glauben nicht, dass wir mit unserer Teilnahme am Blue Beanie Day 09 die Internetwelt großartig verändern können. Wir glauben auch im realen Leben nicht, mit unserem Museum die Welt frei von Antisemitismus zu machen. Wir sind aber sicher, einen Beitrag dazu leisten zu können.

Wenn auch nur eine Leserin oder ein Leser dieses Beitrags über Webstandards, Barrierefreiheit und über mehr Ethik im Web nachdenkt, ist unser Ziel für diesen Blue Beanie Day 09 erreicht …

Doggenrüden Paris und Bel Ami

Wir sind die Securitymannschaft des Museums und helfen intensiv mit, dass die 2-Beiner verstehen, worum es geht …


Hier gibt es mehr Informationen zum Blue Beanie Day 2009:


Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir aus gegebenem Anlass, vor allem auch, um die Aktion BBD-09-5 zu unterstützen, fünf Links zum Thema, die wir für besonders empfehlenswert halten (und nein, es sind nicht die üblichen „Verdächtigen“ ;-) )

  • Kinder und Barrierefreiheit: Es ist wichtig

    Schon ein wenig älter, aber sehr gut: Leichte Lektüre von Derek Featherstone, der die Thematik auf den Punkt bringt.

  • Aus meiner Feder

    Eva Papst schreibt – immer sehr originell und sehr informativ – über ihren Alltag, besonders auch über den als blinde Internetnutzerin.

  • Webdesign nach Maß

    Das Blog von Fritz Weisshart, in Sachen pfiffige Lösungen, um Accessibility technisch zu realisieren, immer eine Topempfehlung.

  • medamind

    Wenn auch Webstandards und Accessibility nicht die Schwerpunkte im Blog von Anne-Kathrin Merz sind zu sein scheinen, so ist ihr Blog doch immer wieder eine wahre Fundgrube zum Thema.


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