Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Johannes Reiss

Ich ging im Walde so für mich hin …

Kobersdorf ist anmutig zwischen Waldbergen gelegen, die nach Westen zu, in der ‚Buckligen Welt‘ immer höher werden, dort, wo hoch oben die Ruine Landsee ins Land heruntersieht, eine Erinnerung an…

Kobersdorf ist anmutig zwischen Waldbergen gelegen, die nach Westen zu, in der ‚Buckligen Welt‘ immer höher werden, dort, wo hoch oben die Ruine Landsee ins Land heruntersieht, eine Erinnerung an die feudalen Mächte, die einst Land und Leute beherrschten, bilden. Der im Walde befindliche Sauerwasserquell macht Kobersdorf zu einem gern besuchten Kurort …

Der Kobersdorfer Friedhof (hier sagt man Beth Alma) birgt das Grab des R. Samuel Chaim, der hier im Jahre 1792 starb, des R. David Alt, genannt Eibnitz (vielleicht von Eiwanotwitz in Mähren) … In dieser Gemeinde ist – an und für sich vielleicht gar nicht so bedeutend, aber doch ein charakteristisches Zeichen für den allgemeinen Niedergang – mit dem letzten Schulklopfer, einem armen Halbnarren, vor etlichen Jahren auch der Hammer, der zum Schulklopfen diente, begraben worden. Hingegen sah ich – und auch das erinnerte mich an Galizien – zur Abendzeit einige Schweine zwischen den Häusern der Juden ihren Ställen zutrotten. Interessant auch – nebenbei erwähnt -, dass es in Kobersdorf einen jüdischen Schlossermeister namens Luria gibt, der wohl von Rabbiner Salomo Luria oder vielmehr seinem Nachkommen Wolf Helen, der ja mit einer Tochter des Mahram Asch verheiratet war, in irgendeiner Seitenlinie abstammen mag …

… schreibt Leopold Moses. Er wurde 1888 in Mödling bei Wien geboren, heiratete 1918 in Mattersdorf und bis heute gilt seine Dissertation „Die jüdischen Landgemeinden in Niederösterreich mit besonderer Berücksichtigung des 17. Jahrhunderts“ als Standardwerk. 1939 mit seinem Emigrationsversuch gescheitert, wurde Moses 1943 Chefredakteur des „Jüdischen Nachrichtenblattes“, Ausgabe Wien. Am 1. Dezember 1943 nach Auschwitz deportiert, wurde er dort wenig später ermordert.
Alles zitiert aus: Johannes Reiss, Aus den Sieben-Gemeinden. Ein Lesebuch über Juden im Burgenland, Eisenstadt 1997, 173ff.

Ich fuhr heute schon am frühen Morgen auf den jüdischen Friedhof nach Kobersdorf, wohin mich der ORF Burgenland anlässlich eines Filmprojekts über die Juden im Burgenland einlud.

Ich komme ins Schwärmen … Der jüdische Friedhof Kobersdorf ist ein Waldfriedhof und (für mich) der schönste Friedhof des Burgenlandes, vielleicht sogar der schönste jüdische Friedhof überhaupt, den ich kenne (sofern das Wort „schön“ in diesem Zusammenhang gerechtfertigt ist). Aber die Lichtverhältnisse an diesem kalten, klaren und sonnigen Herbstmorgen erzeugten eine idyllische Stimmung, der ich mich nur schwer entziehen konnte. In absoluter Ruhe, an einem Waldabhang, inmitten von Bäumen, befinden sich 600 Grabsteine. Wie auf allen jüdischen Friedhöfen im Burgenland finden wir ausschließlich hebräische Grabinschriften.

Während der Drehpausen habe ich – mit meinen leider sehr bescheidenen Fotografierkünsten – versucht, die Stimmung am Friedhof ein wenig einzufangen:

  • Eingangstor jüdischer Friedhof Kobersdorf
  • Das ORF-Team am jüdischen Friedhof Kobersdorf
  • Jüdischer Friedhof Kobersdorf Teilansicht
  • Grabstein am jüdische Friedhof Kobersdorf, mit Symbol der Krone
  • Gruppe von Grabsteinen am jüdischen Friedhof Kobersdorf
  • Grabstein unter Bäumen am jüdischen Friedhof Kobersdorf
  • Jüdischer Friedhof Kobersdorf Teilansicht
  • Grabstein mit nachgezogener hebräischer Schrift am jüdischen Friedhof Kobersdorf
  • Grabstein mit Stein eines Besuchers am jüdischen Friedhof Kobersdorf
  • Ensemble von 3 zusammenhängenden Grabsteinen am jüdischen Friedhof Kobersdorf
  • Grabstein mit Handwerkssymbol am jüdischen Friedhof Kobersdorf
  • Jüdischer Friedhof Kobersdorf Teilansicht
  • Grabstein am jüdischen Friedhof Kobersdorf
  • Grabstein - Teilansicht - am jüdischen Friedhof Kobersdorf, mit Symbol der Krone
  • Grabstein - Teilansicht - am jüdischen Friedhof Kobersdorf, mit Symbol der segnenden Hände


Update am 20. Februar 2010:


Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir einen Ausflug zu diesem wunderschönen jüdischen Waldfriedhof in Kobersdorf (gegenüber dem Haus Waldgasse 25) im mittleren Burgenland. Der Weg zum Friedhof ist sehr gut beschriftet, das Friedhofstor eigentlich immer unversperrt, falls nicht, erhalten Sie den Schlüssel am Gemeindeamt.


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Wiederentdeckung eines Kulturschatzes

Einladung zur Präsentation mittelalterlicher jüdischer Grabsteine Am 19. November 2009, um 09.30 Uhr, werden am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt, Wiener Straße 95, 2700 Wiener Neustadt fünf wiederentdeckte mittelalterliche jüdische Grabsteine…

Einladung zur Präsentation mittelalterlicher jüdischer Grabsteine

Am 19. November 2009, um 09.30 Uhr,

werden am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt, Wiener Straße 95, 2700 Wiener Neustadt

fünf wiederentdeckte mittelalterliche jüdische Grabsteine der Öffentlichkeit präsentiert.

Wir laden Sie herzlich dazu ein.

Es sprechen:

Bernhard Müller, Bürgermeister von Wiener Neustadt
Raimund Fastenbauer, Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien
Johannes Reiss, Direktor des Österreichischen Jüdischen Museums, Eisenstadt
Werner Sulzgruber, Initiator AKJF und Lern- und Gedenkstätte Jüdischer Friedhof Wiener Neustadt

Einladung zur Präsentation mittelalterlicher jüdischer Grabsteine


Die AKJF, „Aktion Kulturdenkmal Jüdischer Friedhof“ ist eine von Dr. Werner Sulzgruber 2007 ins Leben gerufene Initiative mit dem Ziel, den jüdischen Friedhof von Wiener Neustadt als „Lern- und Gedächtnisort“ zu etablieren.

2007 machte Dr. Sulzgruber auch die sensationelle Entdeckung: Bei der laufenden Bestandsaufnahme des jüdischen Friedhofs waren dem Historiker zunächst zwei, und nach intensiver weiterer Suche insgesamt fünf mittelalterliche jüdische Grabsteine aufgefallen.

Das Österreichische Jüdische Museum hatte die Ehre, fast seit Beginn der Arbeiten das Projekt begleiten zu dürfen, zwei der Grabsteine datiere ich in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Selbstverständlich werden wir hier im Blog weiter über dieses vorbildliche Projekt berichten.

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir – wie könnte es anders sein – am 19. November 2009 eine Fahrt nach Wiener Neustadt …

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Am jüdischen Friedhof I

Wie hebräische Grabinschriften der Anonymität entrissen werden Grundsätzliches – Ausrüstung – Hilfsmittel Einerseits gehört das Aufarbeiten von jüdischen Friedhöfen zu den Schwerpunktarbeiten des Museums, andererseits erreichen uns immer wieder (individuelle)…

Wie hebräische Grabinschriften der Anonymität entrissen werden

Grundsätzliches – Ausrüstung – Hilfsmittel

Einerseits gehört das Aufarbeiten von jüdischen Friedhöfen zu den Schwerpunktarbeiten des Museums, andererseits erreichen uns immer wieder (individuelle) Anfragen mit der Bitte um Übersetzung von hebräischen Grabinschriften.

Eine Besonderheit aller jüdischen Friedhöfe auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes (mit einer einzigen Ausnahme, dem jungen jüdischen Friedhof in Oberwart) ist, dass wir ausschließlich Gräber mit hebräischen Grabinschriften finden. Nur sehr selten werden Eigennamen der Verstorbenen zusätzlich mit lateinischen Buchstaben bzw. Todesdaten in nicht-hebräischer Schreibweise (also z.B. ‚1859‘) angegeben.

Nicht nur, aber besonders hier im Burgenland sind Grabsteine oft wirklich die letzten Zeugen jahrhundertelangen jüdischen Lebens in der Region, die (vielfach sehr textintensiven) Inschriften eine Primärquelle erster Güte zur Erforschung der (inner)jüdischen Geschichte.

Deshalb also hier der erste Teil einer kleinen Serie zum Thema jüdische Friedhöfe, hebräische Grabinschriften und ihre Aufarbeitung.

Das Folgende ist nicht der Bericht eines Restaurators, sondern ein grober Erfahrungsbericht über die praktische Arbeit auf jüdischen Friedhöfen und bezieht sich auf das Lesbarmachen hebräischer Inschriften. Vielleicht kann er Ihnen im Alltag eine kleine Hilfestellung sein beim Lesen von Inschriften.

Es muss wohl nicht vorausgeschickt werden, dass für die Aufarbeitung von jüdischen Friedhöfen (Texttranskription bzw. Übersetzung) kaum je eine fachgerechte Restaurierung der Steine möglich ist, das Lesbarmachen der Inschriften daher meist mit sehr einfachen Mitteln bewerkstelligt werden muss.

Zunächst ist zu unterscheiden zwischen dem Lesen der Inschrift vor Ort, also am Friedhof, und dem Lesen auf einem Foto. Grundsätzlich rate ich dringend zu beidem, da außer bei sehr einfachen und sehr klaren hebräischen Inschriften Fotos immer hilfreich oder gar gute Korrektive sein können (siehe unten).

In jedem Fall sollten Sie für die Arbeit am Friedhof einiges an Ausrüstung mit dabei haben (auch wenn Ihnen manches lächerlich vorkommt, ohne Liste vergesse zumindest ich immer etwas):

Kopfbedeckung (für Männer), Kleidungsschutz oder Kleidung, die nachher eventuell entsorgt werden kann (weil von Dornen und spitzen Steinen zerrissen), viel Kreide (für eine Inschrift rechnen Sie am besten mit mindestens zwei bis drei Kreiden, siehe unten), kleine Umhängetasche für die Kreide (um die Kleidung zu schonen, falls Sie diese nicht entsorgen wollen), Wasser (Kübel/Eimer und Wasser am besten in Flaschen oder Kanistern mitnehmen), Bartwisch/Handfeger mit sehr weichem Haar (am besten solche, mit denen man etwa Schnee vom Auto kehren kann), mehrere sehr weiche Tücher (keine Tücher, die fusseln), stabile Schreibunterlage, gute Stifte, viel Papier, Klammern, mit denen das Papier an der Unterlage befestigbar ist (kalte Finger, Wind), in der kälteren Jahreszeit Handschuhe (z.B. dünne, aber wirksame Laufhandschuhe, die das Schreiben ermöglichen), Fotoapparat.

Lesen vor Ort und/versus Lesen auf dem Foto

  1. Befunde sollten nie ausschließlich aufgrund eines Fotos gemacht werden. Wenn die Möglichkeit besteht, sollte unbedingt die Inschrift auch vor Ort (also am Friedhof) gelesen werden, um einen sichereren Befund zu erhalten.
  2. Befunde vor Ort sollten aber – außer bei sehr klaren (und einfachen) Inschriften – immer auch noch anhand eines oder mehrerer Fotos der Inschrift überprüft werden. Meist ermöglicht zwar das Lesen der Inschrift vor Ort den aufschlussreicheren Befund, es kommt aber immer wieder vor, dass Fotos bei Problemen, die vor Ort nicht gelöst werden können, zumindest eine neue Sicht bzw. neue Ideen ermöglichen und im besten Fall beim nochmaligen Abgleich vor Ort zu einem sichereren Ergebnis führen.
  3. Selbstverständlich führen bessere Fotos zu besseren Ergebnissen. Trotzdem sollte, was das Lesbarmachen betrifft, die Bedeutung der Professionalität des Fotos nicht überschätzt werden. Wichtiger ist es – wie für das Lesen vor Ort –, auch beim Fotografieren Wetterlage und Sonnenstand zu berücksichtigen. In der Praxis bedeutet dies etwa, dass auf Blitzlicht meist verzichtet werden sollte (auch ein Seitenblitz bringt meist nicht bessere Ergebnisse).
  4. Salopp formuliert kann man sagen, dass manche Inschriften morgens, manche mittags, manche abends, manche nach dem Regen, manche bei direkter Sonnenbestrahlung besser lesbar sind, jeweils abhängig von Schrift, Gravur, Tiefe der Gravur, Steinart, Beschaffenheit und Zustand des Steines usw. In der Praxis bedeutet dies, dass es meist notwendig ist, schwer zu lesende Inschriften zu verschiedenen Tageszeiten (oft sogar zu verschiedenen Jahreszeiten) und vor allem bei verschiedenen Wetterbedingungen zu lesen. Dasselbe gilt auch für die Anfertigung von Fotos.
  5. In den seltensten Fällen konnte ich mit der Nachbearbeitung von Fotos (auch mit guten Kenntnissen und professioneller Software) deutlich aussagekräftigere Ergebnisse erzielen. Den Versuch ist es zwar immer wert, es sollte nur nicht zu viel erwartet werden.
  6. Kommt Kreide oder Wasser zum Einsatz, müssen auch Fotos von den Inschriften mit aufgetragener Kreide bzw. unmittelbar nach dem Waschen mit Wasser gemacht werden.

Wasser

Bevor eine schwer lesbare Inschrift mit Kreide bearbeitet wird, sollte versucht werden, die Inschrift mit Wasser zu reinigen. Der Reinigungsvorgang muss äußerst vorsichtig durchgeführt werden, das Wasser sollte mit dem Besen mit weichem Haar gleichmäßig verteilt werden. Oft werden Inschriften schon alleine durch die sanfte Reinigung besser lesbar und weitere Maßnahmen (Kreide) sind sogar unnötig. Mit Wasser kann man übrigens auch manchmal sehr erfolgreich arbeiten, wenn es sich um Inschriften handelt, die einmal nachgezogen wurden, die nachgezogene Spur aber im Laufe der Jahre zerflossen ist.

Kreide

Das „Allerweltsmittel“ zum Lesbarmachen vieler Inschriften ist weiße Kreide. Hier ziehe ich eckige Kreiden den runden und die gewöhnliche Schul- der Straßen-/Kindermalkreide eindeutig vor. Mit der Kreide muss ausgesprochen vorsichtig umgegangen werden: Sie darf fast immer nur leicht aufgesetzt werden, v.a. um den Stein nicht zu beschädigen, und die Kreide muss mit der Breitseite immer exakt vertikal zum hebräischen Buchstaben geführt werden (also z.B. bei einer Bogeninschrift am Beginn von rechts nach links usw.), da sonst die Buchstaben noch weniger lesbar sind. Selbstverständlich sind nicht alle Steinarten mit Kreide gleich gut oder sogar nicht bearbeitbar. Während Kreide etwa auf Granit, Syenit, Diorit oder Gabbro meist recht gut anwendbar ist, ist die Anwendung bei vielen Marmor-, aber auch Kunststeinen problematisch, bei Sandstein sollte auf Kreide meist überhaupt verzichtet werden. Ein stärkeres Auftragen von Kreide ist nur bei sehr glatten Steinarten in sehr gutem Zustand möglich und hilfreich.

Führt das Auftragen von Kreide zwar zu besserem, aber noch nicht befriedigendem Ergebnis, kann versucht werden, die Kreide mit einem weichen Tuch sanft zu verwischen. Hilft auch das nicht, muss die Kreide (mit o.g. Besen) vorsichtig abgewaschen und eventuell neuerlich (sanfter oder stärker, weniger intensiv etc.) aufgetragen werden.

Hier ein konkretes Beispiel eines Grabsteins am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt, wie eine auf den ersten Blick unlesbare Inschrift lesbar gemacht werden konnte:

Grabstein am jüdischen Friedhof Wr. Neustadt, Erstansicht


  • Grabstein am jüdischen Friedhof Wr. Neustadt, Foto nachbearbeitet
  • Grabstein am jüdischen Friedhof Wr. Neustadt, Foto Detailansicht
  • Grabstein am jüdischen Friedhof Wr. Neustadt, Gesamtansicht mit Kreidebearbeitung
  • Grabstein am jüdischen Friedhof Wr. Neustadt, Detailansicht, Kreide verwischt
  • Grabstein am jüdischen Friedhof Wr. Neustadt, Gesamtansicht, halb Kreide, halb Kreide verwischt
  • Grabstein am jüdischen Friedhof Wr. Neustadt, Gesamtansicht, Kreide abgewaschen


Die Ausführungen erheben selbstverständlich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, es sind lediglich einige Erfahrungen, die ich im Laufe der Jahre gemacht habe. Für ganze Friedhofsprojekte ist natürlich noch wesentlich mehr zu berücksichtigen, hier sollten bloß einige Hilfestellungen für das Lesen eines oder einiger weniger Steine gegeben werden.

In der nächsten Folge dieser Serie: Wie Sie auch ohne großartige Hebräischkenntnisse Namen und Todesdatum in hebräischen Inschriften finden und übersetzen können – aus gegebenem Anlass – über die Einigung, 20 Millionen Euro für die Erhaltung der jüdischen Friedhöfe bereitzustellen.


Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir die Liste der jüdischen Friedhöfe in Österreich, damit Sie eine Vorstellung davon bekommen, wie viele jüdische Friedhöfe in Österreich existieren.


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Das Levitenhaus

Genau gegenüber dem Österreichischen Jüdischen Museum befindet sich das Haus Unterbergstraße 15. Über dem Eingangstor befindet sich ein Basrelief, das einen sehr schön gearbeiteten Krug mit Becken sowie acht hebräische…

Genau gegenüber dem Österreichischen Jüdischen Museum befindet sich das Haus Unterbergstraße 15. Über dem Eingangstor befindet sich ein Basrelief, das einen sehr schön gearbeiteten Krug mit Becken sowie acht hebräische Buchstaben darstellt. Die Buchstaben sind auf drei Zeilen aufgeteilt, links und rechts von Krug und Becken.

Das Symbol (Krug und Becken) zeigt an, dass der oder die Hausbesitzer bzw. die Hausbewohner Leviten waren, weshalb wir das Haus als (ehemaliges) Levitenhaus bezeichnen.

Ein wenig ärgerlich und beschämend für mich ist es schon, dass ich seit mittlerweile 25 Jahren fast täglich an diesem Haus vorbeigehe, unzählige Führungen durch das ehemalige jüdische Viertel von Eisenstadt gemacht habe, im Zuge derer ich jedes Mal dieses so schöne Symbol als einen der wenigen Zeugen der jüdischen Vergangenheit der Stadt erwähne … und noch immer nicht ganz sicher bin, was die Inschrift bedeutet.

1. Zeile:

ת | ק

2. Zeile:

חי | אב

3. Zeile:

כ | ל(פק)

1. Zeile: sehr gut lesbar, Befund sicher:
(Dass eine Jahreszahl vorkommt, zeigt der letzte Buchstabe in der 3. Zeile, siehe unten)
ת (Taw) hat den Zahlenwert 400, ק (Qof) den Zahlenwert 100, zusammen also 500.

2. Zeile: sehr gut lesbar, Befund unsicher:
חי hat den Zahlenwert 18, אב ist der jüdische Monat Av.
Wir würden also bisher den Monat Av im jüdischen Jahr 518 erhalten.
Allerdings bedeutet חי (Chaj), als Wort gelesen, „Leben“ und אב (Av) bedeutet neben dem Monatsnamen auch „Vater“.
Ob diese Bedeutungen hier eine Rolle spielen und wenn ja, welche, wage ich nicht mit Sicherheit zu beurteilen.

3. Zeile: 1. Hälfte nicht gut lesbar, 2. Hälfte sehr gut lesbar, Befund nur zu 50% sicher:
Der erste Buchstabe dürfte ein Kaf sein und somit den Zahlenwert 20 repräsentieren.
Möglich wären noch ein פ (Pe) oder ein נ (Nun) (Zweiteres unwahrscheinlich).
Wir würden also den 20. Av des (jüdischen) Jahres 518 erhalten.
Dass hier der Tag nach dem Monat und nicht, wie meist üblich, vor dem Monat steht, möchte ich schlicht und einfach mit Platzgründen bzw. Gründen der Symmetrie erklären. In der 3. Zeile hätten zwei Buchstaben, nämlich אב (Av), kaum/nicht Platz gehabt.

Der letzte Buchstabe stellt eine typische und insbesondere auch auf hebräischen Grabinschriften oft vorkommende hebräische Ligatur dar: Die hebräischen Buchstaben לפק (L P Q) werden zusammengezogen und das ל grafisch so geschrieben, dass es das פ und das ק andeutet.
In jedem Fall zwingt der Schluss der Inschrift mit לפק (L P Q) dazu, das Vorhergehende als Jahreszahl zu lesen, denn es bedeutet (abgekürzt) „Nach der kleinen Zeitrechnung“, also ohne den 5000er zu schreiben.

Das Datum rund um Krug und Becken ist also nach dieser Lesung und Deutung der 20. Av (5)518, das ist umgerechnet Donnerstag, der 24. August 1758.

Hat vielleicht eine/r unserer geneigten Leserinnen und Leser einen besseren Vorschlag?

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir die Betrachtung des wunderbaren Fensters „Der Stamm Levi“ von Marc Chagall in der Synagoge des Hadassa-Hospitals in Jerusalem. Wenn Sie nicht die Möglichkeit haben, nach Israel zu fahren, betrachten Sie einfach ein (sehr schönes) Bild davon im Web (Klicken Sie unbedingt auf das Vorschaubild, um es zu vergrößern).

Alternativ, für die Freunde schwererer Kost, empfehlen wir als Beilage die Lektüre des Buches „Levitenhaus“ von Isaac Landau (1859), das Sie als PDF-Datei (2.52 MB) downloaden können.


6 Kommentare zu Das Levitenhaus

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