Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Johannes Reiss

Purim und der jüdische Witz

Die israelische Tageszeitung Haaretz publizierte gestern einen Beitrag, dass die Westmauer/“Klagemauer“ hinkünftig auch als Werbefläche genutzt werden soll. Wir haben diesen Beitrag auf unserer Facebook-Seite bewusst zunächst ohne Kommentar übernommen….

Die israelische Tageszeitung Haaretz publizierte gestern einen Beitrag, dass die Westmauer/“Klagemauer“ hinkünftig auch als Werbefläche genutzt werden soll.

Wir haben diesen Beitrag auf unserer Facebook-Seite bewusst zunächst ohne Kommentar übernommen.

Kurzum: Diese (unsere) Meldung von gestern war ein Purimscherz!

Wir stehen nicht an zuzugeben, dass auch wir erst mal erschraken, als wir die Meldung im Original lasen. Und doch war es dann beruhigend, dass wir nicht die einzigen waren, die kurz geschockt reagierten, wenn man viele Kommentare auf der Haaretz-Website ansieht ;-)

Unsere Formulierung „Zum besseren Verständnis empfiehlt sich die Lektüre des Haaretz-Artikels im Original“ betraf allerdings nicht die technischen Details dieser Fake-Meldung, sondern sollte helfen, den Beitrag als Witz zu entlarven.

Denn es findet sich so mancher Hinweis auf Purim:

  • Mordechai Hidud assoziiert nicht nur den Juden Mordechai (Onkel von Ester), sondern das hebräische Wort Chidud (חידוד) bedeutet auch „Witz, Sarkasmus“.
  • Der Name des amerikastämmigen Joe King soll wohl nicht nur an den Perserkönig Artaxerxes erinnern, sondern beinhaltet auch den Wortwitz „joking“ (englisch für „Witze machen“)
  • Und, na ja, der Autor des Beitrags nennt sich Hurim Pappy

Dass ein solcher Beschluss in Israel so gut wie undenkbar ist, dürfen wir außerdem wohl annehmen.
Die Kommentare auf der Haaretz-Website sind gespalten: viele finden den Witz gelungen und ausgesprochen witzig, andere Kommentatoren/Kommentatorinnen sind erbost und/oder entrüstet:

  • … nichts als Blasphemie … unser Parlament (Knesset) versagt …
  • … da hat jemand jedes Gefühl für Verhältnismäßigkeit verloren …
  • … findet ihr es wirklich gut, die Idee der 1.-April-Scherze für uns zu übernehmen? …
  • … es ist ein Witz, aber er scheint antisemitische Stereotype zu übernehmen, dass Geldmachen typisch für die jüdische Religion ist …
  • Haaretz wird auch von vielen Nichtjuden gelesen, die gar nicht wissen, dass jetzt Purim ist …

… heißt es da etwa.

Die Kommentare und Diskussionen zeigen also nicht nur die verschiedene Rezeption dieser Witzmeldung, sondern sehr wohl und vor allem auch die generelle Problematik des jüdischen Witzes!

Es sollen hier – ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit – einige wesentliche Merkmale des jüdischen Witzes und die potentiellen Gefahren kurz zur Sprache kommen:
Der jüdische Witz ist von seinem Wesen her ein gesprochener und erzählter Witz. Wenn etwa ein jiddischer Witz übersetzt wird, dann ist die Übersetzung, wie jede andere Übersetzung auch, Interpretation und der Witz wird dabei in eine andere, fremde Kultur mit anderen Ausdrucksformen übertragen. Insbesondere der deutschen Sprache mangelt es an Möglichkeiten, jiddischen Wortspielen und Pointen gerecht zu werden. Die Gefahr der „Arisierung“ liegt dabei auf der Hand. Ebenso, dass durch eine Pointenverschiebung, sobald der übersetzte Witz nun von Nichtjuden erzählt wird, der Witz missbraucht werden kann, die Pointen und somit der Witz antisemitisch werden können.

Hat sich doch der Antisemitismus ein Bild vom Judentum geschaffen, das sich zum echten wie eine schlechte Karikatur zur lebendigen Vorlage verhält. Wie oft kann eine gute jüdische Pointe einfach durch falsche Betonung, Outrierung jüdischer Gesten etc. zu ihrer eigenen antisemitischen Karikatur werden!

…Es ist eine traurige Tatsache, dass das leidvolle Schicksal des Judentums, das gerade in der jüdischen Anekdote am besten zum Ausdruck kommt, nicht nur Bewunderer, sondern – schon seit der Antike – auch Karikaturisten gefunden hat. Wie hat denn z.B. der „Stürmer“ einen für die „Heiligung Gottes“ zum Märtyrertode bereiten ostjüdischen Talmudgelehrten gesehen?!

Kurt Schubert, in: Kairos 5(1963).

Ich selbst kannte nie einen begnadeteren Erzähler jüdischer Witze als Professor Schubert. Nicht nur, dass er ein schier unendliches Repertoire an Witzen zu haben schien, Schubert musste man „hören“!
In der ersten „Langen Nacht der Museen“, an der unser Museum teilnahm, war unser Hauptprogrammpunkt „Professor Schubert erzählt jüdische Witze“. Der Saal war zum Bersten gefüllt, das Publikum hörte – eher untypisch für die Lange Nacht – über eine Stunde begeistert zu.

Vor kurzem haben wir auf Facebook auch einen jüdischen Witz gebracht. Das sehr erfreuliche Echo darauf wollen wir – unter Beachtung des hier Geschriebenen – zum Anlass nehmen, ein, wie wir glauben, kleines Juwel anzubieten:

2004 hatte ich die Gelegenheit, einige jüdische Witze, erzählt von Professor Schubert, digital (wenn auch nur mit einfachen technischen Mitteln) aufzunehmen.

Wir werden also ab nun in unregelmäßigen Zeitabständen einige der Witze auf unserer Facebookseite, die Sie auch sehen können, ohne selbst Mitglied bei Facebook zu sein, online stellen.

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir eine sehr spezielle Nachstellung der Purimgeschichte:




2 Kommentare zu Purim und der jüdische Witz

Bild der Woche – Hamanpuppe

Bei der Neugestaltung unserer Dauerausstellung haben wir uns entschlossen, beim Purimfest einen offensichtlich nicht überall bekannten Brauch zu zeigen: Während des Verlesens der Esterrolle schlagen Kinder jedes Mal, wenn der…

Bei der Neugestaltung unserer Dauerausstellung haben wir uns entschlossen, beim Purimfest einen offensichtlich nicht überall bekannten Brauch zu zeigen: Während des Verlesens der Esterrolle schlagen Kinder jedes Mal, wenn der Name Haman erwähnt wird, mit einem „Humenkleppel“ auf eine Hamanpuppe und machen großen Lärm. Haman, der königliche Ratgeber, wollte die persischen Juden ausrotten, landete aber schlussendlich selbst am Galgen.

Purim Karneval in Landsberg, 1946

Purim-Karneval in Landsberg, Foto: G. Kadisch, März 1946

Bei Landsberg und Kaufering (Bayern) entstand der größte Außenlagerkomplex Dachaus. Zwischen Juni 1944 und April 1945 „durchliefen“ etwa 30.000 Häftlinge die Lager in der Nähe der Stadt. Unmittelbar nach der Befreiung übernahm die US-Armee die DP-Unterkunft, das DP-Lager bestand bis 1950/51.

Das erste Purim-Fest nach der Befreiung (siehe Bild) war ein Ereignis von zentraler Bedeutung.

Der Landsberger Purim, an dem fast alle DPs teilnahmen, wurde zu einer symbolisch hochverdichteten Begräbnisinszenierung. Überall tauchte der besiegte „Haman Hitler“ auf – Puppen, Karikaturen, Masken, Kostüme, es gab eine Verbrennung von „Mein Kampf“. „Es war wie Hitlers Begräbnis. Wir wussten, dass Hitler tot war, aber wir konnten nicht sehen, wo er war. Hier sahen wir, dass er hingerichtet und begraben wurde.“

Paulus u.a., Ein Ort wie jeder andere. Bilder aus einer deutschen Kleinstadt, Landsberg 1923-1958, 25f

Heute ist Purim.
Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Purim.

חג פורים שמח לכולם


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Präsentation Österreich-Bild – Nachlese

Am Donnerstag wurde bei uns im Museum das Österreich-Bild des Landesstudios Burgenland mit dem Titel „Vertrieben und Vergessen. Auf den Spuren des Judentums im Burgenland“ präsentiert. Update, 28. 02., 19:29h:…

Am Donnerstag wurde bei uns im Museum das Österreich-Bild des Landesstudios Burgenland mit dem Titel „Vertrieben und Vergessen. Auf den Spuren des Judentums im Burgenland“ präsentiert.

Update, 28. 02., 19:29h: Das Österreich-Bild ist ab sofort auf der ORF TVthek sieben Tage lang zu sehen.

  • Eingang ins jüdische Museum, vor dem großen Ansturm
  • Über 100 Interessierte im Auditorium des Museums
  • Koschere Weinflaschen und Gläser für das Buffet


Wir danken dem ORF für die so engagierte Arbeit und allen Besucherinnen und Besuchern, die zur Präsentation nach Eisenstadt gekommen sind!

Video: Präsentation und kurzer Vorgeschmack auf den Film – Burgenland heute, Freitag, 26. 02. 2010

Die Sendetermine des Österreich-Bildes:

Sonntag, 28.02.2010 18.25 Uhr ORF 2
Dienstag, 02.03. 2010, 12.00 Uhr ORF 2
Sonntag, 14.03.2010, 13.05 Uhr 3sat
Dienstag, 16.03.2010, 11.35 Uhr 3sat

Ab morgen Abend, Sonntag, 28. 02., wird das Österreich-Bild auf der ORF TV-Mediathek 7 Tage lang zu sehen sein. Sobald online verfügbar, finden Sie selbstverständlich hier den Link zur Sendung!
Siehe Link oben!


Nach 1945 sind nur sehr wenige Juden ins Burgenland zurückgekehrt, zwei Familien nach Eisenstadt: Schiller und Trebitsch. Nach dem Tod von Herrn Oskar Schiller am 17. Februar 2005 übernahm sein Enkel, Patrick Frankl, die Geschäfte seines Großvaters. Heinrich Trebitsch lebt – wie Sohn Thomas und Enkelkinder – in Eisenstadt, er ist 88 Jahre alt. Patrick übergab am Abend der Präsentation dem Museum ein Bild seines Großvaters aus den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, das Herrn Schiller am Eingang unserer privaten Synagoge zeigt.



Nach der Filmpräsentation hatte ich die Gelegenheit zu einem kurzen Interview mit Patrick Frankl und mit dem Sohn von Herrn Trebitsch, Thomas Trebitsch:

Patrick, du hast mir erzählt, dass dir dein Großvater oft von der jüdischen Gemeinde in Eisenstadt erzählt hat. Erinnerst du dich dabei an etwas besonders gern? Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass dich dein Großvater vor über 20 Jahren immer wieder in unserer Synagoge singen ließ …

Das von Patrick übergebene Bild: Oskar Schiller vor dem Eingang zur Wertheimer-Synagoge

Patrick: Meinem Großvater haben sowohl das jüdische Museum als auch die Synagoge und der jüdische Friedhof sehr viel bedeutet. Er hat sich sein Leben lang dafür eingesetzt, dass viele Menschen Museum, Synagoge und Friedhof sehen. Mich hat er, als ich ein Kind war, oft in der Synagoge singen lassen. Er, der sich stets mit Eisenstadt identifiziert hat, wollte damit zeigen, dass die jüdische Identität anerkannt ist. Mein Großvater war ein eifriger Geschäftsmann, aber wenn jüdische Touristen ins Geschäft kamen und den Friedhof sehen wollten, ließ er sofort alles liegen und stehen, bat Mitarbeiter, sein Geschäft weiter zu betreuen, und ging mit den Besuchern zum jüdischen Friedhof (er hatte ja einen Schlüssel). Das hatte für ihn immer Priorität.

Thomas, deine Erfahrungen sind andere. Norbert Lehner, der Gestalter des Österreichbildes sagt im Interview, dass dein Vater, Heinrich Trebitsch, der am schwierigsten zu gewinnende Zeitzeuge war, weil er „… sich lange Zeit gesträubt hat und eigentlich nichts erzählen wollte …“

Thomas: Das ist richtig, mein Vater hat auch uns fast nichts erzählt. Wir haben im Gegensatz zu den Schillers unser Leben in Eisenstadt gelebt, sind regelmäßig zu den Feiertagen nach Wien gefahren, haben aber kaum mit jüdischen Familien Kontakt gehabt. Ich glaube auch, dass wir in Eisenstadt gut integriert waren und sind.

Werdet ihr im Geschäft von Kunden oder auf der Straße von Menschen als Juden wahrgenommen?

Patrick: Natürlich werde ich als Jude wahrgenommen von einer großen Anzahl an Stammkunden. Viele neue Kunden wissen aber nicht, wer mein Großvater war. Ich bin in eine Generation hineingeboren, in der das Gefühl von Offenheit getrübt ist, in der wir Angst haben/hatten, dass viele Menschen von Vorurteilen gegenüber Juden geprägt sind. Ich kenne noch gut den Satz und höre ihn noch manchmal von Stammkunden „Wennst ein Arbeitsgwandl suchst, gehst zum Schillerjud“. Ich finde das aber ganz ok so und identifiziere mich dem „Schillerjud“!

Thomas: Die Leute wissen, dass ich Jude bin, sie kennen auch meine Kinder und wissen, dass diese evangelisch erzogen sind. Die Entscheidung dafür resultierte aus der Angst vor dem Antisemitismus. Es spricht mich aber niemand darauf an, weder mich noch meine Kinder.

Abschließend noch eine vielleicht nicht ganz realitätsnahe Frage, wenn auch eine, die uns BesucherInnen im Museum immer wieder stellen: Könnt ihr euch vorstellen, dass es in Eisenstadt in absehbarer Zukunft wieder eine jüdische Gemeinde geben könnte?

Patrick: Eine jüdische Gemeinde in Eisenstadt wäre ein Wunschgedanke von mir. Ich weiß, dass dann meine und andere jüdische Familien (ich wohne ja in Wien) herziehen müssten, aber es wäre eine erfreuliche Entwicklung gegen den Strom.

Thomas: Ich kann mir eine jüdische Gemeinde – wieder – in Eisenstadt einfach nicht vorstellen, weniger grundsätzlich als aus ganz pragmatischen Überlegungen heraus. Wie soll das funktionieren?

Vielen Dank euch beiden!

Weitere Nachlesen und Medienberichte:

Burgenland ORF – Ö-Bild

Burgenland ORF – Im Land

Der Standard

1 Kommentar zu Präsentation Österreich-Bild – Nachlese

Vertrieben und Vergessen

Auf den Spuren des Judentums im Burgenland Der ORF Burgenland und das Österreichische Jüdische Museum laden herzlich ein zur Präsentation der Sendung „Vertrieben und Vergessen. Auf den Spuren des Judentums…

Auf den Spuren des Judentums im Burgenland

Der ORF Burgenland und das Österreichische Jüdische Museum laden herzlich ein zur Präsentation der Sendung „Vertrieben und Vergessen. Auf den Spuren des Judentums im Burgenland“ aus der Reihe „Österreich-Bild“.

Zeit: Donnerstag, 25. Februar 2010, 19.00 Uhr
Ort: Österreichisches Jüdisches Museum, Unterbergstraße 6, 7000 Eisenstadt


Von der großen Tradition jüdischen Lebens ist wenig übrig geblieben. Im Burgenland leben heute nur mehr ganz wenige Juden. Zu Wort kommen Zeitzeugen wie die hochbetagte, in New York lebende Alicia Latzer. Sie wurde 1938 mit ihrer Familie vertrieben und bemüht sich heute um die Rückgabe wertvoller Gemälde, die damals geraubt wurden. Heinrich Trebitsch erzählt vom Leben der Eisenstädter Juden vor 1938 und ihrer Vertreibung. Er selbst überlebte einen Todesmarsch ins KZ Mauthausen und kehrte nach dem Krieg nach Eisenstadt zurück. Er ist einer von wenigen Juden, die nach dem Krieg ins Burgenland heimgekehrt sind. In den ehemaligen „Heiligen Sieben-Gemeinden“ erinnen nur noch Bauten an jüdisches Gemeindeleben, wie die Synagoge in Kobersdorf, einige Friedhöfe und das Haus, in dem jetzt das Österreichische Jüdische Museum in Eisenstadt untergebracht ist.

Text: Einladung ORF Burgenland

Gestaltung: Norbert Lehner
Sprecher: Otto Tausig
Kamera: Stefan Lentsch
Schnitt: Thomas Bonfert

Sendetermin: Österreich-Bild, Sonntag, 28. Februar 2010, 18.25 Uhr, ORF 2

  • Heinrich Trebitsch am Jerusalemplatz in Eisenstadt-Unterberg
  • Alicia Latzer in der Bibliothek ihrer Wohnung in New York
  • Professor Dr. Johnny Moser vor dem Kriegerdenkmal in Parndorf


Im Anschluss an die Präsentation laden wir zu einem Buffet mit koscherem Wein aus dem Burgenland.
Wir ersuchen Sie um Zusage

Die Sendung ist von Sonntag, 28. Februar, späterer Abend, eine Woche lang auf der TV-Mediathek des ORF zu sehen!

Logo ORF Burgenland


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