Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Johannes Reiss

Ein Burgenländer – der erste Jude Salzburgs

1498 wurden alle Juden Salzburgs von Erzbischof Leonhard von Keutschach des Landes verwiesen und durften sich bis 1867 (Staatsgrundgesetz) nicht in der Stadt aufhalten. In diesem Jahr gelang es Albert…

1498 wurden alle Juden Salzburgs von Erzbischof Leonhard von Keutschach des Landes verwiesen und durften sich bis 1867 (Staatsgrundgesetz) nicht in der Stadt aufhalten.

In diesem Jahr gelang es Albert Abraham Pollak als erstem Juden das Niederlassungsrecht wieder zu erlangen. Pollak wurde 1833 in Mattersdorf geboren, starb 1921 und ist am jüdischen Friedhof in Salzburg Aigen begraben.
Er wurde schon 1873 als Bürger von Salzburg akzeptiert und legte den Grundstein für den Neubeginn der jüdischen Gemeinde der Stadt. Bald wurde Pollak zum angesehenen „k.u.k. Hofantiquar“, später sogar zum „kaiserlichen Rat“.
Die Stadtgemeinde hatte Pollaks Anrecht akzeptiert, nur der Bürgermeister soll angeblich den Ausspruch getan haben:

Sie sind der erste, aber auch der einzige und letzte Jude in Salzburg.

Der Bürgermeister sollte irren. Am 28. Jänner 1881 sind in Salzburg 18 „Israeliten“ mit ihren Familien belegt. Darunter Albert Pollak, verheiratet mit Karoline, 7 Kinder. Für uns besonders interessant ist, dass insgesamt 5 Juden aus dem Mattersdorf/Ödenburger Komitat und 2 aus dem Komitat Lackenbach/Ödenburg kommen.

Ansuchen Albert Pollaks vom 22. März 1867

Ansuchen Albert Pollaks vom 22. März 1867 um eine Trödler-Konzession und seine Bearbeitung (Archiv der Stadt Salzburg), aus: Marko Feingold, Ein ewiges Dennoch, Wien 1993,18.

Löbliches Gemeindeamt!

Ich wünsche in der Stadt Salzburg ein Tändler- (Trödler-) Gewerbe zu betreiben, u. da ich nach dem anliegenden pfarramtlichen Sittenzeugnisse eines guten Leimundes mich erfreie, und durch meinen langjährigen hiesigen Aufenthalt mir die nöthigen Lokal- u. fachlichen Kenntnisse angeeignet habe, um ein derlei conzessioniertes Gewerbe zu erlangen, so bitte ich um die Ertheilung der erforderlichen Conzession, u. bemerke zur Ausfüllung der Rubriken im Gewerbsvormers-Buche, daß ich 34 Jahre alt, zu Matersdorf in Ungarn gebürtig bin. Den Standort des Betriebes, Gewölbe oder sonstigen Lokalität bin ich noch nicht im Stande anzugeben …

Salzburg, am 22. May 1867
Albert Pollak mp
Goldwaarenhändler

Marko Feingold, Ein ewiges Dennoch, Wien 1993,19

Da 1943 der Verkauf von Grabsteinen auf dem jüdischen Friedhof genehmigt wurde, ist es fast ein Wunder, dass der Grabstein von Albert Pollak erhalten blieb.

  • Grabstein von Albert Pollak am jüdischen Friedhof Salzburg
  • Blick auf den Grabstein von Albert Pollak am jüdischen Friedhof Salzburg


Vorgestern, am Freitag, war ich vom Institut für religionspädagogische Bildung Salzburg eingeladen, anlässlich einer Veranstaltung zum (heutigen!) Tag des Judentums, über den jüdischen Friedhof zu sprechen. Am Vormittag referierte Prof. Gerhard Langer vom Zentrum für Jüdische Kulturgeschichte der Universität Salzburg. Nachmittags kamen etwa 40 Interessierte auf den jüdischen Friedhof und hielten fast 90 Minuten trotz sehr kühler Temperatur und 15cm Schnee durch. Danke allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern!

Besonders gefreut habe ich mich, dass auch der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg, Hofrat Marko Feingold und seine Gattin an der Veranstaltung teilnahmen und mit uns am jüdischen Friedhof waren. Herr Feingold hielt eine kurze Einführung in den jüdischen Friedhof Salzburg Aigen und wusste manch launige Geschichte über den „Burgenländer“ Albert Pollak zu erzählen.
So soll Pollak zeit seines Lebens die Tracht als Kleidung bevorzugt haben und bei offiziellen Anlässen immer darauf hingewiesen haben, dass er „Vegetarier“ sei (um die koscheren Speisegesetze möglichst halten zu können).

Gemeinsam mit anderen schon länger in Salzburg Ansässigen gründete Albert Pollak 1892 eine Ortsgruppe des „Kranken-Unterstützungs- und Beerdigungsvereines Chewra Kadischa“ und reichte gemeinsam mit Moritz Bäck bei der Bezirkshauptmannschaft Salzburg den Bauplan für die Friedhofsanlage samt Leichenhaus ein. Der jüdische Friedhof in Salzburg Aigen war danach schnell errichtet, siehe auch unser „Bild der Woche“.

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir die Lektüre des Buches des Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburgs: Marko Feingold, Ein ewiges Dennoch. 125 Jahre Juden in Salzburg, Wien 1993.


5 Kommentare zu Ein Burgenländer – der erste Jude Salzburgs

Bild der Woche – Jüdischer Friedhof Salzburg

Die Israelitische Kultusgemeinde lässt regelmäßig die jüdischen Friedhöfe in Österreich bewerten. Nur wenige Friedhöfe konnten die Note „sehr gut“ erreichen, geschweige denn über mehrere Jahre halten. Berücksichtigt man, dass den…

Die Israelitische Kultusgemeinde lässt regelmäßig die jüdischen Friedhöfe in Österreich bewerten. Nur wenige Friedhöfe konnten die Note „sehr gut“ erreichen, geschweige denn über mehrere Jahre halten. Berücksichtigt man, dass den Werten noch keine Gewichtung zugrunde liegt (so befinden sich etwa am jüdischen Friedhof in Güssing „nur“ Gedenk- aber keine Grabsteine), verdient der jüdische Friedhof in Salzburg Aigen eine besondere Erwähnung als vorbildliches Beispiel.

Blick auf den jüdischen Friedhof in Salzburg Aigen

Im Unterschied zu fast allen jüdischen Friedhöfen des Burgenlandes ist der Friedhof in Salzburg sehr jung. 1893 angelegt, finden sich nur sehr wenige Grabsteine mit ausschließlich hebräischen Inschriften, es gibt keine Grabsteine aus Sandstein, die Betenden (bzw. die Inschrift Lesenden) blicken – auch im Unterschied zum Burgenland – ebenfalls ausnahmslos gen Osten (das Grab befindest sich also – aus der Perspektive des Betenden/Lesenden – „hinter“ dem Grabstein, der zu Häupten des Toten aufgestellt ist).

Siehe auch unseren Beitrag „Ein Burgenländer – der erste Jude in Salzburg„.


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4 Kommentare zu Bild der Woche – Jüdischer Friedhof Salzburg

Am jüdischen Friedhof II

Arnstein, 20 Millionen und die „fremden“ Friedhöfe Aus gegebenem Anlass soll dieser Beitrag als zweiter Beitrag unserer kleinen Serie „Am jüdischen Friedhof“ eingeschoben werden. Am 22. Dezember 2009 kam es…

Arnstein, 20 Millionen und die „fremden“ Friedhöfe

Aus gegebenem Anlass soll dieser Beitrag als zweiter Beitrag unserer kleinen Serie „Am jüdischen Friedhof“ eingeschoben werden.

Am 22. Dezember 2009 kam es in Österreich nach neun Jahren endlich zur Einigung, wer die Erhaltung, also die Bestandssicherung der jüdischen Friedhöfe bezahlen und wie die Finanzierung in den kommenden 20 Jahren gewährleistet sein soll. Thomas Rottenberg erklärt im Standard auch sehr gut, was der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Ariel Muzicant, mit einem „verspäteten Chanukkageschenk“ gemeint hat.

Im ersten oben verlinkten Beitrag heißt es u.a.:

Länder und Bund hatten jahrelang darüber gestritten, wer für die Erhaltung zahlen soll – die Friedhöfe waren währenddessen verfallen.

Selbstverständlich verfallen die Friedhöfe nicht erst seit 2001, und doch ist insbesondere in den letzten Jahren der zunehmende Verfall drastisch (drastischer?) und deutlich sichtbar. Es verfallen aber nicht „nur“ kunsthistorisch mehr oder minder wertvolle und bedeutende Grabdenkmäler, sondern – insbesondere – die Lesbarkeit der Inschriften wird jährlich schlechter. Die Grabsteine versinken in der Anonymität, vor allem dann, wenn es – wie etwa im Burgenland – keine Protokollbücher der Chevra Kadischa (Heilige Bruderschaft), Memor-Bücher oder gar Friedhofslisten und Lageplanregister gibt.

Der ältere jüdische Friedhof in Eisenstadt, Foto: David Peters

Noch einmal sei angemerkt, dass es hier im Burgenland 14 jüdische Friedhöfe gibt, deren etwa 8.000 Gräber mit einer Ausnahme (der junge Friedhof in Oberwart, Anfang 20. Jahrhundert) nur hebräische Inschriften aufweisen. Insbesondere diese hebräischen Grabinschriften lassen die Friedhöfe für viele Menschen namenlos und entseelt und damit oft (tendenziell) fremd wirken (siehe etwa auch den unseligen 2. Kommentar zum Thema).

Die Historikerin Tina Walzer, laut derstandard.at die Expertin für jüdische Friedhöfe generell, wünscht als erste Schritte:

Man müsste ganz dringend den Bewuchs roden und im Zaum halten und im nächsten Schritt alle besonders wertvollen Grabdenkmäler innerhalb der nächsten drei Jahre sanieren

Wenn diese Aussage auch in erster Linie auf den jüdischen Friedhof Währing abzielt, so stellen sich meines Erachtens doch einige Fragen.
In der ersten Reaktion habe ich getwittert, dass nicht die „besonders wertvollen Grabdenkmäler“, sondern die besonders gefährdeten als erstes saniert gehören, also jene, die man in drei Jahren nicht mehr oder noch weniger als heute lesen kann (Tweet 1, Tweet 2).

Gemeint ist damit:
Was sind denn nun eigentlich genau „besonders wertvolle Grabdenkmäler“?
Es ist schon richtig, dass kunsthistorisch besonders wertvolle Grabdenkmäler ehestmöglich renoviert werden müssen, und es ist meist auch richtig, dass die großen Namen wie Wertheim(b)er, Russo, Königswarther oder Arnstein und Eskeles eben diese (aus kunsthistorischer Sicht) besonders wertvollen Grabdenkmäler besitzen.

Auf den jüdischen Friedhöfen im Burgenland – die ältesten Grabsteine stammen immerhin aus dem Ende des 17. Jahrhunderts – finden wir aber keine Wertheimers oder Arnsteins und die bedeutenden Rabbiner haben zumeist genauso einfache Grabsteine wie die einfachsten Gemeindemitglieder. Grabmäler aus (Kalk)Sandstein sind mehr oder minder Standard, aber – im Gegensatz etwa zum Währinger Friedhof – in den allermeisten Fällen kein Zeichen dafür, dass die Toten ärmere Gemeindemitglieder gewesen wären. Selbst die (hebräischen) Grabinschriften lassen vom Umfang her oft nicht auf die Bedeutung der Bestatteten schließen, berühmte Rabbiner haben mitunter bescheidene und auffällig kurze Grabinschriften (siehe etwa das Grab von Rabbi Meir Eisenstadt).

Außer auf dem (aufgearbeiteten) jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt können heute so gut wie keine konkreten Gräber auf den jüdischen Friedhöfen des Burgenlandes gefunden werden.

Einer der Feinde des Verstehens ist die Anonymität und es gilt dringend, hebräische Inschriften auf jüdischen Grabsteinen dieser Anonymität zu entreißen, auch, damit sie vielleicht von weniger Menschen als fremd wahrgenommen werden. Und auch dann, wenn die Toten keine berühmten Personen waren und ihre Inschriften für biografische Forschungen nur sehr bedingt verwendbar und durch ihre Stereotypie sogar oft nur von mäßigem Interesse sein mögen.

Ich würde mir wünschen, dass die Erhaltung der jüdischen Friedhöfe (nicht nur) im Burgenland nicht immer mit dem Reparieren der Friedhofszäune beginnt und dem Aufstellen von umgefallenen Grabsteinen endet …

In der nächsten Folge dieser Serie dann der ursprünglich für heute geplante Beitrag: Wie Sie auch ohne großartige Hebräischkenntnisse Namen und Todesdaten in hebräischen Inschriften finden und übersetzen können …

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir einen virtuellen Ausflug auf den jüdischen Friedhof Währing (Website leider nicht ganz aktuell).

Update 11. Jänner: Marco Schreuder zeigt in seinem Blog einige sehr informative Videos zum Währinger Friedhof, die wir hier – passend zu unserem Tipp – einbetten dürfen:

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Bild der Woche – Chanukkaleuchter

Der Chanukkaleuchter stammt aus der Gemeindesynagoge Eisenstadts, vielleicht sogar aus der ehemaligen privaten Synagoge Samson Wertheimers. Er wurde erst 1972 im Zuge von Renovierungsarbeiten in der Genisa unserer kleinen Synagoge…

Der Chanukkaleuchter stammt aus der Gemeindesynagoge Eisenstadts, vielleicht sogar aus der ehemaligen privaten Synagoge Samson Wertheimers. Er wurde erst 1972 im Zuge von Renovierungsarbeiten in der Genisa unserer kleinen Synagoge gefunden und befindet sich heute in der Dauerausstellung des Museums. Eine Genisa (hebräisch „Archiv, Schatzkammer“) ist ein Raum, in dem unbrauchbar gewordene heilige Bücher oder andere Kultgegenstände aufbewahrt werden, oft, bevor sie rituell begraben werden.

Chanukkaleuchter, Nürnberg, ca. 1680

Chanukkaleuchter aus massivem Messing, Nürnberg ?, Ende 17. Jahrhundert


Heute ist der zweite Tag Chanukka. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unseres Blogs ein fröhliches Chanukkafest – חג חנוכה שמח לכולם!



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