Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Johannes Reiss

Präsentation der mittelalterlichen Grabsteine

Am vergangenen Donnerstag wurden am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt fünf mittelalterliche jüdische Grabsteine der Öffentlichkeit präsentiert. Obwohl der Termin am Vormittag nicht von der Zeit, aber dafür vom Wetter begünstigt…

Am vergangenen Donnerstag wurden am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt fünf mittelalterliche jüdische Grabsteine der Öffentlichkeit präsentiert. Obwohl der Termin am Vormittag nicht von der Zeit, aber dafür vom Wetter begünstigt schien – es war ein klarer und sonniger Tag –, konnten ca. 50 Interessierte begrüßt werden.
Die Grabsteine wurden im Rahmen des Projekts AKJF, „Aktion Kulturdenkmal Jüdischer Friedhof“ von Dr. Werner Sulzgruber 2007 auf dem jüdischen Friedhof Wiener Neustadt (wieder)entdeckt.

  • Installation der fünf mittelalterlichen jüdischen Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt
  • Installation der fünf mittelalterlichen jüdischen Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt
  • Installation der fünf mittelalterlichen jüdischen Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt


Max Pollak beschreibt in seinem Standardwerk „Die Juden in Wiener Neustadt. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Österreich“, Wien 1927, Seite 11f., vier mittelalterliche Grabsteine, die sich zu seiner Zeit bereits am jüdischen Friedhof befunden haben. Der jüdische Friedhof Wiener Neustadt wurde 1888/1889 angelegt, die Steine also nach dieser Zeit dorthin gebracht. Drei der von Pollak beschriebenen Steine konnten nun wiederentdeckt werden, ein von Pollak beschriebener Stein gilt nach wie vor als verschollen und zwei der fünf präsentierten Grabsteine tauchen bisher in der Literatur nirgends auf.

In den Ansprachen wurde selbstverständlich auch darauf hingewiesen, dass sich an der Stadtmauer in Wiener Neustadt bereits sechs mittelalterliche Grabsteine befinden, die – wie die nun präsentierten – zu den ältesten jüdischen Grabsteinen Europas gehören.

Mittelalterliche jüdische Grabsteine an der Stadtmauer in Wiener Neustadt


Die mittelalterliche jüdische Gemeinde Wiener Neustadt war eine der ältesten und bedeutendsten Österreichs und weit über die Grenzen hinaus bekannt und berühmt. Unter Rabbi Israel ben Patachia Isserlein (geboren 1390 in Regensburg, verstorben 1460 in Wiener Neustadt), dem bedeutendsten deutschen Rabbiner des 15. Jahrhunderts, wurde die Stadt zu einem Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit.

Sowohl die mittelalterlichen Grabsteine an der Stadtmauer als auch die nun präsentierten sind jedoch zum Teil deutlich älter und lassen sich ins 13. und 14. Jahrhundert datieren.

Das von Dr. Sulzgruber initiierte Projekt kann nur nochmals als vorbildliches Projekt bezeichnet werden. Ihm, seinen Schülern und Schülerinnen, die auf freiwilliger Basis mitarbeiteten, muss gedankt werden. Zu danken ist aber auch den Verantwortlichen von Stadt Wiener Neustadt, Israelitischer Kultusgemeinde und Bundesdenkmalamt, ohne deren Kooperation es nicht möglich gewesen wäre, die fünf mittelalterlichen Grabsteine zu restaurieren und in würdevollem Rahmen – am jüdischen Friedhof – geschützt und sicher aufzustellen.

Mit der Analyse bzw. Transkription der Inschriften sowie der Datierung der Steine wurde unser Museum betraut.

So wie das Lesen der Inschriften stets auch ein Gedenken der Toten ist, war die „Präsentation“ am Donnerstag – in sehr konkreter Weise – auch eine Gedenkveranstaltung.

Wir werden in den nächsten Tagen hier im Blog alle fünf Grabsteine einzeln „vorstellen“ und sowohl Inschriften als auch Datierungen besprechen.

  • Besucherinnen und Besucher der Präsentation
  • Stadträtin Isabella Siedl
  • Bürgermeister Bernhard Müller
  • Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde, Raimund Fastenbauer
  • Johannes Reiss
  • Dr. Werner Sulzgruber


Alle Beiträge zu den mittelalterlichen Grabsteinen in Wiener Neustadt werden/wurden zum leichteren Auffinden zusätzlich unter dem Schlagwort „grabsteine mittelalter“ archiviert.

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir die Lektüre des Beitrags „Wiederentdeckung eines Kulturschatzes“ auf dem so engagiert geführten und großartigen Webportal Grave Pictures.

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Bild der Woche – Versöhnungsstangerl

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass der Name Versöhnungsstangerl an den höchsten jüdischen Feiertag, den Jom Kippur (Versöhnungstag), erinnert. Das Versöhnungsstangerl, ein Gebäck mit Nussfüllung, ist unseres Wissens nur hier…

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass der Name Versöhnungsstangerl an den höchsten jüdischen Feiertag, den Jom Kippur (Versöhnungstag), erinnert.

Das Versöhnungsstangerl, ein Gebäck mit Nussfüllung, ist unseres Wissens nur hier in Eisenstadt und in einigen Orten in Niederösterreich erhältlich. Für die Nussfülle wird zunächst Milch und Honig bis knapp an den Siedepunkt erhitzt. Die geriebenen und eingerührten Nüsse werden dann kurz aufgekocht …

Von Rosch haSchana, dem jüdischen Neujahr, bis Jom Kippur (10 Tage später) richtet Gott die Welt. Es werden keine Nüsse gegessen, weil der Zahlenwert des hebräischen Wortes für Nuss (אגוז) der gleiche ist wie jener des hebräischen Wortes für Sünde (חט), nämlich 17. Nach Ende des Versöhnungstages dürfen aber auch wieder Nüsse gegessen werden.

Der Honig wiederum begleitet die Tage von Rosch haSchana bis zum Laubhüttenfest und symbolisiert ein gutes und süßes Neues Jahr (siehe z.B. Blogeintrag auf hamantaschen).

Wir können das Gerücht, dass der Name des Gebäcks an den Versöhnungstag erinnert, leider weder bestätigen noch dementieren ;-)



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Bild der Woche – Kulturschatz

Die 2007 am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt wiederentdeckten fünf mittelalterlichen Grabsteine wurden vollständig restauriert und werden nun der Öffentlichkeit präsentiert. Vorbildliches Beispiel eines restaurierten Grabsteins: „Märtyrer Simcha, Sohn des Eljakim“,…

Die 2007 am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt wiederentdeckten fünf mittelalterlichen Grabsteine wurden vollständig restauriert und werden nun der Öffentlichkeit präsentiert.

Restaurierter mittelalterlicher Grabstein

Vorbildliches Beispiel eines restaurierten Grabsteins:
„Märtyrer Simcha, Sohn des Eljakim“, 25. Kislev 107 (10. Dezember 1346)

Wir laden Sie nochmals herzlich zur Präsentation der Grabsteine ein:
Donnerstag, 19. November, 09.30 Uhr am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt


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Ich ging im Walde so für mich hin …

Kobersdorf ist anmutig zwischen Waldbergen gelegen, die nach Westen zu, in der ‚Buckligen Welt‘ immer höher werden, dort, wo hoch oben die Ruine Landsee ins Land heruntersieht, eine Erinnerung an…

Kobersdorf ist anmutig zwischen Waldbergen gelegen, die nach Westen zu, in der ‚Buckligen Welt‘ immer höher werden, dort, wo hoch oben die Ruine Landsee ins Land heruntersieht, eine Erinnerung an die feudalen Mächte, die einst Land und Leute beherrschten, bilden. Der im Walde befindliche Sauerwasserquell macht Kobersdorf zu einem gern besuchten Kurort …

Der Kobersdorfer Friedhof (hier sagt man Beth Alma) birgt das Grab des R. Samuel Chaim, der hier im Jahre 1792 starb, des R. David Alt, genannt Eibnitz (vielleicht von Eiwanotwitz in Mähren) … In dieser Gemeinde ist – an und für sich vielleicht gar nicht so bedeutend, aber doch ein charakteristisches Zeichen für den allgemeinen Niedergang – mit dem letzten Schulklopfer, einem armen Halbnarren, vor etlichen Jahren auch der Hammer, der zum Schulklopfen diente, begraben worden. Hingegen sah ich – und auch das erinnerte mich an Galizien – zur Abendzeit einige Schweine zwischen den Häusern der Juden ihren Ställen zutrotten. Interessant auch – nebenbei erwähnt -, dass es in Kobersdorf einen jüdischen Schlossermeister namens Luria gibt, der wohl von Rabbiner Salomo Luria oder vielmehr seinem Nachkommen Wolf Helen, der ja mit einer Tochter des Mahram Asch verheiratet war, in irgendeiner Seitenlinie abstammen mag …

… schreibt Leopold Moses. Er wurde 1888 in Mödling bei Wien geboren, heiratete 1918 in Mattersdorf und bis heute gilt seine Dissertation „Die jüdischen Landgemeinden in Niederösterreich mit besonderer Berücksichtigung des 17. Jahrhunderts“ als Standardwerk. 1939 mit seinem Emigrationsversuch gescheitert, wurde Moses 1943 Chefredakteur des „Jüdischen Nachrichtenblattes“, Ausgabe Wien. Am 1. Dezember 1943 nach Auschwitz deportiert, wurde er dort wenig später ermordert.
Alles zitiert aus: Johannes Reiss, Aus den Sieben-Gemeinden. Ein Lesebuch über Juden im Burgenland, Eisenstadt 1997, 173ff.

Ich fuhr heute schon am frühen Morgen auf den jüdischen Friedhof nach Kobersdorf, wohin mich der ORF Burgenland anlässlich eines Filmprojekts über die Juden im Burgenland einlud.

Ich komme ins Schwärmen … Der jüdische Friedhof Kobersdorf ist ein Waldfriedhof und (für mich) der schönste Friedhof des Burgenlandes, vielleicht sogar der schönste jüdische Friedhof überhaupt, den ich kenne (sofern das Wort „schön“ in diesem Zusammenhang gerechtfertigt ist). Aber die Lichtverhältnisse an diesem kalten, klaren und sonnigen Herbstmorgen erzeugten eine idyllische Stimmung, der ich mich nur schwer entziehen konnte. In absoluter Ruhe, an einem Waldabhang, inmitten von Bäumen, befinden sich 600 Grabsteine. Wie auf allen jüdischen Friedhöfen im Burgenland finden wir ausschließlich hebräische Grabinschriften.

Während der Drehpausen habe ich – mit meinen leider sehr bescheidenen Fotografierkünsten – versucht, die Stimmung am Friedhof ein wenig einzufangen:

  • Eingangstor jüdischer Friedhof Kobersdorf
  • Das ORF-Team am jüdischen Friedhof Kobersdorf
  • Jüdischer Friedhof Kobersdorf Teilansicht
  • Grabstein am jüdische Friedhof Kobersdorf, mit Symbol der Krone
  • Gruppe von Grabsteinen am jüdischen Friedhof Kobersdorf
  • Grabstein unter Bäumen am jüdischen Friedhof Kobersdorf
  • Jüdischer Friedhof Kobersdorf Teilansicht
  • Grabstein mit nachgezogener hebräischer Schrift am jüdischen Friedhof Kobersdorf
  • Grabstein mit Stein eines Besuchers am jüdischen Friedhof Kobersdorf
  • Ensemble von 3 zusammenhängenden Grabsteinen am jüdischen Friedhof Kobersdorf
  • Grabstein mit Handwerkssymbol am jüdischen Friedhof Kobersdorf
  • Jüdischer Friedhof Kobersdorf Teilansicht
  • Grabstein am jüdischen Friedhof Kobersdorf
  • Grabstein - Teilansicht - am jüdischen Friedhof Kobersdorf, mit Symbol der Krone
  • Grabstein - Teilansicht - am jüdischen Friedhof Kobersdorf, mit Symbol der segnenden Hände


Update am 20. Februar 2010:


Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir einen Ausflug zu diesem wunderschönen jüdischen Waldfriedhof in Kobersdorf (gegenüber dem Haus Waldgasse 25) im mittleren Burgenland. Der Weg zum Friedhof ist sehr gut beschriftet, das Friedhofstor eigentlich immer unversperrt, falls nicht, erhalten Sie den Schlüssel am Gemeindeamt.


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