Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Traude Triebel

Taufe und Hochzeit im 17. Jahrhundert in Pottendorf

Während die Sieben-Gemeinden, also die berühmten sieben heiligen jüdischen Gemeinden auf früherem esterházyschem Gebiet, weitgehend bekannt sind, führt die jüdische Gemeinde Neufeld an der Leitha mehr oder weniger ein Schattendasein….

Während die Sieben-Gemeinden, also die berühmten sieben heiligen jüdischen Gemeinden auf früherem esterházyschem Gebiet, weitgehend bekannt sind, führt die jüdische Gemeinde Neufeld an der Leitha mehr oder weniger ein Schattendasein.
Dabei ist die zwischen 1648 und 1653 von Franz von Nádasdy gegründete Gemeinde Neufeld eine der wenigen noch heute existierenden Ortschaften, deren Ursprung auf eine jüdische Besiedlung zurückgehen. Neufeld liegt unmittelbar an der niederösterreichischen Landesgrenze, Ebenfurth ist nur durch eine Brücke getrennt.
Hier geht es aber nicht um die spannende und wechselvolle Geschichte der Juden in Neufeld, sondern um den Nachbarort Pottendorf. Nicht nur, dass wir im Urbar von Pottendorf 1668 von 17 namentlich genannten jüdischen Eigentümern von insgesamt 11 Häusern in Neufeld lesen und im selben Jahr eine Kammervisitation der Zollämter den regen kleinen Grenzverkehr beschrieb:

Zwischen Raab, Bruck an der Leitha, Komorn und Eisenstadt, Kittsee, Rajka, Kobersdorf, Pottendorf und Neufeld zeichnet sich hier ein jüdischer Mikrokosmos ab, innerhalb dessen nicht nur Waren von einem Ort zum andern gebracht wurden, sondern auch Menschen über die Grenzen hinweg reisten, Kontakte knüpften und Konflikte austrugen.

Reinhard Buchberger, Vom Durchreisen und Sich-Niederlassen. Juden im frühneuzeitlichen Ungarn

In Pottendorf legte Jakob Berchtold Freiherr von und zu Ungarschütz schon 1635 ein neues, die Judenschaft betreffendes Grundbuch an, in dem 3 Bestandsjuden (Pachtjuden) und 22 Herbergsjuden namentlich aufgezählt wurden.

Zu einem Großereignis kam es in Pottendorf am 17. Jänner 1641, dem Tag des heiligen Antons des Einsiedlers, als eine Jüdin und ihre Tochter getauft wurden.

Eine Judentaufe erregte damals großes Aufsehen und wurde als ein herrlicher Triumpf des christlichen Glaubens betrachtet. Auch mitzuwirken bei einer solchen Seelenrettung galt als sehr verdienstlich. Kein Wunder also, wenn die Paten (Godln) den höchsten Pottendorfer Gesellschaftsschichten angehörten. Die Paten der Jüdin waren Frau Regina Katharina Berchtoldin von Ungarschütz und die Frau Verwalterin Katharina Neuperin. In Vertretung der Frau Regina Berchtoldin kam die Besitzerin des ‚roten Hofes‘ und kaiserliche Hauptmannsfrau Regina Rauch von Rauchenberg. Godl des Töchterleins war Frau Christine Baumgartnerin, Ehewirtin des Ulrich Baumgartner, Marktrichter in Pottendorf. Entsprechend den Namen der Patinnen bekamen die Jüdin den Namen Regina Katharina und das Kind den Namen Christine.

Rudolf Hertzka, Chronik der Großgemeinde Pottendorf, Pottendorf 1989, 322

Taufe Pottendorf 17. Jänner 1641

Taufe Pottendorf 17. Jänner 1641


Den 17 dito ist ein Jüdin sambt ihrem Kind taufft worden Gevater Leut sein gewest Fraw Catharina Neüpaurin vnd Frau Pflegerin Regina Rauchin anstat Ihr vnd Frau Regina Catharina Perchtoldin vnd ist nach Ihr vnd genent Regina Catharina deß Kindß Gefaterin Criustina Paumgartnerin Richterin vnd Cristina genent.

Nicht weiter verwunderlich ist zu dieser Zeit, dass bei Judentaufen nur selten Angaben über die Eltern gemacht werden.


Schon 10 Tage später, am 27. Jänner 1641, gab es das nächste seltene Schauspiel für die Pottendorfer: Die neugetaufte Jüdin heiratete den ledigen christlichen Gesellen Sebastian Rauscher:

Trauung Sebastian Rauscher und Regina Catharina, getraufter Jüdin, Pottendorf, 27. Jänner 1641

Trauung Sebastian Rauscher und Regina Catharina, getraufter Jüdin, Pottendorf, 27. Jänner 1641


Den 27. Ist Sebastian Rauscher ein lediger gesel mit Regina Catharina getauffter Jüdin copuliert worden.



Besten Dank an Felix Gundacker für die Lesehilfen und Helmut Schmeilzl für den Tipp.

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Deutschkreutz – Wilhelm Goldschmidt – Rapid

Am 8. Jänner 2019 wurde ein „Stein der Erinnerung“ für Wilhelm Goldschmidt enthüllt. Die Rapidspitze und zahlreiche Prominenz waren zugegen, die Medien berichteten (z.B. derstandard). Wilhelm Goldschmmidt wurde am 5….

Am 8. Jänner 2019 wurde ein „Stein der Erinnerung“ für Wilhelm Goldschmidt enthüllt. Die Rapidspitze und zahlreiche Prominenz waren zugegen, die Medien berichteten (z.B. derstandard).

Wilhelm Goldschmmidt wurde am 5. Juni 1942 mit dem Transport 25 von Wien nach Polen deportiert und in der Schoa ermordet.

Stein der Erinnerung für Wilhelm Goldschmidt

Stein der Erinnerung für Wilhelm Goldschmidt

Quelle: Facebookseite von SKRAPID

Rapid feiert heuer sein 120jähriges Bestehen, auf der Website des Fußballklubs finden wir die Enthüllung des „Steines der Erinnerung“ zumindest als eine der wichtigsten Aktivitäten in diesem Jubiläumsjahr.

Der damalige Sekretär des Klubs, Wilhelm Goldschmidt, war es, der am 8. Jänner 1899 den 1. Wiener Arbeiter Fußball-Club in Sportklub Rapid umbenannte. Darüber hinaus erfahren wir leider wenig über Wilhelm Goldschmidt.

Daher haben wir uns selbst auf die Suche gemacht und stellten u.a. fest, dass sein Vater aus Deutschkreutz stammte, aber der Reihe nach:

Heinrich Goldschmied (sic!), Oberoffizial der Israelitischen Kultusgemeinde, geb. März 1845 (so im Sterbebucheintrag, s.u.; in den Geburtsmatriken von Deutschkreutz finden wir Ignatz Goldschmid, geb. 01. August 1847!) in Deutschkreutz, Sohn des Carl Goldschmied und der Catti Horvát, beide Eltern leben in Wien, wohnhaft Wien Rossau, Porzellangasse 22, heiratet am 17. Februar 1878 in Puklitz (Tschechien) Julye Pokorny, geb. 01. Jänner 1847, Tochter des Jakob Pokorny und der Juditha Ornstein, beide verstorben, aus Puklitz. Heinrich war bei der Hochzeit 32 Jahre alt, Julye 31 Jahre, beide ledig.

Hochzeit Heinrich Goldschmied und Julye Pokorny, 17. Feburar 1878 in Puklitz, eingetragen in Iglau

Hochzeit Heinrich Goldschmied und Julye Pokorny, 17. Feburar 1878 in Puklitz, eingetragen in Iglau



Julye Goldschmidt, geb. Pokorny, starb am 28. April 1909 in Wien II, Rembrandtstraße 19, Heinrich Goldschmidt starb am 11. Juli 1914 in Wien IX, Müllnergasse 3. Julye und Heinrich sind am Zentralfriedhof Wien, Tor I gemeinsam begraben (Gruppe 051, Reihe 010, Grab 004).


Heinrich Goldschmidt und Julye Pokorny hatten den gemeinsamen Sohn

Wilhelm Goldschmidt, geb. 22. Juli 1880 in Brünn:

Geburt Wilhelm Goldschmidt, 22. Juli 1880 in Brünn

Geburt Wilhelm Goldschmidt, 22. Juli 1880 in Brünn



Wilhelm Goldschmidt, Buchhalter, geboren in Brünn, zuständig nach Wien, heiratet am 23. Juni 1907 im Stadttempel in der Seitenstettengasse 4 in Wien Elsa Herzog, geb. 24. März 1885 in Wien, zuständig nach Zombor, Ungarn, Tochter des Moriz Herzog, Kaufmannsgehilfe aus Großszombor in Ungarn, und der Netti Werner, wohnhaft Wien IX, Alserbachstraße 22.

Wilhelm Goldschmidt wurde in der Schoa ermordet (s.o.), seine Frau starb in Greater London 1968.

Wilhelm Goldschmidt und Elsa Herzog hatten den gemeinsamen Sohn

Heinrich Goldschmidt, geb. 16. Jänner 1922 in Wien II, Große Schiffgasse 22. Heinrich Goldschmidt konnte 1938 nach Palästina / Israel emigrieren und starb am 26. Elul 5765 = 30. September 2005. Er ist in Rishon Letsion, Israel, begraben. Auffällig, dass das Geburtsdatum am Grabstein mit 1921 angegeben wird, im Geburtsbuch (s.u.) aber 1922.
Vater Wilhelm wird in der Grabinschrift Se’ev genannt (entspricht Wilhelm), Mutter: Elsa.
Heinrich Goldschmidts Frau Chaia Goldschmidt starb 2010.

Geburt Heinrich Goldschmidt, 16. Jänner 1922 in Wien

Geburt Heinrich Goldschmidt, 16. Jänner 1922 in Wien


Thanks to Orit Lavi, Israel!

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Sprinzeles Regine, geb. Hirsch 26. Juli 1877 in Mattersdorf, ermordet in der Schoa

Anlässlich des Planes, einen Gedenkstein für Regine Sprinzeles in Wien zu errichten, erreichte uns eine Anfrage zur Verifizierung ihrer Geburtsdaten. Regine Sprinzeles wurde am 12. Mai 1942 mit dem Transport…

Anlässlich des Planes, einen Gedenkstein für Regine Sprinzeles in Wien zu errichten, erreichte uns eine Anfrage zur Verifizierung ihrer Geburtsdaten.

Regine Sprinzeles wurde am 12. Mai 1942 mit dem Transport 20 von Wien nach Izbica, Krasnystaw, Lublin in Polen deportiert und in der Schoa ermordet (Schoa-Opfer in der zentralen Datenbank von Yad Vashem).

Verzeichnet als Opfer ist Regine Sprinzeles auch in der Datenbank des Dokumentationszentrums des österreichischen Widerstands, wo angegeben wird, dass sie am 26. Juli 1877 in Mattersburg geboren wurde.

Aber beginnen wir bei ihrem Schwiegervater:

Auf dem jüdischen Friedhof von Mattersdorf/-burg befand sich auch das Grab von Albert (Naftali) Sprinzeles, gest. 15. April 1884. Von diesem Grab gibt es leider nur mehr das Foto (über die Gründe berichtet unser Artikel „Die verschollenen Grabsteine„), das wir schon 2010 online stellten.

Ehefrau von Abraham (Naftali) Sprinzeles, geb. in Nikolsburg: Lina Hirsch, geb. in Mattersdorf, geh. 26. Februar 1868 in Mattersdorf:

Matrikeneintrag Hochzeit Albert Sprinzeles und Lina Hirsch, 26. Februar 1868 in Mattersdorf

Matrikeneintrag Hochzeit Albert Sprinzeles und Lina Hirsch, 26. Februar 1868 in Mattersdorf


Das Ehepaar Abraham (Naftali) Sprinzeles und Lina Hirsch hatte drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter:

Katharina Sprinzeles, geb. 08. Juli 1876 in Mattersdorf, geh. 20. April 1898 in Mattersdorf Khos Hersch Kikes, geb. 29. September 1871 in Krystynopel (polnischer Name für Tscherwonohrad, heute Ukraine), Sohn des Mendel Kikes und der Dresel N. N.
Tochter von Katharina Sprinzeles und Kohs Hersch Kikes: Helene Kikes, geb. 16. Dezember 1899 in Wien.

Bernath Sprinzeles, geb. 28. Februar 1873 in Mattersdorf

Wir konzentrieren uns aber auf Sohn Heinrich (Abraham) Sprinzeles, dem Ehemann der angefragten Regine Hirsch, verh. Sprinzeles:

Heinrich (Abraham) Sprinzeles, Religionslehrer, geb. 27. Dezember 1868 in Mattersdorf, gest. 22. Jänner 1941 im Spital der Israelitischen Kultusgemeinde, Wien XVIII, Wohnadresse: Herminengasse 15, Beerdigungsdatum: 24. Jänner 1941. Die Beerdigung wurde von der IKG bezahlt:

Ehefrau von Heinrich (Abraham) Sprinzeles: Regina (Rifke) Hirsch, geb. 26. Juli 1877 in Mattersdorf, Tochter des Moritz Hirsch und der Rosi, geb. Hirsch:

Matrikeneintrag Geburt Regina Hirsch, 26. Juli 1877 in Mattersdorf

Matrikeneintrag Geburt Regina Hirsch, 26. Juli 1877 in Mattersdorf


Die Hochzeit von Heinrich (Abraham) Sprinzeles und Regina (Rifke) Hirsch fand am 20. Dezember 1905 in Mattersdorf statt:

Matrikeneintrag Hochzeit Heinrich Sprinzeles und Regina Hirsch, 20. Dezember 1905 in Mattersdorf

Matrikeneintrag Hochzeit Heinrich Sprinzeles und Regina Hirsch, 20. Dezember 1905 in Mattersdorf


Regine (Rifke) Sprinzeles, geb. Hirsch, wurde in der Schoa ermordet (s.o.)!


Heinrich (Abraham) Sprinzeles und Regine (Rifke) Hirsch hatten drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn:

Univ-Prof. Dr. Herta Sprinzeles, verh. Spencer-Laszlo, geb. 05. September 1910 in Wien. Emigration nach London, 1942 in die USA, eine der führenden Ernährungs- und Stoffwechsel-Pionierinnen der medizinischen Forschung. Herta Spencer-Laszlo starb 2007 in Riverdale, NY.
Über Herta Sprinzeles, verh. Spencer-Laszlo, mehr Informationen im Gedenkbuch für Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien. Ausführlich gewürdigt wird Herta Spencer-Laszlo als „Medical Pioneer in Human Metabolism and Nutrition“ auch im „Jewish Women’s Archive“ auf der Website des Jewish Welcome Service, dort allerdings mit falschem Geburtsdatum (1911 statt 1910).

Matrikeneintrag Geburt Herta Sprinzeles, 05. September 1910 in Wien

Matrikeneintrag Geburt Herta Sprinzeles, 05. September 1910 in Wien


Martha Sprinzeles, verh. Schon (Schön), geb. 02. August 1914 in Wien, Emigration nach London, geh. 1941 in London Leo Schon (Schön).
Mehr Informationen zu Martha Sprinzeles im Gedenkbuch für Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien.

Matrikeneintrag Geburt Martha Sprinzeles, 02. August 1914 in Wien

Matrikeneintrag Geburt Martha Sprinzeles, 02. August 1914 in Wien


Dr. Emil Sprinzeles, später Lehmann, Namensänderung am 30. Juni 1932 von Sprinzeles in Lehmann, geb. 06. August 1907 in Mattersdorf, geh. 04. Juni 1933 in Wien Marianne Färber, Tochter des Gustav Färber und der Gisella Manaberger. Die Ehe wurde am 09. Dezember 1940 geschieden. Emigration über London in die USA, gest. 1999.
Hier ein „Oral history interview with Dr. Emil Lehmann„, aufgenommen etwa 1979 (Audio, englisch/deutsch)!


Über die Kategorie „Cheder“


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Die entgegengesetzte Richtung

Den Dolch der mörderischen Ablehnung verstand auch Alfred Polgar zu handhaben, dem es die klebrigen Anbiederungsversuche des Stammgastes Weiß angetan hatten. Als er eines Nachmittags das Kaffeehaus verließ, folgte ihm…

Den Dolch der mörderischen Ablehnung verstand auch Alfred Polgar zu handhaben, dem es die klebrigen Anbiederungsversuche des Stammgastes Weiß angetan hatten. Als er eines Nachmittags das Kaffeehaus verließ, folgte ihm Weiß auf die Straße, gesellte sich devot an seine Seite und stellte ihm die scheinbar ausweglose Frage:

„In welche Richtung gehen Sie, Herr Polgar?“
er erhielt den prompten Bescheid:
In die entgegengesetzte.“

Torberg Friedrich, Gesammelte Werke, Band VIII. Die Tante Jolesch, München, 151988

In diesen Tagen, vor 85 Jahren, war für den „österreichischen Juden“ Alfred Polgar im nationalsozialistischen Deutschland kein Platz mehr. Anfang März 1933 floh er nach Prag. Am 10. Mai 1933 wurden seine Bücher verbrannt.

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