kosher Melange

Il blog del Museo Ebraico Austriaco - ISSN 2410-6380

Ernest Simon

Our deepest and sincere congratulations to Mr. Ernest Simon, a former resident of Eisenstadt, who was awarded the British Empire Medal (BEM) for services to Holocaust Education and Remembrance! Es…

Our deepest and sincere congratulations to Mr. Ernest Simon, a former resident of Eisenstadt, who was awarded the British Empire Medal (BEM) for services to Holocaust Education and Remembrance!

Es kommt nicht alle Tage vor, dass einem ehemaligen Eisenstädter eine solch große Ehre zuteil wird. Wir gratulieren aus ganzem Herzen zu dieser großen Auszeichnung!

Ernest Simon ist der Enkel von Max (Mordechai) Simon e Klara (Kröndel) Simon, geb. Steiner, die beide am jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben sind.



Ernst / Ernest Simon wurde am 26. Mai 1930 in Eisenstadt geboren.
Der Vater von Ernest Simon ist Ludwig Simon, kaufmännischer Angestellter, geb. 11. Juni 1901 in Kroatisch-Minihof, wohnhaft in Unterberg Eisenstadt. Die Mutter, Lina Farkas, wurde am 12. September 1903 geboren. Das Ehepaar erwarb die britische Staatsbürgerschaft. Vater Ludwig Simon starb 1955, Lina Simon 2002 (mit 99 Jahren) in Großbritannien.

Ernest Simon war 2014 am Europäischen Tag des Judentums in Eisenstadt und ich durfte mit ihm durch das ehemalige jüdische Viertel von Eisenstadt führen.

Hier noch ein Interview mit Ernest Simon in 2 Teilen vom 28. Mai 2010:

Video, Österreichische Mediathek, Teil 1, 28. Mai 2010

Video, Österreichische Mediathek, Teil 1, 28. Mai 2010

Interview, Teil 1

Video, Österreichische Mediathek, Teil 2, 28. Mai 2010

Video, Österreichische Mediathek, Teil 2, 28. Mai 2010

Interview, Teil 2

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Eröffnung Rudolf Gelbard-Bibliothek und Lesung „Cella oder die Überwinder“

Die IKG.KULTUR und das Österreichische Jüdische Museum laden im Rahmen des Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2019 herzlich ein zur Eröffnung der Rudolf Gelbard-Bibliothek und anschließend zur Lesung mit Katharina…

Die IKG.KULTUR und das Österreichische Jüdische Museum laden im Rahmen des
Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2019
herzlich ein zur

Eröffnung der
Rudolf Gelbard-Bibliothek

und anschließend zur

Lesung mit Katharina Stemberger

Franz Werfel,
Cella oder die Überwinder

Am Klavier: Eva Varhaníková


Wann: Sonntag, 08. September 2019, 15 Uhr

Wo: Österreichisches Jüdisches Museum


Prof. Rudolf Gelbard („The man on the Balcony“) wurde 1930 in Wien geboren und als Kind mit seinen jüdischen Eltern 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert. Als eines der wenigen Kinder überlebte er die Internierung in Theresienstadt und setzt sich seit seiner Befreiung als Mitglied der Sozialdemokratischen Freiheitskämpfer für die Aufklärung über die NS-Verbrechen ein. Neben seiner laufenden Tätigkeit in Schulen, auf Symposien und in Lehrveranstaltungen war er auch als Mitglied der Kulturkommission der Israelitischen Kultusgemeinde tätig.

Für seine Verdienste und seine aufklärerische Vortragstätigkeit wurde er von der Republik Österreich mit dem Berufstitel Professor und weiteren Auszeichnungen, darunter die Joseph-Samuel-Bloch-Medaille, geehrt. Seit 2008 wird vom Republikanischen Club ‒ Neues Österreich der „Rudolf Gelbard Preis für Aufklärung gegen Faschismus und Antisemitismus“ vergeben. Gelbard selbst war der erste Preisträger dieser Auszeichnung.

Prof. Rudolf Gelbard starb am 24. Oktober 2018 in Wien. Für das Österreichische Jüdische Museum in Eisenstadt ist es eine große Ehre, die Privatbibliothek von Prof. Gelbard in seinen Räumlichkeiten präsentieren zu dürfen.


Franz Werfels Romanfragment „Cella oder Die Überwinder“ entstand in den Jahren 1938/39, am Beginn des werfelschen Exils (er starb 1945 in Beverly Hills).
Werfels Roman, der zahlreiche historische und zeitgeschichtliche Bezüge zum burgenländischen Judentum herstellt bzw. in freier Form verarbeitet, erzählt die Geschichte des jüdischen Eisenstädter Rechtsanwalts Bodenheim und seiner Familie in den Wirren des Jahres 1938 ‒ in Summe: ein „jüdischer Heimatroman“ (N. Abels) als Geschichte des Heimat-Verlustes:

Das Land, aus dem wir vertrieben wurden, heißt das Burgenland, die Hauptstadt dieses Landes, in der wir lebten, heißt Eisenstadt. Diese Hauptstadt ist nur ein lächerliches Landstädtchen, eine Stunde von Wien entfernt. Niemand in der weiten Welt kennt auch nur den Namen. Wenn jetzt in der Fremde dieser Name unter uns fällt, dann zucken wir die Achseln und sagen: Drecksnest. Wer diese Heimat verloren hat, der hat nicht viel verloren. Trotzdem geschieht es bis zum heutigen Tage oft, dass ich vom Burgenland und von Eisenstadt träume…

Franz Werfel: Cella oder Die Überwinder. Versuch eines Romans. [Gesammelte Werke in Einzelbänden.] Frankfurt a.M. 1997, S. 271/Vorkapitel


Eine Veranstaltung der IKG.KULTUR und des Österreichischen Jüdischen Museums.

Die Lesung mit Katharina Stemberger ist eine Veranstaltung im Rahmen einer Veranstaltungsserie der IKG-KULTUR und der Bruno Walter Musiktage in der Slowakei und Österreich zum Europäischen Tag der jüdischen Kultur 2019.

Download Gesamtprogramm des Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2019 IKG-KULTUR und Bruno Walter Musiktage (edjc2019.pdf, 412KB)


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Kafka und das Judentum

Das Österreichische Jüdische Museum lädt im Rahmen des Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2019 herzlich ein zur Lesung “ … etwas zähes Judentum ist noch in mir, nur hilft es…

Das Österreichische Jüdische Museum lädt im Rahmen des
Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2019
herzlich ein zur

Lesung
“ … etwas zähes Judentum ist noch in mir, nur hilft es meistens auf der Gegenseite.“

Einführende Worte: Alfred Schmidt
Lesung: Charlotte Aigner


Wann: Sonntag, 01. September 2019, 10.30-11.30 Uhr

Wo: Österreichisches Jüdisches Museum


Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, im Judentum einen der bestimmenden Bezugspunkte in Franz Kafkas Schreiben ‒ und Leben ‒ zu sehen. Für Walter Benjamin waren die jüdisch-kabbalistische Tradition einerseits, die Erfahrung des entfremdeten modernen Großstadtmenschen andererseits, die beiden weit von einander entfernten Brennpunkte, um die Kafkas Schreiben sich bewegt. Doch war jenes „zähe Judentum“, das er selbst noch in sich spürte, ein vielfach gebrochenes. Denn schon für die Vätergeneration, Angehörige des zu Wohlstand gelangten deutschsprachigen Prager Bürgertums, war die eigene Tradition bereits zu einem äußerlichen Festhalten an sinnentleerten, mitunter bis zu grotesken Komik sich steigernden religiösen Gebräuchen verkommen. ‒ Kafkas persönliches Ringen um ein erneuertes, authentisches Verhältnis zum Judentum äußert sich in vielen biographischen Details, wie etwa seinem wachen Interesse an der zionistischen Bewegung. Viel schwieriger ist es allerdings den Einfluss des Judentums auf Kafkas literarisches Schaffen zu bestimmen, wo das Thema kaum ja explizit auftaucht, und doch in so vielen Texten ungreifbar gegenwärtig zu sein scheint.

Die Lesung versucht sowohl den biographischen als auch den literarischen Zeugnissen von Kafkas vielschichtigem Verhältnis zum Judentum nachzugehen.


Eine Kooperationsveranstaltung mit der Österreichischen Franz Kafka Gesellschaft.

Logo Franz Kafka Gesellschaft

Logo Franz Kafka Gesellschaft



Download Gesamtprogramm des Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2019 im Burgenland (programm2019.pdf, 2.34MB)

EDJCPoster2019

EDJCPoster2019



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Aiuto! Non posso ebraico, ...

…aber ich brauche hebräische Quellen für meine genealogischen Forschungen. English version Einleitung Symbole Einleitungsformel Name, Segenswünsche, Akrostychon Eulogie Sterbedatum Schlusseulogie Downloads Der Artikel ist die deutschsprachige Version meines bei der…

…aber ich brauche hebräische Quellen für meine genealogischen Forschungen.

English version


Der Artikel ist die deutschsprachige Version meines bei der 39. Internationalen Konferenz zur Jüdischen Geneaolgie in Cleveland, Ohio, am 02. August 2019 in Englisch gehaltenen Vortrages. Er wird bis auf die einleitende Vorstellung meiner Person hier ungekürzt wiedergegeben.

Lesen Sie auch meinen ersten Vortrag vom 31. Juli 2019 „Quello che dovremmo imparare ...„.

Auch ohne (gründliche) Hebräischkenntnisse ist es meist möglich, die wichtigsten biografischen Informationen aus hebräischen Quellen herauszulesen.

Ich danke sehr herzlich für die Einladung und dass ich die Gelegenheit habe, hier zu sprechen.

Vorweg: Sie müssen nicht mitschreiben oder die Sorge haben, etwas zu überhören. Sie bekommen am Schluss der Präsentation einen Link, wo Sie die gesamte Präsentation inklusive aller Beispiele sowie alle Tools downloaden können!

Eisenstadt war das Zentrum der sogenannten „Sieben-Gemeinden“, hebr. „Scheva Kehillot“, also sieben heiliger jüdischer Gemeinden auf ehemals westungarischem, heute burgenländischem Gebiet. Das Burgenland ist seit 1921 das östlichste Bundesland Österreichs, an der Grenze zu Ungarn. Die Gemeinden wurden Ende des 17. Jahrhunderts besiedelt, 1938 bedeutete das endgültige Aus jeder jüdischen Ansiedlung, im Burgenland gibt es heute keine jüdischen Gemeinden mehr, nur mehr ein Dutzend Juden. Auf den 14 jüdischen Friedhöfen des Burgenlandes befinden sich etwa 8.000 Grabsteine mit fast ausschließlich hebräischen Grabinschriften. Es existieren im Burgenland keine Lagepläne von Friedhöfen. Es ist notwendig, jeden einzelnen Grabstein vor Ort zu besuchen.

Eisenstadt ist in der Region der einzige Ort, in dem wir heute zwei große jüdische Friedhöfe finden. Der mit Abstand bedeutendste jüdische Friedhof in den ehemaligen „Sieben-Gemeinden“ ist der ältere jüdische Friedhof in Eisenstadt. Der älteste Grabstein ist aus dem Jahr 1679 und der Friedhof wurde bis Sommer 1875 belegt. Der im Herbst 1875 angelegte jüngere jüdische Friedhof war der „Nachfolge-Friedhof“ des älteren und wurde bis 1938 belegt, in wenigen Einzelfällen kam es auch noch zu Begräbnissen nach 1945.

Der ältere jüdische Friedhof von Eisenstadt, der zweifelsohne zu den weltweit bedeutendsten jüdischen Friedhöfen gehört (gemessen am Alter, an der Anzahl der Grabsteine und an den vielen großen jüdischen Gelehrten, die da begraben sind), hat 1085 Grabsteine mit ausschließlich hebräischen Inschriften! Wir finden keinen einzigen nicht-hebräischen Buchstaben auf dem Friedhof.

Der jüngere jüdische Friedhof hat knapp 300 Grabsteine und wir finden außer auf einigen wenigen nach 1945 aufgestellten Grabsteinen ebenfalls ausschließlich hebräische Grabinschriften, allerdings gelegentlich bereits auch mit deutschen oder ungarischen Zusätzen mit Name und Sterbedatum.

Beide jüdischen Friedhöfe habe ich vollständig dokumentiert, digitalisiert und im Blog des Österreichischen Jüdischen Museums online gestellt. Abgerufen werden können: Das Foto jedes Grabsteins, der Lageplan, die Grabinschrift zeilengerecht transkribiert, die Übersetzung, Kommentare zur hebräischen Inschrift, genealogische Daten und Links zu den ebenfalls auf den beiden Friedhöfen begrabenen Verwandten. Für Menschen, besonders Nachkommen, die ihre Verwandten und Vorfahren suchen, gibt es auf jedem Grab auf beiden Friedhöfen einen QR-Code, der zur URL des Grabsteins mit Foto, Inschrift, Links zu den Verwandten sowie Lageplan führt. Ich darf sagen ‒ ein Service, das weltweit einzigartig ist.

Die meisten Beispiele heute kommen auch von einem der beiden jüdischen Friedhöfe in Eisenstadt. Daher auch die etwas ausführlichere Einleitung.

Der Titel meiner Präsentation ist:

Hilfe! Ich kann nicht Hebräisch, aber ich brauche hebräische Quellen für meine genealogischen Forschungen.

Für Genealogen ist grundsätzlich der Grabstein eine essentielle und primäre Forschungsquelle. Selbstverständlich auch der jüdische Grabstein. Umso mehr gilt das für den jüdischen Grabstein mit hebräischer Inschrift! Auch in meiner heutigen Präsentation liegt der Schwerpunkt auf hebräischen Grabinschriften.

In den genealogischen Portalen, allen voran dem Jewish Genealogy Portal auf Facebook, gehört zu den häufigst gestellten Fragen, was in einer hebräischen Grabinschrift steht. Allem voran gilt das Interesse fast ausschließlich immer dem Namen und dem Sterbedatum, eventuell noch, ob der Vater oder die Mutter des Verstorbenen angegeben sind.

In meiner ersten Präsentation am Mittwoch ging es mir darum aufzuzeigen, dass wir in hebräischen Grabinschriften aber viel mehr biografische Informationen finden als nur Name und Sterbedatum, Informationen, die wir in anderen Quellen oft nicht finden. Heute geht es uns aber darum, die allerwichtigsten Daten in hebräischen Inschriften zu erkennen und lesen zu können, selbst wenn wir nicht Hebräisch können.

Aber warum ist das überhaupt notwendig?, werden Sie vielleicht einwenden. Sie können den Grabstein bzw. die Inschrift fotografieren und bekommen in den genealogischen Portalen meist sehr schnell eine Antwort… Und ich behaupte: vielleicht ja, aber wenn 10 Antworten gegeben werden, die sich unterscheiden (was bekanntlich oft vorkommt), wie wissen Sie welche Antwort richtig ist?

Viel wichtiger aber noch scheint mit der in der Praxis oft vorkommende Fall zu sein, dass Sie den bürgerlichen Namen kennen und auf einem jüdischen Friedhof mit hebräischen Grabinschriften praktisch keine Chance haben, das „richtige“ Grab zu finden, wenn Sie nicht imstande sind, zumindest das Sterbedatum korrekt zu lesen, das in hebräischen Inschriften immer mit hebräischen Buchstaben angegeben wird!

Außerdem führt die Lösung bei der genealogischen Forschung sehr oft über den hebräischen Namen, der zwar manchmal auch in den Geburtsmatriken vermerkt ist, immer aber in der hebräischen Grabinschrift.

Wenn wir über die Grabsteine und hebräischen Inschriften der beiden jüdischen Friedhöfe von Eisenstadt sprechen, sprechen wir über Grabsteine, deren hebräische Inschriften oft 40 Zeilen (!) und mehr umfassen:

Ich zeige Ihnen diese beiden Inschriften, um Ihnen Mut zu machen. Denn in einer halben Stunde sind Sie imstande, selbst in so langen und komplizierten hebräischen Grabinschriften einige der allerwichtigsten biografischen Daten zu finden und zu lesen! Ich habe absichtlich zwei Beispiele von Inschriften für jüdische Frauen ausgewählt, Resl Theben, gestorben 21. April 1755 und Malka Austerlitz, gestorben 04. April 1743! Auf die Inschrift von Resl Theben kommen wir heute später noch mehrmals zurück.

Die hebräische Grabinschrift folgt einem Formular! Sie hat in etwa 95% aller Fälle die gleiche oder eine sehr ähnliche Struktur, ganz egal, ob die Inschrift 5 Zeilen oder 50 Zeilen lang ist!

Mit anderen Worten: Sehen wir uns hebräische Inschriften von oben nach unten an, stellen wir fest, dass sie in den überwiegenden Fällen immer gleich aufgebaut sind.

Symbole

Bevor die eigentliche hebräische Inschrift beginnt, finden wir häufig ein Symbol, das aber in sehr vielen Fällen bereits eine erste wichtige genealogische Information sein kann.

Zunächst gibt es allen bekannte Berufssymbole wie ein Musikinstrument für einen Musiker, Kantor, Sänger, das Beschneidungsmesser für den Mohel usw. oder die eher allgemeinen Symbole für Sterben, Trauer und Tod wie etwa die biblische Träneneiche, den abgeknickten Baum für den frühen Tod, den Stern, der Hoffnung und Zuversicht symbolisiert, die Hauszeichen in größeren Städten für die vornehmeren Familien, Namenssymbole wie der Löwe, der Bär, das Lamm usw. oder letztlich auch die häufig zu findende Menora, den siebenarmigen Leuchter oder den Magen David, den Davidsstern. Auch wenn viele dieser Symbole genealogische Relevanz haben, lassen wir diese heute außen vor, weil sie großteils selbsterklärend sind, und widmen uns nur den genuin jüdischen Symbolen, also jenen 3 Symbolen, die tief in der jüdischen und rabbinischen Tradition verwurzelt sind:

Der Krug, oft auch Krug und Becken, ist ein Abstammungssymbol und das Symbol für Leviten und findet sich vor allem auf Grabsteinen, ganz selten nur, wie etwa in der Judengasse von Frankfurt am Main in Deutschland oder bei uns in Eisenstadt auch auf jüdischen Häusern. Angezeigt wird mit diesem Symbol, dass der Begrabene aus einer Levitenfamilie stammt. Häufig ist der Name oder der Namenszusatz dann auch לוי \ הלויLevi“ oder „Ha-Levi“ („der Levite“) oder סג“ל „SEGA’L“, was eine hebräische Abkürzung ist und „sgan levija“ „Vertreter der Leviten“ bedeutet.

In unserem Beispiel: Wilhelm (Wolf ben Salman ha-Levi) Austerlitz, gestoben 1868 und Moritz Austerlitz, gestorben 1900, beide begraben am älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt.

Ebenfalls ein Abstammungssymbol sind die segnenden Hände mit der charakteristischen Fingerhaltung: Daumen und Zeigefinger berühren sich, Ring- und kleiner Finger sind abgespreizt.

Das Symbol findet sich bei Angehörigen des Priestergeschlechts (Beispiel: Samuel Cohen, gestorben 1791) oft mit dem Namen oder Beinamen כהן Kohen, Kohn oder Ka’tz. כ“ץ „Ka’tz“ ist eine Abkürzung für „Kohen Zedek“ „gerechter Priester“ wie bei Rabbiner Karl Klein (gestorben 1930), hebräisch: Chaim Akiba Ka’tz, Zeile 6.

Der Vollständigkeit halber sei noch das dritte genuin jüdische Symbol genannt, das kein Abstammungssymbol ist und auch keine genealogische Relevanz hat: die Krone (Hindel Spitzer, gestorben 07. Juli 1864):

Grabstein / gravestone Hindel Spitzer, 07/07/1864

Grabstein / gravestone Hindel Spitzer, 07/07/1864, älterer jüdischer Friedhof / older Jewish cemetery in Eisenstadt



Obwohl immer wieder behauptet wird, dass das Symbol der Krone wirtschaftliche Besserstellung anzeigt, ist das schlichtweg falsch. Denn in Pirke Avot, in den „Sprüchen der Väter“ lesen wir:

Drei Kronen gibt es: Die Krone der Tora, die Krone der Priesterwürde und die Krone des Königtums; die Krone des guten Namens aber übertrifft sie alle.

Das Symbol der Krone ist in den meisten Fällen das Symbol für den „guten Namen“, den „guten Ruf“ der oder des Verstorbenen! Meist finden wir in der Inschrift noch: נפטר בשם טוב „Sie / er starb mit gutem Ruf“. Mit wirtschaftlicher Besserstellung hat die Krone jedenfalls nichts zu tun.

Und dass ich nicht vergesse: Hebräisch lesen wir von rechts nach links und es gibt als Buchstaben nur Konsonanten, keine Vokale!

Einleitungsformel

Sehr weit oben in der Inschrift, meist nach dem Symbol (wenn eines vorhanden ist), findet sich die sogenannte Einleitungsformel, die fast immer aus 2 Buchstaben mit Abkürzungsstrichen zwischen den beiden Buchstaben besteht: qui si trova P“N „po nitman“ und bei Frauen „po nitmenet“, oder PT P“T „po tamun“ und bei Frauen „po tmuna“, „hier ist begraben“, „hier ist geborgen“. Nur sehr selten finden wir diese Einleitungsformel ausgeschrieben! Grundsätzlich gibt es keinen Unterschied in der Bedeutung zwischen P“N“ und P“T, aber am älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt habe ich 2015 eine Entdeckung gemacht, die ich von anderen jüdischen Friedhöfen, zumindest in dieser Klarheit, noch nicht kannte: dass P“N fast ausschließlich für Männer, P“T für Frauen verwendet wurde. Es müsste aussagekräftige Statistiken zum Thema geben, damit bereits die Einleitungsformel eindeutige genealogische Relevanz bekommen könnte, also dass wir, zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit, gleich wissen, ob hier eine Frau oder ein Mann begraben ist.

Am berühmtesten Grab des älteren jüdischen Friedhofes in Eisenstadt, am Grab des ersten Rabbiners der Gemeinde, Meir Eisenstadt, gestorben 1744, finden wir die Einleitungsformel zum Beispiel ausgeschrieben פה נטמן „po nitman“, „Hier ist begraben“:

Grabstein / gravestone R. Meir Eisenstadt, 07/06/1744

Grabstein / gravestone R. Meir Eisenstadt, 07/06/1744, älterer jüdischer Friedhof / older Jewish cemetery in Eisenstadt



Auf tausenden Grabsteinen im italienischen Raum finden wir eine etwas andere Einleitungsformel, auch eine Abkürzung mit zwei Buchstaben, aber פ“ש P“SCH, oder ausgeschrieben: פה שוכב „po schochev“, „Hier ruht“:

Und damit kommen wir zum sicher wichtigsten Element der hebräischen Grabinschrift:

Der Name

Grundsätzlich: In hebräischen Grabinschriften ist immer und ausschließlich der hebräische Name (oder Synagogalname) angegeben, und zwar sowohl von Frauen als auch von Männern. Es wird nie der bürgerliche Name angegeben. In jüngeren Inschriften finden wir den bürgerlichen Namen gelegentlich als Zusatz in deutscher oder ungarischer Sprache, aber eben nie in der hebräischen Inschrift (Beispiele: Antonia (Taube) Hirsch, 04. Oktober 1936, jüdischer Friedhof Mattersburg, und Charlotte (Schwarzl) Spitzer, 05. Juni 1914, jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt):

Wir finden also in der hebräischen Inschrift nie „Charlotte“, sondern etwa „Schwarzl“, nie „Antonia“, sondern etwa „Taube“ und nie „Armin“, sondern z.B. „Mordechai Zvi“.

Der Name eines Mannes setzt sich praktisch immer zusammen aus seinem Vornamen und dem Namen seines Vaters, z.B. דוד בן\בר יעקב „David ben/bar Jakob“, David, der Sohn von Jakob (siehe David Stroh, gestorben 11. März 1905, begraben am jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt):

Grabstein / gravestone David Stroh, 11/03/1905

Grabstein / gravestone David Stroh, 11/03/1905, jüngerer jüdischer Friedhof / younger Jewish cemetery in Eisenstadt



Der Name einer Frau setzt sich zusammen aus ihrem Vornamen und dem Namen ihres Vaters, bei verheirateten Frauen wird in der Neuzeit ergänzt oder ersetzt durch den Namen des Ehemanns, z.B. רבקה בת משה אשת שמואל „Rivka bat Mosche, eschet Schmu’el, Rebekka, Tochter des Mose, Ehefrau des Samuel“, oder eben auch, wie im Bildbeispiel אלמנת כה’ נתן הירש „almanat Natan Hirsch“, Witwe des Natan Hirsch (Zeile 4):

Grabstein / gravestone Antonia (Taube) Hirsch, 04/10/1936

Grabstein / gravestone Antonia (Taube) Hirsch, 04/10/1936, jüdischer Friedhof / Jewish cemetery in Mattersburg



Der Name „Taube“ ist natürlich nicht biblisch. Da Frauen nicht so wie die Männer in der Synagoge aufgerufen wurden (bei Frauen sprechen wir daher nur von hebräischem, nicht aber vom synagogalen Namen!), musste eine Frau auch keinen religiösen Namen haben. Selbstverständlich finden wir aber auch bei Frauen biblische Namen, vor allem die der vier Erzmütter Sara, Rivka (Rebekka), Rachel und Lea.

Die hebräischen Wörter, die wir dazu benötigen, sind einfach: בן „ben“ für Sohn und בת „bat“ für Tochter. אשת „eschet“ heißt „Ehefrau von“ und אלמנת „almanat“ heißt „Witwe von“. Also „Rebekka, Tochter des Mose“, heißt Hebräisch: רבקה בת משה „Rivka bat Mose“ und „Sara, die Ehefrau von Abraham“ heißt auf Hebräisch: שרה אשת אברהם „Sara eschet Avraham“ und „Kressel, die Witwe von Mose“ heißt קרעסל אלמנת משה „Kressel almanat Mose“.

Grabinschrift Katharina (Kressel) Breuer, gestorben 25. Oktober 1897: קרעסל אלמנת … משה אל“ ברייער … בת … מרדכי שלעזינגער „Kressel, almanat … Mose Eli(jahu) Breuer …, bat … Mordechai Schlesinger“, „Kressel, Witwe des Mose Elias Breuer, Tochter des Mordechai Schlesinger“.

In der Inschrift von Charlotte Spitzer lesen wir: שווארצל … אשת … ליב שפיטצער הלוי „Schwarzl, eschet Löb Spitzer ha-Levi“, „Schwarzl, Ehefrau des Löb Spitzer Halevi“. Wir sehen also am Namenszusatz, dass er dem Levitenstamm angehört! Und auch „Schwarzl“, der hebräische Name von Frau Spitzer, ist natürlich nicht biblisch.

Der Grabstein von Charlotte Spitzer ist aber auch deshalb besonders interessant, weil wir einen Zusatz in deutscher Sprache haben, auf dem ihr Sterbealter (67 Jahre) und sowohl Geburts- als auch Sterbedatum vermerkt sind! Aber in der deutschen Inschrift ist ihr Ehemann nicht vermerkt, diese zweifelsohne bedeutende genealogische Information finden wir nur in der hebräischen Inschrift!

Für Genealogen wichtig ist es zu wissen, dass grundsätzlich ‒ bis heute ‒ der Brauch bei aschkenasischen Juden gilt, das Kind nach einem verstorbenen Verwandten zu nennen. Dann sollte es aber auch der Name eines Verstorbenen sein, der nicht in jungen Jahren oder eines unnatürlichen Todes starb. Ein Brauch, der den Namen und die Erinnerung lebendig halten soll. Zudem ist es für den Verstorbenen eine große Ehre, denn die Seele kann durch die guten Taten, die der Namensvetter vollbringt, eine höhere Stufe erreichen.

Darauf können wir uns im Normalfall auch wirklich verlassen. Nur sehr selten finden wir in Inschriften etwa „Issachar bar Issachar“ oder „Mosche ben Mosche“, also dass der Sohn genauso wie der Vater heißt. Das könnte darauf hindeuten, dass der Vater kurz vor der Geburt des Sohnes starb!

Sefardische Juden wiederum geben ihren Kindern den Namen eines noch lebenden Verwandten. Sie halten sich dabei an den Talmud, der von einem Kind berichtet, das nach Rabbi Natan genannt wurde, als dieser noch lebte (babylonischer Talmud, Traktat Schabbat 134a).

Wie aber finden Sie nun, wenn Sie nicht oder kaum Hebräisch können, den Namen in einer hebräischen Inschrift? Ich sehe vor allem drei Möglichkeiten:

  • Der Name ist größer als der Rest der Inschrift geschrieben, das sehen wir sehr schön in der Inschrift von Charlotte Schwarzl Spitzer (Zeile 5). Mit anderen Worten: Sie benötigen eine Liste mit den hebräischen Buchstaben und können im Regelfall den Namen problemlos lesen. Alle Buchstaben mit ihren Zahlenwerten finden Sie selbstverständlich in der zum Download bereitgestellten pdf-Datei: Alefbet (hebräische Buchstaben), Zahlenwerte, Namensbeispiele (pdf, 87KB).

  • Der Segenswunsch nach dem Namen: „Wie das Amen im Gebet“ folgt hinter dem Namen eines Verstorbenen / einer Verstorbenen der Segenswunsch עליו \ עליה השלום, „auf ihm/ihr sei Friede“, נוחו עדן „seine Wonne / Ruhe möge im Garten Eden sein“ oder ז“ל „sein / ihr Andenken möge bewahrt werden“, bei besonders Gelehrten זצ“ל „das Andenken des Gerechten möge bewahrt werden“ o.ä.

    Auch in der Inschrift von Charlotte Spitzer finden wir nach dem Namen den Segenswunsch עליה השלום „auf ihr sei Friede“, nach dem Namen ihres Ehemanns: עליו השלום „auf ihm sei Friede“.

    Noch ein Beispiel, der Grabstein von Johanna (Lea Chana) Janowitz, gestorben 1902, begraben am jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt:

    Grabstein / gravestone Johanna (Lea Chana) Janowitz, 05/09/1902

    Grabstein / gravestone Johanna (Lea Chana) Janowitz, 05/09/1902, jüngerer jüdischer Friedhof / younger Jewish cemetery in Eisenstadt



    Hier finden wir sowohl den Namen der Verstorbenen „Lea Chana Janowitz“ (Zeile 4 und 5), als auch den Namen ihres Ehemanns „Jakob Janowitz“ (Zeile 7) größer geschrieben und Sie finden nach den beiden Namen jeweils zwei verschiedene Segenswünsche: נ“ע „Ihre Wonne / Ruhe möge im Garten Eden sein“ nach ihrem Namen, und ז“ל „sein Andenken möge bewahrt werden“ nach seinem Namen.

    Auch hier gilt für die Praxis: Halten Sie Ausschau nach den Segenwünschen, es sind in der Regel nur zwei bis drei, die am häufigsten vorkommen und Sie können mit Sicherheit davon ausgehen, dass davor der Name steht! Die wichtigsten Segenswünsche finden Sie in der zum Download bereitgestellten pdf-Datei: phrasenDeutsch.pdf (99KB).


  • Neben dem größer geschriebenen Buchstaben und dem Segenswunsch nach dem Namen gibt es sehr oft noch eine dritte Möglichkeit, den Namen in einer hebräischen Inschrift zu erkennen: das sogenannte Akrostychon!

    Einleitungsformel, Name und Sterbedatum sind in einer Inschrift oft ergänzt durch einen oft auffällig langen Teil, den wir Eulogie nennen, also Lob oder Lobrede. Auf die Eulogie werde ich gleich noch genauer eingehen, im Moment reicht es zu wissen, dass wir in diesem Abschnitt oft die ersten Buchstaben mancher Zeilen oder auch aller Zeilen größer geschrieben sehen oder auch einfach besonders markiert, also etwa mit Punkten über den Buchstaben.

    Bleiben wir bei unserem Beispiel des Grabsteins der Charlotte Schwarzl Spitzer:

    Grabstein / gravestone Charlotte (Schwarzl) Spitzer, 05/06/1914

    Grabstein / gravestone Charlotte (Schwarzl) Spitzer, 05/06/1914, jüngerer jüdischer Friedhof / younger Jewish cemetery in Eisenstadt



    Hier sehen Sie die Anfangsbuchstaben aller Zeilen der Eulogie deutlich größer geschrieben. Lesen wir nun diese Buchstaben von oben nach unten, ergeben sie den hebräischen Vornamen der Verstorbenen: שווארצל „Schwarzl“! Das nennt man Akrostychon.

    Ähnlich bei unserem anderen Beispiel, dem Grabstein von Johanna Janowitz:

    Grabstein / gravestone Johanna (Lea Chana) Janowitz, 05/09/1902

    Grabstein / gravestone Johanna (Lea Chana) Janowitz, 05/09/1902, jüngerer jüdischer Friedhof / younger Jewish cemetery in Eisenstadt



    Hier sehen Sie sowohl größer geschriebene Anfangsbuchstaben in den ersten 3 Zeilen von oben nach unten als auch in Zeile 4 der Eulogie. Zusätzlich finden sich über allen größer geschriebenen Buchstaben auch Punkte. Also sehen wir zweimal den Vornamen לאה Lea und einmal den zweiten Vornamen חנה Chana, ein Akrostychon senkrecht und zwei Akrostycha waagrecht.

    Grabstein / gravestone Chaja Schlesinger, 18/03/1777

    Grabstein / gravestone Chaja Schlesinger, 18/03/1777, älterer jüdischer Friedhof / older Jewish cemetery in Eisenstadt



    Dieser Grabstein gehört Chaja Schlesinger, die 1777 verstarb und am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben ist.

    Wenn Sie vor einem solchen Grabstein stehen, dessen Inschrift schwer oder zum Teil sogar gar nicht mehr lesbar ist, haben Sie, aber auch ich, auf den ersten Blick wenig Chancen, Name und Sterbedatum zu finden. Die fraglichen Daten finden sich in den ersten Zeilen im Rundbogen und sind kaum mehr zu lesen. Aber wir sehen ‒ mit mittlerweile geschultem Auge ‒ das Akrostychon, das zudem noch ganz gut lesbar ist und uns den Namen verrät: חיה יפה „Chaja Jafe“. Sie war übrigens Haushälterin und ihr 6 Jahre früher verstorbener Mann Isak Buchhalter bei seinem Vater, der niemand geringerer war als Marx Schlesinger (Mordechai ben Moses Margulies). Dieser hatte schon im Wiener Ghetto eine geachtete Stellung eingenommen und war 1683 von polnischen Soldaten ermordet worden. Angemerkt sei noch, dass das hebräische Wort „Jafe“ auf Deutsch „schön“ bedeutet und spätere Familienangehörige in den Matrikenbüchern unter „Schön“ zu finden sind.

Apropos Matrikenbücher, insbesondere Geburtsbücher:

Den hebräischen Namen finden wir nicht nur in hebräischen Grabinschriften, sondern sehr häufig auch in Geburtsbüchern.

Geburtsbuch / birth book Deutschkreutz 1887

Geburtsbuch / birth book Deutschkreutz 1887



(Die hebräischen Vornamen von oben nach unten: Mose, Chana, Mose, Chajim Zvi, Bella/Bila, Sanwel, Berl, Mirjam, Sanwel, Josef)

Da der hebräische Name für die genealogische Forschung oft das Zünglein an der Waage sein kann, möchte ich dafür plädieren, dass bei der Indizierung von Geburtsbüchern auch der hebräische Name indiziert wird! Das wäre besonders dann eine große Hilfe, wenn wir zum Beispiel ein bestimmtes Grab auf einem jüdischen Friedhof mit hebräischen Inschriften suchen.

Zurück zu den Grabinschriften und zum Namen:

Der Name wird meist eingeleitet durch die Angabe des Status des oder der Verstorbenen: „Das Kind“, „der Knabe“, „das Mädchen“, „der Junggeselle“, „die junge Frau“, „die Witwe“, „der Greis“ usw. Fast ausschließlich bei Männern kommt zusätzlich noch ein Titel, der vor allem die Funktion innerhalb der Gemeinde beschreibt: der sehr verehrte Herr, der Toragelehrte, der Erhabene, der MORENU = unser Lehrer und Meister usw.

Besondere Vorsicht ist geboten bei den Wörtern הבחור „ha-bachur“, „der Junggeselle“, „der unverheiratete Mann“. Als „Bachur“ kann aber auch ein 60jähriger Mann bezeichnet werden, der nicht verheiratet war! „Bachur“ alleine ist also zunächst eine Status-Bezeichnung und keine Altersangabe! Hingegen ist הבחור החשוב wörtlich „der bedeutende Junggeselle“ immer ein junger unverheirateter Mann! Im Volksmund heißt es „chaschuv bachurl“ und bezeichnet schlechthin einen gelehrten Jüngling!

Ähnlich bei unverheirateten Frauen: הבתולה „ha-betula“ ist die unverheiratete Frau, egal welchen Alters sie ist! Hingegen meint das hebräische Wort העלמה „ha-alma“ immer eine wirklich junge (unverheiratete) Frau!

In meiner Präsentation werde ich aus Zeitgründen jetzt nicht näher auf diese Statusangaben eingehen, Sie finden aber genügend oft vorkommende Beispiele in der zum Download bereitgestellten pdf-Datei: phrasenDeutsch.pdf (99KB).



Noch einmal der beeindruckende Grabstein von Resl Theben-Nassau, gestorben 1755, begraben in Mattersdorf / Mattersburg:

Grabstein / gravestone Resl Theben, 21/04/1755

Grabstein / gravestone Resl Theben, 21/04/1755, Jüdischer Friedhof / Jewish cemetery in Mattersburg



Bevor ich zum nächsten Thema komme, bitte beachten Sie auch die faszinierende Inschrift, die zu den eindrucksvollsten hebräischen Inschriften zählt ‒ und sie gehört einer Frau! Und in der Inschrift vor allem das auffällig lange und ausführliche Akrostychon, das absolut alle Zeilen, immerhin 26 (!), der Eulogie umfasst:

Rechte Spalte: הרבנית מרת ריזל זל Die Rabbinersgattin, Frau Resl, ihr Andenken möge bewahrt werden,

linke Spalte: בת הרר וואלף זל נס Tochter des Herrn und Meisters Wolf, sein Andenken möge bewahrt werden, Nassau


Die Eulogie

Ich habe die Eulogie vorhin erwähnt, die Lobrede auf die Verstorbene / den Verstorbenen. Sie ist in unserem Inschriften-„Formular“ sozusagen der nächste, oft größte Teil der Inschrift. Allerdings gehören auch häufig anzufindende Attribute vor dem Namen wie „der gerechte Mann“, „die bescheidene Frau“, „der große Gelehrte“ und Statusangaben streng genommen bereits zur Eulogie.

Sie wurde in meinem ersten Vortrag schwerpunktmäßig behandelt, weil wir in der Eulogie sehr häufig biografische und für Genealogen ausgesprochen wichtige Informationen finden, die die alltägliche genealogische Arbeit enorm erleichtern können oder eine effiziente Arbeit sogar erst möglich machen.

Die Eulogie, die das Ziel hat, den Verstorbenen in den Mittelpunkt zu rücken, ist nie eine 1:1-Abbildung des realen Lebens, schon gar nicht eine exakte Abbildung des bürgerlichen Lebens, und will auch nicht primär biografische Daten überliefern. Sie ist eine quasi idealtypische Schilderung des Lebenswandels und wird daher von Genealogen meist in ihrer Bedeutung unterschätzt.

Denn durch die Tatsache, dass der Lebenswandel zunehmend immer detailreicher beschrieben und erzählt wird, geraten wir unmittelbar in das Spannungsfeld zwischen hebräischer Grabinschrift und Matrikeneinträgen in deutscher oder ungarischer Sprache. Die „hohe Kunst“, wenn ich so sagen darf, besteht eben darin, die biografisch relevanten Informationen in den stereotyp und zitatenreich formulierten Texten zu „entdecken“ und zu verstehen.

Damit Sie eine konkretere Vorstellung von einer Eulogie bekommen, möchte ich jene aus der Inschrift für Samuel Schönberger, gestorben 1911, kurz zitieren:

Grabstein / gravestone Samuel Schönberger, 04/05/1911

Grabstein / gravestone Samuel Schönberger, 04/05/1911, jüngerer jüdischer Friedhof / younger Jewish cemetery in Eisenstadt



Sie beginnt in Zeile 7, unmittelbar nach dem – für Sie schön erkenntlichen – Segensspruch, der dem Namen des Verstorbenen folgt: Nataniel Schönberger, auf ihm sei Friede.

Danach die 4 Zeilen der Eulogie:

7) Der jüngste Sohn des Verehrten und Prachtvollen,
8) dessen Name durch seine Gerechtigkeit und Großzügigkeit bekannt war,
9) des Herrn Samuel Niklo, auf ihm sei Friede. (Achtung: Das ist eine genealogisch relevante Information: Mit „Niklo“ ist der heute ungarische Ort Fertöszenmiklos gemeint!)
10) Er verstarb in hohem Alter, nachdem er gekommen war
11) zu Kräften (Achtung: die nächste genealogisch relevante Information: „nachdem er zu Kräften gekommen war“, bedeutet, dass er ungefähr 80 Jahre alt war, weil wir lesen in Psalm 90,10 „Die Zeit unseres Lebens währt siebzig Jahre, wenn es hochkommt, achtzig.“

Samuel Schönberger starb mit 79 Jahren.

Ich fasse zusammen: Es geht uns hier vor allem darum, dass Sie erkennen, wo in einer hebräischen Inschrift die Eulogie ist.

In der Inschrift von Charlotte Spitzer mehr oder weniger üblich im unteren Teil, in der Inschrift von Therese Jacobi, gestorben 1875 etwa gleich am Beginn! Wenn Sie die Eulogie rein von der Struktur erkennen können, wissen Sie, welchen Teil der Inschrift Sie geistig sozusagen ausklammern dürfen, um sich auf jene anderen Teile konzentrieren zu können, in denen Sie die besprochenen Elemente finden: Einleitungsformel, Name, Segenswunsch und ‒ was uns jetzt noch fehlt als nach dem Namen wichtigstes Element, das

Sterbedatum

Vorweg muss angemerkt werden, dass das Sterbedatum überall in der Inschrift stehen kann, ganz oben, oft noch vor der Einleitungsformel, unter dem Namen oder auch in der Eulogie. Uns geht es heute darum, wie Sie auch ohne Hebräischkenntnisse gut erkennen können, wo in der Inschrift das Sterbedatum steht und wie Sie dieses ins bürgerliche Datum umrechnen können.

Das Sterbedatum wird in hebräischen Inschriften ausschließlich nach dem jüdischen Kalender angegeben. Das Datum wird nie in Zahlen, sondern immer mit hebräischen Buchstaben, die einen bestimmten Zahlenwert haben, angegeben.

Das hebräische Alefbet mit Zahlenwerten und Namensbeispielen finden Sie in der zum Download bereitgestellten pdf-Datei: alefbetDeutsch.pdf (87KB).

Sehen wir uns noch einmal die Inschrift von Charlotte Schwarzl Spitzer an:

Grabstein / gravestone Charlotte (Schwarzl) Spitzer, 05/06/1914

Grabstein / gravestone Charlotte (Schwarzl) Spitzer, 05/06/1914, jüngerer jüdischer Friedhof / younger Jewish cemetery in Eisenstadt



Die gesamte Datumsangabe finden sie in den Zeilen 7 und 8, das Sterbejahr in Zeile 8. Zunächst geht es uns vor allem um das Sterbejahr und zwar aus zwei Gründen:

  1. In der Praxis, wenn sie einen bestimmten Grabstein auf einem Friedhof mit hebräischen Grabinschriften suchen, wird es in den meisten Fällen reichen, wenn Sie das Sterbejahr eindeutig identifizieren können.
  2. Das Sterbejahr ist in der Datumsangabe meist das am einfachsten zu lesende Element.

Das Sterbejahr besteht meist aus drei Elementen:

(1) Das Wort für „Jahr“ שנת „schnat“, (2) die Buchstabenkombination, deren Zahlenwert das Sterbejahr ergibt und (3) danach drei Buchstaben, die immer dieselben Buchstaben sind.

Der Reihe nach:

Das Wort für Jahr „schnat“ kann auch abgekürzt sein mit dem ersten Buchstaben also ש“ „sch“.

Die Buchstabenkombination, deren Zahlenwert das Sterbejahr ergibt, ist in den meisten Fällen irgendwie gekennzeichnet, mit Punkten über den Buchstaben oder mit Anführungszeichen oder einfachen Strichen zwischen den Buchstaben. In unserem Beispiel sehen wir deutlich die Punkte über den vier Buchstaben.

Die drei Buchstaben nach dem Sterbejahr sind eine Abkürzung, die gekennzeichnet ist durch die Anführungszeichen! Zu lesen ist die Abkürzung לפ“ק als „lifrat katan“, was bedeutet „nach der kleinen Zeitrechnung“.

Die heute übliche jüdische Zeitrechnung geht von der Schöpfung der Welt aus und wird auf das Jahr 3.760 vor der christlichen Zeitrechnung angesetzt. Diese Zeitrechnung setzt sich nicht vor dem 11. Jahrhundert durch und hat sich bis heute erhalten. Die Umrechnung ist denkbar einfach:

Jüdischer Kalender, die jüdischen Monate

Jüdischer Kalender, die jüdischen Monate



Wenn das Jahr „minus“ 3.760 das jüdische Jahr Null ist, ist das jüdische Jahr 5.000 das bürgerliche Jahr 1240 (-3760+5000 =1240). Da Sie höchstwahrscheinlich selten in die Verlegenheit kommen werden, einen Grabstein zu finden mit einem Sterbedatum vor 1240, reicht es, wenn Sie sich 1240 als jüdisches Jahr 5000 merken.
Nun benötigen Sie nur mehr eine Liste der hebräischen Buchstaben mit ihren Zahlenwerten (s.o.).

Grabstein / gravestone Charlotte (Schwarzl) Spitzer, 05/06/1914, Detail / detail

Grabstein / gravestone Charlotte (Schwarzl) Spitzer, 05/06/1914, jüngerer jüdischer Friedhof / younger Jewish cemetery in Eisenstadt, Detail / detail



Jetzt müssen wir noch die Zahlenwerte der Buchstaben wissen: In der Inschrift von Charlotte Spitzer finden wir ת Taw = 400, ר Resch = 200, ע Ajin = 70 und ד Dalet = 4, was zusammengezählt 674 ergibt.

Charlotte Spitzer starb also im Jahr 674. Gemeint ist natürlich das Jahr 5674, aber der Tausender wird in den allermeisten Fällen nicht geschrieben. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich ein Kind war und Schulaufgaben machte, schrieb meine Mama das Datum darüber und schrieb statt 1974 nur 74. Und über die 74 machte sie einen Strich um anzuzeigen, dass es 1974 heißen sollte. Ähnlich ist es hier, die drei Buchstaben nach der Jahreszahl bedeuten, wie gesagt, „nach der kleinen Zeitrechnung“, also ohne 5.000!

Wollen wir wissen, welches jüdische Jahr derzeit ist, müssen wir nur 2019 minus 1240 rechnen und erhalten 779. Wir haben also jetzt das jüdische Jahr 5779 oder 779 „nach der kleinen Zeitrechnung“.

Hier der Grabstein von Colombo Tolentino, gestorben am 16. Oktober 1873, begraben am jüdischen Friedhof von Triest:

Grabstein / gravestone Colombo Tolentino, 16/10/1873

Grabstein / gravestone Colombo Tolentino, 16/10/1873, jüdischer Friedhof / Jewish cemetery in Triest



Im italienischen Raum finden wir dagegen relativ häufig die Jahreszahl mit dem 5000er geschrieben: So starb Colombo Tolentino im Jahr 5634! 5000 wird mit dem Buchstaben ה „He“ geschrieben, der den Zahlenwert „5“ hat.

Nun werden die schnellen Kopfrechner unter Ihnen natürlich sofort einwenden, dass das nicht stimmt, weil 1240 und 634 natürlich 1874 ergibt und nicht 1873! Der Grund ist folgender:

Das jüdische Jahr beginnt im September/Oktober des bürgerlichen Jahres, am 1. Tischre! Daher liegen die Monate Tischre, Cheschwan, Kislew und teilweise Tevet immer schon im neuen jüdischen Jahr, aber noch im alten bürgerlichen Jahr. Da der Monat Tevet in den Dezember/Jänner fällt, kann das Datum entweder noch im Dezember des alten bürgerlichen Jahres oder im Jänner des neuen Jahres liegen. Und in der Inschrift von Colombo Tolentino lesen wir, dass sie im Monat Tischre (Zeile 6) verstarb, also noch im Jahr 1873, aber schon im „neuen“ jüdischen Jahr 5634!

Unterschätzen Sie dieses Problem nicht! In der Praxis habe ich sehr häufig das schon erwähnte Problem, ein bürgerliches Sterbedatum zu wissen und auf einem großen jüdischen Friedhof mit hebräischen Inschriften den entsprechenden Grabstein suchen zu müssen. Und wenn das Sterbedatum Herbst 1873 ist, muss ich eben 634 und nicht 633 suchen. Wenn Sie das aber nicht wissen, ist die Chance den richtigen Grabstein zu finden gleich Null. Sozusagen ein klassisches Problem, das keines mehr ist, wenn man ein wenig Bescheid weiß.

Nun sind wir von der Jahreszahl ohnehin schon einen Schritt weiter gegangen zum Monat. Selbstverständlich finden Sie alle jüdischen Monatsnamen in der zum Download bereitgestellten pdf-Datei: zeitrechnung-monateDeutsch.pdf (83KB). Wenn Sie ein wenig Glück haben, können Sie den Monat in einer gut lesbaren Inschrift auch problemlos lesen. So etwa in der uns schon bekannten Inschrift von Charlotte Spitzer in Zeile 8:

Grabstein / gravestone Charlotte (Schwarzl) Spitzer, 05/06/1914

Grabstein / gravestone Charlotte (Schwarzl) Spitzer, 05/06/1914, jüngerer jüdischer Friedhof / younger Jewish cemetery in Eisenstadt, Detail / detail



Hier der jüdische Monat Siwan (Mai/Juni).

Und wenn wir schon so weit sind, fehlt uns nur noch der Tag im Monat, um das komplette Sterbedatum lesen zu können.

Da wir schon wissen, dass die Zahlen in hebräischen Inschriften immer mit hebräischen Buchstaben dargestellt werden, ist es recht simpel: wir brauchen einfach wieder nur die Zahlenwerte der Buchstaben. Hier י Jod = 10 und א Alef = 1 (Alef ist ja der erste Buchstabe des hebräischen Alef-Bets), also 11. Charlotte Spitzer starb also am 11. Siwan 674 und das war der 05. Juni 1914.

Ein Tipp aus der Praxis: Verwenden Sie am besten nicht eine Website, sondern eine gute Handy-App für die Umrechnung. Sowohl die Apps für Iphone (Jewish Calendar – CalJ) als auch für Android (HebDate) sind gratis, ausgezeichnet und Englisch!

Weiters ist, speziell für genealogische Belange, noch zu beachten, dass der jüdische Tag immer am Abend bei Sonnenuntergang beginnt. Wir haben daher sehr häufig den Fall, dass jemand zum Beispiel nach dem Sterbebuch am 13. Mai 1914 starb. Das war nach jüdischem Datum der 17. Ijjar 674. Allerdings ist im Sterbebuch vermerkt, dass der Tod um 23 Uhr eintrat. Damit haben wir als korrektes Sterbedatum bürgerlich den 13. Mai und jüdisch schon den 18. Ijjar.

Der Vollständigkeit halber und damit Sie nicht beim ersten Grabstein mit hebräischer Inschrift, den Sie lesen, gleich die „Flinte ins Korn werfen“, noch eine Anmerkung:

Ein sehr schönes Beispiel ist auch das Sterbedatum am Grabstein von Samuel Schlesinger, Samuel ben Moses Güns, Bruder des berühmten Rabbiners Akiba Eger! Auch Samuel Schlesinger ist am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben.

Grabstein / gravestone Samuel Guens-Schlesinger, 16/05/1835

Grabstein / gravestone Samuel Guens-Schlesinger, 16/05/1835, älterer jüdischer Friedhof / older Jewish cemetery in Eisenstadt



In Zeile 3 und 4 der hebräischen Inschrift lesen wir:

Seine Seele ging hinweg in Reinheit im Monat Ijjar, in der Nacht zum heiligen Schabbat, zu Lag ba-Omer nach der Zahl (= Omerzählen) der Kinder Israel und wurde begraben am Sonntag, Lag ba-Omer nach der Zahl der Kinder Israel im Jahr 595.

Wenn Sie nun Lag ba-Omer לג בעומר lesen können und wissen, dass Lag ba-Omer immer der 18. Ijjar ist, wissen Sie, dass Samuel Schlesinger am Freitagabend gestorben ist und am Sonntag begraben wurde.

Aber wie schon oben gesagt, das ist schon zumindest eine Schwierigkeitsstufe höher und für die wichtigsten Daten, die wir in einer hebräischen Inschrift finden wollen, auch nicht so dringend notwendig. Denn das Jahr (Zeile 5 und 6) können Sie in jedem Fall anstandslos lesen: שנת תקצה לפק „Schnat 595 nach der kleinen Zeitrechnung“: ת Taw = 400, ק Kof = 100, צ Zadi = 90 und ה He = 5, also 595 = 1835. Sowohl das שנת „schnat“ in Zeile 5 als auch die drei Buchstaben לפק für „nach der kleinen Zeitrechnung“ in Zeile 6 können Sie problemlos erkennen und daher die Jahreszahl schnell festmachen! Selbst auf einem Grabstein eines Mannes aus prominenter gelehrter Familie mit langem und nicht einfach zu übersetzenden Eulogie-Teil in der hebräischen Inschrift.

Sie sehen übrigens hier, dass die Einleitungsformel mit den beiden Buchstaben פנ (Pe und Nun) „Hier ist begraben“ nicht ganz am Anfang der Inschrift, sondern erst nach dem Namen und dem Datum kommt, unmittelbar vor der Eulogie.

Damit kommen wir, wenn wir eine hebräische Inschrift von oben nach unten analysieren, zur letzten Einheit, zur Schlusseinheit, zur sogenannten

Schlusseulogie

Diese ist das Lob am Schluss der Inschrift, am Schluss der im Lobteil der Inschrift auf liebevolle und gelehrte Weise gehaltenen Zwiesprache mit dem Toten.
Diese Schluss-Eulogie wird fast immer abgekürzt geschrieben mit den fünf Buchstaben Tntzbh Taw, Nun, Zadi, Bet und He. Ausgeschrieben bilden sie den Satz תהי נפשו \ נפשה צרורה בצרור החיים „Seine / ihre Seele möge eingebunden sein im Bund / Bündel des Lebens“. Dieser schöne Satz ist eigentlich ein Zitat aus 1 Samuel 25,29, wo Abigail zu David sagt: „…so soll das Leben meines Herrn eingebunden sein im Bündlein der Lebendigen…“. Beispiel: Grabstein Abraham Eidlitz, gestorben, 16. Mai 1868, begraben am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt:

Grabstein / gravestone Abraham Eidlitz, 16/05/1868

Grabstein / gravestone Abraham Eidlitz, 16/05/1868, älterer jüdischer Friedhof / older Jewish cemetery in Eisenstadt



Naturgemäß findet sich der Schlusssegen, die Schluss-Eulogie am Schluss der Inschrift, zumindest in 99.9% aller hebräischen Inschriften. Eine der sicher wenigen Ausnahmen: Die Inschrift von Moses ben Josef Wertheim, gest. 1713, am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt. Er ist übrigens der Bruder des berühmten Hoffaktors und Rabbiners Samson Wertheimer! Die Schlusseulogie steht am Beginn der Inschrift! Sinnvolle Erklärung dafür habe ich aber leider nicht:

Grabstein / gravestone Mose Wertheimer, 18/07/1713

Grabstein / gravestone Mose Wertheimer, 18/07/1713, älterer jüdischer Friedhof / older Jewish cemetery in Eisenstadt



Auf modernen jüdischen Grabsteinen finden sich in den letzten Jahrzehnten sehr oft nur mehr die Einleitungsformel und die Schlusseulogie als hebräisches Element in der Grabinschrift.

Auch ich komme zum Schluss meiner Präsentation.

Hebräische Grabinschriften zu bearbeiten, zu übersetzen und zu kommentieren, wird üblicherweise nicht als genealogische Arbeit gesehen. Bestenfalls als eine Art „Zuliefer-Arbeit“ für die eigentliche Kernarbeit. Es wäre wünschenswert, dass der Stellenwert der hebräischen Inschrift ein wenig mehr in den genealogischen Mittelpunkt rückt.

Zwei Beispiele mögen das illustrieren:

Als ich vor einiger Zeit nach Kroatien reiste und den jüdischen Friedhof von Fiume / Rijeka besuchte, fiel mir beim Betreten des Friedhofes ein sehr prominenter Grabstein auf: Antonio und Ernestina Mattersdorfer sind in Fiume begraben. Ihr Name ist der Name einer der heiligen jüdischen Sieben-Gemeinden auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes: Mattersdorf, das heutige Mattersburg.

Der Grabstein von Antonio und Ernestina hat auf der einen Seite eine italienische, auf der anderen Seite eine hebräische Inschrift. Bei beiden finden wir in der italienischen Inschrift nur das Geburts- und Sterbejahr, kein genaues Datum und keine Erwähnung ihrer Eltern.

Alle diese genealogisch wichtigen Daten finden wir nur in der ‒ übrigens sehr schönen ‒ hebräischen Inschrift. Und nur diese hebräische Inschrift machte es uns möglich, die Herkunft von Antonio Elchanan Mattersdorfer, seine Eltern und seine Geschwister im Südburgenland zu finden:

Geburtsbuch / birth book Elkan Mattersdorfer, 1854

Geburtsbuch / birth book Elkan Mattersdorfer, 1854



Denn selbstverständlich finden wir in den Geburtsmatriken von Schlaining nur den hebräischen Namen: Elchanan oder Elkan אלחנן (und Vater: Hebräisch: Seev זאב, Geburtsbuch: Wolf!) Mit „Antonio“ wie wir in der italienischen Inschrift lesen, wären wir nicht weitergekommen!

Wirklich erfreulich ist, dass Sie jetzt, so wie ich es versprochen habe, nach etwa einer halben Stunde die wichtigsten für genealogische Belange hebräische Elemente erkennen können: Die Einleitungsformeln, die Schlusseulogien, das Sterbedatum, zumindest das Sterbejahr (wenn auch bei beiden Jahreszahlen ohne die drei nachgestellten Buchstaben „nach der kleinen Zeitrechnung“) und den hebräischen Namen sowie die Namen der Väter der Verstorbenen:

Grabstein / gravestone Antonio / Ernestina Mattersdorfer, 1910 / 1932

Grabstein / gravestone Antonio / Ernestina Mattersdorfer, 1910 / 1932, jüdischer Friedhof / Jewish cemetery in Fiume/Rijeka



Wir kommen noch einmal, zum letzten Mal, zum Grabstein von Resl Theben-Nassau zurück:

Grabstein / gravestone Resl Theben, 21/04/1755

Grabstein / gravestone Resl Theben, 21/04/1755, Jüdischer Friedhof / Jewish cemetery in Mattersburg



Über das faszinierende Akrostychon haben wir schon gesprochen, die Abkürzung „nach der kleinen Zeitrechnung“ können wir am Ende des Rundbogens und die Schlusseulogie am Ende der Inschrift problemlos erkennen. Die Inschrift von Resl Theben-Nassau ist ausgesprochen komplex, allein die Eulogie rund um ihren Namen und ihre Abstammung macht 4 lange Zeilen aus.

Ich habe aber diesen Grabstein für den Schluss gewählt, weil die hebräische Inschrift der einzige bekannte Zeuge für Resl Theben-Nassaus Tod ist, für ihr genaues Sterbedatum, das übrigens ausgesprochen weise und tief in der biblischen Tradition verwurzelt formuliert ist.

Die hebräische Grabinschrift als einzige und verlässliche Primärquelle für die genealogische Forschung. Ich habe den Grabstein im Dezember 2014 online publiziert. Auf geni.com finden wir bei Resel Theben Nassau kein Sterbedatum und keinen Sterbeort. Moderator ist Randy Schoenberg und Randy, du bist in bester Gesellschaft! Denn niemand Geringerer als der Bibliothekar der Israeltischen Kultusgemeinde Wien, Dr. Bernhard Wachstein, dem wir die bahnbrechenden Publikationen zum jüdischen Friedhof in der Seegasse in Wien und den älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt Anfang des 20. Jahrhunderts verdanken, kennt ihren Vater Wolf ben Löb Nassau-Brilin, auf dessen Grabstein übrigens zwischen Überschrift und Text eine Brille eingraviert ist. Auch Wachstein weiß von der Existenz der Tochter Rösel, weiß aber nicht, wann sie gestorben ist und wo sie begraben wurde (Bernhard Wachstein, Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien, 2. Teil (1696 – 1783), Wien 1917, Nr. 907).

Wir wissen das aufgrund der hebräischen Inschrift!

Grabstein / gravestone Malka Austerlitz, 04/04/1743

Grabstein / gravestone Malka Austerlitz, 04/04/1743, älterer jüdischer Friedhof / older Jewish cemetery in Eisenstadt



Manchmal ist aber alles ein wenig anders, als ich Ihnen jetzt erzählt habe … einer der beiden Grabsteine, die ich eingangs gezeigt habe, war der von Malka Austerlitz, gestorben 1743. Und ich befürchte, dass Sie außer der Schluss-Eulogie nichts erkennen können. In solchen Fällen schreiben Sie mir bitte eine Email ;-)

Danke.

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