Bild der Woche – Genisa-Grab am Zentralfriedhof Wien
Tor IV (eigentlich “Tor V”) des Wiener Zentralfriedhofs: Die mehr als 250.000m2 große Fläche wurde 1911 erworben, nachdem die jüdische Abteilung am 1. Tor zu klein geworden war, und mehrfach erweitert. Am 4. April 1917 offiziell eröffnet,
spiegelt [dieser Friedhof] die Zeitgeschichte anschaulich wider: Grabreihen Exhumierter vom Währinger Israelitischen Friedhof, Urnengräber, die die Asche KZ-Ermordeter bergen [...] ein Denkmal für die kurz vor der Befreiung Ermordeten der Förstergasse, Massengräber ungarischer Juden, Grabstellen unbekannter sowjetischer jüdischer Soldaten
Steines P., Hunderttausend Steine, Grabstellen großer Österreicher jüdischer Konfession auf dem Wiener Zentralfriedhof Tor I und IV, Wien 1993, 266
Unter den mehr als 60.000 Bestatteten finden wir viele prominente Namen wie den des Rabbiners und Politikers Josef Samuel Bloch, des vormaligen und ersten Oberrabbiners von Wien nach 1945, Akiva Eisenberg, des Operettenkomponisten Leo Fall, des legendären Fußballtrainers Hugo Meisl (dessen Nachlass nun doch, übrigens seit vorgestern (!), eine neue Bleibe finden konnte) oder des Bibliothekars der Israelitischen Kultusgemeinde, Bernhard Wachstein (dem wir die Bearbeitung des älteren jüdischen Friedhofs in Eisenstadt verdanken) …
Ein besonderes Grab finden wir aber auch gleich links neben dem Eingang bzw. links von der Zeremonienhalle. Hier wurden nämlich am 14. Juni 1987 in der sogenannten Reichskristallnacht 1938 entweihte Torarollen und Gebetbücher beigesetzt.
Das Genisa-Grab am Zentralfriedhof, Tor IV, gleich links neben dem Eingang und der Zeremonienhalle
Das Grab ist ein sogenanntes Genisa-Grab. “Genisa” (oft “Geniza” geschrieben!) bedeutet wörtlich “Schatzkammer” und könnte als “liturgisches Archiv” bezeichnet werden. Als “Genisa” werden sowohl die Räume bezeichnet, in denen nicht mehr verwendbare liturgische Schriften abgelegt, als aber auch die Gräber, in denen diese bestattet werden. (Siehe etwa das Genisa-Grab am jüdischen Friedhof in Würzburg, das sich dort auch unmittelbar neben dem Friedhofseingang befindet).
Die hebräische Inschrift gibt erst einen Abschnitt aus den Klageliedern zum Tischa be-Av (Trauertag 9. Av) wieder (“Ich schreie in der Qual meines Herzens und ergehe mich in Klagen” …), danach folgt der Text, der auch auf Deutsch zu finden ist (im Hebräischen allerdings nicht “Kristallnacht”, sondern “Epoche der Shoa”):
Hier wurden am 17. Siwan 5747 (14. 6. 1987) Reste von Torahrollen begraben, die in der “Kristallnacht” des Jahres 1938 von Nazihorden entweiht, zerrissen und verbrannt wurden
Chewra Kadischa Wien, Juni 1987
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Mit Joseph Roth ins jüdische Burgenland
Vorbemerkung
Im August 1919 erschien in der Wiener Tageszeitung “Der Neue Tag” eine Reihe von Reise-Reportagen – Titel: “Reise durchs Heanzenland“, verfasst von “unserem nach Westungarn entsandten Sonderberichterstatter“, Joseph Roth.
Der damals noch am Beginn seiner publizistischen Laufbahn stehende Roth (geboren 1894 im heute ukrainischen Brody) hatte im Frühjahr 1919 beim eben erst gegründeten (und im April 1920 auch schon wieder eingestellten) “Neuen Tag” angeheuert (vgl. W. von Sternburg: Joseph Roth. Eine Biographie. Köln 2009. S. 194-207).
Seine Reise durch (Deutsch-)Westungarn (eben das “Heanzenland“) bzw. das heutige burgenländisch-ungarische Grenzland, die er zu pointierten (und, wie von Sternburg richtig anmerkt: nicht vorurteilsfreien) Texten verarbeitet, führt Roth durch einen politisch gebeutelten Landstrich (dessen Status sich letztlich erst 1921, mit der Entstehung des Burgenlands, klären wird): nach Neudörfl und (Bad) Sauerbrunn, Nagycenk/Zinkendorf und Sopron/Ödenburg
(Roth:
Ich würde ein großes Tor errichten als Eingangspforte und mit riesigen, weithin sichtbaren Lettern darüber schreiben: Nomen est omen! Denn nie sah ich eine Stadt, zu der der Name besser passte…) –
und schließlich nach Deutschkreutz, wo der Autor es zunächst mit einer Kostprobe burgenländischer Volkskultur zu tun bekommt, um am Ende in einer “Filiale der Leopoldstadt”, der Deutschkreutzer jüdischen Gemeinde, zu landen…
Im Folgenden Roths Beschreibung dieser letzten Station seiner “Reise durchs Heanzenland” und der Geschichte der westungarisch-/burgenländisch-jüdischen “Siebengemeinden“. Die Textfassung folgt (mit minimalen Anpassungen) der Veröffentlichung im “Neuen Tag”.
Wir wünschen viel Lese-Vergnügen!
Reise durchs Heanzenland.
Von unserem nach Westungarn entsandten Sonderberichterstatter.
(…)
Deutsch-Kreuz.
In Deutsch-Kreuz war Tanz- und Polterabend.
Die weiten Gehöfte leer und nur die Alten waren zu Hause geblieben. Von Zeit zu Zeit kamen ein Kind oder ein Großvater des Weges daher und erzählten, dass “Marie-Tre’s” ein Sacktuch wünsche.
In Deutsch-Kreuz ist die Institution der Parkettböden nicht bekannt.
Man tanzt vielmehr im Hofe und eine Ziehharmonika liefert die nötige greuliche Musik.
Die Mädchen, alle weiß gekleidet und mit schwarzen Kopftüchern, stehen in dichten drei Reihen hinter einander im Hofe, die Burschen stehen auf der anderen Seite, aber eher in Gruppen, viel zwangloser und freier. Manche sitzen drin in der Schenke und tun einen anständigen Zug. Auf einmal geht der Spektakel los:
Aus der missgestimmten Ziehharmonika flattert ein tiefer Ton auf, wie ein schwerer, plumper Vogel versucht er, eine Weile in der Luft zu bleiben und fällt dann schwer und plumpsend zu Boden.Diesem Ton folgt ein heller, junger, es klingt wie ein Hahnenschrei und auf dieses Zeichen stürzen die Burschen ohne Hüte und in Hemdärmeln aus der Schenke. Im Nu sind die Weiber vergriffen. Der Bursche hält das Mädchen nicht etwa an sich gepresst, sondern hat beide Arme um ihre Hüfte geschwungen. Der Oberarm bleibt hölzern, steif und fest, so dass das Mädchen in einem Abstand von etwa zehn Zentimetern von seinem Körper entfernt bleibt.
Der Tanz ist vollkommen kunstlos und besteht aus monotonen Drehbewegungen. Man dreht sich so lange, als der Ziehharmonikamensch will, denn es gilt als Schimpf, früher aufhören zu müssen. Man dreht sich in dem engen Hofe, in dem es zum Ersticken heiß ist, bis man im eigenen Schweiße ertrinkt. Der Boden ist nass wie nach einem Platzregen.Da ich ins Wirtshaus trete, singen die Leute grade ein heanzerisches französisches G’stanzel:
Von da Nah und von da Fean
Lod’ ma olli ein, an jedn gseg ma gean.
Ochzig Hella is Eintrittsgöld
Des wegn is a nit g’fölt.
Denn wou spült d’Neuhausa Musi
Dou is a Hetz, a G’schpusi.Man entdeckt an mir Kragen und Krawatte, hält mich für einen kommunistischen Agitator und feindselige Stille tritt plötzlich ein. Der Wirt poltert los: I kenn’ Ihna gar nicht!
“Das macht nichts! Sie sollen mich kennen lernen!”
“Was wollen’s denn?”
“Was zu essen und einen Wein! Und schlafen möcht ich hier!”
“Z’ essen hob i selber nix und schlof’n könnens net. An Wein könnens hab’n, wenn Sö Blaugeld han.”
Ich han Blaugeld und trinke einen Wein. Weil ich mit einer Hundertkronennote zahle, kommt ein Rotgardist plötzlich auf mich zu und nimmt mir dreihundert Kronen ab, worauf ich mich schleunigst aus dem Staube mache.
Hundertkronennoten darf nämlich niemand besitzen, es sei denn ein Rotgardist.
Nun aber kannst du in Deutsch-Kreuz drei Stunden lang herumwandern und findest kein Quartier und kein Brot. Du bist ein Fremder und wirst verachtet. Kragen, Krawatte und Hochdeutsch verraten dich. Entweder bist du ein Spion der Szegediner, so hat man Angst. Oder du bist ein Agitator Kuns, so hasst man dich. Du kannst verhungern. Zumal, da sowohl der Herr Pfarrer als auch der Herr Notär irgendwo beim Tarock sitzen.Plötzlich sehe ich die Große Mohrengasse auftauchen.
Hausierergesichter, typische Leopoldstadt. Eine Judengruppe. Sie reden hochdeutsch mit den Händen. Ihre Bewegungen halten die Mitte zwischen Bedächtigkeit und Leidenschaft. Sie reden Leitartikel über Bela Kun. Bleiche Pogromangst spukt um sie herum.
In Deutsch-Kreuz sind sie zu Hause. Da ich einen um Quartier bitte, lässt er mich durch einen rothaarigen, sommersprossigen Judenjungen nach dem Hause eines Glaubensgenossen führen. Ich bekomme Brot und Eier und ein Bett. Ich teile das Zimmer mit einer gelähmten Großmutter, dem Ehepaar und zwei hübschen, schwarzäugigen Töchtern.
Am Morgen erlege ich nicht weniger als fünfzig Kronen in Blaugeld und wandere weiter.
Aber über die Juden in Deutsch-Kreuz muss ich noch erzählen.
Die Juden von Deutsch-Kreuz und die Schweh-Khilles.
Mitten in Deutsch-Kreuz eine Filiale der Leopoldstadt.
Siebzig jüdische Familien wohnen seit tausend Jahren im Deutsch-Kreuzer Ghetto. Denn sie wohnen alle zusammen, in einer großen Häusergruppe hinter den weiten Gehöften der reichen Bauern und führen ein eigenes Leben.
In der Mitte steht der Tempel, mindestens ein paar Jahrhunderte alt. Links vom Tempel wohnt der Rabbiner, ein Mann in mittleren Jahren mit blondem Bart und einem schwarzen Samtkäppchen auf dem Haupte. Er sitzt an einem langen Tisch und um ihn herum seine Jünger. Judenburschen im Alter von sechzehn bis zwanzig. Sie lernen Talmud, alle durcheinander, in ihren monotonen Sing-Sang klingt nur von Zeit zu Zeit der grelle Schrei der Ziehharmonika vom Wirte drüben.

Synagoge in Deutschkreutz, um 1920
Ich will mit dem Rabbi über die Gemeinde sprechen. Er drückt mir die Hand und bittet mich um Verzeihung: er habe leider keine Zeit. Ich möchte zum Kultusvorsteher, Herrn Lipschütz, gehen.
Herr Lipschütz ist ein Mann um die Fünfziger. Ist auch schon in Budapest und, als er noch jung war, sogar in Wien gewesen und hat Manieren.
Er bittet mich in den “Salon”. Ein dunkelrot gehaltenes Zimmer, lauter Plüsch und Samt und verstaubte Nippessachen, Tintenfässer, Vögel, Hunde aus Bronze auf der Konsole. Der Stuhl, den er mir anbietet, ist leider durchgedrückt und ich rutsche in eine Versenkung, aus der ich mich mit vieler Mühe wieder hinausrette, um fortab am Stuhlrand sitzen zu bleiben.Herr Lipschütz erzählt mir:
Vor vielen Jahren seien die Juden aus Oesterreich vertrieben worden und wären zum Fürsten Esterhazy gekommen. Dieser habe ihnen sieben Gemeinden, die sogenannten “Schweh-Khilles”, angewiesen. Es sind lauter deutsche Gemeinden. In einigen haben die Juden volle Autonomie und sogar eigene Bürgermeister. Die Juden sprechen ein reines, fehlerloses, etwas hartes Deutsch und vertragen sich ausgezeichnet mit der Bevölkerung. Die deutschen Bauern machen einen strengen Unterschied zwischen “Budapester” und “unseren” Juden.Das Haus des Herrn Lipschütz ist einstöckig, mit einem großen Hof. Er ist der reichste Jude in der Gemeinde und sein Name ist weit und breit bekannt.
Der Kantor, der vor ungefähr 50 Jahren noch im Deutsch-Kreuzer Judentempel die Gebete sang, hieß Goldmark. Sein Sohn war der berühmte Komponist Goldmark, der aus einem Deutsch-Kreuzer Judenjungen ein Mann von Weltruf ward.Die Gemeinde zählt auch den ungarischen Romanschriftsteller und späteren Sektionschef Alexander Doczi rekte Dux mit Stolz zu ihren Söhnen.
Die Juden von Deutsch-Kreuz und den Schweh-Khilles beschäftigen sich nur mit ehrlichem Handel und werden von der christlichen Bevölkerung sehr geschätzt. Sie haben sich rein und unvermischt erhalten und aus ihren Gesichtern klagte das Jahrtausende alte Leid Ahasvers.
Sie kennen keinen Tanz, kein Fest und kein Spiel. Nur Beten und Weinen und Fasten. Die Deutsch-Kreuzer Juden fasten zweimal in der Woche und beten den halben Tag lang.
Der Tempeldiener kommt morgens und abends an jede Tür, klopft mit einem Hammer und ruft die Juden zum Gebet.
Ich besah mir den Hammer: er ist schon ganz klein, schwarz, fettig und “abgeklopft”. Er mag so alt sein, wie die Gemeinde.
Manchmal wächst ein Judenjunge heran, hat Begabung und Glück und wird ein Goldmark oder Doczi. Aber nur manchmal.
Die meisten leben und sterben, wo sie geboren sind.
Das ist die Geschichte der Juden von Deutsch-Kreuz und der “Schweh-Khilles”.
Joseph Roth.
In: Der Neue Tag, 9. August 1919, S. 4f.
Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir unsere Publikation “Aus den Sieben-Gemeinden. Ein Lesbuch über Juden im Burgenland“, in der Sie diese und andere Anekdoten, Erzählungen, Reiseberichte usw. aus den Sieben-Gemeinden finden.
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Buchtipp der Woche – Weder Ort, noch Stein
“Statt ein Gebet ein Gedicht hersagen” – Elfriede Gerstl
statt oder als?
Unermüdlich Gebete
und Gedichte sagen
hersagen aufsagen
in mich rufen …und Gedichte als Gebet
denn Gebete sind
Gedichte oder
können es sein
könnten es seinvielleicht auch ohne
Trauer ohne Not die
aus mir ruftund immer öfter
schweigtdamit Gebete
Gedichten gleichen
Dieses ist das erste Gedicht im neu erschienenen Lyrikband “Weder Ort, noch Stein”, von Nurit Schaller, den sie am vergangenen Mittwoch im Cafe Kafka in Wien erstpräsentierte. Ich durfte dabei die einführenden Worte sprechen (etwas gekürzt und überarbeitet hier widergegeben).
Die – oben zitierte – 2009 verstorbene österreichische, jüdische Schriftstellerin Elfriede Gerstl schreibt in ihrem Gedicht: “überraschungsgast”
das gedicht kommt
wie eine katze
[...]
Mein erster Gedanke, als ich Nurits Gedichte las, war, dass die Gedichte tatsächlich “kommen” wie eine Katze, zumindest so wie ich es mir als nicht-Katzenkenner vorstelle, dass eine Katze kommen könnte …
Nurit legt in ihrem Erstlingswerk sehr viele Gedichte vor, die leise, fast still, kommen. Es sind viele Gedichte, es sind – vielleicht nur auf den ersten Blick – sehr unterschiedliche Gedichte, die Gedanken aus verschiedenen persönlichen und künstlerischen Entwicklungsstufen widerspiegeln. Und es sind beeindruckende Gedichte!
Gedichte, die Bilder schaffen, ja, sie sind Bilder, die man erst einmal auf sich wirken lassen muss, die zwingen, jedes einzelne Gedicht nochmals und immer und immer wieder zu lesen, Gedichte, die dann aber sehr rasch neue Bilder erzeugen und vieles auslösen und einem die eigenen Worte nehmen; es fehlen die Worte Nurits Gedichte zu beschreiben – und das ist auch gut so!
Ich baue
Mir
Kein HausIch lebe
Draußen
Als WildVor der
Stadt
Gibt’s nichts
Gedichte in ihrem sehr eigenen, unverwechselbaren Stil. Nurits Sprache ist eine sehr poetische, aber auch eine sehr präzise, eine extrem direkte Sprache, eine sehr schöne Sprache. Die Sprache der Gedichte ist aber vor allem Nurits eigene Sprache – eine Sprache, die aus im Grunde wenigen, aber sehr intensiven Wörtern und Worten besteht, und es ist eine Sprache, die nahezu ohne Sätze auskommt! Eine Sprache die naturgemäß anstrengend für den Zuhörer ist oder sein kann.
Eine Sprache ohne Zeit, zumindest ohne Zeit in unserem westlichen Verständnis, die Gedichte scheinen sich überhaupt jeglicher Zeitdimension zu entziehen, der Zeitenwechsel innerhalb der kleinsten Gedichteinheiten gleicht im grammatikalischen Sinn einem Aspektwechsel (auch im Hebräischen gibt es die eigentlichen Tempora nicht). Ähnlich wie in den Texten der hebräischen Bibel scheinen in Nurits Gedichten die alten Funktionen der hebräischen Konjugationen auf aspektualer Grundlage nachzuwirken.
Diesen in ihren Gedichten so sichere Umgang mit der hebräischen Welt und insbesondere mit der hebräischen Sprachenwelt (“Ort”, hebr. מקום, mit Artikel (determiniert) המקום = “Gott”) fand ich gleichsam genial als auch faszinierend. Aber auch als wenig überraschend, den Nurit ist eine brilliante Linguistin, die ihr Handwerk beherrscht. (Ich darf anmerken, dass ich Nurit Schaller vor vielen Jahren kennenlernte, als sie als junge Studentin meine Bibelhebräischvorlesung am Institut für Orientalistik der Universität Wien besuchte.)
Nurit hat mittlerweile ihr Studium, ihre Studien, beendet, ihre Ausdrucksform ist über weite Strecken die Kunst, die Malerei, die Texte, die Photographie … eine Kreative, und zwar im allerbesten Sinn des Wortes, und immer auf der Basis bzw. mit dem Hintergrund einer Wissenden!
Mehr noch: Ihre Gedichte spiegeln dieses Wissen sehr deutlich wider und doch – sie sind viel mehr als nur in Gedichte gepresstes Wissen, es ist Lyrik auf sehr hohem Niveau, die durchaus eben ohne die von Nurit intendierten Assoziationen an- und auskommt, anspricht, vereinnahmt und begeistert! Ganz sicher werden jene, die die intendierten Assoziationen erkennen, in den Gedichten nochmals andere Bilder entdecken und eigene Bilder dazu kreieren. Denn an Assoziationen, oder besser “Assoziationsräumen”, ist Nurits Gedichtband reich; völlig unaufdringlich und nahezu nebenbei, jedenfalls fast durchgehend so gut wie geräuschlos bedient sie sowohl die Klaviatur der griechisch-römischen (Platons “Nachtmahl” wird zum “Abendmahl” …), der europäischen als insbesondere auch der jüdischen, und näherhin der biblischen sowie rabbinischen und jüdisch-mystischen Geisteswelt, Kulturgeschichte und Philosophie, mitunter in einem einzigen kurzen Gedicht!
Es wäre noch vieles zu den Gedichten sagen, die im Kant’schen Sinne aus sich heraus schön sind, erst fühlte ich mich wortlos und dann entstanden Bilder, Gedanken, eigene Assoziationsräume, ich blieb an einzelnen Wörtern hängen wie an dem so schönen Wort “Ohnehin” – ein ganzes Gedicht ist dem Wort gewidmet …
das gedicht kommt
wie eine katze
schreibt Elfriede Gerstl
Nurits Gedichte kommen wie eine Katze …
Selbstverständlich begegnen wir auch ihrer eigenen Katze, sie setzt sich mit Erich Kästner auseinander und schreibt über Schmerz, Trauer und die Einsamkeit; und Nurit schreibt auch über “Gott, der mich NICHT führt, aber mir zusieht”, denn “seine Augen sind nicht blind …” wie es in einem Gedicht heißt:
G’ttes Augen
Sind nicht
BlindNur wir
Sind taub
Für sein
Wort
Ich wünsche dem faszinierenden Lyrikband “Weder Ort, noch Stein” von Herzen viele LeserInnen!
Nurit Schaller, Weder Ort, noch Stein, Horn 2011, Verlag Berger, ISBN: 978-3-85028-533-9
Nurit Schaller, geboren am 07. Juli 1975 in Wien, studierte u.a. Kulturanthropologie in Amsterdam, Jüdische Studien und Semitistik in Heidelberg. Ist Linguistin (Bibelhebräisch und Aramäisch), Herausgeberin der Kunstzeitschrift ‘diletto – the paper on art & cultures’ und Künstlerin. Lebt, schreibt, malt und werkt in Wien.
Mehr über die Autorin: nuritschaller.org und diletto.org
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Ari Rath – Nachlese
Trotz des Termins am Vorabend des österreichischen Nationalfeiertages kamen über 100 BesucherInnen, um in der Arbeiterkammer Burgenland in Eisenstadt den langjährigen Chefredakteur und Herausgeber der Jerusalem Post, Ari Rath, zu hören.
Wenn ein Weitgereister und Wissender wie Ari Rath spricht, können natürlich 90 Minuten nicht reichen. Doch und trotz der Zeitbeschränkung: Es war ein höchst informativer Abend, ein brillanter Ari Rath faszinierte das Publikum: von der Landesrätin bis zu einer großen Anzahl Jugendlicher sowie BesucherInnen aus Eisenstadt, dem Burgenland und dem angrenzenden Niederösterreich konnten begrüßt werden.
Selbstverständlich wollen wir Sie auch diesmal online ein wenig teilhaben lassen an diesem außergewöhnlichen Abend:
Meine zweite Frage bezog sich auf den bekanntesten und berühmtesten Eisenstädter Juden Alexander (Sandor) Wolf, der – wie Ari Rath – 1938 über Triest nach Haifa geflohen war, wo Wolf am 2. Jänner 1946 starb. Einige Monate vor seinem Tod, im Sommer 1945, ersuchten ihn in Triest lebende Verwandte, doch nach Österreich zurückzukehren. Sandor Wolfs Antwort war:
Ich beabsichtige nicht zurückkehren, weil man uns die Heimatliebe ausgebläut hat.
Diese Worte Wolfs haben sich in mir nicht nur sehr tief eingeprägt, sondern sie fielen mir wieder ein, als ich las, dass Ari Rath einmal schrieb:
Ich konnte nie verstehen, dass ein Teil ehemaliger österreichischer Juden gerne ihre deutsch-österreichische Sprache über all die Jahre weiter pflegte und einen österreichischen Pass annahm.
Ari Rath, Von Wien nach Jerusalem. Lebensstationen, in: Ari Rath, Auf dem Weg zum Frieden. Artikel und Essays aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2005, S. 39
Ich fragte also Ari Rath, wie es um seine “Heimatliebe” steht und wie er seine Beziehung zu Österreich hier und heute sieht?
Ari Raths Antwort war lange, im Kern sehr deutlich und sehr berührend, hören Sie selbst:
Ich danke sehr herzlich den Veranstaltern, insbesondere dem Initiator des Abends, Thomas Lehner sowie Frau Mag.a Claudia Kreiner-Ebinger, dass mir die Ehre zuteil wurde, mit Ari Rath sprechen zu dürfen. Ebenso bedanke ich mich bei Lukas Lehner, dass er sich spontan bereit erklärt hat, uns film- und fototechnisch unter die Arme zu greifen.
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Kopf und Tipp der Woche – Ari Rath
Das Österreichische Jüdische Museum lädt herzlich ein zu
Erzählungen eines Zeitzeugen. Ari Rath im Gespräch mit Johannes Reiss
Wann: Dienstag, 25. Oktober, 18.00 – 21.00 Uhr
Wo: Arbeiterkammer (AK) Burgenland,
Wiener Straße 7, 7000 Eisenstadt, Festsaal
Die Veranstaltung wurde von der AK Burgenland initiiert, in Kooperation mit
unserem Museum, dem “Bund sozialdemokratischer AkademikerInnen, Intellektueller & KünstlerInnen”, dem “Bund sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen, Opfer des Faschismus und Aktiver Antifaschist/Inn/en”, dem “Sozialdemokratischen LehrerInnenverein Burgenland”, der “Österreichischen Gewerkschaftsjugend Burgenland” und der “Sozialistischen Jugend”.
Ich freue mich außerordentlich mit einem der wohl berühmtesten und weitestgereisten Zeitzeugen sprechen zu dürfen.
Ari Rath wurde 1925 in Wien geboren, besuchte daselbst das Wasa-Gymnasium und wanderte im November 1938 mit der Jugendalija nach Palästina aus. Schon seit Oktober 1958 politischer und diplomatischer Berichterstatter bei der Jerusalem Post, war er von 1975 – 1989 deren Chefredakteur und Herausgeber, berichtete mehrere Jahrzehnte sozusagen aus dem Allerheiligsten der Arbeiterpartei und porträtierte die Großen in Israels Staatsgeschichte: Golda Meir, Moshe Dayan, Shimon Peres und viele andere. Legendär ist sein erster großer journalistischer “Scoop” 1960, als es ihm gelang, in New York dem inoffiziellen Treffen zwischen dem israelischen Ministerpräsidenten David Ben-Gurion und dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer beizuwohnen.
Das große Lebensthema Ari Raths ist die Rolle Israels in der Welt und die Zukunft des jüdischen Staates.
Bildquelle: Titelbild “Ari Rath, Auf dem Weg zum Frieden. Artikel und Essays aus fünf Jahrzehnten, Berlin, 2005
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