Dance me to your beauty with a burning violin

Am 26. August 1943 wurden aus Krimilew im südlichen Polen 400 Juden in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Am selben Tag wird das Ghetto von Zawiercie bei Kattowitz liqudiert, die Juden ebenfalls ins Vernichtungslager von Auschwitz gebracht.

Mitte 1943 wurde auch auf Befehl der SS das Mädchenorchester im Frauenlager Auschwitz-Birkenau aufgebaut.
Geleitet wurde es von der berühmten österreichischen jüdischen Geigerin Alma Rose, der Nichte von Gustav Mahler.

Ein Männerorchester gab es in Auschwitz schon seit Jänner 1941. Die Musik wurde von den Nationalsozialisten befohlen, die Orchester, die es in fast allen Konzentrationslagern gab, mussten einerseits für gute Laune unter der SS sorgen und andererseits spielen, wenn neue Transporte ankamen.

Morgen, am 26. August gibt Leonhard Cohen in Wiesen, nur wenige Kilometer von Eisenstadt entfernt, sein Konzert.
Und er wird wohl unter anderem auch „Dance me to the end of Love“ singen.

Seit ich (musikalisch) denken kann, liebe ich die Lieder von Leonhard Cohen, höre sie immer und immer wieder.
Ich bin kein Musikspezialist oder gar -kritiker, mir gefällt ganz einfach seine Musik und sie berührt mich, mir gefällt seine Lyrik, ich liebe das schwermütige Timbre seiner Stimme.

Leonhard Cohen zitiere ich seit vielen Jahren bei Führungen im Museum jedes Mal, wenn über das Wort „Kohen“ (Plural ‚Kohanim‘, Priester) gesprochen wird, als Beispiel dafür, dass man am Namen (Kohn, Kahn, Cohen, Katz – Kohen Zedek ‚gerechter Priester‘ usw.) die priesterliche Tradition, in der der Namensträger steht, erkennen kann.
Und fast jedes Mal registriere ich, dass mein Beispiel bei vielen jungen Besucherinnen/Besuchern so gar nicht ankommt, weil sie Leonhard Cohen offensichtlich nicht (mehr) kennen …

Ich liebe die Lieder von Leonhard Cohen nicht wegen ihrer jüdischen und/oder zeitgeschichtlichen Interpretationen (ich mochte sie schon, als ich die Zusammenhänge noch gar nicht begriff), ich glaube aber, dass es faszinierend ist, diese Zusammenhänge zu kennen. Sie graben sich ins Gedächtnis ein und ich höre heute manche Lieder von Leonhard Cohen nicht weniger gern, aber anders.

In einem Interview erzählt Cohen die Entstehungsgeschichte seines Liedtextes „Dance me to the end of Love„, insbesondere der Textzeile „Dance me to your beauty with a burning violin„:

Dance me to the end of Love‘ … it’s curious how songs begin because the origin of the song, every song, has a kind of grain or seed that somebody hands you or the world hands you and that’s why the process is so mysterious about writing a song. But that came from just hearing or reading or knowing that in the death camps, beside the crematoria, in certain of the death camps, a string quartet was pressed into performance while this horror was going on, those were the people whose fate was this horror also. And they would be playing classical music while their fellow prisoners were being killed and burnt. So, that music, ‚Dance me to your beauty with a burning violin,‘ meaning the beauty there of being the consummation of life, the end of this existence and of the passionate element in that consummation. But, it is the same language that we use for surrender to the beloved, so that the song — it’s not important that anybody knows the genesis of it, because if the language comes from that passionate resource, it will be able to embrace all passionate activity.

Leider ist das YouTube-Video mit dem Interview nicht mehr aufrufbar (falls jemand einen Link dazu oder zum Interview kennt, würde ich mich sehr freuen), zitiert wurde hier aus en.wikipedia.org.

PS: Da die Hohen Feiertage, Rosch HaSchana (Neujahr) und Jom Kippur (Versöhnungstag), vor der Tür stehen, schon jetzt der Hinweis auf ein weiteres Lied von Leonhard Cohen „Who by fire?„.

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir Ihnen selbstverständlich vor allem den Besuch des Konzertes in Wiesen, das Anhören des besprochenen Liedes Dance me to the end of Love sowie die Lektüre eines schon ein wenig älteren, aber sehr guten Artikels über Leonhard Cohen in der Süddeutschen Zeitung

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Mattersburg war ein kleiner Ort …

… der Alltag hat darin bestanden, dass man in der Früh und am Abend in den Tempel beten gegangen ist. In der Zwischenzeit hat man studiert und gelernt; das war alles.

Josef Weiszberger, 1917 in Mattersdorf, dem späteren Mattersburg, geboren, später in Richtung Tel Aviv emigriert (nachzulesen in der von Alfred Lang u.a. herausgegebenen Interviewsammlung „Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen“, Wien 2004)

Das Ende des jüdischen Mattersburg, vielgerühmt ob der Frömmigkeit seiner Bewohner, kam mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1938, die Mattersburger Juden vertauschten ihren frommen „Alltag“ zwangsweise mit Gefangenschaft oder Emigration.

Mit dem Ende der Geschichte des burgenländischen Mattersburg beginnt die Geschichte eines jüdischen Exil-Mattersburg – Neugründung inklusive! Die Errichtung dieses „neuen“ jüdischen Mattersburg – nun fern des Wulkatals – ist eines der großen Kuriosa in der Geschichte der burgenländischen „Siebengemeinden“: Samuel Ehrenfeld, letzter Mattersburger Gemeinderabbiner, gründete zunächst im New Yorker Exil eine Mattersdorf-Gemeinde, später folgte der Aufbau eines Kirjat Mattersdorf (קריה Kirja = hebr. „Stadt“, „Vorort“) in Jerusalem.
(Kompakt nachzulesen ist die Geschichte von Mattersburg/Mattersdorf in den Texten der VHS-Ausstellung „Zerstörte Jüdische Gemeinden im Burgenland“.)

  • Ortschild in Hebräisch, Arabisch und Englisch 'Mattersdorf', Auto und Radfahrer
  • Schabbattor in Kirjat Mattersdorf
  • Gittertor und Wegweiser zum religiösen Zentrum von Kirjat Mattersdorf


Von dieser Fortsetzung des burgendländisch-jüdischen Lebens können sich Israel-Besucher, bis heute, selbst ein Bild machen – wenige hundert Meter nördlich von Jerusalems reger Jaffa Road beginnt mit Kirjat Mattersdorf eine touristen-, nicht aber burgenlandfreie Zone …

  • Straßenschild in Hebräisch, Arabisch und Englisch: Panim Meirot-Straße
  • Hechal Schmuel-Synagoge


Übrigens: Eine Spur des Namenswechsels Mattersdorf/Mattersburg findet sich auch in unserem aktuellen Bild der Woche, eine Ansicht der Namen der burgenländischen Gemeinden in Yad Vashems „Tal der Gemeinden“:
In lateinischen Buchstaben lesen wir „Mattersburg„, im Hebräischen „Mattersdorf„. Die Gestalter wählten in der lateinischen Variante das ab 1924 offizielle Mattersburg, im Hebräischen das ursprüngliche und innerjüdisch weiterhin gebräuchliche Mattersdorf (ähnlich liegt der Fall bei Deutschkreutz/Zelem).

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir Wolfgang Weisgrams STANDARD-Artikel zu Geschichte und Gegenwart von Mattersburg/Mattersdorf sowie zum diesjährigen Österreich-Besuch des Mattersdorfer Oberrabbiners …

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Bild der Woche – Yad Vashem

Im „Tal der Gemeinden“, Teil der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, finden sich die Namen tausender zerstörter jüdischer Gemeinden in Stein geschrieben.

Burgenländische Gemeinden in Yad Vashem

Die Namen der ehemaligen jüdischen Gemeinden des Burgenlands sind in geographischer Ordnung (von Norden nach Süden) gereiht.

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Bild der Woche – Spendenbüchse

Gleich neben dem Eingang in die Männerabteilung der Wertheimersynagoge im Österreichischen Jüdischen Museum befindet sich eine Spendenbüchse und darüber vier hebräische Buchstaben mit „Schwalben“:

Spendenbüchse mit vier hebräischen Buchstaben

Die vier hebräischen Buchstaben werden als Akrostychon (jeder Buchstabe ist der erste Buchstabe eines Wortes) gelesen:

מתן בסתר יכפה אף

Ein Geschenk im Geheimen verdrängt den Zorn Gottes
Sprüche 21,14

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Koschere Melange

Das Österreichische Jüdische Museum bloggt seit heute unter dem Titel „Koschere Melange“.
Wir heißen Sie mit diesem ersten Blogbeitrag herzlich willkommen.

Aus Marketinggründen, insbesondere auch aus Gründen der besseren Zitierbarkeit und des transparenteren Auftritts entschieden wir uns dafür unserem Blog einen eigenen Titel zu geben.

„Koschere Melange“ als Blogtitel war schnell gefunden und schien uns aus mehreren Gründen
passend:
Mit „Melange“ im engeren Sinn soll ganz bewusst ein Austriacum, die bekannte Wiener Kaffeespezialität, assoziiert werden. Mit „Melange“ im weiteren Sinn sollen die Bloginhalte angedeutet werden, nämlich eine möglichst bunte Mischung an Beiträgen aus dem Museumsalltag.

Dass diese Mischung behauptet koscher zu sein, scheint auf den ersten Blick ein (zu) hoher Anspruch. Doch ist es einerseits wohl eine Frage der Glaubwürdigkeit. Denn wie sollte ein jüdisches Museum, das sich wie das unsere der so spezifischen und bedeutenden jüdischen Geschichte der Region verpflichtet fühlt, etwas anderes servieren als eine koschere Melange ;-) ?
Andererseits wollen wir das Wort „koscher“ hier selbstverständlich nicht nur im engeren religiösen Kontext verstehen, sondern so wie wir es in unserer Alltagssprache verwenden.

Bleibt noch die Frage, ob es eine koschere Melange überhaupt gibt? Ja es gibt sie, wenn die Bestimmungen eingehalten werden. So ist etwa Milch streng genommen nur dann koscher, wenn die Milch von reinen Tieren stammt (Kuh, Schaf oder Ziege) und ihre Gewinnung vom Melken bis zur Flaschenbefüllung durch legitimierte jüdische Aufsichtspersonen überwacht wurde. Ist es unmöglich koschere Milch zu erhalten, wird meist auch die handelsübliche Milch erlaubt. Milch von nicht reinen Tieren (Kamel- oder Stutenmilch) ist hingegen streng verboten.
Schwieriger ist es beim Milchpulver, da auch dieses natürlich – etwa wie bei der Schokoladenproduktion – koscher sein muss.
Auf der Koscherliste der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland vom 07. November 2006 etwa wird die Hauspackung Wiener Melange von Möwenpick als koscher und damit als erlaubt ausgewiesen.

Wir hoffen, dass Sie unser Angebot des Blogs annehmen, laden Sie herzlich ein sich aktiv daran zu beteiligen und freuen uns sehr auf Ihre Anregungen, Kritiken und Antworten in den Kommentaren.

Auf der Seite „Über das Blog“ finden Sie mehr Informationen zu „Wer?“, „Wie?“ und „Warum?“.

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir den Besuch des kleinen Kaffeehauses von Ruth Winkler in der Hollandstraße im 2. Wiener Gemeindebezirk, wo Sie Wiens einzige (echte) koschere Melange genießen können …

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