Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Das Levitenhaus

Genau gegenüber dem Österreichischen Jüdischen Museum befindet sich das Haus Unterbergstraße 15. Über dem Eingangstor befindet sich ein Basrelief, das einen sehr schön gearbeiteten Krug mit Becken sowie acht hebräische…

Genau gegenüber dem Österreichischen Jüdischen Museum befindet sich das Haus Unterbergstraße 15. Über dem Eingangstor befindet sich ein Basrelief, das einen sehr schön gearbeiteten Krug mit Becken sowie acht hebräische Buchstaben darstellt. Die Buchstaben sind auf drei Zeilen aufgeteilt, links und rechts von Krug und Becken.

Das Symbol (Krug und Becken) zeigt an, dass der oder die Hausbesitzer bzw. die Hausbewohner Leviten waren, weshalb wir das Haus als (ehemaliges) Levitenhaus bezeichnen.

Ein wenig ärgerlich und beschämend für mich ist es schon, dass ich seit mittlerweile 25 Jahren fast täglich an diesem Haus vorbeigehe, unzählige Führungen durch das ehemalige jüdische Viertel von Eisenstadt gemacht habe, im Zuge derer ich jedes Mal dieses so schöne Symbol als einen der wenigen Zeugen der jüdischen Vergangenheit der Stadt erwähne … und noch immer nicht ganz sicher bin, was die Inschrift bedeutet.

1. Zeile:

ת | ק

2. Zeile:

חי | אב

3. Zeile:

כ | ל(פק)

1. Zeile: sehr gut lesbar, Befund sicher:
(Dass eine Jahreszahl vorkommt, zeigt der letzte Buchstabe in der 3. Zeile, siehe unten)
ת (Taw) hat den Zahlenwert 400, ק (Qof) den Zahlenwert 100, zusammen also 500.

2. Zeile: sehr gut lesbar, Befund unsicher:
חי hat den Zahlenwert 18, אב ist der jüdische Monat Av.
Wir würden also bisher den Monat Av im jüdischen Jahr 518 erhalten.
Allerdings bedeutet חי (Chaj), als Wort gelesen, „Leben“ und אב (Av) bedeutet neben dem Monatsnamen auch „Vater“.
Ob diese Bedeutungen hier eine Rolle spielen und wenn ja, welche, wage ich nicht mit Sicherheit zu beurteilen.

3. Zeile: 1. Hälfte nicht gut lesbar, 2. Hälfte sehr gut lesbar, Befund nur zu 50% sicher:
Der erste Buchstabe dürfte ein Kaf sein und somit den Zahlenwert 20 repräsentieren.
Möglich wären noch ein פ (Pe) oder ein נ (Nun) (Zweiteres unwahrscheinlich).
Wir würden also den 20. Av des (jüdischen) Jahres 518 erhalten.
Dass hier der Tag nach dem Monat und nicht, wie meist üblich, vor dem Monat steht, möchte ich schlicht und einfach mit Platzgründen bzw. Gründen der Symmetrie erklären. In der 3. Zeile hätten zwei Buchstaben, nämlich אב (Av), kaum/nicht Platz gehabt.

Der letzte Buchstabe stellt eine typische und insbesondere auch auf hebräischen Grabinschriften oft vorkommende hebräische Ligatur dar: Die hebräischen Buchstaben לפק (L P Q) werden zusammengezogen und das ל grafisch so geschrieben, dass es das פ und das ק andeutet.
In jedem Fall zwingt der Schluss der Inschrift mit לפק (L P Q) dazu, das Vorhergehende als Jahreszahl zu lesen, denn es bedeutet (abgekürzt) „Nach der kleinen Zeitrechnung“, also ohne den 5000er zu schreiben.

Das Datum rund um Krug und Becken ist also nach dieser Lesung und Deutung der 20. Av (5)518, das ist umgerechnet Donnerstag, der 24. August 1758.

Hat vielleicht eine/r unserer geneigten Leserinnen und Leser einen besseren Vorschlag?

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir die Betrachtung des wunderbaren Fensters „Der Stamm Levi“ von Marc Chagall in der Synagoge des Hadassa-Hospitals in Jerusalem. Wenn Sie nicht die Möglichkeit haben, nach Israel zu fahren, betrachten Sie einfach ein (sehr schönes) Bild davon im Web (Klicken Sie unbedingt auf das Vorschaubild, um es zu vergrößern).

Alternativ, für die Freunde schwererer Kost, empfehlen wir als Beilage die Lektüre des Buches „Levitenhaus“ von Isaac Landau (1859), das Sie als PDF-Datei (2.52 MB) downloaden können.


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Bild der Woche – Wiener Bagel

Neulich im Books & Bagels, Wiens (unseres Wissens) neuester Errungenschaft in Sachen jüdischer Kulinarik… PS: Nein – dies ist keine bezahlte Anzeige. Eine Übersicht von weiteren Angeboten (koscheren) jüdischen Essens…

Neulich im Books & Bagels, Wiens (unseres Wissens) neuester Errungenschaft in Sachen jüdischer Kulinarik…

PS: Nein – dies ist keine bezahlte Anzeige. Eine Übersicht von weiteren Angeboten (koscheren) jüdischen Essens in Wien bietet die Israelitische Kultusgemeinde (gehe zu > Restaurants & Hotels).


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Bild der Woche – Am Israel Chai

Von Tel Aviv ausgehend hat ein Graffito das Land erobert – das Sujet ist klassisch: „Am Israel Chai“ – wörtlich: „Das Volk Israel lebt“. Ein Exemplar nahe dem „Public Beach“…

Von Tel Aviv ausgehend hat ein Graffito das Land erobert – das Sujet ist klassisch:
„Am Israel Chai“ – wörtlich: „Das Volk Israel lebt“.

Graffito 'Am Israel Chai'

Ein Exemplar nahe dem „Public Beach“ von En Gedi (Totes Meer), aufgenommen im August 2009

Die dazugehörige „urbane Legende“ und Beispiele für (ebenso kreative wie kritische) Abwandlungen des Motivs finden sich hier.


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Mirjam – Maria ‚Gottes Geschenk‘

Immer wieder erhalten wir im Museum Anfragen nach der Bedeutung von vor allem hebräischen Vornamen. Und es ist ausgerechnet einer der weltweit verbreitetsten Namen, den zuerst die Schwester Mose, später…

Immer wieder erhalten wir im Museum Anfragen nach der Bedeutung von vor allem hebräischen Vornamen. Und es ist ausgerechnet einer der weltweit verbreitetsten Namen, den zuerst die Schwester Mose, später die Mutter Jesu und andere Frauen trugen, für den es viele sehr unbefriedigende und leider auch falsche Deutungen gibt: MirjamMaria.

מרים

Die sachlich leidlich befriedigende Anknüpfung an ägyptisch „mrjt“ „Geliebte“ kann das auslautende „m“ nicht erklären. Die oft bevorzugte Deutung „Wohlbeleibte“ sieht in dem Namen eine Ableitung von der Wurzel MR‘ „mästen“ und rechnet mit einem bei Frauennamen nie bezeugten Affix –ām, sicher unter dem Einfluss der Tatsache, dass der Name des Vaters von Mirjām und Mose, Amrām, in der Tat mit diesem Affix gebildet ist. Diese Deutung ist sprachlich und sachlich durch nichts zu rechtfertigen.

Wolfram von Soden, Mirjām – Maria „(Gottes-)Geschenk“, Erstpublikation in: Ugarit-Forschungen 2(1970), 269-272.

Dasselbe gilt, so Soden, der Lehrer meines verehrten Lehrers Hans Hirsch für Altsemitistik, auch für alle anderen, oft abenteuerlichen Ableitungsversuche (wie „Wasserprinzessin“ etc.).

Wolfram von Soden geht davon aus, dass „–ām“ kein Suffix sein kann, also kein morphologisches Element, das an die Wurzel gehängt wird, sondern dass das „m“ ein Wurzelkonsonant sein muss. Diese Überlegung legt die Wurzel „RJM“ nahe: akkadisch „riāmu/rāmu“ („schenken“), und „mi-“ muss das bekannte Nominalpräfix sein.

Zum besseren Verständnis des Gesagten sei kurz angemerkt: In den semitischen Sprachen, also auch im Akkadischen und Hebräischen, hängt an der Wurzel eines Wortes (das sind meist 3 Konsonanten) die Bedeutung des Wortes. Vor, zwischen und nach diesen Wurzelkonsonanten (den „Radikalen“) können Konsonanten gesetzt werden, die dann grammatikalische und wortbildende Funktionen besitzen.
Beispiel: An der hebräischen Wurzel „KTB“ (כתב) haftet die Bedeutung „schreiben“. Mit dem Nominalpräfix „M(i)“ erhalten wir das Substantiv „Brief“ „Michtav“ (מכתב).

Nicht verwechselt werden darf das akkadische „riāmu/rāmu“ mit den sehr ählichen Wörtern „rāmum/ra’āmu“ „lieben“ und „rēmum/re’āmum“ „sich erbarmen“.

Wenn also „Mirjām“ (in der Septuaginta, der griechischen Bibelübersetzung, „Marjām“ vokalisiert) „Geschenk“ bedeutet, kann der biblische Name Mirjam eigentlich nur mehr als „Gottes Geschenk“ gedeutet werden. Mit dieser Deutung können wir auch besser verstehen, dass der einzige andere Träger dieses Namens, den die hebräische Bibel kennt, ein Mann ist, nämlich Mirjām in 1 Chronik 4,17, dessen Mutter als ägyptische Prinzessin bezeichnet wird. Denn als Geschenk Gottes können selbstverständlich Mädchen wie Knaben dankbar bezeichnet werden.

„Rīm“ in der Bedeutung „schenken“ ist im Hebräischen sonst nicht belegt, die Wurzel „RJM“ finden wir nur in der Bedeutung „heben“. Es handelt sich aber auch um kein ursprünglich akkadisches Verb, da „riāmu/rāmu“ erst nach 1400 ins Mittelbabylonische und – nur mit dem Substantiv „rīmūtu“ – ins Mittelassyrische übernommen wurde. Offenbar ist dieses „rīmum“ aus einer anderen semitischen Sprache, etwa dem Altamoritischen, entlehnt. Der Name Mirjām/Marjām zeigt lediglich, dass es im Südkanaanäischen von Midian und angrenzenden Gebieten das Wort „mi/arjām“ „Geschenk“ gab, wir wissen aber nicht, ob das Verb „rīm“ zur Zeit von Mose und Mirjam noch in lebendigem Gebrauch war. Da „jarīm“ „er erhöht“ sonst in Namen nicht bezeugt ist, hält der Altsemitist Otto Loretz es für durchaus möglich, dass etwa auch der Prophetenname Jeremia (ירמיהו) als „Gott hat geschenkt“ gedeutet wird (zumindest was die ursprüngliche Bedeutung des Namens betrifft).

Mirjam – Maria, ein „Geschenk Gottes“ – die sprachlich nachvollziehbarste und wohl auch schönste Deutung des bekannten Eigennamens.

2 Kommentare zu Mirjam – Maria ‚Gottes Geschenk‘

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