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Schawu’ot 5773

Am kommenden Dienstag ist Erev Schawu’ot, der Vorabend des Schawu’otfestes. Schawu’ot („Wochenfest“) – „das Fest mit den vielen Namen„, wie es Rabbiner Joel Berger nennt. Allen voran ist es neben dem „Fest der Erstlingsfrüchte“ das „Fest der Toragebung“ (זמן מתן תורתנו „sman matan toratenu“): Gott hat dem Volk Israel durch Mose die Tora gegeben. Von vielen wird dieser Tag auch als der Tag gesehen, an dem Israel die 10 Gebote erhielt.

Eine wohl nicht so bekannte, aber höchst eindrucksvolle Darstellung der Gesetzgebung auf dem Sinai finden wir in der berühmten Amsterdamer Haggada, sowohl in der Erstausgabe von 1695 als auch in der Ausgabe von 1712.

Amsterdamer Haggada 1695, Gesetzgebung am Sinai

Amsterdamer Haggada 1695, Gesetzgebung am Sinai, fol 10v

Unter dem Bild finden sich 2 Zitate: 1) משה ידבר והאלהים יעננו בקול „… Mose redete und Gott antwortete im Donner“ (2. Buch Mose 19,19) und 2) ויאמרו כל אשר דבר יהוה נעשה ונשמע „…Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun; wir wollen gehorchen“ (2. Buch Mose 24,7).

(Scan aus „Schubert U., Jüdische Buchkunst, 2. Teil, Graz 1992, Abb. 66“)

Amsterdamer Haggada 1695, Gesetzgebung am Sinai, Detail

Amsterdamer Haggada 1695, Gesetzgebung am Sinai, Detail

Schon 1625 hatte Matthäus Merian d.Ä. seine „Icones Biblicae“ als Kupferstiche mit Versen und Reimen in 3 Sprachen herausgebracht. 1630 erschien in Straßburg die Lutherbibel, in der Merian die Kupferplatten erstmals zur Illustration einer Foliobibel verwendet und die Zahl der Bilder erweitert hatte. Das Zeitalter des Kupferstichs in der Bibelillustration hatte damit begonnen und die Holzschnitte abgelöst.

Etwa zur selben Zeit, nämlich 1626, gründete Menasse ben Israel in Amsterdam eine hebräische Druckerei und gab eigene, neue Schrifttypen in Auftrag. Das „Be’otiot Amsterdam“ (באותיות אמסטרדם „Mit den Buchstaben von Amsterdam“), von vielen (nicht-niederländischen) Schreibern auf die Titelseiten gesetzt, ist legendär, wenngleich oft unrichtig und nur verwendet, weil die Qualität der Amsterdamer Buchstaben so hervorragend war.

Bald entsprachen Holzschnittillustrationen nicht mehr den Wünschen der jüdischen Gemeinde von Amsterdam, im 17. Jahrhundert hatte der Kupferstich in den hebräischen bzw. judendeutschen Drucken bislang nur auf der Titelseite Verwendung gefunden.
Auch ein erst in den 80er-Jahren des 17. Jahrhunderts zum Judentum konvertierter christlicher Theologe (so die opinio communis) war von den neuen Kupferstichtechniken angetan und in Amsterdam als Kupferstecher tätig. Die bedeutendste Arbeit dieses Abraham bar Jakob sind die im Auftrag des Aluph Mose Wesel geschaffenen Kupferstichillustrationen für die 1695 in Amsterdam gedruckte sogenannte Amsterdamer Haggada.

Wohl dem Manne (M. Wesel), der die Weisheit gefunden und mich (Abraham bar Jakob) den Weg im heiligen Handwerk gewiesen hat … Früher, heißt es, wurden die Bilder in Holz geschnitten, was nicht so glanzvoll war, … Heute, da die Bilder in Kupfer gestochen sind, ist es wie der Vorzug des Lichtes gegenüber der Finsternis, ein Höchstmaß an Schönheit.

Als Vorlage für die Haggada-Illustrationen herangezogen – ob vom Auftraggeber angeregt oder vom Künstler, bleibt offen – wurden jedenfalls die bei christlichen Käufern sehr beliebten Kupferstiche des eingangs erwähnten Matthäus Merian d.Ä. Dass die Amsterdamer Haggada dadurch völlig um das rabbinische Legendengut gebracht wurde, liegt auf der Hand, die Kupferstiche von Matthäus Merian waren für die Illustrierung der Pesach-Haggada völlig ungeeignet. Weitere schwerwiegende Mängel und das Fehlen aller Ritusdarstellungen sowie traditioneller Textillustrationen in der Erstausgabe von 1695 führten jedenfalls zu heftigen Widerständen.
Die Neuauflage von 1712 sollte hier Abhilfe schaffen, beide Ausgaben der Amsterdamer Haggada wurden v.a. aufgrund der Neuordnung ihrer Bilder als auch der neuen Technik zur Vorlage für fast alle jüdischen Illustratoren des 18. Jahrhunderts.

Amsterdamer Haggada 1712, Gesetzgebung am Sinai

Amsterdamer Haggada 1712, Gesetzgebung am Sinai, fol 15v

Amsterdamer Haggada 1712, Gesetzgebung am Sinai, Detail

Amsterdamer Haggada 1712, Gesetzgebung am Sinai, Detail

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Schavu’ot!

חג שבועות שמח!

Kunst und Kultur, Leben und Glaube

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Bilder der Woche – Die Venezianische Haggada

Zum Pesachfest 5772

Im Jahr 1609 entschloss sich der in der Nähe von Padua geborene Israel ben Daniel Zifroni eine völlig neu gestaltete Pesach-Haggada herauszugeben. Ganz offensichtlich selbst nach einem langen Berufsleben mit entsprechendem Bildmaterial und künstlerischen Ausstattungen bestens vertraut, mangelte es Zifroni aber auch nicht an Selbstbewusstsein. Denn unter den Titel schrieb er:

Die Gestaltung jeder einzelnen Seite ist eine neue Erfindung. Der ganze Text der Haggada wurde mit Bibelszenen illustriert, damit ganz Israel all die wunderbaren Dinge sehe und verstehe, die sich die Väter nicht hatten träumen lassen.

Und setzte noch drauf in Hinblick auf seine eigene Person:

Burschen und Mädchen, Greise und Jünglinge, preiset den Namen des Herrn, der mich dazu veranlasst hat, mich, den Zifroni, eine derartige Pracht herauszugeben.

Nun, bei allem Respekt, ganz so neu, wie er schreibt, ist freilich nicht alles in der Venezianischen Haggada. Wir finden mehrere geläufige Bildinterpretationen und Übernahmen von illustrierten Bilddrucken, aber tatsächlich wurde auch eine beachtliche Zahl von Bildern wirklich ganz neu geschaffen. So etwa die Architekturumrahmung der einzelnen Seiten; jede Seite ist von zwei Säulen eingerahmt, die einen Giebel tragen, wodurch ein sehr monumentaler Eindruck entsteht.

Eine weitgehend neue und sehr phantasievolle Illustrierung finden wir auch auf Seite 15 der Haggada:

Venezianische Haggada, 1629, Seite 15

Über dem Bild eine Art Überschrift in deutscher Sprache, in Raschi-Schrift geschrieben:

Wie die Weiber haben sich gespiegelt mit ihren Mannen.
und unter den Apfelboim sein sie kumen zusammen.

Beim Bild handelt es sich – grundsätzlich – um die Illustrierung jenes Textes in der Pesach-Haggada, der den Propheten Ezechiel zitiert und dessen Wort sozusagen als Metapher für die Vermehrung der Israeliten in Ägypten anführt (der hebräische Text ist unter dem Bild zu sehen):

Zahlreich – wie es heißt (Ezechiel 16:7):
Zahlreich wie die Pflanzen des Feldes habe Ich dich gemacht, vermehrt hast du dich und bist groß geworden und bist gekommen in feinstem Schmuck, Brüste reiften und dein Haar spross – doch du warst nackt und bloß.

Die Venezianische Haggada zeigt aber nicht – etwa wie die Mantua-Haggada (1560 u. 1568) – eine nackte vollbusige Frau mit langem wirrem Haar, sondern 3 Einzelszenen in einem Bildrahmen am oberen Seitenrand. Und diese wollen wir uns genauer ansehen:

Wir beginnen

Links: Unter einem Apfelbaum sitzen ein Mann und eine Frau, die in einen Spiegel schauen. Die Anregung zu allen drei Bildern stammt aus der rabbinischen Tradition (siehe v.a. Sota 11b; Exodus rabba 1,7.12; Tanchuma Pequde 9), die berichtet, dass die Israeliten, die in Ägypten Zwangsarbeit verrichten mussten, nicht zu Hause schlafen durften, um ihren Frauen nicht beizuwohnen und Nachkommen zeugen zu können. Aber die Frauen gingen zu ihren Männern auf die Felder und brachten ihnen kleine Fische zum Essen. Nach dem Essen nahmen die Frauen ihre Spiegel und schauten gemeinsam mit ihren Männern hinein. Durch die erotische Anregung schwanger geworden kehrten sie zurück nach Hause. Zur Geburt gingen sie aber wieder auf das Feld hinaus und gebaren unter dem Apfelbaum, wie es im Hohelied 8,5 heißt:

Unter dem Apfelbaum hab ich dich geweckt, dort, wo deine Mutter dich empfing, wo deine Gebärerin in Wehen lag.

Mittleres Bild der Illustration

Mitte: Das mittlere Bild bezieht sich direkt auf den Haggada-Text davor (also vor dem Ezechielzitat, s.o.):

Groß und stark: wie es heißt in Ex 1,7:
Aber die Söhne Israels waren fruchtbar, sodass das Land von ihnen wimmelte. Sie vermehrten sich und wurden überaus stark; sie bevölkerten das Land.

Um die Illustration zu verstehen, müssen wir den Pentateuchkommentar des Raschi (Rabbi Schlomo ben Jitzchaq, 1040-1105) heranziehen, der sich auf die 6 Worte bezieht, die in diesem Bibelvers die Fruchtbarkeit der Israeliten beschreiben:

Und wimmelten, sie gebaren sechs in EINEM Mutterschoß (also bei einer Schwangerschaft).

Die Darstellung der sechs gleich großen Kinder, die sich um die Mutter scharen, bezieht sich also auf die Interpretation Raschis. Die Bildvorlage selbst dürfte Zifroni von der Bilderbibel des Moses dal Castellazzo, fol. 71 genommen haben:

Bilderbibel des Moses dal Castellazzo, fol. 71

Bilderbibel. Warschau, Jüdisches historisches Institut, Codex 1164. Oberitalien, Kopie einer Holzschnittfolge des Moses dal Castellazzo (ca. 1520) aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts.
Fol. 71: Vermehrung der Israeliten in Ägypten: Jede Mutter hat sechs Kinder (s.o.).

Rechtes Bild der Illustration

Rechts:
Die Ägypter wollten die neugeborenen israelitischen Kinder töten, doch die Erde verschlang sie schützend. Nachher aber kamen sie wie Pflanzen wieder aus der Erde hervor. Daher finden sich in der Illustration die Blumen vor den Kindern!

Dieses dritte Bild ganz rechts basiert wieder auf dem eingangs zitierten Prophetenwort Ezechiel 16,7:

„Zahlreich wie die Pflanzen auf dem Felde habe ich dich gemacht …“


Anmerkung: Nur der Genauigkeit halber sei hier kurz angemerkt, dass für die obige Beschreibung nicht der Druck (der Venezianischen Haggada) von 1609 (Bodleian Library in Oxford, Ms. Opp. Add. Fol. III, 468), sondern die Faksimileausgabe für den Druck von 1629, Bne Brak 1975 mit einer Einleitung von Bezalel Narkiss, herangezogen wurde. In der Ausgabe von 1609 wäre die besprochene Illustration auf Seite 14 zu finden.
Die beiden Ausgaben unterscheiden sich marginal, u.a. in der Paginierung um eine Seite. In beiden Ausgaben aber wird auf der Titelseite vermerkt, dass es sich um eine „neue Erfindung auf jeder einzelnen Seite handelt und dass der Text entsprechend illustriert wurde“.

Literatur

  • Kurt Schubert, in: Klaus Lohrmann (Hg.), 1000 Jahre österreichisches Judentum, Ausstellungskatalog, Eisenstadt 1982, 326 (No. 73)
  • Schubert U., Bilder zur Bibel im Judentum, Graz o.J.
  • Schubert U., Jüdische Buchkunst I, Graz 1983
  • Schubert U., Jüdische Buchkunst II, Graz 1992

 

Wir wünschen Ihnen ein frohes und koscheres Pesachfest 5772!

חג פסח כשר ושמח

Außerdem wünschen wir unseren christlichen Leserinnen und Lesern ein frohes Osterfest!

Bild der Woche, Kunst und Kultur, Leben und Glaube

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Bild der Woche – Purim 5772/2012

Am 14. Adar, heuer Donnerstag, der 8. März, wird Purim gefeiert. Die Ereignisse, auf die sich das Fest bezieht, liegen in teils historischer, teils legendärer Überlieferung im biblischen Buch Ester vor. Das Fest wurde nach dem „Pur“, dem Los benannt, nach welchem der königliche Ratgeber Haman den 13. Adar zur Vernichtung der persischen Juden zur Herrschaftszeit des Achaschwerosch/Artaxerxes festgelegt hatte. Durch das Einschreiten Esters und ihres Cousins/Onkels bzw. Adoptivvaters Mordechai konnte aber das Unglück von den Juden in Persien abgewandt werden … und es wurden nicht die Juden ausgerottet, sondern Haman und seine 10 Söhne landeten schließlich am Galgen.

Eine höchst interessante und vor allem ungewöhnliche Darstellung einer Reihe von Szenen aus dem Buch Ester finden wir fol. 157r im Regensburger Pentateuch (um 1300, Jerusalem, Israel Museum, Ms 180/52).

Die Darstellungen zeigen hier keinerlei Übereinstimmung mit früheren Wiedergaben des Themas oder mit außerbiblischen Midraschmotiven! Die Themen der sechs Bilder sind in zwei Reihen übereinander angeordnet: in der oberen Reihe, unter einer Doppelarkade, steht Ester vor Achaschwerosch, der auf seinem Thron sitzt, links daneben der erhängte Haman. In der unteren Reihe dann die 10 erhängten Söhne Hamans, rechts daneben Mordechai auf dem Pferd des Königs. Unter dem Pferdehuf ein menschlicher Kopf, wohl jener des Haman? Die Söhne sind jeweils zu fünft auf zwei Balken aufgehängt:

Regensburger Pentateuch, um 1300, fol. 157r

Das hebräische Wort „Ez“ עץ bedeutet sowohl „Holz“ als auch „Balken“, was die ungewöhnliche Darstellung im Regensburger Pentateuch rechtfertigt! Außerdem entspricht sie dem biblischen Bericht, in dem über die Tötung Hamans und jene seiner Söhne getrennt berichtet wird:

Vor dem Haus Hamans steht schon ein fünfzig Ellen hoher Galgen; ihn hat Haman für Mordechai aufgestellt, der dem König durch seine Anzeige einen guten Dienst erwiesen hat. Der König befahl: Hängt ihn daran auf! Da hängen sie Haman an den Galgen, den er für Mordechai errichtet hatte…

Ester 7,9

Und erst zwei Kapitel später, in Ester 9,13f, ist auch von der Tötung der 10 Söhne Hamans die Rede:

Ester antwortete: „Außerdem soll man die zehn Söhne Hamans an den Galgen hängen“. Der König befahl, es solle so geschehen. Man gab also in Susa noch einen Erlass heraus und hängte die zehn Söhne Hamans auf…

Schließlich soll noch ein Beispiel gezeigt werden, wie die mit dem Regensburger Pentateuch etwa zeitgleichen Handschriften aus Deutschland die Hängung Hamans und seiner Söhne darstellen: nämlich an den Zweigen eines Baumes:

Wormser Machzor, 1272, fol. 57r

Wormser Machzor, 1272, Jerusalem, National- und Universitätsbibl. Ms. Hebr. 4° 781/I, fol. 57r

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Purim!

חג פורים שמח לכולם

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir – vor allem jenen, die eine Lesehilfe für die Megillat-Ester benötigen – die Schulungsvideos von Rabbiner Rabbi Hillel Chajm Lavery-Yisraeli aus Jerusalem! Gefunden und mehr Informationen auf „Chajms Sicht„!

Bild der Woche, Kunst und Kultur, Leben und Glaube

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Bild der Woche – Chanukka und ein abgeschlagener Kopf

Was Judit und Holofernes mit Chanukka zu tun haben

Übermorgen, am Dienstag, dem 20. Dezember, ist der 24./25. Kislew und damit Erev Chanukka. Es ist wohl hinlänglich bekannt, dass das achttägige Chanukkafest an die Wiedereinweihung des Altars im Jerusalemer Tempel durch Judas Makkabäus 164 v.d.Z. erinnert, nachdem der seleukidische (hellenistisch-griechische) König Antiochus Epiphanes vier Jahre zuvor den Tempel entweiht hatte. So lesen wir im ersten Buch der Makkabäer 4,52-59, das sich übrigens – und das mag erstaunen – wie auch das zweite Buch der Makkabäer nicht in der hebräischen Bibel befindet!

Im Traktat Schabbat 21b des babylonischen Talmud werden die acht Tage mit einer Legende begründet, dass nämlich das wenige vorhandene Öl nicht ausreichte, um die Flammen des Leuchters acht Tage zu nähren, und nur ein einziges Krüglein Öl tatsächlich den Leuchter acht Tage lang speisen konnte, bis wieder neues „koscheres“ (rituell taugliches) Öl zur Verfügung stand:

Ein großes Wunder geschah dort!

Chanukkaillustration: Birkat ha-mazon, Wien 1751

Judit mit dem abgeschlagenen Kopf des Holofernes. Illustration zu Chanukka im Birkat ha-mazon von Meschullam Simmel, Wien 1751.
Das Büchlein ist übrigens gerade mal 8.4cm x 10.4cm groß und in unserer Dauerausstellung zu besichtigen!

Wir befassen uns heute ein wenig mit den „Birkat-ha-mazon“-Büchlein, einer Sammlung von – vor allem ab dem 18. Jahrhundert – meist eher textknappen Segenssprüchen zu den verschiedensten Situationen des Alltags samt den dazugehörigen Illustrationen, die in keinem jüdischen Haushalt fehlen durften. Der älteste und nur in einem einzigen Exemplar erhaltene Druck eines solchen Büchleins wurde im Jahr 1514 in Prag herausgebracht. Einheitlich in allen Handschriften finden wir am Beginn die Segenssprüche zu den beiden Freudenfesten Purim und Chanukka, wobei insbesondere eine Bildrezension zu Chanukka nicht ganz leicht zu überblicken ist. Denn in vielen Birkat-ha-mazon-Handschriften und -Drucken ist der Chanukkatext nicht nur mit einem Leuchter illustriert, den der in zeitgenössische Tracht gekleidete Hausherr entzündet, sondern es findet sich noch zusätzlich die Darstellung von Judit, die dem schlafenden Feldherrn Holofernes den Kopf abschneidet und diesen in einen von ihrer Dienerin bereitgestellten Sack gibt.

Die Geschichte von Judit und Holofernes lesen wir übrigens im Buch Judit, das sich – wiederum erstaunlich – so wie die beiden Makkabäerbücher ebenfalls nicht in der hebräischen Bibel findet:

Dann ging sie zum Bettpfosten am Kopf des Holofernes und nahm von dort sein Schwert herab. Sie ging ganz nahe zu seinem Lager hin, ergriff sein Haar und sagte: Mach mich stark, Herr, du Gott Israels, am heutigen Tag! Und sie schlug zweimal mit ihrer ganzen Kraft auf seinen Nacken und hieb ihm den Kopf ab. Dann wälzte sie seinen Rumpf von dem Lager und riss das Mückennetz von den Tragstangen herunter. Kurz danach ging sie hinaus und übergab den Kopf des Holofernes ihrer Dienerin, die ihn in einen Sack steckte …

Judit, 13, 6-10

Ein Chanukka-Pijjut, also eine religiöse Dichtung zum Fest, erklärt die Verbindung der Judith-Holofernesgeschichte mit jener von Chanukka:
Demnach verbot König Antiochus Epiphanes nicht nur die Ausübung der jüdischen Religion, sondern bestimmte als weitere judenfeindliche Maßnahme, dass dem Oberkommandanten das „ius primae noctis“ zustehe. Als dieses aber bei der Tochter des Hohepriesters Jochanan zur Anwendung kommen sollte, töteten ihre Brüder mit Judas Makkabäus an der Spitze den feindlichen Feldherrn. Daraufhin zog Holofernes aus Rache gegen Jerusalem und wurde dort von der tapferen Judit getötet.

Daher findet man diese Darstellung vor allem in jenen Birkat-ha-mazon-Handschriften, die für weibliche Besitzer bestimmt waren, um auf die tapferen Frauen Israels hinzuweisen …

Bleibt noch anzumerken, dass der Chanukkabrauch, gesalzene Käsegerichte zu essen, auf dieses Ereignis zurückgeht: Angeblich setzte Judit dem Holofernes gesalzenen Käse vor und nachdem dieser seinen großen Durst mit vielen Bechern Wein gelöscht hatte und betrunken eingeschlafen war, konnte sie ihm den Kopf abschlagen.

Aber nicht mit dem Klassiker „Maos Zur„, einem Pijjut aus dem 13. Jahrhundert, sondern mit einem sehr modernen rockigen Adam Sandler wünschen wir allen Leserinnen und Lesern ein fröhliches Chanukkafest – Happy Chanukka – חג אורים שמח
und außerdem unseren christlichen Leserinnen und Lesern ein frohes Weihnachtsfest und allen einen guten Start ins Neue Jahr!

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir die beiden ausgezeichneten Beiträge zu Chanukka, in denen Sie mehr über Geschichte und Bräuche des Festes erfahren: „Nicht durch Macht und nicht durch Stärke …“ von Hartmut Bomhoff sowie „Chanukka – ein Fest des Kulturtransfers“ von Martha Keil.

Bild der Woche, Leben und Glaube

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Bild der Woche – Jona

In wenigen Tagen, am 10. Tag nach Rosch haSchana, also am 10. Tischre, heuer Schabbat, der 08. Oktober, ist Jom Kippur (Versöhnungstag).

Meerwurf des Jona, Kennicot-Bibel, fol. 305r

Meerwurf des Jona, Kennicot-Bibel, fol. 305r

Am Versöhnungstag wird in der Synagoge das kleine Prophetenbuch Jona gelesen. Und zwar zum Mincha, das etwa in der Wiener Synagoge (Seitenstettengasse) um 18.10 Uhr gebetet wird.

Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Jona ben Amittai? Als das Wort Gottes an ihn ergeht, nach Ninive zu gehen, versucht Jona an die Goldküste von Tarschisch zu fliehen. Jona möchte sich dem Auftrag Gottes entziehen, versteckt sich auf einem Schiff, das aber bald in schwere Turbulenzen gerät, woraufhin sich Jona schlafend stellt. Die Matrosen entdecken den blinden Passagier und der Kapitän, der in Jona den Schuldigen für den Sturm vermutet, stellt den sich schlafend Stellenden zur Rede. Dann warfen sie Jona ins Meer und das Meer hörte auf zu toben. Jona selbst aber wurde gerettet, denn der Herr schickte einen großen Fisch, der Jona verschlang und ihn nach 3 Tagen ans Land spie. Gott sprach ein zweites Mal zu Jona und diesmal ging dieser nach Ninive, wie es ihm befohlen war …

Eine ausgesprochen bemerkenswerte Interpretation der „Antwort des Jona“ an den Kapitän des Schiffes finden wir im gleichnamigen Buch von Schalom ben Chorin (Hamburg, 1966):

Und nun tun der Kapitän und seine Gefolgschaft genau das, was die Völker in der fast zweitausendjährigen Diaspora-Geschichte Israels immer wieder taten, sie fragten den Juden auf seine Existenz hin:

„Sage uns, warum geht es uns so übel? Was ist dein Gewerbe, und wo kommst du her? Aus welchem Lande bist du, und von welchem Volke bist du?“ (Jona 1,8).

Sie fragen ihn als den Fremden, den Ur-Frenden, und sie fragen ihn sofort nach ihrem eigenen Unglück. Er, der Gefragte, soll ihnen sagen, warum es ihnen so übel ergeht? Er, der Fremde, muss den Schüssel für das Unglück der Völker haben …

Und nun erwacht Jona zur Erkenntnis der eigenen Existenz und gibt jene umfassende Antwort, in der Wesen und Sendung Israels in ihrer Doppelheit formuliert ist:

„Ich bin ein Hebräer und fürchte den Herrn, den Gott des Himmels, welcher gemacht hat das Meer und das Trockene“ (Jona 1,9)

Diese Antwort ist die ganze Antwort des Judentums … [sie] zerfällt in zwei Teile, die aber ein unlösbares Ganzes bilden: in den nationalen und den religiösen Existenzbezug Israels.

Jona beginnt mit dem nationalen Bekenntnis: „Ivri Anochi“ – Ein Hebräer bin ich. Er tarnt sich nicht. Er stellt das eindeutige und klare Bekenntnis zur hebräischen Nation allem Credo voran … Aber damit erschöpft sich die Antwort nicht, sondern sie setzt sich fort, geht … über in das monotheistische Bekenntnis…

Das religiöse und nationale Element sind in der Antwort des Jona enthalten und machen so – in dieser unlösbaren Einheit – jüdisches Bekenntnis, jüdische Antwort an die fragende Welt aus.

Schalom ben Chorin, a.a.O., 13ff

Das Bild oben, „Der Meerwurf des Jona“, finden wir in der Kennicot-Bibel (Oxford, Bodleian Libr. Ms. Kennicot 1), einer 1476 in La Coruña geschriebenen sephardischen Bibel. Als Vorlage diente die Cervera-Bibel. Deren Schreiber, Samuel ben Abraham ibn Natan, berichtet, dass er sich ein Jahr lang in dem kleinen Ort Cervera aufgehalten habe, um dort sein gebrochenes Schienbein zu heilen, und dass er in dieser Zeit (18. Juli 1299 – 19. Mai 1300) die Bibel geschrieben habe. Beide Bibeln haben sowohl ein Kolophon des Schreibers als auch eines des Malers, was für jüdische Handschriften eine große Seltenheit ist. Sämtliche Buchstaben des Kolophons sind aus zoo-, anthropomorphen oder aus vegetabilen Bestandteilen zusammengesetzt, eine Eigentümlichkeit der sephardischen Buchmalerei, in der solche aus Tier- und Menschenprotomen gebildeten Buchstaben häufig für Initialwörter Verwendung fanden.

Das Kolophon des Malers (fol. 447r) befindet sich genau wie in der Cervera-Bibel auf dem letzten Blatt der Handschrift und wiederholt auch wörtlich den dortigen Text:

Ich, Joseph, ibn Chajim, illustrierte dieses Buch und vollendete es.

Auch der „Meerwurf des Jona“ ist in der Kennicot-Bibel (fol. 305r) aus der Cervera-Bibel übernommen (dort fol. 304r).

Vgl. Ursula und Kurt Schubert, Jüdische Buchkunst, I, Graz 1983, 83f

Yom Kippur: Overboard (Jonah’s Song)

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