Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: eisenstadt

Danke

Ein ganz großes Danke an die Freistadt Eisenstadt, ihren Bürgermeister Mag. Thomas Steiner und ganz besonders an Josef Kornfeld und seine beiden Mitarbeiter Thomas und Bernhard vom städtischen Bauhof Eisenstadt,…

Ein ganz großes Danke an die Freistadt Eisenstadt, ihren Bürgermeister Mag. Thomas Steiner und ganz besonders an Josef Kornfeld und seine beiden Mitarbeiter Thomas und Bernhard vom städtischen Bauhof Eisenstadt, die uns heute – ein weiteres Mal – und bei über 30 Grad Hitze enorm geholfen haben!

Im Zuge der digitalen Erfassung des jüngeren jüdischen Friedhofes in Eisenstadt 2017 zeigte sich, dass fast ein Drittel der Grabsteine umgefallen und oft zerbrochen waren. Gut die Hälfte davon war in die Erde eingesunken oder lag, oft in mehreren Teilen, sogar an anderen Orten am Friedhof. Viele der hebräischen Grabinschriften waren heute nicht mehr lesbar, viele der Grabsteine wären in Bälde völlig in der Erde versunken und praktisch nicht mehr auffindbar gewesen.

Es war in der Tat ein Gebot der Stunde zu retten, was noch zu retten ist: Nach der Erfassung und Zuordnung der Grabsteine mussten die Steine nun aufgestellt, an ihre ursprünglichen Standorte zurückgebracht und zumindest so positioniert werden, dass die Inschriften lesbar sind und die Grabsteine nicht weiter Schaden nehmen.

Da die meisten Grabsteine mehrere hundert Kilo wiegen, war an eine Arbeit in Eigeninitiative natürlich nicht zu denken. Und es sei wiederholt: Wir finden es nach wie vor nicht für selbstverständlich und sind wirklich sehr glücklich, dass die Freistadt Eisenstadt diesen so wertvollen Beitrag zur Sanierung des Friedhofes leistet, eine Arbeit übrigens, die weit über alle geschlossenen Verträge und Verpflichtungen hinausgeht!
(Das grüne Monsterfahrzeug, das ich unten „schweres Gerät“ nenne, heißt übrigens „Teleskoplader“, wie ich heute gelernt habe).

Denn nicht zuletzt geht es auch bei dieser Arbeit um eine der wichtigsten Mitzwot, der „Kavod Hamet“, der Achtung und Wahrung der Würde der Toten.

Die Arbeit am jüngeren jüdischen Friedhof geht indes weiter: Einige Steine müssen noch aufgestellt werden, da war heute der Platz für den großen Teleskoplader zu eng und wir arbeiten mit Hochdruck an der Erstellung der QR-Codes für jeden Grabstein sowie an ständigen Ergänzungen und Korrekturen an der digitalen Version. Wir halten Sie am Laufenden…

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…und sie alle werden nicht mehr zurückkehren…

Zwei Zeitdokumente – Briefe von Sandor und Frieda Wolf an ihre Freunde in Triest Die Arbeit am jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt hat eine neue Perspektive notwendig gemacht. Während die…

Zwei Zeitdokumente – Briefe von Sandor und Frieda Wolf an ihre Freunde in Triest

Die Arbeit am jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt hat eine neue Perspektive notwendig gemacht. Während die primäre Frage am älteren jüdischen Friedhof war:

Woher sind die Menschen gekommen, die sich in Eisenstadt ansiedelten und auch hier starben?

war die entscheidende Frage nun:

Was ist aus den Ehepartnern, Geschwistern, Kindern und Enkelkindern jener Juden, die auf dem Friedhof begraben sind, geworden? Konnten sie rechtzeitig fliehen und überleben oder führte ihr Weg nach Auschwitz und in den Tod?

Was wir bisher wissen und traurige Gewissheit ist: Es sind so viele Familienmitglieder der insbesondere zweiten und dritten Generation der auf den jüdischen Friedhöfen Eisenstadt begrabenen Juden, die die Schoa nicht überlebten. Viele von ihnen lebten vor ihrer Deportation nicht mehr in Eisenstadt und werden daher in den Datenbanken nicht zu den burgenländischen Opfern der Schoa gezählt.
Das Österreichische Jüdische Museum hat es sich zu einer seiner primären Aufgaben gemacht, über den „regionalen Tellerrand“ zu blicken, um die Geschichte der jüdischen Familien von Eisenstadt möglichst lückenlos zu dokumentieren. Allein der erste der beiden vorliegenden Briefe ließ uns vier Schoa-Opfer nachtragen.

Im Folgenden die beiden Briefe vom Sommer 1945 und März 1946.

Tief berührend in den Briefen sind die Trauer und der Schmerz über jene Familienangehörigen und Freunde, die den Holocaust nicht überlebten,
die große und qualvolle Ungewissheit, wer von den Verwandten und Freunden vielleicht doch die schreckliche Zeit überlebt haben könnte, und – insbesondere im handschriftlichen Zusatz im ersten Brief deutlich erkennbar – die große Freude, oft erst sehr spät erfahren zu haben, dass einzelne Angehörige und Freunde doch überleben konnten und in Sicherheit waren.

Die Ungewissheit aber wurde oft zur Gewissheit (wenn auch in diesem Fall Sandor Wolf sie nicht mehr erlebt hat): So wurde etwa seine Nichte Grete Back (s.u.), von der er so lange nichts gehört hatte, in Auschwitz ermordet.

Erster Brief

Haifa, Sommer 1945. Der letzte (uns bekannte) Brief von Sandor Wolf, der am 2. Jänner 1946 stirbt. Adressat sind Irma und Emilio Stock in Triest. Irma, Tochter des Eisenstädter Lederhändlers Leopold Hirschler, hatte 1903 in Baden bei Wien Manó Emil Stock, den Bruder des Gründers des Stock-Spirituosen-Imperiums Lionello Stock, geheiratet und war mit ihrem Ehemann nach Triest gezogen.
Emilio Stock starb 1951, Irma Stock, geb. Hirschler, 1972. Mit ihnen begraben auf dem jüdischen Friedhof in Triest auch Sohn Guido, geb. 1904 in Spalato/Split, gest. 1992 in Kitzbühel.

Die tiefe und respektvolle Freundschaft zwischen Sandor Wolf und der Familie Hirschler / Stock hatte ihre Wurzeln in der alten und geliebten Heimat, in Eisenstadt. Eine „Heimatliebe, die man (wohl nicht nur) Sandor Wolf ausgebläut hatte„, wie wir im Brief lesen. Und es kann nur deutlich wiederholt werden: Nein, Sandor Wolf beabsichtigte keineswegs nach Eisenstadt zurückzukehren (wie immer wieder behauptet wird, etwa hier). Es wäre ihm zu wünschen gewesen, dass er seine Kunstsammlung nach Haifa bringen hätte können. Das unwürdige und unselige Schauspiel des Landes Burgenland und besonders auch der Presse in den späten 1950er Jahren haben weder Sandor Wolf noch seine Sammlung verdient.




Transkription:

Irma und Emilio Stock, Via […], Trieste

Liebe Freunde Stock!

Endlich sind Sie wieder dorthin zurückgekehrt in Ihr schönes Heim, von dem Sie durch die Unholde vertrieben wurden und gezwungen waren die Wanderung anzutreten, die Ihnen viele Jahre viel Sorge und Plage verursachte, von der Sie aber mit Gottes Hilfe und Gnade gesund mit Ihren lieben Kindern und unversehrt zurückgelangt sind! Nehmen Sie unsere herzlichsten Glückwünsche, an Sie und die Familien Ihrer lieben Söhne.

Wie gern würde ich die Geschichte Ihrer Wanderung kennen. Wie Sie damals aus Trieste nach Spalato gekommen sind, und wie Sie dann aus Jugoslawien, als es ein Brandherd geworden ist, in dem doch so viele Juden umgekommen sind, heil heraus in die Schweiz gekommen sind! Das war ja eine Meisterleistung da aus dem Hexenkessel, des Balkans und Italien in die friedliche Schweiz zu gelangen, in dem Ihre lieben Söhne sicherlich die Mentoren waren!

Nun bin ich auch gespannt zu erfahren, wie die Zukunft Ihrer Unternehmungen sein werden, da sie doch in Istrien und Dalmatien liegen, die sich vorläufig in der jugoslawischen Einflusssphäre befinden!

Ich habe leider weniger diesbezügliche Sorgen. Meine Weingeschäfte in Österreich, die doch auf eine Tätigkeit im Handel basieren, sind doch nicht wiederherzustellen. Eine durch 150-jährige Tätigkeit groß gewordene Unternehmung, die auf Weinvorrat basiert, der doch längst ausgetrunken wurde, auf einer Einrichtung von Fässern, die wahrscheinlich schon verbrannt wurden, auf Kunden, die gestorben oder (Weinen, die, Anm. d. Verf.) verdorben sind. Und wenn sie vergangen wären, von Juden nichts mehr wissen wollen. Das Personal, das zum Großteil jüdisch, nun in alle Weltteile zerstreut ist, ist nicht mehr zu rekonstruieren, umso weniger, weil weder ich noch mein Neffe Hans Wolf, der beim englischen Militär dient – aber in den nächsten Wochen demobilisiert wird – werden nach Österreich zurückkehren wollen; oder erst in dem Moment wo unser weniges Geld zu Ende geht; und wir nichts aus Österreich und Ungarn transferierbares Vermögen zurückbekämen. Aber auch das geschähe mit einem Gefühl großer Unlust, weil man uns die Heimatsliebe ausgebläut hat, und wir jetzt schon unsere neue – alte Heimat lieben gelernt haben. Ich habe aus Wien die Nachricht, dass unser Geschäftshaus im XI. Bezirk Simmering steht, dass aber mein und meiner Nichten Privathaus in der Wollzeile bombardiert wurde. Aus Eisenstadt habe ich – da es von den Russen besetzt ist – keinerlei Nachricht. Jedoch Dr. Ignaz Friedmann, der mit seiner engsten Familie am Leben geblieben ist, ließ mir sagen, dass mein Museum nur schwach beschädigt ist. Ist das wahr, dann hätte ich vielleicht die Hoffnung, wenigstens Teile davon hierherzubekommen, was natürlich auch das Entgegenkommen Österreichs und der Russen voraussetzt!

Aber unsere Familie und unsere Freunde haben durch die Nazigräuel sehr gelitten. In Budapest ist meine Nichte Rosa Schmidek, geb. Schleiffer (Tochter von Sandor Wolfs Schwester Ernestine, Anm. d. Verf.), und ihr Mann und ihr Enkel, Andris Ney, ermordet worden; obwohl sie von mir Palästinische Zertifikate schon im Juni 1943 zugeschickt bekamen. Unsere Cousins und Cousinen in Budapest, in Györ und Steinamanger sind in Pest ermordet, ganze Familien von der Provinz nach Auschwitz deportiert worden. Grete Back, geborene Braun – meine Nichte (Tochter von Sandor Wolfs Schwester Flora, Anm. d. Verf.) –, wurde nach Lodz (Ghetto Litzmannstadt, Anm. d. Verf.) deportiert und seit einigen Jahren hören wir nichts mehr von ihr – was nur Hoffnungslosigkeit bedeutet.

Beinahe der schwerste Schlag für mich ist die Deportation meines intimsten Freundes Dr. Sandor Schwarz aus Sopron, der samt seiner Sekretärin, Irene Breiner – eine Schönberger Tochter aus Eisenstadt, Nichte von Zsiga Schönberger (Sigmund Schönberger, Sohn von Samuel und Bruder von Berthold Schönberger, Anm. d. Verf.), nach Auschwitz deportiert wurde. Ihr Onkel Zsiga Schönberger, ist mit Frau und 90-jähriger Schwiegermutter von Nizza, wohin sie aus Fiume wanderten, nach Polen geschickt worden und [sie alle] werden leider Gottes nicht mehr zurückkehren. Schönbergers waren bei einer französischen Familie gut versteckt, aber er beging den Fehler, dass er Briefe aus seiner früheren Wohnung holen wollte und dabei erwischt und samt seinen Damen dann verschickt wurde. Über Dr. Schwarz sind Gerüchte da, aus Amerika, dass ihn jemand in Deutschland in einem Lager gesprochen hätte; aber wie könnte es sein, dass man von ihm sonst gar kein Lebenszeichen bekommen hat. Dabei hatte er als mein Generalbevollmächtigter angeblich unser großes Weingut in Debrecen verkauft. Ich weiß nicht an wen, und auch nicht wohin das Geld gekommen ist. Hier sind wir alle gesund, ich wurde vor 2 Jahren zweimal operiert, es ist aber gut ausgegangen. Aber unsere geliebte Nichte, Ing. Käthe Böhm, ist im Jahre 1942 an einer schweren Gelbsucht infektiöser Natur gestorben. Sie war nie im Leben krank! Nun hoffe ich auch von Ihnen allen einen Bericht zu bekommen und werde mich freuen nur Günstiges zu hören. Wie geht es Ihren lieben Töchtern? Wo sind Sie? Ich glaube Ihre Ältere ist in Südamerika. Wie sind Ihre lieben Enkelkinder herangewachsen? Bitte grüßen Sie mir Ihre Söhne, Schwiegertöchter und seien Sie selbst innigst gegrüßt von Ihrem getreuen in alter Freundschaft

Sandor Wolf

Unter dem Brief ein handschriftlicher Zusatz der Schwester von Sandor Wolf, Frieda Löwy-Wolf:

Meine liebste Frau Irma!

Es war für mich eine große Freude, als ich hörte, dass Sie mit Ihren lieben Kindern gerettet sind. Was machen meine lieben Freunde Guido und Mario (Söhne von Irma und Emilio Stock, Anm. d. Verf.), ihre Frauen und Kinder? Ich bitte um recht ausführlichen Bericht. Es grüßt Ihren lieben Mann und Ihre Kinder. Es küsst Sie Ihre

Frida.



1908 besuchte Irma Stock, geb. Hirschel, offensichtlich mit einigen Verwandten aus Triest, ihre Eltern in Eisenstadt.


Familie Hirschel vor ihrem Haus in der Oberen Gasse im jüdischen Viertel Eisenstadt

Familie Hirschel vor ihrem Haus in der Oberen Gasse im jüdischen Viertel Eisenstadt



Dr. Mario Stock, Sohn von Irma Stock, Präsident der jüdischen Gemeinde Triest, geb. 1906 in Spalato/Split, gest. 1989 in Triest, beschreibt 1979 das Foto auf Italienisch, hier die Übersetzung:

Die Fotografie zeigt meine Großeltern Leopold und Charlotte Hirschel im Jahr 1908 vor ihrem Haus, das heute noch existiert. An den Fenstern zeigen sich 4 Töchter, von denen eine meine Mutter ist. Auf der Straße Sohn Sami und drei Neffen, unter ihnen Oscar, Leutnant, der mit 18 Jahren im Juni 1918 während des Angriffs bei Asiagio umkam, und Ottilie, (jetzt) 80-jährig und noch am Leben.

Anmerkung: Ottilie Flaschner, geb. 01. September 1894 in Graz, gest. 21. Jänner 1989 in Triest, Tochter von Berta Hirschel und Wilhelm Flaschner, ist die Nichte von Irma Stock, geb. Hirschel (Irma und Berta Hirschel sind die Töchter von Leopold Hirschel und Charlotte Tachauer).

Zweiter Brief

Haifa, März 1946. Frieda Löwy-Wolf, die Schwester von Sandor Wolf, informiert die Familie Stock über das Ableben ihres Bruders:




Transkription:

Haifa, 3. März 1946 Hause Winterlich, Haifa, Israel

Liebste Freundin, liebste Frau Irma, liebe Familie Stock!

Schweren Herzens entschließe ich mich, Ihnen zu schreiben. Mein geliebter Bruder Sandor Wolf hat uns am 2. Jänner für immer verlassen. Er war eine Woche krank und leider konnte die Kunst der Ärzte ihn nicht am Leben erhalten. Sie haben ihn gekannt und werden meine, der ganzen Familie und aller Freunde Trauer um diesen wahrhaft guten Menschen verstehen. Wie hätte er sich mit Ihren Briefen gefreut. Mit Sehnsucht warteten wir auf Nachricht von Ihnen und nun kamen diese schönen mit guten Nachrichten zu spät. Auch die Nachricht, dass seine Sammlung in Eisenstadt unversehrt erhalten, kam nun wenige Tage zu spät. Er hatte ein schönes, reiches Leben und er hat es auf seine Weise voll und ganz genossen. Nicht einmal die Nazis konnten ihm seinen schönen Glauben an Gott und die Menschen rauben. Sie können sich denken, wie einsam und verlassen ich mich ohne den geliebten Bruder fühle. Um Ihre Geschwister, liebe Frau Irma, trauere ich mit Ihnen. Wo lebt Willi? Wir trafen ihn zuletzt in London.

Zu Ihren Enkelkindern will ich Ihnen heute nur herzlichst gratulieren und Sie bitten jeden einzelnen meiner jungen Freunde innigst zu grüßen. Herrn Ingenieur Stock bitte ich zu entschuldigen, dass ich deutsch schreibe, aber derzeit ist mein Kopf und Gemüt zu betrübt, um meine Gedanken in einer anderen Sprache wiederzugeben. Ich grüße Sie alle innigst und bin in alter Freundschaft
Ihre

Frida Löwy

Ich möchte mich im Auftrag der alten Frau Reiner, die noch in Sandors Gesellschaft ihren 80. Geburtstag bei uns gefeiert hat, nach deren Nichte, Frau Otti Stock, erkundigen.

Anmerkung: Marie Reiner, geb. Flaschner, Tochter von Ignaz Isak Flaschner und Sali Joachim, ist die Schwester von Wilhelm Flaschner, dem Vater von Ottilie Stock, geb. Flaschner. Marie Flaschner heiratete am 29. November 1885 Samuel Reiner (aus Deutschkreutz) in Eisenstadt.



Vielen Dank an meine Mitarbeiterin Sonja Apfler für den großartigen Fund (der Briefe) in den Tiefen unserer Archive! :-)

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Aizenshtat in Eisenstadt

Eine Nachlese. Eigentlich reicht ein Satz, um den gestrigen Nachmittag und Abend zu beschreiben: Es war ein großes, würdiges und wirklich gelungenes Fest für die Familie Eisenstadt/Aizenshtat, die aus aller…

Eine Nachlese.

Eigentlich reicht ein Satz, um den gestrigen Nachmittag und Abend zu beschreiben: Es war ein großes, würdiges und wirklich gelungenes Fest für die Familie Eisenstadt/Aizenshtat, die aus aller Welt nach Eisenstadt gekommen ist, für die Stadt Eisenstadt, für unser Museum, für alle Besucherinnen und Besucher und nicht zuletzt natürlich für den berühmten Rabbi Meir Eisenstadt, der gestern seinen 274. Jahrzeittag hatte (wir berichteten).

Hochkarätig war die rabbinische Prominenz: gekommen sind (u.a.) aus Moskau Oberrabbiner und Präsident der Conference of European Rabbis (CER) Pinchas Goldschmidt und der Dayan im europäischen Bet Din, Rabbi Moshe Lebel. Aus Wien Oberrabbiner Arie Folger, Gemeinderabbiner und Landesrabbiner von Burgenland, Shlomo Hofmeister, der Rosh Av Beit Din von Österreich und Rabbiner der georgischen Synagoge, Rabbi Yaakov Hotoveli, sowie der Rosh Yeshiva der Or Sorua Yeshiva in Wien, Rav Gaber Sender.

Neben den Spitzen der politischen Prominenz – Staatssekretärin im Bundesministerium für Inneres, Mag.a Karoline Edtstadler, Nationalratsabgeordnete Gaby Schwarz und Bürgermeister und Landtagsabgeordenter Mag. Thomas Steiner – kam als Vertreter der evangelischen Kirche Eisenstadts Seniorpfarrer Herbert Rampler.

Aus den USA angereist sind der Chairman of the US Commission for the Preservation of America’s Heritage Abroad, Mr. Paul Packer, aus Moskau der Präsident der jüdischen Religionsgemeinschaft Moskaus, Dr. Grigory Roytberg, der in Erinnerung an seine Mutter Clara Chaja Aizenshtat, gemeinsam mit Mr. Paul Packer und Jechiel Aizenshtat die Renovierung des Grabsteins von Meir Eisenstadt möglich gemacht hatte.

Am beeindruckensten aber wohl war, dass ca. 60 Mitglieder der weltweiten Familie Eisenstadt / Aizenshtat gestern nach Eisenstadt kamen (besonders aus Russland, Israel und den USA), um den Jahrzeittag ihres Ahnen, Rabbi Meir Eisenstadt, feierlich zu begehen.

Wir bedanken uns ausdrücklich:

  • bei der Freistadt Eisenstadt für die so schöne und gute Zusammenarbeit und die Unterstützung
  • bei allen Besucherinnen und Besuchern, die gestern trotz Vatertag, Eisenstädter Stadtfest, Formel-I-Rennen, Fußball- (Österreich-Brasilien) und Tennisspiel (Thiem-Nadal) auf den älteren jüdischen Friedhof und ins Museum gekommen sind.
  • beim Erich Schneller vom ORF-Burgenland für die tolle Berichterstattung (z.B.: hier und hier)

Die Ausstellung von Alexander Aizenshtat, einem direkten Nachkommen von Rabbi Meir Eisenstadt, ist noch bis 24. Juni 2018 bei uns im jüdischen Museum zu besichtigen. Wir möchten Ihnen den Besuch sehr ans Herz legen, die Bilder sind höchst beeindruckend und wenn Sie in nächster Zeit nicht das Puschkinmuseum in Moskau besuchen können, sollten Sie die Gelegenheit in Eisenstadt ergreifen ;-)

Aber sehen Sie selbst:


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…und als die Zeit für die junge Taube herannahte…

…da flog sie hoch in den Himmel hinauf Hypothese Die hebräischen Grabinschriften führen insbesondere innerhalb der genealogischen Forschungen meist nur ein Schattendasein und bekommen nur selten den Stellenwert, den sie…

…da flog sie hoch in den Himmel hinauf

Hypothese

Die hebräischen Grabinschriften führen insbesondere innerhalb der genealogischen Forschungen meist nur ein Schattendasein und bekommen nur selten den Stellenwert, den sie haben sollten.

Im Folgenden daher eine Art Plädoyer für die hohe Relevanz von hebräischen Grabinschriften für die genealogische Forschung:

Die Inschriften nehmen seit dem 12./13. Jahrhundert zunehmend auch nachbiblische, rabbinische Wendungen auf. …
Die entscheidende Veränderung zeigt sich in der freier gestalteten Eulogie. Sie markiert eine Wandlung in der Stellung des Verstorbenen, der nun in den Mittelpunkt gerückt wird. Sein Lob drückt sich jetzt nicht mehr nur in Attributen aus, sondern auch in der meist schematischen Darstellung seines Lebenswandels.
Der Gipfel der Entwicklung hin zum detailliert individualbiografisch Erzählten ist im 18. Jahrhundert erreicht und bleibt im 19. Jahrhundert weitgehend auf diesem Niveau. Wenn nun auch immer mehr Menschen längere Eulogien erhalten, bleiben doch viele Inschriften nach wie vor kurz und sagen nur das idealtypisch Wichtigste. Dahinter verbergen sich meist weniger inhaltliche oder stilistische Entscheidungen als wirtschaftliche Gründe.

Brocke u.a. (Hg.), Verborgene Pracht. Der jüdische Friedhof Hamburg-Altona. Aschkenasische Grabmale, Dresden o.J., Einführung

Eine ausgezeichnete Einführung in die hebräische Grabinschrift findet sich auf der Website des Salomon-Ludwig-Steinheim-Instituts, eine kurze Zusammenfassung mit Schwerpunkt auf den hebräischen Abkürzungen in einer hebräischen Grabinschrift auch bei uns im Blog „Am jüdischen Friedhof III„.

Biografische / Genealogische Hinweise in der Eulogie

Detailliert individualbiografisch Erzähltes„: Damit sind wir unmittelbar im Spannungsfeld zwischen hebräischer Grabinschrift und Matrikeneinträgen in deutscher oder ungarischer Sprache.

So starb etwa Heinrich Austerlitz 1909 mit 74 Jahren, seine Ehefrau Katharina 1921 mit 80 Jahren. In den Geburtsmatriken waren keine Kinder zu finden. Konnten sie auch nicht, da ein genaues Lesen der langen hebräischen Grabinschrift klar macht, dass das Ehepaar in 50 Jahren ihrer gemeinsamen Ehe kinderlos blieb (und offensichtlich auch bleiben wollte), denn in Zeile 10 heißt es:

Er hatte keine Kinder; mehr wert als Söhne und Töchter war der gute Name, den er sich erworben hatte.

Salopp gesagt: Genealogen können sich auch jede Suche in den Matriken und anderen Quellen ersparen, wenn sie in einer ebenfalls langen hebräischen Grabinschrift die Zeilen 9 bis 11 berücksichtigen würden. Denn dann wird klar, dass Wilhelm (Benjamin Seev) Hirschenhauser, gest. 14. August 1910, keine eigenen Kinder hatte:

Er liebte seine Verwandten und die Angehörigen seiner Familie und war ihnen ein Helfer und Unterstützer in der Zeit, als sie ihre Töchter verheirateten.

Wenn etwa nicht allgemein „Kinder“, sondern explizit „Töchter“ oder „Söhne“ in der hebräischen Grabinschrift genannt werden, kann man sich auch aus genealogischer Sicht darauf verlassen. So hatten Samuel (Sanwel) Windholz und Betti (Bella) Windholz, geb. Kohlmann, drei Söhne, aber keine Töchter:

Auch deine Söhne hast du den Weg des Glaubens gelehrt.

Grabinschrift Samuel Windholz

Als eine gute und verlässliche Mutter bemühte sie sich, ihre Söhne zu leiten und sie zu erziehen an den [Quellen] des Glücks und auf den Wegen der Geradlinigkeit.

Grabinschrift Betti Windholz

Es ist aber nicht nur jener Teil der Grabinschrift, den wir Eulogie (Lob) nennen (s.o. Zitat), den wir für biografische Zuordnungen und genealogische Forschungen heranziehen müssen (!), sondern neben den Datumsangaben (s.u.) und Ortsangaben (נפטר במרחץ אישל „Er verstarb in Bad Ischl“) vor allem auch die hebräischen Namen (s.u.) sowie die mit diesen verbundenen Titel („der Rabbiner„, „der Toragelehrte„, „die Rabbinersfrau“ etc.), Statusbeschreibungen („der unverheiratete Mann„, „das Mädchen„, „die Witwe“ etc.), Segenswünsche (s.u.) und Altersangaben (s.u.).

Einige Beispiele aus Inschriften vom älteren und jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt mögen dies illustrieren. Allein auf den beiden jüdischen Friedhöfen Eisenstadts gibt es hunderte Beispiele, die die hohe Relevanz der hebräischen Grabinschrift für genealogische Forschungen belegen, hier nur eine kleine Auswahl:

Der hebräische Name (Synagogalname) versus bürgerlichen Namen

Vorab eine Leseempfehlung: Sag mir, wie du heißt … (Jüdische Allgemeine)

In hebräischen Grabinschriften finden wir ausschließlich die hebräischen Namen, sowohl von Frauen als auch von Männern (also „Schwarzl“ und nicht „Charlotte“ und „Mordechai Zvi“ und nicht „Armin“ usw.). Bürgerliche Namen gibt es in Inschriften in Eisenstadt nur sehr vereinzelt und nur als Zusatz am jüngeren jüdischen Friedhof in deutscher oder ungarischer Sprache (siehe Bild links).

In der heute 2., ursprünglich 1. Reihe, der sogenannten „Rabbinerreihe“, wo die großen schöpferischen Gelehrten begraben sind, findet sich am jüngeren jüdischen Friedhof kein einziger nicht hebräischer Buchstabe!

Ein m.E. besonders schönes Beispiel für die Erwähnung eines hebräischen Namens zeigt die hebräische Grabinschrift der mit 27 Jahren früh verstorbenen Juliana (Jentel) Machlup, gest. 1838 und begraben am älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt.
Der Vater von Juliana ist Jona Klaber, der ebenfalls am älteren jüdischen Friedhof begraben ist.
Das hebräische Wortspiel „junge Taube = Tochter des Jona“ (hebr. „jona“ = „Taube“) ist faszinierend, wobei der ganze Satz wohl als Euphemie für das Sterben interpretiert werden darf:

…und als die Zeit für die junge Taube (Tochter des Jona) herannahte, da flog sie hoch in den Himmel hinauf.

Oft wurde in Matrikeneinträgen, bes. in Geburtsmatriken, auch der hebräische Name eingetragen, der allerdings von vielen Genealogen leider ignoriert wird.

Geburtsmatriken Eisenstadt 1858

Geburtsmatriken Eisenstadt 1858


Nota bene: Aus hebräischen Namen lässt sich nicht verlässlich auf bürgerliche Namen schließen (wie oft angenommen) und vice versa! Zwar häufen sich gewisse Regelmäßigkeiten wie hebräisch „Mordechai“ und bürgerlich „Max“ oder „Markus“, „Rösl“ und „Theresia“ usw., aber es gibt genügend Beispiele, die ein ganz anderes Bild zeichnen:
So ist etwa der hebräische Name von Alexander HessSaul„, der hebräische Name von Alexander PollakSüßkind“ und der hebräische Name von Alexander WärndorferSalomo Jehuda„. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Beim Lesen von Matrikeneinträgen darf daher nicht davon ausgegangen werden, dass der hebräische Name nichts anderes als eine Art Übersetzung des bürgerlichen Namens ist!

In Mattersdorf/-burg etwa waren Regina (Rebekka) Trebitsch-Kohn und Regina (Rachel) Trebitsch-Kohn Schwestern. Die bürgerlichen Namen waren quasi nur eine Formalität, jede genealogische Arbeit kann nur über die hebräischen Namen, die auch die im Familienverbund üblichen Rufnamen waren, zu einem seriösen Ergebnis führen.

Der hebräische Name kann aber häufig etwa auch in Verlassenschaftsakten, Sterbeeinträgen usw. das Zünglein an der Waage für eine eindeutige genealogische Zuordnung sein:

Sohn des Toragelehrten, des ehrenwerten Herrn, Herrn Mordechai Reitlinger, sein Andenken möge bewahrt werden…

Bestellschein für den Grabstein von Moritz (Mose) Reitlinger

Bestellschein für den Grabstein von Moritz (Mose) Reitlinger, gest. 02. April 1846
Bild-©: Georg Gaugusch, Wien


Die Jahrzeittafeln – eine weitere Primärquelle

Die Matrikeneinträge ließen bei der Mutter von Regina Breyer viele Fragen offen, eine sichere genealogische Zuordnung war überhaupt erst möglich mit dem Einbeziehen der Jahrzeittafel: „Rachele, Tochter der Bella Chaja“ (Hess, jung gest. 28. Mai 1827, begraben am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt).

Jahrzeittafel Regina (Rachele) Breyer

Jahrzeittafel Regina (Rachele) Breyer


Altersangaben

Üblicherweise finden wir nur sehr ungefähre Altersangaben wie ישישhochbetagt„, זקןalt“ oder שיבהGreisenalter„.
מרומם etwa bedeutet „erhaben„, wird aber fast ausschließlich nur bei Männern in höherem Alter verwendet. Häufig kommen alle Ausdrücke nebeneinander bzw. in einer Inschrift vor, siehe etwa Samuel Schneider, gest. 05. Mai 1928, Zeile 2 und 9.

Gelegentlich kommen in den hebräischen Grabinschriften der beiden jüdischen Friedhöfe in Eisenstadt aber auch genauere Altersangaben vor, wie etwa in der Inschrift von Samuel (Nataniel) Schönberger, gest. 04. Mai 1911:

Er verstarb in hohem Alter, nachdem er zu Kräften gekommen war (= nachdem er das 80. Lebensjahr erreicht hatte)

Vgl. Psalm 90,10 „(Unser Lebensalter beträgt 70 Jahre,) und wenn sie in Kräften sind, 80 Jahre…“ …ואם בגבורת שמונים שנה… und babylonischer Talmud, Traktat Avot V,25 „…80 Jahre alt zum hohen Alter…“ …בן שמונים לגבורה…

Samuel (Nataniel) Schönberger starb laut Sterbematriken mit 79 Jahren.

Segenswünsche

„Wie das Amen im Gebet“ folgt hinter dem Namen eines Verstorbenen / einer Verstorbenen der Segenswunsch „auf ihm/ihr sei Friede„, „seine Ruhe möge im Garten Eden sein“ oder „sein Andenken möge bewahrt werden„, bei besonders Gelehrten „das Andenken des Gerechten möge bewahrt werden“ o.ä.
Nicht ganz so regelmäßig und verlässlich ist der Segenswunsch bei noch lebenden Verwandten: „sein Licht möge leuchten“ (z.B. Hendel Hess) o.ä.

Eine scheinbar kleine Unachtsamkeit beim Lesen des Segenswunsches in Zeile 12 der hebräischen Grabinschrift von Sprinze Chaja, gest. 1879, führte 20 Jahre lang zu fatalen Folgen in der genealogischen Zuordnung von Sprinze Chaja (und das, obwohl die hebräische Inschrift bereits 1995 von mir publiziert wurde):

Zeile 10: Es versammelten sich bei ihr am Tag ihres Begräbnisses die Söhne
Zeile 11: ihres ersten Ehemanns, des Vorsitzenden und Leiters der Gemeinde,
Zeile 12: H(errn) Abraham Löb Reitlinger, a(uf ihm sei) F(riede)

  • Durch den Segenswunsch „auf ihm sei Friede“ wird unmissverständlich klar, dass der genannte Ehemann Abraham Löb Reitlinger beim Ableben von Franziska (Sprinze Chaja), 1879, nicht mehr am Leben ist, demzufolge nicht 1907 gestorben sein kann, wie lange angenommen wurde. Tatsächlich starb er am 14. September 1826 in Wien.
  • Durch korrektes Berücksichtigen des Segenswunsches in Verbindung mit Zeile 11 der Inschrift wird klar, dass Sprinze Chaja jedenfalls ein zweites Mal geheiratet haben muss (weil sonst „erster Ehemann“ keinen Sinn macht). Dieser zweite Ehemann dürfte weiters (Vermutung nur aufgrund des Textbefundes der drei Zeilen der Inschrift) 1879 nicht mehr am Leben sein, da er sonst höchstwahrscheinlich genannt worden wäre. Tatsächlich wird Franziska Reitlinger/Sabl in der Konskriptionsliste von 1836 bereits als Witwe geführt, der (vermutliche) zweite Ehemann, NN Sabl, war also zum Zeitpunkt ihres Ablebens auch schon mindestens 43 Jahre lang tot.
  • Weiters ist die Angabe „die Söhne ihres ersten Ehemanns…“ (wörtlich: „ihre Söhne…„) in der hebräischen Grabinschrift korrekt, da zum Zeitpunkt des Todes von Sprinze Chaja ihre einzige Tochter bereits verstorben war und nur die vier Söhne gemeint sein können.

Ausschnitt Grabinschrift Sprinze Chaja Reitlinger

Ausschnitt Grabinschrift Sprinze Chaja Reitlinger
rot umrandet Zeile 12 und der Segenswunsch


Das Sterbedatum

Das Sterbedatum, ggf. auch das Geburtsdatum, wird in hebräischen Inschriften ausschließlich nach dem jüdischen Kalender angegeben. Dabei sind v.a. zwei Besonderheiten zu beachten:

  1. Die Monate Tischre, Cheschwan, Kislew und Tevet liegen immer schon im neuen jüdischen Jahr (bei Tevet meist ein Datum Dezember oder Jänner des Folgejahres). Rosalia (Süssl) Figdor starb am 12. Oktober 1905, nach jüdischem Datum aber schon am 13. Tischre 666.
  2. Der jüdische Tag beginnt immer am Abend bei Sonnenuntergang. Leopold (Jehuda, genannt Löb) Machlup starb am 13. Mai 1914 um 23 Uhr, nach dem jüdischen Kalender aber schon am 18. Ijjar.

Der Kaufmann Moses Elias Gelles starb laut hebräischer Grabinschrift, die auch heute noch klar zu lesen ist (s.u. Bild), am 08. Ijjar 625, umgerechnet Donnerstag, 04. Mai 1865 in Bruck an der Leitha und ist am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben. In der hebräischen Inschrift ist auch der Wochentag (5. Tag = Donnerstag) angegeben.

Ausschnitt Grabinschrift Moses Elias Gelles

Ausschnitt Grabinschrift Moses Elias Gelles


In den Sterbematriken findet sich allerdings das Sterbedatum 04. Juni 1865 (also Datumsdifferenz von 1 Monat!). Der Sterbeeintrag wurde offensichtlich nachgetragen und trägt die „laufende Nummer“ 11a.

Was die Sache prima vista schwieriger macht, ist, dass sich in den Sterbematriken das Sterbedatum auch auf Hebräisch findet, und zwar wie folgt:

א בהעלתך: „am 1. Tag (Sonntag) der (Woche der) Parascha / des Toraabschnitts ‚Wenn du die Lampen anzündest‘ (Numeri 8,1)“, und das ist im Jahr 625 / 1865 Sonntag, der 10. Siwan = 04. Juni! Dies bedeutet, dass das hebräische Datum eindeutig das bürgerliche Sterbedatum des Sterbeeintrags heranzieht und quasi zwar korrekt rückrechnet, dennoch aber letztlich das falsche Datum liefert. Erwartungsgemäß wird nicht das Datum der hebräischen Grabinschrift genommen, da der Matrikeneintrag bereits im Juni 1865 erfolgte, der Grabstein mit der Grabinschrift aber sehr wahrscheinlich erst am 1. Jahrzeittag, also am 04. Mai 1866, gesetzt wurde.

Es darf also so gut wie sicher davon ausgegangen werden, dass der Matrikenführer Mai mit Juni verwechselte und das Sterbedatum falsch eintrug (noch zumal es keinen Eintrag im Mai gibt).

Ein interessantes Beispiel, wo weder der (bürgerliche) Matrikeneintrag noch der hebräische Matrikeneintrag, sondern das hebräische Datum in der Grabinschrift der verlässlichste Datumslieferant ist.

Matriken Tod Moses E. Gelles

Matriken Tod Moses E. Gelles



Insbesondere bei verderbten und nachgetragenen Matrikeneinträgen ist es von enormem Vorteil, auch die hebräische Grabinschrift zur Verfügung zu haben bzw. diese eben entsprechend zu berücksichtigen.

Ein versöhnliches Schlusswort

So sehr ich die Nicht- oder Zu-wenig-Beachtung der hebräischen Grabinschriften und anderer hebräischer Quellen (wie Jahrzeittafeln, hebräische Einträge in den Matriken etc.) in der genealogischen Forschung bedauere!, es ist die schöne Sprache der oft mit so viel Weisheit und Liebe geschriebenen Inschriften, die mich nach wie vor am meisten fasziniert.

Die häufig in Sterbematriken vermerkte Todesursache spielt für Genealogen keine oder eine nur sehr untergeordnete Rolle (Ausnahme: persönliches Interesse). Ebenso finden wir in hebräischen Grabinschriften nur selten einen Hinweis auf die Todesursache (Ausnahme: Märtyrer, Seuchenopfer usw.).

Hin und wieder findet sich aber eine besonders schöne Formulierung:

Elias (Abraham) Gabriel starb am 12. Adar I 638 (15. Februar 1878)

mit einem göttlichen Kuss im Alter von 71 Jahren…

Vgl. babylonischer Talmud, Traktat Moed Qatan 28a und Baba Batra 17a „…und Mirjam starb ebenfalls (d.h. wie Mose) mit einem (göttlichen) Kuss (d. h. ohne Qual und Schmerz)…“ …אף מרים נמי בנשיקה מתה… S. auch Berachot 8a „…die leichteste (Todesart) ist der Kuss(tod)…“ …ניחא שבכלן נשיקה…


Elias (Abraham) Gabriel starb einen leichten Tod und ist in der ursprünglichen Rabbinerreihe am jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben.

Keine Kommentare zu …und als die Zeit für die junge Taube herannahte…

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