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Hebräisch – vor Ort und mit allen Sinnen

Schon zum zweiten Mal kamen 7 Interessierte aus Salzburg, Kärnten und Bayern nach Eisenstadt zum fortgeschrittenen Hebräischkurs. So wie vergangenes Jahr wollten wir auch heuer das sonst übliche “Klassenzimmer” verlassen und Gelerntes in der Praxis, vor Ort, anwenden und vertiefen. Dass es dabei nicht “nur” um Grammatik, Vokabeln und Syntax ging, muss nicht extra erwähnt werden. ;-)

Frauenkirchen

Gleich am 1. Tag fuhren wir nach einem Kurzbesuch am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt in die ehemalige jüdische Gemeinde Frauenkirchen. Herr Franz Wegleitner, ehemaliger Lehrer, der sich seit vielen Jahren in zahlreichen Projekten rund um die Geschichte der Juden Frauenkirchens engagiert und verdient macht, nahm sich viel Zeit, um uns faszinierende Geschichten zu einzelnen Gräbern des in der Shoa nicht zerstörten jüdischen Friedhofs zu erzählen. Nach dem Friedhof besichtigten wir mit ihm noch den “Garten der Erinnerung” am Standort der ehemaligen Synagoge, der am 29. Mai feierlich eröffnet wird.

  • Herr Wegleitner führt uns am jüdischen Friedhof Frauenkirchen
  • Jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Die ältesten Grabsteine am jüdischen Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Hindel Neufeld, 1910, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Völlig erodierter Grabstein am jüdischen Friedhof Frauenkirchen
  • Durch Erosion sind nur mehr Einleitungsformel und Schlusseulogie lesbar, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Rela Steiner, 1937, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Elijahu Zvi, 1917, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Mose (August) Goldstein, 1901, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Sehr schöner, aber leider stark erodierter Grabstein, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Chaja Sara, Tochter vom Schalom ...,  1820, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Gütel Kastner, 1927, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Völlig erodierter Grabstein am jüdischen Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Sarl Deutsch, 1935, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Sarl Deutsch, 1935, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Standort der ehemaligen Synagoge, 'Garten der Erinnerung'
  • Standort der ehemaligen Synagoge, 'Garten der Erinnerung'
  • Standort der ehemaligen Synagoge, 'Garten der Erinnerung'


Kittsee

Am Nachmittag fuhren wir in die ehemals nördlichste der “sieben heiligen jüdischen Gemeinden” auf esterházyschem Grundbesitz, nach Kittsee. Frau Direktor Irmgard Jurkovich erwartete uns schon auf dem im Schatten des Kittseer Schlosses gelegenen jüdischen Friedhof mit seinen 230 Gräbern. Frau Jurkovich beschäftigte sich schon in ihrer Zeit als Leiterin der örtlichen Hauptschule jahrzehntelang intensiv mit der jüdischen Geschichte von Kittsee, ihr enormes Wissen und ihr Engagement beeindruckte uns alle in höchstem Maße.

  • Irmgard Jurkovich führt uns am jüdischen Friedhof Kittsee
  • Der jüdische Friedhof Kittsee im Schatten des Schlosses
  • Jüdischer Friedhof Kittsee
  • Heute sind nur mehr wenige Grabsteine (einigermaßen) gut lesbar, jüdischer Friedhof Kittsee
  • Heute sind nur mehr wenige Grabsteine (einigermaßen) gut lesbar, jüdischer Friedhof Kittsee
  • Jüdischer Friedhof Kittsee
  • Völlig erodierter Grabstein, jüdischer Friedhof Kittsee
  • So gut wie nicht mehr lesbare Inschrift, jüdischer Friedhof Kittsee
  • Grabstein des vorletzten Rabbiners von Kittsee, Meir Abeles, 1887, jüdischer Friedhof Kittsee


Wien Zentralfriedhof

Am Freitag verließen wir das Burgenland und machten uns auf den Weg nach Wien. Die jüdischen Abteilungen auf dem Zentralfriedhof Tor IV und Tor I an einem Tag waren ein ambitioniertes Vorhaben. Eine der bekanntesten und besten Genealoginnen, Traude Triebel, erklärte die Bedeutung von Grabinschriften, besonders auch von hebräischen, für die genealogische Arbeit. Nach dem Besuch des Grabes Paul Rosenfeld aus Frauenkirchen und der “herrenlosen” (sic!) exhumierten Gräber von Döbling auf Tor IV wechselten wir am Nachmittag in die jüdische Abteilung von Tor I, laut Eigenaussage eine Art Zweitwohnsitz von Traude Triebel ;-), die hier auch gleich ihre eigene Familie besuchen konnte. Auf beiden Toren liegen etwa 150.000 Menschen begraben.
Selbstredend, dass die prachtvollen Mausoleen auf Tor 1 fast eine Art Kontrastprogramm zu den orthodoxen burgenländischen Grabstätten des Vortages bildeten:

Markus Engel, ein Sohn des Handelsmanns in Bonyhad Aron Engel, kam um 1860 nach Wien und begründete hier zusammen mit Wilhelm Weiss unter der Firma M. Engel & Weiss ein Exporthaus. Aus diesem erwuchs das Bank- und Wechselhaus Marcus Engel in Wien I., Schottenring 32, durch das Markus Engel zu großem Reichtum kam. Sein monumentales Mausoleum auf dem Zentralfriedhof in Wien ist eines der größten Grabdenkmäler auf diesem Friedhof (siehe unten Bilder 3. Reihe).

Gaugusch Georg, Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800-1938, A-K, Wien 2011, 534.

Besonders faszinierend war die sefardische Abteilung bei Tor 1. Im Wien des 19. Jahrhunderts gab es eine bedeutende sefardische Gemeinde. Die frühesten Namen sind bekannt: Camondo, Nissim, Eskenasy, Amar, De Mayo usw. Interessant, dass wir in den Geburts- und Heiratsmatriken zwischen 1845 und 1938 gerademal 10.000 Personen finden.
Für uns, wir machen diese Touren schließlich im Rahmen eines Hebräischkurses für Fortgeschrittene, war natürlich auch interessant, dass wir offensichtlich in Wien nur auf den sefardischen Gräbern als Einleitungsformel der hebräischen Grabinschriften מצ’ק finden. Gesehen hab ich das bisher nur am jüdischen Friedhof in Triest. In Deutschland finden sich etwas mehr als 50 Belege dafür, und diese mit wenigen Ausnahmen alle auf dem jüdischen Friedhof Hamburg-Altona. Dort jedoch nie als Abbreviatur, sondern immer ausgeschrieben: מצבת קבורת.

  • Grab von Paul Rosenfeld aus Frauenkirchen, 2003, Zentralfriedhof Wien, Tor 4
  • Mit Genealogin Traude Triebel vor den 'herrenlosen' exhumierten Gräbern aus Döbling, Zentralfriedhof Wien, Tor 4
  • Ehrengräbergruppe: Gerhard Bronner, Friedrich Efraim Torberg, Arthur Schnitzler, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Grab von Oskar Schiller aus Eisenstadt, 2005, Zentralfriedhof Wien, Tor 4
  • Eines der wenigen Gräber mit ausschließlich hebräischer Grabinschrift bei Tor 4: Antonia Händler, 2002, Zentralfriedhof Wien
  • Grab von Dr. Bernhard Wachstein, 1935, Bibliothekar der Isr. Kultusgemeinde Wien, Zentralfriedhof Wien, Tor 4
  • Grab von R. Aharon Jedhua Halevi, 30 Jahre Rabbiner der Synagoge Favoriten, November 1929, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Mausoleum Marcus Engel, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Traurig: Fast alle Kupferrosetten gestohlen: Grab von Ludwig v. Pollak, 2005, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Grab von Jonas Kraemer, 1905, mit Freimaurersymbol, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Grab von Josef ben MORENU Jehuda Arje Pressburger, 1901, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Sefardische Abteilung: Helene Russo, 1899, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Sefardische Abteilung: Abraham Leon Cohen, 1894, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Sefardische Abteilung: Brüder Schlomo David Asriel und Schmuel David Asriel, Helene Asriel, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Sefardische Abteilung: Grab von Isak Semo, 1907, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Sefardische Abteilung: Grab von Camilla de Majo, 1924, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Sefardische Abteilung: Grab von Julie Baruch aus der türkischen Gemeinde Wien, 1899, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Beachtenswertes Gedicht am Grabstein von Sidonie Grünwald-Zerkowitz, 1907, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • 1945 durch Fliegerbomben zerstörtes Mausoleum von Moriz Benedikt, 1849-1920, Herausgeber und Chefredakteur der Neuen Freien Presse, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Gedenktafel für tausende nicht zuordenbare Grabsteinfragmente an der Mauer, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Tausende nicht zuordenbare Grabsteinfragmente an der Mauer, Zentralfriedhof Wien, Tor 1


Ich kann mich nur wiederholen: Ich bewundere jede/n einzelne/n KursteilnehmerIn für seine/ihre große Leidenschaft für die hebräische Sprache. Und ich freue mich wirklich ganz besonders, dass der Termin für nächstes Jahr gleich vereinbart wurde! :-)


Veranstaltungen

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Europäischer Tag der jüdischen Kultur

Zum fünfzehnten Mal wird heuer europaweit der Europäische Tag der jüdischen Kultur begangen. An diesem Tag sollen Geschichte, Traditionen und Bräuche des europäischen Judentums in Vergangenheit und Gegenwart einem breiten Publikum vermittelt werden. In fast 30 europäischen Ländern bieten Museen, Vereine und Initiativen Ausstellungen, Vorträge, Konzerte und Führungen zu Stätten jüdischer Kultur an.

Auf Initiative der Burgenländischen Forschungsgesellschaft wird dieser Tag 2014 erstmals auch im Burgenland begangen, gemeinsam mit den Burgenländischen Volkshochschulen, unserem Museum und dem Landesmuseum Burgenland sowie in Kooperation mit lokalen Gedenkinitiativen. Koordiniert und unterstützt werden die Aktivitäten von der European Association for the Preservation and Promotion of Jewish Culture and Heritage AEPJ.

Programm

Leerstellen I: Rundgang durch das jüdische Viertel in Eisenstadt

mit dem Zeitzeugen Ernst Simon (London) und Johannes Reiss (Österr. Jüd. Museum Eisenstadt)

Wann: Sonntag, 14. September 2014, 09.00 bis 09.45 Uhr
Wo: Treffpunkt: Jerusalemplatz, 7000 Eisenstadt

Matinee

Eröffnung des ersten Europäischen Tages der jüdischen Kultur im Burgenland durch LH Hans Niessl und Francois Moyse, Präsident der European Association for the Preservation and Promotion of Jewish Culture and Heritage.

Anschließend: Zeitzeugen erzählen von ihrer Kindheit im Burgenland, der Vertreibung durch die Nationalsozialisten und dem Leben in der Emigration. Mit Ernst Simon (Eisenstadt – London) und Gerda Frey (Mattersburg – Wien).

Wann: Sonntag, 14. September 2014, 10.00 Uhr
Wo: Österreichisches Jüdisches Museum

Logo 'Europäischer Tag der jüdischen Kultur'

Am Nachmittag haben Sie die Möglichkeit, an geführten Rundgängen in Mattersburg, Frauenkirchen, Rechnitz und Kittsee teilzunehmen:

Mattersburg, 15.00 Uhr | Leerstellen II: Rundgang durch das ehemalige jüdische Mattersburg mit Gertraud Tometich (Verein “wir erinnern”)

Frauenkirchen, 15.00 Uhr | Leerstellen III: Rundgang durch das ehemalige jüdische Frauenkirchen mit Herbert Brettl (Initiative Erinnern Frauenkirchen)

Rechnitz, 15.00 Uhr | Leerstellen IV: Rundgang durch das ehemalige jüdische Rechnitz mit Eva Schwarzmayer (Verein REFUGIUS)

Kittsee, 14.30 Uhr | Leerstellen V: Rundgang durch das ehemalige jüdische Kittsee mit Irmgard Jurkovich (Treffpunkt: Gasthaus Leban, U. Hauptstraße 41, 2421 Kittsee)

Mehr Informationen und Details der Veranstaltungen entnehmen Sie bitte der Broschüre: edjc-2014.pdf, Download, 2.16MB

Wir ersuchen Sie um Anmeldung. Benutzen Sie dafür bitte das Formular auf der Website der Burgenländischen Forschungsgesellschaft.

Selbstverständlich stehen wir Ihnen für Fragen gerne zur Verfügung:

  • per E-Mail: info@ojm.at oder
  • telefonisch: +43(0)2682 651 45


Veranstaltungen

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Hebräischkurs 2013

Seit Montag findet in unserem Museum wieder der schon traditionelle Hebräischkurs für Fortgeschrittene statt. Wir haben schon 2009 und 2012 darüber berichtet und es kann nicht deutlich und stolz genug verkündet werden: Heuer schon zum achten Mal kamen die Damen aus ganz Österreich zum Hebräischstudium nach Eisenstadt!

2012 als Premiere gestartet, machten wir auch heute wieder einen Ausflug in drei ehemalige jüdische Gemeinden auf dem Gebiet der Sieben-Gemeinden des Burgenlandes, nach Frauenkirchen, Kittsee und Gattendorf – und erprobten die Hebräischkenntnisse sozusagen in der Praxis.
Heuer aber leider nicht bei Traumwetter, sondern bei regelrechtem Aprilwetter, wenn auch mit mehr Regen als mit Sonnenschein. Und meine Kamera hab ich auch vergessen, das Handy musste als Ersatz dienen, bitte um Entschuldigung. Trotzdem hier unser kurzer – aber zeitnaher – Bericht:

Deckenfresko in der Basilika Frauenkirchen

In Frauenkirchen, unserer ersten Station unserer kleinen Reise, empfing uns Herr Franz Wegleitner, der maßgeblich für die Ausstellung “Die Judengemeinde von Frauenkirchen – 1678 – 1938” verantwortlich zeichnete und sie mitinitiierte. Da die Ausstellung in den Nebenräumen der berühmten barocken Basilika von Frauenkirchen gezeigt wird, genossen wir zuerst seine faszinierende Führung durch den höchst beeindruckenden Kirchenraum.

Und wir fanden sogar hier Spuren der Geschichte der Juden im Burgenland. Eines der prachtvollen Deckenfreskos zeigt nämlich ein “L”, das für Kaiser Leopold I. steht. Jener Kaiser, der den Esterházys besonders verbunden war, aber eben auch jener Kaiser, der 1670/71 die Juden aus Wien vertrieben hat. Viele der damals vertriebenen Juden fanden in der Region des heutigen Burgenlandes, auf esterházysichem Gebiet, eine Zuflucht und waren Gründer der berühmten Sieben-Gemeinden.

Ausstellung in der Basilika von Frauenkirchen

Die Ausstellung “Die Judengemeinde von Frauenkirchen – 1678 – 1938”, zu der unser Museum auch die Hälfte der Texte sowie viele Leihgaben beisteuern durfte, wurde bisher ausgesprochen gut besucht, schon jetzt werden mehr BesucherInnen gezählt als in allen anderen vergangenen Ausstellungen, die in der Basilika Frauenkirchen stattfanden!

Das in Originalgröße nachgebaute und begehbare Brunnenhaus zählt sicher zu den Höhepunkten der Ausstellung. Wir freuen uns jedenfalls sehr, dass die Ausstellung nicht nur so gut besucht ist, sondern auch sehr gut angenommen wird.

Das Grab von Ladislaus Rosenfeld, dem Bruder des einzigen Juden, der nach Frauenkirchen zurückgekehrt war, Paul Rosenfeld. Ladislaus Rosenfeld war Leutnant und lieferte sich 1937 mit einem Freund eine Wettfahrt mit dem Motorrad, die er nicht überlebte. An seinem Begräbnis, so erzählte sein Bruder immer, nahmen mehr Leute teil als an jedem anderen Begräbnis in Frauenkirchen, die Menschenmenge war schier unüberschaubar lang.

Alle anderen Verwandten wurden in Auschwitz ermordet. Paul Rosenfeld konnte das nie vergessen, vor allem nicht, dass seine beiden Neffen und Nichten darunter waren, Kinder im Alter von 8 und 6 Jahren.

Jüdischer Friedhof Kittsee

Von Frauenkirchen führte uns der Weg nach Kittsee, wo der jüdische Friedhof im Schatten des Schlosses liegt. Die Grabsteine sind sehr alt und die Inschriften teilweise noch schwerer zu lesen als auf den meisten anderen jüdischen Friedhöfen.

Grabstein am jüdischen Friedhof Kittsee

Grabstein von Josef Walter.
Interessant: “Josef, genannt (vulgo) Joseph” würde man heute schreiben. Aber damals? Wie wurde “Josef” wirklich genannt?

Grabstein am jüdischen Friedhof Kittsee

Dieser abgebrochene Grabstein datiert aus dem Jahr 1692. Wir können deutlich lesen, dass der Verstorbene “Jakob” heißt und am 5. Elul 452 (17. August 1692) verstorben. Woher aber stammt dieser Jakob, dessen Nachnamen wir leider auch nicht wissen? Der zweite Teil der 1. Zeile der Inschrift scheint erstaunlicherweise deutlich schlechter und schlampiger geschrieben als der Rest der Inschrift. Seltsam?

Tafel am Eingang zum jüdischen Friedhof Gattendorf

Zum Abschluss fuhren wir dann noch zum jüdischen Friedhof ins nahe gelegene Gattendorf. Eine große Tafel, von einer Schulklasse gestaltet, findet sich auf dem Eingangstor. Beeindruckend!

Jüdischer Friedhof Gattendorf

Der jüdische Friedhof in Gattendorf ist sehr gepflegt, die Inschriften aber zum Großteil – ähnlich wie in Kittsee – nur sehr schwer lesbar.

Mit vorwiegend vielen positiven Eindrücken kehrten wir – sehr müde – nach Eisenstadt zurück. Morgen wird dann weiter im Museum gelernt …


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Gedenken, Erinnern, Gestalten

Vor einigen Wochen noch zeichnete ich in einem Beitrag ein eher tristes Bild des heutigen Frauenkirchen, in dem es einst eine namhafte jüdische Gemeinde gab. Der vorsichtige Optimismus am Schluss jedoch zeigt sich schon jetzt als goldrichtig: Es tut sich etwas in Frauenkirchen und wir begleiten hier auf der Koscheren Melange gerne die vielversprechenden Aktivitäten.

Einladung
zum Gedenken an die Ereignisse des 11. März 1938

An jenem Abend vor 75 Jahren begann die Verfolgung der jüdischen Ortsbewohner von Frauenkirchen durch die Nationalsozialisten. Zur Errichtung eines “Gartens der Erinnerung” wird ein symbolischer Grundstein gelegt

Am Montag, den 11. März 2013 um 19:00 Uhr
am Tempelplatz Frauenkirchen

  • Synagoge von Frauenkirchen 1938

    Synagoge Frauenkirchen 1938

  • Tempelplatz in Frauenkirchen, Status quo

    Tempelplatz, Status quo



Ein paar Worte zur Entstehung des Projekts:

Schon seit dem Erscheinen der Erstauflage des Buches “Die jüdische Gemeinde von Frauenkirchen” von Dr. Herbert Brettl vor 10 Jahren gibt es Bestrebungen, am Standort der Synagoge eine Gedenktafel anzubringen.

Erste konkrete positive Signale vom Bürgermeister gab es jedoch erst vor 2 Jahren, in Kooperation mit dem Verein erinnern.at konnte Herbert Brettl bald einen neuen Anlauf nehmen, Vorgespräche führen und im Dezember 2011 ein erstes Treffen organisieren. Schon zum kurz danach stattfindenden zweiten Treffen kamen unter anderem sowohl Vertreter der IKG als auch GemeindepolitikerInnen folgten gerne der Einladung. Finanzielle Unterstützung von Landeshauptmann und Bürgermeister wurde zugesagt und bald konstituierte sich um den Initiator Herbert Brettl ein perfektes Team mit dem Architekten Martin Promintzer und der Künstlerin Dvora Barzilai. Aus der Idee, eine Gedenktafel zu errichten, wurde ein Gedenkpark – mit dem Anspruch, Gedenken, Erinnern, Informieren und Verweilen zu ermöglichen.

Projekt Gedenkgarten

Projekt “Gedenkgarten” Frauenkirchen, geplante Realisierung: 2014

Der neugegründete Verein unter der Obmannschaft von Herbert Brettl versucht nun die Finanzierung zu sichern und baurechtliche Fragen/Auflagen zu klären. 2014 soll – so der ehrgeizige Plan – das Konzept des Gedenkgartens in die Realität umgesetzt sein.

Wir wünschen für das Vorhaben alles Gute!

Leben und Glaube

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Was hätte man auch tun sollen?

Ein Kurzbesuch in Frauenkirchen

Eine sehr angenehme dienstliche Verpflichtung führte mich heute von Eisenstadt ins Franziskanerkloster nach Frauenkirchen, einem Ort im Seewinkel, wo über 250 Jahre lang eine jüdische Gemeinde existierte, die zeitenweise ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachte.

Unweigerlich fällt mir beim Spaziergang durch das ehemalige jüdische Viertel ein:

Der Rabbi von Frauenkirchen war sehr zugeknöpft, als ich bei ihm vorsprach. Sein gutes Recht, vielleicht auch seine Pflicht, dem Fremden gegenüber. Aber als ich erzählte, in einer Eisenstädter Gastwirtschaft, die als einwandfrei koscher anerkannt ist, sei ich einem Frauenkirchner begegnet, der dort kein Fleisch genoss, wurde der einsilbige Mann plötzlich lebendig. Seine Augen leuchteten auf und er triumphierte sichtlich befriedigt:

“Das war recht von ihm.”
Und ich entnahm unschwer, dass sich aus der Koscher-Fleischfrage zwischen Frauenkirchen und Eisenstadt eine Differenz von unerhörter Wichtigkeit ergeben hat: Khille Geist.

Otto Abels, in: Wiener Morgenzeitung, Nr. 2881, 1927.

In Frauenkirchen gibt es heute keine Juden mehr. Der letzte Jude, Paul Rosenfeld, starb 2003 und ist in Wien begraben. Auf eigenen Wunsch! Nicht in Frauenkirchen, obwohl regelmäßiger Teilnehmer an den örtlichen Wirtshausstammtischen. Was dort (und wohl nicht nur dort) so gesprochen wurde, wissen noch manche der älteren Frauenkirchner zu berichten. Hört man das, ist Paul Rosenfelds Wunsch zu verstehen …

Barbara Coudenhove-Kalergi schrieb 1986 in ihrem bemerkenswerten Aufsatz “Paul Rosenfeld. Einer kam zurück”:

… An den letzten Akt erinnert sich die Wirtin des Bahnhofgasthofs. Sie sieht es noch wie heute: den Junitag, den langen Zug der Menschen, jeder nur ein kleines Bündelchen in der Hand. Viele bekannte Gesichter. Es ging durch die Hauptstraße, durch die Esterházygasse, zum Bahnhof. Dort wurden alle auf Viehwaggons geladen. “Das war ein Weinen.”

Und niemand hat geholfen?
Nein. Niemand. Was hätte man auch tun sollen?
Freilich, als der Nazibürgermeister des Ortes die Fronleichnamsprozession verbot, hat man doch etwas getan. Die Frauen hätten ihn mit ihren Besen über den Kirchenplatz gejagt, erzählt der Pater Josef von den Franziskanern.

Der große jüdische Friedhof in Frauenkirchen ist versperrt, der Schlüssel kann im Rathaus geholt werden. Leider ist der Platz vor dem Friedhofseingang wahrlich kein Ruhmesblatt für den Ort.
Der eiskalte, nasse und starke Nebel umfängt heute auch die Grabsteine.

Unter den Grabsteinen auch jener der Familie von Paul Rosenfeld, jener des großen Rabbiners Israel Pscherhofer (bitte Bilder durch Klicken vergrößern) und der jüngste Grabstein des Friedhofes: der eines 6jährigen ungarischen Mädchens, das 1957 auf der Flucht mit ihren Eltern über den Neusiedlersee erfroren ist:

  • Grabstein der Familie Rosenfeld
  • Grabstein des berühmten Gelehrten Israel Pscherhofer
  • Grabstein aus Sandstein
  • Ein ehemals sehr beeindruckender Grabstein
  • Jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Der jüngste Grabstein aus 1957


Bis heute ist es in Frauenkirchen nicht gelungen, eine Gedenktafel oder einen Gedenkstein an die ehemalige jüdische Gemeinde zu errichten. Gerademal Gassen- und Platznamen erinnern: “Tempelplatz, Judengasse”…
2013 soll es endlich so weit sein, erfahre ich bei unserem heutigen Treffen mit Pater Elias, einem Nachfolger des obgenannten Pater Josef.

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir Ihnen wärmstens das Buch: “Herbert Brettl. Die jüdische Gemeinde von Frauenkirchen”, 2. Auflage, Halbturn 2008.


Leben und Glaube

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