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Rotte und Reiss Rennen

Jewish Sight-Running mit Thomas Rottenberg

Als ich 2012 die Idee hatte, Jewish Sight-Running in Eisenstadt anzubieten, war ich ziemlich optimistisch, dass das Angebot auch hin und wieder genutzt werden würde, von Interessierten aus der Umgebung, BesucherInnen und Besuchern von Eisenstadt, die im Rahmen der Stadtführungen nicht alle „jüdischen Stationen“ erreichen können, von Urlaubern, die nicht nur am See in der Sonne liegen wollen, von Museumsbesuchern, die das jüdische Eisenstadt umfassender und eingehender erkunden wollen … ;-)

Dieser Optimismus sollte sich als Irrtum herausstellen. Obwohl mir natürlich von Anfang an klar war, dass das Programm nicht wirklich mehrheitsfähig ist und auch immer wieder viele Menschen die Idee des Angebots goutier(t)en, – aktiv und selbst die Runde zu laufen, scheint aber doch nochmals eine ganz andere Geschichte zu sein … macht aber nichts, da das Angebot nichts kostet, keinen zusätzlichen Aufwand für das Museum bedeutet und ich ohnehin gerne und regelmäßig laufe.

Umso schöner, dass mich Thomas Rottenberg vergangene Woche anrief und wir uns einen Termin für die Laufrunde ausmachten. Es war sehr heiß, schwül und wir waren am späten Nachmittag auch beide schon ein wenig müde. Ich will ehrlich sein: Wir beschlossen ob dieser suboptimalen Rahmenbedingungen nicht die ganzen 10 km zu laufen, aber jene Kilometer, die wir liefen, waren vom Feinsten!

Großes Danke an Thomas für den wunderbaren Artikel im Standard: Rotte rennt.

  • Jewish Sight-Running mit Thomas Rottenberg
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  • Jewish Sight-Running mit Thomas Rottenberg
  • Jewish Sight-Running mit Thomas Rottenberg
  • Jewish Sight-Running mit Thomas Rottenberg


Bleibt mir noch zu wünschen, dass Text, Bilder und Video vielleicht ein wenig Lust machen, die jüdische Geschichte Eisenstadts auch einmal anders zu erleben und mitzulaufen …

Wie im Standard zu lesen: natürlich muss nicht „gerannt“ werden, auch „Wanderer“, „Walker“ usw. sind herzlich willkommen, Stichwort „Jewish Sight-Walking“.
Wie unschwer zu erkennen ist: Selbstverständlich gilt das Angebot auch für „Kleinstgruppen“ und quasi „jederzeit“ (Anmelden einen Tag vorher wäre aber freundlich) ;-)



Burgenland, In eigener Sache, Veranstaltungen

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Il Giardino dell’Eternità di Trieste

Der jüdische Friedhof von Triest

Links zum Projekt


Triest! Was verbindet sich nicht alles mit diesem Namen!

Alexander Roda-Roda

Die jüdische Gemeinde von Triest zählt heute etwa 500 Mitglieder, von der großen und langen Geschichte der jüdischen Gemeinde der Stadt – vor 1938 lebten etwa 6000 Juden in Triest – erzählt der jüdische Friedhof in Via della Pace mit seinen etwa 12.000 Grabsteinen auf 3 Hektar Fläche. Nachdem der alte jüdische Friedhof aus dem Jahr 1446 für die jüdische Gemeinde zu klein geworden war – in der Zeit seiner größten räumlichen Ausdehnung hatte er die Hänge des San Giusto-Hügels erreicht – und aufgelöst werden musste, fand das erste Begräbnis am neuen Friedhof am 2. Juni 1843 statt.

Memorial mit den 687 Namen der im Holocaust ermordeten Triestiner Juden

Shoa-Memorial

Dass Triest über 500 Jahre lang habsburgisch-österreichisch war, muss hier nicht weiter ausgeführt werden. Unzählige deutschsprachige Grabinschriften, Herkunftsorte wie Prag, Pressburg, Lemberg, Iasi (Rumänien), Warschau, Skalat (Polen/Westukraine), Surany (Südslowakei), Gloggnitz, Eisenstadt, Hohenems oder Wien, Familiennamen wie Lackenbacher und Familienstammbäume, die tief in die Geschichte der Juden unserer Region weisen, legen ein beredtes Zeugnis ab.

Eisenstadt, Hohenems und Wien…

Am 1. August 1800 heiratete Giustina, geborene Romanin, „Wolf Gerstel di Eisenstado„, geboren 1774. Er war Trödler und ist nicht in Triest begraben. Das Grab seiner Ehefrau befindet sich aber am jüdischen Friedhof Triest und hat – wenig überraschend – eine hebräische Grabinschrift.
Aus Hohenems kommen etwa August Brunner (der Grabstein ermöglicht uns die Daten in den genealogischen Datenbanken zu korrigieren) und Hannchen Brunner, in Wien wurden 1866 Ugo Ascoli und 1869 Siegfried Neuhauser, „Sohn einer achtbar würdigen Bürgerfamilie aus Wien“ geboren.

Große Namen und spannende Familiengeschichten

Blick in den jüdischen Friedhof von Triest

Blick in den jüdischen Friedhof von Triest, Ende März 2016



Die Familien Morpurgo und Parente, Gründer und Vorstände der Generali Versicherung, sind in einem Sacellum, in der Form ähnlich einem griechischen Tempel, beim Eingang in den Friedhof begraben. Dieser Bereich wurde vom Mailänder Architekt Carlo Macciacchini errichtet, der neben seinem bekanntesten Projekt, dem Monumentalfriedhof in Mailand, auch der Erbauer von San Spiridione, der Serbisch-Orthodoxen Kirche von Triest, war. Der österreichische Bankier Elio von Morpurgo, verheiratet mit Nina Parente, etwa gilt als Begründer der weltberühmten Bankiers-Familie.

Eines der auffälligsten Grabdenkmäler gehört Giuseppe Eppinger, dem Gründer der weltberühmten „Bomboniera“, die heute noch existiert und James Joyce berichtet über seinen Besuch am sehr schönen Grab von Ada Meissel, der Ehefrau seines Freundes, die mit 27 Jahren Selbstmord begangen hatte. Auch das Grab von Elio Schmitz, dem Bruder des Schriftstellers Italo Svevo, dessen bürgerlicher Name Ettore Schmitz war, und der über seinen Bruder auch einen Roman schrieb, findet sich am Friedhof. Genauso wie jenes von Fiorina Coen, deren Tochter Irene, die ebenfalls am Grabstein genannt ist, die Mutter des prominenten New Yorker Bürgermeisters (1934-45) Fiorello Enrico „Henry“ LaGuardia war, nach dem auch ein New Yorker Flughafen benannt ist.

Skandal in Triest: als Margarete Arnstein 1907 im Alter von 12 Jahren verstorben war, fertigte der italienische Architekt Giovanni Marin einen Sarg mit einer von Blumen bedeckten figürlichen Darstellung von Margarete, was natürlich dem biblischen Bilderverbot widersprach (Exodus 20,4).

  • Aufbahrungshalle am Friedhof

    Aufbahrungshalle am Friedhof

  • Gräber der frühen Rabbiner, 18. Jh., vom alten jüdischen Friedhof

    Gräber früher Rabbiner, 18. Jh.

  • Abgebrochene Säulen: Gräber von Kindern bzw. jungen Menschen

    Kindergräber


Hochinteressante Details in den hebräischen Grabinschriften

Schabbatai Elia Levi kam aus Korfu, ist in Triest begraben und das Sterbedatum in seiner hebräischen Grabinschrift wird dargestellt durch den Satz „Im Jahr, in dem Sewastopol belagert wurde“. Mit dem Tod Rachel Grassitis 1849 versank auch „ihre große Kraft“, ebenfalls dargestellt im Sterbedatum. Sehr spannend auch die doch zu unserer Region verschiedenen Einleitungsformeln wie „Hier liegt“ פה שוכב oder „Dies (sei) die Ruhestätte“ מ“ק, was ich in Österreich bisher nur auf Grabinschriften in der sefardischen Abteilung am Zentralfriedhof in Wien sah.

Mein Dank gehört der Genealogin Traude Triebel, die beim Lesen und der Indizierung der Inschriften half und viele Fotos beisteuerte sowie ganz besonders auch Livio Vasieri aus Triest, der – ehrenamtlich und mit großer Leidenschaft – seit Jahren unermüdlich an der Aufarbeitung des jüdischen Friedhofs Triest arbeitet.

Über den jüdischen Friedhof Triest gibt es die schöne DVD „Hidden Treasure“ (Italienisch mit englischen Untertiteln) sowie die Broschüre Il Giardino dell’Eternità (Italienisch), beides bei der jüdischen Gemeinde Triest erhältlich. Schließlich sei noch das sehr schöne Carlo e Vera Wagner Museum in Triest empfohlen.

Links zum Projekt


Leben und Glaube

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Hebräisch – vor Ort und mit allen Sinnen

Schon zum zweiten Mal kamen 7 Interessierte aus Salzburg, Kärnten und Bayern nach Eisenstadt zum fortgeschrittenen Hebräischkurs. So wie vergangenes Jahr wollten wir auch heuer das sonst übliche „Klassenzimmer“ verlassen und Gelerntes in der Praxis, vor Ort, anwenden und vertiefen. Dass es dabei nicht „nur“ um Grammatik, Vokabeln und Syntax ging, muss nicht extra erwähnt werden. ;-)

Frauenkirchen

Gleich am 1. Tag fuhren wir nach einem Kurzbesuch am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt in die ehemalige jüdische Gemeinde Frauenkirchen. Herr Franz Wegleitner, ehemaliger Lehrer, der sich seit vielen Jahren in zahlreichen Projekten rund um die Geschichte der Juden Frauenkirchens engagiert und verdient macht, nahm sich viel Zeit, um uns faszinierende Geschichten zu einzelnen Gräbern des in der Shoa nicht zerstörten jüdischen Friedhofs zu erzählen. Nach dem Friedhof besichtigten wir mit ihm noch den „Garten der Erinnerung“ am Standort der ehemaligen Synagoge, der am 29. Mai feierlich eröffnet wird.

  • Herr Wegleitner führt uns am jüdischen Friedhof Frauenkirchen
  • Jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Die ältesten Grabsteine am jüdischen Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Hindel Neufeld, 1910, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Völlig erodierter Grabstein am jüdischen Friedhof Frauenkirchen
  • Durch Erosion sind nur mehr Einleitungsformel und Schlusseulogie lesbar, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Rela Steiner, 1937, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Elijahu Zvi, 1917, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Mose (August) Goldstein, 1901, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Sehr schöner, aber leider stark erodierter Grabstein, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Chaja Sara, Tochter vom Schalom ...,  1820, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Gütel Kastner, 1927, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Völlig erodierter Grabstein am jüdischen Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Sarl Deutsch, 1935, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Sarl Deutsch, 1935, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Standort der ehemaligen Synagoge, 'Garten der Erinnerung'
  • Standort der ehemaligen Synagoge, 'Garten der Erinnerung'
  • Standort der ehemaligen Synagoge, 'Garten der Erinnerung'


Kittsee

Am Nachmittag fuhren wir in die ehemals nördlichste der „sieben heiligen jüdischen Gemeinden“ auf esterházyschem Grundbesitz, nach Kittsee. Frau Direktor Irmgard Jurkovich erwartete uns schon auf dem im Schatten des Kittseer Schlosses gelegenen jüdischen Friedhof mit seinen 230 Gräbern. Frau Jurkovich beschäftigte sich schon in ihrer Zeit als Leiterin der örtlichen Hauptschule jahrzehntelang intensiv mit der jüdischen Geschichte von Kittsee, ihr enormes Wissen und ihr Engagement beeindruckte uns alle in höchstem Maße.

  • Irmgard Jurkovich führt uns am jüdischen Friedhof Kittsee
  • Der jüdische Friedhof Kittsee im Schatten des Schlosses
  • Jüdischer Friedhof Kittsee
  • Heute sind nur mehr wenige Grabsteine (einigermaßen) gut lesbar, jüdischer Friedhof Kittsee
  • Heute sind nur mehr wenige Grabsteine (einigermaßen) gut lesbar, jüdischer Friedhof Kittsee
  • Jüdischer Friedhof Kittsee
  • Völlig erodierter Grabstein, jüdischer Friedhof Kittsee
  • So gut wie nicht mehr lesbare Inschrift, jüdischer Friedhof Kittsee
  • Grabstein des vorletzten Rabbiners von Kittsee, Meir Abeles, 1887, jüdischer Friedhof Kittsee


Wien Zentralfriedhof

Am Freitag verließen wir das Burgenland und machten uns auf den Weg nach Wien. Die jüdischen Abteilungen auf dem Zentralfriedhof Tor IV und Tor I an einem Tag waren ein ambitioniertes Vorhaben. Eine der bekanntesten und besten Genealoginnen, Traude Triebel, erklärte die Bedeutung von Grabinschriften, besonders auch von hebräischen, für die genealogische Arbeit. Nach dem Besuch des Grabes Paul Rosenfeld aus Frauenkirchen und der „herrenlosen“ (sic!) exhumierten Gräber von Döbling auf Tor IV wechselten wir am Nachmittag in die jüdische Abteilung von Tor I, laut Eigenaussage eine Art Zweitwohnsitz von Traude Triebel ;-), die hier auch gleich ihre eigene Familie besuchen konnte. Auf beiden Toren liegen etwa 150.000 Menschen begraben.
Selbstredend, dass die prachtvollen Mausoleen auf Tor 1 fast eine Art Kontrastprogramm zu den orthodoxen burgenländischen Grabstätten des Vortages bildeten:

Markus Engel, ein Sohn des Handelsmanns in Bonyhad Aron Engel, kam um 1860 nach Wien und begründete hier zusammen mit Wilhelm Weiss unter der Firma M. Engel & Weiss ein Exporthaus. Aus diesem erwuchs das Bank- und Wechselhaus Marcus Engel in Wien I., Schottenring 32, durch das Markus Engel zu großem Reichtum kam. Sein monumentales Mausoleum auf dem Zentralfriedhof in Wien ist eines der größten Grabdenkmäler auf diesem Friedhof (siehe unten Bilder 3. Reihe).

Gaugusch Georg, Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800-1938, A-K, Wien 2011, 534.

Besonders faszinierend war die sefardische Abteilung bei Tor 1. Im Wien des 19. Jahrhunderts gab es eine bedeutende sefardische Gemeinde. Die frühesten Namen sind bekannt: Camondo, Nissim, Eskenasy, Amar, De Mayo usw. Interessant, dass wir in den Geburts- und Heiratsmatriken zwischen 1845 und 1938 gerademal 10.000 Personen finden.
Für uns, wir machen diese Touren schließlich im Rahmen eines Hebräischkurses für Fortgeschrittene, war natürlich auch interessant, dass wir offensichtlich in Wien nur auf den sefardischen Gräbern als Einleitungsformel der hebräischen Grabinschriften מצ’ק finden. Gesehen hab ich das bisher nur am jüdischen Friedhof in Triest. In Deutschland finden sich etwas mehr als 50 Belege dafür, und diese mit wenigen Ausnahmen alle auf dem jüdischen Friedhof Hamburg-Altona. Dort jedoch nie als Abbreviatur, sondern immer ausgeschrieben: מצבת קבורת.

  • Grab von Paul Rosenfeld aus Frauenkirchen, 2003, Zentralfriedhof Wien, Tor 4
  • Mit Genealogin Traude Triebel vor den 'herrenlosen' exhumierten Gräbern aus Döbling, Zentralfriedhof Wien, Tor 4
  • Ehrengräbergruppe: Gerhard Bronner, Friedrich Efraim Torberg, Arthur Schnitzler, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Grab von Oskar Schiller aus Eisenstadt, 2005, Zentralfriedhof Wien, Tor 4
  • Eines der wenigen Gräber mit ausschließlich hebräischer Grabinschrift bei Tor 4: Antonia Händler, 2002, Zentralfriedhof Wien
  • Grab von Dr. Bernhard Wachstein, 1935, Bibliothekar der Isr. Kultusgemeinde Wien, Zentralfriedhof Wien, Tor 4
  • Grab von R. Aharon Jedhua Halevi, 30 Jahre Rabbiner der Synagoge Favoriten, November 1929, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Mausoleum Marcus Engel, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Traurig: Fast alle Kupferrosetten gestohlen: Grab von Ludwig v. Pollak, 2005, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Grab von Jonas Kraemer, 1905, mit Freimaurersymbol, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Grab von Josef ben MORENU Jehuda Arje Pressburger, 1901, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Sefardische Abteilung: Helene Russo, 1899, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Sefardische Abteilung: Abraham Leon Cohen, 1894, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Sefardische Abteilung: Brüder Schlomo David Asriel und Schmuel David Asriel, Helene Asriel, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Sefardische Abteilung: Grab von Isak Semo, 1907, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Sefardische Abteilung: Grab von Camilla de Majo, 1924, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Sefardische Abteilung: Grab von Julie Baruch aus der türkischen Gemeinde Wien, 1899, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Beachtenswertes Gedicht am Grabstein von Sidonie Grünwald-Zerkowitz, 1907, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • 1945 durch Fliegerbomben zerstörtes Mausoleum von Moriz Benedikt, 1849-1920, Herausgeber und Chefredakteur der Neuen Freien Presse, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Gedenktafel für tausende nicht zuordenbare Grabsteinfragmente an der Mauer, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Tausende nicht zuordenbare Grabsteinfragmente an der Mauer, Zentralfriedhof Wien, Tor 1


Ich kann mich nur wiederholen: Ich bewundere jede/n einzelne/n KursteilnehmerIn für seine/ihre große Leidenschaft für die hebräische Sprache. Und ich freue mich wirklich ganz besonders, dass der Termin für nächstes Jahr gleich vereinbart wurde! :-)

Veranstaltungen

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‚Hier liegt geborgen …‘ – Einladung zur Präsentation unseres Friedhofsprojekts

Wir freuen uns sehr, zur offiziellen Präsentation unseres kürzlich fertiggestellten Friedhofsprojekts

„Hier liegt geborgen …“

Digitale und physische Dokumentation der 1.082 Grabsteine des älteren jüdischen Friedhofs in Eisenstadt

einladen zu dürfen!


Wann: Sonntag, 8. November 2015, um 11 Uhr

Wo: Älterer jüdischer Friedhof, Eisenstadt

Eingang des älteren jüdischen Friedhofs, um 1920

Eingang des älteren jüdischen Friedhofs, um 1920

Das Programm

Begrüßung und Vorstellung des Projekts: Johannes Reiss

Musik: Jeruschalajim schel sahav – interpretiert von Shlomit Butbul

Geleitworte zum Projekt: LAbg Mag. Thomas Steiner, Bürgermeister der Freistadt Eisenstadt

Ansprache und Kaddisch: Oberrabbiner Prof. Paul Chaim Eisenberg


Anschließend laden wir zu einem kleinen Koscher-Style-Buffet im Museum.

Alle BesucherInnen haben die Möglichkeit, einen Stein auf eines der Gräber zu legen.

Männliche Besucher ersuchen wir, eine Kopfbedeckung zu tragen.

Das digitale Projekt: http://ojm.at/ajf


Wir stellen einen Autobus (Wien – Eisenstadt – Wien) gratis zur Verfügung.

Treffpunkt: Sonntag, 08. November 2015, 09.30h Schwedenplatz / Ecke Rotenturmstraße
Rückfahrt: 13.30h

Anmeldung für den Autobus bis spätestens 04. November 2015:

  • telefonisch: +43 (0)2682 65145
  • per E-Mail: info@ojm.at

Zum Projekt

Obwohl wir seit der wegweisenden Publikation Bernhard Wachsteins aus dem Jahr 1922 (siehe genauer unseren seinerzeitigen Einleitungsartikel zum Projekt) wissen, wer damals auf dem älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben war (1.140 Personen in 1.117 Gräbern), war bis dato völlig unbekannt, wo am Friedhof sich welches Grab heute befindet. Die einstigen Standortnummern sind nicht mehr sichtbar, die oft so weisen, textintensiven sowie schönen und ausschließlich hebräischen Inschriften zum Teil kaum oder gar nicht mehr zu lesen.

Trotzdem ist es uns gelungen, von den heute am Friedhof zu findenden 1.082 Grabsteinen (von 1.105 Personen) 1.074 eindeutig zuzuordnen, die wenigen Fehlenden (Fragmente etc.) zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit. Wir haben in 8 Monaten intensivster Arbeit nicht nur eine vollständige digitale Edition des älteren jüdischen Friedhofes erstellt (mit Foto, Lageplan, kompletter zeilengerechter Abschrift der Inschrift, biografischen Notizen, Anmerkungen zur Inschrift und Verlinkung aller Verwandten des Toten sowie Personen- und Lageplanregister), sondern es wurde auch jeder einzelne Grabstein auf dem Friedhof mit einer (neuen) Standortnummer versehen. Sowohl mit QR-Code (via Smartphone) als auch mit bereit gestellten gedruckten Listen kann ab sofort jede/r Begrabene sicher gefunden werden. In Summe stellt dieses Dokumentationsprojekt eine höchst innovative Aufarbeitung des Friedhofs dar, die österreich- und europaweit, vielleicht sogar weltweit einzigartig ist.

Grabstein Hirz Kamen mit QR-Code

Grabstein Hirz Kamen mit QR-Code

Der ältere jüdische Friedhof in Eisenstadt darf sicher – neben jenem in der Seegasse in Wien – als bedeutendster jüdischer Friedhof in Österreich gelten. Bedeutend – sowohl in Hinblick auf seine Größe und sein Alter (wir konnten auch den ältesten jüdischen Grabstein des Burgenlandes, jenen von Hirz Kamen, gestorben 1679, finden) als auch in Hinblick auf die am Friedhof begrabene gelehrte jüdische „Prominenz“ (darunter an erster Stelle der erste Rabbiner Eisenstadts, der auch als erster den Namen „seiner“ Stadt als Nachname führt: Rabbi Meir Eisenstadt, gestorben 1744).

Tausende Menschen aus aller Welt – Verwandte, Pilger, aber auch interessierte Touristen –besuchen jährlich den Friedhof. Nebst der längst überfälligen historischen und kulturgeschichtlichen Notwendigkeit, die einzelnen Gräber den Begrabenen korrekt zuzuordnen, können nun endlich Angehörige die Gräber ihrer Verwandten finden.

Diese Aufarbeitung des älteren jüdischen Friedhofs in Eisenstadt ist zweifelsohne das größte und in vielerlei Hinsicht wohl auch wichtigste und nachhaltigste Projekt unseres Museums seit seiner Existenz: zum einen werden Namen und Biographien von ganzen Generationen von Eisenstädter Jüdinnen und Juden aus den Grabinschriften kenntlich und für die Zukunft dauerhaft bewahrt, zum anderen wird erstmals und für alle BesucherInnen eine genaue Orientierung auf dem Friedhof möglich.

Wir würden uns freuen, Sie zur Vorstellung dieses für unser Haus so wichtigen Projekts begrüßen zu dürfen!


„Here lies buried…“ – an invitation to the Presentation of our Cemetery Project

We are highly pleased to invite you to the official presentation of our recently completed Cemetery Project entitled

„Here lies buried…“

A digital and physical documentation of the 1,082 gravestones in the Older Jewish Cemetery in Eisenstadt


When?: Sunday, 8 November 2015, at 11:00 am

Where?: Older Jewish Cemetery, Eisenstadt

Eingang des älteren jüdischen Friedhofs, um 1920

Entrance to the Older Jewish Cemetery, ca. 1920

Program

Welcome address and introduction to the project: Johannes Reiss

Music: Yerushalayim shel zahav – sung by Shlomit Butbul

Address by LAbg Mag. Thomas Steiner, mayor of Eisenstadt

Address and Kaddish: chief rabbi Paul Chaim Eisenberg


Kosher style buffet (in the museum)

Every visitor will be given the opportunity to put a stone on one of the graves.

Male visitors are kindly asked to cover their heads.

The digital project: http://ojm.at/ajf

For visitors from Vienna we provide a free bus service (Vienna – Eisenstadt – Vienna).

Meeting point: Sunday, 8 November 2015, 9:30 a.m., at the corner Schwedenplatz/Rotenturmstraße
Return trip: 1.30 p.m.

Please make sure to register for the bus until 4 November 2015 at the latest

About the project

Although we have known who lies buried in the Older Jewish Cemetery ever since the pioneering documentation by Bernhard Wachstein was published in the year 1922 (for details, please refer to the contemporary introductory article on the project) – namely, 1,140 persons in 1,117 graves – to date it has remained completely in the dark where in the cemetery each respective grave is located. The erstwhile gravesite numbers are no longer decipherable or even visible; the frequently poignant and wisdom-laden textual scripts and beautiful inscriptions exclusively in Hebrew are either partly or completely deteriorated, i.e. unreadable and thus irreplaceably lost.

Nevertheless, of the overall total of 1,082 gravestones (embracing 1,105 persons) we have succeeded in identifying and designating 1,074 clearly and reliably. The remaining few (fragments, etc.) have been allocated/earmarked with a high degree of probability. Over the course of eight months of intensive work, we have not only created and are about to publish a complete digital edition of the Older Jewish Cemetery, including photos, map of the grounds, reproduction of all gravestone inscriptions, biographical notes, comments on the inscriptions and Internet links of all relatives of the deceased as well as an index of names and register of the site; at the same time, each individual gravestone in the cemetery has also been assigned a (new) number for its site and location. Both with QR code (via smartphone) and with printed lists which are provided, each and every person buried in this cemetery can finally be determined and pinpointed with certainty. All in all, this documentation project resulted in a highly innovative overhaul and reworking of the data pertaining to the cemetery. It is unique in Austria and throughout Europe, perhaps even in the world.

Grabstein Hirz Kamen mit QR-Code

Gravestone Hirz Kamen with QR code

The Older Jewish Cemetery in Eisenstadt can surely be considered the most important Jewish cemetery in Austria, along with the cemetery in the Seegasse in Vienna. Important both with regard to its size and its age (we were able to find the oldest Jewish gravestone in the Burgenland, that of Hirz Kamen, died in 1679); as well as with regard to the prominent Jewish scholars who lie buried here, including as leading light, Eisenstadt’s first rabbi who was also the first to bear the name of „his“ city: Rabbi Meir Eisenstadt, died 1744.

Thousands of people from all over the world – relatives, pilgrims, but also interested tourists – visit the cemetery each year. Apart from the urgent historical and cultural necessity of correctly hallmarking the individual graves of the deceased, now also family members, next of kin and loved ones can, at long last, find the graves of their relatives.

This study, the reworking of data and the resulting digest of Eisenstadt’s Older Jewish Cemetery is doubtless the largest and in many respects most significant project our museum has undertaken since its founding. We believe it will prove enduringly and sustainably fruitful. On the one hand, entire generations of Jews from Eisenstadt have been identified and made recognizable for anyone desirous of learning their names and biographies in present and future; on the other, for the first time, a precise on-site orientation of the cemetery has been generated and is available for all visitors.

We are very pleased to invite you and would be honored to greet you at the presentation of this project which is so important to our museum.


In eigener Sache, Veranstaltungen

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Der älteste jüdische Grabstein des Burgenlandes

Fast auf den Tag genau, nach 8 Monaten und pünktlich zu Rosch ha-Schana 5776, konnten wir den ersten Teil, nämlich die digitale Edition, unseres großen Friedhofsprojekts

„Hier liegt geborgen …“

Digitale und physische Dokumentation der 1.082 Grabsteine des älteren jüdischen Friedhofs in Eisenstadt.

fertigstellen.

Nun arbeiten wir mit Hochdruck am zweiten Teil, der das Projekt zu einem besondern und österreich- bzw. europaweit (weltweit?) einzigartigen macht, nämlich die zusätzliche komplette physische Dokumentation des Friedhofes!

Wir dürfen es schon verraten: Jeder der 1.082 Grabsteine erhält ein witterungsbeständiges Plättchen, auf dem zur schnellen Orientierung der Standort des Grabsteines zu finden ist (z.B. G-19) sowie einen QR-Code, der auf die spezifische URL des Grabsteines führt. Dort finden Sie dann neben Foto und zeilengerechter Abschrift der Inschrift auch biografische Notizen und Links zu den ebenfalls am älteren Friedhof begrabenen nächsten Angehörigen.

Präsentiert wird das Projekt am Sonntag, 8. November um 11 Uhr. Wir laden dazu noch extra ein, please save the date!

Selbstverständlich haben wir das Projekt nicht nur mit dem Grabstein des berühmtesten Rabbiners des Burgenlandes und auch eines der brühmtesten in Österreich, Rabbi Meir Eisenstadt, begonnen, sondern wollen das Projekt auch mit einem „Paukenschlag“ beenden: Mit dem ältesten jüdischen Grabstein des Burgenlandes – jenem von Hirz Kamen, gestorben 1679:

    Großformat: Grabstein Naftali Hirz ben Abraham ha-Levi Kamen (Coma), 23. Tammus 439


Der erste Name, der uns von der wiederentstandenen Gemeinde Kunde gibt, ist auch der eines ihrer vornehmsten Gründer. Hirz Kamen wurde in Frankfurt a.M. als der Sohn des dortselbst 1652 als Vorsteher verstorbenen Abraham Kamen geboren. Er zählte sich … zu den Nachkommen des Gelehrten und Synagogendichters Akiba Frankfurter, der ebenso durch seine schriftstellerischen Hervorbringungen wie durch seine schöpferische Tätigkeit auf charitativem Gebiete einen Namen erworben hatte. In den sechiziger Jahren des 17. Jahrhunderts treffen wir Hirz Kamen in Wien an, wo er im Rabbinats-Kollegium des … bekannten Gelehrten Gerson Aschkenasi als Beisitzer wirkte. Seine rabbinische Tätigkeit fand jedoch durch die über die Wiener Judenschaft im Jahre 1670 hereingebrochene Katastrophe ein jähes Ende. Im Unglücksjahre fiel ihm … auch die Aufgabe zu, an allen Schritten zur Abwendung der Katastrophe tätigen Anteil zu nehmen. Als die Wiener Judengemeinde nach allen Richtungen zerstob, ging Kamen mit einem Teile der Exulanten nach Nikolsburg in der Hoffnung, von dort aus die Wiederkehr nach Wien zu erwirken. Auch in Nikolsburg sehen wir ihn unter den Vertretern der aus Wien Vertriebenen.

Fünf Jahre lang dauerte das Hoffen und Bangen. Schon glaubten sie sich am Ziele, das alte Gemeindewesen, wenn auch in verkleinertem Maße und unter drückenden Bedingungen aufrichten zu könnten. Der Kompromiss zur Wiedereinlassung der Juden nach Wien wurde von den Führern, unter denen unser Hirz an zweiter Stelle erscheint, am 13. März 1675 in Nikolsburg unterschrieben, aber der Erfolg blieb auch diesmal aus und die Verhandlungen verliefen resultatlos. Nun blieb den Wienern nichts anderes über, als entweder die Fürst Dietrichsteinsche Untertanenschaft anzustreben oder eine neue Heimat ausfindig zu machen. Ein Teil blieb denn auch in Nikolsburg oder in den angrenzenden mährischen Gemeinden, ein anderer Teil, der aus ideellen oder wirtschaftlichen Gründen in das Nikolsburger Gemeindewesen sich nicht einfinden konnte, begründete die neue Gemeinde in Eisenstadt, deren alte wohl von demselben Schicksal wie die von Wien 1670 betroffen wurde. Dass Kamen in dem wahrscheinlich winzigen Gemeinwesen eine passende berufliche Stellung gefunden habe, ist nicht anzunehmen. Sowohl in seiner eigenen Grabschrift wie in denen seiner Kinder wird er als einstiges Mitglied des Wiener Rabbinats bezeichnet. Man begreift, dass diese gewesene Würde noch immer für den Träger und das Geschlecht mehr Glanz hatte als ein selbständiges Rabbinat in der kleinen Landgemeinde. Aber immerhin würde diese Tätigkeit eine Erwähnung gefunden haben, zumal in der nachfolgenden Zeit, wo Männer von Namen in der indes angewachsenen Gemeinde das Rabbinat bekleideten. Damit soll jedoch nicht behauptet werden, dass neben dem angesehenen und gelehrten Manne ein anderer die geistliche Führung hatte. Das Gemeindewesen war eben in seinen Anfängen, so dass die Rabbinatsagenden von einem Mitgliede der Gemeinde im Ehrenamte versehen werden konnten. Nur eine kurze Spanne Zeit war es Hirz Kamen vergönnt, an der Ausgestaltung der neuen Heimat zu wirken. Sein Geschlecht glühte jedoch bis in die neuere Zeit in Eisenstadt fort.

Wachstein B., Die Grabinschriften …, a.a.O., 1f (leicht gekürzt)

Burgenland, Leben und Glaube

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