Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: friedhof

Zwischen Park, Vogelschutzgebiet und einem ‚Haus der Ewigkeit‘

Jüdischer Friedhof Währing Links zum Projekt Zur Übersichtsseite des Projekts „Jüdischer Friedhof Währing“ Die Grabsteine (The Gravestones) (work in progress) Personenregister Über die Geschichte des jüdischen Friedhofs Währing gibt es…

Jüdischer Friedhof Währing

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Über die Geschichte des jüdischen Friedhofs Währing gibt es mittlerweile umfangreiche, zum großen Teil auch online verfügbare Literatur. Wir beschränken uns daher in dieser Hinsicht nur auf die nötigsten Informationen.

Der jüdische Friedhof Währing ist der zweitälteste jüdische Friedhof Wiens. Die Sanitätsverordnung Kaiser Josefs II. von 1784 hatte aus hygienischen Gründen Friedhöfe innerhalb des Linienwalls verboten und zur Auflösung des ältesten jüdischen Friedhofes von Wien, dem in der Seegasse, geführt. Der nun angelegte jüngere Friedhof in Währing wurde zwischen 1784 und 1879 belegt. Nach der Schließung des Friedhofes in Währing fanden die meisten Begräbnisse auf dem alten israelitischen Friedhof beim 1. Tor des Zentralfriedhofs, ab 1917 auch beim 4. Tor, statt (mehr Informationen zum Friedhof etwa auf „geschichtewiki.wien.gv.at„.

Der heute noch erhaltene älteste Grabstein auf dem jüdischen Friedhof Währing ist der von Simon Salomon Sinzheim. Er starb am 13. April 1784 an Auszehrung und Erschöpfung (!) und war der Neffe von Löb Sinzheim, einem der bedeutendsten Hoffaktoren und Wiener jüdischen Finanzmänner des 18. Jahrhunderts.

Die Belegung des Währinger Friedhofs spiegelt die gesamte soziale Breite der jüdischen Bevölkerung Wiens im 19. Jahrhundert wider: Bedeutende, sogar geadelte Familien wie Arnstein, Wertheimstein und Todesco sind hier begraben, und am anderen Ende der Leiter Hausierer, Bettler und die verachteten Schnapsbrenner und Schankwirte, die „Branntweiner“, wie sie in Wien genannt wurden. Ihre Herkunftsorte umfassen die gesamte Landkarte der habsburgischen Monarchie sowie viele deutsche Städte.

Keil Martha, Von Baronen und Branntweinern (Original: Martha Keil, Elke Forisch, Ernst Scheiber (Hg.): Denkmale – Jüdische Friedhöfe in Wien, Niederösterreich und Burgenland . Hg. von Club Niederösterreich, Institut für Geschichte der Juden in Österreich, Wien 2006, S. 54-59.)

Der Plan der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, um 1900 den jüdischen Friedhof Währing in einen öffentlichen Park umzugestalten, dürfte Mitarbeiter der Kultusgemeinde dazu veranlasst haben, alle Grabinschriften abzuschreiben. Die etwa 9.500 Abschriften wurden in den Central Archives of the Jewish People in Jerusalem wieder gefunden.
Die Abschriften wurden einige Jahre später vom Archivar der Israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Pinkas Heinrich (geb. 25. Oktober 1865 in Iași (dt.: Jassy, viertgrößte Stadt Rumäniens), zuständig nach Wien, gest. 02. Dezember 1932 in Wien) überarbeitet. Und zwar wirklich akribisch überarbeitet: Denn Heinrich korrigierte nicht nur die Abschreibefehler auf den Blättern, sondern auch die Fehler, die die Steinmetze auf den hebräischen Grabinschriften verursachten. Dass diese Vorgangsweise bald zu Unstimmigkeiten mit der Leitung der Kultusgemeinde führen musste, liegt auf der Hand, waren doch insbesondere die entstehenden Kosten durch die von Heinrich aufgetragenen Korrekturen der Steinmetze und, falls erneut Fehler passierten, wiederholte Korrekturen, bald zu hoch…
Für uns heute sind die Überarbeitungen Heinrichs von unschätzbarem Wert, weil er nicht nur die Abschriften auf Fehler hin korrigierte und der Zeilengerechtigkeit Rechnung trug, sondern zusätzlich viele biografische Hinweise, v.a. auf Grundlage des Totenbuchs, auf den Blättern nachtrug.
Sie finden bei jedem von uns online gestellten Grabstein auch den Scan der Abschrift (so vorhanden) mit den Korrekturen / Ergänzungen von Dr. Pinkas Heinrich.

Nota bene: Ohne die Abschriften und die Korrekturen und Ergänzungen von Dr. Pinkas Heinrich wäre es bei sehr vielen Gräbern heute unmöglich, sie korrekt zuzuordnen!


Der unscheinbare Grabstein von Dr. Pinkas Heinrich befindet sich auf dem Zentralfriedhof, Tor IV, Gruppe 14a, Reihe 9, Stein 44 (übrigens nur wenige Meter entfernt von den Gräbern der aus dem jüdischen Friedhof Währing Exhumierten und am Zentralfriedhof Wiederbestatteten, s.u.). Dr. Heinrich war unverheiratet, das Begräbnis wurde durch seine Versicherung bezahlt. Die hebräische Inschrift ist sehr kurz, trotzdem wird sie dem Gelehrten gerecht:

Der vollkommene Weise, der Forscher,
MORENU (unser Lehrer und Meister) Pinkas Heinrich.
E(r starb) am 3. Kislew 693 (= 02. Dezember 1932).
S(eine Seele) m(öge eingebunden sein) i(m Bündel) d(es Lebens).


Jüdischer Friedhof Währing und Eisenstadt

Viele Grabsteine des jüdischen Friedhofs Währing führen uns nach Eisenstadt. Familien von Wien zogen nach Eisenstadt, die nächste oder übernächste Generation dieser Familien und andere Familien von Eisenstadt nach Wien. So wird etwa Heinrich (Zwi Hirsch) Janowitz am 18. März 1838 in Eisenstadt geborgen, war Kleinhändler in Wien, starb dort am 26. Juli 1866 und ist am jüdischen Friedhof in Währing begraben. Seine rein hebräische Grabinschrift gibt den Herkunftsort an:

S(ohn des) wundervollen Rabbinischen, unseres Lehrers und Meisters Jakob Janowitz von den Einwohnern der heiligen jüdischen Gemeinde Eisenstadt.

Vater Jakob ben Mendel Janowitz, gest. 1872, ist, so wie drei seiner Schwestern und zwei seiner Brüder, am älteren jüdischen Friedhof, Mutter Johanna Lea Chana Janowitz, gest. 1902, sowie Schwester Katharina, verh. Austerlitz, gest. 1921, sind am jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben.
Ebenfalls am älteren jüdischen Friedhof begraben sind die Großeltern väterlicherseits, Mendel Janowitz, gest. 1832, und Katharina Gütel Janowitz, gest. 1841, sowie die Großeltern mütterlicherseits, Alexander Süßkind ben Rafael Pollak Mühlendorf, gest. 1853 und Maria Mirl Pollak, gest. 1873.

Nach Eisenstadt führt uns der jüdische Friedhof Währing aber auch ab dem Jahr 1939. Denn im Frühjahr dieses Jahres hatte Dr. Richard Pittioni als Leiter des „Burgenländischen Landschaftsmuseums“ in Eisenstadt seinen Wunsch an die anthropologische Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien herangetragen, zum Zwecke „rassenkundlicher“ Forschungen Grabungen an jüdischen Friedhöfen, darunter insbesondere auf dem jüdischen Friedhof Währing, durchzuführen. Im August 1939 wurde ein entsprechender Antrag von Direktor Hans Kummerlöwe beim Ministerium eingebracht.

Siehe vor allem: Teschler-Nicola Maria und Berner Margit, Die Anthropologische Abteilung des Naturhistorischen Museums in der NS-Zeit; Berichte und Dkumentation von Forschungs- und Sammlungsaktivitäten 1938-1945, Seite 5.

Bild links: Im Bombentrichter finden sich unzählige Inschriftenfragmente, die nur sehr mühsam zusammengesetzt bzw. zugeordnet werden können.


Exkurs: Dr. Richard Pittioni

Unter besonderer Berücksichtigung Eisenstadts, des ehemaligen jüdischen Viertels, des Landesmuseums, der Wolfsammlung und unserer privaten Synagoge

Der Prähistoriker Richard Pittioni war prägend für die Urgeschichtsforschung des 20. Jahrhunderts in Österreich. Unzählige Publikationen sprechen für sein wissenschaftliches Schaffen, Auszeichnungen und Ehrungen für sein fachliches Ansehen. […] Abgesehen von fachlichen Publikationen erscheint der Name Pittioni in Texten, die sich im relevanten Kontext mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzen. Einerseits findet Pittioni darin Erwähnung als Opfer des NS-Regimes, dem die Lehrbefugnis aberkannt und das in die Provinz abgeschoben wurde, andererseits scheint Pittionis Name immer wieder in Publikationen auf, die sich mit anthropologischen Grabungen zur Gewinnung von Skeletten als Forschungsmaterial auf jüdischen Friedhöfen während der NS-Zeit sowie mit der Verwendung von geraubten Judaica auseinandersetzen.

Pittioni versuchte, den privaten Tempel Wolfs, den „Wertheimertempel„, unter Denkmalschutz stellen zu lassen, was von der Zentralstelle für Denkmalschutz nicht genehmigt wurde, da dieser für künstlerisch und kulturell zu wenig wertvoll befunden wurde. […] Der Grund für Pittionis Bemühungen war, dass das gesamte jüdische Ghetto Eisenstadts zerstört und neu erbaut werden sollte. Am 4. April 1939 fand eine Begehung des Ghettos zur Klärung des weiteren Verfahrens mit den Gebäuden statt, bei der neben Vertretern verschiedener Stellen auch Pittioni zugegen war. Die Häuser des Ghettos wurden als verwahrlost und zur Bewohnung nicht geeignet bezeichnet, Sanierungsmaßnahmen wären zu teuer. Auch Überlegungen, den offiziellen Eisenstädter Tempel zu schützen und als jüdisches Museum einzurichten, wurde aufgrund der Lage verworfen. Allein der jüdische Friedhof und die zur Weinhandlung Wolf sowie zum privaten Museum Wolfs gehörigen Gebäude wurden von der geplanten Zerstörung ausgenommen.

Friedmann Ina, Der Prähistoriker Richard Pittioni (1906-1985) zwischen 1938 und 1945 unter Einbeziehung der Jahre des Austrofaschismus und der beginnenden Zweiten Republik, Wien 2013, Seite 9; 46.


Intensive Kontakte hatte Pittioni unter anderem mit dem Orientalisten der Universität Wien, Dr. Viktor Christian, der gemeinsam mit anderen Professoren schon seit 1924 als „Hakenkreuzprossor“ bezeichnet wurde (und übrigens Lehrer von Prof. Kurt Schubert war, der Christian als „philosemitischen Nazi“ bezeichnete), und mit Josef Wastl, dem Leiter der Anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums. Dieser hatte 1939 die Ausstellung „Das körperliche und seelische Erscheinungbild der Juden“ initiiert. Wastl war 1932 der NSDAP beigetreten und hatte eine illegale Betriebszelle am Naturhistorischen Museum gegründet, hielt einen Schulungskurs für Parteifunktionäre zum Thema Rassen- und Vererbungslehre und führte Vermessungen an Kriegsgefangenen sowie an im Wiener Stadion inhaftierten „staatenlosen“ polnischen Juden, die danach ins KZ Buchenwald deportiert wurden, durch. Wastl war auch an der Hebung und Inventarisierung von Skeletten des jüdischen Friedhofs Währing beteiligt.

Siehe Friedmann Ina, a.a.O., Seite 47; bes. Fußnote 365.

Zwischen Sommer 1941 und Frühjahr 1943 erfolgten drei Phasen von Grabzerstörungen und Exhumierungen. […]

Um insbesondere die Gründungsväter und verdiente Mitglieder der IKG vor Leichenschändung zu bewahren, exhumierte eine Gruppe von Juden unter dem Leiter des Friedhofsamts, Dr. Ernst Feldsberg, in mehreren Etappen ab Juni 1941 die Angehörigen von dreizehn prominenten Familien, darunter Nathan Arnstein, Michael Lazar Biedermann und Isak Löw Hofmann von Hofmannsthal. Die Gebeine wurden in Einzelgräber am neueren jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs, Viertes Tor, umgebettet.

Keil M., a.a.O.

1941 wurden insgesamt 127 Personen exhumiert und auf beiden jüdischen Abteilungen des Wiener Zentralfriedhofes wiederbestattet, siehe dazu besonders Wolf-Erich Eckstein, Historische Recherche zur Vorbereitung der Restaurierung von Gräbern der 1941/42 aus dem Währinger Israelitischen Friedhof Exhumierten und am Zentralfriedhof, 4. Tor, Gruppe 14a 1941/42 und 1947 Wiederbestatteten, Wien 2015 (pdf).


Bild links: Hermann Todesko, Großhändler, Bankier, Direktor der Gloggnitzer Eisenbahn, geb. 21.11.1791 Wien, gest. 23.11.1844, Wien, 53 J., exhumiert 10. Dezember 1941, wiederbestattet am Zentralfriedhof, Tor IV, 16. Dezember 1941. Das (nicht belegte) Grab auf dem jüdischen Friedhof Währing wurde jüngst renoviert.

Bild Mitte: Grab Hermann Todesko am Zentralfriedhof Tor IV.


Am 8. Jänner 1942 beschlossen die Wiener Ratsherren […] die Auflassung aller jüdischen Friedhöfe Wiens. Der Währinger Friedhof wurde durch die umsichtige Intervention von Robert Kraus, einem Beamten des Wiener Kulturamts, in eine Grünanlage und ein Vogelschutzgebiet umgewidmet.

Keil M., a.a.O.


Bild links: Grabinschrift Moses Aron Hönig (damals noch nicht „Hönigsberg“): In deutscher Sprache, aber mit hebräischen Buchstaben: „… Tabak- und Siegel-Gefäll Direktor…“.

Bild Mitte: Franciska (Fradl) Sulzer, geb. Hirschfeld, aus Hohenems, Ehefrau des Kantors Salomon Sulzer, gest. in Wien Stadt 494 mit 46 Jahren am 10. Juni 1855, begraben am 11. Juni 1855. Text: „Der unvergesslichen Gattin und Mutter“ und „Die dankbaren Kinder“ (immerhin 16!).


Was ist geschehen und was ist nicht geschehen?

Seit vielen Jahren laufen Initiativen und Projekte, um den jüdischen Friedhof Währing zu sanieren und aufzuarbeiten. Wir haben darüber auch immer wieder berichtet, etwa hier.

Zwischen 1992 und 1998 lief das Projekt „Der jüdische Friedhof Währing als Quelle zur Sozialgeschichte der Juden Wiens 1784-1874 am Institut für jüdische Geschichte Österreichs„:

Als Ergebnis eines Forschungsprojekts des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur in den Jahren 1992–1998 wurde eine umfangreiche Datenbank erstellt.

Sie enthält in 8.600 Einträgen Namen, Herkunftsort, Adresse, Beruf, Lebensdaten, Todesursache und Grabnummer von denjenigen Jüdinnen und Juden, die am Währinger Jüdischen Friedhof beerdigt sind. In einem Kooperationsprojekt mit der Bar Ilan Universität Tel Aviv werteten Shlomo Spitzer und sein Team die Grabsteininschriften aus.

Leider sind die Ergebnisse nur zum Teil publiziert und damit keinem größeren Publikum zugänglich.
Darüber hinaus ist bis auf einzelne Publikationen und regelmäßig veranstaltete Freiwilligentage bis heute nicht viel passiert.

Mit einer erwähnenswerten Ausnahme:
Schon 2012 indizierte Traude Triebel alle Sterbebücher der IKG (übrigens ohne öffentlichen Auftrag und ohne Fördergelder!), die den jüdischen Friedhof Währing (Wien) betreffen, siehe dazu unseren Blogartikel „Neue Datenbank mit ca. 29.000 Einträgen von 1784 – 1879„.

Eine dringend notwendige seriöse und umfassende Aufarbeitung des jüdischen Friedhofs Währing lässt weiter auf sich warten.

Ein neu gegründeter Verein gibt nun Anlass zur Hoffnung:

2017 gründete Günther Havranek den Verein „Rettet den jüdischen Friedhof Währing„. Sprecherin des Vereins ist Dr.in Jennifer Kickert. In der Grundsatzerklärung heißt es unter anderem:

Der Verein „Rettet den jüdischen Friedhof Währing“ hat sich das Ziel gesetzt, die Israelitische Kultusgemeinde Wien bei den notwendigen Sanierungsmaßnahmen zu unterstützen. Dafür werden Spenden gesammelt, ein kleines Museum eingerichtet, Freiwilligenarbeit zur Reduktion des Pflanzenwuchses organisiert und regelmäßig Führungen veranstaltet, um das öffentliche Bewusstsein für diesen so bedeutsamen Ort in Wien stärken.

Das Österreichische Jüdische Museum in Eisenstadt unterstützt gerne den Verein, insbesondere wenn es neben den geplanten Sanierungsmaßnahmen auch um eine wirklich seriöse und längst fällige, gründliche Aufarbeitung dieses berühmten Friedhofes, der ein einzigartiges Dokument der Wiener Kultur, Kunst, Wirtschaft und Gesellschaft in der Zeit des Biedermeier ist, geht.

Konkret ist gemeint, dass wir sukzessive die hebräischen Grabinschriften (es gibt tausende davon), transkribieren und möglichst auch übersetzen, jedenfalls aber die wichtigsten Daten auslesen werden, digitalisieren und vor allem online publizieren.

Projektbeginn: Schawu’ot 5779 / Juni 2019.



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Es bleibt noch viel zu tun… Gedenkjahr 2018ff

Mit einem Rückblick auf das Ge-/Bedenkjahr 2018 und einem Ausblick wünschen wir allen Leserinnen und Lesern ein fröhliches Chanukkafest Happy Chanukka – חג אורים שמח und schon jetzt unseren christlichen…

Mit einem Rückblick auf das Ge-/Bedenkjahr 2018 und einem Ausblick wünschen wir allen Leserinnen und Lesern ein fröhliches Chanukkafest
Happy Chanukka – חג אורים שמח
und schon jetzt unseren christlichen Leserinnen und Lesern
ein frohes Weihnachtsfest und allen einen guten Start ins Neue Jahr!


Status quo, viele Fakten, viele Hypothesen

Vor 80 Jahren, im November 1938, gab es im Burgenland keine jüdischen Gemeinden, keine Juden mehr. 1938 bedeutete das endgültige Aus einer jahrhundertelangen, in Europa einzigartigen Geschichte der Juden und jüdischen Geschichte in unserer Region.

In unserem Newsletter vom Februar 2018 haben wir angekündigt, insbesondere in diesem Gedenkjahr den Juden Eisenstadts ihre Namen und vor allem ihre Geschichte wiederzugeben.
Die Bilanz, die wir nun ziehen wollen, ist durchmischt.

Sicher erfreulich ist, dass es uns gelungen ist, beide jüdischen Friedhöfe Eisenstadts, den weltberühmten älteren jüdischen Friedhof und den jüngeren jüdischen Friedhof, digital vollständig zu erfassen (insgesamt 1.358 Grabsteine und 1.375 Personen) und vor Ort mit Standortnummern und QR-Codes zu versehen. Jeder in Eisenstadt Begrabene kann damit ab sofort sicher gefunden werden.

Besonders der jüngere jüdische Friedhof aber stellte uns vor unerwartete Herausforderungen. Am Friedhof fehlen (physisch) etwa 150 Grabsteine, sie wurden wohl nach 1945 gestohlen, nur mehr die Sockel zeugen von ihrer ehemaligen Existenz.

Der jüngere jüdische Friedhof wurde 1875 angelegt, auf ihm befinden sich heute 287 Grabsteine.

Die Sterbebücher von Eisenstadt weisen für die Zeit November 1874 (das letzte Begräbnis am älteren Friedhof fand am 28. Oktober 1874 statt) bis 1938 allerdings 801 Einträge auf.

Nur 126 Grabsteine bzw. Personen am jüngeren Friedhof können Matrikeneinträgen in diesem Zeitraum zugeordnet werden! Die anderen Grabsteine (der 287) sind Massengräber, nach 1945 Begrabene oder Jüdinnen/Juden, die in anderen Orten verstorben sind und nach Eisenstadt überführt wurden, jedenfalls nicht im Sterbebuch Eisenstadt eingetragen sind.

Am jüngeren jüdischen Friedhof befanden sich bis 1938 also etwa 430 Grabsteine (ca. 150 heute fehlende und 280 vorhandene, die erste Reihe mit 7 Grabsteinen wurde nach 1945 angelegt).

Gehen wir davon aus, dass die fehlenden ca. 150 Grabsteine Jüdinnen und Juden gehörten, die auch im Sterbebuch Eisenstadt eingetragen sind (801 Einträge von Jüdinnen und Juden, die in Eisenstadt begraben sein könnten, und 126 Grabsteine, die wir diesen Einträgen zuordnen können), fehlen etwa 525 Grabsteine. Waren unter den nachweislich fehlenden 150 Grabsteinen auch solche von Jüdinnen und Juden, die überführt wurden usw. und nicht im Sterbebuch eingetragen sind, fehlen ‒ theoretisch ‒ mindestens 525, im Worst Case aber 675 Grabsteine.

Da aber de facto am jüngeren jüdischen Friedhof mit Sicherheit weder 525 noch 675 Grabsteine fehlen, bleibt für uns die leider große Unsicherheit, wo diese Menschen begraben wurden. In den Sterbebüchern von Eisenstadt findet sich kein Hinweis auf den Begräbnisort, Begräbnisbücher fehlen zur Gänze.

Conclusio:

Da wir weder wissen, wie viele Jüdinnen/Juden von den 801 Einträgen in den Sterbebüchern tatsächlich am jüdischen Friedhof von Eisenstadt begraben wurden, noch, wie viele Jüdinnen/Juden von den ca. 150 physisch fehlenden Grabsteinen den 801 Matrikeneinträgen zugeordnet werden können, bleiben viele Unsicherheiten.
Es ist traurig, dass wir von mindestens 525 Jüdinnen und Juden aus Eisenstadt nicht wissen, wo sie begraben sind, nicht ihre Geschichte kennen.

Es bleibt noch viel zu tun… Gedenkjahr 2018ff.



PS:

Wir können Ihnen zu Chanukka online leider keine Latkes oder Krapfen reichen, haben aber pünktlich zum Fest drei neue Matrikenindizes von Schlaining / Oberwart online gestellt:

Geburtsindex Schlaining / Oberwart 1841 – 1917

Hochzeitsindex Schlaining / Oberwart 1851 – 1918

Sterbeindex Schlaining / Oberwart 1841 – 1920


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Franz – Der Lieblingsneffe der Tante Jolesch

Franz Jolesch starb am 25. Juli 1961 in Santiago de Chile und ist am jüdischen Friedhof daselbst in Sektor R, Reihe 5, Nummer 24 begraben. Im Friedhofsregister ist Franz Jolesch…

Franz Jolesch starb am 25. Juli 1961 in Santiago de Chile und ist am jüdischen Friedhof daselbst in Sektor R, Reihe 5, Nummer 24 begraben.

Im Friedhofsregister ist Franz Jolesch eingetragen, die Messingbuchstaben der Grabinschrift sind bis auf zwei Zahlen verschwunden (gestohlen?). Allerdings macht die Rückseite des Grabsteines sicher, dass es sich wirklich um den Grabstein von Franz Jolesch handelt:

In Liebe
Deine Kató


Schon ganz am Anfang des ersten Kapitels von Friedrich Torbergs „Tante Jolesch“ wird der Tante Lieblingsneffe Franz vorgestellt:

Was nun die Tante Jolesch selbst betrifft, so verdanke ich die Kenntnis ihrer Existenz ‒ und vieler der von ihr überlieferten Aussprüche ‒ meiner Freundschaft mit ihrem Neffen Franz, dem lieben, allseits verhätschelten Sprößling einer ursprünglich aus Ungarn stammenden Industriellenfamilie, die seit langem in einer der deutschen Sprachinseln Mährens ansässig und zu beträchtlichem Wohlstand gelangt war. Franz, bildhübsch und mit einer starken Begabung zum Nichtstun ausgestattet (das er nur dem Bridgespiel und der Jagd zuliebe aufgab), muß um mindestens zwölf Jahre älter gewesen sein als ich, denn er hatte bereits am Ersten Weltkrieg teilgenommen und wurde von seinen gleichaltrigen Freunden auch späterhin noch scherzhaft als ‚Seiner Majestät schönster Leutnant‘ bezeichnet. Ich war wiederholt auf dem mährischen Besitz seiner Familie zu Gast … Die einrückenden Deutschen hatten ihn 1939 als Juden eingesperrt, die befreiten Tschechen hatten ihn 1945 als Deutschen ausgewiesen. Man könnte sagen, daß sich auf seinem Rücken die übergangslose Umwandlung des Davidsterns in ein Hakenkreuz vollzog. Er verbrachte dann noch einige Zeit in Wien und übersiedelte schließlich nach Chile, wo er bald darauf an den Folgen seiner KZ-Haft gestorben ist. Die Tante Jolesch hat das alles nicht mehr erlebt…


Als wir vor einigen Jahren einer 1939 von Wien nach Santiago de Chile emigrierten Dame, die vor einigen Tagen ihren 90. Geburtstag feierte, das Buch „Tante Jolesch“ übergaben, rief sie erfreut nach dem Lesen der ersten Zeilen über den Neffen Franz: „Ja, ich habe Franz Jolesch noch persönlich gekannt“.

Selbstverständlich wusste Torberg sehr wohl, dass Franz 1961 in Chile verstorben ist ‒ und nicht kurz nach seiner Ankunft in Chile ‒, er hatte seiner Frau Katharina (Kató) zum Tod von Franz Jolesch kondoliert.

Dennoch kann man verstehen, warum Torberg dieses Detail der Biografie umgeschrieben hat. Er wollte zeigen, dass Überlebende der Konzentrationslager oft recht bald an den dort erlittenen physischen und psychischen Wunden verstorben sind. Auch sie sind Opfer der Schoa. [1]


Schon vor gut fünf Jahren hatten sich Robert Sedlaczek mit der Tante Jolesch sowie Georg Gaugusch mit der Genealogie zur Familie Jolesch, die er für das Buch von Sedlaczek zur Verfügung stellte, intensiv beschäftigt [2] ‒ (beide Autoren nennen allerdings weder ein genaues Sterbedatum noch den Begräbnisort von Franz Jolesch).

Franz Jolesch (s. Porträtfoto auf geni.com), geb. 20. Dezember 1898 in Wiese bei Iglau (IKG Pirnitz, Mähren), nach Buchenwald deportiert, dort befreit worden, gest. 25. Juli 1961 in Santiago de Chile, am jüdischen Friedhof daselbst begraben.

Vater: Emil Jolesch, Textilfabrikant, geb. 10. Juni 1868 in Wiese bei Iglau, gest. 20. Jänner 1935 in Wien
Mutter: Olga Zeisl, geb. 18. April 1879 in Gablonz an der Neisse (Böhmen), am 23. Juli 1942 von Prag ins Ghetto Theresienstadt deportiert und am 01. September 1942 von dort nach Raasiku (Estland) und ermordet (Schoa-Opfer)

1. Ehefrau: Anna Louise Gosztonyi de Abalehota, römisch-katholisch, geb. 06. März 1906 in Wien, gest. 04. Juli 1998 in Wien, begraben 16. Juli 1998 am Döblinger Friedhof 11/5/6.
Die Hochzeit mit Franz Jolesch fand am 07. Jänner 1927 in Budapest statt (Ehe wurde am 09. September 1935 geschieden, s.u.):

Matriken Hochzeit Franz Jolesch und Luiza Anna Gosztonyi, Budapest 07. Jänner 1927

Matriken Hochzeit Franz Jolesch und Luiza Anna Gosztonyi, Budapest, 07. Jänner 1927


Budapest als Hochzeitsort wurde vom Vater gewählt, der gegen die Hochzeit war und tags darauf bei einem Notar in Wien ein Testament aufsetzen ließ, das Franz Jolesch auf den Pflichtteil reduzierte [3].

Louise hatte bei der Hochzeit mit Franz Jolesch schon eine kurze Ehe hinter sich: Heirat am 10. August 1924 mit (Anton) Georg Boschan, geb. 21. November 1895 in Wien II, Sohn des Weingroßhändlers Franz Boschan aus Baja (Ungarn) und der Aranka Weiss aus Neutra. Die Ehe wurde geschieden. Anton Georg Boschan wurde nach Buchenwald deportiert und am 15. November 1944 ermordet (Schoa-Opfer).

Nach der Scheidung von Franz Jolesch am 09. September 1935 (Bezirksgericht Iglau) war Louises 3. Ehemann der österreichische Komponist, Schönberg-Schüler und „politisch sowie künstlerisch einer der engsten Weggefährten Bert Brechts“[4] Hanns Eisler, geb. 06. Juli 1898 in Leipzig, gest. 06. September 1962 in Ost-Berlin:
Die Hochzeit fand am 07. Dezember 1937 in Prag statt und wurde 1954 (so Georg Gaugusch, März 1955 lt. Wikipedia) in Wien geschieden.

Am 22. September 1955 heiratete Louise ihren 4. Ehemann, den Schriftsteller und kommunistischen Politiker Ernst Fischer, geb. 03. Juli 1899 in Komotau (Böhmen), gest. 31. Juli 1972 in Prenning bei Deutsch-Feistritz (Steiermark; Beisetzung der Urne am 31. August 1972 auf dem Wiener Zentralfriedhof).


Übrigens: Es war ‒ laut Friedrich Torberg ‒ Louise, die Lieblingsnichte der Tante Jolesch, die versuchte, der Tante Jolesch am Totenbett das Rezept ihrer berühmten Krautfleckerl zu entlocken:

Und dann also nahte für die Tante Jolesch das Ende heran, ihre Uhr war abgelaufen, die Familie hatte sich um das Sterbelager versammelt, in die gedrückte Stille klangen murmelnde Gebete und verhaltenes Schluchzen, sonst nichts. Die Tante Jolesch lag reglos in den Kissen. Noch atmete sie.
Da faßte sich ihre Lieblingsnichte Louise ein Herz und trat vor. Aus verschnürter Kehle, aber darum nicht minder dringlich kamen ihre Worte:
‚Tante ‒ ins Grab kannst du das Rezept ja doch nicht mitnehmen. Willst du es uns nicht hinterlassen? Willst du uns nicht endlich sagen, wieso deine Krautfleckerln immer so gut waren?‘
Die Tante Jolesch richtete sich mit letzter Kraft ein wenig auf:
‚weil ich nie genug gemacht hab…‘
Sprach’s, lächelte und verschied.


2. Ehefrau (von Franz Jolesch): Katharina (Catalina, Kató) Zahler, geb. 08. Juli 1912 in Kaschau (damals Ungarn, heute Košice, Slowakei), gest. 16. März 1989 in Wien III, Rudolfspital (Wohnort: Wien I, Mahlerstraße 3/5/20, begraben 28. März 1989 am Zentralfriedhof Wien 4. Tor 18a/36/26).
Die Hochzeit muss kurz nach der Scheidung von Franz Jolesch von seiner ersten Frau Anna Louise Gosztonyi de Abalehota (s.o.) stattgefunden haben.

Am 19. Februar 1936 sucht sie schon als Katharina Jolesch um einen Pass an. Als die Nazis die ‚Rest-Tschechei‘ besetzten, fliehen beide nach Kaschau. Nach dem Krieg geht das Ehepaar zunächst nach Wien, im April 1949 schiffen sie sich von Liverpool nach Chile ein[5]

In Chile konnte sich Franz Jolesch offensichtlich in der ihm angestammten Textilbranche eine neue Existenz aufbauen. 1957 waren Franz und Kató Jolesch auf einen Besuch in Wien, wo sie sehr wahrscheinlich auch Friedrich Torberg trafen[6].

Nach Franz Joleschs Tod blieb Kató noch eine Zeit lang in Chile, danach offensichtlich in New York und kehrte schließlich nach Wien zurück, in jene Stadt, wo auch Louise, die erste Frau von Franz Jolesch lebte[7].

Am 5. April 1975 schreibt sie [Kató, Anm. d. Verf.] Torberg. Soeben habe sie einen Anruf von einer Freundin bekommen, die ihr die ‚liebevollen Erinnerungen an den Franzl‘ vorgelesen habe: ‚Ich bin ganz gerührt und will mich schön bedanken. Er hat Sie sehr geliebt. Jetzt kommt eine unbescheidene Bitte. Könnte ich als letzte Jolesch ein gewidmetes Exemplar vom liebsten Autor [er]bitten? Viel Glück und alles Liebe. Herzlichst Ihre Kató Jolesch.‘
Torberg antwortet gleich am 7. April: Jetzt geht er in die Offensive ‒ um sich spätere Diskussionen zu ersparen. Kató Jolesch hat zu diesem Zeitpunkt das Buch ja noch nicht gelesen. ‚Liebe Kató, das war eine freudige Überraschung von Ihnen zu hören, und das gewünschte Widmungsexemplar geht mit gleicher Drucksachenpost an Sie ab. Sie werden übrigens merken, daß die Tante Jolesch kein Abbild der wirklichen ist, sondern eine symbolische Figur. Wirklich ist, was über den Franzl drinsteht. Ich bin glücklich, ihm und unserer Freundschaft auf diese Weise ein kleines Denkmal gesetzt zu haben…‘ [8]


[1] Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit. Eine Recherche, Innsbruck-Wien 2013, 248 [Zurück zum Text (1)]

[2] Robert Sedlaczek „Die ‚böse‘ Nichte der Tante Jolesch“, in: Wiener Zeitung, 03. 05. 2013, Robert Sedlaczek „The Making of ‚Die Tante Jolesch'“, in: Der Standard, 26. 04. 2013, Robert Sedlaczek „Die Tante Jolesch und ihre Zeit“, in: Online Merker. Die internationale Kulturplattform, 20. 07. 2013, und besonders: Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit. Eine Recherche, a.a.O., 264ff [Zurück zum Text (2)]

[3] Siehe Robert Sedlaczek „Die ‚böse‘ Nichte der Tante Jolesch“, in: Wiener Zeitung, 03. 05. 2013 [Zurück zum Text (3)]

[4] Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit. Eine Recherche, a.a.O., 122 [Zurück zum Text (4)]

[5] Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit, a.a.O., 150 [Zurück zum Text (5)]

[6] Siehe Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit, a.a.O., 150f [Zurück zum Text (6)]

[7] Siehe Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit, a.a.O., 153 [Zurück zum Text (7)]

[8] Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit, a.a.O., 248 [Zurück zum Text (8)]


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Rosch haSchana 5779

English version, see below Heute ist Erev Rosch haSchana. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein glückliches und gesundes neues Jahr 5779. שנה טובה ומתוקה, כתיבה וחתימה…

English version, see below

Heute ist Erev Rosch haSchana. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein glückliches und gesundes neues Jahr 5779.

שנה טובה ומתוקה, כתיבה וחתימה טובה!

Zu Rosch haSchana 5776 (2015) konnten wir unser großes Projekt zum älteren jüdischen Friedhof, zu Rosch haSchana 5778 (2017) das zum jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt fertigstellen.

Gedenkjahr 2018.

Die Familie Gellis…

Pünktlich zu Rosch haSchana 5779 sind die Geburts-, Hochzeits- und Sterbematriken von Eisenstadt 1895 bis 1938 (Geburtsmatriken aus Datenschutzgründen derzeit nur bis 1918) online gegangen.

Es wird – auch besonders in diesem Gedenkjahr – viel zu viel theoretisch und allgemein über Juden, den „Anschluss“ und den Holocaust gesprochen. Die Folge ist nicht nur durch Worthülsen entstehende Beliebigkeit, sondern die Schoa droht, oft wohl bewusst intendiert, dadurch ihre Singularität zu verlieren.

Indizes sind nicht nur eine enorme Hilfe für alle genealogisch Interessierten und schlicht eine der unabdingbaren Notwendigkeiten einer effizienten und seriösen historischen Aufarbeitung der Geschichte der Juden, sondern die Indizes zu schreiben bedeutet vor allem ‒ ähnlich unserer Arbeit auf den jüdischen Friedhöfen ‒, den Juden ihre Namen und darüber hinaus noch viel mehr ihnen ihre Geschichte wiederzugeben.

Auch beim Schreiben der Eisenstädter Matrikenindizes waren wir mit Geschichten konfrontiert, die oft an die Substanz gehen:

Am 11. Juni 1938, zu einem Zeitpunkt, als die Nazis längst begonnen hatten, die Juden aus Eisenstadt und den anderen jüdischen Gemeinden des heutigen Burgenlandes abzutransportieren, beging der arbeitslose Schuhmachergehilfe Samuel (Schmuli) Gellis mit 54 Jahren Selbstmord, er erhängte sich.
Seine etwas ältere Schwester Therese heiratete 1904 Bernhard Simon. Das Ehepaar hatte 3 Kinder.
Therese Simon wurde am 06. Februar 1942 nach Riga transportiert und in der Schoa ermordet. Ihr Ehemann Bernhard Simon wurde am 23. Oktober 1941 ins Ghetto Lodz transportiert und ebenfalls ermordet.
Was mit der älteren Schwester von Samuel Gellis, Gisela, und mit seiner jüngeren Schwester Pauline geschehen ist und ob sie die Schoa überlebt haben, wissen wir leider nicht.

Beide Eltern von Samuel Gellis und seinen Schwestern, Vater Abraham Gellis, gest. 1919, und Mutter Josefine Gellis, geb. Rosenthal, gest. 1925, sind ebenfalls auf dem jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt begraben.

Auf dem jüngeren jüdischen Friedhof finden wir auch die Gräber des Großvaters und der Großmutter von Samuel Gellis und seinen drei Schwestern: Bernhard Gellis, gest. 1887, und Franziska Gellis, geb. Stroh, gest. 1905.

Und auf dem älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt sind der Urgroßvater, Mose Elias Gellis, gest. 1865, die Urgroßmutter, Amalia Gellis, geb. Schischa, gest. 1868 sowie der Ururgroßvater, Jakob Gellis, gest. 1858, und die Ururgroßmutter, Gütel Chaja Gellis, gest. 1843, begraben.

Der Ururgroßvater, Jakob Gellis, wird in der hebräischen Grabinschrift als Vornehmer und Toragelehrter beschrieben.

Ebenfalls auf dem älteren jüdischen Friedhof finden sich die Gräber des Urgroßvaters und der Urgroßmutter mütterlicherseits: Jakob Stroh, gest. 1856, und Rösel Stroh, gest. 1866.

Fünf Generationen Familie Gellis. 220 Jahre lebte, wohnte und arbeitete die Familie Gellis sicher und zufrieden in Eisenstadt.
Bis 1938.




Wishing you all

שנה טובה וחתימה טובה

filled with good health and happiness!


At Rosh haShana 5776 (2015) we could finish our project „Localizing the Graves in Eisenstadt’s Older Jewish Cemetery„, at Rosh haShana 5778 (2017) we were able to complete the project on the younger Jewish Cemetery of Eisenstadt.

The Commemorative Year 2018.

The Gellis family…

Just in time for Rosh haShana 5779 we could publish the indices for the birth-, marriage- and death records of Eisenstadt 1895 – 1938.

There is – especially in the commemorative year – often too theoretical talk about the Jews, the „Anschluss“ and the Holocaust. As a result the Shoa is threatened to lose its singularity.

Indices are not only a tremendous help to anyone interested in genealogy, but writing indices is – similar to our work on the Jewish Cemeteries – above all about giving back jews their names and their history.

Even when writing the Eisenstadt indices, we were confronted with touching stories.

On June 11, 1938, at a time when the Nazis had long begun to deport the Jews from Eisenstadt and all other Jewish Communities of today’s Burgenland, the unemployed shoemaker’s assistant Samuel (Schmuli) Gellis committed suicide.

His slightly older sister Therese married Bernhard Simon in 1904. The couple had three children. Both Therese and Bernhard Simon were murdered in the Shoa.

Unfortunately we don’t know, what happened to the older sister of Samuel Gellis, Gisela, and his younger sister Pauline, and whether they survived the Shoa.

Both parents of Samuel Gellis and his sisters, their father Abraham Gellis, died 1919, and their mother Josefine Gellis, nee Rosenthal, died 1925, are also buried at the younger Jewish Cemetery of Eisenstadt.

There we too find the graves of the grandparents of Samuel Gellis: his grandfather Bernhard Gellis, died 1887, and his grandmother Franziska Gellis, nee Stroh, died 1905.

At the older Jewish Cemetery of Eisenstadt are buried the great-grandfather Mose Elias Gellis, died 1865, the great-grandmother Amalia Gellis, nee Shisha, died 1868, the great-great-grandfather Jakob Gellis, died 1858, and the great-great-grandmother Gütel Chaja Gellis, died 1843.

The great-great-grandfather Jakob Gellis is described in the Hebrew grave inscription as a distinguished man and Torah scholar.

Also at the older Jewish Cemetery we find the graves of the maternal great-grandfather and great-grandmother: Jakob Stroh, died 1856, and Rösel Stroh, died 1866.

Five generations of the Gellis family. For 220 years they stayed, lived and worked safely and contentedly.
Until 1938.



1 Kommentar zu Rosch haSchana 5779

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