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Bild der Woche – Genisa-Grab am Zentralfriedhof Wien
Tor IV (eigentlich “Tor V”) des Wiener Zentralfriedhofs: Die mehr als 250.000m2 große Fläche wurde 1911 erworben, nachdem die jüdische Abteilung am 1. Tor zu klein geworden war, und mehrfach erweitert. Am 4. April 1917 offiziell eröffnet,
spiegelt [dieser Friedhof] die Zeitgeschichte anschaulich wider: Grabreihen Exhumierter vom Währinger Israelitischen Friedhof, Urnengräber, die die Asche KZ-Ermordeter bergen [...] ein Denkmal für die kurz vor der Befreiung Ermordeten der Förstergasse, Massengräber ungarischer Juden, Grabstellen unbekannter sowjetischer jüdischer Soldaten
Steines P., Hunderttausend Steine, Grabstellen großer Österreicher jüdischer Konfession auf dem Wiener Zentralfriedhof Tor I und IV, Wien 1993, 266
Unter den mehr als 60.000 Bestatteten finden wir viele prominente Namen wie den des Rabbiners und Politikers Josef Samuel Bloch, des vormaligen und ersten Oberrabbiners von Wien nach 1945, Akiva Eisenberg, des Operettenkomponisten Leo Fall, des legendären Fußballtrainers Hugo Meisl (dessen Nachlass nun doch, übrigens seit vorgestern (!), eine neue Bleibe finden konnte) oder des Bibliothekars der Israelitischen Kultusgemeinde, Bernhard Wachstein (dem wir die Bearbeitung des älteren jüdischen Friedhofs in Eisenstadt verdanken) …
Ein besonderes Grab finden wir aber auch gleich links neben dem Eingang bzw. links von der Zeremonienhalle. Hier wurden nämlich am 14. Juni 1987 in der sogenannten Reichskristallnacht 1938 entweihte Torarollen und Gebetbücher beigesetzt.
Das Genisa-Grab am Zentralfriedhof, Tor IV, gleich links neben dem Eingang und der Zeremonienhalle
Das Grab ist ein sogenanntes Genisa-Grab. “Genisa” (oft “Geniza” geschrieben!) bedeutet wörtlich “Schatzkammer” und könnte als “liturgisches Archiv” bezeichnet werden. Als “Genisa” werden sowohl die Räume bezeichnet, in denen nicht mehr verwendbare liturgische Schriften abgelegt, als aber auch die Gräber, in denen diese bestattet werden. (Siehe etwa das Genisa-Grab am jüdischen Friedhof in Würzburg, das sich dort auch unmittelbar neben dem Friedhofseingang befindet).
Die hebräische Inschrift gibt erst einen Abschnitt aus den Klageliedern zum Tischa be-Av (Trauertag 9. Av) wieder (“Ich schreie in der Qual meines Herzens und ergehe mich in Klagen” …), danach folgt der Text, der auch auf Deutsch zu finden ist (im Hebräischen allerdings nicht “Kristallnacht”, sondern “Epoche der Shoa”):
Hier wurden am 17. Siwan 5747 (14. 6. 1987) Reste von Torahrollen begraben, die in der “Kristallnacht” des Jahres 1938 von Nazihorden entweiht, zerrissen und verbrannt wurden
Chewra Kadischa Wien, Juni 1987
Schlagwörter: friedhof, wien | Kommentare (0)
Im jüdischen Viertel – fast live
Ein Online-Panorama-Rundgang
So lange haben wir sie uns gewünscht und nun ist es endlich soweit. We proudly present 12 Panoramen, die Sie “fast live” durch die
- Wertheimersynagoge
- das jüdische Viertel Eisenstadt
- und auf die beiden jüdischen Friedhöfe Eisenstadts
führen.
Tatsächlich ist beim aktuell nasskalten Wetter hierzulande der virtuelle Rundgang durch die spätherbstlichen Panoramen wahrscheinlich angenehmer als der reale Besuch des ehemaligen jüdischen Viertels ;)
Obwohl wir uns selbstverständlich sehr freuen würden, wenn Ihnen die Panoramen Lust machen auf einen “Live-Besuch” in Eisenstadt!
Älterer jüdischer Friedhof mit dem Grab von Rabbi Meir Eisenstadt
Um das Panorama auf Vollbild zu vergrößern, klicken Sie bitte auf das 2. Symbol von rechts
Die weiteren Panoramen:

Rundgang Synagoge – jüdisches Viertel und Friedhöfe
Im Rundgang können Sie bequem von einem Standort zum nächsten “spazieren”.
Achtung: Längere Ladezeit!
Credits
Wir danken ganz herzlich Brigitte und Herbert Schlosser von der Firma digi-tel.at, die für die Herstellung der Panoramen verantwortlich zeichnen.
Ebenso herzlich danken wir dem Tourismusverband Eisenstadt und insbesondere Herrn Kommerzialrat Dieter Graschitz, der die Panoramen in Auftrag gab und sie uns großzügig zur Verfügung stellt.
Schlagwörter: eisenstadt, friedhof, synagoge | Kommentare (19)
Bilder der Woche – Eine Eiche in der Bukowina
Sommeredition
“Bild der Woche” goes on holiday – und begibt sich in den nächsten Wochen auf eine sommerliche Bilder-Reise zu jüdischen Museen, Synagogen und Schauplätzen jüdischen Lebens in aller Welt!
Und Sie sind herzlich eingeladen, sich mit Ihren Urlaubsbildern an unserer Reise zu beteiligen – zum Koschere-Melange-Sommergewinnspiel.
Nachdem wir bereits einen galizischen Zitronenbaum hier im Blog näher betrachtet haben, wollen wir unseren Blick jetzt wieder einem Baum – diesmal allerdings einer Eiche – zuwenden und damit unsere Reise fortsetzen, nämlich in ein ehemaliges Kronland Österreichs: die Bukowina. Danach wandern wir weiter in nordwestlicher Richtung in das ehemalige Galizien und besuchen die Städte Zabolotiv, Lemberg und Lancut, wo wir ebenfalls den Spuren jüdischer Vergangenheit (und Gegenwart) folgen.
Vielen herzlichen Dank an Herrn Dr. Christoph Konrath, Wien, für diese tollen Reisefotos!
Die heutige Reiseroute:

Das Königreich Galizien und Lodomerien, mit Hauptstadt Lemberg, war das am nordöstlichen Rand gelegene Kronland des Habsburgerreichs. Heute gehört der westliche Teil zu Polen, der östliche zur Ukraine. Die Bukowina war von 1786 bis 1849 ein Bestandteil Galiziens, danach ein eigenständiges Kronland mit der Hauptstadt Czernowitz. Der nördliche Teil der Bukowina liegt heute in der Ukraine, der südliche in Rumänien. Zur Zeit der Habsburgermonarchie trafen hier zwischen Orient und Okzident verschiedene Nationalitäten, Sprachen und Kulturen aufeinander, an die heute leider nur noch wenig – oft Trauriges – erinnert.
Siret
Erster Halt: Siret, Bukowina – heute eine Kleinstadt in Rumänien, an der Grenze zur Ukraine. Im Jahre 1880 – eine blühende multikulturelle sowie multireligiöse Grenzstadt, in der rund dreitausend Juden (mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung) lebten. Von 1912 bis 1918 gab es in Siret sogar einen jüdischen Bürgermeister.
Heute erinnert noch der jüdische Friedhof, der übrigens zu den ältesten Osteuropas zählt, an die ehemalige Gemeinde von Siret. Oben sehen wir einen besonders schönen Grabstein, verziert mit einer Eiche. Um Namen, Geburts- und Sterbedatum zu lesen, braucht man diesmal keine Hebräisch-Kenntnisse ;) Der ältest Stein auf dem Friedhof trägt die Jahreszahl 1510.
Czernowitz
Nächster Halt: Czernowitz, die Hauptstadt der Bukowina (liegt heute in der Ukraine). Hier fand am 30. August 1908 die allererste Jiddisch-Konferenz statt. Vor dem Zweiten Weltkrieg machte die jüdische Gemeinde die Hälfte aller Stadtbewohner aus, heute stellt sie nur mehr einen verschwindend geringen Bevölkerungsanteil dar. Die finanziellen Mittel der kleinen Gemeinde reichen leider auch nicht aus, um alle Gebäude und Denkmäler zu erhalten; so beherbergt heute die ehemalige Synagoge zum Beispiel ein Kino.
Hier sehen wir Bilder vom Jüdischen Haus in Czernowitz, das sich mit der Geschichte der Bukowiner Juden beschäftigt. Wenn man das rechte Bild genauer betrachtet, erkennt man, dass der linke obere und der rechte untere Zacken ergänzt sind – die Sterne wurden nämlich im Stalinismus deformiert.
Zabolotiv
Wir haben nun die Bukowina verlassen, die Grenze zu Galizien überschritten und machen einen kleinen Zwischenstopp in Zabolotiv, dem Geburtsort Manès Sperbers, um uns das ihm gewidmete Denkmal anzusehen.
Lemberg
Ein bisschen länger wollen wir nun in Lemberg, der ehemaligen Hauptstadt des Königreichs Galizien und Lodomerien, verweilen. Hier lebten in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts 57.000 Juden, die rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachten. Vor dem Ersten Weltkrieg kontrollierten sie den Großhandel zwischen Wien und Russland. Über 50 Prozent von ihnen waren beruflich im Handel tätig, 24 Prozent waren Handwerker. Heute zählt die jüdische Gemeinde nur noch knapp 3.000 Mitglieder. Von den ehemaligen drei Synagogen wird nur noch eine für den Gottesdienst genutzt.
Das linke Foto zeigt die Ruine der großen Synagoge, auch “Goldene Rose”, die 1941 unter NS-Herrschaft zerstört wurde. In der Mitte sehen wir eine Sukka (Laubhütte) der chassidischen Gemeinde im Hof vor der Ruine.
Das Bild ganz rechts zeigt eine ehemalige Synagoge, die 1841 bis 1844 erbaut wurde. Damals befand sich im Gebäude auch eine Mikwe und eine Jeschiwa. Von den Nationalsozialisten wurde die Synagoge verwüstet und in einen Pferdestall umfunktioniert. Heute befindet sich in dem leider schon schwer beschädigten Bauwerk ein jüdisches Kulturzentrum.
Im Juli 1944 stellte man ein jüdisches Komitee auf die Beine, um den Überlebenden zu helfen. 3.400 Juden wurden damals registriert, nur 820 unter ihnen stammten auch wirklich aus Lemberg. Auf diesen Bildern sehen wir das Holocaust-Denkmal (inklusive aktueller Beschmierungen).
Lancut
Am Ende unserer kleinen Rundreise über 733 km besuchen wir in der westgalizischen Stadt Lancut eine schöne barocke Synagoge. Sie gehört zu den wenigen erhaltenen Synagogen mit einer viersäuligen Bima und den schönen, reich verzierten Gewölben. Wer genau hinsieht, erkennt in den Malereien über den Säulen Szenen aus der Bibel.
Aber die an die vertrauten Namen anklingenden Ortsbezeichnungen sind nichts weiter als leere Buchstabenhülsen, die nur mehr den flüchtigen Duft der Erinnerung an eine unwiederbringlich verlorene Welt in sich bewahren, die hier und da erhalten gebliebenen architektonischen Denkmäler sind Relikte einer ehemaligen Gemeinsamkeit, die nicht mehr zum Leben erweckt werden kann.
Martin Pollack: “Nach Galizien – Eine imaginäre Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina”, Brandstätter Verlag, Wien, 1984
Das Koschere-Melange-Sommergewinnspiel
Schicken Sie uns Ihre Urlaubsfotos – gesucht sind Bilder von jüdischen Museen, Synagogen, historischen und aktuellen Schauplätzen jüdischen Lebens in aller Welt!
Die hübschesten, originellsten oder “weitestgereisten” Fotos werden als “Bild der Woche” hier im Blog veröffentlicht.
Unter allen Einsendern verlosen wir 3 Exemplare des Buches “… weil man uns die Heimatliebe ausgebläut hat … Ein Spaziergang durch die jüdische Geschichte Eisenstadts”, 3 Exemplare des Buches “Aus den Sieben-Gemeinden. Ein Lesebuch über Juden im Burgenland” sowie eine Jahreskarte für das Österreichische Jüdische Museum.
Einsendungen bitte an bildderwoche@ojm.at. Einsendeschluss ist der 31. August 2010.
Bitte beachten Sie: Mit der Übermittlung Ihres Bildes erklären Sie sich mit einer Veröffentlichung auf koschere-melange.at einverstanden. Bitte schicken Sie das Bild in möglichst hoher Auflösung. Pro Absender nimmt nur eine Einsendung an der Verlosung teil.
Schicken Sie uns Ihr Bild der Woche …
Schlagwörter: bukowina, friedhof, galizien | Kommentare (20)
Einer, der nicht Rabbiner sein wollte
Rev (Herr) Aron Singer (אהרן זינגר) (Rabbinatsverweser)
Vorbemerkung: Wenn wir unsere Grabsteine des jüdischen Friedhofs Mattersburg bearbeiten und online stellen, gibt es manchmal ein ganz besonders schönes Erlebnis: wenn nämlich die “Routinearbeit” jäh unterbrochen wird, weil ein Gesicht zum Stein und zur Inschrift auftaucht. So wie in diesem Fall: 2 Tage, nachdem der Grabstein von Aron Singer online war, schickte uns Chaya-Bathya folgenden Artikel über den 1868 Verstorbenen.
Geboren um 1806 als Sohn armer Eltern aus Szentgrod (Zalaszentgrót, Ungarn). Seine Eltern waren R. Jizchak und Jentl, die Tochter des Lackenbacher Rabbiners R. Salman Lipschitz, die beide schon früh starben. Der 10jährige Waisenknabe Aron kam nach Mattersdorf zu seinem Onkel mütterlicherseits, dem Dajjan R. Elieser Lipschitz, unter dessen Leitung er sich dem Talmudstudium widmete. Der Familientradition zufolge soll er auch ein Semester lang beim Chatam Sofer (R. Moses Sofer-Schreiber) gelernt haben.
Auf Wunsch dieses Onkels verehelichte sich Aron mit Selda Deutsch, eine Tochter des R. Mendel Deutsch (ein Bruder von R. Josef Zwi Deutsch in Mattersdorf). Als ältestes männliches Familienmitglied hatte er aber auch für seine Geschwister zu sorgen. Hierzu heißt es im Vorwort zu seinem Werk “Tif’eret Aharon”:
Als R. Arons Schwester ins heiratsfähige Alter kam, war er selbst erst 17 Jahre alt. Man redete ihm zu, er solle nach Pressburg zum Chatam Sofer (R. Moses Sofer) fahren und von ihm eine rabbinische Autorisation erhalten. Damit könne er eine schöne Summe Geldes verdienen, und zwar aus dem Legat einer Frau in Kanischa (Nagykanizsa). Er könne so die Hochzeit seiner Schwester bezahlen. R. Aron wollte aber nichts davon hören. Da mischte sich der berühmte Gelehrte R. Elieser (Müller) Dresnitz, einer der angesehensten Schüler des Chatam Sofer und Dajjan in Mattersburg, ein und befahl R. Aron, sich nach Pressburg aufzumachen. Außerdem übergab er ihm einen Brief an den Chatam Sofer. Da mußte R. Aron notgedrungen einwilligen, fuhr nach Pressburg und erhielt das Zeugnis. Dieses verfehlte seinen Eindruck auf die Verwalter des erwähnten Legats nicht, und R. Aron erhielt eine Summe, mit der er seine Schwester verheiraten konnte.
Zitiert bei Kinstlicher, siehe unten Literatur, S. 41
Der Chatam Sofer soll R. Aron ein überaus lobendes Zeugnis ausgestellt haben (s. Toldot Sofrim, S. 105-106).
R. Aron wohnte zeitlebens in Mattersdorf. Sein Leben war einfach, ohne Wechsel, wie das vieler Erdengrößen, die sich mit ungeteilter Energie einem bestimmten Berufe hingeben. Selbst die äußerst bedrängten Verhältnisse seiner Familie vermochten ihn nicht vom Torastudium abzuhalten.
R. Arons Gelehrsamkeit und Fleiß machten auf die Umgebung schon früh Eindruck. Alsbald scharten sich Jünger um ihn, die an seinen reichen Kenntnissen ihren Wissensdurst befriedigten. Sie fanden an ihm nicht nur einen Lehrer, sondern auch einen liebevollen Freund und Ratgeber. Von seinen insgesamt etwa 40 Schülern wurde er hoch verehrt. Unter ihnen finden wir: R. Benjamin Seew Wolf Breuer, Rabbiner in Tab (in Ungarn, Anm.); R. David Friedmann, Rabbiner in Deutschkreutz; R. Jehuda Löb Lemberger-Lwow, Rabbiner in Rozsnyo (Roznava, Slowakei); R. Jizchak Schmuel Schön-Jaffe (Neffe R. Arons) in Mattersdorf; R. Akiva Kornitzer; Vorsitzender des Rabbinatsgerichts in Krakau und R. Schlomo (Alexander, Sandor) Fischer, Rabbiner in Karlsburg (Alba Iulia, Rumänien).
Bis 1860 lebte R. Aron als Privatmann. Durch die Übertragung des Amts eines Dajjans auf ihn nach dem Abgang seines Vorgängers R. Simon (שמעון) Sofer wurden seine finanziellen Verhältnisse insofern besser, als er ein kleines festes Einkommen bezog, das ihn jedoch auch nicht vor Mangel schützte. Die offizielle Annahme des Rabbinats verweigerte er, doch wurde zu seinen Lebzeiten kein Rabbiner gewählt. Er wird daher offiziell unter dem Titel “Rabbinatsverweser” (d. h. Verwalter des Rabbinats) geführt, obschon er sämtliche Funktionen eines Rabbiners erfüllte.
Hoch gelobt werden auch R. Arons menschliche Eigenschaften. Seine Bescheidenheit, sein liebevolles Wesen, sein nie ermüdender Eifer, Gutes zu stiften, machten ihn allseits beliebt. Trotz seiner eigenen Bedürftigkeit verließ kein Armer ungetröstet seine Schwelle.
R. Aron verstarb plötzlich am 28. Oktober 1868 (12. Cheschwan 5629) nach Teilnahme an einem Festmahl (סעודת מצווה) in Neudörfl bei Mattersdorf, das er noch “mit freudiger Begeisterung” mitgefeiert hatte.
An seinem Begräbnis nahmen zahlreiche Menschen teil. Der “Israelit” schildert dies mit folgenden Worten:
Es war eine Szene von wahrhaft erschütterndem Eindrucke, als der ארון (Sarg) aus dem Hause getragen wurde. Es musste alle ein tiefes Schmerzgefühl durchzucken bei dem Anblicke des geliebten Toten; dies bewies das plötzlich wie aus einem Munde ertönende herzzerreißende Wehklagen von Jung und Alt, von Frauen und Mädchen, von Juden und Christen, denn auch letztere hatten der Charaktergröße des Verstorbenen ihre Verehrung nicht versagen können.
Der Dajjan von Mattersdorf sowie die Rabbiner von Deutschkreutz, von Lackenbach und R. Elieser von Ödenburg hielten Trauerreden.
R. Arons schriftliche Aufzeichnungen wurden 1958 in Jerusalem unter dem Titel “Tif’eret Aharon” veröffentlicht.
R. Aron hatte 7 Kinder, darunter R. Jizchak Elieser S. in Mödling. Unter seinen Schwiegersöhnen sind: der Mattersdorfer Dajjan R. Josef Pressburger (der Mann seiner Tochter Beila Krassel); sein oben erwähnter Neffe R. Jizchak Schmuel Jaffe-Schön und R. Chaim Kohn in Papa (der Mann seiner Tochter Jentel; ihr Grabstein in “Mattersdorf Families” s. unter “Kohn”).
Literatur
- (Kinstlicher) משה אלכסנדר זושא קינסטליכר, ה’חתם סופר’ ותלמידיו, בני-ברק: מכון ‘זכרון’, תשס”ה, S. 40-42.
- Kommentar von Carole Vogel zu “Singer Aron”.
- Zeitungsmeldungen: Beratung der Rabbiner der Sieben Gemeinden über Kultusangelegenheiten: Is 45 (1862), S. 186. Unterschreibt Protest gegen Horwitz und Mannheimer (Kompert-Prozeß): Is 8 (1864), S. 95-97. Ableben: Is 47 (1868), S. 873-874 [auch Biographie].
Schlagwörter: friedhof, mattersburg | Kommentare (26)
Bild der Woche – Ein Zitronenbaum in Galizien
Ein wahres Prachtstück und der wohl eindrucksvollste und schönste Grabstein in Galizien ist jener von Abraham Jakob Hilferding, gestorben 1834, auf dem jüdischen Friedhof in Brody.
Brody, die einst östlichste Stadt des Habsburgerreiches und eine der reichsten und bedeutendsten Städte Polens, hatte seit dem 17. Jahrhundert einen hohen jüdischen Bevölkerungsanteil, der bis ins Jahr 1869 auf über 80% der Gesamtbevölkerung stieg. Brody ist die Geburtsstadt von (u.a.) Ezechiel Landau, dem späteren Oberrabbiner von Prag, und Joseph Roth. Ein Jahr nach Abraham Hilferdings Tod, im Jahr 1835, wurde in Brody die Mutter von Sigmund Freud, Amalia Nathansohn-Freud, geboren …
Am jüdischen Friedhof in Brody befinden sich ca. 20.000 Grabsteine.
Vielen herzlichen Dank an Herrn Mag. Wolf-Erich Eckstein, Wien, für die Zusendung des so schönen Fotos!
Grabstein von Abraham Jakob Hilferding auf dem jüdischen Friedhof in Brody,
fotografiert von Mag. Wolf-Erich Eckstein, Wien, am 17. Mai 2010, um 11.35 Uhr.
Klicken Sie auf das Bild für eine vergrößerte Ansicht (Achtung: Die Großansicht hat knapp 1 MB Bildgröße)!
Links oben (in der Herzform) ein Zitat aus Genesis 21,33: “Es pflanzte Abraham eine Tamariske” ויטע אברהם אשל “in seinem Geburtsjahr” שנת לידתו. (Das Zitat setzt fort mit: “… pflanzte eine Tamariske in Beerscheba und rief dort den Herrn an unter dem Namen: Gott, der Ewige”.)
Darunter finden wir eine Herberge und einen Baum, der eindeutig aber nicht wie eine Tamariske, sondern wie ein Zitronenbaum aussieht.
Die Herberge verwundert nicht, lesen wir in bSota 10a: “Er (Abraham) pflanzte eine Tamariske in Beerscheba. Resch Laqisch sagte: Dies lehrt, dass er einen Obstgarten baute und darin allerhand köstliche Früchte pflanzte, R. Jehuda und R. Nehemja (streiten darüber); einer sagt, einen Obstgarten, und einer sagt, eine Herberge …” ויטע אשל בבאר שבע אמר ריש לקיש: מלמד, שעשה פרדס ונטע בו כל מיני מגדים. רבי יהודה ורבי נחמיה, חד אמר: פרדס, וחד אמר: פונדק. Ähnlich auch Raschi zur Stelle (“Einen Hain … durch jenen Hain wurde der Name des Heiligen, gelobt sei Er, Gott der ganzen Welt genannt …”).
Ist der dargestellte Baum also ein Baum dieses Obstgartens? Oder war nicht klar, wie eine Tamariske genau aussieht?
Vom Dach der Herberge herab hält eine Hand einen Stab, auf dem wir lesen (Genesis 32,11b): “Denn nur mit einem Stab hab ich den Jordan überschritten” כי במקלי עברתי את הירדן. (Das Zitat setzt fort mit: “…und jetzt sind aus mir zwei Lager geworden”.)
Das Zitat “… den Jordan überschritten”, mit dem das Sterben umschrieben wird, wird am Ende des Stabes, schon in die Horizontale laufend, fortgesetzt mit: “Im Jahr seiner Ruhe” שנת מנוחתו.
Und tatsächlich, gleich danach folgt im Band über dem mittleren Teil zwischen den beiden Säulen ein Zitat aus Nehemia 9,7: “Du (Gott) hast Abraham Abram (s. Kommentar) auserwählt … und ihm seinen Namen Abraham gegeben” בחרת באברם ושמת שמו אברהם . Die Wörter “seinen Namen Abraham” שמו אברהם sind größer geschrieben und ergeben, addiert man die Zahlenwerte der Buchstaben, das Sterbejahr 594 (= 1834). Danach auch das zu erwartende “n(ach der) (kleinen) Z(eitrechnung)” לפרט.
Mir in der Deutung nicht ganz klar sind die 3 Widder: Handelt es sich vielleicht um eine Anspielung auf uns unbekannte biografische Daten des Verstorbenen oder beziehen sich die 3 Widder auf folgende drei Bibelstellen:
- das Opfer Abrahams (Genesis 22), das unmittelbar der in der Inschrift zitierten Stelle aus Genesis 21 folgt
- die Geschenke an Jakobs Bruder Esau (Genesis 32,14ff), welche unmittelbar der zitierten Stelle aus Genesis 32,11b folgt
- Gottes Bund mit Abraham in Genesis 15,9: “Der Herr antwortete ihm (Abram): Hol mir ein dreijähriges Rind, eine dreijährige Ziege, einen dreijährigen Widder …”?
Abraham Jakob Hilferding wird (im mittleren Teil) mit vielen bemerkenswerten innergemeindlichen Titeln und Eigenschaften bedacht: “Der Herr, der Gelehrte, der Beglückte, der Wohltäter, der Vermögende, der weithin Bekannte, der MORENU Abraham Jakob, Sohn des Seligen, MORENU Zvi Hirsch Hilferding, s(ein Andenken möge) b(ewahrt werden)” הר הרבני המאושר הנדיב הגביר המפורסים מוהרר אברהם יעקב בן המנוח מו” צבי הירש הילפרדינג זל”.
Anmerkung: MORENU bedeutet wörtlich “u(nser) L(ehrer), H(err)”. Den MORENU-Titel erhielten nur besonders gelehrte Männer, Bernhard Wachstein bezeichnet ihn als “synagogaler Doktortitel” (siehe Bernhard Wachstein, Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540 (?)-1670, 2. Teil 1696-1783, Wien 1912, 2. Teil, S. 15).
Im unteren Teil des Grabsteines bzw. der Grabinschrift finden wir das Lob und darüber ein Band/eine Banderole mit einer Krone. Die Krone ist unterschrieben mit “Krone des guten Namens” כתר שם טוב und ist ein Zitat aus Pirke Avot (Sprüche der Väter) 4,17, wo es heißt: “Drei Kronen gibt es: Die Krone der Tora, die Krone der Priesterwürde und die Krone des Königtums; die Krone des guten Namens aber übertrifft sie alle” שלשה כתרים הן כתר תורה וכתר כהונה וכתר מלכות וכתר שם טוב עולה על גביהן.
Im geschlungenen Band links und rechts der Krone finden wir (nochmals) das korrekte Sterbedatum: “Er starb am 4. Tag (= Mittwoch), 24. Adar I 594″ נפטר יום ד כד אדר א תקצד, das ist Mittwoch, der 05. März 1834.
Bei der ikonografischen Deutung muss ich leider vieles offen lassen und würde mich über weitere Deutungen sehr freuen.
Schicken Sie uns Ihr Bild der Woche …
Schlagwörter: friedhof | Kommentare (7)































