Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: friedhof

Es bleibt noch viel zu tun… Gedenkjahr 2018ff

Mit einem Rückblick auf das Ge-/Bedenkjahr 2018 und einem Ausblick wünschen wir allen Leserinnen und Lesern ein fröhliches Chanukkafest Happy Chanukka – חג אורים שמח und schon jetzt unseren christlichen…

Mit einem Rückblick auf das Ge-/Bedenkjahr 2018 und einem Ausblick wünschen wir allen Leserinnen und Lesern ein fröhliches Chanukkafest
Happy Chanukka – חג אורים שמח
und schon jetzt unseren christlichen Leserinnen und Lesern
ein frohes Weihnachtsfest und allen einen guten Start ins Neue Jahr!


Status quo, viele Fakten, viele Hypothesen

Vor 80 Jahren, im November 1938, gab es im Burgenland keine jüdischen Gemeinden, keine Juden mehr. 1938 bedeutete das endgültige Aus einer jahrhundertelangen, in Europa einzigartigen Geschichte der Juden und jüdischen Geschichte in unserer Region.

In unserem Newsletter vom Februar 2018 haben wir angekündigt, insbesondere in diesem Gedenkjahr den Juden Eisenstadts ihre Namen und vor allem ihre Geschichte wiederzugeben.
Die Bilanz, die wir nun ziehen wollen, ist durchmischt.

Sicher erfreulich ist, dass es uns gelungen ist, beide jüdischen Friedhöfe Eisenstadts, den weltberühmten älteren jüdischen Friedhof und den jüngeren jüdischen Friedhof, digital vollständig zu erfassen (insgesamt 1.358 Grabsteine und 1.375 Personen) und vor Ort mit Standortnummern und QR-Codes zu versehen. Jeder in Eisenstadt Begrabene kann damit ab sofort sicher gefunden werden.

Besonders der jüngere jüdische Friedhof aber stellte uns vor unerwartete Herausforderungen. Am Friedhof fehlen (physisch) etwa 150 Grabsteine, sie wurden wohl nach 1945 gestohlen, nur mehr die Sockel zeugen von ihrer ehemaligen Existenz.

Der jüngere jüdische Friedhof wurde 1875 angelegt, auf ihm befinden sich heute 287 Grabsteine.

Die Sterbebücher von Eisenstadt weisen für die Zeit November 1874 (das letzte Begräbnis am älteren Friedhof fand am 28. Oktober 1874 statt) bis 1938 allerdings 801 Einträge auf.

Nur 126 Grabsteine bzw. Personen am jüngeren Friedhof können Matrikeneinträgen in diesem Zeitraum zugeordnet werden! Die anderen Grabsteine (der 287) sind Massengräber, nach 1945 Begrabene oder Jüdinnen/Juden, die in anderen Orten verstorben sind und nach Eisenstadt überführt wurden, jedenfalls nicht im Sterbebuch Eisenstadt eingetragen sind.

Am jüngeren jüdischen Friedhof befanden sich bis 1938 also etwa 430 Grabsteine (ca. 150 heute fehlende und 280 vorhandene, die erste Reihe mit 7 Grabsteinen wurde nach 1945 angelegt).

Gehen wir davon aus, dass die fehlenden ca. 150 Grabsteine Jüdinnen und Juden gehörten, die auch im Sterbebuch Eisenstadt eingetragen sind (801 Einträge von Jüdinnen und Juden, die in Eisenstadt begraben sein könnten, und 126 Grabsteine, die wir diesen Einträgen zuordnen können), fehlen etwa 525 Grabsteine. Waren unter den nachweislich fehlenden 150 Grabsteinen auch solche von Jüdinnen und Juden, die überführt wurden usw. und nicht im Sterbebuch eingetragen sind, fehlen ‒ theoretisch ‒ mindestens 525, im Worst Case aber 675 Grabsteine.

Da aber de facto am jüngeren jüdischen Friedhof mit Sicherheit weder 525 noch 675 Grabsteine fehlen, bleibt für uns die leider große Unsicherheit, wo diese Menschen begraben wurden. In den Sterbebüchern von Eisenstadt findet sich kein Hinweis auf den Begräbnisort, Begräbnisbücher fehlen zur Gänze.

Conclusio:

Da wir weder wissen, wie viele Jüdinnen/Juden von den 801 Einträgen in den Sterbebüchern tatsächlich am jüdischen Friedhof von Eisenstadt begraben wurden, noch, wie viele Jüdinnen/Juden von den ca. 150 physisch fehlenden Grabsteinen den 801 Matrikeneinträgen zugeordnet werden können, bleiben viele Unsicherheiten.
Es ist traurig, dass wir von mindestens 525 Jüdinnen und Juden aus Eisenstadt nicht wissen, wo sie begraben sind, nicht ihre Geschichte kennen.

Es bleibt noch viel zu tun… Gedenkjahr 2018ff.



PS:

Wir können Ihnen zu Chanukka online leider keine Latkes oder Krapfen reichen, haben aber pünktlich zum Fest drei neue Matrikenindizes von Schlaining / Oberwart online gestellt:

Geburtsindex Schlaining / Oberwart 1841 – 1917

Hochzeitsindex Schlaining / Oberwart 1851 – 1918

Sterbeindex Schlaining / Oberwart 1841 – 1920


2 Kommentare zu Es bleibt noch viel zu tun… Gedenkjahr 2018ff

Franz – Der Lieblingsneffe der Tante Jolesch

Franz Jolesch starb am 25. Juli 1961 in Santiago de Chile und ist am jüdischen Friedhof daselbst in Sektor R, Reihe 5, Nummer 24 begraben. Im Friedhofsregister ist Franz Jolesch…

Franz Jolesch starb am 25. Juli 1961 in Santiago de Chile und ist am jüdischen Friedhof daselbst in Sektor R, Reihe 5, Nummer 24 begraben.

Im Friedhofsregister ist Franz Jolesch eingetragen, die Messingbuchstaben der Grabinschrift sind bis auf zwei Zahlen verschwunden (gestohlen?). Allerdings macht die Rückseite des Grabsteines sicher, dass es sich wirklich um den Grabstein von Franz Jolesch handelt:

In Liebe
Deine Kató


Schon ganz am Anfang des ersten Kapitels von Friedrich Torbergs „Tante Jolesch“ wird der Tante Lieblingsneffe Franz vorgestellt:

Was nun die Tante Jolesch selbst betrifft, so verdanke ich die Kenntnis ihrer Existenz ‒ und vieler der von ihr überlieferten Aussprüche ‒ meiner Freundschaft mit ihrem Neffen Franz, dem lieben, allseits verhätschelten Sprößling einer ursprünglich aus Ungarn stammenden Industriellenfamilie, die seit langem in einer der deutschen Sprachinseln Mährens ansässig und zu beträchtlichem Wohlstand gelangt war. Franz, bildhübsch und mit einer starken Begabung zum Nichtstun ausgestattet (das er nur dem Bridgespiel und der Jagd zuliebe aufgab), muß um mindestens zwölf Jahre älter gewesen sein als ich, denn er hatte bereits am Ersten Weltkrieg teilgenommen und wurde von seinen gleichaltrigen Freunden auch späterhin noch scherzhaft als ‚Seiner Majestät schönster Leutnant‘ bezeichnet. Ich war wiederholt auf dem mährischen Besitz seiner Familie zu Gast … Die einrückenden Deutschen hatten ihn 1939 als Juden eingesperrt, die befreiten Tschechen hatten ihn 1945 als Deutschen ausgewiesen. Man könnte sagen, daß sich auf seinem Rücken die übergangslose Umwandlung des Davidsterns in ein Hakenkreuz vollzog. Er verbrachte dann noch einige Zeit in Wien und übersiedelte schließlich nach Chile, wo er bald darauf an den Folgen seiner KZ-Haft gestorben ist. Die Tante Jolesch hat das alles nicht mehr erlebt…


Als wir vor einigen Jahren einer 1939 von Wien nach Santiago de Chile emigrierten Dame, die vor einigen Tagen ihren 90. Geburtstag feierte, das Buch „Tante Jolesch“ übergaben, rief sie erfreut nach dem Lesen der ersten Zeilen über den Neffen Franz: „Ja, ich habe Franz Jolesch noch persönlich gekannt“.

Selbstverständlich wusste Torberg sehr wohl, dass Franz 1961 in Chile verstorben ist ‒ und nicht kurz nach seiner Ankunft in Chile ‒, er hatte seiner Frau Katharina (Kató) zum Tod von Franz Jolesch kondoliert.

Dennoch kann man verstehen, warum Torberg dieses Detail der Biografie umgeschrieben hat. Er wollte zeigen, dass Überlebende der Konzentrationslager oft recht bald an den dort erlittenen physischen und psychischen Wunden verstorben sind. Auch sie sind Opfer der Schoa. [1]


Schon vor gut fünf Jahren hatten sich Robert Sedlaczek mit der Tante Jolesch sowie Georg Gaugusch mit der Genealogie zur Familie Jolesch, die er für das Buch von Sedlaczek zur Verfügung stellte, intensiv beschäftigt [2] ‒ (beide Autoren nennen allerdings weder ein genaues Sterbedatum noch den Begräbnisort von Franz Jolesch).

Franz Jolesch (s. Porträtfoto auf geni.com), geb. 20. Dezember 1898 in Wiese bei Iglau (IKG Pirnitz, Mähren), nach Buchenwald deportiert, dort befreit worden, gest. 25. Juli 1961 in Santiago de Chile, am jüdischen Friedhof daselbst begraben.

Vater: Emil Jolesch, Textilfabrikant, geb. 10. Juni 1868 in Wiese bei Iglau, gest. 20. Jänner 1935 in Wien
Mutter: Olga Zeisl, geb. 18. April 1879 in Gablonz an der Neisse (Böhmen), am 23. Juli 1942 von Prag ins Ghetto Theresienstadt deportiert und am 01. September 1942 von dort nach Raasiku (Estland) und ermordet (Schoa-Opfer)

1. Ehefrau: Anna Louise Gosztonyi de Abalehota, römisch-katholisch, geb. 06. März 1906 in Wien, gest. 04. Juli 1998 in Wien, begraben 16. Juli 1998 am Döblinger Friedhof 11/5/6.
Die Hochzeit mit Franz Jolesch fand am 07. Jänner 1927 in Budapest statt (Ehe wurde am 09. September 1935 geschieden, s.u.):

Matriken Hochzeit Franz Jolesch und Luiza Anna Gosztonyi, Budapest 07. Jänner 1927

Matriken Hochzeit Franz Jolesch und Luiza Anna Gosztonyi, Budapest, 07. Jänner 1927


Budapest als Hochzeitsort wurde vom Vater gewählt, der gegen die Hochzeit war und tags darauf bei einem Notar in Wien ein Testament aufsetzen ließ, das Franz Jolesch auf den Pflichtteil reduzierte [3].

Louise hatte bei der Hochzeit mit Franz Jolesch schon eine kurze Ehe hinter sich: Heirat am 10. August 1924 mit (Anton) Georg Boschan, geb. 21. November 1895 in Wien II, Sohn des Weingroßhändlers Franz Boschan aus Baja (Ungarn) und der Aranka Weiss aus Neutra. Die Ehe wurde geschieden. Anton Georg Boschan wurde nach Buchenwald deportiert und am 15. November 1944 ermordet (Schoa-Opfer).

Nach der Scheidung von Franz Jolesch am 09. September 1935 (Bezirksgericht Iglau) war Louises 3. Ehemann der österreichische Komponist, Schönberg-Schüler und „politisch sowie künstlerisch einer der engsten Weggefährten Bert Brechts“[4] Hanns Eisler, geb. 06. Juli 1898 in Leipzig, gest. 06. September 1962 in Ost-Berlin:
Die Hochzeit fand am 07. Dezember 1937 in Prag statt und wurde 1954 (so Georg Gaugusch, März 1955 lt. Wikipedia) in Wien geschieden.

Am 22. September 1955 heiratete Louise ihren 4. Ehemann, den Schriftsteller und kommunistischen Politiker Ernst Fischer, geb. 03. Juli 1899 in Komotau (Böhmen), gest. 31. Juli 1972 in Prenning bei Deutsch-Feistritz (Steiermark; Beisetzung der Urne am 31. August 1972 auf dem Wiener Zentralfriedhof).


Übrigens: Es war ‒ laut Friedrich Torberg ‒ Louise, die Lieblingsnichte der Tante Jolesch, die versuchte, der Tante Jolesch am Totenbett das Rezept ihrer berühmten Krautfleckerl zu entlocken:

Und dann also nahte für die Tante Jolesch das Ende heran, ihre Uhr war abgelaufen, die Familie hatte sich um das Sterbelager versammelt, in die gedrückte Stille klangen murmelnde Gebete und verhaltenes Schluchzen, sonst nichts. Die Tante Jolesch lag reglos in den Kissen. Noch atmete sie.
Da faßte sich ihre Lieblingsnichte Louise ein Herz und trat vor. Aus verschnürter Kehle, aber darum nicht minder dringlich kamen ihre Worte:
‚Tante ‒ ins Grab kannst du das Rezept ja doch nicht mitnehmen. Willst du es uns nicht hinterlassen? Willst du uns nicht endlich sagen, wieso deine Krautfleckerln immer so gut waren?‘
Die Tante Jolesch richtete sich mit letzter Kraft ein wenig auf:
‚weil ich nie genug gemacht hab…‘
Sprach’s, lächelte und verschied.


2. Ehefrau (von Franz Jolesch): Katharina (Catalina, Kató) Zahler, geb. 08. Juli 1912 in Kaschau (damals Ungarn, heute Košice, Slowakei), gest. 16. März 1989 in Wien III, Rudolfspital (Wohnort: Wien I, Mahlerstraße 3/5/20, begraben 28. März 1989 am Zentralfriedhof Wien 4. Tor 18a/36/26).
Die Hochzeit muss kurz nach der Scheidung von Franz Jolesch von seiner ersten Frau Anna Louise Gosztonyi de Abalehota (s.o.) stattgefunden haben.

Am 19. Februar 1936 sucht sie schon als Katharina Jolesch um einen Pass an. Als die Nazis die ‚Rest-Tschechei‘ besetzten, fliehen beide nach Kaschau. Nach dem Krieg geht das Ehepaar zunächst nach Wien, im April 1949 schiffen sie sich von Liverpool nach Chile ein[5]

In Chile konnte sich Franz Jolesch offensichtlich in der ihm angestammten Textilbranche eine neue Existenz aufbauen. 1957 waren Franz und Kató Jolesch auf einen Besuch in Wien, wo sie sehr wahrscheinlich auch Friedrich Torberg trafen[6].

Nach Franz Joleschs Tod blieb Kató noch eine Zeit lang in Chile, danach offensichtlich in New York und kehrte schließlich nach Wien zurück, in jene Stadt, wo auch Louise, die erste Frau von Franz Jolesch lebte[7].

Am 5. April 1975 schreibt sie [Kató, Anm. d. Verf.] Torberg. Soeben habe sie einen Anruf von einer Freundin bekommen, die ihr die ‚liebevollen Erinnerungen an den Franzl‘ vorgelesen habe: ‚Ich bin ganz gerührt und will mich schön bedanken. Er hat Sie sehr geliebt. Jetzt kommt eine unbescheidene Bitte. Könnte ich als letzte Jolesch ein gewidmetes Exemplar vom liebsten Autor [er]bitten? Viel Glück und alles Liebe. Herzlichst Ihre Kató Jolesch.‘
Torberg antwortet gleich am 7. April: Jetzt geht er in die Offensive ‒ um sich spätere Diskussionen zu ersparen. Kató Jolesch hat zu diesem Zeitpunkt das Buch ja noch nicht gelesen. ‚Liebe Kató, das war eine freudige Überraschung von Ihnen zu hören, und das gewünschte Widmungsexemplar geht mit gleicher Drucksachenpost an Sie ab. Sie werden übrigens merken, daß die Tante Jolesch kein Abbild der wirklichen ist, sondern eine symbolische Figur. Wirklich ist, was über den Franzl drinsteht. Ich bin glücklich, ihm und unserer Freundschaft auf diese Weise ein kleines Denkmal gesetzt zu haben…‘ [8]


[1] Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit. Eine Recherche, Innsbruck-Wien 2013, 248 [Zurück zum Text (1)]

[2] Robert Sedlaczek „Die ‚böse‘ Nichte der Tante Jolesch“, in: Wiener Zeitung, 03. 05. 2013, Robert Sedlaczek „The Making of ‚Die Tante Jolesch'“, in: Der Standard, 26. 04. 2013, Robert Sedlaczek „Die Tante Jolesch und ihre Zeit“, in: Online Merker. Die internationale Kulturplattform, 20. 07. 2013, und besonders: Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit. Eine Recherche, a.a.O., 264ff [Zurück zum Text (2)]

[3] Siehe Robert Sedlaczek „Die ‚böse‘ Nichte der Tante Jolesch“, in: Wiener Zeitung, 03. 05. 2013 [Zurück zum Text (3)]

[4] Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit. Eine Recherche, a.a.O., 122 [Zurück zum Text (4)]

[5] Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit, a.a.O., 150 [Zurück zum Text (5)]

[6] Siehe Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit, a.a.O., 150f [Zurück zum Text (6)]

[7] Siehe Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit, a.a.O., 153 [Zurück zum Text (7)]

[8] Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit, a.a.O., 248 [Zurück zum Text (8)]


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Rosch haSchana 5779

English version, see below Heute ist Erev Rosch haSchana. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein glückliches und gesundes neues Jahr 5779. שנה טובה ומתוקה, כתיבה וחתימה…

English version, see below

Heute ist Erev Rosch haSchana. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein glückliches und gesundes neues Jahr 5779.

שנה טובה ומתוקה, כתיבה וחתימה טובה!

Zu Rosch haSchana 5776 (2015) konnten wir unser großes Projekt zum älteren jüdischen Friedhof, zu Rosch haSchana 5778 (2017) das zum jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt fertigstellen.

Gedenkjahr 2018.

Die Familie Gellis…

Pünktlich zu Rosch haSchana 5779 sind die Geburts-, Hochzeits- und Sterbematriken von Eisenstadt 1895 bis 1938 (Geburtsmatriken aus Datenschutzgründen derzeit nur bis 1918) online gegangen.

Es wird – auch besonders in diesem Gedenkjahr – viel zu viel theoretisch und allgemein über Juden, den „Anschluss“ und den Holocaust gesprochen. Die Folge ist nicht nur durch Worthülsen entstehende Beliebigkeit, sondern die Schoa droht, oft wohl bewusst intendiert, dadurch ihre Singularität zu verlieren.

Indizes sind nicht nur eine enorme Hilfe für alle genealogisch Interessierten und schlicht eine der unabdingbaren Notwendigkeiten einer effizienten und seriösen historischen Aufarbeitung der Geschichte der Juden, sondern die Indizes zu schreiben bedeutet vor allem ‒ ähnlich unserer Arbeit auf den jüdischen Friedhöfen ‒, den Juden ihre Namen und darüber hinaus noch viel mehr ihnen ihre Geschichte wiederzugeben.

Auch beim Schreiben der Eisenstädter Matrikenindizes waren wir mit Geschichten konfrontiert, die oft an die Substanz gehen:

Am 11. Juni 1938, zu einem Zeitpunkt, als die Nazis längst begonnen hatten, die Juden aus Eisenstadt und den anderen jüdischen Gemeinden des heutigen Burgenlandes abzutransportieren, beging der arbeitslose Schuhmachergehilfe Samuel (Schmuli) Gellis mit 54 Jahren Selbstmord, er erhängte sich.
Seine etwas ältere Schwester Therese heiratete 1904 Bernhard Simon. Das Ehepaar hatte 3 Kinder.
Therese Simon wurde am 06. Februar 1942 nach Riga transportiert und in der Schoa ermordet. Ihr Ehemann Bernhard Simon wurde am 23. Oktober 1941 ins Ghetto Lodz transportiert und ebenfalls ermordet.
Was mit der älteren Schwester von Samuel Gellis, Gisela, und mit seiner jüngeren Schwester Pauline geschehen ist und ob sie die Schoa überlebt haben, wissen wir leider nicht.

Beide Eltern von Samuel Gellis und seinen Schwestern, Vater Abraham Gellis, gest. 1919, und Mutter Josefine Gellis, geb. Rosenthal, gest. 1925, sind ebenfalls auf dem jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt begraben.

Auf dem jüngeren jüdischen Friedhof finden wir auch die Gräber des Großvaters und der Großmutter von Samuel Gellis und seinen drei Schwestern: Bernhard Gellis, gest. 1887, und Franziska Gellis, geb. Stroh, gest. 1905.

Und auf dem älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt sind der Urgroßvater, Mose Elias Gellis, gest. 1865, die Urgroßmutter, Amalia Gellis, geb. Schischa, gest. 1868 sowie der Ururgroßvater, Jakob Gellis, gest. 1858, und die Ururgroßmutter, Gütel Chaja Gellis, gest. 1843, begraben.

Der Ururgroßvater, Jakob Gellis, wird in der hebräischen Grabinschrift als Vornehmer und Toragelehrter beschrieben.

Ebenfalls auf dem älteren jüdischen Friedhof finden sich die Gräber des Urgroßvaters und der Urgroßmutter mütterlicherseits: Jakob Stroh, gest. 1856, und Rösel Stroh, gest. 1866.

Fünf Generationen Familie Gellis. 220 Jahre lebte, wohnte und arbeitete die Familie Gellis sicher und zufrieden in Eisenstadt.
Bis 1938.




Wishing you all

שנה טובה וחתימה טובה

filled with good health and happiness!


At Rosh haShana 5776 (2015) we could finish our project „Localizing the Graves in Eisenstadt’s Older Jewish Cemetery„, at Rosh haShana 5778 (2017) we were able to complete the project on the younger Jewish Cemetery of Eisenstadt.

The Commemorative Year 2018.

The Gellis family…

Just in time for Rosh haShana 5779 we could publish the indices for the birth-, marriage- and death records of Eisenstadt 1895 – 1938.

There is – especially in the commemorative year – often too theoretical talk about the Jews, the „Anschluss“ and the Holocaust. As a result the Shoa is threatened to lose its singularity.

Indices are not only a tremendous help to anyone interested in genealogy, but writing indices is – similar to our work on the Jewish Cemeteries – above all about giving back jews their names and their history.

Even when writing the Eisenstadt indices, we were confronted with touching stories.

On June 11, 1938, at a time when the Nazis had long begun to deport the Jews from Eisenstadt and all other Jewish Communities of today’s Burgenland, the unemployed shoemaker’s assistant Samuel (Schmuli) Gellis committed suicide.

His slightly older sister Therese married Bernhard Simon in 1904. The couple had three children. Both Therese and Bernhard Simon were murdered in the Shoa.

Unfortunately we don’t know, what happened to the older sister of Samuel Gellis, Gisela, and his younger sister Pauline, and whether they survived the Shoa.

Both parents of Samuel Gellis and his sisters, their father Abraham Gellis, died 1919, and their mother Josefine Gellis, nee Rosenthal, died 1925, are also buried at the younger Jewish Cemetery of Eisenstadt.

There we too find the graves of the grandparents of Samuel Gellis: his grandfather Bernhard Gellis, died 1887, and his grandmother Franziska Gellis, nee Stroh, died 1905.

At the older Jewish Cemetery of Eisenstadt are buried the great-grandfather Mose Elias Gellis, died 1865, the great-grandmother Amalia Gellis, nee Shisha, died 1868, the great-great-grandfather Jakob Gellis, died 1858, and the great-great-grandmother Gütel Chaja Gellis, died 1843.

The great-great-grandfather Jakob Gellis is described in the Hebrew grave inscription as a distinguished man and Torah scholar.

Also at the older Jewish Cemetery we find the graves of the maternal great-grandfather and great-grandmother: Jakob Stroh, died 1856, and Rösel Stroh, died 1866.

Five generations of the Gellis family. For 220 years they stayed, lived and worked safely and contentedly.
Until 1938.



1 Kommentar zu Rosch haSchana 5779

Zwischen den Metropolen. Vom mährischen Eibenschütz ins pannonische Eisenstadt.

Das Österreichische Jüdische Museum lädt im Rahmen des Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2018 herzlich ein zur Buchpräsentation „Das steinerne Archiv von Ivančice“ von und mit Ludwiga Reich. Wann: Sonntag,…

Das Österreichische Jüdische Museum lädt im Rahmen des
Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2018
herzlich ein zur

Buchpräsentation „Das steinerne Archiv von Ivančice“

von und mit Ludwiga Reich.


Wann: Sonntag, 02. September 2018, 10.30-11.30 Uhr

Wo: Österreichisches Jüdisches Museum


Ein wunderbares Buch und spannende Geschichten, die bedeutende und berühmte Geschichte einer der ältesten jüdischen Gemeinden Mährens und vor allem die faszinierenden und engen Beziehungen zur jüdischen Gemeinde Eisenstadt:

Denn der zweifellos berühmteste Sohn von Ivančice (Eibenschütz) ist Jonathan Eybeschütz, geb. 1690 in Krakau, gest. 1764 in Altona, Wunderkind, Rabbiner, Talmudist, Kabbalist und eine der zentralen Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte. Jonathans Vater Nathan war seit ca. 1700 Rabbiner in Eibenschütz und starb dort 1702 sehr jung. Jonathan wurde zunächst an die Jeschiwa nach Prossnitz in Mähren geschickt, wo damals niemand Geringerer als Meir Eisenstadt Rabbiner war. Nach einer Zwischenstation an der Jeschiwa in Holleschau ging Jonathan Eybeschütz 1710 nach Wien, wo er bei Meir Eisenstadts Förderer Samson Wertheimer vorhatte zu studieren. Wertheimer wollte Jonathan mit seiner Tochter verheiraten, dieser ging jedoch nach Prag, wo er Elkele, die Tochter von Rabbi Isaac Spira ehelichte. Über Hamburg kam er zurück nach Prag, Zwistigkeiten innerhalb der jüdischen Gemeinde führten ihn weiter nach Metz und Fürth, und 1750 wurde er schließlich Oberrabbiner von Altona, Hamburg und Wandsbeck.


Auf dem heutigen jüdischen Friedhof von Ivančice – es gab mehrere Vorgängerfriedhöfe – befinden sich etwa 1.800 Grabsteine. Der Friedhof ist der älteste in Mähren und – nach Prag und Kolin – der drittälteste der Tschechischen Republik. Der Zahl stehen allerdings ca. 4.350 seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verstorbene Personen gegenüber, deren Grabstellen entweder abhanden gekommen sind oder auch nie existiert haben (Kindergräber?).

Unter den Ehrengräbern an der Westmauer des Friedhofes finden wir große Namen: Rabbi Beer Oppenheim, der nach 31 Jahren des Wirkens 1859 in Eibenschütz verstarb und in dessen Amtszeit auch die alte Synagoge abgerissen und neu errichtet wurde. Oberkantor Wilhelm Löwensohn war ein Verwandter des in den USA lebenden Komponisten und Dirigenten Hugo David Weisgall. Hugo Weisgall, geb. am 13. Oktober 1912 in Ivančice, soll als Kulturattache der US-Botschaft in Prag als erster ausländischer Dirigent angeblich die Prager Philharmonie bei einem großen Konzert dirigiert haben. Bekannt sind auch seine Werke wie die „Soldier Songs“ und „The Dying Airmen“ und „Futility“, die er unter dem Eindruck des Holocaust und der Konzentrationslager komponierte. Auffällig besonders die monumentale Grabstätte der Familie Bauer, der bedeutendsten Unternehmerdynastie von Brünn. Ihr Begründer Aron Hersch Bauer wurde 1779 in Ivančice geboren, war an der Kohleerzeugung beteiligt und trieb die Industrialisierung der Zuckererzeugung voran. Oder Joachim Adler, außergewöhnlich beliebter Arzt, dessen Sohn Guido Adler, geb. am 01. November 1855, in Wien aufwuchs, erst als Jurist arbeitete, sich dann aber ausschließlich der Musik widmete, bei Anton Bruckner studierte und selbst der Lehrer von Anton Webern und Egon Wellesz war.
Die Namensliste ließe sich noch lange fortsetzen. Darunter – wir bleiben bei der Musik – auch die Vorfahren väterlicherseits von Fritz Gulda – damals noch mit „K“ – oder Schallinger, ein Name, der in Wien fast ein Jahrhundert lang mit Musik verbunden war.
Doch (auch) darüber wird uns die Autorin, Frau Ludwiga Reich, am 2. September mehr erzählen…




Ivančice – Eibenschütz: die alte Stadt mit (heute) gerademal 10.000-Einwohnern, hat eine lange und bemerkenswerte Geschichte, die wohl in erster Linie die Geschichte der Juden von Ivančice ist. Und selbst in der Literatur findet sie ihren Niederschlag, so oder so. Denn wer kennt ihn nicht: Joseph Roths Eichmeister Anselm Eibenschütz, der im Roman „Das falsche Gewicht. Die Geschichte eines Eichmeisters“ im nur 45km entfernten Mikulov (Nikolsburg) geboren wurde und nach Galizien ziehen musste… (Im Film „Das falsche Gewicht“ von Bernhard Wicki (1971) spielt übrigens Helmut Qualtinger den Anselm Eibenschütz).


Gesamtprogramm des Europäischen Tags der jüdischen Kultur 2018 im Burgenland (programm2018.pdf, 722KB)


Alle Fotos: Ludwiga Reich.

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