Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: friedhof

…und als die Zeit für die junge Taube herannahte…

…da flog sie hoch in den Himmel hinauf Hypothese Die hebräischen Grabinschriften führen insbesondere innerhalb der genealogischen Forschungen meist nur ein Schattendasein und bekommen nur selten den Stellenwert, den sie…

…da flog sie hoch in den Himmel hinauf

Hypothese

Die hebräischen Grabinschriften führen insbesondere innerhalb der genealogischen Forschungen meist nur ein Schattendasein und bekommen nur selten den Stellenwert, den sie haben sollten.

Im Folgenden daher eine Art Plädoyer für die hohe Relevanz von hebräischen Grabinschriften für die genealogische Forschung:

Die Inschriften nehmen seit dem 12./13. Jahrhundert zunehmend auch nachbiblische, rabbinische Wendungen auf. …
Die entscheidende Veränderung zeigt sich in der freier gestalteten Eulogie. Sie markiert eine Wandlung in der Stellung des Verstorbenen, der nun in den Mittelpunkt gerückt wird. Sein Lob drückt sich jetzt nicht mehr nur in Attributen aus, sondern auch in der meist schematischen Darstellung seines Lebenswandels.
Der Gipfel der Entwicklung hin zum detailliert individualbiografisch Erzählten ist im 18. Jahrhundert erreicht und bleibt im 19. Jahrhundert weitgehend auf diesem Niveau. Wenn nun auch immer mehr Menschen längere Eulogien erhalten, bleiben doch viele Inschriften nach wie vor kurz und sagen nur das idealtypisch Wichtigste. Dahinter verbergen sich meist weniger inhaltliche oder stilistische Entscheidungen als wirtschaftliche Gründe.

Brocke u.a. (Hg.), Verborgene Pracht. Der jüdische Friedhof Hamburg-Altona. Aschkenasische Grabmale, Dresden o.J., Einführung

Eine ausgezeichnete Einführung in die hebräische Grabinschrift findet sich auf der Website des Salomon-Ludwig-Steinheim-Instituts, eine kurze Zusammenfassung mit Schwerpunkt auf den hebräischen Abkürzungen in einer hebräischen Grabinschrift auch bei uns im Blog „Am jüdischen Friedhof III„.

Biografische / Genealogische Hinweise in der Eulogie

Detailliert individualbiografisch Erzähltes„: Damit sind wir unmittelbar im Spannungsfeld zwischen hebräischer Grabinschrift und Matrikeneinträgen in deutscher oder ungarischer Sprache.

So starb etwa Heinrich Austerlitz 1909 mit 74 Jahren, seine Ehefrau Katharina 1921 mit 80 Jahren. In den Geburtsmatriken waren keine Kinder zu finden. Konnten sie auch nicht, da ein genaues Lesen der langen hebräischen Grabinschrift klar macht, dass das Ehepaar in 50 Jahren ihrer gemeinsamen Ehe kinderlos blieb (und offensichtlich auch bleiben wollte), denn in Zeile 10 heißt es:

Er hatte keine Kinder; mehr wert als Söhne und Töchter war der gute Name, den er sich erworben hatte.

Salopp gesagt: Genealogen können sich auch jede Suche in den Matriken und anderen Quellen ersparen, wenn sie in einer ebenfalls langen hebräischen Grabinschrift die Zeilen 9 bis 11 berücksichtigen würden. Denn dann wird klar, dass Wilhelm (Benjamin Seev) Hirschenhauser, gest. 14. August 1910, keine eigenen Kinder hatte:

Er liebte seine Verwandten und die Angehörigen seiner Familie und war ihnen ein Helfer und Unterstützer in der Zeit, als sie ihre Töchter verheirateten.

Wenn etwa nicht allgemein „Kinder“, sondern explizit „Töchter“ oder „Söhne“ in der hebräischen Grabinschrift genannt werden, kann man sich auch aus genealogischer Sicht darauf verlassen. So hatten Samuel (Sanwel) Windholz und Betti (Bella) Windholz, geb. Kohlmann, drei Söhne, aber keine Töchter:

Auch deine Söhne hast du den Weg des Glaubens gelehrt.

Grabinschrift Samuel Windholz

Als eine gute und verlässliche Mutter bemühte sie sich, ihre Söhne zu leiten und sie zu erziehen an den [Quellen] des Glücks und auf den Wegen der Geradlinigkeit.

Grabinschrift Betti Windholz

Es ist aber nicht nur jener Teil der Grabinschrift, den wir Eulogie (Lob) nennen (s.o. Zitat), den wir für biografische Zuordnungen und genealogische Forschungen heranziehen müssen (!), sondern neben den Datumsangaben (s.u.) und Ortsangaben (נפטר במרחץ אישל „Er verstarb in Bad Ischl“) vor allem auch die hebräischen Namen (s.u.) sowie die mit diesen verbundenen Titel („der Rabbiner„, „der Toragelehrte„, „die Rabbinersfrau“ etc.), Statusbeschreibungen („der unverheiratete Mann„, „das Mädchen„, „die Witwe“ etc.), Segenswünsche (s.u.) und Altersangaben (s.u.).

Einige Beispiele aus Inschriften vom älteren und jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt mögen dies illustrieren. Allein auf den beiden jüdischen Friedhöfen Eisenstadts gibt es hunderte Beispiele, die die hohe Relevanz der hebräischen Grabinschrift für genealogische Forschungen belegen, hier nur eine kleine Auswahl:

Der hebräische Name (Synagogalname) versus bürgerlichen Namen

Vorab eine Leseempfehlung: Sag mir, wie du heißt … (Jüdische Allgemeine)

In hebräischen Grabinschriften finden wir ausschließlich die hebräischen Namen, sowohl von Frauen als auch von Männern (also „Schwarzl“ und nicht „Charlotte“ und „Mordechai Zvi“ und nicht „Armin“ usw.). Bürgerliche Namen gibt es in Inschriften in Eisenstadt nur sehr vereinzelt und nur als Zusatz am jüngeren jüdischen Friedhof in deutscher oder ungarischer Sprache (siehe Bild links).

In der heute 2., ursprünglich 1. Reihe, der sogenannten „Rabbinerreihe“, wo die großen schöpferischen Gelehrten begraben sind, findet sich am jüngeren jüdischen Friedhof kein einziger nicht hebräischer Buchstabe!

Ein m.E. besonders schönes Beispiel für die Erwähnung eines hebräischen Namens zeigt die hebräische Grabinschrift der mit 27 Jahren früh verstorbenen Juliana (Jentel) Machlup, gest. 1838 und begraben am älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt.
Der Vater von Juliana ist Jona Klaber, der ebenfalls am älteren jüdischen Friedhof begraben ist.
Das hebräische Wortspiel „junge Taube = Tochter des Jona“ (hebr. „jona“ = „Taube“) ist faszinierend, wobei der ganze Satz wohl als Euphemie für das Sterben interpretiert werden darf:

…und als die Zeit für die junge Taube (Tochter des Jona) herannahte, da flog sie hoch in den Himmel hinauf.

Oft wurde in Matrikeneinträgen, bes. in Geburtsmatriken, auch der hebräische Name eingetragen, der allerdings von vielen Genealogen leider ignoriert wird.

Geburtsmatriken Eisenstadt 1858

Geburtsmatriken Eisenstadt 1858


Nota bene: Aus hebräischen Namen lässt sich nicht verlässlich auf bürgerliche Namen schließen (wie oft angenommen) und vice versa! Zwar häufen sich gewisse Regelmäßigkeiten wie hebräisch „Mordechai“ und bürgerlich „Max“ oder „Markus“, „Rösl“ und „Theresia“ usw., aber es gibt genügend Beispiele, die ein ganz anderes Bild zeichnen:
So ist etwa der hebräische Name von Alexander HessSaul„, der hebräische Name von Alexander PollakSüßkind“ und der hebräische Name von Alexander WärndorferSalomo Jehuda„. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Beim Lesen von Matrikeneinträgen darf daher nicht davon ausgegangen werden, dass der hebräische Name nichts anderes als eine Art Übersetzung des bürgerlichen Namens ist!

In Mattersdorf/-burg etwa waren Regina (Rebekka) Trebitsch-Kohn und Regina (Rachel) Trebitsch-Kohn Schwestern. Die bürgerlichen Namen waren quasi nur eine Formalität, jede genealogische Arbeit kann nur über die hebräischen Namen, die auch die im Familienverbund üblichen Rufnamen waren, zu einem seriösen Ergebnis führen.

Der hebräische Name kann aber häufig etwa auch in Verlassenschaftsakten, Sterbeeinträgen usw. das Zünglein an der Waage für eine eindeutige genealogische Zuordnung sein:

Sohn des Toragelehrten, des ehrenwerten Herrn, Herrn Mordechai Reitlinger, sein Andenken möge bewahrt werden…

Bestellschein für den Grabstein von Moritz (Mose) Reitlinger

Bestellschein für den Grabstein von Moritz (Mose) Reitlinger, gest. 02. April 1846
Bild-©: Georg Gaugusch, Wien


Die Jahrzeittafeln – eine weitere Primärquelle

Die Matrikeneinträge ließen bei der Mutter von Regina Breyer viele Fragen offen, eine sichere genealogische Zuordnung war überhaupt erst möglich mit dem Einbeziehen der Jahrzeittafel: „Rachele, Tochter der Bella Chaja“ (Hess, jung gest. 28. Mai 1827, begraben am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt).

Jahrzeittafel Regina (Rachele) Breyer

Jahrzeittafel Regina (Rachele) Breyer


Altersangaben

Üblicherweise finden wir nur sehr ungefähre Altersangaben wie ישישhochbetagt„, זקןalt“ oder שיבהGreisenalter„.
מרומם etwa bedeutet „erhaben„, wird aber fast ausschließlich nur bei Männern in höherem Alter verwendet. Häufig kommen alle Ausdrücke nebeneinander bzw. in einer Inschrift vor, siehe etwa Samuel Schneider, gest. 05. Mai 1928, Zeile 2 und 9.

Gelegentlich kommen in den hebräischen Grabinschriften der beiden jüdischen Friedhöfe in Eisenstadt aber auch genauere Altersangaben vor, wie etwa in der Inschrift von Samuel (Nataniel) Schönberger, gest. 04. Mai 1911:

Er verstarb in hohem Alter, nachdem er zu Kräften gekommen war (= nachdem er das 80. Lebensjahr erreicht hatte)

Vgl. Psalm 90,10 „(Unser Lebensalter beträgt 70 Jahre,) und wenn sie in Kräften sind, 80 Jahre…“ …ואם בגבורת שמונים שנה… und babylonischer Talmud, Traktat Avot V,25 „…80 Jahre alt zum hohen Alter…“ …בן שמונים לגבורה…

Samuel (Nataniel) Schönberger starb laut Sterbematriken mit 79 Jahren.

Segenswünsche

„Wie das Amen im Gebet“ folgt hinter dem Namen eines Verstorbenen / einer Verstorbenen der Segenswunsch „auf ihm/ihr sei Friede„, „seine Ruhe möge im Garten Eden sein“ oder „sein Andenken möge bewahrt werden„, bei besonders Gelehrten „das Andenken des Gerechten möge bewahrt werden“ o.ä.
Nicht ganz so regelmäßig und verlässlich ist der Segenswunsch bei noch lebenden Verwandten: „sein Licht möge leuchten“ (z.B. Hendel Hess) o.ä.

Eine scheinbar kleine Unachtsamkeit beim Lesen des Segenswunsches in Zeile 12 der hebräischen Grabinschrift von Sprinze Chaja, gest. 1879, führte 20 Jahre lang zu fatalen Folgen in der genealogischen Zuordnung von Sprinze Chaja (und das, obwohl die hebräische Inschrift bereits 1995 von mir publiziert wurde):

Zeile 10: Es versammelten sich bei ihr am Tag ihres Begräbnisses die Söhne
Zeile 11: ihres ersten Ehemanns, des Vorsitzenden und Leiters der Gemeinde,
Zeile 12: H(errn) Abraham Löb Reitlinger, a(uf ihm sei) F(riede)

  • Durch den Segenswunsch „auf ihm sei Friede“ wird unmissverständlich klar, dass der genannte Ehemann Abraham Löb Reitlinger beim Ableben von Franziska (Sprinze Chaja), 1879, nicht mehr am Leben ist, demzufolge nicht 1907 gestorben sein kann, wie lange angenommen wurde. Tatsächlich starb er am 14. September 1826 in Wien.
  • Durch korrektes Berücksichtigen des Segenswunsches in Verbindung mit Zeile 11 der Inschrift wird klar, dass Sprinze Chaja jedenfalls ein zweites Mal geheiratet haben muss (weil sonst „erster Ehemann“ keinen Sinn macht). Dieser zweite Ehemann dürfte weiters (Vermutung nur aufgrund des Textbefundes der drei Zeilen der Inschrift) 1879 nicht mehr am Leben sein, da er sonst höchstwahrscheinlich genannt worden wäre. Tatsächlich wird Franziska Reitlinger/Sabl in der Konskriptionsliste von 1836 bereits als Witwe geführt, der (vermutliche) zweite Ehemann, NN Sabl, war also zum Zeitpunkt ihres Ablebens auch schon mindestens 43 Jahre lang tot.
  • Weiters ist die Angabe „die Söhne ihres ersten Ehemanns…“ (wörtlich: „ihre Söhne…„) in der hebräischen Grabinschrift korrekt, da zum Zeitpunkt des Todes von Sprinze Chaja ihre einzige Tochter bereits verstorben war und nur die vier Söhne gemeint sein können.

Ausschnitt Grabinschrift Sprinze Chaja Reitlinger

Ausschnitt Grabinschrift Sprinze Chaja Reitlinger
rot umrandet Zeile 12 und der Segenswunsch


Das Sterbedatum

Das Sterbedatum, ggf. auch das Geburtsdatum, wird in hebräischen Inschriften ausschließlich nach dem jüdischen Kalender angegeben. Dabei sind v.a. zwei Besonderheiten zu beachten:

  1. Die Monate Tischre, Cheschwan, Kislew und Tevet liegen immer schon im neuen jüdischen Jahr (bei Tevet meist ein Datum Dezember oder Jänner des Folgejahres). Rosalia (Süssl) Figdor starb am 12. Oktober 1905, nach jüdischem Datum aber schon am 13. Tischre 666.
  2. Der jüdische Tag beginnt immer am Abend bei Sonnenuntergang. Leopold (Jehuda, genannt Löb) Machlup starb am 13. Mai 1914 um 23 Uhr, nach dem jüdischen Kalender aber schon am 18. Ijjar.

Der Kaufmann Moses Elias Gelles starb laut hebräischer Grabinschrift, die auch heute noch klar zu lesen ist (s.u. Bild), am 08. Ijjar 625, umgerechnet Donnerstag, 04. Mai 1865 in Bruck an der Leitha und ist am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben. In der hebräischen Inschrift ist auch der Wochentag (5. Tag = Donnerstag) angegeben.

Ausschnitt Grabinschrift Moses Elias Gelles

Ausschnitt Grabinschrift Moses Elias Gelles


In den Sterbematriken findet sich allerdings das Sterbedatum 04. Juni 1865 (also Datumsdifferenz von 1 Monat!). Der Sterbeeintrag wurde offensichtlich nachgetragen und trägt die „laufende Nummer“ 11a.

Was die Sache prima vista schwieriger macht, ist, dass sich in den Sterbematriken das Sterbedatum auch auf Hebräisch findet, und zwar wie folgt:

א בהעלתך: „am 1. Tag (Sonntag) der (Woche der) Parascha / des Toraabschnitts ‚Wenn du die Lampen anzündest‘ (Numeri 8,1)“, und das ist im Jahr 625 / 1865 Sonntag, der 10. Siwan = 04. Juni! Dies bedeutet, dass das hebräische Datum eindeutig das bürgerliche Sterbedatum des Sterbeeintrags heranzieht und quasi zwar korrekt rückrechnet, dennoch aber letztlich das falsche Datum liefert. Erwartungsgemäß wird nicht das Datum der hebräischen Grabinschrift genommen, da der Matrikeneintrag bereits im Juni 1865 erfolgte, der Grabstein mit der Grabinschrift aber sehr wahrscheinlich erst am 1. Jahrzeittag, also am 04. Mai 1866, gesetzt wurde.

Es darf also so gut wie sicher davon ausgegangen werden, dass der Matrikenführer Mai mit Juni verwechselte und das Sterbedatum falsch eintrug (noch zumal es keinen Eintrag im Mai gibt).

Ein interessantes Beispiel, wo weder der (bürgerliche) Matrikeneintrag noch der hebräische Matrikeneintrag, sondern das hebräische Datum in der Grabinschrift der verlässlichste Datumslieferant ist.

Matriken Tod Moses E. Gelles

Matriken Tod Moses E. Gelles



Insbesondere bei verderbten und nachgetragenen Matrikeneinträgen ist es von enormem Vorteil, auch die hebräische Grabinschrift zur Verfügung zu haben bzw. diese eben entsprechend zu berücksichtigen.

Ein versöhnliches Schlusswort

So sehr ich die Nicht- oder Zu-wenig-Beachtung der hebräischen Grabinschriften und anderer hebräischer Quellen (wie Jahrzeittafeln, hebräische Einträge in den Matriken etc.) in der genealogischen Forschung bedauere!, es ist die schöne Sprache der oft mit so viel Weisheit und Liebe geschriebenen Inschriften, die mich nach wie vor am meisten fasziniert.

Die häufig in Sterbematriken vermerkte Todesursache spielt für Genealogen keine oder eine nur sehr untergeordnete Rolle (Ausnahme: persönliches Interesse). Ebenso finden wir in hebräischen Grabinschriften nur selten einen Hinweis auf die Todesursache (Ausnahme: Märtyrer, Seuchenopfer usw.).

Hin und wieder findet sich aber eine besonders schöne Formulierung:

Elias (Abraham) Gabriel starb am 12. Adar I 638 (15. Februar 1878)

mit einem göttlichen Kuss im Alter von 71 Jahren…

Vgl. babylonischer Talmud, Traktat Moed Qatan 28a und Baba Batra 17a „…und Mirjam starb ebenfalls (d.h. wie Mose) mit einem (göttlichen) Kuss (d. h. ohne Qual und Schmerz)…“ …אף מרים נמי בנשיקה מתה… S. auch Berachot 8a „…die leichteste (Todesart) ist der Kuss(tod)…“ …ניחא שבכלן נשיקה…


Elias (Abraham) Gabriel starb einen leichten Tod und ist in der ursprünglichen Rabbinerreihe am jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben.

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פה ק“ק א“ש – Hier in der heiligen jüdischen Gemeinde Eisenstadt

Der jüngere jüdische Friedhof in Eisenstadt Links zum Projekt Zur Überblicksseite des Projekts „Jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt„ Zur Datenbank – Die Grabsteine Archiv Personenregister in alphabetischer Reihenfolge Das Projekt –…

Der jüngere jüdische Friedhof in Eisenstadt

Links zum Projekt

Das Projekt – Entstehen und Ziel

Jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt



Nach dem großen Projekt im Jahr 2015, den älteren jüdischen Friedhof vollständig aufzuarbeiten, soll nun der jüngere jüdische Friedhof in Eisenstadt ebenfalls digital editiert werden.

Die Schändung des Friedhofes 1992

Im Herbst 1992 erfuhr der jüngere Friedhof traurige Berühmtheit, als 88 (!) Steine geschändet und mit Naziparolen beschmiert wurden. Die Tatsache, dass die mit so viel Liebe und oft so großer Weisheit geschriebenen Inschriften durch diese grässlichen, primitiven und menschenverachtenden Parolen „überschrieben/übermalt“ wurden, führte damals zu meiner Entscheidung, alle Inschriften auszulesen, zu übersetzen sowie zu kommentieren und die Texte damit für die Nachwelt nachhaltig zu sichern.
1995 erschien die vollständige Aufarbeitung dieses Friedhofs in Buchform.

Der Täter wurde 1996 ausgeforscht, konnte sich seiner Verhaftung aber zunächst durch Flucht nach Südafrika entziehen. Am 15. Juni 2004 wurde er wegen NS-Wiederbetätigung zu einer (nicht rechtskräftigen) Haftstrafe von vier Jahren verurteilt. Siehe Bericht „Haftstrafe für Schändung des jüdischen Friedhofs Eisenstadt“ des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands“.

Die digitale Edition ist – nach 20 Jahren – nun einerseits der Zeit geschuldet, ist aber andererseits auch eine erweiterte und (teils notwendig gewordene) verbesserte und ergänzte Publikation über den jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt.

Schließlich sollen – wie schon am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt – alle Grabsteine auch physisch mit der seit der Printpublikation existierenden Standortnummer sowie mit QR-Code versehen werden. Dies ermöglicht, jede/n Begrabene/n sicher zu finden.

Der Status Quo – eine Katastrophe

Gleich vorweg: Es ist erschütternd, in welch traurigem und beschämenden Zustand sich der jüngere jüdische Friedhof heute befindet, v.a. gemessen am Zustand zwischen 1992 und 1995, als unsere o.g. Publikation über diesen Friedhof entstand (bei fast jedem Grabstein wird auch ein Foto, das zwischen 1993 und 1995 entstand, publiziert).

Die wohl berechtigte Frage lautet: Wie es ist es möglich, dass Grabsteine 120 Jahre und mehr in gutem, teils sehr gutem Zustand überlebten, die Inschriften gut lesbar erhalten blieben und in knapp 20 Jahren der Verfall eklatant ist: Auffällig viele Grabsteine sind in dieser kurzen Zeit zerbrochen, aus der Erde gerissen/gehoben, in die Erde (fast) versunken, umgefallen, erodiert, mit Moos und/oder Flechten völlig überwachsen, die Inschriften durch die Vegetation oder Erosion nicht mehr sichtbar und nicht mehr lesbar…

Der Grabstein von Samu (Jehuda Samuel) Mayer, gestorben am 12. Mai 1888, ist eines der erschütterndsten Beispiele, wie sich der Zustand eines Grabsteins in den vergangenen 20 Jahren änderte:

  • Grabstein Mayer Jehuda Samuel - 12. Mai 1888

    Foto 1993

  • Grabstein Mayer Jehuda Samuel - 12. Mai 1888

    Foto 2016


Mit anderen Worten: Es wäre heute nicht mehr möglich, viele der Grabsteine aufgrund ihrer Inschriften korrekt zuzuordnen wie es vor knapp 20 Jahren noch – zumindest weitgehend – gelang. Ohne die o.g. Printpublikation wäre diese digitale Edition wesentlich bruchstückhafter. Sind es wirklich nur aggressive Umwelteinflüsse? Wir vermuten, dass bei diversen Um- und -Bauarbeiten rund um den Friedhof nicht immer die nötige Sorgfalt und der nötige Respekt vor der Würde der Toten waltete. Ausdrücklich ausnehmen von jeglichem Verdacht der Sorglosigkeit möchten wir die Pflegearbeiten der Stadtgemeinde Eisenstadt, die mit uns immer in bestem Einvernehmen akkordiert sind.
Es ist uns nicht nur ein Rätsel, sondern wir finden es mehr als verantwortungslos, dass etwa Grabsteine, die vom Sockel abgebrochen sind, ganz offenbar mit technischen Hilfsmitteln mehrfach übereinander geschlichtet werden, wodurch insbesondere die Inschriften extrem leiden, abgesehen davon, dass sie in diesem Zustand gar nicht zu sehen sind (s. u. bes. Bild 3).

Die Statistik spricht eine leider sehr deutliche Sprache: Von 283 Grabsteinen, die in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts allesamt standen und deren Inschriften fast durchwegs sehr gut oder leidlich gut lesbar waren,

  • liegen heute (Stand Winter 2016/2017) 44 Grabsteine am Boden und sind zum Teil tief in die Erde eingesunken
  • 14 Grabsteine sind zerbrochen und
  • weitere 15 Grabsteine liegen zerbrochen (oft in mehrere Teile) am Boden, zu einem guten Teil auch nicht an ihrem angestammten Platz, sondern irgendwo am Friedhof (meist entlang der Mauer oder in einer Ecke des Friedhofes)
  • Zerbrochener Grabstein Moritz Bondi
  • Zerbrochener Grabstein Benjamin Deutsch
  • Grabsteine Benjamin Deutsch, Anna Szemere und Moritz Fraenkl und Aron Fuerst - wer hat diese Grabsteine - jeder mehrere 100kg schwer - übereinander gelegt?
  • Grabstein Abgebrochene und liegende Grabsteine Amalia Flaschner und Mose Ehrlich
  • Liegende Grabsteine Karoline und Alexander Hess
  • An der Mauer liegende Grabsteine
  • Liegende ab- und zerbrochene Grabsteine
  • Zerbrochener Grabstein Anna Szemere
  • Liegende ab- und zerbrochene Grabsteine



Selbstverständlich versuchen wir in den nächsten Monaten alle Teile der zerbrochenen Grabsteine zusammenzuführen und sie an ihren ursprünglichen Standort zu bringen.

Geschichte und Grundsätzliches zum Friedhof

Nachdem 1875 der ältere jüdische Friedhof voll belegt war, wurde die Anschaffung eines neuen Areals für einen Friedhof notwendig. Der Kaufvertrag für das Gebiet des jüngeren jüdischen Friedhofes datiert vom 27. August 1875. Die erste Belegung dieses Friedhofes stammt vom 19. Oktober 1875. Am Friedhofstor befindet sich die Jahreszahl 1876.

Jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt


Wachstein hatte für seine Bearbeitung des älteren jüdischen Friedhofes auf Quellen wie etwa das „Schwarze Buch“ der Gemeinde zurückgreifen können. Heute existieren weder das Schwarze Buch der Gemeinde noch ein Lageplan oder andere Informationen, die über ein ursprüngliches Aussehen des Friedhofes Auskunft geben könnten. Sicher lässt sich sagen, dass heute – im Gegensatz zum älteren jüdischen Friedhof – viele Grabsteine fehlen, die noch vor 1938 am Friedhof gewesen sein mussten. Feststellen lässt sich dies einerseits durch das Fehlen von Grabsteinen von Personen, die eindeutig in Eisenstadt begraben hätten werden müssen, weil wir beispielsweise durch die Matriken von ihrem Tod in Eisenstadt wissen sowie durch das Vorhandensein von Sockeln am Friedhof, die auf einstige Gräber hinweisen.

Mit Abschluss des Projekts werden wir auch eine Liste aller auf dem jüngeren jüdischen Friedhof Begrabenen publizieren, also auch jener Verstorbenen, deren Gräber heute nicht mehr existieren.

Jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt


Links zum Projekt


3 Kommentare zu פה ק“ק א“ש – Hier in der heiligen jüdischen Gemeinde Eisenstadt

… dann bist du von Einsamkeit umsponnen …

Zur alljährlichen Tradition gehört es für mich, im Herbst den jüdischen Friedhof in Kobersdorf zu besuchen. Es darf wiederholt werden: für mich einer der schönsten jüdischen Waldfriedhöfe … Berühmte Gelehrte…

Zur alljährlichen Tradition gehört es für mich, im Herbst den jüdischen Friedhof in Kobersdorf zu besuchen. Es darf wiederholt werden: für mich einer der schönsten jüdischen Waldfriedhöfe …

Berühmte Gelehrte sind hier begraben, darunter Rabbi David Alt, genannt Eibnitz, gestorben 1850, seine Ehefrau Chana, gestorben 1877 und sein Sohn Elieser, gestorben 1895.

  • Grabstein Rabbiner David Alt, genannt Eibnitz

    Rabbiner David Alt, genannt Eibnitz

  • Grabstein Chana Alt

    Grabstein Chana Alt (Eibnitz)

  • Grabstein Elieser Alt

    Elieser Alt (Eibnitz)


Lobenswert jedenfalls, dass der Weg sowohl zur Synagoge als auch zum jüdischen Friedhof in Kobersdorf mehrfach deutlich und klar bezeichnet ist, lobenswert auch, dass erkennbar ist, dass schon viele Arbeiten am Friedhof stattgefunden haben, wenngleich noch viel zu tun bleibt.

Ganz im Gegenteil dazu möchte ich fast von Schock sprechen beim Anblick der Synagoge in Kobersdorf. Die Geschichte ist bekannt: die Kultusgemeinde klagte den Eigentümer des Vereines, dem die Synagoge seit Jahren gehört, verlor den Prozess, die Synagoge verkommt immer mehr zur Ruine. Einfach nur traurig.
Genau gegenüber, nur durch eine schmale Straße getrennt, das schön renovierte Schloss Kobersdorf, in dem jährlich die Kobersdorfer Schlossspiele stattfinden. Tausende BesucherInnen des kleinen Ortes sind seit Jahren mit einer erschütternden Polarität konfrontiert, viele stellen Fragen, die Antworten bleiben unbefriedigend, die öffentliche Hand – so der Verdacht – hat nun offizielle Gründe wegzuschauen.?

  • Synagoge Kobersdorf

    Synagoge Kobersdorf

  • Synagoge Kobersdorf

    Synagoge Kobersdorf

  • Schloss Kobersdorf

    Schloss Kobersdorf


Lackenbach, nur wenige Kilometer entfernt: der größte jüdische Friedhof im Burgenland mit 1770 Grabsteinen, mit wenigen Ausnahmen alle mit hebräischen Grabinschriften, Kalksandsteine, die verwittern und täglich schwerer, zum Teil gar nicht mehr lesbar sind.

Auch hier finden grundsätzlich lobenswerte Arbeiten (Mähen, Katalogisierung …) am Friedhof statt, aber auch hier bleibt noch viel zu tun (Zuordnungen, Auslesen der hebräischen Inschriften, Übersetzungen …).

Aber bis heute: auch hier schockierend und wohl nicht nur für mich wirklich völlig unverständlich der Umgang mit der jüdischen Vergangenheit, mit der Gedenkkultur. Namentlich mit der Gedenktafel, die immerhin an die größte Synagoge des Burgenlandes erinnert (oder besser: erinnern soll), denn die Tafel ist in der ca. 50 Meter langen kleinen Gasse so gut wie nicht zu finden, der Platz für die Tafel sowie der Zustand dieser spotten jeder Beschreibung.
Auch hier viele Fragen: Ein Spiegelbild des Verantwortungsbewusstseins der öffentlichen Hand? Wo sind die Initiativen von Vereinen, Schulen, politischen Verantwortlichen? An den Finanzen kann es in diesem Fall ja wohl nicht liegen, dass seit vielen Jahren nichts passiert bzw. passieren will…

Gedenkkultur? Lackenbach

Gedenktafel – Gedenkkultur? in Lackenbach


PS: Die Überschrift stammt aus einem Gedicht der Literatin Mida Huber, die nahe Kobersdorf, am sehr idyllisch gelegenen Friedhof von Landsee, begraben ist.

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Rotte und Reiss Rennen

Jewish Sight-Running mit Thomas Rottenberg Als ich 2012 die Idee hatte, Jewish Sight-Running in Eisenstadt anzubieten, war ich ziemlich optimistisch, dass das Angebot auch hin und wieder genutzt werden würde,…

Jewish Sight-Running mit Thomas Rottenberg

Als ich 2012 die Idee hatte, Jewish Sight-Running in Eisenstadt anzubieten, war ich ziemlich optimistisch, dass das Angebot auch hin und wieder genutzt werden würde, von Interessierten aus der Umgebung, BesucherInnen und Besuchern von Eisenstadt, die im Rahmen der Stadtführungen nicht alle „jüdischen Stationen“ erreichen können, von Urlaubern, die nicht nur am See in der Sonne liegen wollen, von Museumsbesuchern, die das jüdische Eisenstadt umfassender und eingehender erkunden wollen … ;-)

Dieser Optimismus sollte sich als Irrtum herausstellen. Obwohl mir natürlich von Anfang an klar war, dass das Programm nicht wirklich mehrheitsfähig ist und auch immer wieder viele Menschen die Idee des Angebots goutier(t)en, – aktiv und selbst die Runde zu laufen, scheint aber doch nochmals eine ganz andere Geschichte zu sein … macht aber nichts, da das Angebot nichts kostet, keinen zusätzlichen Aufwand für das Museum bedeutet und ich ohnehin gerne und regelmäßig laufe.

Umso schöner, dass mich Thomas Rottenberg vergangene Woche anrief und wir uns einen Termin für die Laufrunde ausmachten. Es war sehr heiß, schwül und wir waren am späten Nachmittag auch beide schon ein wenig müde. Ich will ehrlich sein: Wir beschlossen ob dieser suboptimalen Rahmenbedingungen nicht die ganzen 10 km zu laufen, aber jene Kilometer, die wir liefen, waren vom Feinsten!

Großes Danke an Thomas für den wunderbaren Artikel im Standard: Rotte rennt.


Bleibt mir noch zu wünschen, dass Text, Bilder und Video vielleicht ein wenig Lust machen, die jüdische Geschichte Eisenstadts auch einmal anders zu erleben und mitzulaufen …

Wie im Standard zu lesen: natürlich muss nicht „gerannt“ werden, auch „Wanderer“, „Walker“ usw. sind herzlich willkommen, Stichwort „Jewish Sight-Walking“.
Wie unschwer zu erkennen ist: Selbstverständlich gilt das Angebot auch für „Kleinstgruppen“ und quasi „jederzeit“ (Anmelden einen Tag vorher wäre aber freundlich) ;-)



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