Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: hebräisch

Zwischen Park, Vogelschutzgebiet und einem ‚Haus der Ewigkeit‘

Jüdischer Friedhof Währing Links zum Projekt Zur Übersichtsseite des Projekts „Jüdischer Friedhof Währing“ Die Grabsteine (The Gravestones) (work in progress) Personenregister Über die Geschichte des jüdischen Friedhofs Währing gibt es…

Jüdischer Friedhof Währing

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Über die Geschichte des jüdischen Friedhofs Währing gibt es mittlerweile umfangreiche, zum großen Teil auch online verfügbare Literatur. Wir beschränken uns daher in dieser Hinsicht nur auf die nötigsten Informationen.

Der jüdische Friedhof Währing ist der zweitälteste jüdische Friedhof Wiens. Die Sanitätsverordnung Kaiser Josefs II. von 1784 hatte aus hygienischen Gründen Friedhöfe innerhalb des Linienwalls verboten und zur Auflösung des ältesten jüdischen Friedhofes von Wien, dem in der Seegasse, geführt. Der nun angelegte jüngere Friedhof in Währing wurde zwischen 1784 und 1879 belegt. Nach der Schließung des Friedhofes in Währing fanden die meisten Begräbnisse auf dem alten israelitischen Friedhof beim 1. Tor des Zentralfriedhofs, ab 1917 auch beim 4. Tor, statt (mehr Informationen zum Friedhof etwa auf „geschichtewiki.wien.gv.at„.

Der heute noch erhaltene älteste Grabstein auf dem jüdischen Friedhof Währing ist der von Simon Salomon Sinzheim. Er starb am 13. April 1784 an Auszehrung und Erschöpfung (!) und war der Neffe von Löb Sinzheim, einem der bedeutendsten Hoffaktoren und Wiener jüdischen Finanzmänner des 18. Jahrhunderts.

Die Belegung des Währinger Friedhofs spiegelt die gesamte soziale Breite der jüdischen Bevölkerung Wiens im 19. Jahrhundert wider: Bedeutende, sogar geadelte Familien wie Arnstein, Wertheimstein und Todesco sind hier begraben, und am anderen Ende der Leiter Hausierer, Bettler und die verachteten Schnapsbrenner und Schankwirte, die „Branntweiner“, wie sie in Wien genannt wurden. Ihre Herkunftsorte umfassen die gesamte Landkarte der habsburgischen Monarchie sowie viele deutsche Städte.

Keil Martha, Von Baronen und Branntweinern (Original: Martha Keil, Elke Forisch, Ernst Scheiber (Hg.): Denkmale – Jüdische Friedhöfe in Wien, Niederösterreich und Burgenland . Hg. von Club Niederösterreich, Institut für Geschichte der Juden in Österreich, Wien 2006, S. 54-59.)

Der Plan der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, um 1900 den jüdischen Friedhof Währing in einen öffentlichen Park umzugestalten, dürfte Mitarbeiter der Kultusgemeinde dazu veranlasst haben, alle Grabinschriften abzuschreiben. Die etwa 9.500 Abschriften wurden in den Central Archives of the Jewish People in Jerusalem wieder gefunden.
Die Abschriften wurden einige Jahre später vom Archivar der Israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Pinkas Heinrich (geb. 25. Oktober 1865 in Iași (dt.: Jassy, viertgrößte Stadt Rumäniens), zuständig nach Wien, gest. 02. Dezember 1932 in Wien) überarbeitet. Und zwar wirklich akribisch überarbeitet: Denn Heinrich korrigierte nicht nur die Abschreibefehler auf den Blättern, sondern auch die Fehler, die die Steinmetze auf den hebräischen Grabinschriften verursachten. Dass diese Vorgangsweise bald zu Unstimmigkeiten mit der Leitung der Kultusgemeinde führen musste, liegt auf der Hand, waren doch insbesondere die entstehenden Kosten durch die von Heinrich aufgetragenen Korrekturen der Steinmetze und, falls erneut Fehler passierten, wiederholte Korrekturen, bald zu hoch…
Für uns heute sind die Überarbeitungen Heinrichs von unschätzbarem Wert, weil er nicht nur die Abschriften auf Fehler hin korrigierte und der Zeilengerechtigkeit Rechnung trug, sondern zusätzlich viele biografische Hinweise, v.a. auf Grundlage des Totenbuchs, auf den Blättern nachtrug.
Sie finden bei jedem von uns online gestellten Grabstein auch den Scan der Abschrift (so vorhanden) mit den Korrekturen / Ergänzungen von Dr. Pinkas Heinrich.

Nota bene: Ohne die Abschriften und die Korrekturen und Ergänzungen von Dr. Pinkas Heinrich wäre es bei sehr vielen Gräbern heute unmöglich, sie korrekt zuzuordnen!


Der unscheinbare Grabstein von Dr. Pinkas Heinrich befindet sich auf dem Zentralfriedhof, Tor IV, Gruppe 14a, Reihe 9, Stein 44 (übrigens nur wenige Meter entfernt von den Gräbern der aus dem jüdischen Friedhof Währing Exhumierten und am Zentralfriedhof Wiederbestatteten, s.u.). Dr. Heinrich war unverheiratet, das Begräbnis wurde durch seine Versicherung bezahlt. Die hebräische Inschrift ist sehr kurz, trotzdem wird sie dem Gelehrten gerecht:

Der vollkommene Weise, der Forscher,
MORENU (unser Lehrer und Meister) Pinkas Heinrich.
E(r starb) am 3. Kislew 693 (= 02. Dezember 1932).
S(eine Seele) m(öge eingebunden sein) i(m Bündel) d(es Lebens).


Jüdischer Friedhof Währing und Eisenstadt

Viele Grabsteine des jüdischen Friedhofs Währing führen uns nach Eisenstadt. Familien von Wien zogen nach Eisenstadt, die nächste oder übernächste Generation dieser Familien und andere Familien von Eisenstadt nach Wien. So wird etwa Heinrich (Zwi Hirsch) Janowitz am 18. März 1838 in Eisenstadt geborgen, war Kleinhändler in Wien, starb dort am 26. Juli 1866 und ist am jüdischen Friedhof in Währing begraben. Seine rein hebräische Grabinschrift gibt den Herkunftsort an:

S(ohn des) wundervollen Rabbinischen, unseres Lehrers und Meisters Jakob Janowitz von den Einwohnern der heiligen jüdischen Gemeinde Eisenstadt.

Vater Jakob ben Mendel Janowitz, gest. 1872, ist, so wie drei seiner Schwestern und zwei seiner Brüder, am älteren jüdischen Friedhof, Mutter Johanna Lea Chana Janowitz, gest. 1902, sowie Schwester Katharina, verh. Austerlitz, gest. 1921, sind am jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben.
Ebenfalls am älteren jüdischen Friedhof begraben sind die Großeltern väterlicherseits, Mendel Janowitz, gest. 1832, und Katharina Gütel Janowitz, gest. 1841, sowie die Großeltern mütterlicherseits, Alexander Süßkind ben Rafael Pollak Mühlendorf, gest. 1853 und Maria Mirl Pollak, gest. 1873.

Nach Eisenstadt führt uns der jüdische Friedhof Währing aber auch ab dem Jahr 1939. Denn im Frühjahr dieses Jahres hatte Dr. Richard Pittioni als Leiter des „Burgenländischen Landschaftsmuseums“ in Eisenstadt seinen Wunsch an die anthropologische Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien herangetragen, zum Zwecke „rassenkundlicher“ Forschungen Grabungen an jüdischen Friedhöfen, darunter insbesondere auf dem jüdischen Friedhof Währing, durchzuführen. Im August 1939 wurde ein entsprechender Antrag von Direktor Hans Kummerlöwe beim Ministerium eingebracht.

Siehe vor allem: Teschler-Nicola Maria und Berner Margit, Die Anthropologische Abteilung des Naturhistorischen Museums in der NS-Zeit; Berichte und Dkumentation von Forschungs- und Sammlungsaktivitäten 1938-1945, Seite 5.

Bild links: Im Bombentrichter finden sich unzählige Inschriftenfragmente, die nur sehr mühsam zusammengesetzt bzw. zugeordnet werden können.


Exkurs: Dr. Richard Pittioni

Unter besonderer Berücksichtigung Eisenstadts, des ehemaligen jüdischen Viertels, des Landesmuseums, der Wolfsammlung und unserer privaten Synagoge

Der Prähistoriker Richard Pittioni war prägend für die Urgeschichtsforschung des 20. Jahrhunderts in Österreich. Unzählige Publikationen sprechen für sein wissenschaftliches Schaffen, Auszeichnungen und Ehrungen für sein fachliches Ansehen. […] Abgesehen von fachlichen Publikationen erscheint der Name Pittioni in Texten, die sich im relevanten Kontext mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzen. Einerseits findet Pittioni darin Erwähnung als Opfer des NS-Regimes, dem die Lehrbefugnis aberkannt und das in die Provinz abgeschoben wurde, andererseits scheint Pittionis Name immer wieder in Publikationen auf, die sich mit anthropologischen Grabungen zur Gewinnung von Skeletten als Forschungsmaterial auf jüdischen Friedhöfen während der NS-Zeit sowie mit der Verwendung von geraubten Judaica auseinandersetzen.

Pittioni versuchte, den privaten Tempel Wolfs, den „Wertheimertempel„, unter Denkmalschutz stellen zu lassen, was von der Zentralstelle für Denkmalschutz nicht genehmigt wurde, da dieser für künstlerisch und kulturell zu wenig wertvoll befunden wurde. […] Der Grund für Pittionis Bemühungen war, dass das gesamte jüdische Ghetto Eisenstadts zerstört und neu erbaut werden sollte. Am 4. April 1939 fand eine Begehung des Ghettos zur Klärung des weiteren Verfahrens mit den Gebäuden statt, bei der neben Vertretern verschiedener Stellen auch Pittioni zugegen war. Die Häuser des Ghettos wurden als verwahrlost und zur Bewohnung nicht geeignet bezeichnet, Sanierungsmaßnahmen wären zu teuer. Auch Überlegungen, den offiziellen Eisenstädter Tempel zu schützen und als jüdisches Museum einzurichten, wurde aufgrund der Lage verworfen. Allein der jüdische Friedhof und die zur Weinhandlung Wolf sowie zum privaten Museum Wolfs gehörigen Gebäude wurden von der geplanten Zerstörung ausgenommen.

Friedmann Ina, Der Prähistoriker Richard Pittioni (1906-1985) zwischen 1938 und 1945 unter Einbeziehung der Jahre des Austrofaschismus und der beginnenden Zweiten Republik, Wien 2013, Seite 9; 46.


Intensive Kontakte hatte Pittioni unter anderem mit dem Orientalisten der Universität Wien, Dr. Viktor Christian, der gemeinsam mit anderen Professoren schon seit 1924 als „Hakenkreuzprossor“ bezeichnet wurde (und übrigens Lehrer von Prof. Kurt Schubert war, der Christian als „philosemitischen Nazi“ bezeichnete), und mit Josef Wastl, dem Leiter der Anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums. Dieser hatte 1939 die Ausstellung „Das körperliche und seelische Erscheinungbild der Juden“ initiiert. Wastl war 1932 der NSDAP beigetreten und hatte eine illegale Betriebszelle am Naturhistorischen Museum gegründet, hielt einen Schulungskurs für Parteifunktionäre zum Thema Rassen- und Vererbungslehre und führte Vermessungen an Kriegsgefangenen sowie an im Wiener Stadion inhaftierten „staatenlosen“ polnischen Juden, die danach ins KZ Buchenwald deportiert wurden, durch. Wastl war auch an der Hebung und Inventarisierung von Skeletten des jüdischen Friedhofs Währing beteiligt.

Siehe Friedmann Ina, a.a.O., Seite 47; bes. Fußnote 365.

Zwischen Sommer 1941 und Frühjahr 1943 erfolgten drei Phasen von Grabzerstörungen und Exhumierungen. […]

Um insbesondere die Gründungsväter und verdiente Mitglieder der IKG vor Leichenschändung zu bewahren, exhumierte eine Gruppe von Juden unter dem Leiter des Friedhofsamts, Dr. Ernst Feldsberg, in mehreren Etappen ab Juni 1941 die Angehörigen von dreizehn prominenten Familien, darunter Nathan Arnstein, Michael Lazar Biedermann und Isak Löw Hofmann von Hofmannsthal. Die Gebeine wurden in Einzelgräber am neueren jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs, Viertes Tor, umgebettet.

Keil M., a.a.O.

1941 wurden insgesamt 127 Personen exhumiert und auf beiden jüdischen Abteilungen des Wiener Zentralfriedhofes wiederbestattet, siehe dazu besonders Wolf-Erich Eckstein, Historische Recherche zur Vorbereitung der Restaurierung von Gräbern der 1941/42 aus dem Währinger Israelitischen Friedhof Exhumierten und am Zentralfriedhof, 4. Tor, Gruppe 14a 1941/42 und 1947 Wiederbestatteten, Wien 2015 (pdf).


Bild links: Hermann Todesko, Großhändler, Bankier, Direktor der Gloggnitzer Eisenbahn, geb. 21.11.1791 Wien, gest. 23.11.1844, Wien, 53 J., exhumiert 10. Dezember 1941, wiederbestattet am Zentralfriedhof, Tor IV, 16. Dezember 1941. Das (nicht belegte) Grab auf dem jüdischen Friedhof Währing wurde jüngst renoviert.

Bild Mitte: Grab Hermann Todesko am Zentralfriedhof Tor IV.


Am 8. Jänner 1942 beschlossen die Wiener Ratsherren […] die Auflassung aller jüdischen Friedhöfe Wiens. Der Währinger Friedhof wurde durch die umsichtige Intervention von Robert Kraus, einem Beamten des Wiener Kulturamts, in eine Grünanlage und ein Vogelschutzgebiet umgewidmet.

Keil M., a.a.O.


Bild links: Grabinschrift Moses Aron Hönig (damals noch nicht „Hönigsberg“): In deutscher Sprache, aber mit hebräischen Buchstaben: „… Tabak- und Siegel-Gefäll Direktor…“.

Bild Mitte: Franciska (Fradl) Sulzer, geb. Hirschfeld, aus Hohenems, Ehefrau des Kantors Salomon Sulzer, gest. in Wien Stadt 494 mit 46 Jahren am 10. Juni 1855, begraben am 11. Juni 1855. Text: „Der unvergesslichen Gattin und Mutter“ und „Die dankbaren Kinder“ (immerhin 16!).


Was ist geschehen und was ist nicht geschehen?

Seit vielen Jahren laufen Initiativen und Projekte, um den jüdischen Friedhof Währing zu sanieren und aufzuarbeiten. Wir haben darüber auch immer wieder berichtet, etwa hier.

Zwischen 1992 und 1998 lief das Projekt „Der jüdische Friedhof Währing als Quelle zur Sozialgeschichte der Juden Wiens 1784-1874 am Institut für jüdische Geschichte Österreichs„:

Als Ergebnis eines Forschungsprojekts des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur in den Jahren 1992–1998 wurde eine umfangreiche Datenbank erstellt.

Sie enthält in 8.600 Einträgen Namen, Herkunftsort, Adresse, Beruf, Lebensdaten, Todesursache und Grabnummer von denjenigen Jüdinnen und Juden, die am Währinger Jüdischen Friedhof beerdigt sind. In einem Kooperationsprojekt mit der Bar Ilan Universität Tel Aviv werteten Shlomo Spitzer und sein Team die Grabsteininschriften aus.

Leider sind die Ergebnisse nur zum Teil publiziert und damit keinem größeren Publikum zugänglich.
Darüber hinaus ist bis auf einzelne Publikationen und regelmäßig veranstaltete Freiwilligentage bis heute nicht viel passiert.

Mit einer erwähnenswerten Ausnahme:
Schon 2012 indizierte Traude Triebel alle Sterbebücher der IKG (übrigens ohne öffentlichen Auftrag und ohne Fördergelder!), die den jüdischen Friedhof Währing (Wien) betreffen, siehe dazu unseren Blogartikel „Neue Datenbank mit ca. 29.000 Einträgen von 1784 – 1879„.

Eine dringend notwendige seriöse und umfassende Aufarbeitung des jüdischen Friedhofs Währing lässt weiter auf sich warten.

Ein neu gegründeter Verein gibt nun Anlass zur Hoffnung:

2017 gründete Günther Havranek den Verein „Rettet den jüdischen Friedhof Währing„. Sprecherin des Vereins ist Dr.in Jennifer Kickert. In der Grundsatzerklärung heißt es unter anderem:

Der Verein „Rettet den jüdischen Friedhof Währing“ hat sich das Ziel gesetzt, die Israelitische Kultusgemeinde Wien bei den notwendigen Sanierungsmaßnahmen zu unterstützen. Dafür werden Spenden gesammelt, ein kleines Museum eingerichtet, Freiwilligenarbeit zur Reduktion des Pflanzenwuchses organisiert und regelmäßig Führungen veranstaltet, um das öffentliche Bewusstsein für diesen so bedeutsamen Ort in Wien stärken.

Das Österreichische Jüdische Museum in Eisenstadt unterstützt gerne den Verein, insbesondere wenn es neben den geplanten Sanierungsmaßnahmen auch um eine wirklich seriöse und längst fällige, gründliche Aufarbeitung dieses berühmten Friedhofes, der ein einzigartiges Dokument der Wiener Kultur, Kunst, Wirtschaft und Gesellschaft in der Zeit des Biedermeier ist, geht.

Konkret ist gemeint, dass wir sukzessive die hebräischen Grabinschriften (es gibt tausende davon), transkribieren und möglichst auch übersetzen, jedenfalls aber die wichtigsten Daten auslesen werden, digitalisieren und vor allem online publizieren.

Projektbeginn: Schawu’ot 5779 / Juni 2019.



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…und als die Zeit für die junge Taube herannahte…

…da flog sie hoch in den Himmel hinauf Hypothese Die hebräischen Grabinschriften führen insbesondere innerhalb der genealogischen Forschungen meist nur ein Schattendasein und bekommen nur selten den Stellenwert, den sie…

…da flog sie hoch in den Himmel hinauf

Hypothese

Die hebräischen Grabinschriften führen insbesondere innerhalb der genealogischen Forschungen meist nur ein Schattendasein und bekommen nur selten den Stellenwert, den sie haben sollten.

Im Folgenden daher eine Art Plädoyer für die hohe Relevanz von hebräischen Grabinschriften für die genealogische Forschung:

Die Inschriften nehmen seit dem 12./13. Jahrhundert zunehmend auch nachbiblische, rabbinische Wendungen auf. …
Die entscheidende Veränderung zeigt sich in der freier gestalteten Eulogie. Sie markiert eine Wandlung in der Stellung des Verstorbenen, der nun in den Mittelpunkt gerückt wird. Sein Lob drückt sich jetzt nicht mehr nur in Attributen aus, sondern auch in der meist schematischen Darstellung seines Lebenswandels.
Der Gipfel der Entwicklung hin zum detailliert individualbiografisch Erzählten ist im 18. Jahrhundert erreicht und bleibt im 19. Jahrhundert weitgehend auf diesem Niveau. Wenn nun auch immer mehr Menschen längere Eulogien erhalten, bleiben doch viele Inschriften nach wie vor kurz und sagen nur das idealtypisch Wichtigste. Dahinter verbergen sich meist weniger inhaltliche oder stilistische Entscheidungen als wirtschaftliche Gründe.

Brocke u.a. (Hg.), Verborgene Pracht. Der jüdische Friedhof Hamburg-Altona. Aschkenasische Grabmale, Dresden o.J., Einführung

Eine ausgezeichnete Einführung in die hebräische Grabinschrift findet sich auf der Website des Salomon-Ludwig-Steinheim-Instituts, eine kurze Zusammenfassung mit Schwerpunkt auf den hebräischen Abkürzungen in einer hebräischen Grabinschrift auch bei uns im Blog „Am jüdischen Friedhof III„.

Biografische / Genealogische Hinweise in der Eulogie

Detailliert individualbiografisch Erzähltes„: Damit sind wir unmittelbar im Spannungsfeld zwischen hebräischer Grabinschrift und Matrikeneinträgen in deutscher oder ungarischer Sprache.

So starb etwa Heinrich Austerlitz 1909 mit 74 Jahren, seine Ehefrau Katharina 1921 mit 80 Jahren. In den Geburtsmatriken waren keine Kinder zu finden. Konnten sie auch nicht, da ein genaues Lesen der langen hebräischen Grabinschrift klar macht, dass das Ehepaar in 50 Jahren ihrer gemeinsamen Ehe kinderlos blieb (und offensichtlich auch bleiben wollte), denn in Zeile 10 heißt es:

Er hatte keine Kinder; mehr wert als Söhne und Töchter war der gute Name, den er sich erworben hatte.

Salopp gesagt: Genealogen können sich auch jede Suche in den Matriken und anderen Quellen ersparen, wenn sie in einer ebenfalls langen hebräischen Grabinschrift die Zeilen 9 bis 11 berücksichtigen würden. Denn dann wird klar, dass Wilhelm (Benjamin Seev) Hirschenhauser, gest. 14. August 1910, keine eigenen Kinder hatte:

Er liebte seine Verwandten und die Angehörigen seiner Familie und war ihnen ein Helfer und Unterstützer in der Zeit, als sie ihre Töchter verheirateten.

Wenn etwa nicht allgemein „Kinder“, sondern explizit „Töchter“ oder „Söhne“ in der hebräischen Grabinschrift genannt werden, kann man sich auch aus genealogischer Sicht darauf verlassen. So hatten Samuel (Sanwel) Windholz und Betti (Bella) Windholz, geb. Kohlmann, drei Söhne, aber keine Töchter:

Auch deine Söhne hast du den Weg des Glaubens gelehrt.

Grabinschrift Samuel Windholz

Als eine gute und verlässliche Mutter bemühte sie sich, ihre Söhne zu leiten und sie zu erziehen an den [Quellen] des Glücks und auf den Wegen der Geradlinigkeit.

Grabinschrift Betti Windholz

Es ist aber nicht nur jener Teil der Grabinschrift, den wir Eulogie (Lob) nennen (s.o. Zitat), den wir für biografische Zuordnungen und genealogische Forschungen heranziehen müssen (!), sondern neben den Datumsangaben (s.u.) und Ortsangaben (נפטר במרחץ אישל „Er verstarb in Bad Ischl“) vor allem auch die hebräischen Namen (s.u.) sowie die mit diesen verbundenen Titel („der Rabbiner„, „der Toragelehrte„, „die Rabbinersfrau“ etc.), Statusbeschreibungen („der unverheiratete Mann„, „das Mädchen„, „die Witwe“ etc.), Segenswünsche (s.u.) und Altersangaben (s.u.).

Einige Beispiele aus Inschriften vom älteren und jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt mögen dies illustrieren. Allein auf den beiden jüdischen Friedhöfen Eisenstadts gibt es hunderte Beispiele, die die hohe Relevanz der hebräischen Grabinschrift für genealogische Forschungen belegen, hier nur eine kleine Auswahl:

Der hebräische Name (Synagogalname) versus bürgerlichen Namen

Vorab eine Leseempfehlung: Sag mir, wie du heißt … (Jüdische Allgemeine)

In hebräischen Grabinschriften finden wir ausschließlich die hebräischen Namen, sowohl von Frauen als auch von Männern (also „Schwarzl“ und nicht „Charlotte“ und „Mordechai Zvi“ und nicht „Armin“ usw.). Bürgerliche Namen gibt es in Inschriften in Eisenstadt nur sehr vereinzelt und nur als Zusatz am jüngeren jüdischen Friedhof in deutscher oder ungarischer Sprache (siehe Bild links).

In der heute 2., ursprünglich 1. Reihe, der sogenannten „Rabbinerreihe“, wo die großen schöpferischen Gelehrten begraben sind, findet sich am jüngeren jüdischen Friedhof kein einziger nicht hebräischer Buchstabe!

Ein m.E. besonders schönes Beispiel für die Erwähnung eines hebräischen Namens zeigt die hebräische Grabinschrift der mit 27 Jahren früh verstorbenen Juliana (Jentel) Machlup, gest. 1838 und begraben am älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt.
Der Vater von Juliana ist Jona Klaber, der ebenfalls am älteren jüdischen Friedhof begraben ist.
Das hebräische Wortspiel „junge Taube = Tochter des Jona“ (hebr. „jona“ = „Taube“) ist faszinierend, wobei der ganze Satz wohl als Euphemie für das Sterben interpretiert werden darf:

…und als die Zeit für die junge Taube (Tochter des Jona) herannahte, da flog sie hoch in den Himmel hinauf.

Oft wurde in Matrikeneinträgen, bes. in Geburtsmatriken, auch der hebräische Name eingetragen, der allerdings von vielen Genealogen leider ignoriert wird.

Geburtsmatriken Eisenstadt 1858

Geburtsmatriken Eisenstadt 1858


Nota bene: Aus hebräischen Namen lässt sich nicht verlässlich auf bürgerliche Namen schließen (wie oft angenommen) und vice versa! Zwar häufen sich gewisse Regelmäßigkeiten wie hebräisch „Mordechai“ und bürgerlich „Max“ oder „Markus“, „Rösl“ und „Theresia“ usw., aber es gibt genügend Beispiele, die ein ganz anderes Bild zeichnen:
So ist etwa der hebräische Name von Alexander HessSaul„, der hebräische Name von Alexander PollakSüßkind“ und der hebräische Name von Alexander WärndorferSalomo Jehuda„. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Beim Lesen von Matrikeneinträgen darf daher nicht davon ausgegangen werden, dass der hebräische Name nichts anderes als eine Art Übersetzung des bürgerlichen Namens ist!

In Mattersdorf/-burg etwa waren Regina (Rebekka) Trebitsch-Kohn und Regina (Rachel) Trebitsch-Kohn Schwestern. Die bürgerlichen Namen waren quasi nur eine Formalität, jede genealogische Arbeit kann nur über die hebräischen Namen, die auch die im Familienverbund üblichen Rufnamen waren, zu einem seriösen Ergebnis führen.

Der hebräische Name kann aber häufig etwa auch in Verlassenschaftsakten, Sterbeeinträgen usw. das Zünglein an der Waage für eine eindeutige genealogische Zuordnung sein:

Sohn des Toragelehrten, des ehrenwerten Herrn, Herrn Mordechai Reitlinger, sein Andenken möge bewahrt werden…

Bestellschein für den Grabstein von Moritz (Mose) Reitlinger

Bestellschein für den Grabstein von Moritz (Mose) Reitlinger, gest. 02. April 1846
Bild-©: Georg Gaugusch, Wien


Die Jahrzeittafeln – eine weitere Primärquelle

Die Matrikeneinträge ließen bei der Mutter von Regina Breyer viele Fragen offen, eine sichere genealogische Zuordnung war überhaupt erst möglich mit dem Einbeziehen der Jahrzeittafel: „Rachele, Tochter der Bella Chaja“ (Hess, jung gest. 28. Mai 1827, begraben am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt).

Jahrzeittafel Regina (Rachele) Breyer

Jahrzeittafel Regina (Rachele) Breyer


Altersangaben

Üblicherweise finden wir nur sehr ungefähre Altersangaben wie ישישhochbetagt„, זקןalt“ oder שיבהGreisenalter„.
מרומם etwa bedeutet „erhaben„, wird aber fast ausschließlich nur bei Männern in höherem Alter verwendet. Häufig kommen alle Ausdrücke nebeneinander bzw. in einer Inschrift vor, siehe etwa Samuel Schneider, gest. 05. Mai 1928, Zeile 2 und 9.

Gelegentlich kommen in den hebräischen Grabinschriften der beiden jüdischen Friedhöfe in Eisenstadt aber auch genauere Altersangaben vor, wie etwa in der Inschrift von Samuel (Nataniel) Schönberger, gest. 04. Mai 1911:

Er verstarb in hohem Alter, nachdem er zu Kräften gekommen war (= nachdem er das 80. Lebensjahr erreicht hatte)

Vgl. Psalm 90,10 „(Unser Lebensalter beträgt 70 Jahre,) und wenn sie in Kräften sind, 80 Jahre…“ …ואם בגבורת שמונים שנה… und babylonischer Talmud, Traktat Avot V,25 „…80 Jahre alt zum hohen Alter…“ …בן שמונים לגבורה…

Samuel (Nataniel) Schönberger starb laut Sterbematriken mit 79 Jahren.

Segenswünsche

„Wie das Amen im Gebet“ folgt hinter dem Namen eines Verstorbenen / einer Verstorbenen der Segenswunsch „auf ihm/ihr sei Friede„, „seine Ruhe möge im Garten Eden sein“ oder „sein Andenken möge bewahrt werden„, bei besonders Gelehrten „das Andenken des Gerechten möge bewahrt werden“ o.ä.
Nicht ganz so regelmäßig und verlässlich ist der Segenswunsch bei noch lebenden Verwandten: „sein Licht möge leuchten“ (z.B. Hendel Hess) o.ä.

Eine scheinbar kleine Unachtsamkeit beim Lesen des Segenswunsches in Zeile 12 der hebräischen Grabinschrift von Sprinze Chaja, gest. 1879, führte 20 Jahre lang zu fatalen Folgen in der genealogischen Zuordnung von Sprinze Chaja (und das, obwohl die hebräische Inschrift bereits 1995 von mir publiziert wurde):

Zeile 10: Es versammelten sich bei ihr am Tag ihres Begräbnisses die Söhne
Zeile 11: ihres ersten Ehemanns, des Vorsitzenden und Leiters der Gemeinde,
Zeile 12: H(errn) Abraham Löb Reitlinger, a(uf ihm sei) F(riede)

  • Durch den Segenswunsch „auf ihm sei Friede“ wird unmissverständlich klar, dass der genannte Ehemann Abraham Löb Reitlinger beim Ableben von Franziska (Sprinze Chaja), 1879, nicht mehr am Leben ist, demzufolge nicht 1907 gestorben sein kann, wie lange angenommen wurde. Tatsächlich starb er am 14. September 1826 in Wien.
  • Durch korrektes Berücksichtigen des Segenswunsches in Verbindung mit Zeile 11 der Inschrift wird klar, dass Sprinze Chaja jedenfalls ein zweites Mal geheiratet haben muss (weil sonst „erster Ehemann“ keinen Sinn macht). Dieser zweite Ehemann dürfte weiters (Vermutung nur aufgrund des Textbefundes der drei Zeilen der Inschrift) 1879 nicht mehr am Leben sein, da er sonst höchstwahrscheinlich genannt worden wäre. Tatsächlich wird Franziska Reitlinger/Sabl in der Konskriptionsliste von 1836 bereits als Witwe geführt, der (vermutliche) zweite Ehemann, NN Sabl, war also zum Zeitpunkt ihres Ablebens auch schon mindestens 43 Jahre lang tot.
  • Weiters ist die Angabe „die Söhne ihres ersten Ehemanns…“ (wörtlich: „ihre Söhne…„) in der hebräischen Grabinschrift korrekt, da zum Zeitpunkt des Todes von Sprinze Chaja ihre einzige Tochter bereits verstorben war und nur die vier Söhne gemeint sein können.

Ausschnitt Grabinschrift Sprinze Chaja Reitlinger

Ausschnitt Grabinschrift Sprinze Chaja Reitlinger
rot umrandet Zeile 12 und der Segenswunsch


Das Sterbedatum

Das Sterbedatum, ggf. auch das Geburtsdatum, wird in hebräischen Inschriften ausschließlich nach dem jüdischen Kalender angegeben. Dabei sind v.a. zwei Besonderheiten zu beachten:

  1. Die Monate Tischre, Cheschwan, Kislew und Tevet liegen immer schon im neuen jüdischen Jahr (bei Tevet meist ein Datum Dezember oder Jänner des Folgejahres). Rosalia (Süssl) Figdor starb am 12. Oktober 1905, nach jüdischem Datum aber schon am 13. Tischre 666.
  2. Der jüdische Tag beginnt immer am Abend bei Sonnenuntergang. Leopold (Jehuda, genannt Löb) Machlup starb am 13. Mai 1914 um 23 Uhr, nach dem jüdischen Kalender aber schon am 18. Ijjar.

Der Kaufmann Moses Elias Gelles starb laut hebräischer Grabinschrift, die auch heute noch klar zu lesen ist (s.u. Bild), am 08. Ijjar 625, umgerechnet Donnerstag, 04. Mai 1865 in Bruck an der Leitha und ist am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben. In der hebräischen Inschrift ist auch der Wochentag (5. Tag = Donnerstag) angegeben.

Ausschnitt Grabinschrift Moses Elias Gelles

Ausschnitt Grabinschrift Moses Elias Gelles


In den Sterbematriken findet sich allerdings das Sterbedatum 04. Juni 1865 (also Datumsdifferenz von 1 Monat!). Der Sterbeeintrag wurde offensichtlich nachgetragen und trägt die „laufende Nummer“ 11a.

Was die Sache prima vista schwieriger macht, ist, dass sich in den Sterbematriken das Sterbedatum auch auf Hebräisch findet, und zwar wie folgt:

א בהעלתך: „am 1. Tag (Sonntag) der (Woche der) Parascha / des Toraabschnitts ‚Wenn du die Lampen anzündest‘ (Numeri 8,1)“, und das ist im Jahr 625 / 1865 Sonntag, der 10. Siwan = 04. Juni! Dies bedeutet, dass das hebräische Datum eindeutig das bürgerliche Sterbedatum des Sterbeeintrags heranzieht und quasi zwar korrekt rückrechnet, dennoch aber letztlich das falsche Datum liefert. Erwartungsgemäß wird nicht das Datum der hebräischen Grabinschrift genommen, da der Matrikeneintrag bereits im Juni 1865 erfolgte, der Grabstein mit der Grabinschrift aber sehr wahrscheinlich erst am 1. Jahrzeittag, also am 04. Mai 1866, gesetzt wurde.

Es darf also so gut wie sicher davon ausgegangen werden, dass der Matrikenführer Mai mit Juni verwechselte und das Sterbedatum falsch eintrug (noch zumal es keinen Eintrag im Mai gibt).

Ein interessantes Beispiel, wo weder der (bürgerliche) Matrikeneintrag noch der hebräische Matrikeneintrag, sondern das hebräische Datum in der Grabinschrift der verlässlichste Datumslieferant ist.

Matriken Tod Moses E. Gelles

Matriken Tod Moses E. Gelles



Insbesondere bei verderbten und nachgetragenen Matrikeneinträgen ist es von enormem Vorteil, auch die hebräische Grabinschrift zur Verfügung zu haben bzw. diese eben entsprechend zu berücksichtigen.

Ein versöhnliches Schlusswort

So sehr ich die Nicht- oder Zu-wenig-Beachtung der hebräischen Grabinschriften und anderer hebräischer Quellen (wie Jahrzeittafeln, hebräische Einträge in den Matriken etc.) in der genealogischen Forschung bedauere!, es ist die schöne Sprache der oft mit so viel Weisheit und Liebe geschriebenen Inschriften, die mich nach wie vor am meisten fasziniert.

Die häufig in Sterbematriken vermerkte Todesursache spielt für Genealogen keine oder eine nur sehr untergeordnete Rolle (Ausnahme: persönliches Interesse). Ebenso finden wir in hebräischen Grabinschriften nur selten einen Hinweis auf die Todesursache (Ausnahme: Märtyrer, Seuchenopfer usw.).

Hin und wieder findet sich aber eine besonders schöne Formulierung:

Elias (Abraham) Gabriel starb am 12. Adar I 638 (15. Februar 1878)

mit einem göttlichen Kuss im Alter von 71 Jahren…

Vgl. babylonischer Talmud, Traktat Moed Qatan 28a und Baba Batra 17a „…und Mirjam starb ebenfalls (d.h. wie Mose) mit einem (göttlichen) Kuss (d. h. ohne Qual und Schmerz)…“ …אף מרים נמי בנשיקה מתה… S. auch Berachot 8a „…die leichteste (Todesart) ist der Kuss(tod)…“ …ניחא שבכלן נשיקה…


Elias (Abraham) Gabriel starb einen leichten Tod und ist in der ursprünglichen Rabbinerreihe am jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben.

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פה ק“ק א“ש – Hier in der heiligen jüdischen Gemeinde Eisenstadt

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Der jüngere jüdische Friedhof in Eisenstadt

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Das Projekt – Entstehen und Ziel

Jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt



Nach dem großen Projekt im Jahr 2015, den älteren jüdischen Friedhof vollständig aufzuarbeiten, soll nun der jüngere jüdische Friedhof in Eisenstadt ebenfalls digital editiert werden.

Die Schändung des Friedhofes 1992

Im Herbst 1992 erfuhr der jüngere Friedhof traurige Berühmtheit, als 88 (!) Steine geschändet und mit Naziparolen beschmiert wurden. Die Tatsache, dass die mit so viel Liebe und oft so großer Weisheit geschriebenen Inschriften durch diese grässlichen, primitiven und menschenverachtenden Parolen „überschrieben/übermalt“ wurden, führte damals zu meiner Entscheidung, alle Inschriften auszulesen, zu übersetzen sowie zu kommentieren und die Texte damit für die Nachwelt nachhaltig zu sichern.
1995 erschien die vollständige Aufarbeitung dieses Friedhofs in Buchform.

Der Täter wurde 1996 ausgeforscht, konnte sich seiner Verhaftung aber zunächst durch Flucht nach Südafrika entziehen. Am 15. Juni 2004 wurde er wegen NS-Wiederbetätigung zu einer (nicht rechtskräftigen) Haftstrafe von vier Jahren verurteilt. Siehe Bericht „Haftstrafe für Schändung des jüdischen Friedhofs Eisenstadt“ des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands“.

Die digitale Edition ist – nach 20 Jahren – nun einerseits der Zeit geschuldet, ist aber andererseits auch eine erweiterte und (teils notwendig gewordene) verbesserte und ergänzte Publikation über den jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt.

Schließlich sollen – wie schon am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt – alle Grabsteine auch physisch mit der seit der Printpublikation existierenden Standortnummer sowie mit QR-Code versehen werden. Dies ermöglicht, jede/n Begrabene/n sicher zu finden.

Der Status Quo – eine Katastrophe

Gleich vorweg: Es ist erschütternd, in welch traurigem und beschämenden Zustand sich der jüngere jüdische Friedhof heute befindet, v.a. gemessen am Zustand zwischen 1992 und 1995, als unsere o.g. Publikation über diesen Friedhof entstand (bei fast jedem Grabstein wird auch ein Foto, das zwischen 1993 und 1995 entstand, publiziert).

Die wohl berechtigte Frage lautet: Wie es ist es möglich, dass Grabsteine 120 Jahre und mehr in gutem, teils sehr gutem Zustand überlebten, die Inschriften gut lesbar erhalten blieben und in knapp 20 Jahren der Verfall eklatant ist: Auffällig viele Grabsteine sind in dieser kurzen Zeit zerbrochen, aus der Erde gerissen/gehoben, in die Erde (fast) versunken, umgefallen, erodiert, mit Moos und/oder Flechten völlig überwachsen, die Inschriften durch die Vegetation oder Erosion nicht mehr sichtbar und nicht mehr lesbar…

Der Grabstein von Samu (Jehuda Samuel) Mayer, gestorben am 12. Mai 1888, ist eines der erschütterndsten Beispiele, wie sich der Zustand eines Grabsteins in den vergangenen 20 Jahren änderte:

  • Grabstein Mayer Jehuda Samuel - 12. Mai 1888

    Foto 1993

  • Grabstein Mayer Jehuda Samuel - 12. Mai 1888

    Foto 2016


Mit anderen Worten: Es wäre heute nicht mehr möglich, viele der Grabsteine aufgrund ihrer Inschriften korrekt zuzuordnen wie es vor knapp 20 Jahren noch – zumindest weitgehend – gelang. Ohne die o.g. Printpublikation wäre diese digitale Edition wesentlich bruchstückhafter. Sind es wirklich nur aggressive Umwelteinflüsse? Wir vermuten, dass bei diversen Um- und -Bauarbeiten rund um den Friedhof nicht immer die nötige Sorgfalt und der nötige Respekt vor der Würde der Toten waltete. Ausdrücklich ausnehmen von jeglichem Verdacht der Sorglosigkeit möchten wir die Pflegearbeiten der Stadtgemeinde Eisenstadt, die mit uns immer in bestem Einvernehmen akkordiert sind.
Es ist uns nicht nur ein Rätsel, sondern wir finden es mehr als verantwortungslos, dass etwa Grabsteine, die vom Sockel abgebrochen sind, ganz offenbar mit technischen Hilfsmitteln mehrfach übereinander geschlichtet werden, wodurch insbesondere die Inschriften extrem leiden, abgesehen davon, dass sie in diesem Zustand gar nicht zu sehen sind (s. u. bes. Bild 3).

Die Statistik spricht eine leider sehr deutliche Sprache: Von 283 Grabsteinen, die in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts allesamt standen und deren Inschriften fast durchwegs sehr gut oder leidlich gut lesbar waren,

  • liegen heute (Stand Winter 2016/2017) 44 Grabsteine am Boden und sind zum Teil tief in die Erde eingesunken
  • 14 Grabsteine sind zerbrochen und
  • weitere 15 Grabsteine liegen zerbrochen (oft in mehrere Teile) am Boden, zu einem guten Teil auch nicht an ihrem angestammten Platz, sondern irgendwo am Friedhof (meist entlang der Mauer oder in einer Ecke des Friedhofes)
  • Zerbrochener Grabstein Moritz Bondi
  • Zerbrochener Grabstein Benjamin Deutsch
  • Grabsteine Benjamin Deutsch, Anna Szemere und Moritz Fraenkl und Aron Fuerst - wer hat diese Grabsteine - jeder mehrere 100kg schwer - übereinander gelegt?
  • Grabstein Abgebrochene und liegende Grabsteine Amalia Flaschner und Mose Ehrlich
  • Liegende Grabsteine Karoline und Alexander Hess
  • An der Mauer liegende Grabsteine
  • Liegende ab- und zerbrochene Grabsteine
  • Zerbrochener Grabstein Anna Szemere
  • Liegende ab- und zerbrochene Grabsteine



Selbstverständlich versuchen wir in den nächsten Monaten alle Teile der zerbrochenen Grabsteine zusammenzuführen und sie an ihren ursprünglichen Standort zu bringen.

Geschichte und Grundsätzliches zum Friedhof

Nachdem 1875 der ältere jüdische Friedhof voll belegt war, wurde die Anschaffung eines neuen Areals für einen Friedhof notwendig. Der Kaufvertrag für das Gebiet des jüngeren jüdischen Friedhofes datiert vom 27. August 1875. Die erste Belegung dieses Friedhofes stammt vom 19. Oktober 1875. Am Friedhofstor befindet sich die Jahreszahl 1876.

Jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt


Wachstein hatte für seine Bearbeitung des älteren jüdischen Friedhofes auf Quellen wie etwa das „Schwarze Buch“ der Gemeinde zurückgreifen können. Heute existieren weder das Schwarze Buch der Gemeinde noch ein Lageplan oder andere Informationen, die über ein ursprüngliches Aussehen des Friedhofes Auskunft geben könnten. Sicher lässt sich sagen, dass heute – im Gegensatz zum älteren jüdischen Friedhof – viele Grabsteine fehlen, die noch vor 1938 am Friedhof gewesen sein mussten. Feststellen lässt sich dies einerseits durch das Fehlen von Grabsteinen von Personen, die eindeutig in Eisenstadt begraben hätten werden müssen, weil wir beispielsweise durch die Matriken von ihrem Tod in Eisenstadt wissen sowie durch das Vorhandensein von Sockeln am Friedhof, die auf einstige Gräber hinweisen.

Mit Abschluss des Projekts werden wir auch eine Liste aller auf dem jüngeren jüdischen Friedhof Begrabenen publizieren, also auch jener Verstorbenen, deren Gräber heute nicht mehr existieren.

Jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt


Links zum Projekt


3 Kommentare zu פה ק“ק א“ש – Hier in der heiligen jüdischen Gemeinde Eisenstadt

Il Giardino dell’Eternità di Trieste

Der jüdische Friedhof von Triest Links zum Projekt Zur Übersichtsseite des Projekts „Jüdischer Friedhof Triest„ Zur Datenbank – Die Grabsteine (work in progress) Personenregister Grabstellenregister Triest! Was verbindet sich nicht…

Der jüdische Friedhof von Triest

Links zum Projekt


Triest! Was verbindet sich nicht alles mit diesem Namen!

Alexander Roda-Roda

Die jüdische Gemeinde von Triest zählt heute etwa 500 Mitglieder, von der großen und langen Geschichte der jüdischen Gemeinde der Stadt – vor 1938 lebten etwa 6000 Juden in Triest – erzählt der jüdische Friedhof in Via della Pace mit seinen etwa 12.000 Grabsteinen auf 3 Hektar Fläche. Nachdem der alte jüdische Friedhof aus dem Jahr 1446 für die jüdische Gemeinde zu klein geworden war – in der Zeit seiner größten räumlichen Ausdehnung hatte er die Hänge des San Giusto-Hügels erreicht – und aufgelöst werden musste, fand das erste Begräbnis am neuen Friedhof am 2. Juni 1843 statt.

Memorial mit den 687 Namen der im Holocaust ermordeten Triestiner Juden

Shoa-Memorial

Dass Triest über 500 Jahre lang habsburgisch-österreichisch war, muss hier nicht weiter ausgeführt werden. Unzählige deutschsprachige Grabinschriften, Herkunftsorte wie Prag, Pressburg, Lemberg, Iasi (Rumänien), Warschau, Skalat (Polen/Westukraine), Surany (Südslowakei), Gloggnitz, Eisenstadt, Hohenems oder Wien, Familiennamen wie Lackenbacher und Familienstammbäume, die tief in die Geschichte der Juden unserer Region weisen, legen ein beredtes Zeugnis ab.

Eisenstadt, Hohenems und Wien…

Am 1. August 1800 heiratete Giustina, geborene Romanin, „Wolf Gerstel di Eisenstado„, geboren 1774. Er war Trödler und ist nicht in Triest begraben. Das Grab seiner Ehefrau befindet sich aber am jüdischen Friedhof Triest und hat – wenig überraschend – eine hebräische Grabinschrift.
Aus Hohenems kommen etwa August Brunner (der Grabstein ermöglicht uns die Daten in den genealogischen Datenbanken zu korrigieren) und Hannchen Brunner, in Wien wurden 1866 Ugo Ascoli und 1869 Siegfried Neuhauser, „Sohn einer achtbar würdigen Bürgerfamilie aus Wien“ geboren.

Große Namen und spannende Familiengeschichten

Blick in den jüdischen Friedhof von Triest

Blick in den jüdischen Friedhof von Triest, Ende März 2016



Die Familien Morpurgo und Parente, Gründer und Vorstände der Generali Versicherung, sind in einem Sacellum, in der Form ähnlich einem griechischen Tempel, beim Eingang in den Friedhof begraben. Dieser Bereich wurde vom Mailänder Architekt Carlo Macciacchini errichtet, der neben seinem bekanntesten Projekt, dem Monumentalfriedhof in Mailand, auch der Erbauer von San Spiridione, der Serbisch-Orthodoxen Kirche von Triest, war. Der österreichische Bankier Elio von Morpurgo, verheiratet mit Nina Parente, etwa gilt als Begründer der weltberühmten Bankiers-Familie.

Eines der auffälligsten Grabdenkmäler gehört Giuseppe Eppinger, dem Gründer der weltberühmten „Bomboniera“, die heute noch existiert und James Joyce berichtet über seinen Besuch am sehr schönen Grab von Ada Meissel, der Ehefrau seines Freundes, die mit 27 Jahren Selbstmord begangen hatte. Auch das Grab von Elio Schmitz, dem Bruder des Schriftstellers Italo Svevo, dessen bürgerlicher Name Ettore Schmitz war, und der über seinen Bruder auch einen Roman schrieb, findet sich am Friedhof. Genauso wie jenes von Fiorina Coen, deren Tochter Irene, die ebenfalls am Grabstein genannt ist, die Mutter des prominenten New Yorker Bürgermeisters (1934-45) Fiorello Enrico „Henry“ LaGuardia war, nach dem auch ein New Yorker Flughafen benannt ist.

Skandal in Triest: als Margarete Arnstein 1907 im Alter von 12 Jahren verstorben war, fertigte der italienische Architekt Giovanni Marin einen Sarg mit einer von Blumen bedeckten figürlichen Darstellung von Margarete, was natürlich dem biblischen Bilderverbot widersprach (Exodus 20,4).

  • Aufbahrungshalle am Friedhof

    Aufbahrungshalle am Friedhof

  • Gräber der frühen Rabbiner, 18. Jh., vom alten jüdischen Friedhof

    Gräber früher Rabbiner, 18. Jh.

  • Abgebrochene Säulen: Gräber von Kindern bzw. jungen Menschen

    Kindergräber


Hochinteressante Details in den hebräischen Grabinschriften

Schabbatai Elia Levi kam aus Korfu, ist in Triest begraben und das Sterbedatum in seiner hebräischen Grabinschrift wird dargestellt durch den Satz „Im Jahr, in dem Sewastopol belagert wurde“. Mit dem Tod Rachel Grassitis 1849 versank auch „ihre große Kraft“, ebenfalls dargestellt im Sterbedatum. Sehr spannend auch die doch zu unserer Region verschiedenen Einleitungsformeln wie „Hier liegt“ פה שוכב oder „Dies (sei) die Ruhestätte“ מ“ק, was ich in Österreich bisher nur auf Grabinschriften in der sefardischen Abteilung am Zentralfriedhof in Wien sah.

Mein Dank gehört der Genealogin Traude Triebel, die beim Lesen und der Indizierung der Inschriften half und viele Fotos beisteuerte sowie ganz besonders auch Livio Vasieri aus Triest, der – ehrenamtlich und mit großer Leidenschaft – seit Jahren unermüdlich an der Aufarbeitung des jüdischen Friedhofs Triest arbeitet.

Über den jüdischen Friedhof Triest gibt es die schöne DVD „Hidden Treasure“ (Italienisch mit englischen Untertiteln) sowie die Broschüre Il Giardino dell’Eternità (Italienisch), beides bei der jüdischen Gemeinde Triest erhältlich. Schließlich sei noch das sehr schöne Carlo e Vera Wagner Museum in Triest empfohlen.

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