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…und als die Zeit für die junge Taube herannahte…

…da flog sie hoch in den Himmel hinauf

Hypothese

Die hebräischen Grabinschriften führen insbesondere innerhalb der genealogischen Forschungen meist nur ein Schattendasein und bekommen nur selten den Stellenwert, den sie haben sollten.

Im Folgenden daher eine Art Plädoyer für die hohe Relevanz von hebräischen Grabinschriften für die genealogische Forschung:

Die Inschriften nehmen seit dem 12./13. Jahrhundert zunehmend auch nachbiblische, rabbinische Wendungen auf. …
Die entscheidende Veränderung zeigt sich in der freier gestalteten Eulogie. Sie markiert eine Wandlung in der Stellung des Verstorbenen, der nun in den Mittelpunkt gerückt wird. Sein Lob drückt sich jetzt nicht mehr nur in Attributen aus, sondern auch in der meist schematischen Darstellung seines Lebenswandels.
Der Gipfel der Entwicklung hin zum detailliert individualbiografisch Erzählten ist im 18. Jahrhundert erreicht und bleibt im 19. Jahrhundert weitgehend auf diesem Niveau. Wenn nun auch immer mehr Menschen längere Eulogien erhalten, bleiben doch viele Inschriften nach wie vor kurz und sagen nur das idealtypisch Wichtigste. Dahinter verbergen sich meist weniger inhaltliche oder stilistische Entscheidungen als wirtschaftliche Gründe.

Brocke u.a. (Hg.), Verborgene Pracht. Der jüdische Friedhof Hamburg-Altona. Aschkenasische Grabmale, Dresden o.J., Einführung

Eine ausgezeichnete Einführung in die hebräische Grabinschrift findet sich auf der Website des Salomon-Ludwig-Steinheim-Instituts, eine kurze Zusammenfassung mit Schwerpunkt auf den hebräischen Abkürzungen in einer hebräischen Grabinschrift auch bei uns im Blog „Am jüdischen Friedhof III„.

Biografische / Genealogische Hinweise in der Eulogie

Detailliert individualbiografisch Erzähltes„: Damit sind wir unmittelbar im Spannungsfeld zwischen hebräischer Grabinschrift und Matrikeneinträgen in deutscher oder ungarischer Sprache.

So starb etwa Heinrich Austerlitz 1909 mit 74 Jahren, seine Ehefrau Katharina 1921 mit 80 Jahren. In den Geburtsmatriken waren keine Kinder zu finden. Konnten sie auch nicht, da ein genaues Lesen der langen hebräischen Grabinschrift klar macht, dass das Ehepaar in 50 Jahren ihrer gemeinsamen Ehe kinderlos blieb (und offensichtlich auch bleiben wollte), denn in Zeile 10 heißt es:

Er hatte keine Kinder; mehr wert als Söhne und Töchter war der gute Name, den er sich erworben hatte.

Salopp gesagt: Genealogen können sich auch jede Suche in den Matriken und anderen Quellen ersparen, wenn sie in einer ebenfalls langen hebräischen Grabinschrift die Zeilen 9 bis 11 berücksichtigen würden. Denn dann wird klar, dass Wilhelm (Benjamin Seev) Hirschenhauser, gest. 14. August 1910, keine eigenen Kinder hatte:

Er liebte seine Verwandten und die Angehörigen seiner Familie und war ihnen ein Helfer und Unterstützer in der Zeit, als sie ihre Töchter verheirateten.

Wenn etwa nicht allgemein „Kinder“, sondern explizit „Töchter“ oder „Söhne“ in der hebräischen Grabinschrift genannt werden, kann man sich auch aus genealogischer Sicht darauf verlassen. So hatten Samuel (Sanwel) Windholz und Betti (Bella) Windholz, geb. Kohlmann, drei Söhne, aber keine Töchter:

Auch deine Söhne hast du den Weg des Glaubens gelehrt.

Grabinschrift Samuel Windholz

Als eine gute und verlässliche Mutter bemühte sie sich, ihre Söhne zu leiten und sie zu erziehen an den [Quellen] des Glücks und auf den Wegen der Geradlinigkeit.

Grabinschrift Betti Windholz

Es ist aber nicht nur jener Teil der Grabinschrift, den wir Eulogie (Lob) nennen (s.o. Zitat), den wir für biografische Zuordnungen und genealogische Forschungen heranziehen müssen (!), sondern neben den Datumsangaben (s.u.) und Ortsangaben (נפטר במרחץ אישל „Er verstarb in Bad Ischl“) vor allem auch die hebräischen Namen (s.u.) sowie die mit diesen verbundenen Titel („der Rabbiner„, „der Toragelehrte„, „die Rabbinersfrau“ etc.), Statusbeschreibungen („der unverheiratete Mann„, „das Mädchen„, „die Witwe“ etc.), Segenswünsche (s.u.) und Altersangaben (s.u.).

Einige Beispiele aus Inschriften vom älteren und jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt mögen dies illustrieren. Allein auf den beiden jüdischen Friedhöfen Eisenstadts gibt es hunderte Beispiele, die die hohe Relevanz der hebräischen Grabinschrift für genealogische Forschungen belegen, hier nur eine kleine Auswahl:

Der hebräische Name (Synagogalname) versus bürgerlichen Namen

Vorab eine Leseempfehlung: Sag mir, wie du heißt … (Jüdische Allgemeine)

In hebräischen Grabinschriften finden wir ausschließlich die hebräischen Namen, sowohl von Frauen als auch von Männern (also „Schwarzl“ und nicht „Charlotte“ und „Mordechai Zvi“ und nicht „Armin“ usw.). Bürgerliche Namen gibt es in Inschriften in Eisenstadt nur sehr vereinzelt und nur als Zusatz am jüngeren jüdischen Friedhof in deutscher oder ungarischer Sprache (siehe Bild links).

In der heute 2., ursprünglich 1. Reihe, der sogenannten „Rabbinerreihe“, wo die großen schöpferischen Gelehrten begraben sind, findet sich am jüngeren jüdischen Friedhof kein einziger nicht hebräischer Buchstabe!

Ein m.E. besonders schönes Beispiel für die Erwähnung eines hebräischen Namens zeigt die hebräische Grabinschrift der mit 27 Jahren früh verstorbenen Juliana (Jentel) Machlup, gest. 1838 und begraben am älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt.
Der Vater von Juliana ist Jona Klaber, der ebenfalls am älteren jüdischen Friedhof begraben ist.
Das hebräische Wortspiel „junge Taube = Tochter des Jona“ (hebr. „jona“ = „Taube“) ist faszinierend, wobei der ganze Satz wohl als Euphemie für das Sterben interpretiert werden darf:

…und als die Zeit für die junge Taube (Tochter des Jona) herannahte, da flog sie hoch in den Himmel hinauf.

Oft wurde in Matrikeneinträgen, bes. in Geburtsmatriken, auch der hebräische Name eingetragen, der allerdings von vielen Genealogen leider ignoriert wird.

Geburtsmatriken Eisenstadt 1858

Geburtsmatriken Eisenstadt 1858


Nota bene: Aus hebräischen Namen lässt sich nicht verlässlich auf bürgerliche Namen schließen (wie oft angenommen) und vice versa! Zwar häufen sich gewisse Regelmäßigkeiten wie hebräisch „Mordechai“ und bürgerlich „Max“ oder „Markus“, „Rösl“ und „Theresia“ usw., aber es gibt genügend Beispiele, die ein ganz anderes Bild zeichnen:
So ist etwa der hebräische Name von Alexander HessSaul„, der hebräische Name von Alexander PollakSüßkind“ und der hebräische Name von Alexander WärndorferSalomo Jehuda„. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Beim Lesen von Matrikeneinträgen darf daher nicht davon ausgegangen werden, dass der hebräische Name nichts anderes als eine Art Übersetzung des bürgerlichen Namens ist!

In Mattersdorf/-burg etwa waren Regina (Rebekka) Trebitsch-Kohn und Regina (Rachel) Trebitsch-Kohn Schwestern. Die bürgerlichen Namen waren quasi nur eine Formalität, jede genealogische Arbeit kann nur über die hebräischen Namen, die auch die im Familienverbund üblichen Rufnamen waren, zu einem seriösen Ergebnis führen.

Der hebräische Name kann aber häufig etwa auch in Verlassenschaftsakten, Sterbeeinträgen usw. das Zünglein an der Waage für eine eindeutige genealogische Zuordnung sein:

Sohn des Toragelehrten, des ehrenwerten Herrn, Herrn Mordechai Reitlinger, sein Andenken möge bewahrt werden…

Bestellschein für den Grabstein von Moritz (Mose) Reitlinger

Bestellschein für den Grabstein von Moritz (Mose) Reitlinger, gest. 02. April 1846
Bild-©: Georg Gaugusch, Wien


Die Jahrzeittafeln – eine weitere Primärquelle

Die Matrikeneinträge ließen bei der Mutter von Regina Breyer viele Fragen offen, eine sichere genealogische Zuordnung war überhaupt erst möglich mit dem Einbeziehen der Jahrzeittafel: „Rachele, Tochter der Bella Chaja“ (Hess, jung gest. 28. Mai 1827, begraben am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt).

Jahrzeittafel Regina (Rachele) Breyer

Jahrzeittafel Regina (Rachele) Breyer


Altersangaben

Üblicherweise finden wir nur sehr ungefähre Altersangaben wie ישישhochbetagt„, זקןalt“ oder שיבהGreisenalter„.
מרומם etwa bedeutet „erhaben„, wird aber fast ausschließlich nur bei Männern in höherem Alter verwendet. Häufig kommen alle Ausdrücke nebeneinander bzw. in einer Inschrift vor, siehe etwa Samuel Schneider, gest. 05. Mai 1928, Zeile 2 und 9.

Gelegentlich kommen in den hebräischen Grabinschriften der beiden jüdischen Friedhöfe in Eisenstadt aber auch genauere Altersangaben vor, wie etwa in der Inschrift von Samuel (Nataniel) Schönberger, gest. 04. Mai 1911:

Er verstarb in hohem Alter, nachdem er zu Kräften gekommen war (= nachdem er das 80. Lebensjahr erreicht hatte)

Vgl. Psalm 90,10 „(Unser Lebensalter beträgt 70 Jahre,) und wenn sie in Kräften sind, 80 Jahre…“ …ואם בגבורת שמונים שנה… und babylonischer Talmud, Traktat Avot V,25 „…80 Jahre alt zum hohen Alter…“ …בן שמונים לגבורה…

Samuel (Nataniel) Schönberger starb laut Sterbematriken mit 79 Jahren.

Segenswünsche

„Wie das Amen im Gebet“ folgt hinter dem Namen eines Verstorbenen / einer Verstorbenen der Segenswunsch „auf ihm/ihr sei Friede„, „seine Ruhe möge im Garten Eden sein“ oder „sein Andenken möge bewahrt werden„, bei besonders Gelehrten „das Andenken des Gerechten möge bewahrt werden“ o.ä.
Nicht ganz so regelmäßig und verlässlich ist der Segenswunsch bei noch lebenden Verwandten: „sein Licht möge leuchten“ (z.B. Hendel Hess) o.ä.

Eine scheinbar kleine Unachtsamkeit beim Lesen des Segenswunsches in Zeile 12 der hebräischen Grabinschrift von Sprinze Chaja, gest. 1879, führte 20 Jahre lang zu fatalen Folgen in der genealogischen Zuordnung von Sprinze Chaja (und das, obwohl die hebräische Inschrift bereits 1995 von mir publiziert wurde):

Zeile 10: Es versammelten sich bei ihr am Tag ihres Begräbnisses die Söhne
Zeile 11: ihres ersten Ehemanns, des Vorsitzenden und Leiters der Gemeinde,
Zeile 12: H(errn) Abraham Löb Reitlinger, a(uf ihm sei) F(riede)

  • Durch den Segenswunsch „auf ihm sei Friede“ wird unmissverständlich klar, dass der genannte Ehemann Abraham Löb Reitlinger beim Ableben von Franziska (Sprinze Chaja), 1879, nicht mehr am Leben ist, demzufolge nicht 1907 gestorben sein kann, wie lange angenommen wurde. Tatsächlich starb er am 14. September 1826 in Wien.
  • Durch korrektes Berücksichtigen des Segenswunsches in Verbindung mit Zeile 11 der Inschrift wird klar, dass Sprinze Chaja jedenfalls ein zweites Mal geheiratet haben muss (weil sonst „erster Ehemann“ keinen Sinn macht). Dieser zweite Ehemann dürfte weiters (Vermutung nur aufgrund des Textbefundes der drei Zeilen der Inschrift) 1879 nicht mehr am Leben sein, da er sonst höchstwahrscheinlich genannt worden wäre. Tatsächlich wird Franziska Reitlinger/Sabl in der Konskriptionsliste von 1836 bereits als Witwe geführt, der (vermutliche) zweite Ehemann, NN Sabl, war also zum Zeitpunkt ihres Ablebens auch schon mindestens 43 Jahre lang tot.
  • Weiters ist die Angabe „die Söhne ihres ersten Ehemanns…“ (wörtlich: „ihre Söhne…„) in der hebräischen Grabinschrift korrekt, da zum Zeitpunkt des Todes von Sprinze Chaja ihre einzige Tochter bereits verstorben war und nur die vier Söhne gemeint sein können.

Ausschnitt Grabinschrift Sprinze Chaja Reitlinger

Ausschnitt Grabinschrift Sprinze Chaja Reitlinger
rot umrandet Zeile 12 und der Segenswunsch


Das Sterbedatum

Das Sterbedatum, ggf. auch das Geburtsdatum, wird in hebräischen Inschriften ausschließlich nach dem jüdischen Kalender angegeben. Dabei sind v.a. zwei Besonderheiten zu beachten:

  1. Die Monate Tischre, Cheschwan, Kislew und Tevet liegen immer schon im neuen jüdischen Jahr (bei Tevet meist ein Datum Dezember oder Jänner des Folgejahres). Rosalia (Süssl) Figdor starb am 12. Oktober 1905, nach jüdischem Datum aber schon am 13. Tischre 666.
  2. Der jüdische Tag beginnt immer am Abend bei Sonnenuntergang. Leopold (Jehuda, genannt Löb) Machlup starb am 13. Mai 1914 um 23 Uhr, nach dem jüdischen Kalender aber schon am 18. Ijjar.

Der Kaufmann Moses Elias Gelles starb laut hebräischer Grabinschrift, die auch heute noch klar zu lesen ist (s.u. Bild), am 08. Ijjar 625, umgerechnet Donnerstag, 04. Mai 1865 in Bruck an der Leitha und ist am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben. In der hebräischen Inschrift ist auch der Wochentag (5. Tag = Donnerstag) angegeben.

Ausschnitt Grabinschrift Moses Elias Gelles

Ausschnitt Grabinschrift Moses Elias Gelles


In den Sterbematriken findet sich allerdings das Sterbedatum 04. Juni 1865 (also Datumsdifferenz von 1 Monat!). Der Sterbeeintrag wurde offensichtlich nachgetragen und trägt die „laufende Nummer“ 11a.

Was die Sache prima vista schwieriger macht, ist, dass sich in den Sterbematriken das Sterbedatum auch auf Hebräisch findet, und zwar wie folgt:

א בהעלתך: „am 1. Tag (Sonntag) der (Woche der) Parascha / des Toraabschnitts ‚Wenn du die Lampen anzündest‘ (Numeri 8,1)“, und das ist im Jahr 625 / 1865 Sonntag, der 10. Siwan = 04. Juni! Dies bedeutet, dass das hebräische Datum eindeutig das bürgerliche Sterbedatum des Sterbeeintrags heranzieht und quasi zwar korrekt rückrechnet, dennoch aber letztlich das falsche Datum liefert. Erwartungsgemäß wird nicht das Datum der hebräischen Grabinschrift genommen, da der Matrikeneintrag bereits im Juni 1865 erfolgte, der Grabstein mit der Grabinschrift aber sehr wahrscheinlich erst am 1. Jahrzeittag, also am 04. Mai 1866, gesetzt wurde.

Es darf also so gut wie sicher davon ausgegangen werden, dass der Matrikenführer Mai mit Juni verwechselte und das Sterbedatum falsch eintrug (noch zumal es keinen Eintrag im Mai gibt).

Ein interessantes Beispiel, wo weder der (bürgerliche) Matrikeneintrag noch der hebräische Matrikeneintrag, sondern das hebräische Datum in der Grabinschrift der verlässlichste Datumslieferant ist.

Matriken Tod Moses E. Gelles

Matriken Tod Moses E. Gelles



Insbesondere bei verderbten und nachgetragenen Matrikeneinträgen ist es von enormem Vorteil, auch die hebräische Grabinschrift zur Verfügung zu haben bzw. diese eben entsprechend zu berücksichtigen.

Ein versöhnliches Schlusswort

So sehr ich die Nicht- oder Zu-wenig-Beachtung der hebräischen Grabinschriften und anderer hebräischer Quellen (wie Jahrzeittafeln, hebräische Einträge in den Matriken etc.) in der genealogischen Forschung bedauere!, es ist die schöne Sprache der oft mit so viel Weisheit und Liebe geschriebenen Inschriften, die mich nach wie vor am meisten fasziniert.

Die häufig in Sterbematriken vermerkte Todesursache spielt für Genealogen keine oder eine nur sehr untergeordnete Rolle (Ausnahme: persönliches Interesse). Ebenso finden wir in hebräischen Grabinschriften nur selten einen Hinweis auf die Todesursache (Ausnahme: Märtyrer, Seuchenopfer usw.).

Hin und wieder findet sich aber eine besonders schöne Formulierung:

Elias (Abraham) Gabriel starb am 12. Adar I 638 (15. Februar 1878)

mit einem göttlichen Kuss im Alter von 71 Jahren…

Vgl. babylonischer Talmud, Traktat Moed Qatan 28a und Baba Batra 17a „…und Mirjam starb ebenfalls (d.h. wie Mose) mit einem (göttlichen) Kuss (d. h. ohne Qual und Schmerz)…“ …אף מרים נמי בנשיקה מתה… S. auch Berachot 8a „…die leichteste (Todesart) ist der Kuss(tod)…“ …ניחא שבכלן נשיקה…


Elias (Abraham) Gabriel starb einen leichten Tod und ist in der ursprünglichen Rabbinerreihe am jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben.

Genealogie, Leben und Glaube

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Il Giardino dell’Eternità di Trieste

Der jüdische Friedhof von Triest

Links zum Projekt


Triest! Was verbindet sich nicht alles mit diesem Namen!

Alexander Roda-Roda

Die jüdische Gemeinde von Triest zählt heute etwa 500 Mitglieder, von der großen und langen Geschichte der jüdischen Gemeinde der Stadt – vor 1938 lebten etwa 6000 Juden in Triest – erzählt der jüdische Friedhof in Via della Pace mit seinen etwa 12.000 Grabsteinen auf 3 Hektar Fläche. Nachdem der alte jüdische Friedhof aus dem Jahr 1446 für die jüdische Gemeinde zu klein geworden war – in der Zeit seiner größten räumlichen Ausdehnung hatte er die Hänge des San Giusto-Hügels erreicht – und aufgelöst werden musste, fand das erste Begräbnis am neuen Friedhof am 2. Juni 1843 statt.

Memorial mit den 687 Namen der im Holocaust ermordeten Triestiner Juden

Shoa-Memorial

Dass Triest über 500 Jahre lang habsburgisch-österreichisch war, muss hier nicht weiter ausgeführt werden. Unzählige deutschsprachige Grabinschriften, Herkunftsorte wie Prag, Pressburg, Lemberg, Iasi (Rumänien), Warschau, Skalat (Polen/Westukraine), Surany (Südslowakei), Gloggnitz, Eisenstadt, Hohenems oder Wien, Familiennamen wie Lackenbacher und Familienstammbäume, die tief in die Geschichte der Juden unserer Region weisen, legen ein beredtes Zeugnis ab.

Eisenstadt, Hohenems und Wien…

Am 1. August 1800 heiratete Giustina, geborene Romanin, „Wolf Gerstel di Eisenstado„, geboren 1774. Er war Trödler und ist nicht in Triest begraben. Das Grab seiner Ehefrau befindet sich aber am jüdischen Friedhof Triest und hat – wenig überraschend – eine hebräische Grabinschrift.
Aus Hohenems kommen etwa August Brunner (der Grabstein ermöglicht uns die Daten in den genealogischen Datenbanken zu korrigieren) und Hannchen Brunner, in Wien wurden 1866 Ugo Ascoli und 1869 Siegfried Neuhauser, „Sohn einer achtbar würdigen Bürgerfamilie aus Wien“ geboren.

Große Namen und spannende Familiengeschichten

Blick in den jüdischen Friedhof von Triest

Blick in den jüdischen Friedhof von Triest, Ende März 2016



Die Familien Morpurgo und Parente, Gründer und Vorstände der Generali Versicherung, sind in einem Sacellum, in der Form ähnlich einem griechischen Tempel, beim Eingang in den Friedhof begraben. Dieser Bereich wurde vom Mailänder Architekt Carlo Macciacchini errichtet, der neben seinem bekanntesten Projekt, dem Monumentalfriedhof in Mailand, auch der Erbauer von San Spiridione, der Serbisch-Orthodoxen Kirche von Triest, war. Der österreichische Bankier Elio von Morpurgo, verheiratet mit Nina Parente, etwa gilt als Begründer der weltberühmten Bankiers-Familie.

Eines der auffälligsten Grabdenkmäler gehört Giuseppe Eppinger, dem Gründer der weltberühmten „Bomboniera“, die heute noch existiert und James Joyce berichtet über seinen Besuch am sehr schönen Grab von Ada Meissel, der Ehefrau seines Freundes, die mit 27 Jahren Selbstmord begangen hatte. Auch das Grab von Elio Schmitz, dem Bruder des Schriftstellers Italo Svevo, dessen bürgerlicher Name Ettore Schmitz war, und der über seinen Bruder auch einen Roman schrieb, findet sich am Friedhof. Genauso wie jenes von Fiorina Coen, deren Tochter Irene, die ebenfalls am Grabstein genannt ist, die Mutter des prominenten New Yorker Bürgermeisters (1934-45) Fiorello Enrico „Henry“ LaGuardia war, nach dem auch ein New Yorker Flughafen benannt ist.

Skandal in Triest: als Margarete Arnstein 1907 im Alter von 12 Jahren verstorben war, fertigte der italienische Architekt Giovanni Marin einen Sarg mit einer von Blumen bedeckten figürlichen Darstellung von Margarete, was natürlich dem biblischen Bilderverbot widersprach (Exodus 20,4).

  • Aufbahrungshalle am Friedhof

    Aufbahrungshalle am Friedhof

  • Gräber der frühen Rabbiner, 18. Jh., vom alten jüdischen Friedhof

    Gräber früher Rabbiner, 18. Jh.

  • Abgebrochene Säulen: Gräber von Kindern bzw. jungen Menschen

    Kindergräber


Hochinteressante Details in den hebräischen Grabinschriften

Schabbatai Elia Levi kam aus Korfu, ist in Triest begraben und das Sterbedatum in seiner hebräischen Grabinschrift wird dargestellt durch den Satz „Im Jahr, in dem Sewastopol belagert wurde“. Mit dem Tod Rachel Grassitis 1849 versank auch „ihre große Kraft“, ebenfalls dargestellt im Sterbedatum. Sehr spannend auch die doch zu unserer Region verschiedenen Einleitungsformeln wie „Hier liegt“ פה שוכב oder „Dies (sei) die Ruhestätte“ מ“ק, was ich in Österreich bisher nur auf Grabinschriften in der sefardischen Abteilung am Zentralfriedhof in Wien sah.

Mein Dank gehört der Genealogin Traude Triebel, die beim Lesen und der Indizierung der Inschriften half und viele Fotos beisteuerte sowie ganz besonders auch Livio Vasieri aus Triest, der – ehrenamtlich und mit großer Leidenschaft – seit Jahren unermüdlich an der Aufarbeitung des jüdischen Friedhofs Triest arbeitet.

Über den jüdischen Friedhof Triest gibt es die schöne DVD „Hidden Treasure“ (Italienisch mit englischen Untertiteln) sowie die Broschüre Il Giardino dell’Eternità (Italienisch), beides bei der jüdischen Gemeinde Triest erhältlich. Schließlich sei noch das sehr schöne Carlo e Vera Wagner Museum in Triest empfohlen.

Links zum Projekt


Leben und Glaube

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Hebräisch – vor Ort und mit allen Sinnen

Schon zum zweiten Mal kamen 7 Interessierte aus Salzburg, Kärnten und Bayern nach Eisenstadt zum fortgeschrittenen Hebräischkurs. So wie vergangenes Jahr wollten wir auch heuer das sonst übliche „Klassenzimmer“ verlassen und Gelerntes in der Praxis, vor Ort, anwenden und vertiefen. Dass es dabei nicht „nur“ um Grammatik, Vokabeln und Syntax ging, muss nicht extra erwähnt werden. ;-)

Frauenkirchen

Gleich am 1. Tag fuhren wir nach einem Kurzbesuch am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt in die ehemalige jüdische Gemeinde Frauenkirchen. Herr Franz Wegleitner, ehemaliger Lehrer, der sich seit vielen Jahren in zahlreichen Projekten rund um die Geschichte der Juden Frauenkirchens engagiert und verdient macht, nahm sich viel Zeit, um uns faszinierende Geschichten zu einzelnen Gräbern des in der Shoa nicht zerstörten jüdischen Friedhofs zu erzählen. Nach dem Friedhof besichtigten wir mit ihm noch den „Garten der Erinnerung“ am Standort der ehemaligen Synagoge, der am 29. Mai feierlich eröffnet wird.

  • Herr Wegleitner führt uns am jüdischen Friedhof Frauenkirchen
  • Jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Die ältesten Grabsteine am jüdischen Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Hindel Neufeld, 1910, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Völlig erodierter Grabstein am jüdischen Friedhof Frauenkirchen
  • Durch Erosion sind nur mehr Einleitungsformel und Schlusseulogie lesbar, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Rela Steiner, 1937, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Elijahu Zvi, 1917, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Mose (August) Goldstein, 1901, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Sehr schöner, aber leider stark erodierter Grabstein, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Chaja Sara, Tochter vom Schalom ...,  1820, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Gütel Kastner, 1927, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Völlig erodierter Grabstein am jüdischen Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Sarl Deutsch, 1935, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Grabstein Sarl Deutsch, 1935, jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Standort der ehemaligen Synagoge, 'Garten der Erinnerung'
  • Standort der ehemaligen Synagoge, 'Garten der Erinnerung'
  • Standort der ehemaligen Synagoge, 'Garten der Erinnerung'


Kittsee

Am Nachmittag fuhren wir in die ehemals nördlichste der „sieben heiligen jüdischen Gemeinden“ auf esterházyschem Grundbesitz, nach Kittsee. Frau Direktor Irmgard Jurkovich erwartete uns schon auf dem im Schatten des Kittseer Schlosses gelegenen jüdischen Friedhof mit seinen 230 Gräbern. Frau Jurkovich beschäftigte sich schon in ihrer Zeit als Leiterin der örtlichen Hauptschule jahrzehntelang intensiv mit der jüdischen Geschichte von Kittsee, ihr enormes Wissen und ihr Engagement beeindruckte uns alle in höchstem Maße.

  • Irmgard Jurkovich führt uns am jüdischen Friedhof Kittsee
  • Der jüdische Friedhof Kittsee im Schatten des Schlosses
  • Jüdischer Friedhof Kittsee
  • Heute sind nur mehr wenige Grabsteine (einigermaßen) gut lesbar, jüdischer Friedhof Kittsee
  • Heute sind nur mehr wenige Grabsteine (einigermaßen) gut lesbar, jüdischer Friedhof Kittsee
  • Jüdischer Friedhof Kittsee
  • Völlig erodierter Grabstein, jüdischer Friedhof Kittsee
  • So gut wie nicht mehr lesbare Inschrift, jüdischer Friedhof Kittsee
  • Grabstein des vorletzten Rabbiners von Kittsee, Meir Abeles, 1887, jüdischer Friedhof Kittsee


Wien Zentralfriedhof

Am Freitag verließen wir das Burgenland und machten uns auf den Weg nach Wien. Die jüdischen Abteilungen auf dem Zentralfriedhof Tor IV und Tor I an einem Tag waren ein ambitioniertes Vorhaben. Eine der bekanntesten und besten Genealoginnen, Traude Triebel, erklärte die Bedeutung von Grabinschriften, besonders auch von hebräischen, für die genealogische Arbeit. Nach dem Besuch des Grabes Paul Rosenfeld aus Frauenkirchen und der „herrenlosen“ (sic!) exhumierten Gräber von Döbling auf Tor IV wechselten wir am Nachmittag in die jüdische Abteilung von Tor I, laut Eigenaussage eine Art Zweitwohnsitz von Traude Triebel ;-), die hier auch gleich ihre eigene Familie besuchen konnte. Auf beiden Toren liegen etwa 150.000 Menschen begraben.
Selbstredend, dass die prachtvollen Mausoleen auf Tor 1 fast eine Art Kontrastprogramm zu den orthodoxen burgenländischen Grabstätten des Vortages bildeten:

Markus Engel, ein Sohn des Handelsmanns in Bonyhad Aron Engel, kam um 1860 nach Wien und begründete hier zusammen mit Wilhelm Weiss unter der Firma M. Engel & Weiss ein Exporthaus. Aus diesem erwuchs das Bank- und Wechselhaus Marcus Engel in Wien I., Schottenring 32, durch das Markus Engel zu großem Reichtum kam. Sein monumentales Mausoleum auf dem Zentralfriedhof in Wien ist eines der größten Grabdenkmäler auf diesem Friedhof (siehe unten Bilder 3. Reihe).

Gaugusch Georg, Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800-1938, A-K, Wien 2011, 534.

Besonders faszinierend war die sefardische Abteilung bei Tor 1. Im Wien des 19. Jahrhunderts gab es eine bedeutende sefardische Gemeinde. Die frühesten Namen sind bekannt: Camondo, Nissim, Eskenasy, Amar, De Mayo usw. Interessant, dass wir in den Geburts- und Heiratsmatriken zwischen 1845 und 1938 gerademal 10.000 Personen finden.
Für uns, wir machen diese Touren schließlich im Rahmen eines Hebräischkurses für Fortgeschrittene, war natürlich auch interessant, dass wir offensichtlich in Wien nur auf den sefardischen Gräbern als Einleitungsformel der hebräischen Grabinschriften מצ’ק finden. Gesehen hab ich das bisher nur am jüdischen Friedhof in Triest. In Deutschland finden sich etwas mehr als 50 Belege dafür, und diese mit wenigen Ausnahmen alle auf dem jüdischen Friedhof Hamburg-Altona. Dort jedoch nie als Abbreviatur, sondern immer ausgeschrieben: מצבת קבורת.

  • Grab von Paul Rosenfeld aus Frauenkirchen, 2003, Zentralfriedhof Wien, Tor 4
  • Mit Genealogin Traude Triebel vor den 'herrenlosen' exhumierten Gräbern aus Döbling, Zentralfriedhof Wien, Tor 4
  • Ehrengräbergruppe: Gerhard Bronner, Friedrich Efraim Torberg, Arthur Schnitzler, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Grab von Oskar Schiller aus Eisenstadt, 2005, Zentralfriedhof Wien, Tor 4
  • Eines der wenigen Gräber mit ausschließlich hebräischer Grabinschrift bei Tor 4: Antonia Händler, 2002, Zentralfriedhof Wien
  • Grab von Dr. Bernhard Wachstein, 1935, Bibliothekar der Isr. Kultusgemeinde Wien, Zentralfriedhof Wien, Tor 4
  • Grab von R. Aharon Jedhua Halevi, 30 Jahre Rabbiner der Synagoge Favoriten, November 1929, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Mausoleum Marcus Engel, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Traurig: Fast alle Kupferrosetten gestohlen: Grab von Ludwig v. Pollak, 2005, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Grab von Jonas Kraemer, 1905, mit Freimaurersymbol, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Grab von Josef ben MORENU Jehuda Arje Pressburger, 1901, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Sefardische Abteilung: Helene Russo, 1899, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Sefardische Abteilung: Abraham Leon Cohen, 1894, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Sefardische Abteilung: Brüder Schlomo David Asriel und Schmuel David Asriel, Helene Asriel, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Sefardische Abteilung: Grab von Isak Semo, 1907, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Sefardische Abteilung: Grab von Camilla de Majo, 1924, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Sefardische Abteilung: Grab von Julie Baruch aus der türkischen Gemeinde Wien, 1899, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Beachtenswertes Gedicht am Grabstein von Sidonie Grünwald-Zerkowitz, 1907, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • 1945 durch Fliegerbomben zerstörtes Mausoleum von Moriz Benedikt, 1849-1920, Herausgeber und Chefredakteur der Neuen Freien Presse, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Gedenktafel für tausende nicht zuordenbare Grabsteinfragmente an der Mauer, Zentralfriedhof Wien, Tor 1
  • Tausende nicht zuordenbare Grabsteinfragmente an der Mauer, Zentralfriedhof Wien, Tor 1


Ich kann mich nur wiederholen: Ich bewundere jede/n einzelne/n KursteilnehmerIn für seine/ihre große Leidenschaft für die hebräische Sprache. Und ich freue mich wirklich ganz besonders, dass der Termin für nächstes Jahr gleich vereinbart wurde! :-)

Veranstaltungen

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Schawu’ot 5775

Der kommende Schabbat ist Erev Schawu’ot, der Vorabend des Schawu’otfestes. Es ist, wie schon an anderer Stelle angemerkt, in erster Linie das „Fest der Toragebung“, der Tag, an dem Gott dem Volk Israel die Tora gegeben hat, der Tag, an dem Israel die 10 Gebote erhielt.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Schawu’ot!

חג שבועות שמח!

Und zum Stichwort Tora ein originelles Fundstück aus dem Wien der Zwischenkriegszeit:

Scan Buchseite Grammatik Moses Rath

Genesis 1,1-5 in Hebräisch sowie sefardischer, deutsch-aschkenasischer und polnisch-aschkenasischer Aussprache (Auszug aus dem Hebräischlehrbuch von Moses Rath).

Und selbstverständlich reichen wir gerne noch die deutsche Übersetzung nach:

Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis war über der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht. Und Gott sah das Licht, dass es gut war; und Gott schied das Licht von der Finsternis. Und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein Tag.

Der Verfasser des hebräisch-deutschen Lehrbuchs „Sfat Amenu“ (Die Sprache unseres Volkes, Wien 1920) war Moses Rath, der während des 1. Weltkriegs aus Kolomea in der Westukraine nach Wien gekommen war. Er erteilte Hebräischunterricht und war der letzte Direktor der Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde vor der Shoa.

Vielen Dank an Chaya-Bathya (Claudia) Markovits für Idee und Scan!

Bild der Woche, Leben und Glaube

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Hebräischkurs 2013

Seit Montag findet in unserem Museum wieder der schon traditionelle Hebräischkurs für Fortgeschrittene statt. Wir haben schon 2009 und 2012 darüber berichtet und es kann nicht deutlich und stolz genug verkündet werden: Heuer schon zum achten Mal kamen die Damen aus ganz Österreich zum Hebräischstudium nach Eisenstadt!

2012 als Premiere gestartet, machten wir auch heute wieder einen Ausflug in drei ehemalige jüdische Gemeinden auf dem Gebiet der Sieben-Gemeinden des Burgenlandes, nach Frauenkirchen, Kittsee und Gattendorf – und erprobten die Hebräischkenntnisse sozusagen in der Praxis.
Heuer aber leider nicht bei Traumwetter, sondern bei regelrechtem Aprilwetter, wenn auch mit mehr Regen als mit Sonnenschein. Und meine Kamera hab ich auch vergessen, das Handy musste als Ersatz dienen, bitte um Entschuldigung. Trotzdem hier unser kurzer – aber zeitnaher – Bericht:

Deckenfresko in der Basilika Frauenkirchen

In Frauenkirchen, unserer ersten Station unserer kleinen Reise, empfing uns Herr Franz Wegleitner, der maßgeblich für die Ausstellung „Die Judengemeinde von Frauenkirchen – 1678 – 1938“ verantwortlich zeichnete und sie mitinitiierte. Da die Ausstellung in den Nebenräumen der berühmten barocken Basilika von Frauenkirchen gezeigt wird, genossen wir zuerst seine faszinierende Führung durch den höchst beeindruckenden Kirchenraum.

Und wir fanden sogar hier Spuren der Geschichte der Juden im Burgenland. Eines der prachtvollen Deckenfreskos zeigt nämlich ein „L“, das für Kaiser Leopold I. steht. Jener Kaiser, der den Esterházys besonders verbunden war, aber eben auch jener Kaiser, der 1670/71 die Juden aus Wien vertrieben hat. Viele der damals vertriebenen Juden fanden in der Region des heutigen Burgenlandes, auf esterházysichem Gebiet, eine Zuflucht und waren Gründer der berühmten Sieben-Gemeinden.

Ausstellung in der Basilika von Frauenkirchen

Die Ausstellung „Die Judengemeinde von Frauenkirchen – 1678 – 1938“, zu der unser Museum auch die Hälfte der Texte sowie viele Leihgaben beisteuern durfte, wurde bisher ausgesprochen gut besucht, schon jetzt werden mehr BesucherInnen gezählt als in allen anderen vergangenen Ausstellungen, die in der Basilika Frauenkirchen stattfanden!

Das in Originalgröße nachgebaute und begehbare Brunnenhaus zählt sicher zu den Höhepunkten der Ausstellung. Wir freuen uns jedenfalls sehr, dass die Ausstellung nicht nur so gut besucht ist, sondern auch sehr gut angenommen wird.

Auszug aus den Statuten der jüdischen Gemeinde Frauenkirchen, 1908

Auszug aus den Statuten der jüdischen Gemeinde aus dem Jahr 1908. Beachte die Erklärung „Osterbrote“ für Mazzot ;-)

Zugang zum jüdischen Friedhof Frauenkirchen

Nach der Ausstellung machten wir uns auf den (kurzen) Weg zum jüdischen Friedhof. Schockierend der komplett vernachlässigte Zugang zum Friedhof, eine Schande auch für Frauenkirchen.

Am jüdischen Friedhof Frauenkirchen

Herr Wegleitner erzählt viele interessante Geschichten zur jüdischen Gemeinde und zum jüdischen Friedhof. Kaum eine jüdische Familie, über die er nicht zu berichten weiß. Auch hier vielen Dank, lieber Herr Wegleitner, dass Sie sich so viel Zeit genommen haben für uns!

Grab von Ladislaus Rosenfeld am jüdischen Friedhof Frauenkirchen

Das Grab von Ladislaus Rosenfeld, dem Bruder des einzigen Juden, der nach Frauenkirchen zurückgekehrt war, Paul Rosenfeld. Ladislaus Rosenfeld war Leutnant und lieferte sich 1937 mit einem Freund eine Wettfahrt mit dem Motorrad, die er nicht überlebte. An seinem Begräbnis, so erzählte sein Bruder immer, nahmen mehr Leute teil als an jedem anderen Begräbnis in Frauenkirchen, die Menschenmenge war schier unüberschaubar lang.

Alle anderen Verwandten wurden in Auschwitz ermordet. Paul Rosenfeld konnte das nie vergessen, vor allem nicht, dass seine beiden Neffen und Nichten darunter waren, Kinder im Alter von 8 und 6 Jahren.

Jüdischer Friedhof Kittsee

Von Frauenkirchen führte uns der Weg nach Kittsee, wo der jüdische Friedhof im Schatten des Schlosses liegt. Die Grabsteine sind sehr alt und die Inschriften teilweise noch schwerer zu lesen als auf den meisten anderen jüdischen Friedhöfen.

Grabstein am jüdischen Friedhof Kittsee

Grabstein von Josef Walter.
Interessant: „Josef, genannt (vulgo) Joseph“ würde man heute schreiben. Aber damals? Wie wurde „Josef“ wirklich genannt?

Grabstein am jüdischen Friedhof Kittsee

Dieser abgebrochene Grabstein datiert aus dem Jahr 1692. Wir können deutlich lesen, dass der Verstorbene „Jakob“ heißt und am 5. Elul 452 (17. August 1692) verstorben. Woher aber stammt dieser Jakob, dessen Nachnamen wir leider auch nicht wissen? Der zweite Teil der 1. Zeile der Inschrift scheint erstaunlicherweise deutlich schlechter und schlampiger geschrieben als der Rest der Inschrift. Seltsam?

Tafel am Eingang zum jüdischen Friedhof Gattendorf

Zum Abschluss fuhren wir dann noch zum jüdischen Friedhof ins nahe gelegene Gattendorf. Eine große Tafel, von einer Schulklasse gestaltet, findet sich auf dem Eingangstor. Beeindruckend!

Jüdischer Friedhof Gattendorf

Der jüdische Friedhof in Gattendorf ist sehr gepflegt, die Inschriften aber zum Großteil – ähnlich wie in Kittsee – nur sehr schwer lesbar.

Mit vorwiegend vielen positiven Eindrücken kehrten wir – sehr müde – nach Eisenstadt zurück. Morgen wird dann weiter im Museum gelernt …

Burgenland, Leben und Glaube, Veranstaltungen

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