Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: hebräisch

Rosch haSchana 5773

Am kommenden Sonntag, 16. September, ist Erev Rosch haSchana. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein glückliches und gesundes neues Jahr 5773.

Am kommenden Sonntag, 16. September, ist Erev Rosch haSchana. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein glückliches und gesundes neues Jahr 5773.

שנה טובה וחתימה טובה

Ein besonders schönes „Objekt“ im Rosch haSchana-Raum unserer ständigen Ausstellung sind die 4 Tallitecken aus Seide / Brokat, Österreich 1858:

Tallitecke, Österreich 1858

„Tallitecken“ (im Bild ist eine davon zu sehen) bedeutet, dass der Gebetsmantel in diesem Fall an seinen vier Ecken eine besonders schöne Zierde durch eben diese Tallitecken erhalten hat.

Interessant ist aber vor allem die auf den ersten Blick simpel wirkende und auf allen 4 Tallitecken gleiche Inschrift:

außen (im Bild oben):

חתני ידי“ן

Mein(em) Bräutigam, dem Liebling meiner Seele
(hebräische Abkürzung aufgelöst in: ידיד נפשי; denkbar wäre u.U. auch ידיד נכבד „dem ehrenwerten Freund“, aber natürlich nur im Fall, dass die Schwiegermutter die Tallitecken gewidmet hätte; in diesem Fall müsste die Übersetzung natürlich nicht „Mein(em) Bräutigam“, sondern „Mein(em) Schwiegersohn“ lauten!)

außen (im Bild links):

מרדכי

Mordechai

außen (im Bild unten):

אלעזר

Elasar

außen (im Bild rechts):

הכהן הי“ו

der Kohen, der Herr möge ihn am Leben erhalten und beschützen
(hebräische Abkürzung aufgelöst in: השם יחיהו וישמרהו)

innen (im Bild oben):

שנת

im Jahr

innen (im Bild Mitte, links und rechts von der Blumenverzierung):

5618

(ergibt umgerechnet das bürgerliche Jahr 1858)

innen (im Bild unten):

לפ“ג

nach der großen Zeitrechnung
(hebräische Abkürzung aufgelöst in: לפרט גדול). Die Angabe der Jahreszahl mit der Tausenderzahl (also 5000, umgerechnet das Jahr 1240) findet sich eher selten. Meist werden Jahreszahlen, zumindest nach dem (umgerechneten) Jahr 1240, ohne 5000er geschrieben, also „nach der kleinen Zeitrechnung“ mit der hebräischen Abkürzüng לפ“ק (siehe z.B. auch unter „Todesdatum“).

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Hebräischkurs 2012

Seit Mittwoch findet in unserem Haus wieder der schon traditionelle Hebräischkurs für Fortgeschrittene statt. Wir haben schon 2009 darüber berichtet, und auch heuer kamen – bereits zum siebenten Mal! –…

Seit Mittwoch findet in unserem Haus wieder der schon traditionelle Hebräischkurs für Fortgeschrittene statt. Wir haben schon 2009 darüber berichtet, und auch heuer kamen – bereits zum siebenten Mal! – Damen aus Österreich und Deutschland zum Hebräischstudium nach Eisenstadt!

Es darf wiederholt werden: Ich finde es ganz großartig und bewundernswert, dass die Teilnehmerinnen jährlich Zeit finden und sich die Zeit nehmen, um ihr Hebräisch aufzufrischen bzw. sich immer auf viel – für sie – Neues in der Sprache einlassen.
Für mich wiederum besteht die Herausforderung darin, möglichst viel Abwechslung zu bieten. Denn es soll in erster Linie Freude machen, es gibt keinen Leistungsdruck und doch staune ich jedes Jahr über das wirklich beachtliche Können der Teilnehmerinnen.

Heuer gab es aber eine Premiere: Wir machten heute – bei Traumwetter – einen Ausflug in drei der ehemaligen Sieben-Gemeinden des Burgenlandes: nach Kobersdorf, Lackenbach und Deutschkreutz, aber sehen Sie selbst:

  • Kobersdorf mit seinem wunderschönen jüdischen Waldfriedhof (1.200 Grabsteine)
  • Grabstein des Kohen Mordechai Hersch Brunner in Kobersdorf
  • Die Damen bei der Arbeit
  • Datum lesen und umrechnen
  • Grabstein mit Hammer als Symbol
  • In Lackenbach am größten jüdischen Friedhof des Burgenlandes mit über 1.700 Grabsteinen
  • Gedenktafel in Lackenbach
  • Die kurze Gasse, in der sich die kaum auffindbare Gedenktafel an die größte Synagoge des Burgenlandes befindet!
  • Herbstzeitlose am jüdischen Friedhof Kobersdorf


Übrigens: Es sind noch einige Plätze für den Anfängerkurs frei, der am 12. September beginnt!

3 Kommentare zu Hebräischkurs 2012

Hebräisch – Buch und Kurs

Über das Buch Hebräischkurs Herbst 2012 Gewinnspiel Zum und über das Buch Zu den aufregendsten, spannendsten, aber auch schönsten Momenten gehört es, wenn ein druckfrisches Buch ins Haus geliefert wird!…

Zum und über das Buch

Zu den aufregendsten, spannendsten, aber auch schönsten Momenten gehört es, wenn ein druckfrisches Buch ins Haus geliefert wird! Heute Nachmittag war es wieder soweit: Fast auf den Tag genau, 10 Jahre nach der Erstauflage, gibt es ab sofort die 2. überarbeitete Auflage des Buches „Hebräisch. Eine kurzweilige Reise durch das Alef-Bet.“

Die erste Auflage des Buches (2002) entstand auf Basis der Erfahrungen mit den Schwierigkeiten, die AnfängerInnen im universitären und insbesondere im außeruniversitären Bereich beim Erlernen der hebräischen Sprache haben.

Buchcover 'Hebräisch. Eine kurzweilige Reise durch das Alef-Bet'

Die nun vorliegende 2. Auflage berücksichtigt besonders die Anregungen und Ideen der SchülerInnen, mit denen ich in den vergangenen 10 Jahren auf Basis der Erstauflage – sowohl in Eisenstadt als auch bei den jährlichen Kursen in Salzburg – arbeiten durfte. Ich danke jeder/jedem einzelnen dafür!

Es waren aber nicht nur die unmittelbaren Erfahrungen im Unterricht, die mich bewogen, dieses Buch zu verfassen, sondern es gab auch ganz handfeste pragmatische – regionale – Gründe, womit auch gleich die (vielleicht naheliegende) Frage beantwortet wird, warum ein jüdisches Museum in Eisenstadt überhaupt ein Hebräischbuch für Anfänger herausbringt:


  • Die Esterházyschen jüdischen Gemeinden, Eisenstadt allen voran, waren bedeutende Stätten jüdischer Gelehrsamkeit, mit Schultraditionen, die den gesamten Unterricht, vom Hebräischlesen bis zum Studium der schwierigsten Probleme umfassten.
  • Die uns heute erhaltenen Urkunden sind zum allergrößten Teil im üblichen hebräischen Kanzleistil geschrieben, einige wenige Urkunden in späterer Zeit in Jüdisch-Deutsch oder Deutsch, selbstverständlich mit hebräischen Buchstaben, und mit starken hebräischen Beimischungen.
  • Schließlich gibt es auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes 14 bzw. 15 jüdische Friedhöfe (in Eisenstadt gleich zwei), deren Grabinschriften fast ausnahmslos alle in Hebräisch verfasst sind. Manchmal finden wir auch (z.B. auf Rückseiten von Grabsteinen) deutsche Inschriften, die mit hebräischen Buchstaben geschrieben wurden.

Aber selbstverständlich wurde das Buch nicht „nur“ für Regionalhistoriker, Bibliothekare und Archivare entwickelt, sondern soll eine möglichst gute Einstiegshilfe für alle an der hebräischen Sprache Interessierten sein:

  • Wollen Sie schon seit Jahren die hebräische Sprache erlernen, kommen aber nicht so richtig voran, vor allem, weil Sie Schwierigkeiten haben, alle Buchstaben eindeutig zu erkennen?
  • Wollen Sie zunächst die hebräischen Buchstaben gründlich lesen und schreiben lernen, um sich später – gut gerüstet – entscheiden zu können, ob Sie Ihre Kenntnisse im biblischen, im modernen Hebräisch oder im Jiddischen vertiefen möchten?
  • Wollen Sie den einen oder anderen Vers der hebräischen Bibel bzw. des Alten Testaments im Original lesen?
  • Wollen Sie bei Ihrer nächsten Israelreise ein paar Sätze Hebräisch sprechen und Aufschriften auf Geschäften etc. lesen?
  • Arbeiten Sie in einer Bibliothek oder kommen aus anderen Gründen auch mit hebräischen Büchern in Berührung, können aber weder Autor und Titel noch das Erscheinungsjahr eruieren?
  • Betreiben Sie genealogische bzw. historische Forschungen und stoßen dabei immer wieder auf hebräische Urkunden und Dokumente, von denen Sie zunächst einfach nur wissen wollen, ob sie für Sie von Interesse sind, mit denen Sie aber derzeit leider gar nichts anfangen können?
  • Wollen Sie schon lange die hebräische Inschrift an der Synagoge oder die Namen und Todesdaten auf dem jüdischen Friedhof Ihres Heimatortes entziffern?
  • Wollen Sie die wunderbaren Texte des Literaturnobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer im jiddischen Original lesen?

Wenn Sie auch nur eine Frage mit “JA” beantworten, wird Ihnen das Buch die notwendige Lese- und Schreibsicherheit sowie ein hohes Maß an Flexibilität im Umgang mit der hebräischen Schrift und Sprache vermitteln. Das Buch, eine Art Einmaleins des Hebräischen, richtet sich in erster Linie an Anfänger. Der Zeitaufwand, um den gesamten Lernstoff stressfrei durchzuarbeiten, beträgt ca. 70 Stunden.

Mehr Informationen über das Buch sowie Bestellmöglichkeiten finden Sie auf der Website zum Buch.

Hebräischkurs im Herbst 2012

Hebräischkurse haben in unserem Haus eine sehr lange Tradition.
Schon im Herbst 1993 fand in unserem Museum der erste Hebräischkurs für AnfängerInnen statt, gleich auf Anhieb nahmen damals über 50 Interessierte aus Eisenstadt und Umgebung teil.

Im Herbst 2012 wollen wir im Museum wieder einen Hebräischkurs für AnfängerInnen anbieten. Im Kurs wird es „rund um die hebräische Sprache und Schrift“ gehen, Hebräisch wird dabei also im weitesten Sinn des Wortes verstanden. So werden alle TeilnehmerInnen die Buchstaben gründlich lernen und sehr bald imstande sein, etwa jiddische Texte, die immer in hebräischer Schrift geschrieben wurden, oder einfachere hebräische Grabinschriften etc. zu lesen und zu verstehen. Willkommen sind alle, die Interesse haben, ob durch die Beschäftigung mit dem Alten Testament bzw. der hebräischen Bibel, mit jüdischer oder jiddischer Literatur oder auch als Vor- oder Nachbereitung eines Israelbesuchs …
Natürlich sind keinerlei Voraussetzungen – außer Interesse und ein wenig Geduld – notwendig!


Dauer: ab 12. September 2012 (Erste Kurseinheit) bis 05. Dezember 2012 (Letzte Kurseinheit), 12 Wochen, jeweils Mittwoch-Abend (Ausnahme: Mittwoch, 31. Oktober entfällt!)
Zeit: 18.30 Uhr – 20.00 Uhr
Ort: Österreichisches Jüdisches Museum in Eisenstadt
Kosten: 150 Euro (das Hebräischbuch als primäre Lernunterlage ist im Preis inkludiert!)

Der Kurs findet ab 5 Teilnehmerinnen/Teilnehmern statt.

Die Kursgebühren werden ausschließlich dazu verwendet, die Druckkosten der zweiten Auflage des Hebräischbuches (Kursunterlage) zu decken.

Um bestmögliche Lern- und Lehrbedingungen schaffen zu können, ist die Teilnehmeranzahl mit 20 Teilnehmerinnen/Teilnehmern beschränkt. Wir ersuchen Sie um ehestmögliche Anmeldung:
Telefon: 02682 651 45 oder E-Mail-Adresse: info@ojm.at.
Wir stehen Ihnen selbstverständlich jederzeit gerne für Informationen zur Verfügung.

Gewinnspiel

Update 17 Uhr: Gewinnspiel ist beendet, die 3 GewinnerInnen stehen schon fest!

Und schließlich gibt es noch 3 Bücher zu gewinnen, wenn das folgende Rätsel richtig gelöst wird:

Jeder hebräische Buchstabe hat einen Zahlenwert. Zahlen werden sehr gerne und oft nicht mit Ziffern, sondern mit hebräischen Buchstaben geschrieben.

Welchen runden Geburtstag feiert unser Museum heuer (2012)? Schreiben Sie uns bitte den Namen jenes hebräischen Buchstabens, der für die Geburtstagszahl steht!

Um die Antwort zu finden, können Sie googlen oder einfach auf unserer Website nachsehen ;-)!

Die ersten 3 TeilnehmerInnen, die uns eine E-Mail mit der richtigen Antwort senden, erhalten das neue Hebräischbuch gratis zugeschickt!

Teilnahmeberechtigt sind nur AnfängerInnen, die noch keine hebräischen Buchstaben kennen!
E-Mail-Adresse: info@ojm.at


1 Kommentar zu Hebräisch – Buch und Kurs

Mittelalterliche jüdische Gemeinde in Mattersdorf?

Eine Hypothese … Vielen Dank an Meir Deutsch, der uns dieses sonst weitgehend unbekannte Bild der Tafel schickte, die an der Synagoge in Mattersdorf angebracht war. Wir kannten das Bild…

Eine Hypothese …

Ehemalige Gedenktafel an der Synagoge Mattersdorf


Vielen Dank an Meir Deutsch, der uns dieses sonst weitgehend unbekannte Bild der Tafel schickte, die an der Synagoge in Mattersdorf angebracht war. Wir kannten das Bild dieser Tafel selbst nicht und auch in der uns bekannten Literatur fanden wir zwar Hinweise auf die Tafel, aber kein Bild von ihr.

According to the plaque that was plastered at the front of the Synagogue it was first built in 5114 which is 1353-1354, but this date seems too early. I have seen a picture of the plaque, and it seems to me that it can be read as 5310 קיר and not קיד, which correspond to 1550 [we see that the three Hebrew letters have a dot over them, which usually means that you have to add the value of these letters and not to read them consecutively as a date, as the other year on the plaque 5635]. This date fits with the expulsion of the Jews from Odenburg in 1527, which settled in Mattersburg.

Meir Deutsch, Yalde Shabat, Jerusalem 2008, S. 42.

Meir Deutsch weiter:

It is said that the „Founders“ of the Jewish community in Mattersdorf were the six Families of the tribe of Levi, that were expelled from Spain and Settled in Mattersdorf. The Jews were expelled from Spain in 1492 = 5252. If we take the reading of the date on the Plaque as 5310 = 1550, than we get that the first Synagogue was built just 58 years after the expulsion of the Jews from Spain and only 23 years after Odenburg expelled its Jews who settled in Mattersdorf.

Schön der Reihe nach, zuerst die Übersetzung:

  1. Erstgebaut im 6. Jahrtausend im Jahre „KID“ (oder) „KIR“ (der 3. und letzte Buchstabe des letzten Wortes der 1. Zeile ist umstritten)
  2. und von neuem errichtet im Jahr 635 (= 1875).
  3. So höre du sie im Himmel, (s. 1 Könige 8,32 u.a.)
  4. wenn sie kommen um zu beten n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). (Der Zahlenwert des Nebensatzes ergibt noch einmal 635, also das Jahr 1875!)

1. Zeile:
Das 6. Jahrtausend beginnt (umgerechnet) im Jahr 1240/41, siehe Lexikoneintrag zur Zeitrechnung.
Je nachdem, ob wir קיר oder קיד lesen, erhalten wir – wie auch Meir Deutsch schreibt -, entweder 114 oder 310, umgerechnet also das Jahr 1353/54 oder 1550/51.

Meir Deutsch plädiert für die Lesung קיר, also „KIR“ (1550), und argumentiert damit, dass wir im Mittelalter keine jüdische Gemeinde in Mattersdorf belegt haben, 1550 aber insbesondere deshalb möglich wäre, weil eine jüdische Besiedlung Mattersdorfs nach der Vertreibung der Juden aus Ödenburg (Sopron) belegt ist.

Auch Hodik schreibt:

Möglicher Ausgangspunkt für die Historie bleibt in jedem Fall die an der Gassenfront der Synagoge entdeckte Tafel, die als Erbauungsdatum das Jahr 5114 (1353/54) ausgewiesen haben soll (Anm.: Hodik kennt die Tafel offenbar nicht). Dürfen wir aber diese Angabe ohne weiteres übernehmen und genügt sie denn, um mit Sicherheit auf die Existenz einer jüdischen Siedlung zu jener Zeit schließen zu können?

Historisch gesichertes Terrain betreten wir erst am Ende des 15. bzw. zu Beginn des 16. Jahrhunderts. …

Fritz P. Hodik, Beiträge zur Geschichte der Mattersdorfer Judengemeinde im 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, S. 7f.

Dieselbe Auffassung vertritt Harald Prickler:

Der Hauptort der Grafschaft Forchtenstein war Mattersdorf (das heutige Mattersburg): Hierher übersiedelte Juden sind seit 1527 mehrfach nachweisbar, das Urbar der Grafschaft Forchtenstein von 1526 weist in Mattersburg noch keinen Juden aus, hingegen anstelle der späteren Judenhäuser viel öde Hofstätten (Söllnerhäuser). 1438 wird zwar der in Mattersburg wohnhafte Juden Kysaan mit seiner Frau Mendel urkundlich genannt, er trat als Gläubiger der Grafen von Forchtenstein und ihres Burghauptmanns Hans Linzer auf, doch kann aus dieser vereinzelten Nennung keineswegs auf den Bestand einer jüdischen Gemeinde im Mittelalter an dieser Stelle geschlossen werden (Hervorhebung von mir). Die neue Judensiedlung entstand seit 1526 auf dem zum herrschaftlichen Meierhof gehörigen herrschaftlichen Gelände (Kurialgrund), auf dem sich die 1291 geschleifte Burg Mattersdorf befunden hatte, im Anschluss an die Marktsiedlung flussabwärts.

Harald Prickler, Beiträge zur Geschichte der burgenländischen Judensiedlungen, in: Juden im Grenzraum, Eisenstadt 1993, S. 72f.

Bleibt schließlich noch Max Grunwald zu zitieren, der zumindest nicht abgeneigt zu sein scheint, die Frühdatierung 1354/55 zumindest in Erwägung zu ziehen:

Der Mattersdorfer Rabbinatsassessor Reb Joel Fellner und Reb J. Hirsch ließen sich in die Kuppelhöhe des Tempels hinaufseilen, um die in der Kuppel befindliche Jahreszahl zu enträtseln. Es stand dort: „ad ki jawo Schiloh lefak“, das wäre 462 = 1702 der bürgerlichen Zeitrechnung. An der Gedenktafel der Gassenfront des Tempels liest man als Erbauungsdatum 5114 (1354). Sollte diese Zahl das Erbauungsdatum richtig wiedergeben, dann muss angenommen werden, dass im angeführen Vers die ersten 5 Buchstaben besonders gekennzeichnet waren, welche als Prat katan kaf jud dalet ergeben.

Max Grunwald, Mattersdorf, in: Jahrbuch für Jüdische Volkskunde 1924/25, hrsg. v. Max Grunwald, Berlin 1926, S. 415f.

Grunwalds Formulierung ist ein wenig missverständlich, er meint, dass die Inschrift in der Kuppel nicht nur die Jahreszahl 462 (1702) angibt, sondern auch zusätzlich (?) das Gründungsjahr der Synagoge angeben will: עד כי יבא שילה ist ein Zitat aus Genesis 49,10 (Der Segen Jakobs) „bis der kommt, dem er gehört (der Herrscherstab)„.
Grunwalds Versuch, das Gründungsdatum der Gedenktafel auch im Zitat der Kuppel wiederzufinden, darf fast als rührend bezeichnet werden. Auch wenn die Zahlenwerte der ersten 5 Buchstaben des Verses tatsächlich 114 (also 1354) ergeben, es bleibt Theorie. Auch Hodik (siehe oben) unterstützt die Theorie Grunwalds nicht, sondern hält es für sehr wahrscheinlich, dass sich die Jahreszahl in der Kuppel (1702) auf den Abschluss von Instandsetzungsarbeiten an der Synagoge bezieht (allerdings hat Hodik, wie schon angeführt, die Gedenktafel nicht gesehen!).
Off topic: Warum mussten sich die beiden Kuppelinschriftsinspizienten eigentlich hinaufseilen lassen, war die Inschrift so klein geschrieben? Und haben sie die Details nicht überliefert oder gab es keine?

Zwischenstand und drei hebräische Buchstaben unter der Lupe

Wir halten also fest: Es gibt keine weiteren historischen Hinweise oder gar Belege für eine mittelalterliche jüdische Gemeinde in Mattersdorf, lesen wir auf der Gedenktafel als Gründungsdatum der Synagoge wirklich קיד für 114 (1354/55) (und lassen die Kuppelinschrift und die Theorie Grunwalds einmal außen vor), wäre dies der einzige Beleg für eine Frühdatierung einer jüdischen Gemeinde in Mattersdorf!

Und doch tendiere ich dazu קיד, also 114 (1354/55) zu lesen:

  • Meir Deutsch argumentiert, dass die Punkte über dem letzten Wort der 1. Zeile (mit dem die Jahreszahl angegeben wird) besondere Berücksichtigung verdienen, da bei der anderen Jahreszahl (in der 2. Zeile) keine Punkte über den hebräischen Buchstaben zu finden sind (sprich: Lies die erste Jahreszahl (auch) als Wort, die zweite als bloße Jahreszahl). Allerdings finden wir auch keine Punkte über den Buchstaben in der letzten Zeile, in der aber der gesamte Satz – werden die einzelnen Buchstaben als Zahlenwerte gelesen – ebenfalls die Jahreszahl 635 (=1875) ergibt! Das am Schluss der Inschrift stehende „LP’K“ (nach der kleinen Zeitrechnung) לפ“ק bezieht sich somit auf alle 3 in der Inschrift vorhandenen Jahreszahlen!
  • Das hebräische Wort „KIR“ קיר bedeutet „Mauer/Wand“ (seltener und nur in bestimmtem Kontext auch „Stadt“). Dies ergibt aber im Zusammenhang mit dem Gründungsdatum der Synagoge wenig Sinn.
  • Was auch gegen die Lesung „KIR“ קיר spricht: Sollte wirklich die Jahreszahl 310 (1550/51) angezeigt werden, warum dann nicht gleich mit dem im Kontext sinnvolleren Wort „KRI“ קרי „Lesung“? Außerdem hätte man damit nicht nur ein sinnvolleres Wort, sondern auch die Zahlenwerte der Buchstaben in ihrer gewohnten Reihenfolge (Hunderter-, Zehnerzahl) gehabt!
  • Die Lesung „KID“ קיד, also der Zahlenwert 114 und somit das Jahr 1354/55 ermöglicht uns nicht, ein sinnvolles Wort zu lesen, die Zahlenwerte der Buchstaben wären aber in ihrer gewohnten Reihenfolge, die 3 Buchstaben einfach als Jahreszahl zu lesen. Den Punkten über den Buchstaben messe ich auch keine besondere Bedeutung bei (siehe oben erstes Argument).
  • Die Formulierung „im 6. Jahrtausend“ באלף הששי finden wir häufig im Mittelalter (Beispiel: 1252), kurz oder relativ kurz nach der Jahrtausendwende (1240). Die jüngsten Belege mit dieser Formulierung auf deutschen Grabsteinen etwa datieren aus dem Jahr 1438. Für das 15. und 16. Jahrhundert ist die Quellenlage dünn, tendenziell würde ich die Formulierung in der Mitte des 16. Jahrhunderts aber eher nicht erwarten, eine bewusste archaische Formulierung ist jedoch auch nicht auszuschließen.


Es bleiben viele Fragen:

  • Die Tafel wurde 1875 (oder später) an der Gassenfront der Synagoge angebracht. Die Verfasser des Textes auf der Tafel mussten sich auf Traditionen, vielleicht auch auf schriftliche Quellen bezüglich des Gründungsdatums berufen können, haben den Text vielleicht sogar ganz oder teilweise von einer alten Tafel/Vorlage etc. wörtlich übernommen (siehe Formulierung „6. Jahrtausend“).
  • Könnten dabei Fehler passiert sein? Oder handelt es sich beim Datum 1354/55 etwa um Traditionen, die vielleicht mehr auf Legendenbildung als auf historischen Tatsachen beruhen?
  • Stimmt am Ende Grunwalds Theorie doch, dass wir auch in der Kuppelinschrift der Synagoge das Gründungsdatum 114 (1354/55) finden und hätten wir damit einen zweiten Hinweis auf eine Frühdatierung des Enststehens der jüdischen Gemeinde Mattersdorf? Sehe ich mir manche Grabinschrift auf dem jüdischen Friedhof Mattesdorf an, möchte ich nicht einmal wirklich ausschließen, dass in der Kuppelinschrift sogar beide Daten, 1702 und 1354 zu finden gewesen sein könnten.

Conclusio

Ich lese die Gründungsjahreszahl auf der Gedenktafel der Synagoge als 314 (1354/55), bin mir aber bewusst, dass ein einziger – noch dazu unsicherer – Beleg nicht reicht, um den Beginn einer jüdischen Besiedlung in Mattersdorf sicher ins Mittelalter zu datieren.

Und doch – ich würde mich wahrlich nicht wundern, sollten doch einmal (weitere) Dokumente auftauchen, die beweisen, dass auf dem heute burgenländischen Teil Westungarns damals nicht nur Eisenstadt eine voll ausgebildete jüdische Gemeinde besaß!

Siehe dazu besonders auch unseren Beitrag Amos Oz – ein Mattersburger? und insbesondere auch den Kommentar von Christopher! Denn der Ur-Ur-usw.-Großvater von Amos Oz ist der 1408 verstorbene Rabbiner Abraham Klausner … aus Mattersdorf!

Danke

Danke an Meir Deutsch, Israel, für das Bild der Gedenktafel und für die Anregung, mich näher mit ihr auseinanderzusetzen!

Danke an Frau Nathanja Hüttenmeister vom Salomon Ludwig Steinheim Institut Duisburg für wertvolle Anregungen zur Inschrift :)!


Da wir jetzt „nur“ die Gedenktafel an der Gassenfront der Synagoge in Mattersdorf kennengelernt haben … am Wochenende gibt’s dann in unserem „Bild der Woche“ mehr zur Synagoge!


Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir das wunderbare Buch von Michael Brocke „Verborgene Pracht – Der jüdische Friedhof Hamburg-Altona – Aschkenasische Grabmale sowie auch ganz besonders die großartige epigraphische Datenbank „epidat“ des Salomon Ludwig Steinheim Instituts für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen.


39 Kommentare zu Mittelalterliche jüdische Gemeinde in Mattersdorf?

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