Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: hebräisch

Bild der Woche – Sehtafel

Sehtafel mit hebräischen Buchstaben, entdeckt im Schaufenster eines Optikers in Wien I Testen Sie Ihre Sehschärfe – und allfällige Hebräisch-(Grund-)Kenntnisse … « Bild der Woche „Storchenschul“    Bild der Woche…

Sehtafel mit hebräischen Buchstaben, entdeckt im Schaufenster eines Optikers in Wien I


Testen Sie Ihre Sehschärfe – und allfällige Hebräisch-(Grund-)Kenntnisse …



Schicken Sie uns Ihr Bild der Woche


7 Kommentare zu Bild der Woche – Sehtafel

Am jüdischen Friedhof III

Wie Sie auch ohne großartige Hebräischkenntnisse Namen und Todesdaten in hebräischen Inschriften finden und übersetzen können Gleich nach unten zu unserem Rätsel Vorweg: Selbstverständlich liegt es mir fern zu suggerieren,…

Wie Sie auch ohne großartige Hebräischkenntnisse Namen und Todesdaten in hebräischen Inschriften finden und übersetzen können

Vorweg: Selbstverständlich liegt es mir fern zu suggerieren, dass mit keinen oder minimalen Hebräischkenntnissen hebräische Grabinschriften auch nur einigermaßen korrekt erfasst werden können. Da aber der Aufbau von hebräischen Grabinschriften stets mehr oder weniger derselbe ist, können Sie auch mit nur bescheidenen Kenntnissen des Hebräischen (immer wiederkehrende) Strukturen erkennen und mehr aus einer Inschrift herauslesen, als Sie vielleicht vermuten. Insbesondere Name und Sterbedatum sollten meist kein Problem sein.

Salopp formuliert:
Es geht in diesem Beitrag einzig und allein darum, dass Sie eine hebräische Grabinschrift strukturell erkennen und einige Details lesen können. Drucken Sie diesen Beitrag aus, gehen Sie auf den nächstliegenden jüdischen Friedhof mit hebräischen Inschriften und versuchen Sie, einzelne Elemente des untenstehenden Schemas (wie Name, Datum usw.) zu erkennen bzw. zu lesen.

Die hebräischen Buchstaben finden Sie ebenfalls auf unserer Website.

Schematischer Aufbau einer Grabinschrift

Achtung: Hebräisch wird immer von rechts nach links gelesen!

Symbol
(Träneneiche; Krug mit Becken (Leviten); Hände (Kohanim, Priester) etc.)

Hier liegt geborgen פ“ט / פ“נ

פה טמון / טמונה // פה נטמן / נטמנת
po tamun / tmuna // po nitman / nitmenet

Geschlechtsangabe, Titulaturen, ehrende Beiwörter

(Titulaturen und ehrende Beiwörter beziehen sich bei Männern praktisch immer auf religiöse Würden und Ämter, bei Frauen stehen meist Bibelzitate.)

ein Mann („isch“) איש + Eigenschaft(swort), eine Frau („ischa“) אישה + Eigenschaft(swort)

Herr („Rev“) ר“ (רב) + Name, Frau („Marat“) מ“ (מרת) + Name

der CHAVER („He-chaver“, niederer Rang in der Gemeindehierarchie) ה“ח (החבר)

ein angesehener Mann (isch nichbad) איש נכבד

der ehrenhafte Herr (kvod harav) כ“ה (כבוד הרב)

eine bedeutende Frau (ischa chaschuva) אשה חשובה

die bescheidene Frau (ha-ischa ha-znu’a) האשה הצנועה

Name + ז“ל / ע“ה

זכרונו / זכרונה לברכה // עליו / עליה השלום
sichrono / sichrona livracha (sein / ihr Andenken möge bewahrt werden)
alav / aleha ha-schalom (auf ihm / auf ihr sei der Friede)

Herr Mose Wolf, sein Andenken möge bewahrt werden ר“ משה וואלף ז“ל (זכרונו לברכה)

Frau Resl Austerlitz, auf ihr sei der Friede מרת ריזל ע“ה (עליה השלום)

Ableben י“נ

(Das Ableben wird meist durch einen positiven Ausdruck umschrieben;
nur selten: er / sie „starb (met/a)“ מת / מתה)

Seine / Ihre Seele ging hinweg יצאה נשמתו / נשמתה

Todesdatum

(siehe unseren Lexikoneintrag „Zeitrechnung„)

Die Zahlenwerte jener hebräischen Buchstaben, die mit Punkten oder Strichen gekennzeichnet sind, werden einfach zusammengezählt. Das Ergebnis, eine Hunderterzahl, addieren Sie zum (bürgerlichen) Jahr 1240 einfach dazu. Ergibt die Summe z.B. 697 תרצ“ז, haben wir das (Sterbe)jahr 1937 (1240 + 697).
Genau genommen ist dies das jüdische Jahr 5697. Die Zahl 5, also die Tausenderzahl, wird aber meist nicht geschrieben (wie bei uns ’10 statt 2010), es steht statt z.B. 5697 meist nur 697.
Fast immer wird dann nach der Jahreszahl als Zusatz „nach der kleinen Zeitrechnung“, d.h. „ohne Tausenderzahl“, angefügt:

(wörtlich) „nach der kleinen Zählung (lifrat katan)“ לפ“ק = לפרט קטן
Achten Sie auf diese 3 Buchstaben, denn davor steht immer die Jahreszahl!

Vorsicht ist allerdings geboten, wenn ein Datum der Monate Tischre, Cheschwan, Kislew und Tevet umgerechnet wird. Da das jüdische Jahr im Herbst beginnt, fällt ein Datum der genannten vier Monate noch in das „alte“ bürgerliche Jahr.

Meist findet man vor der Jahreszahl (ב)שנת „(bi)schnat“, „(im) Jahr…“ (von: שנה „schana“, „Jahr“).

Lob

(Dieser oft sehr lange Text beinhaltet meist viele biblische und rabbinische Zitate und wird hier nicht näher beschrieben)

Schlussworte (Schlusseulogie) ת“נ“צ“ב“ה

תהי נפשו / נפשה צרורה בצרור החיים
tehi nafscho / nafscha zrura bizror ha-chajim (Seine / Ihre Seele möge eingebunden sein im Bund des Lebens, Anlehnung an 1 Samuel, 25,29).


Es darf schon angekündigt werden: Wir wollen eine neue und überarbeitete Auflage des Hebräischbuches möglichst bald als E-Book zur Verfügung stellen. Im Buch finden Sie ausführlichere Erklärungen und viele Übungen.

Unser Rätsel: Lesen und „übersetzen“ Sie folgende Grabinschrift:

Anmerkung:
Falls Sie gleich hier nach unten zum Rätsel gesprungen sind, ohne unseren Beitrag lesen zu müssen, sind Sie mit unserem Rätsel vermutlich unterfordert ;)

Bitte keine Scheu, das Rätsel ist sehr einfach. Das oben Gelernte kommt noch nicht wirklich zum Einsatz, es geht vor allem um das Erkennen der hebräischen Buchstaben. Sie benötigen für die Lösung kein einziges hebräisches Wort. Die Inschrift ist in deutscher Sprache (mit hebräischen Buchstaben) verfasst und ist der hier original wiedergegebene untere Teil einer Grabinschrift eines Grabes auf dem jüngeren jüdischen Friedhofes in Eisenstadt (siehe Bild! Der obere Hauptteil der Inschrift ist Hebräisch und hier ausgeblendet).

היער רוהעט

דיע ליעבענדע טאכטער

טרייע גאטטין

אונד צארטליכע מוטטער

רעזי איינהארן געב. שפיטצער

געשטארבען אים 26. יאהרע

נאך לאנגעם ליידען

אללגעמיין בעטרויערט

אם 28. פעבער 5637.


Wir verlosen unter den eingesendeten richtigen Lösungen drei (!) GewinnerInnen des Buches „Aus den Sieben-Gemeinden. Ein Lesebuch über Juden im Burgenland“.

  • Bitte schicken Sie die Lösung bis Sonntag, 14. März 2010 an folgende E-Mail-Adresse: raetsel@ojm.at
  • Bitte geben Sie in Ihrer E-Mail an, ob wir Ihren Namen im Falle des Gewinns hier veröffentlichen dürfen
  • Die Reihenfolge der eingelangten Lösungen spielt keine Rolle
  • Am Montag, dem 15. März, ermitteln wir die GewinnerInnen per Los, geben die Namen (wenn erlaubt) bekannt und stellen die Lösung hier selbstverständlich gleich online
  • Es ist das unser erstes Rätsel, bitte haben Sie Nachsicht! Falls etwas unklar ist, zögern Sie nicht zu fragen, am besten gleich als Kommentar unten oder via E-Mail
  • Zur Sicherheit sei nochmals erwähnt: Die hebräischen Buchstaben finden Sie ebenfalls auf unserer Website.
  • Update 14 Uhr: Die Zahlen im Rätsel werden von links nach rechts gelesen!

Wir wünschen Ihnen viel Spaß und Freude beim „Übersetzen“ und freuen uns sehr auf Ihre E-Mails mit den Lösungen!

Update 15. März – Die Lösung unseres kleinen Rätsels:

Hier ruh(e)t
die liebende Tochter,
treue Gattin
und zärtliche Mutter,
Resi Einhorn, geb. Spitzer,
gestorben im 26. Jahre
nach langem Leiden.
Allgemein betrauert
am 28. Feber 5637 (= 1877).



Als Gewinner wurden heute Morgen durch Los ermittelt (die Bücher sind schon unterwegs!):

  • Patrick Frankl, Eisenstadt
  • Ferdinand Creuz, Nagold (D)
  • Ute Schulz, Augsburg (D)

Wir gratulieren sehr herzlich und danken allen, besonders auch jenen, die diesmal nicht gewonnen haben, für die Zusendungen. Besonders erfreulich war, dass nur richtige Lösungen einlangten. Immerhin kamen die E-Mails aus Österreich, Deutschland und Israel :)


Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir als Ergänzung und Weiterführung die Lektüre des jüngst erschienenen Blogbeitrags „Lesen hebräischer Grabsteine – wie geht das?“ auf dem Blog des Jüdisch Historischen Vereins Augsburg.


12 Kommentare zu Am jüdischen Friedhof III

Der ältere jüdische Friedhof in Eisenstadt

Im zweiten Beitrag unserer kleinen Serie „Am jüdischen Friedhof“ wurde der ältere Friedhof in Eisenstadt als Beispiel für einen Friedhof zitiert, auf dem die Prominenz (im herkömmlichen Sinn) rar und…

Im zweiten Beitrag unserer kleinen Serie „Am jüdischen Friedhof“ wurde der ältere Friedhof in Eisenstadt als Beispiel für einen Friedhof zitiert, auf dem die Prominenz (im herkömmlichen Sinn) rar und die Steine nur selten kunsthistorisch bedeutend sind.

Eisenstadt hat zwei jüdische Friedhöfe, den älteren und den jüngeren. Die erste Datierung eines Grabsteins auf dem älteren jüdischen Friedhof stammt vom 3. Juli 1679, der Friedhof wurde bis 1875 belegt. Im selben Jahr wurde der jüngere Friedhof angelegt. Dieser jüngere jüdische Friedhof wurde von uns zwischen 1992 und 1995 bearbeitet und liegt als Publikation vor.

Das Tor ist heute nicht mehr vorhanden. Der Friedhof ist sozusagen in zwei Teile geteilt, zwischen den beiden heute eingezäunten Hälften befindet sich ein öffentlich begehbarer Fußweg.

Der ältere jüdische Friedhof, am nordwestlichen Ende des jüdischen Viertels gelegen, umfasste im Jahr 1922 1.140 Grabsteine mit ausschließlich hebräischen Grabinschriften. In diesem Jahr erschien die bedeutende Publikation von Dr. Bernhard Wachstein, dem langjährigen Direktor der Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, über diesen Friedhof (Wachstein B., Die Grabinschriften des Alten Judenfriedhofes in Eisenstadt, Eisenstädter Forschungen, hrsg. Von Sándor Wolf, Band I, Wien 1922). Wachstein nahm alle Grabsteine des älteren Friedhofes mit hebräischer Abschrift und manchen Verweisen auf Belegstellen aus Bibel und rabbinischer Literatur sowie einigen Fotos auf. Wachstein verzichtete auf eine Übersetzung und legt die Textbearbeitung nur hebräisch in Form von Quellenverweisen, in der Regel ohne Kommentierung, vor. Diese Vorgangsweise macht einerseits das Zielpublikum seiner Arbeit – nämlich den mit der Traditionsliteratur vertrauten jüdischen Leser – deutlich und erschwert andererseits dem nichtjüdischen oder mit der jüdischen Traditionsliteratur nicht vertrauten Leser den Umgang mit seiner Arbeit immens.

Alte Ansicht des älteren jüdischen Friedhofs in Eisenstadt


Der Eisenstädter Friedhof ist zum Unterschied von anderen alten jüdischen Friedhöfen vollständig baumlos. Nur einiges Gebüsch verkleidet die Mauer. Die Gräber entbehrten, wie es bei gesetztreuen Juden selbstverständlich ist, des Blumenschmuckes, und nur Graswuchs – ohne Beimengung von hässlichen Unkräutern – überzieht die Ruhestätten mit seinem Grün.
Das Terrain ist eben, an manchen Stellen bemerkt man jedoch Aufschüttungen von Erdreich, die dazu dienten, um über den alten Gräbern neue anlegen zu können. Die Steine stehen an diesen Stätten dicht nebeneinander, weil die der tiefen Gräber auch hinauf gestellt wurden …
Die Denkmäler des Eisenstädter Friedhofes zeigen in Form und Aussehen vielfach Ähnlichkeiten mit denen des Wiener Friedhofes. Es liegt dies in der Natur der Sache, denn nicht nur die ersten Ansiedler waren Wiener Emigranten, sondern auch ein ganz erheblicher Zuzug leitete sich von Wien her …
Einige Steine des Eisenstädter Friedhofes müssen sogar in Wien angefertigt worden sein … Aber bald wussten sich die Eisenstädter in der Friedhofkunst von Wien unabhängig zu machen. Hatten sie ja ein vorzügliches eigenes Steinmaterial, den Bergeisenstädter, oder St. Margarether und Oszliper Kalkstein, der außerordentlich leicht bearbeitbar, nun beinahe ausschließlich verwendet wurde …

Lange wussten wir nicht, wie viele Grabsteine den Holocaust überlebten und sich heute auf dem Friedhof befinden (aus mir unerfindlichen Gründen scheint es unmöglich zu sein, ohne Hilfsmittel Grabsteine auf einem jüdischen Friedhof auch nur einigermaßen korrekt zu zählen). Vor einigen Jahren brachte eine von der Freistadt Eisenstadt gesponserte Vermessung des Friedhofes ein für uns erstaunliches, jedoch höchst erfreuliches Ergebnis: Am Friedhof befinden sich heute 1.104 Grabsteine, also beinahe genau so viele wie 1922.

In Wachsteins Buch finden wir drei verschiedene Nummerierungen der Grabsteine, am Friedhof selbst immerhin zwei. Jene beiden, die wir – so überhaupt sichtbar – auf Grabsteinen lesen können, sind alte bzw. sehr alte Nummerierungen, eine in Hebräisch gravierte und eine mit arabischen Zahlen. Wachstein verwendet eine dritte Nummerierung in seinem Buch, notiert aber bei jedem Grabstein beide alten Nummern. Die Unlesbarkeit der meisten alten Nummern heute macht eine Zuordnung der in Wachsteins Werk aufgenommenen Grabsteine am Friedhof in den meisten Fällen extrem schwer. Vor allem auch, weil sehr viele der Inschriften kaum gelesen, die Grabsteine daher nicht sicher identifiziert und zugeordnet werden können. Wachstein konnte für seine Bearbeitung auf Quellen wie etwa das „Schwarze Buch“ der Gemeinde zurückgreifen. Heute existieren weder das „Schwarze Buch“ der Gemeinde noch ein Lageplan oder andere Informationen, die uns helfen könnten, einzelne Grabsteine zu finden. Auch Wachstein verzichtet leider auf einen Lageplan.

Ausschnitt aus Wachsteins Buch, der die drei verschiedenen Nummerierungen zeigt


Bleibt abschließend zu wiederholen: Der ältere jüdische Friedhof in Eisenstadt ist ein Beispiel, bei dem die Bestandssicherung mit der Sicherung von Inschriften, im konkreten Fall etwa mit der Zuordnung der Grabsteine zu den bereits vorhanden Abschriften Wachsteins, beginnen muss.

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir einen Blick auf die Fotos vom älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt auf unserer Facebook-Seite.


Keine Kommentare zu Der ältere jüdische Friedhof in Eisenstadt

Am jüdischen Friedhof II

Arnstein, 20 Millionen und die „fremden“ Friedhöfe Aus gegebenem Anlass soll dieser Beitrag als zweiter Beitrag unserer kleinen Serie „Am jüdischen Friedhof“ eingeschoben werden. Am 22. Dezember 2009 kam es…

Arnstein, 20 Millionen und die „fremden“ Friedhöfe

Aus gegebenem Anlass soll dieser Beitrag als zweiter Beitrag unserer kleinen Serie „Am jüdischen Friedhof“ eingeschoben werden.

Am 22. Dezember 2009 kam es in Österreich nach neun Jahren endlich zur Einigung, wer die Erhaltung, also die Bestandssicherung der jüdischen Friedhöfe bezahlen und wie die Finanzierung in den kommenden 20 Jahren gewährleistet sein soll. Thomas Rottenberg erklärt im Standard auch sehr gut, was der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Ariel Muzicant, mit einem „verspäteten Chanukkageschenk“ gemeint hat.

Im ersten oben verlinkten Beitrag heißt es u.a.:

Länder und Bund hatten jahrelang darüber gestritten, wer für die Erhaltung zahlen soll – die Friedhöfe waren währenddessen verfallen.

Selbstverständlich verfallen die Friedhöfe nicht erst seit 2001, und doch ist insbesondere in den letzten Jahren der zunehmende Verfall drastisch (drastischer?) und deutlich sichtbar. Es verfallen aber nicht „nur“ kunsthistorisch mehr oder minder wertvolle und bedeutende Grabdenkmäler, sondern – insbesondere – die Lesbarkeit der Inschriften wird jährlich schlechter. Die Grabsteine versinken in der Anonymität, vor allem dann, wenn es – wie etwa im Burgenland – keine Protokollbücher der Chevra Kadischa (Heilige Bruderschaft), Memor-Bücher oder gar Friedhofslisten und Lageplanregister gibt.

Der ältere jüdische Friedhof in Eisenstadt, Foto: David Peters

Noch einmal sei angemerkt, dass es hier im Burgenland 14 jüdische Friedhöfe gibt, deren etwa 8.000 Gräber mit einer Ausnahme (der junge Friedhof in Oberwart, Anfang 20. Jahrhundert) nur hebräische Inschriften aufweisen. Insbesondere diese hebräischen Grabinschriften lassen die Friedhöfe für viele Menschen namenlos und entseelt und damit oft (tendenziell) fremd wirken (siehe etwa auch den unseligen 2. Kommentar zum Thema).

Die Historikerin Tina Walzer, laut derstandard.at die Expertin für jüdische Friedhöfe generell, wünscht als erste Schritte:

Man müsste ganz dringend den Bewuchs roden und im Zaum halten und im nächsten Schritt alle besonders wertvollen Grabdenkmäler innerhalb der nächsten drei Jahre sanieren

Wenn diese Aussage auch in erster Linie auf den jüdischen Friedhof Währing abzielt, so stellen sich meines Erachtens doch einige Fragen.
In der ersten Reaktion habe ich getwittert, dass nicht die „besonders wertvollen Grabdenkmäler“, sondern die besonders gefährdeten als erstes saniert gehören, also jene, die man in drei Jahren nicht mehr oder noch weniger als heute lesen kann (Tweet 1, Tweet 2).

Gemeint ist damit:
Was sind denn nun eigentlich genau „besonders wertvolle Grabdenkmäler“?
Es ist schon richtig, dass kunsthistorisch besonders wertvolle Grabdenkmäler ehestmöglich renoviert werden müssen, und es ist meist auch richtig, dass die großen Namen wie Wertheim(b)er, Russo, Königswarther oder Arnstein und Eskeles eben diese (aus kunsthistorischer Sicht) besonders wertvollen Grabdenkmäler besitzen.

Auf den jüdischen Friedhöfen im Burgenland – die ältesten Grabsteine stammen immerhin aus dem Ende des 17. Jahrhunderts – finden wir aber keine Wertheimers oder Arnsteins und die bedeutenden Rabbiner haben zumeist genauso einfache Grabsteine wie die einfachsten Gemeindemitglieder. Grabmäler aus (Kalk)Sandstein sind mehr oder minder Standard, aber – im Gegensatz etwa zum Währinger Friedhof – in den allermeisten Fällen kein Zeichen dafür, dass die Toten ärmere Gemeindemitglieder gewesen wären. Selbst die (hebräischen) Grabinschriften lassen vom Umfang her oft nicht auf die Bedeutung der Bestatteten schließen, berühmte Rabbiner haben mitunter bescheidene und auffällig kurze Grabinschriften (siehe etwa das Grab von Rabbi Meir Eisenstadt).

Außer auf dem (aufgearbeiteten) jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt können heute so gut wie keine konkreten Gräber auf den jüdischen Friedhöfen des Burgenlandes gefunden werden.

Einer der Feinde des Verstehens ist die Anonymität und es gilt dringend, hebräische Inschriften auf jüdischen Grabsteinen dieser Anonymität zu entreißen, auch, damit sie vielleicht von weniger Menschen als fremd wahrgenommen werden. Und auch dann, wenn die Toten keine berühmten Personen waren und ihre Inschriften für biografische Forschungen nur sehr bedingt verwendbar und durch ihre Stereotypie sogar oft nur von mäßigem Interesse sein mögen.

Ich würde mir wünschen, dass die Erhaltung der jüdischen Friedhöfe (nicht nur) im Burgenland nicht immer mit dem Reparieren der Friedhofszäune beginnt und dem Aufstellen von umgefallenen Grabsteinen endet …

In der nächsten Folge dieser Serie dann der ursprünglich für heute geplante Beitrag: Wie Sie auch ohne großartige Hebräischkenntnisse Namen und Todesdaten in hebräischen Inschriften finden und übersetzen können …

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir einen virtuellen Ausflug auf den jüdischen Friedhof Währing (Website leider nicht ganz aktuell).

Update 11. Jänner: Marco Schreuder zeigt in seinem Blog einige sehr informative Videos zum Währinger Friedhof, die wir hier – passend zu unserem Tipp – einbetten dürfen:

Keine Kommentare zu Am jüdischen Friedhof II

Finde:

Generic selectors
Nur exakte Ergebnisse
Suche im Titel
Suche im Inhalt
Suche in Beiträgen
Suche in Seiten
rl_gallery
Filter nach Kategorien
'Mitbringsel / Souvenirs'
Abbazia / Opatija
Cheder
Fiume / Rijeka
Friedhof Eisenstadt (älterer)
Friedhof Eisenstadt (jüngerer)
Friedhof Mattersburg
Friedhof Triest
Friedhof Währing
Genealogie
Karmacs
Kunst und Kultur
Leben und Glaube
Veranstaltungen
nach oben