Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: hebräisch

Grabstein Mittelalter I

Joschua, Sohn des Jakob, 12. Adar (50)28 = (Dienstag,) 06. März 1268? Dieser Grabstein ist der erste von links der Installation der fünf mittelalterlichen Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt….

Joschua, Sohn des Jakob, 12. Adar (50)28 = (Dienstag,) 06. März 1268?

Dieser Grabstein ist der erste von links der Installation der fünf mittelalterlichen Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt.

Untenstehend zwei Fotos des Grabsteines mit unterschiedlichen Qualitäten, um eine möglichst korrekte Lesung der Inschrift zu ermöglichen.
Die Punkte über den hebräischen Buchstaben werden in der Transkription mit einfachen Anführungszeichen angedeutet.

  • 1. Grabstein (von links) der Installation mittelalterlicher jüdischer Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt'
  • 1. Grabstein (von links) der Installation mittelalterlicher jüdischer Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt'


Die Grabinschrift

Inschrift MittelalterI: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Dieses Grabmal ציון
[2] (steht) zu Häupt(en) הלז לרא‘
[3] d(es Herrn) Joschua, ר‘ ישוע
[4] S(ohn), d(es Herrn) Jakob, בר‘ יעקב
[5] der hinwegging שהלך
[6] in seine Welt לעולמו
[7] am 12. Adar בי’ב‘ לאד’ר
[8] d(es Jahres) 28 (= 1268) ש‘ כח‘
[9] […] […]


Anmerkungen

Die Inschrift ist bis inklusive Zeile 6 deutlich lesbar.

7. Zeile:
Wird der erste Buchstabe als ב gelesen, bietet sich an, die beiden Buchstaben mit den Punkten, י und ב, als Zahl, nämlich 12, zu lesen.
Beim 2. Wort dieser Zeile ist nicht ganz klar, warum sich über dem ד ein Punkt befindet. Möglich wäre, dass der Monatsname Adar ursprünglich nur mit ‚אד geschrieben wurde und der Punkt über dem ד das fehlende ר andeutet. Dann hätten wir eine Parallele zur 2. Zeile, in der das א im Wort ראש einen Punkt erhält, um das fehlende ש anzudeuten. Das ר von אדר könnte später geschrieben worden sein?

8. Zeile
Stimmt die Lesung „12. Adar“ in der 7. Zeile, können wir nun die Jahreszahl erwarten. Da das ש mit deutlichem Abstand zu den nächsten beiden Buchstaben כ und ח geschrieben wurde, neige ich dazu, das ש als שנת (im Jahr) zu lesen. Der erste nicht mehr indentifizierbare Buchstabe der Zeile könnte ein ב gewesen sein, also בש‘ (im Jahr …). Die Buchstaben כ und ח haben den Zahlenwert 28. Das jüdische Jahr 5028 ist umgerechnet 1268.
Alternativen: Wird das ש zusammen mit כ und ח gelesen, erhalten wir das jüdische Jahr 328 (umgerechnet 1568).
„28“ als Altersangabe zu lesen – wie es manche tun – scheint mir unwahrscheinlich, weil dann das ש kaum erklärbar wäre und außerdem die Altersangabe wohl auch nicht zwischen Monat und Jahr stehen würde.

7. und 8. Zeile: Nur der Vollständigkeit sei angemerkt: Würde man die Zahlenwerte jener Buchstaben, über denen sich Punkte befinden, zusammenzählen, ד = 4, ש = 300 und ח = 8, erhält man (die Jahreszahl) 312 (umgerechnet 1552). Diese Lesung halte ich allerdings für eher unwahrscheinlich, auch, wenn mir die Punktsetzung nicht restlos erklärlich ist.

9. Zeile: Diese Zeile ist vollkommen unlesbar. Allerdings halte ich aufgrund der sichtbaren Buchstabenreste etwa ein לאלף ששי (im 6. Jahrtausend, also nach 1240) für möglich. Die Schlusseulogie תנצבה (Seine Seele möge eingebunden sein im Bund des Lebens) hingegen scheint mir unwahrscheinlich.

Bleibt abschließend festzuhalten, dass ich bei der Datierung zum Jahr 1268 neige, im Bewusstsein, dass das Jahr 1568 ebenfalls im Frage kommt (leider satte drei Jahrhunderte Unterschied).

Die Gründe für die Datierung 1268 (wenn das Datum stimmt – leider vermissen wir noch Quellen, die diese Datierung unterstützen -, wäre dieser Grabstein jedenfalls der zweitälteste in Wiener Neustadt und einer der ältesten in Europa):

  • Die sprachliche Stil der Inschrift spricht für das 13. Jahrhundert, nicht aber für das 16. Jahrhundert.
  • Ebenso lassen die handwerkliche Ausführung der Gravur sowie die Form der Buchstaben auf ein frühes Datum schließen.
  • Zwar kein Beweis, aber ein weiteres Indiz für eine Frühdatierung ist, dass wir keine Angabe des Wochentages (Montag, Dienstag etc.) vorfinden. In Frankfurt/Main etwa stammt der älteste Stein mit der Angabe des Wochentages aus dem Jahr 1283, in Wiener Neustadt aus dem Jahr 1286 (an der Stadtmauer).
  • An der Stadtmauer in Wiener Neustadt befindet sich ein Grabstein aus dem Jahr 1252, der diesem hier – in Form und Inhalt – auffällig ähnlich ist (siehe Bild unten).


Mittelalterlicher Grabstein an der Stadtmauer in Wiener Neustadt, 1252


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Am jüdischen Friedhof I

Wie hebräische Grabinschriften der Anonymität entrissen werden Grundsätzliches – Ausrüstung – Hilfsmittel Einerseits gehört das Aufarbeiten von jüdischen Friedhöfen zu den Schwerpunktarbeiten des Museums, andererseits erreichen uns immer wieder (individuelle)…

Wie hebräische Grabinschriften der Anonymität entrissen werden

Grundsätzliches – Ausrüstung – Hilfsmittel

Einerseits gehört das Aufarbeiten von jüdischen Friedhöfen zu den Schwerpunktarbeiten des Museums, andererseits erreichen uns immer wieder (individuelle) Anfragen mit der Bitte um Übersetzung von hebräischen Grabinschriften.

Eine Besonderheit aller jüdischen Friedhöfe auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes (mit einer einzigen Ausnahme, dem jungen jüdischen Friedhof in Oberwart) ist, dass wir ausschließlich Gräber mit hebräischen Grabinschriften finden. Nur sehr selten werden Eigennamen der Verstorbenen zusätzlich mit lateinischen Buchstaben bzw. Todesdaten in nicht-hebräischer Schreibweise (also z.B. ‚1859‘) angegeben.

Nicht nur, aber besonders hier im Burgenland sind Grabsteine oft wirklich die letzten Zeugen jahrhundertelangen jüdischen Lebens in der Region, die (vielfach sehr textintensiven) Inschriften eine Primärquelle erster Güte zur Erforschung der (inner)jüdischen Geschichte.

Deshalb also hier der erste Teil einer kleinen Serie zum Thema jüdische Friedhöfe, hebräische Grabinschriften und ihre Aufarbeitung.

Das Folgende ist nicht der Bericht eines Restaurators, sondern ein grober Erfahrungsbericht über die praktische Arbeit auf jüdischen Friedhöfen und bezieht sich auf das Lesbarmachen hebräischer Inschriften. Vielleicht kann er Ihnen im Alltag eine kleine Hilfestellung sein beim Lesen von Inschriften.

Es muss wohl nicht vorausgeschickt werden, dass für die Aufarbeitung von jüdischen Friedhöfen (Texttranskription bzw. Übersetzung) kaum je eine fachgerechte Restaurierung der Steine möglich ist, das Lesbarmachen der Inschriften daher meist mit sehr einfachen Mitteln bewerkstelligt werden muss.

Zunächst ist zu unterscheiden zwischen dem Lesen der Inschrift vor Ort, also am Friedhof, und dem Lesen auf einem Foto. Grundsätzlich rate ich dringend zu beidem, da außer bei sehr einfachen und sehr klaren hebräischen Inschriften Fotos immer hilfreich oder gar gute Korrektive sein können (siehe unten).

In jedem Fall sollten Sie für die Arbeit am Friedhof einiges an Ausrüstung mit dabei haben (auch wenn Ihnen manches lächerlich vorkommt, ohne Liste vergesse zumindest ich immer etwas):

Kopfbedeckung (für Männer), Kleidungsschutz oder Kleidung, die nachher eventuell entsorgt werden kann (weil von Dornen und spitzen Steinen zerrissen), viel Kreide (für eine Inschrift rechnen Sie am besten mit mindestens zwei bis drei Kreiden, siehe unten), kleine Umhängetasche für die Kreide (um die Kleidung zu schonen, falls Sie diese nicht entsorgen wollen), Wasser (Kübel/Eimer und Wasser am besten in Flaschen oder Kanistern mitnehmen), Bartwisch/Handfeger mit sehr weichem Haar (am besten solche, mit denen man etwa Schnee vom Auto kehren kann), mehrere sehr weiche Tücher (keine Tücher, die fusseln), stabile Schreibunterlage, gute Stifte, viel Papier, Klammern, mit denen das Papier an der Unterlage befestigbar ist (kalte Finger, Wind), in der kälteren Jahreszeit Handschuhe (z.B. dünne, aber wirksame Laufhandschuhe, die das Schreiben ermöglichen), Fotoapparat.

Lesen vor Ort und/versus Lesen auf dem Foto

  1. Befunde sollten nie ausschließlich aufgrund eines Fotos gemacht werden. Wenn die Möglichkeit besteht, sollte unbedingt die Inschrift auch vor Ort (also am Friedhof) gelesen werden, um einen sichereren Befund zu erhalten.
  2. Befunde vor Ort sollten aber – außer bei sehr klaren (und einfachen) Inschriften – immer auch noch anhand eines oder mehrerer Fotos der Inschrift überprüft werden. Meist ermöglicht zwar das Lesen der Inschrift vor Ort den aufschlussreicheren Befund, es kommt aber immer wieder vor, dass Fotos bei Problemen, die vor Ort nicht gelöst werden können, zumindest eine neue Sicht bzw. neue Ideen ermöglichen und im besten Fall beim nochmaligen Abgleich vor Ort zu einem sichereren Ergebnis führen.
  3. Selbstverständlich führen bessere Fotos zu besseren Ergebnissen. Trotzdem sollte, was das Lesbarmachen betrifft, die Bedeutung der Professionalität des Fotos nicht überschätzt werden. Wichtiger ist es – wie für das Lesen vor Ort –, auch beim Fotografieren Wetterlage und Sonnenstand zu berücksichtigen. In der Praxis bedeutet dies etwa, dass auf Blitzlicht meist verzichtet werden sollte (auch ein Seitenblitz bringt meist nicht bessere Ergebnisse).
  4. Salopp formuliert kann man sagen, dass manche Inschriften morgens, manche mittags, manche abends, manche nach dem Regen, manche bei direkter Sonnenbestrahlung besser lesbar sind, jeweils abhängig von Schrift, Gravur, Tiefe der Gravur, Steinart, Beschaffenheit und Zustand des Steines usw. In der Praxis bedeutet dies, dass es meist notwendig ist, schwer zu lesende Inschriften zu verschiedenen Tageszeiten (oft sogar zu verschiedenen Jahreszeiten) und vor allem bei verschiedenen Wetterbedingungen zu lesen. Dasselbe gilt auch für die Anfertigung von Fotos.
  5. In den seltensten Fällen konnte ich mit der Nachbearbeitung von Fotos (auch mit guten Kenntnissen und professioneller Software) deutlich aussagekräftigere Ergebnisse erzielen. Den Versuch ist es zwar immer wert, es sollte nur nicht zu viel erwartet werden.
  6. Kommt Kreide oder Wasser zum Einsatz, müssen auch Fotos von den Inschriften mit aufgetragener Kreide bzw. unmittelbar nach dem Waschen mit Wasser gemacht werden.

Wasser

Bevor eine schwer lesbare Inschrift mit Kreide bearbeitet wird, sollte versucht werden, die Inschrift mit Wasser zu reinigen. Der Reinigungsvorgang muss äußerst vorsichtig durchgeführt werden, das Wasser sollte mit dem Besen mit weichem Haar gleichmäßig verteilt werden. Oft werden Inschriften schon alleine durch die sanfte Reinigung besser lesbar und weitere Maßnahmen (Kreide) sind sogar unnötig. Mit Wasser kann man übrigens auch manchmal sehr erfolgreich arbeiten, wenn es sich um Inschriften handelt, die einmal nachgezogen wurden, die nachgezogene Spur aber im Laufe der Jahre zerflossen ist.

Kreide

Das „Allerweltsmittel“ zum Lesbarmachen vieler Inschriften ist weiße Kreide. Hier ziehe ich eckige Kreiden den runden und die gewöhnliche Schul- der Straßen-/Kindermalkreide eindeutig vor. Mit der Kreide muss ausgesprochen vorsichtig umgegangen werden: Sie darf fast immer nur leicht aufgesetzt werden, v.a. um den Stein nicht zu beschädigen, und die Kreide muss mit der Breitseite immer exakt vertikal zum hebräischen Buchstaben geführt werden (also z.B. bei einer Bogeninschrift am Beginn von rechts nach links usw.), da sonst die Buchstaben noch weniger lesbar sind. Selbstverständlich sind nicht alle Steinarten mit Kreide gleich gut oder sogar nicht bearbeitbar. Während Kreide etwa auf Granit, Syenit, Diorit oder Gabbro meist recht gut anwendbar ist, ist die Anwendung bei vielen Marmor-, aber auch Kunststeinen problematisch, bei Sandstein sollte auf Kreide meist überhaupt verzichtet werden. Ein stärkeres Auftragen von Kreide ist nur bei sehr glatten Steinarten in sehr gutem Zustand möglich und hilfreich.

Führt das Auftragen von Kreide zwar zu besserem, aber noch nicht befriedigendem Ergebnis, kann versucht werden, die Kreide mit einem weichen Tuch sanft zu verwischen. Hilft auch das nicht, muss die Kreide (mit o.g. Besen) vorsichtig abgewaschen und eventuell neuerlich (sanfter oder stärker, weniger intensiv etc.) aufgetragen werden.

Hier ein konkretes Beispiel eines Grabsteins am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt, wie eine auf den ersten Blick unlesbare Inschrift lesbar gemacht werden konnte:

Grabstein am jüdischen Friedhof Wr. Neustadt, Erstansicht


  • Grabstein am jüdischen Friedhof Wr. Neustadt, Foto nachbearbeitet
  • Grabstein am jüdischen Friedhof Wr. Neustadt, Foto Detailansicht
  • Grabstein am jüdischen Friedhof Wr. Neustadt, Gesamtansicht mit Kreidebearbeitung
  • Grabstein am jüdischen Friedhof Wr. Neustadt, Detailansicht, Kreide verwischt
  • Grabstein am jüdischen Friedhof Wr. Neustadt, Gesamtansicht, halb Kreide, halb Kreide verwischt
  • Grabstein am jüdischen Friedhof Wr. Neustadt, Gesamtansicht, Kreide abgewaschen


Die Ausführungen erheben selbstverständlich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, es sind lediglich einige Erfahrungen, die ich im Laufe der Jahre gemacht habe. Für ganze Friedhofsprojekte ist natürlich noch wesentlich mehr zu berücksichtigen, hier sollten bloß einige Hilfestellungen für das Lesen eines oder einiger weniger Steine gegeben werden.

In der nächsten Folge dieser Serie: Wie Sie auch ohne großartige Hebräischkenntnisse Namen und Todesdatum in hebräischen Inschriften finden und übersetzen können – aus gegebenem Anlass – über die Einigung, 20 Millionen Euro für die Erhaltung der jüdischen Friedhöfe bereitzustellen.


Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir die Liste der jüdischen Friedhöfe in Österreich, damit Sie eine Vorstellung davon bekommen, wie viele jüdische Friedhöfe in Österreich existieren.


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Das Levitenhaus

Genau gegenüber dem Österreichischen Jüdischen Museum befindet sich das Haus Unterbergstraße 15. Über dem Eingangstor befindet sich ein Basrelief, das einen sehr schön gearbeiteten Krug mit Becken sowie acht hebräische…

Genau gegenüber dem Österreichischen Jüdischen Museum befindet sich das Haus Unterbergstraße 15. Über dem Eingangstor befindet sich ein Basrelief, das einen sehr schön gearbeiteten Krug mit Becken sowie acht hebräische Buchstaben darstellt. Die Buchstaben sind auf drei Zeilen aufgeteilt, links und rechts von Krug und Becken.

Das Symbol (Krug und Becken) zeigt an, dass der oder die Hausbesitzer bzw. die Hausbewohner Leviten waren, weshalb wir das Haus als (ehemaliges) Levitenhaus bezeichnen.

Ein wenig ärgerlich und beschämend für mich ist es schon, dass ich seit mittlerweile 25 Jahren fast täglich an diesem Haus vorbeigehe, unzählige Führungen durch das ehemalige jüdische Viertel von Eisenstadt gemacht habe, im Zuge derer ich jedes Mal dieses so schöne Symbol als einen der wenigen Zeugen der jüdischen Vergangenheit der Stadt erwähne … und noch immer nicht ganz sicher bin, was die Inschrift bedeutet.

1. Zeile:

ת | ק

2. Zeile:

חי | אב

3. Zeile:

כ | ל(פק)

1. Zeile: sehr gut lesbar, Befund sicher:
(Dass eine Jahreszahl vorkommt, zeigt der letzte Buchstabe in der 3. Zeile, siehe unten)
ת (Taw) hat den Zahlenwert 400, ק (Qof) den Zahlenwert 100, zusammen also 500.

2. Zeile: sehr gut lesbar, Befund unsicher:
חי hat den Zahlenwert 18, אב ist der jüdische Monat Av.
Wir würden also bisher den Monat Av im jüdischen Jahr 518 erhalten.
Allerdings bedeutet חי (Chaj), als Wort gelesen, „Leben“ und אב (Av) bedeutet neben dem Monatsnamen auch „Vater“.
Ob diese Bedeutungen hier eine Rolle spielen und wenn ja, welche, wage ich nicht mit Sicherheit zu beurteilen.

3. Zeile: 1. Hälfte nicht gut lesbar, 2. Hälfte sehr gut lesbar, Befund nur zu 50% sicher:
Der erste Buchstabe dürfte ein Kaf sein und somit den Zahlenwert 20 repräsentieren.
Möglich wären noch ein פ (Pe) oder ein נ (Nun) (Zweiteres unwahrscheinlich).
Wir würden also den 20. Av des (jüdischen) Jahres 518 erhalten.
Dass hier der Tag nach dem Monat und nicht, wie meist üblich, vor dem Monat steht, möchte ich schlicht und einfach mit Platzgründen bzw. Gründen der Symmetrie erklären. In der 3. Zeile hätten zwei Buchstaben, nämlich אב (Av), kaum/nicht Platz gehabt.

Der letzte Buchstabe stellt eine typische und insbesondere auch auf hebräischen Grabinschriften oft vorkommende hebräische Ligatur dar: Die hebräischen Buchstaben לפק (L P Q) werden zusammengezogen und das ל grafisch so geschrieben, dass es das פ und das ק andeutet.
In jedem Fall zwingt der Schluss der Inschrift mit לפק (L P Q) dazu, das Vorhergehende als Jahreszahl zu lesen, denn es bedeutet (abgekürzt) „Nach der kleinen Zeitrechnung“, also ohne den 5000er zu schreiben.

Das Datum rund um Krug und Becken ist also nach dieser Lesung und Deutung der 20. Av (5)518, das ist umgerechnet Donnerstag, der 24. August 1758.

Hat vielleicht eine/r unserer geneigten Leserinnen und Leser einen besseren Vorschlag?

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir die Betrachtung des wunderbaren Fensters „Der Stamm Levi“ von Marc Chagall in der Synagoge des Hadassa-Hospitals in Jerusalem. Wenn Sie nicht die Möglichkeit haben, nach Israel zu fahren, betrachten Sie einfach ein (sehr schönes) Bild davon im Web (Klicken Sie unbedingt auf das Vorschaubild, um es zu vergrößern).

Alternativ, für die Freunde schwererer Kost, empfehlen wir als Beilage die Lektüre des Buches „Levitenhaus“ von Isaac Landau (1859), das Sie als PDF-Datei (2.52 MB) downloaden können.


6 Kommentare zu Das Levitenhaus

Mirjam – Maria ‚Gottes Geschenk‘

Immer wieder erhalten wir im Museum Anfragen nach der Bedeutung von vor allem hebräischen Vornamen. Und es ist ausgerechnet einer der weltweit verbreitetsten Namen, den zuerst die Schwester Mose, später…

Immer wieder erhalten wir im Museum Anfragen nach der Bedeutung von vor allem hebräischen Vornamen. Und es ist ausgerechnet einer der weltweit verbreitetsten Namen, den zuerst die Schwester Mose, später die Mutter Jesu und andere Frauen trugen, für den es viele sehr unbefriedigende und leider auch falsche Deutungen gibt: MirjamMaria.

מרים

Die sachlich leidlich befriedigende Anknüpfung an ägyptisch „mrjt“ „Geliebte“ kann das auslautende „m“ nicht erklären. Die oft bevorzugte Deutung „Wohlbeleibte“ sieht in dem Namen eine Ableitung von der Wurzel MR‘ „mästen“ und rechnet mit einem bei Frauennamen nie bezeugten Affix –ām, sicher unter dem Einfluss der Tatsache, dass der Name des Vaters von Mirjām und Mose, Amrām, in der Tat mit diesem Affix gebildet ist. Diese Deutung ist sprachlich und sachlich durch nichts zu rechtfertigen.

Wolfram von Soden, Mirjām – Maria „(Gottes-)Geschenk“, Erstpublikation in: Ugarit-Forschungen 2(1970), 269-272.

Dasselbe gilt, so Soden, der Lehrer meines verehrten Lehrers Hans Hirsch für Altsemitistik, auch für alle anderen, oft abenteuerlichen Ableitungsversuche (wie „Wasserprinzessin“ etc.).

Wolfram von Soden geht davon aus, dass „–ām“ kein Suffix sein kann, also kein morphologisches Element, das an die Wurzel gehängt wird, sondern dass das „m“ ein Wurzelkonsonant sein muss. Diese Überlegung legt die Wurzel „RJM“ nahe: akkadisch „riāmu/rāmu“ („schenken“), und „mi-“ muss das bekannte Nominalpräfix sein.

Zum besseren Verständnis des Gesagten sei kurz angemerkt: In den semitischen Sprachen, also auch im Akkadischen und Hebräischen, hängt an der Wurzel eines Wortes (das sind meist 3 Konsonanten) die Bedeutung des Wortes. Vor, zwischen und nach diesen Wurzelkonsonanten (den „Radikalen“) können Konsonanten gesetzt werden, die dann grammatikalische und wortbildende Funktionen besitzen.
Beispiel: An der hebräischen Wurzel „KTB“ (כתב) haftet die Bedeutung „schreiben“. Mit dem Nominalpräfix „M(i)“ erhalten wir das Substantiv „Brief“ „Michtav“ (מכתב).

Nicht verwechselt werden darf das akkadische „riāmu/rāmu“ mit den sehr ählichen Wörtern „rāmum/ra’āmu“ „lieben“ und „rēmum/re’āmum“ „sich erbarmen“.

Wenn also „Mirjām“ (in der Septuaginta, der griechischen Bibelübersetzung, „Marjām“ vokalisiert) „Geschenk“ bedeutet, kann der biblische Name Mirjam eigentlich nur mehr als „Gottes Geschenk“ gedeutet werden. Mit dieser Deutung können wir auch besser verstehen, dass der einzige andere Träger dieses Namens, den die hebräische Bibel kennt, ein Mann ist, nämlich Mirjām in 1 Chronik 4,17, dessen Mutter als ägyptische Prinzessin bezeichnet wird. Denn als Geschenk Gottes können selbstverständlich Mädchen wie Knaben dankbar bezeichnet werden.

„Rīm“ in der Bedeutung „schenken“ ist im Hebräischen sonst nicht belegt, die Wurzel „RJM“ finden wir nur in der Bedeutung „heben“. Es handelt sich aber auch um kein ursprünglich akkadisches Verb, da „riāmu/rāmu“ erst nach 1400 ins Mittelbabylonische und – nur mit dem Substantiv „rīmūtu“ – ins Mittelassyrische übernommen wurde. Offenbar ist dieses „rīmum“ aus einer anderen semitischen Sprache, etwa dem Altamoritischen, entlehnt. Der Name Mirjām/Marjām zeigt lediglich, dass es im Südkanaanäischen von Midian und angrenzenden Gebieten das Wort „mi/arjām“ „Geschenk“ gab, wir wissen aber nicht, ob das Verb „rīm“ zur Zeit von Mose und Mirjam noch in lebendigem Gebrauch war. Da „jarīm“ „er erhöht“ sonst in Namen nicht bezeugt ist, hält der Altsemitist Otto Loretz es für durchaus möglich, dass etwa auch der Prophetenname Jeremia (ירמיהו) als „Gott hat geschenkt“ gedeutet wird (zumindest was die ursprüngliche Bedeutung des Namens betrifft).

Mirjam – Maria, ein „Geschenk Gottes“ – die sprachlich nachvollziehbarste und wohl auch schönste Deutung des bekannten Eigennamens.

2 Kommentare zu Mirjam – Maria ‚Gottes Geschenk‘

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