Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: literatur

Franz – Der Lieblingsneffe der Tante Jolesch

Franz Jolesch starb am 25. Juli 1961 in Santiago de Chile und ist am jüdischen Friedhof daselbst in Sektor R, Reihe 5, Nummer 24 begraben. Im Friedhofsregister ist Franz Jolesch…

Franz Jolesch starb am 25. Juli 1961 in Santiago de Chile und ist am jüdischen Friedhof daselbst in Sektor R, Reihe 5, Nummer 24 begraben.

Im Friedhofsregister ist Franz Jolesch eingetragen, die Messingbuchstaben der Grabinschrift sind bis auf zwei Zahlen verschwunden (gestohlen?). Allerdings macht die Rückseite des Grabsteines sicher, dass es sich wirklich um den Grabstein von Franz Jolesch handelt:

In Liebe
Deine Kató


Schon ganz am Anfang des ersten Kapitels von Friedrich Torbergs „Tante Jolesch“ wird der Tante Lieblingsneffe Franz vorgestellt:

Was nun die Tante Jolesch selbst betrifft, so verdanke ich die Kenntnis ihrer Existenz ‒ und vieler der von ihr überlieferten Aussprüche ‒ meiner Freundschaft mit ihrem Neffen Franz, dem lieben, allseits verhätschelten Sprößling einer ursprünglich aus Ungarn stammenden Industriellenfamilie, die seit langem in einer der deutschen Sprachinseln Mährens ansässig und zu beträchtlichem Wohlstand gelangt war. Franz, bildhübsch und mit einer starken Begabung zum Nichtstun ausgestattet (das er nur dem Bridgespiel und der Jagd zuliebe aufgab), muß um mindestens zwölf Jahre älter gewesen sein als ich, denn er hatte bereits am Ersten Weltkrieg teilgenommen und wurde von seinen gleichaltrigen Freunden auch späterhin noch scherzhaft als ‚Seiner Majestät schönster Leutnant‘ bezeichnet. Ich war wiederholt auf dem mährischen Besitz seiner Familie zu Gast … Die einrückenden Deutschen hatten ihn 1939 als Juden eingesperrt, die befreiten Tschechen hatten ihn 1945 als Deutschen ausgewiesen. Man könnte sagen, daß sich auf seinem Rücken die übergangslose Umwandlung des Davidsterns in ein Hakenkreuz vollzog. Er verbrachte dann noch einige Zeit in Wien und übersiedelte schließlich nach Chile, wo er bald darauf an den Folgen seiner KZ-Haft gestorben ist. Die Tante Jolesch hat das alles nicht mehr erlebt…


Als wir vor einigen Jahren einer 1939 von Wien nach Santiago de Chile emigrierten Dame, die vor einigen Tagen ihren 90. Geburtstag feierte, das Buch „Tante Jolesch“ übergaben, rief sie erfreut nach dem Lesen der ersten Zeilen über den Neffen Franz: „Ja, ich habe Franz Jolesch noch persönlich gekannt“.

Selbstverständlich wusste Torberg sehr wohl, dass Franz 1961 in Chile verstorben ist ‒ und nicht kurz nach seiner Ankunft in Chile ‒, er hatte seiner Frau Katharina (Kató) zum Tod von Franz Jolesch kondoliert.

Dennoch kann man verstehen, warum Torberg dieses Detail der Biografie umgeschrieben hat. Er wollte zeigen, dass Überlebende der Konzentrationslager oft recht bald an den dort erlittenen physischen und psychischen Wunden verstorben sind. Auch sie sind Opfer der Schoa. [1]


Schon vor gut fünf Jahren hatten sich Robert Sedlaczek mit der Tante Jolesch sowie Georg Gaugusch mit der Genealogie zur Familie Jolesch, die er für das Buch von Sedlaczek zur Verfügung stellte, intensiv beschäftigt [2] ‒ (beide Autoren nennen allerdings weder ein genaues Sterbedatum noch den Begräbnisort von Franz Jolesch).

Franz Jolesch (s. Porträtfoto auf geni.com), geb. 20. Dezember 1898 in Wiese bei Iglau (IKG Pirnitz, Mähren), nach Buchenwald deportiert, dort befreit worden, gest. 25. Juli 1961 in Santiago de Chile, am jüdischen Friedhof daselbst begraben.

Vater: Emil Jolesch, Textilfabrikant, geb. 10. Juni 1868 in Wiese bei Iglau, gest. 20. Jänner 1935 in Wien
Mutter: Olga Zeisl, geb. 18. April 1879 in Gablonz an der Neisse (Böhmen), am 23. Juli 1942 von Prag ins Ghetto Theresienstadt deportiert und am 01. September 1942 von dort nach Raasiku (Estland) und ermordet (Schoa-Opfer)

1. Ehefrau: Anna Louise Gosztonyi de Abalehota, römisch-katholisch, geb. 06. März 1906 in Wien, gest. 04. Juli 1998 in Wien, begraben 16. Juli 1998 am Döblinger Friedhof 11/5/6.
Die Hochzeit mit Franz Jolesch fand am 07. Jänner 1927 in Budapest statt (Ehe wurde am 09. September 1935 geschieden, s.u.):

Matriken Hochzeit Franz Jolesch und Luiza Anna Gosztonyi, Budapest 07. Jänner 1927

Matriken Hochzeit Franz Jolesch und Luiza Anna Gosztonyi, Budapest, 07. Jänner 1927


Budapest als Hochzeitsort wurde vom Vater gewählt, der gegen die Hochzeit war und tags darauf bei einem Notar in Wien ein Testament aufsetzen ließ, das Franz Jolesch auf den Pflichtteil reduzierte [3].

Louise hatte bei der Hochzeit mit Franz Jolesch schon eine kurze Ehe hinter sich: Heirat am 10. August 1924 mit (Anton) Georg Boschan, geb. 21. November 1895 in Wien II, Sohn des Weingroßhändlers Franz Boschan aus Baja (Ungarn) und der Aranka Weiss aus Neutra. Die Ehe wurde geschieden. Anton Georg Boschan wurde nach Buchenwald deportiert und am 15. November 1944 ermordet (Schoa-Opfer).

Nach der Scheidung von Franz Jolesch am 09. September 1935 (Bezirksgericht Iglau) war Louises 3. Ehemann der österreichische Komponist, Schönberg-Schüler und „politisch sowie künstlerisch einer der engsten Weggefährten Bert Brechts“[4] Hanns Eisler, geb. 06. Juli 1898 in Leipzig, gest. 06. September 1962 in Ost-Berlin:
Die Hochzeit fand am 07. Dezember 1937 in Prag statt und wurde 1954 (so Georg Gaugusch, März 1955 lt. Wikipedia) in Wien geschieden.

Am 22. September 1955 heiratete Louise ihren 4. Ehemann, den Schriftsteller und kommunistischen Politiker Ernst Fischer, geb. 03. Juli 1899 in Komotau (Böhmen), gest. 31. Juli 1972 in Prenning bei Deutsch-Feistritz (Steiermark; Beisetzung der Urne am 31. August 1972 auf dem Wiener Zentralfriedhof).


Übrigens: Es war ‒ laut Friedrich Torberg ‒ Louise, die Lieblingsnichte der Tante Jolesch, die versuchte, der Tante Jolesch am Totenbett das Rezept ihrer berühmten Krautfleckerl zu entlocken:

Und dann also nahte für die Tante Jolesch das Ende heran, ihre Uhr war abgelaufen, die Familie hatte sich um das Sterbelager versammelt, in die gedrückte Stille klangen murmelnde Gebete und verhaltenes Schluchzen, sonst nichts. Die Tante Jolesch lag reglos in den Kissen. Noch atmete sie.
Da faßte sich ihre Lieblingsnichte Louise ein Herz und trat vor. Aus verschnürter Kehle, aber darum nicht minder dringlich kamen ihre Worte:
‚Tante ‒ ins Grab kannst du das Rezept ja doch nicht mitnehmen. Willst du es uns nicht hinterlassen? Willst du uns nicht endlich sagen, wieso deine Krautfleckerln immer so gut waren?‘
Die Tante Jolesch richtete sich mit letzter Kraft ein wenig auf:
‚weil ich nie genug gemacht hab…‘
Sprach’s, lächelte und verschied.


2. Ehefrau (von Franz Jolesch): Katharina (Catalina, Kató) Zahler, geb. 08. Juli 1912 in Kaschau (damals Ungarn, heute Košice, Slowakei), gest. 16. März 1989 in Wien III, Rudolfspital (Wohnort: Wien I, Mahlerstraße 3/5/20, begraben 28. März 1989 am Zentralfriedhof Wien 4. Tor 18a/36/26).
Die Hochzeit muss kurz nach der Scheidung von Franz Jolesch von seiner ersten Frau Anna Louise Gosztonyi de Abalehota (s.o.) stattgefunden haben.

Am 19. Februar 1936 sucht sie schon als Katharina Jolesch um einen Pass an. Als die Nazis die ‚Rest-Tschechei‘ besetzten, fliehen beide nach Kaschau. Nach dem Krieg geht das Ehepaar zunächst nach Wien, im April 1949 schiffen sie sich von Liverpool nach Chile ein[5]

In Chile konnte sich Franz Jolesch offensichtlich in der ihm angestammten Textilbranche eine neue Existenz aufbauen. 1957 waren Franz und Kató Jolesch auf einen Besuch in Wien, wo sie sehr wahrscheinlich auch Friedrich Torberg trafen[6].

Nach Franz Joleschs Tod blieb Kató noch eine Zeit lang in Chile, danach offensichtlich in New York und kehrte schließlich nach Wien zurück, in jene Stadt, wo auch Louise, die erste Frau von Franz Jolesch lebte[7].

Am 5. April 1975 schreibt sie [Kató, Anm. d. Verf.] Torberg. Soeben habe sie einen Anruf von einer Freundin bekommen, die ihr die ‚liebevollen Erinnerungen an den Franzl‘ vorgelesen habe: ‚Ich bin ganz gerührt und will mich schön bedanken. Er hat Sie sehr geliebt. Jetzt kommt eine unbescheidene Bitte. Könnte ich als letzte Jolesch ein gewidmetes Exemplar vom liebsten Autor [er]bitten? Viel Glück und alles Liebe. Herzlichst Ihre Kató Jolesch.‘
Torberg antwortet gleich am 7. April: Jetzt geht er in die Offensive ‒ um sich spätere Diskussionen zu ersparen. Kató Jolesch hat zu diesem Zeitpunkt das Buch ja noch nicht gelesen. ‚Liebe Kató, das war eine freudige Überraschung von Ihnen zu hören, und das gewünschte Widmungsexemplar geht mit gleicher Drucksachenpost an Sie ab. Sie werden übrigens merken, daß die Tante Jolesch kein Abbild der wirklichen ist, sondern eine symbolische Figur. Wirklich ist, was über den Franzl drinsteht. Ich bin glücklich, ihm und unserer Freundschaft auf diese Weise ein kleines Denkmal gesetzt zu haben…‘ [8]


[1] Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit. Eine Recherche, Innsbruck-Wien 2013, 248 [Zurück zum Text (1)]

[2] Robert Sedlaczek „Die ‚böse‘ Nichte der Tante Jolesch“, in: Wiener Zeitung, 03. 05. 2013, Robert Sedlaczek „The Making of ‚Die Tante Jolesch'“, in: Der Standard, 26. 04. 2013, Robert Sedlaczek „Die Tante Jolesch und ihre Zeit“, in: Online Merker. Die internationale Kulturplattform, 20. 07. 2013, und besonders: Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit. Eine Recherche, a.a.O., 264ff [Zurück zum Text (2)]

[3] Siehe Robert Sedlaczek „Die ‚böse‘ Nichte der Tante Jolesch“, in: Wiener Zeitung, 03. 05. 2013 [Zurück zum Text (3)]

[4] Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit. Eine Recherche, a.a.O., 122 [Zurück zum Text (4)]

[5] Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit, a.a.O., 150 [Zurück zum Text (5)]

[6] Siehe Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit, a.a.O., 150f [Zurück zum Text (6)]

[7] Siehe Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit, a.a.O., 153 [Zurück zum Text (7)]

[8] Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit, a.a.O., 248 [Zurück zum Text (8)]


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Zwischen den Metropolen. Vom mährischen Eibenschütz ins pannonische Eisenstadt.

Das Österreichische Jüdische Museum lädt im Rahmen des Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2018 herzlich ein zur Buchpräsentation „Das steinerne Archiv von Ivančice“ von und mit Ludwiga Reich. Wann: Sonntag,…

Das Österreichische Jüdische Museum lädt im Rahmen des
Europäischen Tages der jüdischen Kultur 2018
herzlich ein zur

Buchpräsentation „Das steinerne Archiv von Ivančice“

von und mit Ludwiga Reich.


Wann: Sonntag, 02. September 2018, 10.30-11.30 Uhr

Wo: Österreichisches Jüdisches Museum


Ein wunderbares Buch und spannende Geschichten, die bedeutende und berühmte Geschichte einer der ältesten jüdischen Gemeinden Mährens und vor allem die faszinierenden und engen Beziehungen zur jüdischen Gemeinde Eisenstadt:

Denn der zweifellos berühmteste Sohn von Ivančice (Eibenschütz) ist Jonathan Eybeschütz, geb. 1690 in Krakau, gest. 1764 in Altona, Wunderkind, Rabbiner, Talmudist, Kabbalist und eine der zentralen Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte. Jonathans Vater Nathan war seit ca. 1700 Rabbiner in Eibenschütz und starb dort 1702 sehr jung. Jonathan wurde zunächst an die Jeschiwa nach Prossnitz in Mähren geschickt, wo damals niemand Geringerer als Meir Eisenstadt Rabbiner war. Nach einer Zwischenstation an der Jeschiwa in Holleschau ging Jonathan Eybeschütz 1710 nach Wien, wo er bei Meir Eisenstadts Förderer Samson Wertheimer vorhatte zu studieren. Wertheimer wollte Jonathan mit seiner Tochter verheiraten, dieser ging jedoch nach Prag, wo er Elkele, die Tochter von Rabbi Isaac Spira ehelichte. Über Hamburg kam er zurück nach Prag, Zwistigkeiten innerhalb der jüdischen Gemeinde führten ihn weiter nach Metz und Fürth, und 1750 wurde er schließlich Oberrabbiner von Altona, Hamburg und Wandsbeck.


Auf dem heutigen jüdischen Friedhof von Ivančice – es gab mehrere Vorgängerfriedhöfe – befinden sich etwa 1.800 Grabsteine. Der Friedhof ist der älteste in Mähren und – nach Prag und Kolin – der drittälteste der Tschechischen Republik. Der Zahl stehen allerdings ca. 4.350 seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verstorbene Personen gegenüber, deren Grabstellen entweder abhanden gekommen sind oder auch nie existiert haben (Kindergräber?).

Unter den Ehrengräbern an der Westmauer des Friedhofes finden wir große Namen: Rabbi Beer Oppenheim, der nach 31 Jahren des Wirkens 1859 in Eibenschütz verstarb und in dessen Amtszeit auch die alte Synagoge abgerissen und neu errichtet wurde. Oberkantor Wilhelm Löwensohn war ein Verwandter des in den USA lebenden Komponisten und Dirigenten Hugo David Weisgall. Hugo Weisgall, geb. am 13. Oktober 1912 in Ivančice, soll als Kulturattache der US-Botschaft in Prag als erster ausländischer Dirigent angeblich die Prager Philharmonie bei einem großen Konzert dirigiert haben. Bekannt sind auch seine Werke wie die „Soldier Songs“ und „The Dying Airmen“ und „Futility“, die er unter dem Eindruck des Holocaust und der Konzentrationslager komponierte. Auffällig besonders die monumentale Grabstätte der Familie Bauer, der bedeutendsten Unternehmerdynastie von Brünn. Ihr Begründer Aron Hersch Bauer wurde 1779 in Ivančice geboren, war an der Kohleerzeugung beteiligt und trieb die Industrialisierung der Zuckererzeugung voran. Oder Joachim Adler, außergewöhnlich beliebter Arzt, dessen Sohn Guido Adler, geb. am 01. November 1855, in Wien aufwuchs, erst als Jurist arbeitete, sich dann aber ausschließlich der Musik widmete, bei Anton Bruckner studierte und selbst der Lehrer von Anton Webern und Egon Wellesz war.
Die Namensliste ließe sich noch lange fortsetzen. Darunter – wir bleiben bei der Musik – auch die Vorfahren väterlicherseits von Fritz Gulda – damals noch mit „K“ – oder Schallinger, ein Name, der in Wien fast ein Jahrhundert lang mit Musik verbunden war.
Doch (auch) darüber wird uns die Autorin, Frau Ludwiga Reich, am 2. September mehr erzählen…




Ivančice – Eibenschütz: die alte Stadt mit (heute) gerademal 10.000-Einwohnern, hat eine lange und bemerkenswerte Geschichte, die wohl in erster Linie die Geschichte der Juden von Ivančice ist. Und selbst in der Literatur findet sie ihren Niederschlag, so oder so. Denn wer kennt ihn nicht: Joseph Roths Eichmeister Anselm Eibenschütz, der im Roman „Das falsche Gewicht. Die Geschichte eines Eichmeisters“ im nur 45km entfernten Mikulov (Nikolsburg) geboren wurde und nach Galizien ziehen musste… (Im Film „Das falsche Gewicht“ von Bernhard Wicki (1971) spielt übrigens Helmut Qualtinger den Anselm Eibenschütz).


Gesamtprogramm des Europäischen Tags der jüdischen Kultur 2018 im Burgenland (programm2018.pdf, 722KB)


Alle Fotos: Ludwiga Reich.

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Die entgegengesetzte Richtung

Den Dolch der mörderischen Ablehnung verstand auch Alfred Polgar zu handhaben, dem es die klebrigen Anbiederungsversuche des Stammgastes Weiß angetan hatten. Als er eines Nachmittags das Kaffeehaus verließ, folgte ihm…

Den Dolch der mörderischen Ablehnung verstand auch Alfred Polgar zu handhaben, dem es die klebrigen Anbiederungsversuche des Stammgastes Weiß angetan hatten. Als er eines Nachmittags das Kaffeehaus verließ, folgte ihm Weiß auf die Straße, gesellte sich devot an seine Seite und stellte ihm die scheinbar ausweglose Frage:

„In welche Richtung gehen Sie, Herr Polgar?“
er erhielt den prompten Bescheid:
In die entgegengesetzte.“

Torberg Friedrich, Gesammelte Werke, Band VIII. Die Tante Jolesch, München, 151988

In diesen Tagen, vor 85 Jahren, war für den „österreichischen Juden“ Alfred Polgar im nationalsozialistischen Deutschland kein Platz mehr. Anfang März 1933 floh er nach Prag. Am 10. Mai 1933 wurden seine Bücher verbrannt.

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Vilma Steindling

Das Österreichische Jüdische Museum lädt herzlich ein zur Lesung „Vilma Steindling. Eine jüdische Kommunistin im Widerstand“ Claudia Erdheim Wann: Sonntag, 27. August 2017, 10.30 Uhr Wo: Österreichisches Jüdisches Museum Das…

Das Österreichische Jüdische Museum lädt herzlich ein zur Lesung

„Vilma Steindling. Eine jüdische Kommunistin im Widerstand“

Claudia Erdheim

Wann: Sonntag, 27. August 2017, 10.30 Uhr

Wo: Österreichisches Jüdisches Museum


Das bewegte und bewegende Leben der Vilma Steindling, geborene Geiringer, beginnt unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg und endet 1989, als sie siebzig ist. Dazwischen liegen Ereignisse, die an Dynamik, Spannung, aber auch an Tragik kaum zu übertreffen sind. Als Mitglied des Kommunistischen Jugendverbands geht Vilma 1937 nach dem Verbot dieser Organisation nach Paris. Dort schließt sie sich der Résistance an und engagiert sich in der „Mädelarbeit“. Sie ist „jung, fröhlich und voll Lebenslust.“
1942 in Paris verhaftet und zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt meint sie:

Das ist mir wurscht, wie viele Jahre Sie mir geben, wenn der Krieg aus ist, da gehe ich nach Hause.

Doch es kam anders: Vilmas Leidensweg führte sie von 1943 bis Jänner 1945 nach Auschwitz und schließlich bis April 1945 nach Ravensbrück.

Nach Wien zurückgekehrt fand sie ein Österreich vor, das „weitgehend in Trümmern“ liegt. Viele Freunde, besonders ihren geliebten Lebensgefährten Arthur Kreindel, hatte sie verloren, er wurde am 28. März 1945 in Dachau ermordet.

Der Neuanfang gestaltete sich schwierig. Eheprobleme mit Adolf Steindling sowie die Enttäuschung über die KPÖ, die kein Interesse für KZ-Überlebende zeigt, sowie ständiges Unverständnis und Misstrauen belasten sie so sehr, dass sie sich in den 1950er Jahren entschließt, die in Auschwitz tätowierte Nummer wegoperieren zu lassen „um endlich nicht mehr den Blicken, und den unangenehmen Fragen ausgesetzt zu sein.

Steindlings und Erdheims Buch sprengt den Rahmen der Biografie und malt ein breiteres historisches, gesellschaftliches und politisches Panorama. In seiner sachlichen, präzisen und die Ereignisse doch anschaulich und einfühlsam erzählenden Art gibt es eindrücklich die Atmosphäre Wiens nach dem Ersten Weltkrieg, den erstarkenden Antisemitismus, die Ankunft der Nazis, die Tätigkeit der KPÖ, das Leben in den Lagern wieder. Wir treten mit Vilma Steindling auf ihrem Weg durch diese Orte des Schreckens dem berüchtigten Dr. Mengele gegenüber, erleben mit ihr viel Grausamkeit und zugleich viel Menschlichkeit.

Die „wandelnden Leichen“ von Auschwitz auf der einen Seite und Vilma Steindlings mutiger Widerstand auf der anderen sind eine Anklage gegen all diejenigen, die eine „Rasse“ erfinden mussten, „damit sie ausgesondert, beraubt, vertrieben, ausgemordet werden konnte„, so der Politikwissenschaftler Anton Pelinka im Nachwort zum Buch. Ruth Steindlings und Claudia Erdheims Buch beschwört die „erdrückenden Schatten der Vergangenheit“ (Pelinka) noch einmal herauf, um uns von ihnen zu befreien.

Mehr zum Buch auf der Website von Claudia Erdheim.


1 Kommentar zu Vilma Steindling

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