Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: mattersburg

Urlaubstage im Burgenland

Eine historische Lese-Reise durch das jüdische Burgenland Im November/Dezember 1924 lud die Wochenzeitung „Jüdische Presse“ (Wien/Bratislava) ihre LeserInnen zu einer Lese-Reise durch das jüdische Burgenland: „Urlaubstage im Burgenland“ war die…

Eine historische Lese-Reise durch das jüdische Burgenland

Im November/Dezember 1924 lud die Wochenzeitung „Jüdische Presse“ (Wien/Bratislava) ihre LeserInnen zu einer Lese-Reise durch das jüdische Burgenland: „Urlaubstage im Burgenland“ war die 5-teilige Serie überschrieben; als Berichterstatter respektive Reiseführer fungierte Leopold Moses, 1888 in Mödling geborener Journalist und Historiker.

Moses wählte für seine Urlaubsfahrt – in den Text eingestreute Verweise auf jüdische Feiertage machen deutlich, dass es sich dabei (anders als das Erscheinungsdatum vermuten lässt) um eine Sommerreise gehandelt haben muss – eine grobe Nord-Süd-Route: Nach einem ersten Halt in Mattersburg/-dorf führte der Weg, via Sopron/Ödenburg, in die mittelburgenländischen Gemeinden Deutschkreutz, Lackenbach und Kobersdorf – Moses besuchte damit immerhin vier der sogenannten „Sieben-Gemeinden“, jener Gruppe jüdischer Landgemeinden, die sich unter dem Schutz der Fürsten Esterházy auf dem Gebiet des heutigen Burgenlands etablieren konnten (neben den bereits genannten zählten hierzu die Gemeinden Eisenstadt, Kittsee und Frauenkirchen).

Synagoge Lackenbach, ca. 1920

Synagoge Lackenbach, ca. 1920

Mit durchschnittlicher Reiseliteratur haben Moses‘ Burgenland-Reportagen allerdings wenig gemein: Moses‘ primäres Interesse gilt nicht etwa den (ohnehin raren) touristischen Sehenswürdigkeiten oder den Vergnügen der Sommerfrischler, sondern – passend zur orthodox-jüdischen Leserschaft der „Jüdischen Presse“ – dem religiösen Gemeindeleben, das er in seinen Alltäglichkeiten und Spezialitäten dokumentiert – „Urlaubstage“ der etwas anderen Art also …

Besonders angetan zeigt sich der Berichterstatter dabei von der lebendigen Frömmigkeit in den burgenländischen Gemeinden: von der Begeisterung etwa, die die religiösen Vollzüge begleitet; oder den frommen Geschäftsleuten der Gemeinde Mattersdorf (und ähnlich in Deutschkreutz), die inmitten ihres Tagewerks „jede freie Viertelstunde [benützen], um ein Stückchen zu ‚lernen'“ – ja, selbst

… spät am Abend noch empfängt mich bei der Heimkehr von einem Spaziergange durch die Felder das Geräusch von Stimmen, das von den im Wirtshause beim Weinglas ausruhenden Bauern herrührt, und gleich daneben im gleichmäßigen Tonfall des Talmudstudiums die wehmütig und doch auch so zuversichtlich zugleich klingende Stimme Jakobs [Jakob meint hier keine konkrete Person, sondern ist als Bild für das „Volk Israel“ zu nehmen]…

Jüdische Presse, 14.11.1924, 10. Jg., Nr. 46, S. 303ff.

So groß ist Moses‘ Begeisterung für dieses jüdische Leben des Burgenlands, dass er zu reichlich schmeichelhaften Analogiebildungen – nämlich mit den Städten Palästinas – greift: Lackenbach

… möchte ich … das Rechoivoth unter den Schewa Kehilloth [hebräischer Name der oben angesprochenen burgenländischen „Sieben-Gemeinden“] nennen. Und dann wäre etwa, um im Bilde zu bleiben, Eisenstadt das Jerusalem, Mattersdorf das Zabueh, Zelem [hebräischer Name für Deutschkreutz] das Safed und Kobersdorf das Tiberias des Burgenlandes.

Jüdische Presse, 28.11.1924, 10. Jg., Nr. 48, S. 315.

Im Einzelnen freilich ist Moses durchgehend um realistische Beschreibungen des burgenländisch-jüdischen Lebens bemüht – entsprechend werden etwa auch allfällige religiöse Auflösungserscheinungen vermerkt, wie in der folgenden hübschen Anekdote zur Fußballbegeisterung in der jüdischen Gemeinde Lackenbach:

Am vergangenen Tischa b’Aw [Trauertag in Erinnerung an die Zerstörung des Jerusalemer Tempels, an dem Vergnügen verschiedenster Art gemieden werden], da ein Fußballmatch der vereinigten jüdischen und deutschen Fußballspieler Lackenbachs gegen Ödenburger Gäste, das man aus Sporthöflichkeit nicht verschieben zu können meinte, stattfinden sollte, wusste sich der strengfromme und durch seine Schriften sehr bekannte Rabbiner R. Jehuda Kraus nicht anders zu helfen, als indem er den Fußball durch den Schammes [Synagogendiener] beschlagnahmen ließ. Freilich ahnte der gute Mann … nicht, dass die Jugend vorsichtig genug sein würde, noch einen zweiten Ball zu besitzen, mit dem auch das Spiel ausgetragen wurde …

Jüdische Presse, 28.11.1924, 10. Jg., Nr. 48, S. 316.

Moses‘ Fazit ist dann aber doch ein positives, zumal wenn er – zum Abschluss der Serie – auf das Verhältnis der burgenländischen Juden zur nicht-jüdischen Bevölkerung zu sprechen kommt:

… seit Jahrhunderten sind die Juden dieser Gemeinden …, gleich der kaum viel früher eingewanderten grundehrlichen und braven deutschen Bauernbevölkerung, mit den Geschicken dieses schönen Ländchens verknüpft. Bei der nichtjüdischen Bevölkerung des Burgenlandes herrscht … Verständnis für die Eigenart des jüdischen Bevölkerungsteiles, da hier die Juden diese Eigenart auch viel freier zur Schau tragen und stolzer betonen als sonst irgendwo in Mitteleuropa. (…) Wenn im Monat Elul [August/September] im Burgenlande der Schofar [Widderhorn, das u.a. im Elul geblasen wird] ertönt, dann sagen die Bauern, dass die Juden den Herbst einblasen, wenn in Zeiten der Dürre alle Bittprozessionen nicht helfen wollen, dann kommen sie zu den Juden und fordern sie auf, um Regen zu beten, und in Mattersdorf ist von den zwei dort bestehenden Ortsfeuerwehren die jüdische auch bei den Nichtjuden als die bessere anerkannt.
Die Juden des Burgenlandes haben aber auch immer eine gewisse Rolle im europäischen Judentum gespielt und auch jetzt … sind sie uns mehr als bloß ihrer numerischen Bedeutung entspricht.

Jüdische Presse, 19.12.1924, 10. Jg., Nr. 51/52, S. 328f.

Leopold Moses – das sei zum Ende hin erwähnt – war in späteren Jahren Archivar der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde; er wurde (lt. Informationen der Holocaust-Gedenkstätte/-Forschungsstelle Yad Vashem) im Dezember 1943 aus Wien nach Auschwitz deportiert und ebendort ums Leben gebracht.

Moses Reisereportagen aus dem Burgenland finden sich im Volltext online auf Compact Memory (die obigen Zitate wurden ebendort entnommen).

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir – was sonst: Urlaubstage im Burgenland, vielleicht sogar auf den Spuren der jüdischen Gemeinden … Alternativ – für diejenigen, deren Zeit knapper bemessen ist – ist auch ein sommerlicher Tagesausflug jedenfalls empfehlenswert … ;) Falls es Sie dabei – anders als Leopold Moses – auch nach Eisenstadt verschlagen sollte, würden wir uns natürlich über Ihren Besuch im Jüdischen Museum freuen bzw. laden Sie herzlich ein zur Begehung unserer aktuellen Outdoor-Ausstellung „Ver(BE)gangen“, die durch Geschichte und Gegenwart des jüdischen Eisenstadt führt.


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Tipp der Woche – Fahrt ins Blaue

Richard Berczeller ist den treuen Blogleserinnen/-lesern kein Unbekannter mehr. Vor über einem Jahr portätierte ihn unser Gastautor Dr. Günter Unger in seinem Beitrag: Begnadeter Überlebenskünstler / Zaungast der Politik. Nun…

Richard Berczeller ist den treuen Blogleserinnen/-lesern kein Unbekannter mehr. Vor über einem Jahr portätierte ihn unser Gastautor Dr. Günter Unger in seinem Beitrag: Begnadeter Überlebenskünstler / Zaungast der Politik.

Nun sind erstmals 10 Geschichten Berczellers aus dem New Yorker ins Deutsche übersetzt in Buchform erschienen. Präsentiert wird das Buch „Fahrt ins Blaue“ am kommenden Freitag im Funksalon des ORF Funkhauses Eisenstadt (s.u. die Details).

In der ersten Geschichte des gleichnamigen Buches „Fahrt ins Blaue“ erzählt Berczeller vom letzten Schrei der 1930er-Jahre, als die so gut wie bankrotten österreichischen Bundesbahnen auf die Idee kamen, den Personenverkehr mit Sonntagsausflügen anzukurbeln. Der Start dieser Reisen war jeweils am Wiener Westbahnhof, das Ziel war unbekannt und eine Überraschung für die Reisenden. Das Interesse war groß, das Geschäft boomte, Fahrkarten war schwer zu bekommen.

Die beiden feschen Brüder aus dem jüdischen Viertel Eisenstadt, Otto und Bruno, hatten ein halbes Jahr für ihre Fahrt ins Blaue gespart. Endlich war es so weit, mit neuen schwarzen Anzügen und weißen Seidenhemden machten sie sich nach Wien auf, um die Reise ins Unbekannt anzutreten. Eineinhalb Stunden später hörten sie die Klänge einer Musikkapelle. Die Rollos wurden hochgezogen und sie blicken nach draußen. Sie waren in Eisenstadt!

Die beiden waren schwer blamiert, sie wurden zum Gespött der ganzen Stadt … Auf ihren Anspruch, die Rückreise nach Wien zu konsumieren, verzichteten sie selbstverständlich.

Am Schluss der Geschichte erzählt Berczeller, dass er ein Jahr nach dem Krieg in der Ambulanz des Beth Israel Hospitals in New York einen alten Mann traf, der ihn erkannte und mit dem er ins Gespräch kam. Unweigerlich kamen die beiden auf die feschen Brüder Bruno und Otto zu sprechen – wusste er etwas von ihnen?

Ja, das tat er. Er war mit ihnen in Montauban interniert gewesen und wusste auch, was aus ihnen geworden war. Eines Tages sah er, wie sie gemeinsam mit anderen in einen der Güterwaggone nach Auschwitz verfrachtet wurden. Als die SS-Truppen die Eisentüren zuschoben, um sie einzuschließen, hörte er Bruno zu Otto sagen: „Wieder so eine Fahrt ins Blaue.“

Richard Berczellers Geschichten sind stark anekdotenhaft und das sollte man immer im Hinterkopf haben beim Lesen. Sieht man in den Geschichten zeithistorische Dokumente, würde man unweigerlich Opfer eine Reihe von Fehlern, ungenauen Erinnerungen und manchmal schlicht falscher Tatsachen werden (selbstverständlich gab es zur Zeit von Bruno und Otto keine mittelalterliche Synagoge im jüdischen Viertel von Eisenstadt …). Was allerdings dann vielleicht nicht ganz unproblematisch sein kann, wenn der anekdotenhafte und atmosphärische Charakter der Geschichte (nahezu gänzlich) verloren geht: Beispiel Lackenbach, Seite 136f:

Ich wusste noch genau, wo der Friedhof lag – an einem schmalen Pfad, der hinter der Synagoge in der Judengasse den Hang hinaufstieg. Von dem Ort in meiner Erinnerung war aber nichts mehr übrig. Die jüdischen Namen über den Geschäften in der Judengasse waren verschwunden; die geduckte düstere Synagoge war dem Erdboden gleichgemacht; und der schmale Pfad dahinter war zu einer Straße ausgebaut worden. Vom Friedhof war nichts zu sehen. Meine Frau und ich liefen die Gasse auf und ab, ohne ihn ausfindig zu machen, bis ich mich schließlich an einen alten Mann wandte, der in der Sonne saß, und ihn nach dem „Judenfriedhof“ fragte. Er zeigte darauf. Auf dem kleinen Platz vor dem Friedhofseingang stand jetzt ein Haus, das ihn vollständig verdeckte. Der alte Mann führte uns durch einen Gemüsegarten und danach über einen Hof, in dem Hühner herumliefen und Maiskörner pickten. Endlich standen wir vor dem verrosteten Tor.

Über den Umgang Lackenbachs mit seiner jüdischen Vergangenheit könnte man viel Trauriges und Beschämendes sagen und schreiben. Der jüdische Friedhof von Lackenbach aber ist der größte jüdische Friedhof auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes, mit über 1.700 Grabsteinen. Fährt man die Straße hinter der Kirche, wo einst der schmale Weg führte, bergauf, kann der jüdische Friedhof nicht übersehen werden. Streng genommen hat er 2 Eingänge, die auch nicht zu übersehen sind. Das war auch die Situation im Sommer 1963, als Richard Berczeller den Ort besuchte.

Aber lassen wir Richard Berczellers Sohn, Peter Berczeller, zu Wort kommen, der die Literatur seines Vaters im Nachwort des Buches auf den Punkt bringt:

Richard Berczeller war vor allen Dingen ein Geschichten- und Anekdotenerzähler; einer, der in der Tradition der Männer und Frauen erzählte, die seit Menschengedenken auf den von Rauch durchzogenen Märkten auf ihr Publikum warteten und es für ein paar Groschen mit erfundenen Geschichten in ihren Bann zogen, denen sie manchmal auch ein paar Fakten beimischten …

In der Geschichte „Sodom und Gomorrha“ erzählt der Arzt Dr. Richard Berczeller von seiner anderen großen Leidenschaft, der Schauspielerei, mit der er schon versuchte, sein Studium zu finanzieren. Im April 1923 kam das Stummfilm-Epos „Sodom und Gomorrha“ in die Kinos in Wien. Berczeller als Lot in einer Hauptrolle ist heute noch auf YouTube zu bewundern (s.o. Video)

Richard Berczeller Buchpräsentation
im Funksalon
Fahrt ins Blaue und andere Geschichten aus dem „New Yorker“
In Kooperation mit dem Literaturhaus Mattersburg


Am Freitag, 11. Mai 2012, 19.30 Uhr
Ort: ORF Funkhaus Eisenstadt, Buchgraben 51, 7000 Eisenstadt

Der Eintritt ist frei.


Im Funksalon erzählt Sohn Peter Berczeller von Fabulierlust und Sehnsucht. Zu Gast ist außer meiner Wenigkeit noch der Journalist Wolfgang Weisgram. Aus Richard Berczellers Texten liest Georg Kusztrich. Die Poesie der Geschichten ergründet Karin Schäfer mit ihrem Figurentheater.


Um Antwort (bei Zusage) wird gebeten:
Teleon 02682 700-27211
E-Mail: direktion.bgld@ORF.at


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Rabbi Samuel Ehrenfeld der Ältere

Titelseite Chatan Sofer Wir unterbrechen unsere Sommerpause kurz aufgrund der morgigen Jahrzeit von Rabbiner Samuel Ehrenfeld dem Älteren, dem Großvater des berühmten „letzten“ Rabbiners von Mattersburg, Rabbi Samuel Ehrenfeld des…

Titelseite Chatan Sofer


Wir unterbrechen unsere Sommerpause kurz aufgrund der morgigen Jahrzeit von Rabbiner Samuel Ehrenfeld dem Älteren, dem Großvater des berühmten „letzten“ Rabbiners von Mattersburg, Rabbi Samuel Ehrenfeld des Jüngeren.

Der 1. Tag des jüdischen Monats Aw (heuer: Montag, der 1. August) ist der Jahrzeittag des Mattersdorfer Rabbiners Samuel Ehrenfeld des Älteren. Er erblickte im Jahre 1839 in Pressburg das Licht der Welt. Die folgende biographische Skizze folgt im Wesentlichen dem Nachruf im „Israelit“ (Nr. 68 (1883), S. 1149-1151), einer von Rabbiner Dr. Markus (Mordechai) Lehmann in Mainz herausgegebenen deutsch-jüdischen Zeitschrift.

Rabbi Samuels Vater, Rabbi David Hisch (Zwi) Ehrenfeld, ein Schüler des Chatam Sofer, war ein frommer und gelehrter Mann, der sich zeitlebens weigerte, eine rabbinische Stelle zu übernehmen und als Kaufmann seinen Lebensunterhalt verdiente. Er muss ein glänzender Toragelehrter und vorbildlicher Mensch gewesen sein, denn sein Meister wählte ihn zum Mann seiner Tochter aus.
R. Samuel erbte die hervorragenden Geistesgaben sowie die Liebe zur Tora von beiden Elternteilen, sog sie gleichermaßen mit der Muttermilch auf, und das machte sich auch bald bemerkbar:

In seinem Sohne Rabbi Samuel erwacht schon im Knabenalter eine glühende Liebe und Lust zur Thora. Er besuchte bald die Jeschiwa seines Onkels בעל כתב סופר [Verfasser des Werkes „Ketaw Sofer“], und wohin der junge R. Samuel kam, erregte er durch seine talmudischen Kenntnisse großes Aufsehen.

Seine Begeisterung – und dieser Ausdruck ist in diesem Falle wörtlich zu verstehen – für die Tora behielt er zeitlebens bei:

Von frühem Morgen bis gegen Mitternacht saß er über seinen Folianten gebeugt und wer ihm dann ins Gesicht sah, der glaubte ופניו מאיר‘ כזהר שכינה – etwas von jenem höhern göttlichen Geiste auf seinen begeisterten Zügen zu bemerken.

Ist es ein Wunder, daß dieser Gelehrtentypus sich nichts sehnlicher wünschte als ungestört sich dem Lernen hingeben zu können?

Sein bescheidener ruhiger Charakter sehnte sich nach einem ruhigen, unabhängigen und bescheidenen Wirkungskreise. Sein sehnsüchtiges Verlangen wurde erfüllt, ein reicher angesehener ת“ח [Toragelehrter] R. Bunem Paschkus aus Szerdahely [Dunajská Streda] nahm ihn als Schwiegersohn und verschaffte ihm die Gelegenheit ganz seinem edlen Wunsche gerecht zu werden. Trotzdem er sich dem Kaufmannstande widmete, beschäftigte er sich ununterbrochen בלימוד תה“ק [mit dem Studium der heiligen Tora].

Israelit 68 (1883), S. 1150

Dem Artikel im „Israelit“ zufolge war die Ehe eine gelungene; die Eheleute führten ein glückliches und harmonisches Familienleben:

Welch ein glückliches Familienleben er mit seiner gleichgesinnten Gattin, die השב“ה [Gott, gelobt sei er] trösten möge, führte, das weiß nur derjenige zu würdigen, der, wenn auch kurze Zeit, das Glück hatte in seiner Nähe zu weilen. Die Erziehung seiner Kinder im Geiste des Judenthums machte er zu seiner ersten Lebensaufgabe, sein sanftes, liebenswürdiges Wesen, sein edles Beispiel wirkte belehrend und erziehend, diese Liebenswürdigkeit wahrte er aber auch gegen Jedermann.

Die Söhne wuchsen ebenfalls zu großen Gelehrten auf: Rabbi Simcha Bunem (Bernhard) wurde später seines Vaters Nachfolger in Mattersdorf, und R. David Zvi, seines Zeichens Gemeindevorsteher in Surany, wurde der Schwiegervater seines Neffen Rabbi Samuel Ehrenfeld des Jüngeren (der letzte Mattersdorfer Rabbiner).

Es wäre schade gewesen, wenn dieser hervorragende Gelehrte und Erzieher sich mit seiner Rolle als Kaufmann begnügt hätte. Zum Glück hatte man seine Fähigkeiten bald erkannt und drang in ihn, doch ein Rabbinat zu übernehmen.

Im Gegensatz zu seinem Vater vermochte er sich der rabbinischen Tätigkeit auf die Dauer nicht entziehen. In Folge wiederholter Aufforderung folgte er 1866 dem Ruf nach Bethlen [Beclean] in Siebenbürgen und zwei Jahre später nach Szikszó in Ungarn.

1877 erreichte ihn der Ruf aus Mattersdorf. Er erklärte sich dazu bereit, überlegte es sich später aber wieder – wohl auf Drängen der Gemeinde Szikszó hin – und wollte in seinem Amt bleiben, so heißt es im Israelit (Nr. 32 (1877), S. 763). Zwei Wochen später berichtet das Blatt, Rabbi Samuel werde nun doch nach Mattersdorf gehen (Nr. 35 (1877), S. 840.

Die damaligen ungarischen Rabbiner waren für sämtliche religiösen Funktionen in ihren zumeist nicht sehr großen Gemeinden zuständig: außer Leitung des Gottesdienstes in der Synagoge, der Beantwortung von religionsgesetzlichen Fragen, der Vornahme von Trauungen und Begräbnissen sowie der Überwachung des Kaschrut-Wesens oblag dem Rabbiner auch die Matrikenführung, und last but not least der Toraunterricht. Und dieses Gebiet war es auch, auf dem Rabbi Samuel seine größten Leistungen erbrachte.

Seine ersten Erfahrungen im Unterrichten machte der junge Rabbi Samuel noch in Pressburg. Und als einmal sein Onkel, der Oberrabbiner auf Anraten der Ärzte auf Kur fahren musste, so war er, der „noch sehr junge“ Kaufmann, einer seiner Stellvertreter an der Jeschiwa (Israelit 29 (1861), S. 353).

[Es] strömten aus ganz Ungarn zahlreiche בחורים [Bachurim, Studenten], um bei ihm zu lernen. Er war buchstäblich im ganzen Gebiete des jüdischen Wissens zu Hause, durchdrang den ganzen Talmud, mit jenem eigenthümlichen Scharfblick, der ihn immer auf den geraden Weg führte. Wer bei R. Samuel das Glück hatte, nur kurze Zeit zu verweilen, trug דברי תורה [Worte der Tora] davon. Er glich wahrhaft einem nie versiegenden Quell, aus dem immer Thora sprudelte.

Allgemein gerühmt wird die Art und Weise seines Vortrages, die das Schwierigste und Verwickeltste einem Jeden auch minder Befähigten klar und zugänglich zu machen wußte. Unübertrefflich war aber seine Lehrfähigkeit im Gebiete des Talmuds; jeder Schüler mußte bei ihm Fortschritte machen, denn der Verblichens wußte jeden für die Thora zu begeistern, und sein Fleiß im Thorastudium nahm nie ab.

Schon in Szikszó hatte er eine eigene, sehr gut besuchte Jeschiwa geleitet. Diese führte er dann in Mattersdorf weiter. Diese Gemeinde zählte zu jener Zeit etwa 200 Mitglieder. Der „Israelit“ (Nr, 2 (1878), S. 37) berichtet über die Jeschiwa, dass an ihr 80 Bachurim studierten. Zum Zweck der Verköstigung der meist armen Studenten gründete er den Verein Chewrat Mesonot [Ernährungsverein] – jedes Gemeindemitglied verpflegte mindestens einen Bachur einmal in der Woche den ganzen Tag. Auch die Juden in den umliegenden Dörfern beteiligen sich mit finanzieller Unterstützung an diesem Verein.

Einige Informationen über die Größe der Jeschiwa und ihre finanziellen Lage im Jahre 1882 lassen sich dem folgenden Spendenaufruf eines gewissen H. Wolffing aus Würzburg entnehmen (Israelit 3 (1882), S. 67):

Matterdorf (Ungarn). Mitleidsgefühle der mannigfachsten Art, wahre Nächsten- und Bruderliebe sind es, durch die ich mich dringend veranlaßt sehe, eine sehr bedeutungsvolle, gewiß bescheidene Bitte an die geschätzten Leser zu richten.

Die Jeschibah zu Mattersdorf gehört bekanntlich zu den hervorragensten und am zahlreich besuchtesten Ungarns, indem mehr als 110 Bachurim ה‘ יברכם [Gott segne sie] sich hier befinden, um aus dem reichlich sprudelnden Borne des hochzuverehrenden הרב הגאון והקדוש נ“י [des genialen und heiligen Rabbiners, sein Licht leuchte] zu schöpfen und dem Thorastudium obzuliegen. Aus fernen Gegenden nicht nur Ungarns, sondern auch anderer Länder weilen hier Schüler, dr Zudrang wird ein immer größerer und die Zahl Derjenigen, die der Unterstützung bedürfen, wird somit immer beträchtlicher. Wenn man nun auch der hiesigen Gemeinde zu sehr großem Danke für ihr gefälliges stetes Wohlwollen verpflichtet ist, so sind diese Beiträge gar zu gering, um das gewünschte Resultat zu erzielen, da Mattersdorf ja nur ein kleiner Marktflecken und der größte Theil der Jeschiba den Unbemitteln zuzuzälen ist. Als Schüler unseres hochzuverehrenden הרב הגאון נ“י [des genialen Rabbiners, sein Licht leuchte] und als College vieler lieber Freunde, die fast während der ganzen Woche von Brod und Obst leben, halte ich es für meine heilige Pflicht, im Vertrauen auf den vielfach bewährten Wohlthätigkeitssinn der geschätzen Leser an diese das hochwichtige Ersuchen zu richten, ihre wohlwollende Gesinnungen auch öfters der hiesigen Jeschibah in entsprechender Weise zeigen zu wollen.

Kann doch ein Jeder, der diesen Zeilen seine Aufmerksamkeit schenken möchte und diesem Wunsche ein bereitwilliges Ohr leihen würde, in der That sich durch dieses Werk עולם הבא die jenseitige Welt erkaufen. Indem die dahier Lernenden ihre ganze Thätigkeit dem Studium der hl. Thora widmen und bei echter יראת שמים [Gottesfurcht] nur לתורה ולעבודה [dem Torastudium und dem Gebet] leben, so würden edle Freunde und Gönner mit einer etwa monatlichen oder vierteljährlichen Einsendung des Betrages an den Verein der Jeschiba zu Matterdorf, Ungarn eine מצוה [Gebot, Wohltat] thun, die sowohl für diese als für jene Welt ihren Lohn sicherlich in sich birgt und mit vollem Rechte kann man einem Jedem, der edlen Spendenden zurufen: מה רב טובך אשר צפנת (Psalm 31, 20). Wie groß ist doch der Lohn, den Du Deinen Frommen aufbewahrst!

Von seiner Leidenschaft, nämlich der Unterweisung der heiligen Lehre, wollte Rabbi Samuel auch nicht lassen, als dies seiner Gesundheit schadete. Diese seine schwache Gesundheit war vielleicht erblich bedingt. Schon sein Vater, der 1861 mit 54 Jahren das Zeitliche segnete, hatte während seiner ganzen Lebenszeit mit physischen Leiden zu kämpfen gehabt (Israelit 47 (1861), S. 569-570).

Im Nachruf von Rabbiner Grünwald aus Ödenburg (Sopron) wird hervorgehoben, wie sehr ihm seine Jeschiwa am Herzen lag:

… trotzdem es ihm von den Ärzten verboten wurde, seiner Kränklichkeit wegen, מרביץ תורה ברבים [Tora in der Öffentlichkeit zu unterrichten] zu sein, eine Jeschiwa zu halten, die Jeschiwa dennoch nicht aufgab, denn er sagte: Wenn keine Jeschiwa – למה לי חיים? [Was soll mir das Leben?] […]

Dasselbe betont der Nachruf in der Berliner „Jüdischen Presse“:

Trotz der eindringlichen Abmahnung der Ärzte und der Professoren konnte sich derselbe nicht entschließen, des anstrengenden talmudischen Vortrages, welcher er unausgesetzt seinen Schülern zu Teil werden ließ, sich zu enthalten, und erst als bereits der Todeskeim seine Gesundheit vollends zu untergraben und zu zerstören begann, also ein starkes Lungen- und Brustübel ein solches Vorhaben unmöglich machte, erst dann entschloß er sich schwersten Herzen[s], seine Tätigkeit zu unterbrechen und einen Erholungsort aufzusuchen, von dem er nicht mehr lebend zurückkehren sollte.

Jüdische Presse (Berlin) 34 (1883), S. 400

Über sein Ende berichtet der „Israelit“ im eingangs erwähnten Nachruf:

Seit Anfangs Winter [1882] verschlimmert sich allmählich sein Leiden, so daß der Verklärte ז“ל [gesegneten Andenkens], der keine höheren Freuden auf Erden kannte als להרביץ תורה [Tora zu unterrichten] schon damals die שעורים [Lektionen] mit seinen תלמידים [Schülern] unterbrach. Auf Anrathen der Ärzte reiste er nach Kirling [Kierling, gehört heute zu Klosterneuburg; es gab dort ein Sanatorium] zur Erholung, wo aber die dortigen Ärzte und die herbeigerufenen Professoren erklärten, daß das Leiden ein höchst gefährliches sei. Von allen Seiten, wohin die Kunde gelangt war, liefen täglich Erkundigungen und theilnahmsvolle Briefe ein; תפלות ציבור ויחיד [Gebete von Einzelnen und von der Gemeinschaft] stiegen zu dem himmlischen Arzte ב“ה [gelobt sei er] auf.

Allein Er in seinem unerforschlichen Rathe hatte es anders beschlossen. In den letzten Tagen des Lebens של אמ“ו [des Lehrers und Meisters] eilten sämmtliche Kinder, Verwandte, an das Krankenlager des theuren Vaters und Lehrers; bis zur letzten Stunde, seines Lebens versäumte er keine תפלה [Gebet] und war beständig מהרהר בד“ת [dachte an die Worte der Tora].

In der Nacht zu שבת ר“ח אב [Samstag, Monatsbeginn Aw = 1. Aw] trat eine solche Verschlimmerung ein, daß nach dem Urtheile erfahrener בני חברא [Mitglieder der Beerdigungsgesellschaft] das Schlimmste zu befürchten war. Nach 11 Uhr Vormittags sank er nach kurzem Gebete zurück und starb eine wahre מיתה בנשיקה [leichten und schnellen Tod].

Über die Trauer der Angehörigen und Gemeindemitglieder sowie über das Begräbnis heißt es:

Die Schilderung des Schmerzes der Nächstbetheiligten und als die Hiobspost an die Bewohner Mattersdorfs gelangte, die mit seltener Verehrung und Hochachtung an ihren(!) Rabbiner hingen, ist unbeschreiblich.

Nachdem der Telegraphendrath die Trauerkunde על הלקח ארון אלקים [über das Hinwegnehmen der Bundeslade] verbreitet hatte, eilten zu der הלויה [Trauerkondukt], die auf Dienstag 9 festgesetzt war, selbst aus weiter Ferne, Verwandte, Freunde, Schüler, zahlreiche Rabbinenen(!) und einzelne Deputationen der Gemeinden.Von den zahlreichen Rabbinen und Rab.Col., die zur לויה [Trauerzug] eintrafen, sprachen am Grabe sein Sohn R. D. H. aus Suran, sein Onkel R. Spitzer, Wien, sein Cous. R. S. Schreiber, Erlau, sein Neffe Rabb. Glaser, Klausenburg, Rabb. As. Kohn, Mattersdorf, Rabb. Katz, Kreutz, Rabb. Alt-Kobersdorf, sein Schwager Rabb.-Ass. Stern, Szerdahely.

Noch am Tage des Begräbnisses hatte die Gemeinde in wahrer Würdigung der unsterblichen Verdienste ihres seligen Rabbiners זצ“ל seinen würdigen Sohn R. Bunem, Rabbiner in Sarvar, zum Nachfolger im heiligen Amte mit Acclamation gewählt, die Gemeinde wird von allen Seiten beglückwünscht.“

Beigesetzt wurde Rabbi Samuel Ehrenfeld der Ältere am Mattersdorfer Judenfriedhof.

Sein literarisches Schaffen, oder zumindest ein großer Teil davon, wurde im Werk Chatan Sofer gedruckt:

in das er die ganze Fülle seines allgemein anerkannten Wissensschatzes und seine scharfsinnigen Forschungen niederlegte ס‘ „חתן סופר“ wovon der 1. Theil in Szikszo, und der 2. Theil in Mattersdorf ausgearbeitet wurde. Über den Werth dieses Werkes zu unrtheilen, steht mir nicht zu, die größten und gefeiertsten haben in brieflichen und literarischen Mittheilungen ihr Urtheil bereis gesprochen und die künftigen Geschlechter werden darin noch einen fast unerschöpflichen Quell der gründlichsten Belehrung finden. Außerdem verfaßte er noch viele Manuscripte auf תורה ש“ס וש“ע ושו“ת [Tora, Talmud, Schulchan Aruch und Reponsen] und war bestrebt, womöglich es drucken zu lassen.

Doch der Lenker der Geschicke hatte es anders beschlossen und den Frühvollendeten in der Blüthe seines geistigen Schaffens abberufen, zum größten Schmerze der nächsten Angehörigen, wie aller derer, die ihn wahrhaft kennen gelernt und seine Werke zu würdigen verstehen.


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Makkabiade – einst und jetzt

Die erste Makkabiade – Tel Aviv 1932 Vom morgigen 5. bis 13. Juli finden in Wien die 13. Europäischen Makkabi-Spiele statt – gewissermaßen die jüdische Antwort auf Olympia. Erwartet werden…

Die erste Makkabiade – Tel Aviv 1932


Vom morgigen 5. bis 13. Juli finden in Wien die 13. Europäischen Makkabi-Spiele statt – gewissermaßen die jüdische Antwort auf Olympia.

Erwartet werden mehr als 2000 Sportler aus über 40 Nationen, die sich auf/in/an diversen Courts, Hallen, Becken, Tischen (Schach!) etc. messen werden.

Erstmals ausgetragen wurde die Makkabiade 1932 im noch jungen Tel Aviv – sportlich sicherlich hochwertig, PR-technisch vielleicht noch etwas unterentwickelt (wie der Vergleich zeigt) … ;)


Die aktuelle Makkabiade – Wien 2011 (Vorschau)


Schon seinerzeit war übrigens auch eine österreichische Delegation vertreten, und zwar durchaus erfolgreich:
So etwa konnten die heimischen jüdischen Zeitungen, geradezu euphorisch bezüglich des „glänzenden Verlaufs“ der Spiele, österreichische Erfolge in den Box- und Schwimmbewerben (u.a. durch die damalige Spitzenschwimmerin Hedy Bienenfeld-Wertheimer) vermelden …


'Die Makkabiah' - in: Die Stimme, Wien, 7. April 1932

„Die Makkabiah“ – in: Die Stimme, Wien, 7. April 1932, S. 3 (entnommen aus dem Online-Archiv „Compact Memory“ – Die Stimme, Jg. 1932. H. 222, 5)

Man beachte – so nebenbei – auf derselben Seite auch das großartige, ja geradezu künstlerisch wertvolle Inserat für das „100% reine Kokosnussfett“ Kunerol, hergestellt „unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S[amuel] Ehrenfeld zu Mattersburg“ (!), das/der hier auch schon bei anderer Gelegenheit Thema war …

Weitere Infos zum sportlichen und Rahmen-Programm der aktuellen Wiener Makkabiade auf:

emg2011.eu

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir – aus der breiten Presse-Berichterstattung zum Thema – die Interviews mit Makkabiade-Organisator und IKG-Vizepräsidenten Oskar Deutsch und Wiens Bürgermeister Michael Häupl.


18 Kommentare zu Makkabiade – einst und jetzt

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