Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: mattersburg

Amos Oz – ein Mattersburger?

Vorab gesagt: Die jüdischen Gemeinden des Burgenlands waren mit Prominenz im üblichen Sinne nur spärlich bestückt. Es gilt der Grundsatz Nikolaus Vielmettis, dass die Prominenten, die in alten Zeiten aus…

Vorab gesagt: Die jüdischen Gemeinden des Burgenlands waren mit Prominenz im üblichen Sinne nur spärlich bestückt. Es gilt der Grundsatz Nikolaus Vielmettis,

dass die Prominenten, die in alten Zeiten aus der [Juden-]›Gasse‹ hervorgegangen waren, dem Gelehrten- und Rabbinerstand angehörten und daher außerhalb des Judentums kaum größere Bekanntheit zu erlangen pflegten.

Ausnahmen à la Joseph Joachim bestätigen die Regel.

Die vergleichsweise kurze Liste nicht-rabbinischer Prominenz muss nun allerdings unerwartet ergänzt werden, denn: kein Geringer als Amos Oz, vielübersetzter und -bepreister israelischer Autor, reklamiert für seine Familie „burgendländische“ Ahnen!

Eine erste Bemerkung in diese Richtung fand sich in Oz‘ „Geschichte von Liebe und Finsternis“ (Frankfurt a. M. 2006, 69; danke für den Hinweis auf diese Stelle an Freundin Laurette „שלוש“ B.!):

Die Klausners [Oz‘ Geburtsname ist Amos Klausner; Anm. d. Verf.] stammten aus Odessa, zuvor aus Litauen, und noch früher wohl aus Mattersdorf, dem heutigen Mattersburg im Osten Österreichs, nahe der ungarischen Grenze.

Dass diese (Roman-)Notiz tatsächlich als autobiographische Mitteilung gelesen werden darf, belegt ein Interview aus den 1980ern, in dem Oz ausführlich über die europäischen Wurzeln seiner Familie berichtet (meine Übersetzung):

Ich wurde ursprünglich als Amos Klausner geboren. Ich änderte meinen Namen, als ich 15 war und gegen die Welt meines Vaters rebellierte. Der väterliche Teil meiner Familie jedenfalls stammt aus einem kleinen, nicht sehr kleinen Ort in Österreich. Mein Vater hat den Ursprung der Familie auf einen Rabbiner des 15. Jahrhunderts zurückgeführt, der in Mattersdorf, Österreich, das jetzt Mattersberg [sic!] heißt, lebte. Dieser Rabbiner, Abraham Klausner mit Namen, schrieb ein Buch, das einen sehr genauen Verhaltenskodex im täglichen Leben vertrat. (…) Vermutlich erlangte er eine Stellung als Rabbiner in Wien.

Ein Nachkomme Abraham Klausners sei später nach Litauen übersiedelt: Die Familie, so Oz weiter, lebte zunächst im litauischen Olkeniki (Valkininkai), zog später nach Odessa, schließlich nach Vilnius, von wo aus ein Teil der Familie nach Palästina emigrierte.

Besagter Abraham Klausner ist nun tatsächlich kein Unbekannter: Klausner (so weiß Shlomo Spitzer: Bne Chet. Die österreichischen Juden im Mittelalter. Wien u.a. 1997, 167, 170f.), gestorben 1408, wirkte als Rabbiner in Wien und verfasste eine (wohl von Oz angesprochene) „Sammlung von jüdischen Bräuchen“, Minhage Maharak (bekannt auch als Sefer HaMinhagim, „Buch der Brauchtümer“), die überdies „das erste von Juden in Österreich verfasste literarische Werk“ darstellt.

Soweit also stimmen die historischen Belege zur Oz’schen Familientradition. Nicht belegen allerdings können wir aus den uns verfügbaren (und für das mittelalterliche Mattersdorf im Ganzen raren) Quellen eine biographische Verbindung Klausners zu Mattersdorf. Hier müssen wir (vorerst?) mit Shlomo Spitzer (a.a.O.) sagen:

Über R. Abrahams Abstammung wissen wir so gut wie nichts …

Die Klausner’sche/Oz’sche Familientradition (über deren Quellen wir nur spekulieren können) hat diesbezüglich ihre eigene Antwort. Zur Aufnahme in die Reihe der burgenländisch-jüdischen Prominenten sollte das allemal reichen – und Mattersburg könnte sich ja zukünftig vielleicht mit einer „Amos-Oz-Straße“ schmücken …


Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir – neben der Oz-Lektüre natürlich – das hervorragende ZDF-/arte-Porträt „Amos Oz. Die Natur der Träume“ (auf YouTube, 8 Teile).


2 Kommentare zu Amos Oz – ein Mattersburger?

Mattersburg war ein kleiner Ort …

… der Alltag hat darin bestanden, dass man in der Früh und am Abend in den Tempel beten gegangen ist. In der Zwischenzeit hat man studiert und gelernt; das war…

… der Alltag hat darin bestanden, dass man in der Früh und am Abend in den Tempel beten gegangen ist. In der Zwischenzeit hat man studiert und gelernt; das war alles.

Josef Weiszberger, 1917 in Mattersdorf, dem späteren Mattersburg, geboren, später in Richtung Tel Aviv emigriert (nachzulesen in der von Alfred Lang u.a. herausgegebenen Interviewsammlung „Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen“, Wien 2004)

Das Ende des jüdischen Mattersburg, vielgerühmt ob der Frömmigkeit seiner Bewohner, kam mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1938, die Mattersburger Juden vertauschten ihren frommen „Alltag“ zwangsweise mit Gefangenschaft oder Emigration.

Mit dem Ende der Geschichte des burgenländischen Mattersburg beginnt die Geschichte eines jüdischen Exil-Mattersburg – Neugründung inklusive! Die Errichtung dieses „neuen“ jüdischen Mattersburg – nun fern des Wulkatals – ist eines der großen Kuriosa in der Geschichte der burgenländischen „Siebengemeinden“: Samuel Ehrenfeld, letzter Mattersburger Gemeinderabbiner, gründete zunächst im New Yorker Exil eine Mattersdorf-Gemeinde, später folgte der Aufbau eines Kirjat Mattersdorf (קריה Kirja = hebr. „Stadt“, „Vorort“) in Jerusalem.
(Kompakt nachzulesen ist die Geschichte von Mattersburg/Mattersdorf in den Texten der VHS-Ausstellung „Zerstörte Jüdische Gemeinden im Burgenland“.)

  • Ortschild in Hebräisch, Arabisch und Englisch 'Mattersdorf', Auto und Radfahrer
  • Schabbattor in Kirjat Mattersdorf
  • Gittertor und Wegweiser zum religiösen Zentrum von Kirjat Mattersdorf


Von dieser Fortsetzung des burgendländisch-jüdischen Lebens können sich Israel-Besucher, bis heute, selbst ein Bild machen – wenige hundert Meter nördlich von Jerusalems reger Jaffa Road beginnt mit Kirjat Mattersdorf eine touristen-, nicht aber burgenlandfreie Zone …


Übrigens: Eine Spur des Namenswechsels Mattersdorf/Mattersburg findet sich auch in unserem aktuellen Bild der Woche, eine Ansicht der Namen der burgenländischen Gemeinden in Yad Vashems „Tal der Gemeinden“:
In lateinischen Buchstaben lesen wir „Mattersburg„, im Hebräischen „Mattersdorf„. Die Gestalter wählten in der lateinischen Variante das ab 1924 offizielle Mattersburg, im Hebräischen das ursprüngliche und innerjüdisch weiterhin gebräuchliche Mattersdorf (ähnlich liegt der Fall bei Deutschkreutz/Zelem).

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir Wolfgang Weisgrams STANDARD-Artikel zu Geschichte und Gegenwart von Mattersburg/Mattersdorf sowie zum diesjährigen Österreich-Besuch des Mattersdorfer Oberrabbiners …


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