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Pesach 5774

Wohl kaum ein Bildmotiv in einer Pesach-Haggada mag regional mehr bzw. origineller verortet sein als Störche in einer Haggada aus dem böhmisch-mährisch-ungarischen Raum, der übrigens die Heimat eines Großteils der Schreiber und Illuminatoren des 18. Jahrhunderts war. Vielleicht stammt die Haggada ja sogar aus der Gegend um den Neusiedler See.

Abraham und die 3 Engel in Mamre, Pesach Haggada 1737

Störche sind aus unserer Region, dem Burgenland, nicht wegzudenken, jedes Kind kennt hierzulande das alljährlich wiederkehrende schöne Schauspiel: Im Frühjahr kehren die Störche aus dem Süden zurück ins Burgenland, um hier auf den Schornsteinen ihre Nester zu bauen, Nachwuchs zu bekommen, über die Sommermonate aufzuziehen und im Herbst wieder gen Süden loszuziehen.

Etwa 30-40 Tage nachdem die Eier gelegt sind, schlüpfen die Jungen. Heuer kam übrigens der erste Storch vor wenigen Tagen, am 26. März, ins Burgenland, die Auswahl dieses Bildes für diese unsere heurigen Pesachwünsche erfolgte also keinesfalls zufällig ;-)

Freilich scheinen die schönen Vögel nicht erst in neuerer Zeit zu einer Art Wahrzeichen unserer Region geworden zu sein. Schon 1737, dem Entstehungsjahr unserer Pesach-Haggada, finden wir sie – quasi burgenländisches Lokalkolorit – auf dem Schornstein von Abrahams Haus. Das der Illustration zugrunde liegende biblische Motiv kennen wir schon: Abraham und die 3 Engel in Mamre, eine Illustration zu einer Hymne in der Pesach-Haggada, die im Anschluss an die häusliche Pesach-/Sederfeier am 2. Pesachabend gelesen wird.

Ein interessantes Detail finden wir auch auf der Titelseite der Pesach-Haggada:

Titelseite Pesach Haggada 1737

Zwischen Mose und Aaron lesen wir:

Pesach Haggada, mit schönen Illustrationen, alles handgeschrieben auf Pergament mit den Druckbuchstaben von Amsterdam, im Jahre 497 nach der kleinen Zeitrechnung (= 1737)

Ende des 16. Jahrhunderts ließen sich viele Marranen, also unter Zwang zum Christentum bekehrte iberische Juden, die sich Anfang des 17. Jahrhunderts wieder offen zum Judentum bekannten, in Amsterdam nieder. Ihr großes Interesse an hebräischer Literatur führte dazu, dass 1626 Menasse ben Israel in Amsterdam eine hebräische Druckerei gründete, in der nicht nur sehr viele hebräische und lateinische Bücher gedruckt wurden, sondern in der auch neue Schrifttypen geschnitten wurden. Die hervorragende Qualität dieser „Amsterdamer Buchstaben“ ließ später viele ausländische Schreiber – nicht ganz wahrheitsgemäß – auf ihren Titelseiten den Vermerk anbringen „Mit den Buchstaben von Amsterdam“.

Nun steht aber hier nicht – wie meistens – „Amsterdam“ mit hebräischen Buchstaben (אמשטרדם), sondern „Amstelredam“ (! אמשטלרדם), also der Name des Fischerorts, der an einem im 13. Jahrhundert errichteten Damm mit Schleuse im Fluss Amstel entstanden war.
Wissen wir das nicht, würden wir vielleicht „Amstlerdam“ lesen…

 

Erev Pesach ist immer am 14. Nisan, das ist heuer Montag, der 14. April.

Wir wünschen Ihnen ein frohes und koscheres Pesachfest 5774!

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Matzesbälle-Suppe aus dem Burgenland

Zum Pesachfest 5773

Sara, Rachel and Emily, cooking Matzo Ball Soup from Burgenland

Diesmal haben wir uns für unseren Pesachbeitrag etwas Besonderes einfallen lassen.

Unsere liebe Freundin aus dem USA – mit burgenländischen Wurzeln – Carole Vogel, die übrigens (wie Sie am Beginn des Videos auch hören können) ihren Stammbaum bis MaHaRaM ASCH zurückführen kann, führte mit ihrem Mann die Regie.
Denn wir dürfen Ihnen heute ein Rezept für eine Matzesbälle-Suppe vorstellen, das aus den ehemaligen Sieben-Gemeinden des Burgenlandes stammt (!) und noch heute in ihrer Familie traditionell zubereitet wird.

Im Video sehen Sie Caroles Nichten und Schwiegertochter Rachel, Sara und Emily und ganz am Schluss Baby Clara! :-)

Das Video wurde vor einer Woche in New Jersey gedreht und wir bedanken uns bei Carole, ihrem Ehemann und natürlich ganz besonders bei den jungen Damen ganz herzlich für die viele Mühe und die wirklich großartige Performance!
Many thanks to Carole, her husband, and especially to the three young ladies for all their efforts and their truly magnificent (cooking) performance!

Sowohl Carole als auch wir finden es toll und vor allem wichtig, dass Traditionen nicht nur der älteren Generation vorbehalten sind, sondern auch von der jungen Generation gerne gepflegt werden!

Übrigens: Beachten Sie die professionelle Videoqualität, zweifelsohne fast schon kochsendungstauglich!

Matzo Ball Soup Recipe from Burgenland

Und natürlich hier noch das Rezept in Deutsch:

  • 4 große Eier
  • 2 Esslöffel durch Schmelzen gereinigtes Hühnerfett
  • 1/2 Teelöffel pulverisierter Ingwer
  • 1 Teelöffel Backpulver (Das ist keine Familientradition, ich habe es dazugefügt, um wirklich fluffige Matzesbälle zu machen. Während Pesach weglassen!)
  • 1 Teelöffel Salz
  • 1 Tasse Matzesmehl
  • Hühnersuppe
  • Frischer Dill
  1. Eier in ein kleines Mixgefäß geben, Ingwer und Salz dazumischen und dann das Fett und das Backpulver dazufügen.
    Nach und nach das Matzesmehl dazugeben. Wenn alle Zutaten gut vermischt sind, den Behälter verschließen und für ca. 30 Minuten kühl stellen.
  2. Nach 25 Minuten einen großen Topf zu 3/4 mit Wasser füllen und erhitzen.
  3. Nach 30-minütigem Kühlen der Matzesmasse kleine Bälle damit formen. Jeder Ball sollte ca. 2.50 cm Durchmesser haben. Die Hände werden sehr klebrig dabei. Die geformten Bälle auf einen großen Teller legen. Die fertigen Bälle in das mit einem Teelöffel Salz siedende Wasser nach und nach einlegen.
  4. Topf zudecken, Hitze zurückschalten und 40 Minuten ziehen lassen. Den Deckel nicht abnehmen, bevor die Zeit um ist. Falls der Topf überkocht, die Hitze runterschalten.
  5. Ca. 10 Minuten bevor die Kochzeit um ist, die Hühnersuppe in einem separaten Topf erhitzen. Inzwischen einige Zweige frischen Dill kleinschneiden.
    Einen halben Teelöffel (oder mehr, falls man Dill mag) in den Suppenteller füllen.
  6. Je 3 fertige Matzesbälle in den Suppenteller geben und mit der Hühnersuppe auffüllen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Guten Appetit!

 

Wir wünschen Ihnen ein frohes und koscheres Pesachfest 5773!

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Bilder der Woche – Die Venezianische Haggada

Zum Pesachfest 5772

Im Jahr 1609 entschloss sich der in der Nähe von Padua geborene Israel ben Daniel Zifroni eine völlig neu gestaltete Pesach-Haggada herauszugeben. Ganz offensichtlich selbst nach einem langen Berufsleben mit entsprechendem Bildmaterial und künstlerischen Ausstattungen bestens vertraut, mangelte es Zifroni aber auch nicht an Selbstbewusstsein. Denn unter den Titel schrieb er:

Die Gestaltung jeder einzelnen Seite ist eine neue Erfindung. Der ganze Text der Haggada wurde mit Bibelszenen illustriert, damit ganz Israel all die wunderbaren Dinge sehe und verstehe, die sich die Väter nicht hatten träumen lassen.

Und setzte noch drauf in Hinblick auf seine eigene Person:

Burschen und Mädchen, Greise und Jünglinge, preiset den Namen des Herrn, der mich dazu veranlasst hat, mich, den Zifroni, eine derartige Pracht herauszugeben.

Nun, bei allem Respekt, ganz so neu, wie er schreibt, ist freilich nicht alles in der Venezianischen Haggada. Wir finden mehrere geläufige Bildinterpretationen und Übernahmen von illustrierten Bilddrucken, aber tatsächlich wurde auch eine beachtliche Zahl von Bildern wirklich ganz neu geschaffen. So etwa die Architekturumrahmung der einzelnen Seiten; jede Seite ist von zwei Säulen eingerahmt, die einen Giebel tragen, wodurch ein sehr monumentaler Eindruck entsteht.

Eine weitgehend neue und sehr phantasievolle Illustrierung finden wir auch auf Seite 15 der Haggada:

Venezianische Haggada, 1629, Seite 15

Über dem Bild eine Art Überschrift in deutscher Sprache, in Raschi-Schrift geschrieben:

Wie die Weiber haben sich gespiegelt mit ihren Mannen.
und unter den Apfelboim sein sie kumen zusammen.

Beim Bild handelt es sich – grundsätzlich – um die Illustrierung jenes Textes in der Pesach-Haggada, der den Propheten Ezechiel zitiert und dessen Wort sozusagen als Metapher für die Vermehrung der Israeliten in Ägypten anführt (der hebräische Text ist unter dem Bild zu sehen):

Zahlreich – wie es heißt (Ezechiel 16:7):
Zahlreich wie die Pflanzen des Feldes habe Ich dich gemacht, vermehrt hast du dich und bist groß geworden und bist gekommen in feinstem Schmuck, Brüste reiften und dein Haar spross – doch du warst nackt und bloß.

Die Venezianische Haggada zeigt aber nicht – etwa wie die Mantua-Haggada (1560 u. 1568) – eine nackte vollbusige Frau mit langem wirrem Haar, sondern 3 Einzelszenen in einem Bildrahmen am oberen Seitenrand. Und diese wollen wir uns genauer ansehen:

Wir beginnen

Links: Unter einem Apfelbaum sitzen ein Mann und eine Frau, die in einen Spiegel schauen. Die Anregung zu allen drei Bildern stammt aus der rabbinischen Tradition (siehe v.a. Sota 11b; Exodus rabba 1,7.12; Tanchuma Pequde 9), die berichtet, dass die Israeliten, die in Ägypten Zwangsarbeit verrichten mussten, nicht zu Hause schlafen durften, um ihren Frauen nicht beizuwohnen und Nachkommen zeugen zu können. Aber die Frauen gingen zu ihren Männern auf die Felder und brachten ihnen kleine Fische zum Essen. Nach dem Essen nahmen die Frauen ihre Spiegel und schauten gemeinsam mit ihren Männern hinein. Durch die erotische Anregung schwanger geworden kehrten sie zurück nach Hause. Zur Geburt gingen sie aber wieder auf das Feld hinaus und gebaren unter dem Apfelbaum, wie es im Hohelied 8,5 heißt:

Unter dem Apfelbaum hab ich dich geweckt, dort, wo deine Mutter dich empfing, wo deine Gebärerin in Wehen lag.

Mittleres Bild der Illustration

Mitte: Das mittlere Bild bezieht sich direkt auf den Haggada-Text davor (also vor dem Ezechielzitat, s.o.):

Groß und stark: wie es heißt in Ex 1,7:
Aber die Söhne Israels waren fruchtbar, sodass das Land von ihnen wimmelte. Sie vermehrten sich und wurden überaus stark; sie bevölkerten das Land.

Um die Illustration zu verstehen, müssen wir den Pentateuchkommentar des Raschi (Rabbi Schlomo ben Jitzchaq, 1040-1105) heranziehen, der sich auf die 6 Worte bezieht, die in diesem Bibelvers die Fruchtbarkeit der Israeliten beschreiben:

Und wimmelten, sie gebaren sechs in EINEM Mutterschoß (also bei einer Schwangerschaft).

Die Darstellung der sechs gleich großen Kinder, die sich um die Mutter scharen, bezieht sich also auf die Interpretation Raschis. Die Bildvorlage selbst dürfte Zifroni von der Bilderbibel des Moses dal Castellazzo, fol. 71 genommen haben:

Bilderbibel des Moses dal Castellazzo, fol. 71

Bilderbibel. Warschau, Jüdisches historisches Institut, Codex 1164. Oberitalien, Kopie einer Holzschnittfolge des Moses dal Castellazzo (ca. 1520) aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts.
Fol. 71: Vermehrung der Israeliten in Ägypten: Jede Mutter hat sechs Kinder (s.o.).

Rechtes Bild der Illustration

Rechts:
Die Ägypter wollten die neugeborenen israelitischen Kinder töten, doch die Erde verschlang sie schützend. Nachher aber kamen sie wie Pflanzen wieder aus der Erde hervor. Daher finden sich in der Illustration die Blumen vor den Kindern!

Dieses dritte Bild ganz rechts basiert wieder auf dem eingangs zitierten Prophetenwort Ezechiel 16,7:

„Zahlreich wie die Pflanzen auf dem Felde habe ich dich gemacht …“


Anmerkung: Nur der Genauigkeit halber sei hier kurz angemerkt, dass für die obige Beschreibung nicht der Druck (der Venezianischen Haggada) von 1609 (Bodleian Library in Oxford, Ms. Opp. Add. Fol. III, 468), sondern die Faksimileausgabe für den Druck von 1629, Bne Brak 1975 mit einer Einleitung von Bezalel Narkiss, herangezogen wurde. In der Ausgabe von 1609 wäre die besprochene Illustration auf Seite 14 zu finden.
Die beiden Ausgaben unterscheiden sich marginal, u.a. in der Paginierung um eine Seite. In beiden Ausgaben aber wird auf der Titelseite vermerkt, dass es sich um eine „neue Erfindung auf jeder einzelnen Seite handelt und dass der Text entsprechend illustriert wurde“.

Literatur

  • Kurt Schubert, in: Klaus Lohrmann (Hg.), 1000 Jahre österreichisches Judentum, Ausstellungskatalog, Eisenstadt 1982, 326 (No. 73)
  • Schubert U., Bilder zur Bibel im Judentum, Graz o.J.
  • Schubert U., Jüdische Buchkunst I, Graz 1983
  • Schubert U., Jüdische Buchkunst II, Graz 1992

 

Wir wünschen Ihnen ein frohes und koscheres Pesachfest 5772!

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Bilder der Woche – Die Vogelkopf-Haggada

Zum Pesachfest 5771 – II

Nach unserem ersten Beitrag zu Pesach mit einem Blick in die Pesach-Haggada des Rothschild-Miscellanys, in dem wir Abraham und den 3 Engeln in Mamre begegneten, widmen wir uns heute einer der wohl faszinierendsten, weil vielleicht auffälligsten Pesach-Haggadot, der sogenannten Vogelkopf-Haggada, Süddeutschland, spätes 13. Jahrhundert.

Die Israeliten sammeln Wachteln und Manna, Vogelkopf-Haggada

Die Israeliten sammeln Wachteln und Manna, wie es im 2. Buch Mose (Exodus), 16,13-15 heißt

Am Abend kamen die Wachteln und bedeckten das Lager. Am Morgen lag eine Schicht von Tau rings um das Lager. Als sich die Tauschicht gehoben hatte, lag auf dem Wüstenboden etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif, auf der Erde. Als das die Israeliten sahen, sagten sie zueinander: Was ist das? Denn sie wussten nicht, was es war. Da sagte Mose zu ihnen: Das ist das Brot, das der Herr euch zu essen gibt.

Um die wahrscheinlich seltsam anmutende Darstellung der Menschen mit Vogelköpfen zu verstehen, müssen wir ein paar Jahrhunderte in der Geschichte zurückblättern. Denn im 2. Buch Mose (Exodus), 20,4 finden wir das sogenannte Bilderverbot biblisch begründet:

Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.

Und doch: Die weithin gängige Meinung von einer allgemeinen jüdischen Bilderfeindlichkeit musste spätestens in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts revidiert werden, vor allem aufgrund der Aufdeckung der Synagoge von Dura Europos sowie bedeutender Funde mehrerer spätantiker figürlicher Fußbodenmosaiken. Es gab viele Jahrhunderte währende Zeitspannen, in denen das jüdische Bilderverbot, insbesondere unter dem Einfluss der im Umfeld wohnenden bilderfreudigen andersgläubigen Völker, aufgegeben bzw. nur auf die Herstellung von vollplastischen Figurendarstellungen beschränkt wurde.

Vorbereiten der ungesäuerten Brote für den Auszug aus Ägypten, Vogelkopf-Haggada

Vorbereiten der ungesäuerten Brote für den Auszug aus Ägypten. Die ausziehenden Israeliten tragen auf ihrem Rücken den ungesäuerten Teig laut 2. Buch Mose (Exodus), 12,34:

Das Volk nahm den Brotteig ungesäuert mit; sie wickelten ihre Backschüsseln in Kleider ein und luden sie sich auf die Schultern.

Vor allem das Christentum in West- und Mitteleuropa des 13. Jahrhunderts bot jüdischen Handwerkern die Möglichkeit, die Schreib- und Malkunst zu erlernen. Denn neben den klösterlichen Skriptorien, in denen die heiligen Texte von Mönchen geschrieben und illuminiert worden waren, kamen nun zunehmend bürgerliche Malerwerkstätten auf. Und von diesen übernahmen die jüdischen Künstler bald inhaltliche Anregungen, sogar ganze Bildvorlagen und oft auch den jeweiligen Malstil.

Selbstverständlich erhoben jüdische Gelehrte wieder ihre Stimmen gegen die neuerwachte jüdische Figurenmalerei, nur waren viele von ihnen konzessionsbereiter als in der Spätantike (da durch die Übernahme von christlichen bildlichen Vorlagen keine Gefahr eines Abfalls zum Götzenkult befürchtet werden musste!). In manchen Gegenden wurde aber auch von jüdischen Malern versucht, den Einwänden ihrer Gelehrten Rechnung zu tragen, indem sie die Darstellung des „ganzen“ Menschen vermieden: Man verhängte z.B. das Gesicht mit Haaren, deutete die Gesichtszüge nur an oder gab eben den Menschen Tier- oder Vogelgesichter. In der Vogelkopfhaggada sind die menschlichen Köpfe durch Vogelköpfe mit Adlerschnäbeln ersetzt. Die männlichen Israeliten sind durch den mittelalterlichen jüdischen Spitzhut gekennzeichnet.

Hausherr und seine Frau am Sedertisch, Hausherr liest aus der Pesach-Haggada, Vogelkopf-Haggada

Die illustrierte Pesach-Haggada war sicher gegen Ende des 13. Jahrhunderts aus dem Gebetbuch herausgelöst worden und als eigenes Büchlein für den ersten Abend von Pesach, den Sederabend, gestaltet worden, wofür unsere Vogelkopfhaggada der schönste Beweis ist. Darin finden wir überdies noch am Beginn des liturgischen Texts ein Bild des Hausherrn und seiner Frau am Sedertisch, das zeigt, wie der Hausherr aus der Pesach-Haggada vorliest. Faszinierend: Diese ist übrigens eindeutig an derselben Stelle aufgeschlagen wie die Haggada selbst (siehe vergrößertes Bild!).

Literatur

  • Lohrmann K. (Hg.), 1000 Jahre österreichisches Judentum, Ausstellungskatalog, Eisenstadt 1982
  • Schubert U., Bilder zur Bibel im Judentum, Graz o.J.
  • Schubert U., Jüdische Buchkunst I, Graz 1983
  • Schubert U., Jüdische Buchkunst II, Graz 1992

 

Wir wünschen ein frohes und koscheres Pesachfest 5771!

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Bild der Woche – Abraham und die 3 Engel

Zum Pesachfest 5771 – I

Pesach naht – und was läge da näher, als einen Blick in unsere Handschriften- und Faksimilesammlung zu werfen, in der sich u.a. gar eindrucksvolle Pesach-Haggadot finden.

Unsere Miniserie zu Pesach beginnen wir heute aber mit dem umfangreichsten und aufwendigsten aller hebräischen Manuskripte, dem sogenannten „Rothschild Miscellany„. Das beeindruckende Manuskript bezeichnet Prof. Israel Ta-Shema im Begleitband zur Faksimileausgabe sogar als eigene „Bibliothek“.

Das 948 Seiten dicke Faksimile ist in feinkörniges Marokko-Ziegenleder eingebunden und beinhaltet 70 religiöse und säkulare Werke, die in 37 Kapiteln zusammengefasst werden. Auf 816 illustrierten Seiten beschreiben mit Gold und Silber minutiös verzierte Miniaturen beinahe jeden Brauch des jüdischen Lebens in allen Einzelheiten. Unter den säkularen Werken finden sich naturwissenschaftliche und philosophische Abhandlungen, unter den religiösen auch die Pesach-Haggada.

Das ausgesprochen elegante und prächtig gestaltete Rothschild Miscellany wurde 1479 in Italien von Moses ben Jekutiel Hakohen in Auftrag gegeben und ausgeführt und befindet sich heute im Israel Museum in Jerusalem. Mehr über die geheimnisvolle Geschichte des Miscellany sowie eine Inhaltsangabe und Bildbeispiele finden Sie auf der Website der „Facsimile Editions„.

Abraham und die 3 Engel zu Mamre, Rothschild Miscellany

Auf dem Bild sehen wir das Motiv, wie Abraham die drei Engel in Mamre bewirtet. Es handelt sich dabei um die Illustration zu einer Hymne in der Pesach-Haggada, die im Anschluss an die häusliche Pesach-/Sederfeier, und zwar am 2. Pesachabend, gelesen wird! (Rothschild Miscellany, folio 119, Tafel 47)
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Den biblischen Text finden wir im 1. Buch Mose (Genesis) 18,1-15. Der erste Vers erzählt, dass Gott dem Abraham erschienen sei; gleich darauf, in Vers 2ff, ist die Rede von 3 Männern bzw. Engeln, die erscheinen und denen Abraham vom Eingang des Zeltes her entgegenläuft, sich vor ihnen niederwirft und ihnen schließlich ein Mahl bereitet, das die 3 Männer auch einnehmen. Es werden also in den wenigen Bibelversen zwei verschiedene Traditionsschichten miteinander verbunden: einmal kündet Gott selbst dem Abraham und seiner Sara die Geburt eines Sohnes an, nach der anderen waren es die drei Männer bzw. Engel.

Diesem Motiv, das auch in der frühchristlichen Kunst belegt ist, wollen wir uns einmal in einem eigenen Beitrag ausführlicher widmen, vor allem natürlich im Blickwinkel der rabbinischen Literatur. Hier sei nur festgestellt, dass der Wechsel von Gott und den drei Männern im biblischen Text im rabbinischen Kommentar zur Gleichsetzung von Gott mit den drei Engeln führte.

Warum aber finden wir dieses Motiv illustriert in der Pesach-Haggada?

Dazu müssen wir den entsprechenden Text der Hymne in der Haggada kennen (der Text befindet sich auch im Rothschild Miscellany auf derselben Seite gleich neben den Bildern, siehe größeres Bild):

So sprecht vom Opfer des Pesach!
Wunderbar zeigt Deine Kraft sich zu Pesach,
Zum ersten der Feste erhobst du das Pesach,
Abraham erschienst du mitternachts zu Pesach.
So sprecht vom Opfer des Pesach.
In der Tagesglut kamst an seine Tür Du zu Pesach,
Die Engel speise er mit Mazzot zu Pesach,
Und lief zu den Rindern, dem Opfer des Pesach,
So sprecht vom Opfer des Pesach.

PS: Unter dem Bild mit dem Motiv „Abraham und die drei Engel zu Mamre“ befindet sich eine zweite Illustration, die die Zerstörung Sodoms zeigt.

In der Bibel folgt die Geschichte um das Gericht über Sodom gleich anschließend in Kapitel 19 und auch in der Pesach-Haggada heißt es, ebenfalls gleich anschließend, in der Hymne:

Das sündige Sodom verbrannte zu Pesach,
Der gerettete Lot buk Mazzot zu Pesach,
Ägyptens Land fegtest Du kahl zu Pesach,
So sprecht vom Opfer des Pesach.

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