Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: purim

Purim 5779 / 2019

Übermorgen, am 14. Adar (heuer der 21. März) ist Purim. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Purim! חג פורים שמח לכולם! Am Tag vor Purim,…

Übermorgen, am 14. Adar (heuer der 21. März) ist Purim.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Purim!

חג פורים שמח לכולם!

Am Tag vor Purim, also morgen, am 13. Adar, ist Taanit Ester, ein sogenannter „kleiner Fasttag“ für Ester, dessen Quelle wir im Buch Ester 4,15‒16 finden:

Ester ließ Mordechai antworten: So geh hin und versammle alle Juden, die in Susa sind, und fastet für mich, dass ihr nicht esst und trinkt drei Tage lang, weder Tag noch Nacht. Auch ich und meine Dienerinnen wollen so fasten…

Worum es bei Taanit Ester geht, erklärt uns Rebbetzin Noemi Berger, geb. Schlesinger, die Frau des ehemaligen Oberrabbiners von Bayern und Baden-Württemberg, sehr schön in dem Artikel „Ein ‚kleiner‘ Fastentag für Esther„.

Schon zum Purimfest 5775/2015 haben wir in einem Blogartikel auf den ernsten Hintergrund des fröhlichen Purimfestes hingewiesen und die legendenhafte Erweiterung der biblischen Geschichte mit einer Illustration aus dem Leipziger Machsor 51v belegt. Auf 52r gibt es sozusagen die Vorgeschichte zu dieser Illustration, denn der Illustrator hatte sich nicht damit begnügt, nur das „Endergebnis“, also die Vernichtung des Judenverfolgers Haman, darzustellen, sondern schildert – fast detailliert – die ganze Geschichte so, wie sie in der jüdischen Tradition verstanden wurde:

Leipziger Machsor 52r, 3 Illustrationen

Leipziger Machsor 52r, 3 Illustrationen


Die drei Illustrationen im Detail:

Leipziger Machsor 52r, Illustration links

Leipziger Machsor 52r, Illustration links



Auf dem linken Bild sehen wir Ester in königlichem Gewand und mit einer Krone vor dem auf einem Thron sitzenden König Achaschwerosch, der ihr sein goldenes Zepter reicht, dessen Spitze sie mit der rechten Hand berührt, wie wir in Ester 5,8 lesen:

Und am dritten Tage kleidete sich Ester königlich und trat in den inneren Hof am Palast des Königs gegenüber dem Palast des Königs. Und der König saß auf seinem königlichen Thron im königlichen Saale gegenüber dem Tor des Palastes. Und als der König die Königin Ester im Hofe stehen sah, fand sie Gnade vor seinen Augen. Und der König streckte das goldene Zepter in seiner Hand Ester entgegen. Da trat Ester herzu und rührte die Spitze des Zepters an. Da sprach der König zu ihr: Was hast du, Ester, Königin? Und was begehrst du? Auch die Hälfte des Königreichs soll dir gegeben werden. Ester sprach: Gefällt es dem König, so komme der König mit Haman heute zu dem Mahl, das ich bereitet habe. Der König sprach: Eilt und holt Haman, damit geschehe, was Ester gesagt hat! Da nun der König und Haman zu dem Mahl kamen, das Ester bereitet hatte, sprach der König zu Ester, als man Wein trank: Was bittest du, Ester? Es soll dir gegeben werden. Und was begehrst du? Wäre es auch die Hälfte des Königreichs, es soll geschehen. Da antwortete Ester: Meine Bitte und mein Begehren ist: Hab ich Gnade gefunden vor dem König und gefällt es dem König, meine Bitte zu gewähren und zu tun nach meinem Begehren, so komme der König mit Haman zu dem Mahl, das ich für sie bereiten will. Morgen will ich dann tun, was der König gesagt hat.


Leipziger Machsor 52r, Illustration Mitte

Leipziger Machsor 52r, Illustration Mitte



In der Mitte ist nur zu sehen, wie Haman das königliche Pferd zu Mordechai führt. Die biblische Erzählung finden wir im Buch Ester 6,7‒13:

Und Haman sprach zum König: Dem Mann, dem der König Ehre erweisen will, soll man königliche Kleider bringen, die der König zu tragen pflegt, und ein Ross, darauf der König reitet und dessen Kopf königlichen Schmuck trägt, und man soll Kleid und Ross einem Fürsten des Königs geben, dass er den Mann bekleide, dem der König Ehre erweisen will, und ihn auf dem Ross über den Platz der Stadt führen und vor ihm her ausrufen lassen: So tut man dem Mann, dem der König Ehre erweisen will. Der König sprach zu Haman: Eile und nimm Kleid und Ross, wie du gesagt hast, und tu so mit Mordechai, dem Juden, der im Tor des Königs sitzt, und lass nichts fehlen an allem, was du gesagt hast. Da nahm Haman Kleid und Ross und zog Mordechai an und führte ihn über den Platz der Stadt und rief aus vor ihm her: So geschieht dem Mann, dem der König Ehre erweisen will. Und Mordechai kam wieder zum Tor des Königs. Haman aber eilte nach Hause, traurig und mit verhülltem Haupt, und erzählte seiner Frau Seresch und allen seinen Freunden alles, was ihm begegnet war. Da sprachen zu ihm seine Freunde und seine Frau Seresch: Ist Mordechai, vor dem du zu fallen begonnen hast, vom Geschlecht der Juden, so vermagst du nichts gegen ihn, sondern du wirst vor ihm vollends zu Fall kommen.

In der jüdischen Tradition wird dieser königliche Auftrag zu einem längeren Gespräch zwischen Haman und dem König, in dem Haman vergeblich versucht, den König davon abzubringen, dem Juden Mordechai diese Ehren zukommen zu lassen.


Leipziger Machsor 52r, Illustration rechts

Leipziger Machsor 52r, Illustration rechts



Die Illustration ganz rechts stammt gänzlich aus der jüdischen Legende: Wir sehen Mordechai mit Judenhut, wie er drei Schüler (ohne Kopfbedeckung) unterrichtet. Alle halten ein aufgeschlagenes Buch in ihren Händen.

Wie die Geschichte weitergeht, wissen wir bereits, siehe unseren Blogartikel zu Purim 5775/2015.

Leipziger Machsor 51v

Leipziger Machsor 51v


Als nämlich der Festzug mit Mordechai am von Haman geführten Pferd am Haus des Haman vorbeikam, sah die Tochter Hamans vom Dachgeschoß aus zu und wollte den Mordechai noch mehr demütigen. Sie dachte selbstverständlich, dass Mordechai das Pferd führe und ihr Vater Haman der geehrte Reitende sei!
So schüttete sie den Inhalt ihres Nachttopfes dem Pferdeführer auf den Kopf. Erst als Haman sich umdrehte, erkannte sie, dass sie nicht Mordechai, sondern ihren Vater kompromittiert hatte, und stürzte sich aus dem Dachfenster hinunter zu Tode.


Zu Purim besonders empfehlen möchten wir die online verfügbare Megillah, die Mischna Megillah, die Megillah für Kinder sowie die Artikel „Purim – Fest des Sieges über die Widersacher“ und „Schlafen und Purim„, alles zu finden auf der von Chajm Guski geführten Website.


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Purim 5775 / 2015

Morgen ist der 14. Adar, in wenigen Stunden beginnt das Purimfest. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Purim! חג פורים שמח לכולם! So fröhlich das…

Morgen ist der 14. Adar, in wenigen Stunden beginnt das Purimfest.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Purim!

חג פורים שמח לכולם!

So fröhlich das Fest auch gefeiert wird, die Geschichte rund um Ester und Mordechai, König Achaschwerosch/Artaxerxes und Haman, die wir im biblischen Buch Ester finden, hat einen ernsten Hintergrund. Insbesondere in den Machsorim (also den Gebetbüchern für die hohen Feiertage) finden wir seit dem 13. Jahrhundert oft prachtvolle Illustrationen, die sich vornehmlich mit der Verfolgung der Juden sowie ihrer Hoffnung, durch Glaubensstärke überleben zu können, auseinandersetzen.

Ein besonders nettes Detail findet sich im prächtigsten heute noch existierenden mittelalterlichen Machsor, das zu Beginn des 14. Jahrhunderts in Süddeutschland geschrieben und illustriert wurde, dem sogenannten Leipziger Machsor.

Selbstverständlich finden wir auch hier den (schon bekannten) Baum, an dem letztlich das Leben Hamans und seiner zehn Söhne endete. Das Anliegen, die ständig bedrohten Juden in ihrem Glauben zu stärken, ließ den Illustrator aber die Geschichte in Einzelbildern, so wie sie von der jüdischen Tradition verstanden wurde, darstellen. Eine Szene sei hier näher beschrieben, es handelt sich um die Illustration zu Ester 6,11.

Die Vorgeschichte: Der persische König erfuhr, dass Mordechai einen Anschlag auf ihn (den König) vereiteln konnte, und wollte ihn für diese große Loyalität auszeichnen. So rief er Haman, der eben dabei war, dem König mitzuteilen, dass man Mordechai an dem von ihm aufgestellten Galgen aufhängen solle.

Der König fragte ihn also:

Was soll mit einem Mann geschehen, den der König besonders ehren will? Haman dachte: Wen könnte der König wohl mehr ehren wollen als mich? Deshalb sagte Haman zum König: Wenn der König einen Mann besonders ehren will, lasse er ein königliches Gewand holen, das sonst der König selbst trägt, und ein Pferd, auf dem sonst der König reitet und dessen Kopf königlich geschmückt ist. Das Gewand und das Pferd soll man einem der vornehmsten Fürsten des Königs geben und der soll den Mann, den der König besonders ehren will, bekleiden, ihn auf dem Pferd über den Platz der Stadt führen und vor ihm ausrufen: So geht es einem Mann, den der König besonders ehren will.
Darauf sagte der König zu Haman: Hol in aller Eile das Gewand und das Pferd, und tu alles, was du gesagt hast, mit dem Juden Mordechai, der am Tor des Palastes sitzt.

Ester 6,6-10

Mordechai, so die jüdische Tradition, dachte nun, dass er sich vor der Ehrung noch baden und rasieren müsse, und Haman musste ihm sogar noch als Badediener und Barbier zu Diensten sein.

Haman nahm das Gewand und das Pferd, kleidete Mordechai ein, führte ihn auf dem Pferd über den Platz der Stadt und rief vor ihm aus: So geht es einem Mann, den der König besonders ehren will.

Ester 6,11

Die legendenhafte Erweiterung der biblischen Geschichte zeigt unsere kleine Illustration im Leipziger Machsor:

Detailscan Leipziger Machsor 51v

Leipziger Machsor 51v, Illustration zu Ester 6,11

Als nämlich der Festzug mit Mordechai am von Haman geführten Pferd am Haus des Haman vorbeikam, sah die Tochter Hamans vom Dachgeschoß aus zu und wollte den Mordechai noch mehr demütigen. Sie dachte selbstverständlich, dass Mordechai das Pferd führe und ihr Vater Haman der geehrte Reitende sei!
So schüttete sie den Inhalt ihres Nachttopfes dem Pferdeführer auf den Kopf. Erst als Haman sich umdrehte, erkannte sie, dass sie nicht Mordechai, sondern ihren Vater kompromittiert hatte, und stürzte sich aus dem Dachfenster hinunter zu Tode.

Das Bild oben zeigt also eigentlich nicht nur eine Szene, sondern zwei: (1) Die Tochter Hamans schüttet den Nachttopf über ihren Vater und (2) sie liegt – zu Tode gestürzt – am Boden.


1 Kommentar zu Purim 5775 / 2015

Purim seinerzeit

Wenn ich beim König Wohlwollen gefunden habe und wenn es ihm gefällt, dann möge mir und meinem Volk das Leben geschenkt werden. Das ist meine Bitte und mein Wunsch, so…

Wenn ich beim König Wohlwollen gefunden habe und wenn es ihm gefällt, dann möge mir und meinem Volk das Leben geschenkt werden. Das ist meine Bitte und mein Wunsch,

so spricht Königin Ester in der biblischen Erzählung zu König Artaxerxes (Ester 7,3), damit er das Unheil abwende, das den Juden seines Reiches droht. Ausgerechnet der besondere Favorit des Königs nämlich, Haman mit Namen, hatte einen mörderischen Plan gefasst: Haman „wollte … alle Juden im Reich des Artaxerxes vernichten“ (3,6). Doch glücklicherweise findet Esters Bitte Gehör: Der König höchstselbst schreitet ein – er lässt den „verbrecherische[n] Haman“ hängen (7,6.9f.), seine finsteren Pläne werden vereitelt. Den bedrohten Juden wird so in der Tat „das Leben geschenkt“ – und genau diese Errettung ist Anlass und Hintergrund des Purimfestes, das am kommenden Wochenende gefeiert wird.

Purim hat in der Vergangenheit wie in der Gegenwart zahllose folkloristische Ausschmückungen erfahren. Ein besonders hübsches historisches Beispiel für diese Purim-Folklore zeigen diese Filmaufnahmen von Purim-Festivitäten im Israel (damals noch Mandatsgebiet) der 20er- bzw. 30er-Jahre …

Die im Video zu sehenden Purim-Feiern in Tel Aviv – hebräisch „Adloyada“, auf Deutsch wörtlich in etwa: „bis man nicht mehr weiß“, in Anspielung auf ein Talmud-Wort, das dazu auffordert, an Purim reichlich dem Alkohol zuzusprechen – reichen bis in die Frühzeit der jungen Stadt zurück (vgl. die ausführliche Darstellung in der englischen Wikipedia: Adloyada) und gelten als die größte Massen-Veranstaltung der jüdischen Bevölkerung in der Mandatszeit – traut man den Zeitungsberichten, so zogen die Tel Aviver Purim-Feierlichkeiten zu ihrer Hoch-Zeit, Mitte der 30er-Jahre, bis zu 250 000 Besucher an, das ist mehr als das Doppelte der damaligen Einwohnerzahl (vgl. Hizky Shoham: „A huge national assemblage“: Tel Aviv as a pilgrimage site in Purim celebrations (1920-1935), in: Journal of Israeli History, Vol. 28, No. 1, March 2009, 1-20, hier 1 und 4f.).

Unschwer lassen sich in den obigen Aufnahmen Entsprechungen zu typischen Faschings- bzw. Karnevals-Bräuchen entdecken: die aufwendig drapierten Wagen etwa oder die Wahl einer Königin Ester (im Video ab 1:25). Die Filmaufnahmen haben aber auch eine interessante zeitgeschichtliche Pointe, nämlich in der Bezugnahme der Purim-Feiern auf den Nationalsozialismus: So etwa greift die Purim-Parade nationalsozialistische Symbole, namentlich das Hakenkreuz, auf und baut sie persiflierend in die Purim-Folklore ein (im Video ab 3:50, kurz auch schon bei 2:29)!

Ein ähnlich gelagertes Motiv war hier im Blog übrigens schon einmal Thema, nämlich die Assoziation von Haman und Hitler – siehe das bemerkenswerte Purim-Foto des „Haman Hitler“ aus Landsberg 1946 im Beitrag „Hamanpuppe„.

Der Ruhm des Purim-Spektakels in Tel Aviv jedenfalls verbreitete sich auch in der deutschsprachigen Diaspora – die in Berlin erscheinende „Jüdische Rundschau“ widmet beispielsweise den Purim-Feiern 1935 u.a. eine ganzseitige Reportage:

Drei Tage pulsierenden Lebens, farbigster Bewegtheit krönten Vorbereitungen von Wochen und Monaten. … Tel-Awiw dürfte noch niemals eine so große Zahl von Gästen beherbergt haben. Man schätzt die Besucherziffer auf 250 000. … Bezeichnend für den ungeheuren Zustrom ist die Tatsache, dass die Autobusgesellschaft ‚Egged‘ von Jerusalem nach Tel-Awiw einen Drei-Minuten-Verkehr eingerichtet hatte und sämtliche Wagen bis auf den letzten Platz gefüllt waren. … Die Zentren der Stadt waren festlich illuminiert, die Schaufenster standen im Zeichen des Purim … Das Straßenbild war belebt von buntesten Kostümen. … Auf den Hauptplätzen tanzten Gruppen junger Menschen die Horra bis zur Ekstase.

Jüdische Rundschau, 2. April 1935, S. 3, online auf compactmemory.de

Mit dieser kleinen Rückblende wünschen wir allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Purim!

חג פורים שמח לכולם!


2 Kommentare zu Purim seinerzeit

Purim 5773

Am 14. Adar, heuer Sonntag, der 24. Februar, wird Purim gefeiert (zum Fest siehe auch unseren Purimbeitrag vom vergangenen Jahr!). Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein…

Am 14. Adar, heuer Sonntag, der 24. Februar, wird Purim gefeiert (zum Fest siehe auch unseren Purimbeitrag vom vergangenen Jahr!).

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Purim!

חג פורים שמח לכולם!

Da kurz nach Purim, am Dienstag, 26. Februar, in Mattersburg die Veranstaltung

Geschichten aus dem jüdischen Mattersdorf

stattfindet, zu der wir hiermit auch sehr herzlich einladen, soll heute schon hier im Blog über Purim in den ehemaligen jüdischen Gemeinden Mattersdorf/Mattersburg und Eisenstadt kurz berichtet werden:

Zunächst „Zur jüdischen Volkskultur von Mattersdorf / Nagy Marton“ von Max Grunwald.

Max (Meir) Grunwald wurde 1871 in Oberschlesien geboren, promovierte 1892 zum Dr. phil. und war mit Margarethe, Tochter des Floridsdorfer Rabbiners und Reichstagsabgeordneten Dr. Joseph Samuel Bloch, verheiratet. 1938 musste Grunwald fliehen und starb 1953 in Jerusalem, wo an der Hebräischen Universität ein Lehrstuhl nach ihm benannt ist.
Seine rabbinische Laufbahn begann er in Hamburg, ließ sich aber 1903 in Wien nieder. Grunwald war wissenschaftlich besonders aktiv. Neben seinen philosophischen Arbeiten über Spinoza und seiner preisgekrönten Arbeit über „Samuel Oppenheimer und sein(en) Kreis“ umfasst sein Gesamtoeuvre zur jüdischen Volkskultur ca. 750 Publikationen. 1925 verfasste er seine minutiösen Schilderungen vom nordburgenländischen Mattersburg (alle Ausdrücke in eckigen Klammern sind Anmerkungen des Verfassers dieses Textes):

Kinderlied für Purim:

a) Heit is Pürim morgen is aus,
Gets mo e Kreizer ün schmeißts mioch enaus.

b) Pürim Pürim alle, kümm‘ ioch erein zü falle,
Fall ioch üntern Tisch, gefün ioch e Flederwisch.

Beim Verlesen der Megilla trägt der Zedoko-Gabbe [Vorsitzender des Wohlfahrtswesens] einen goldenen Siegelring an der rechten Hand.

Am Megilloh [Megilla, hier: die Esterrolle]-Abend wird auf die Tafel Megillohkraut aufgetragen, d.i. süß (mit Zibeben, Zucker usw.) zubereitetes Sauerkraut. Dasselbe wird auch am Simchas Thora, ferner bei jeder Hochzeit aufgetragen. Auf den Mittagstisch kommen zubereitete Bohnen. Besondere Aufmerksamkeit widmeten die Frauen der Zubereitung des aufgesetzten Barches, welcher mit Rosetten und Krönchen geziert war. Schon lange vorher sahen die Dorfgeher darauf, sich bei den Bauern das feine Mehl für den Purimbarches zu erhandeln, und mit Genugtuung ließen sie sich vernehmen, dass sie für Purim bereits gesorgt hätten. Man nannte den Barches „das geele [gelbe] Barches“ wegen seiner Zutaten, wie Eier, Safran, Zucker und Zibeben. „Marbe Kindloch“ und „Makewniken“ [Purimgebäck] gab es selbstverständlich in Hülle und Fülle. Die Reste der Kindloch wurden aufbewahrt, um als Dessert am Schabbos Hagodol zu dienen, beziehungsweise am Erew Pessach als letztes Chomez verzehrt zu werden.

Am Purim wurde Homon [Haman] mit Füßen und Hämmern geklopft und mit Ratschen gerätscht [siehe auch unseren Beitrag „Hamanpuppe“].

Denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder. Festschrift zum 90. Geburtstag von Richard Berczeller, hrsg. von Joachim Riedl, 62f

Esterrolle, Österreich-Ungarn 18. Jh.

Aus unserer Sammlung: Esterrolle/Megilla, Österreich-Ungarn, 18. Jahrhundert. Tusche/Wasserfarbe auf Pergament. Bgld. Landesmuseum IN 6.593

Über das Purimfest in der ehemaligen jüdischen Gemeinde Eisenstadt schreibt Meir Ayali:

An diesem Fest feierten wir die Niederlage des Haman, dem Urvater aller Antisemiten auf der Welt, und niemand konnte damals ahnen, welcher diabolische, um vieles gefährlichere Haman schon darauf wartete, das jüdische Volk zu vernichten und es von der Wurzel her auszurotten; und die Vernichtungswelle sollte ausgerechnet von hier, den „Siebengemeinden“ im Burgenland, ihren Anfang nehmen. Fröhlich und freudig drängten wir uns am Purimfest mit den Masken auf unserem Gesicht und wir halfen auch unseren Eltern beim Verteilen der ›Purimgeschenke‹; dieser Brauch sollte die Freundschaft unter den Nachbarn vermehren, wie es uns im Buch Ester befohlen wurde. Mutter legte auf den Teller ein paar Früchte und ein paar Süßigkeiten, herrliche „Linzerkipferl“, gab alles in eine farbige Hülle und sagte:

Jetzt gehst du zu Berger. Sagst „Küss die Hand und guten Purim. Mama schickt Schlachmones“ und genauso in andere Häuser, die selbstverständlich dieses wichtige Gebot ebenfalls einhielten.


4 Kommentare zu Purim 5773

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