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‚Vom Burgenland in alle Welt‘ – Buchpräsentation und Vortrag

Das Österreichische Jüdische Museum lädt herzlich ein zu

„Vom Burgenland in alle Welt“

Georg Gaugusch

Buchpräsentation und Vortrag mit Bildern

Donnerstag, 15. Dezember 2016, 19.00 Uhr

Österreichisches Jüdisches Museum

Dauer: ca. 60 Minuten

Aufgrund des großen Interesses ersuchen wir um Sitzplatzreservierung bis 9. Dezember 2016:

  • telefonisch: +43 (0)2682 65145
  • per E-Mail: info@ojm.at


Am vergangenen Donnerstag wurde in Wien der 2. Band des monumentalen Werkes des Historikers Georg Gaugusch „Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800-1938, L-R“ präsentiert (siehe ORF-Beitrag dazu).
Vorab stellte das Österreichische Jüdische Museum den kompletten Namensindex (immerhin 34.000 Namen!) samt Erfassung aller mit den Namen assoziierten Orte (20.000) online zur Verfügung.

Selbstverständlich waren besonders die Beziehungen zum burgenländischen Judentum für uns von besonderem Interesse. Tatsächlich bieten die Forschungsergebnisse von Georg Gaugusch die faszinierende Möglichkeit, die Geschichte der Juden im Burgenland und in Eisenstadt weiter- und fortzuschreiben. Weil nun endlich die Namen der auf den jüdischen Friedhöfen des Burgenlandes Begrabenen ihre Geschichten zurückbekommen.
Wir freuen uns wirklich sehr, dass der Autor in unserem Museum anhand von einzelnen Familienporträts über die Vernetzung und weltweite Bedeutung der burgenländischen Juden referieren wird.

Reitlinger-Mausoleum, Montparnasse, Paris

Reitlinger-Mausoleum, Montparnasse, Paris

Millionen Touristen besuchen jedes Jahr Paris, und unter diesen nicht wenige den berühmten Friedhof Montparnasse. Schlendert man über diesen, stößt man unweigerlich auf zwei der größten Mausoleen der französischen Hauptstadt – jene der Familie Reitlinger, deren Mitglieder man auch auf dem alten jüdischen Friedhof in Eisenstadt antrifft. Eine der prägendsten Persönlichkeiten des aufstrebenden Ungarns war der ebenfalls aus Eisenstadt stammende Bernhard Rust – ohne ihn und seine Familie wären viele Bauwerke der ungarischen Hauptstadt vermutlich nie entstanden. Die Nachkommen der Eisenstädter Familie Pollak erscheinen auch an den unerwartetsten Stellen: So war Alice Strauss, die einzige Erbin des Wiener Walzerkönigs Johann Strauß, ebenso Nachkommin dieser Eisenstädter Dynastie wie große Teile der Berliner und Münchner jüdischen Oberschicht. Bekanntester Vertreter war D. H. (David Heinrich) Pollak, der die Schuhindustrie in Österreich begründete und dessen Name als Marke immer noch präsent ist (Humanic).

Oder wer denkt bei der Kuner-Mayonaise an das jüdische Eisenstadt? Wer denkt beim Looshaus in Reichenau an das jüdische Eisenstadt? Die Eisenstädterin Julia Rosenfeld war mit dem Gründer der Khunerwerke Emanuel Khuner verheiratet und hatte 13 Kinder. Der Mattersburger Rabbiner Ehrenfeld beaufsichtigte die koschere Produktion. Und Emanuel Khuner war auch der Bauherr des Looshauses …

Aber nicht nur Eisenstadt, sondern auch die anderen jüdischen Gemeinden des Burgenlands haben Persönlichkeiten des internationalen Lebens hervorgebracht. Um das Jahr 1800 war der aus Kittsee stammende Wiener Großhändler Isak Figdor der mit Abstand größte Wollexporteur nach England. Sein Enkel Albert schuf in Wien eine beeindruckende Sammlung an Kunst und Kunsthandwerk – sie wurde nach seinem Tod 1927 versteigert und in alle Winde zerstreut. Die mit Lackenbach eng verbundene Familie Schey erbaute eines der größten Wiener Ringstraßenpalais, die Nachkommen leben heute über den ganzen Globus verstreut. Edmund de Waal hat in seinem Weltbestseller „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ auch dieser Familie gedacht.


Genealogie, Veranstaltungen

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Bittere Melodie

Erinnerungen an den jüdischen Lyriker David Ignatz Neumann,
geb. am 25. Mai 1894 in der Freistadt Rust im Komitat Ödenburg des Königreichs Ungarn, gest. am 01. November 1992 in Tel Aviv im Staate Israel

Er gehört zu jenen Menschen, die mich in meinem bisherigen Leben besonders beeindruckt haben. Aus vielerlei Gründen, vor allem aber wegen seiner körperlichen Vitalität und geistigen Regsamkeit, die ihn beinahe hundert Jahre alt werden ließen.

Kennen gelernt habe ich David Ignatz Neumann 1987 über Vermittlung des deutschen Unternehmensberaters Hans Dieter Schell, der zum Freundeskreis Neumanns gehörte und im Burgenland einen Verlag für die Gedichte dieses Mannes suchte, die damals schon im Marbacher Literaturarchiv aufbewahrt waren. Ich wies den Weg zur Edition Roetzer in Eisenstadt und aus dieser Empfehlung gingen dann in den folgenden Jahren vier Bände mit lyrischen Texten Neumanns hervor, teilweise versehen mit biographischen und analytischen Texten des deutschen Germanisten Manfred Seidler. Ihre Titel „Ein Leben- ein Werk“, „Bittere Melodie“, „Nichtigkeiten- Wichtigkeiten“ und „Spätlese“. Dem von mir verfassten Vorwort zum Band „Bittere Melodie“ bestehend aus einem Gedichtzyklus zur Geschichte Israels, gab ich den Titel „Ein Kämpfer für Zion“. Denn das war David Ignatz Neumann in jeder Phase seines Lebens.

Als Neumann 1894 als Sohn eines Weinsensals und Einkäufers für das große Eisenstädter jüdische Weinhandelshaus Wolf in der königlich- ungarischen Freistadt Rust das Licht der Welt erblickte, lebte der magyarische Chauvinismus in den deutschsprachigen Gebieten Westungarns gerade so richtig auf. Dieser Umstand, aber auch die von der Reblaus ausgelöste Wirtschaftskrise im Weingeschäft ließ die Familie Neumann mit ihren insgesamt 12 Kindern kurz nach der Jahrhundertwende aus Rust nach Wien ziehen, wo der kleine David Ignatz an der Hand seines Vaters am Begräbnis Theodor Herzls teilnahm und später dann den Beruf eines Messerschmieds erlernte, schon in der festen Absicht, nach Palästina auszuwandern. Im Ersten Weltkrieg diente David I. Neumann als Rechnungsunteroffizier im 76. (Ödenburger) Infanterieregiment der k.u. k. Armee. Sein Bruder Josef ist in diesem Krieg gefallen, was auf dem Ruster Kriegerdenkmal vor dem städtischen Rathaus heute noch nachzulesen ist.

Von 1927 an lebte David I. Neumann in Tel Aviv als Messer- und Verseschmied, denn die „Dichteritis“ (wie er diese Obsession einmal scherzhaft bezeichnete) hatte ihn von Jugend an fest in ihren Klauen. Stilistisch sah er sich in der Tradition von Eduard Mörike und Heinrich Heine. Und er war ein echter Jecke. Beherrschte auch nach Jahrzehnten in Israel nicht Hebräisch. Die deutsche Sprache war seine eigentliche Heimat. Die Stoßrichtungen seines Fühlens und Denkens hat er einmal in den folgenden Verszeilen festgemacht:

Zweigeteilt ist meine Seele.
Österreich hat mich geprägt.
Doch der Traum von Zion wurde
in die Wiege mir gelegt.

Im Band „Bittere Melodie“ konfrontiert uns Neumann mit jüdischem Empfinden und Denken, das nicht gerade von österreichischer Verbindlichkeit, Beiläufigkeit und Nonchalance gekennzeichnet ist. Härte und Unversöhnlichkeit gegenüber den Feinden der Juden paart sich bei ihm gelegentlich mit Ironie. Glatte Rhythmen und Reime wechseln aber immer wieder mit widerborstiger Beharrlichkeit im (für ihn) Grundsätzlichen.

David Ignatz Neumann im Alter von 93 Jahren in Basel am Rheinufer, im Hintergrund das Basler Münster, November 1987

Im Herbst 1987 besuchte ich mit einem Kamerateam David Ignatz Neumann in Basel, wo er sich nach den jüdischen Feiertagen im Oktober für die (in Tel Aviv klimatisch eher unwirtlichen) bevorstehenden Wintermonate in der Wohnung seiner (aus Königsberg stammenden) Altersfreundin Paula Friedländer einquartiert hatte und interviewte ihn für einen Beitrag im ORF- Fernsehen. Das verschaffte mir bei seiner Freundin zunächst ein gewisses Misstrauen, danach aber auch Respekt. Wenige Wochen später kam David I. Neumann nach Rust, der Stadt seiner Geburt, und nahm an einer Lesung seiner Gedichte im Seehof der Freistadt durch Karl Hofer teil. Bei dieser Gelegenheit wurde er von Bürgermeister Dipl. Ing. Heribert Artinger gebeten, sich in das Goldene Buch der Freistadt Rust einzutragen.

1994, also bereits nach seinem Tod, fand in Rust anlässlich des 100. Geburtstages von David I. Neumann eine Gedenkfeier statt, der auch Moshe Neumann, Sohn des verstorbenen Dichters, beiwohnte. Damals wurde auch das Gedicht des Jubilars „Als ich ein Kind war“ vorgetragen.

Als ich ein Kind war, Kind mit blonden Haaren,
Durft ich an Wintertagen Schlitten fahren.

An Sommertagen atmete der See,
Schilfrohrumstanden, blank, in meiner Näh‘.

Des Ufers Moorgeruch war mir vertraut,
Aus tiefer Stille sang ein Hummellaut.

Und ich war glücklich, unberührt vom Wissen,
Dass wir das Paradies verlassen müssen.

Burgenland, Kunst und Kultur

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