Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: schalom-salam-grüß-gott

Der nichtjüdisch-jüdische Dialog im deutschen Mitteleuropa

Eine subjektive Bilanz in zehn Schritten Ein Gastbeitrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Schalom – Salam – Grüß Gott“ Der Dialog wird nicht ohne historischen Hintergrund geführt. Nicht umsonst ist noch…

Eine subjektive Bilanz in zehn Schritten

Ein Gastbeitrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Schalom – Salam – Grüß Gott“

Schalom - Salam - Grüß Gott (Logo)

  1. Der Dialog wird nicht ohne historischen Hintergrund geführt. Nicht umsonst ist noch kein Phänomen eines schintoistisch- oder hinduistisch-jüdischen Dialogs entstanden. Den Nährboden des nichtjüdisch-jüdischen Dia- oder Trialogs bildet die historisch gewachsene Problematik, welche spezifische, wenn auch in sich heterogene Religionen, die (unter anderem) auf dem Jüdischen aufbauen, mit demselben verbindet.
  2. Phänomenologisch ist der Dialog zu einem deutschen Spezifikum geworden, für das sich in anderen Teilen Europas oder der Welt kaum Parallelen finden lassen. Nicht wenige, Juden wie Nichtjuden, machen den Dialog zu ihrer Hauptbeschäftigung. Dabei wird der Dialog leider immer mehr von einem Mittel in einen selbstständigen Zweck verwandelt.
  3. Die historisch gewachsene Problematik sollte im Dialog redlich angesprochen werden. Die Schönrednerei bringt uns nicht weiter. Darum setzt ein wahrhaftiger Dialog voraus, dass auch das Schweigen eine legitime Möglichkeit ist. Wo der Dialog selbst zum Zweck wird, kann kein wahrhaftiger Dialog mehr stattfinden.
  4. Das oft missachtete Kernproblem eines wahrhaftigen Dialogs ist, dass es in der historisch gewachsenen Problematik kein Gleichgewicht gibt: Im Mittelpunkt des Christentums steht ein Jude, im Mittelpunkt des Judentums hingegen kein Christ; der nachmohammedanische Islam usurpierte Jerusalem, das Volk Israel erhebt hingegen nach wie vor keinerlei Ansprüche auf Mekka. Diesen Beziehungen liegt ein usurpatorisches Moment zugrunde, das nicht in allen Richtungen gleichermaßen verläuft.
  5. Damit der Dialog den Berufsdialogikern auf jeden Fall erhalten bleibt, werden im heutigen Diskurs bisweilen Hypothesen aufgestellt, die ein falsches Gleichgewicht erzeugen und die Problematik verdrängen sollen: Jüdische Quellen werden zu »gemeinsamen« Quellen, die urjüdische Patriarchenmythologie zu einem »abrahamitischen« Allgemeingut umgedeutet, unterschiedliche Welt-, Lebens-, Gottes-, Gesellschafts-, Staats- und Geschichtsphilosophien zu bloßen »Namensdifferenzen« verklärt und degradiert. Solche schönredenden, das Jüdische einverleibenden Ansätze machen jede Aufarbeitung der bis in die Gegenwart fortwirkenden Problematik unmöglich.
  6. Das leider weit verbreitete Bestreben, die Usurpationsproblematik durch die bloße Existenz eines »Dialogs« mit Juden zu verkoschern, führt notwendigerweise zu einem bald impliziten, bald expliziten Kampf um die Deutungshoheit über das Jüdische, von dem sich Christentum und Islam zwecks ihres eigenen Selbstverständnisses, ihrer eigenen Identitätsstiftung abgrenzen müssen. Darum wird bisweilen von nichtjüdischer Seite versucht, dem Dialog eine bestimmte Definition des Jüdischen aufzuzwingen, die ihrem eigenen Judenverständnis und ihren eigenen Bedürfnissen entspricht. So wird auch der (scheinbare) Dialog selbst zu einem Mittel der objektivierenden Usurpation.
  7. Allzu oft wird dann das Jüdische allein auf die Religion bzw. das Rabbinische reduziert, obwohl das Judentum reichhaltig ist und viel mehr umfasst als Kultformen und Glaubensbekenntnisse. Wichtige Momente im heutigen Judentum (Kultur, Staatlichkeit, Geschichte, Sprache, Heimatland, Kunst, Abstammung etc.) dürfen bei einer solchen Objektivierung nicht artikuliert werden, sondern werden somit a priori vom Dialog ausgeschlossen, was u. a. die Entmündigung vieler, darunter etwa atheistischer Juden mit sich bringt. Soll aber ein wahrhaftiger Dialog entstehen, so muss als Erstes das jüdische Selbstbestimmungsrecht respektiert werden, genau so, wie dieses jedem anderen Volke zusteht.
  8. Ein wahrhaftiger Dialog bedeutet, sich auch mit den eigenen Schriften kritisch auseinanderzusetzen. Der jüdischen Seite obliegt es, sich überall, wo jüdische Grundschriften gegen Christen und/oder Muslime hetzen, deutlich von solchen Aussagen zu distanzieren. Das Gleiche gilt auch Christen und Muslimen, auch und gerade wenn judenfeindliche Äußerungen etwa von Paulus bzw. Mohammed gestammt haben sollen. Ohne eine grundsätzliche Selbstkritik und Distanzierungsbereitschaft kann man kein Partner sein für einen wahrhaftigen Dialog.
  9. Ebenfalls wichtig sind die theologischen Erwartungen von der jeweils anderen Seite. Zur Redlichkeit gehört es, diese Erwartungen von vornherein zu nennen. Denn es kann kein wahrhaftiger Dialog entstehen, solange die eine Seite davon ausgeht, dass die andere »eigentlich« zum Islam / Judentum / Christentum konvertieren sollte und, bis es soweit ist, in ihrem »überholten« Glauben lediglich »toleriert« wird. Toleranz ist das Gegenteil von Ebenbürtigkeit; Toleranz bedeutet Rückfall von kollektiver Selbstbefreiung.
  10. Metahistorisch gesehen, kann der wahrhaftige Dialog in ein neues Zeitalter führen: »[…] Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.« Bezweckt werden kann das freilich nicht. Wer genauso gut auch schweigen kann, nur dessen Worte sind von Wert.

Yoav Sapir M.A. ist u.a. als Referent im jüdisch-christlichen Dialog aktiv, bloggt auf „un/zugehörig“ und betreibt die Website sapir-berlin.com.

Der Beitrag von Yoav Sapir bildet den Abschluss einer Blog-Mini-Serie, die unsere aktuelle Veranstaltungsreihe „Schalom – Salam – Grüß Gott“ begleiten und ergänzen soll: Jüdische, christliche und muslimischen Autoren wurden gebeten, „eine Handreichung für interreligiöse Begegnungen aus jüdischer/christlicher/muslimischer Perspektive“ anzufertigen, die, „quasi als interreligiöser Survival Kit, (…) Orientierung in der interreligiösen Begegnung verbessern und Unsicherheiten mindern“ kann.
Bereits erschienen sind der „Islam-Knigge“ von Hussein Hamdan, Chajm Guskis „Schwierige Freundschaft“ und Christopher Meillers „Hehre Ziele, steinige Wege?


28 Kommentare zu Der nichtjüdisch-jüdische Dialog im deutschen Mitteleuropa

Wer isst Was – Nachlese

Heute fand unter regem Publikumsinteresse – ca. 70 BesucherInnen waren gekommen – die Finalveranstaltung „WER isst WAS“ unserer Vortragsreihe „Schalom – Salam – Grüß Gott“ statt. Tatsächlich stand der Vormittag…

Heute fand unter regem Publikumsinteresse – ca. 70 BesucherInnen waren gekommen – die Finalveranstaltung „WER isst WAS“ unserer Vortragsreihe „Schalom – Salam – Grüß Gott“ statt.
Tatsächlich stand der Vormittag dann doch (nur) unter dem Motto „Schalom – Grüß Gott“, denn der muslimische Referent fehlte leider. Alle Anwesenden fanden das sehr schade, nutzten dann aber die Zeit, um entsprechend ausführlicher über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Grundregeln des Essens und Trinkens in Judentum und Christentum zu sprechen.

Und wenn wir auch den theoretischen Überbau vermissten, beim anschließenden großen Buffet gab es neben „kosher-style“- natürlich auch genügend halal-Köstlichkeiten!

  • Volles Auditorium bei der Finalveranstaltung 'WER isst WAS'
  • Universitätslektorin Dr.in Tirza Lemberger, Wien
  • Hon.-Prof. Dr. Michael Bünker, Bischof der evangelischen Kirche A.B. in Österreich
  • Die 'halal-Abteilung' beim Buffet
  • Kosher-Style ...
  • Vor der heißen Schlacht am kalten Buffet ;)


Die Kaschrut hat absolut nichts mit Gesundheit zu tun … sonst hätten wir auch gewisse Pilzarten auf der Liste, die man nicht essen darf. Aber es steht nirgends, dass der Fliegenpilz nicht zum Essen erlaubt ist, wenn ich es auch nicht raten möchte … ;)


Univ.-Lektorin Dr.in Tirza Lemberger


… wenn Adam und Eva in Vietnam gelebt hätten, hätten sie nicht den Apfel gegessen, sondern die Schlange … und es wäre uns vielleicht einiges erspart geblieben … ;)


Hon.-Prof. Dr. Michael Bünker, Bischof der evangelischen Kirche A.B. in Österreich


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Nicht ganz koscher? – Das Video

Über das Essen der alten Hebräer könnte ich weitläufig mich aussprechen und bis auf die jüdische Küche der neuesten Zeit herabgehen … ich könnte auch anführen, wie human sich viele…

Über das Essen der alten Hebräer könnte ich weitläufig mich aussprechen und bis auf die jüdische Küche der neuesten Zeit herabgehen … ich könnte auch anführen, wie human sich viele Berliner Gelehrte über das Essen der Juden geäußert, ich käme dann auf die anderen Vorzüglichkeiten und Vortrefflichkeiten der Juden …

Heinrich Heine, 1825 in einem Brief an seinen Freund Moses Moser

Am kommen Sonntag geht unsere Veranstaltungsreihe „Schalom – Salam – Grüß Gott“ mit der kulinarisch-religiösen Sonntagsmatinee „WER isst WAS“ ins Finale.
Wir laden Sie nochmals sehr herzlich dazu ein!

Mit den Grundregeln des Essens und Trinkens in allen drei monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) werden wir uns am Sonntag das erste Mal beschäftigen, das Thema der „Kaschrut“ (wörtl. „Tauglichkeit“, „rituelle Eignung“), also die Betrachtung der Gesamtheit jüdischer Speisegesetze, hat jedoch in unserem Museum schon eine lange (Ausstellungs)-Tradition.

Ein kurzer Rückblick:

Nach der sehr erfolgreichen Ausstellung „Der Wein erfreut des Menschen Herz“ im Jahr 1998 war es für uns naheliegend, auch eine Ausstellung über die religiöse Bedeutung des Essens im Judentum zu zeigen („Nicht ganz koscher?„, 2000/01). Ausschlaggebend für den Entschluss, sowohl eine Ausstellung über das Trinken als auch eine über das Essen zu realisieren, war vor allem die Tatsache, dass es zwar eine Unzahl an koscheren Kochbüchern, aber (damals) kaum eine neuere nennenswerte Arbeit gab, die auch den traditionsgeschichtlichen Hintergrund der Kaschrut beleuchtete.

In der Tat, die jüdische und näherhin die koschere Küche gehört – obwohl kein eigener Kochstil – nicht nur zu den ältesten, sondern auch heute wieder zu den bekanntesten und beliebtesten Küchen der Welt. Allein in den USA beträgt der jährliche Umsatz an koscheren Produkten mehr als 150 Milliarden Dollar!

Koscher bedeutet – auf Speisen bezogen – „tauglich“, „gemäß der Vorschrift“. Wie kaum eine andere Vorschrift prägen die jüdischen Speisegesetze sowohl Alltag aus auch Gemeindeleben.

Neben einem großen, eigens eingerichteten koscheren Supermarkt konnten in der Ausstellung vor allem auch historisch ausgesprochen wertvolle Objekte aus der Gross Family Collection, Tel Aviv, gezeigt werden.

Und in einem als Kinosaal adaptierten Medienraum wurde ein Video gezeigt, in dem eine unserer Referentinnen des kommenden Sonntags, die Judaistin Frau Dr.in Tirza Lemberger und der Toraschreiber Herr Salomon Kohn aus Wien (dem heuer verstorbenen Journalisten Mag. Robert Heger) Fragen zum koscheren Alltag in Österreich beantworteten.
Dieses Video wollen wir Ihnen, als Vorgeschmack auf und Einstimmung für den kommenden Sonntag, hier und auf unserer YouTube-Seite gerne präsentieren:




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WER isst WAS

Eine kulinarisch-religiöse Sonntagsmatinee – im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Schalom – Salam – Grüß Gott“ Das Österreichische Jüdische Museum lädt herzlich ein zum Finale der Veranstaltungsreihe „Schalom – Salam – Grüß…

Eine kulinarisch-religiöse Sonntagsmatinee – im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Schalom – Salam – Grüß Gott“

Das Österreichische Jüdische Museum lädt herzlich ein zum Finale der Veranstaltungsreihe „Schalom – Salam – Grüß Gott“:

WER isst WAS – Eine kulinarisch-religiöse Einführung in Judentum, Christentum und Islam

Wann: Sonntag, 07. November 2010, 11.00 Uhr
Wo: Österreichisches Jüdisches Museum,
7000 Eisenstadt, Unterbergstraße 6

  • Ist Cola eigentlich koscher?
  • Warum untersagt der Islam Alkoholgenuss?
  • Und: Gibt es koschere und halal-Varianten von Schnitzel und Apfelstrudel?

Diesen und weiteren kulinarischen Fragen widmet sich der letzte Teil unserer Veranstaltungsreihe „Schalom – Salam – Grüß Gott“: in drei Vorträgen über die Grundregeln des Essens und Trinkens in Judentum, Christentum und Islam und ihre Anwendung im religiösen Alltag – mit Praxis-Teil am koscheren und halal-Buffet!

Es referieren:

  • Univ.-Lektorin Dr.in Tirza Lemberger, Institut für Judaistik, Wien
  • Hon.-Prof. Dr. Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich
  • Halid Akpinar M.A., Assistent am Institut für Bildungswissenschaft/Islamische Religionspädagogik, Wien

Der Eintritt ist frei.

Eine Anmeldung wird erbeten:


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