Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: shoa

Mattersburg judenfrei

Exakt heute vor 75 Jahren, am 8. Oktober 1938, meldete das „Kleine Blatt“, dass Mattersburg judenfrei ist. Damit hatte Tobias Portschy das erreicht, was er Anfang 1938, damals noch als…

Exakt heute vor 75 Jahren, am 8. Oktober 1938, meldete das „Kleine Blatt“, dass Mattersburg judenfrei ist. Damit hatte Tobias Portschy das erreicht, was er Anfang 1938, damals noch als illegaler Gauleiter, gefordert hat: die Judenfrage, die Zigeunerfrage und die Agrarreform mit nationalsozialistischer Konsequenz zu lösen …

Ausschnitt 'Kleines Blatt'


Mattersburg judenfrei!

Mit Ende des vergangenen Monats verließen die letzten Juden Mattersburg. Der Ort, der mit seinen 530 Juden Jahrhunderte hindurch berüchtigt war, ist somit gänzlich judenfrei! Die meisten sind auch bereits ausgebürgert, da sie das Reichsgebiet verließen. Im Zeichen der Erlösung von der Judenplage ließ der Ortsgruppenleiter und Bürgermeister unter Teilnahme einer jubelnden Menge auf dem ehemaligen Judentempel eine weiße Flagge hissen. Das Judenviertel selbst soll über kurz oder lang niedergelegt werden und anstatt der elenden Wanzenburgen werden neue Bauten und Parkanlagen erstehen.

Wien, Samstag, Das kleine Blatt, 8.Oktober 1938, Nr.277

Den Volltext der Zeitungsausgabe finden Sie im Onlinearchiv „Anno“ der Österreichischen Nationalbibliothek.

Vielen Dank an Meir Deutsch für den Hinweis!


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Die Sprengung der Synagoge von Deutschkreutz

Protokoll eines Gesprächs mit Josef Presch, Kobersdorf, am 26. September 1990 Erstveröffentlichung! Josef Presch, geb. 1906 in Mattersburg, wurde 1926 Gemeindeschmied in Kobersdorf, wo er während der Hitlerzeit Präses der…

Protokoll eines Gesprächs mit Josef Presch, Kobersdorf, am 26. September 1990
Erstveröffentlichung!

Josef Presch, geb. 1906 in Mattersburg, wurde 1926 Gemeindeschmied in Kobersdorf, wo er während der Hitlerzeit Präses der katholischen Pfarre war. Als solchem wurde ihm wegen der Organisation der Auferstehungsprozession vom Kreisleiter sogar die Verschleppung nach Dachau angedroht. Da er wegen eines Magengeschwürs für den Militärdienst untauglich war, wurde er als Schmiedemeister der „Technischen Nothilfe“ zugeteilt. Dabei handelte es sich um eine Art Bautrupp, der am Wochenende bei der Wiederherstellung von Bachufern nach Unwettern und dergleichen eingesetzt wurde.

In Anführungszeichen gesetzt sind Originalzitate von Josef Presch.

Am Sonntag, dem 16. Februar 1941 morgens, wurden die 14 Männer der „Technischen Nothilfe“ von Kobersdorf abgeholt, um nach Oberpullendorf gebracht zu werden. Der Wagen bog aber in Richtung Lackenbach ab. Auf die Frage von Josef Presch, der für die Gruppe verantwortlich war, wurde ihnen vom Leiter des Vermessungsamtes, Ing. Koschat, mitgeteilt, dass an dem Tag die Tempel von Deutschkreutz und Lackenbach zu sprengen seien. Herr Presch war Sprengmeister, einen diesbezüglichen Blitzkurs hatte er zuvor, auf Anordnung der Behörde, in Berlin gemacht.

In Deutschkreutz hatte die Feuerwehr (wahrscheinlich Feuerwehrmänner aus der Umgebung) das Areal um die Synagoge bereits abgesperrt. Es gab ein Zuschauergedränge. Die Organisation lag offensichtlich in den Händen des Kreisleiters Kiss aus Markt St. Martin. Außer diesem waren der Bezirkshauptmann, General Siebert, der Chef der Technischen Nothilfe, und andere Parteifunktionäre, etwa zwölf an der Zahl, anwesend. Eigens für sie wurde eine Konstruktion aus Stahl aufgestellt, von der aus sie die Sprengung gut beobachten konnten und die ihnen Schutz bieten sollte; von dort aus sollte auch fotografiert werden. Herr Presch glaubte aber nicht, dass die Herren wirklich fotografieren konnten, da die Detonation schließlich stärker ausfiel als erwartet, mit riesiger Staubwolke, wobei Trümmer auch gegen die Beobachtungswarte der „Ehrengäste“ flogen.

Synagoge von Deutschkreutz

Den Berechnungen entsprechend, hatten sich die Männer der Technischen Nothilfe an die „Ladung“ der Synagoge gemacht. Da vorher die Rede von bis zu 2m dicken Mauern gewesen war, waren Sprenglöcher von innen und von außen gebohrt worden – 140 an der Zahl, obwohl im verbauten Gebiet nur 70 hätten gesetzt werden dürfen. Man wollte den massiven Bau so auf alle Fälle zu Fall bringen. Der Sprengeinsatzleiter nahm alle Verantwortung auf sich. Außerdem musste die elektrische Zündung ganz präzise ausgelöst werden; man riskierte einiges.

Es dauerte bis ca. 12.30h, bis alle Sprenglöcher geladen waren. Die Wucht der Sprengung war dann allerdings so gewaltig, dass es die ganze Synagoge an die 50m hoch in die Luft schleuderte, ehe sie im Schutt dalag, erinnert sich Josef Presch. Seiner Meinung nach waren die Absperrungen der Feuerwehr nicht ausreichend gewesen, denn ein Ziegelbruchstück – „wahrscheinlich aus einem gemauerten Bogen, denn sonst war die Synagoge aus Steinen gebaut“ – traf die 17-jährige Helene Artner tödlich. Sie hatte die Sprengung mit anderen vom offenen Gang der damaligen Hauptschule aus beobachtet.

Unmittelbar neben der Synagoge stand eine „alte Lehmhütte“, die man zunächst wegsprengen wollte, aber wegen des wenig massiven Mauerwerks stehen ließ, in der Hoffnung, sie würde durch die Synagogensprengung ohnehin zerstört werden. Das war dann allerdings nicht der Fall, sondern aus diesem Häuschen kam ein geschockter und staubübersäter Bub heraus, der die Sprengung unversehrt überlebt hatte.

Die Männer der Technischen Nothilfe bekamen nach der Tempelzerstörung in einem Gasthaus Essen. Danach teilte Herr Presch Herrn Ing. Koschat mit, dass er nach dem Tod „eines unschuldigen Mädchens keine Lust mehr habe“, bei der Sprengung der Lackenbacher Synagoge auch noch mitzuarbeiten. Daraufhin wurde er mit einem Wagen nach Kobersdorf gebracht. Er betont, er wisse bis heute nicht, ob damals die Synagoge von Lackenbach am selben Tag gesprengt wurde.

Herr Presch spricht von Malereien im Deutschkreutzer Tempel, Einrichtung sei keine mehr drinnen gewesen. Das Dach sei bloß an der Seite des Eingangs bereits abgenommen gewesen. Warum, könne er nicht sagen. Dass die Kobersdorfer Synagoge nicht gesprengt werden würde, habe Josef Presch schon vor der Sprengung in Deutschkreutz gewusst. Ing. Koschat habe ihm mitgeteilt, dass vor allem eine Gefährdung des gegenüberliegenden Schlosses, dessen hölzerne Dachschindeln Feuer hätten fangen können, nicht riskiert werden sollte. Außerdem standen dort auch zwei Wohnhäuser in unmittelbarer Nähe der Synagoge.

Mit bestem Dank an Mag. Manfred Fuchs, der 1985 als jüngster Bürgermeister des Burgenlandes zum Bürgermeister von Kobersdorf gewählt wurde und das Amt 21 Jahre ausübte.


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Gedenk-Fundstück

Wie soll das Schoa-Gedenken im öffentlichen Raum gestaltet werden – nüchtern-deskriptiv oder ästhetisch inszeniert? kollektiv oder personalisiert? dauerhaft oder provisorisch? Ein rundum bemerkenswerter Beitrag aus dem Umfeld dieser Fundamentalfrage öffentlicher…

Wie soll das Schoa-Gedenken im öffentlichen Raum gestaltet werden – nüchtern-deskriptiv oder ästhetisch inszeniert? kollektiv oder personalisiert? dauerhaft oder provisorisch?

Ein rundum bemerkenswerter Beitrag aus dem Umfeld dieser Fundamentalfrage öffentlicher „Erinnerungskultur“ erreicht uns diese Woche in Form eines Fotos von Freundin Iris H. – תודה רבה = besten Dank dafür! Per Zufall entdeckt und aufgenommen vor dem Haus Kellinggasse 8 in Wien 15, vergangene Woche:

Gehsteig in der Wiener Kellinggasse

Gehsteig in der Wiener Kellinggasse (bitte vergrößern!)

Mit Kreide wurde ebendort – vielleicht im Rahmen eines Schulprojekts? oder von aufmerksamen Bewohnern/innen? oder …? – folgende Aufschrift angebracht:

Lieber Herr Otto Blumenfeld,
wir haben Ihren Namen auf einer
Liste der ermordeten Juden/innen
gefunden. Hier haben Sie zuletzt gelebt.
Wir haben Sie nicht vergessen!

Ein Gedenk-Format, das wohl nur bis zum nächsten Regenguss hält – und doch (oder vielleicht gerade deshalb?): so verblüffend wie beeindruckend!

Ein Blick in die Opfer-Datenbank der Schoa-Gedenkstätte Yad Vashem bestätigt übrigens: Otto Blumenfeld, Jahrgang 1911, war während des Krieges an besagter Adresse gemeldet – er wurde im Oktober 1939 nach Nisko/Polen deportiert und hat die Schoa nicht überlebt.


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Zum 12. März

Eisenstadt, 1938 – Im März 1938 war der Einmarsch. Es kam nicht plötzlich. Wir wussten, dass die Nazis in Österreich nicht aufgehalten werden können. Was wir aber nicht ahnten, waren…

Eisenstadt, 1938 –

Im März 1938 war der Einmarsch. Es kam nicht plötzlich. Wir wussten, dass die Nazis in Österreich nicht aufgehalten werden können. Was wir aber nicht ahnten, waren die Auswirkungen, die Geschwindigkeit, mit der sich alles entwickelte. Das kam so plötzlich und überraschend, ein Schock, eine Enttäuschung, wie immer man das nennen will. (…) Wir sahen die deutschen Soldaten durch die Straßen in Eisenstadt marschieren und hatten ein Gefühl der Ungewissheit. Man wusste nicht, was jetzt passieren wird. Wir waren verängstigt, es machte uns Angst. (…) Als wir aus unserer Wohnung wegmussten, haben selbst unsere Nachbarn geweint, obwohl sie mit den Nazis sympathisierten. Sie sagten, sie hätten nie gedacht, dass es auch Leute wie uns treffen würde.

Aus den Erinnerungen des ehemaligen Eisenstädters Fred Poll (geb. 1921 als Alfred Politzer) (aus: G. Tschögl u.a. (Hg.): Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen. Wien 2004. S. 157f.)

Synagoge in Güssing 1938

Die Synagoge in Güssing wurde von den Nationalsozialisten in eine Turn- und Festhalle umgewandelt und im Jahr 1953 abgerissen. An ihrer Stelle wurde das neue Rathaus in Güssing errichtet.


In wenigen Tagen, am 12. März, jährt sich zum 75. Mal der sogenannte „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland: Jener 12. März 1938, ein Schabbat wenige Tage vor dem Purim-Fest übrigens, markiert einen Einschnitt in der österreichisch-jüdischen Geschichte, dessen Größenordnung – gemessen an den unmittelbaren wie mittelbaren Folgen: Verhaftungen, Misshandlungen, Demütigungen, schließlich Vertreibung und Ermordung – offenkundig kaum überschätzt werden kann – und der von allem Anfang an Zentrum (Wien) und Peripherie (wie eben die jüdischen Gemeinden des Burgenlandes) gleichermaßen betraf.

Was der Eisenstädter Fred Poll im obigen (exemplarisch zu nehmenden) Zitat mit knappen Worten beschreibt, ist nicht weniger als der Anfang vom Ende des burgenländischen Judentums, Initialzündung zur nachhaltigen Zerstörung einer Jahrhunderte währenden Tradition jüdischen Lebens – deren fatale „Geschwindigkeit“ tatsächlich atemraubend ist: Nicht viel mehr als ein halbes Jahr sollte es dauern, bis – im Oktober 1938 – sämtliche Kultusgemeinden des Burgenlandes aufgelöst waren (vgl. ausführlich P. F. N. Hörz: Jüdische Kultur im Burgenland. Historische Fragmente – volkskundliche Analysen. [Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien. Bd. 26.] Wien 2005. hier S. 61f.) – erster Akt im Programm der nationalsozialistischen Vernichtung des österreichischen Judentums!

In diesen Tagen, vor 75 Jahren …

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir Wolfgang Weisgrams STANDARD-Artikel „Spätes Erinnern an die Sheva Kehillot„.


3 Kommentare zu Zum 12. März

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