Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: shoa

Zum 12. März

Eisenstadt, 1938 – Im März 1938 war der Einmarsch. Es kam nicht plötzlich. Wir wussten, dass die Nazis in Österreich nicht aufgehalten werden können. Was wir aber nicht ahnten, waren…

Eisenstadt, 1938 –

Im März 1938 war der Einmarsch. Es kam nicht plötzlich. Wir wussten, dass die Nazis in Österreich nicht aufgehalten werden können. Was wir aber nicht ahnten, waren die Auswirkungen, die Geschwindigkeit, mit der sich alles entwickelte. Das kam so plötzlich und überraschend, ein Schock, eine Enttäuschung, wie immer man das nennen will. (…) Wir sahen die deutschen Soldaten durch die Straßen in Eisenstadt marschieren und hatten ein Gefühl der Ungewissheit. Man wusste nicht, was jetzt passieren wird. Wir waren verängstigt, es machte uns Angst. (…) Als wir aus unserer Wohnung wegmussten, haben selbst unsere Nachbarn geweint, obwohl sie mit den Nazis sympathisierten. Sie sagten, sie hätten nie gedacht, dass es auch Leute wie uns treffen würde.

Aus den Erinnerungen des ehemaligen Eisenstädters Fred Poll (geb. 1921 als Alfred Politzer) (aus: G. Tschögl u.a. (Hg.): Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen. Wien 2004. S. 157f.)

Synagoge in Güssing 1938

Die Synagoge in Güssing wurde von den Nationalsozialisten in eine Turn- und Festhalle umgewandelt und im Jahr 1953 abgerissen. An ihrer Stelle wurde das neue Rathaus in Güssing errichtet.


In wenigen Tagen, am 12. März, jährt sich zum 75. Mal der sogenannte „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland: Jener 12. März 1938, ein Schabbat wenige Tage vor dem Purim-Fest übrigens, markiert einen Einschnitt in der österreichisch-jüdischen Geschichte, dessen Größenordnung – gemessen an den unmittelbaren wie mittelbaren Folgen: Verhaftungen, Misshandlungen, Demütigungen, schließlich Vertreibung und Ermordung – offenkundig kaum überschätzt werden kann – und der von allem Anfang an Zentrum (Wien) und Peripherie (wie eben die jüdischen Gemeinden des Burgenlandes) gleichermaßen betraf.

Was der Eisenstädter Fred Poll im obigen (exemplarisch zu nehmenden) Zitat mit knappen Worten beschreibt, ist nicht weniger als der Anfang vom Ende des burgenländischen Judentums, Initialzündung zur nachhaltigen Zerstörung einer Jahrhunderte währenden Tradition jüdischen Lebens – deren fatale „Geschwindigkeit“ tatsächlich atemraubend ist: Nicht viel mehr als ein halbes Jahr sollte es dauern, bis – im Oktober 1938 – sämtliche Kultusgemeinden des Burgenlandes aufgelöst waren (vgl. ausführlich P. F. N. Hörz: Jüdische Kultur im Burgenland. Historische Fragmente – volkskundliche Analysen. [Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien. Bd. 26.] Wien 2005. hier S. 61f.) – erster Akt im Programm der nationalsozialistischen Vernichtung des österreichischen Judentums!

In diesen Tagen, vor 75 Jahren …

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir Wolfgang Weisgrams STANDARD-Artikel „Spätes Erinnern an die Sheva Kehillot„.


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Bild der Woche – Kreuzstadl

Gestern fand in Rechnitz das alljährliche Gedenken an die ermordeten 180 ungarischen Zwangsarbeiter statt. 67 Jahre danach wurden gestern 12 Schau-/Texttafeln und Schaukästen feierlich eröffnet. Zahlreiche Prominenz, darunter auch Bundespräsident…

Gestern fand in Rechnitz das alljährliche Gedenken an die ermordeten 180 ungarischen Zwangsarbeiter statt. 67 Jahre danach wurden gestern 12 Schau-/Texttafeln und Schaukästen feierlich eröffnet. Zahlreiche Prominenz, darunter auch Bundespräsident Dr. Heinz Fischer und Oberrabbiner Prof. Paul Chaim Eisenberg, kam nach Rechnitz …

Rechnitz, Kreuzstadl

„Nach der Eröffnung ist vor der Eröffnung ;-) …“ – etwa 30 Minuten vor der offiziellen Eröffnung

Rechnitz, Kreuzstadl

Nein, die Abedeckung ist kein Sonnenschutz (trotz strahlender Sonne), sondern diente dazu, die der Eröffnung vorangehende Gedenkfeier in würdigem Rahmen abhalten zu können.

Online-Berichte:

Update 27. 03. 2012:

Update 31. 03. 2012:



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Bild und Tipp der Woche – HAUS-BERG-VERBOT

Das Ende des Sommers und damit meist auch der Urlaubszeit naht … daher hier noch ein „Bild und ein Tipp der Woche“ aus meinem heurigen Urlaub in Kärnten: Über eine…

Das Ende des Sommers und damit meist auch der Urlaubszeit naht … daher hier noch ein „Bild und ein Tipp der Woche“ aus meinem heurigen Urlaub in Kärnten:
Über eine sehr erfreuliche Initiative / Aktion am Dobratsch, dem Hausberg der Villacher!

Gedenktafel am Dobratsch Gipfelhaus

Gedenktafel am Dobratsch Gipfelhaus (ehem. Ludwig-Walter-Haus), 2.143m


Ein paar kurze Notizen zu den Hintergründen:

Bei der am 11. Feber 1920 abgehaltenen Jahresversammlung beschloss die Sektion Villach mit 53 gegen 6 Stimmen die Einführung des Arierparagrafen in ihre Satzungen, der Nichtariern die Mitgliedschaft verweigerte. 1921 kam der Arierparagraf auch bei der Wiener Sektion Austria zur Anwendung, woraufhin die jüdischen Mitglieder austraten und die Sektion Donauland gründeten.

Schon seit dem Sommer 1921 waren zahlreiche österreichische Alpenvereinshütten mit Plakaten ausgestattet worden, die darauf hinwiesen, dass die Mitglieder der Sektion Donauland von der Begünstigung der Hüttengebühr ausgeschlossen waren. Obwohl vom Hauptausschuss wegen der antisemitischen Plakate schon verwarnt, antwortete die Sektion Villach,

dass sie mit Bewilligung des Hauptausschusses den Arierparagraphen aufgenommen hat und daher auch berechtigt ist, die Verwaltung der Sektion und den Betrieb ihrer Hütten nach deutsch-völkischen Richtlinien zu führen. Zu diesen Richtlinien gehört selbstverständlich auch der Antisemitismus…

Die sozialdemokratische Zeitung der Arbeiterbewegung (1890 – 1934) „Arbeiterwille“ berichtete im September 1922 ausführlich über das von der Sektion Villach erlassene „Judenverbot“:

Die Ortsgruppe Villach des Deutschösterreichischen Alpenverereins hat vor längerer Zeit das Schutzhaus am Dobratsch als Eigentum erworben. Seit einiger Zeit prangen auf diesem Schutzhaus die Worte: ‚Juden ist der Eintritt in dieses Haus verboten!‘ Diese Aufschrift ist natürlich mit dem Zeichen des Hakenkreuzes versehen. Wie wir hören, wurde diese Aufschrift über Beschluss der Ortsgruppe Villach an dem Schutzhause angebracht. Außerdem soll die gleiche Ortsgruppe beschlossen haben, daß der Prachtvertrag, der mit dem Pächter des Schutzhauses abgeschlossen wurde, in dem Moment erlischt, wo der Pächter einem Juden den Eintritt in das Schutzhaus gestattet. Es ist bezeichnend, daß eine ganze Organisation einigen närrischen Schandkerlen auf den Leim geht und einen solchen Beschluss fasst. Das kann nur eine Organisation tun, die entweder von Kindern, von Trotteln oder von gewissenlosen Lumpen geleitet wird.

Bild: „Der judenreine Alpenverein“, Karikatur von Paul Humploletz, in: „Der Götz von Berlichingen“, Wien 1924 (OeAV-Archiv Innsbruck), Quelle: Folder, s.u.

Im Jahr 1923 fasste die Sektion Villach in der „Judenfrage“ den Beschluss, die bisherige Aufschrift „Juden und Mitglieder der Sektion Donauland sind auf dieser Hütte nicht erwünscht“, in „Juden ist der Eintritt verboten“ umzuwandeln, woraufhin die Sektion vom Hauptausschuss erneut aufgefordert wurde, die Verbotstafel für Juden von den Hütten zu entfernen.
Ein Jahr später teilte die Sektion Villach dem Hauptausschuss lediglich mit, dass die Plakate künftig lauten würden:

Der Zutritt von Juden ist nicht erwünscht

Texte weitgehend zitiert aus dem Folder „Haus-Berg-Verbot. Kunstaktion am Dobratsch zur Erinnerung an die Vertreibung der Juden vom Villacher Hausberg“

Die Kunstaktion zur Erinnerung des „Judenverbots“ am Villacher Hausberg fand am 11. Juni 2011 statt. Dieses „Bild der Woche“ ist auch ein „Tipp der Woche“, denn die Ausstellung „Judenhütte“ am 10er Nock am Dobratsch können Sie noch bis zum 15. September besichtigen.
Mehr Informationen sowie viele Bilder von der Kunstaktion und der Ausstellung auf der Website des Universitätskulturzentrums UNIKUM!
Hier auch der ORF-Beitrag zur Aktion am 11. Juni.




Dieser Tage war übrigens eine Dame von der Hebrew University in Jerusalem bei uns im Museum, die zuvor in Kärnten war und dort auch die Ausstellung am Dobratsch gesehen hat und mir davon erzählte, weil sie nämlich sehr überrascht, aber auch sehr beeindruckt war :-)


Schicken Sie uns Ihr Bild der Woche


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Web-Tipp der Woche – ns-quellen.at

Ein Wegweiser durch den Archiv-Dschungel Was haben Angehörige meiner Familie im Krieg gemacht, gab es Opfer, gab es Täter?, Wer wohnte in meiner Wohnung – wurde sie arisiert?, Was wurde…

Ein Wegweiser durch den Archiv-Dschungel

Was haben Angehörige meiner Familie im Krieg gemacht, gab es Opfer, gab es Täter?,

Wer wohnte in meiner Wohnung – wurde sie arisiert?,

Was wurde aus dem Unternehmen X nach dem ‚Anschluss‘?

– Orientierungshilfe bei diesen und ähnlich gelagerten Fragen bietet eine neue Online-Plattform, die das „forschungsbüro“ (gemeinsam mit dem Wiener Wiesenthal Institut, dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes und der Österreichischen Gesellschaft für Zeitgeschichte) bereitstellt:

ns-quellen.at

.

Die Plattform behandelt im Besonderen die Themen Vermögensentzug, Rückstellung und Entschädigung, gibt u.a. Hilfestellung zur Archiv-Recherche und macht einschlägige Gesetzestexte zugänglich.
Wer also beispielsweise Personen aus bzw. Namenslisten zu den jüdischen Gemeinden des Burgenlandes sucht, wird korrekterweise u.a. auf die Matriken/Geburts- und Sterbebücher im Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde Wien verwiesen (auf die übrigens auch wir im Rahmen unserer Online-Aufarbeitung des Friedhofs Mattersburg zurückgreifen) – wo dann vor Ort weiterrecherchiert werden kann. Aber schon bei einer Arbeit wie der unseren macht sich auch die thematische und zeitliche Enge der Plattform deutlich bemerkbar (selbstverständlich müssen wir auch bzw. vor allem auf außerösterreichische Archive zurückgreifen).

Einstiegsseite 'ns-quellen.at'

Jedenfalls ein hilfreiches Recherche-Tool, wie wir finden – wenn auch insbesondere für wissenschaftliche Arbeiten und historisch einschlägig Interessierte, leider nur bedingt tauglich für genealogisch Interessierte.

Denn, in der Tat: Das

erspart Ihnen den Weg ins Archiv zwar nicht, (…) kann diesen aber entscheidend erleichtern.

http://ns-quellen.at/index.php

– zumindest wenn sich Ihr Interesse auf dieses Spezialgebiet beschränkt …


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