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Rabbi Mosche Teitelbaum – der chassidische Wunderrabbi

Die Artikel-Sammlung auf unserer Website, in der sich eine Reihe wissenschaftlicher und weiterführender Beiträge v.a. zu burgenländisch-jüdischen Themen findet, hat erfreulicherweise wieder Zuwachs bekommen – dank unserer Korrespondentin aus Bnei-Brak, Israel, Claudia/Chaya-Bathya mit ihrem Beitrag über den „Importeur“ des Chassidismus nach Ungarn …

Viele unserer LeserInnen erinnern sich wohl noch gut an die von der mittlerweile leider ehemaligen Chefkuratorin Dr.in Felicitas Heimann-Jelinek kuratierten Eröffnungsausstellung des Jüdischen Museums Wien im Jahr 1993 ‚Hier hat Teitelbaum gewohnt. Ein Gang durch das jüdische Wien in Zeit und Raum‘.
Im Text zur Ausstellung hieß es: „Im Wiener Adressbuch von 1938 waren unter diesem Namen [Teitelbaum] sechzehn Adressen angeführt, im aktuellen Wiener Telefonbuch 1993/94 ist der Name Teitelbaum nicht zu finden …“

Unser Artikel widmet sich nun dem ersten, vor allem dem ersten berühmten Träger dieses Namens, der zwar nicht in Wien wohnte, der aber, 1759 geboren, einer der bekanntesten und einflussreichsten Rabbiner in Ungarn war: Rabbiner Mosche Teitelbaum aus Ujhely. Der zweite berühmte Teitelbaum hieß übrigens auch Mosche und verstarb im Alter von 91 Jahren als Satmar Rebbe am 24. April 2006. Bilder von seinem Begräbnis finden Sie hier.

Rabbi Mosche Teitelbaum aus Ujhely: ein großer Toragelehrter, ein Kabbalist, gelobt von niemand geringerem als dem berühmten Chatam Sofer, eine charismatische Erscheinung und ein Wundertäter.
Sogar der Freiheitskämpfer und Nationalheld Ungarns, Lajos Kossuth, der Führer der ungarischen 1848er Revolution, zollte ihm nicht nur höchste Anerkennung, sondern war, obwohl selbst Christ, überzeugt davon, seinen späteren Aufstieg und seine Errettung nach dem Scheitern des ungarischen Freiheitskampfes dem Segen von Rabbi Mosche zu verdanken!

Selbstverständlich reichen die Verbindungen auch ins Gebiet des heutigen Burgenlands. Denn Markus (Mordechai) Horovitz (1844-1910), gebürtiger Ungar und nachmaliger Rabbiner der jüdischen Hauptgemeinde von Frankfurt am Main, hat an der Jeschiva von Rabbiner Dr. Esriel Hildesheimer in Eisenstadt studiert und ist diesem auch 1869 nach Berlin gefolgt.
Obwohl selbst erst nach Teitelbaums Tod zur Welt gekommen, schildert Horovitz die Eindrücke von Menschen, die Rabbi Mosche noch gekannt haben:

Der Rabbi selbst ist eine hagere, schlanke Gestalt, von sanftem, einnehmenden Wesen; auf seinem kleinen Gesichte sind die deutlichen Spuren innerer, unsäglicher Qual, tiefen, unsäglichen Schmerz von einem frommen, verklärten Blicke in einen Zug von resignierender, erhabener Hingebung gemildert. Jetzt steht er in den Talis [Gebetsmantel] gehüllt, dessen oberer Teil mit schimmernden, silberdurchwirkten Fäden bedeckt ist und so, vom hellen Flammenmeere der vielen, nach heiligen Zahlen berechneten Lämplein in blendendes Gefunkel versetzt, dem blassen, sanften Gesichte des Rabbi einen Ausdruck himmlischen Wesens verleiht.

Den gesamten Beitrag können Sie in unserem Artikelbereich lesen: Rabbi Mosche Teitelbaum aus Ujhely. Der ›Importeur‹ des Chassidismus nach Ungarn.

Leben und Glaube

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Der ‚Ritualmordprozess von Tisza Eszlar‘ und der ‚Kaufmann von Venedig‘

Unsere ständige Gastautorin und Korrespondentin aus Bnei Brak, Israel, Claudia/Chaya-Bathya, gibt uns die Möglichkeit zu einem kleinen Update, und zwar sowohl zu unserem letzten Blogbeitrag über die „Judensau“ als auch zu Shakespears „Kaufmann von Venedig“, der vor 2 Tagen nachts vom ORF gesendet und von meinem Kollegen Christopher in einem Tweet kommentiert wurde.
Der Ritualmordprozess von Tisza Eszlar (1882/83) gilt als klassisches Beispiel für den religiös motivierten Antisemitismus der neueren Zeit. Der Freispruch der jüdischen Angeklagten führte zu massiven antijüdischen Agitationen und begründete den modernen politischen Antisemitismus in Ungarn. Auslöser war das spurlose Verschwinden des vierzehnjährigen christlichen Bauernmädchens Eszter Solymosi am 01. April 1882.

Die folgende Predigt (wir bringen einen Ausschnitt) wurde von Rabbiner Emanuel (Menachem) Grünwald, Ödenburg [Sopron], zum Schabbat Hagadol 1883 gehalten. Der Schabbat Hagadol („großer Schabbat“) ist der Schabbat vor dem Pesachfest und fiel im Jahr 1883 auf den 14. Nisan, der auch gleichzeitig Erev Pesach war (21. April). Die Predigt ist in Deutsch mit hebräischen Buchstaben geschrieben, die untenstehende Fassung von Claudia gibt den Ausschnitt wortgetreu wieder.

Die Predigt (Ausschnitt)

Erlebnisse haben wir in unserer kultivierten Zeit erlebt [gemeint ist die Blutbeschuldigung von Tisza Eszlar 1882], von denen wir zwar keine Ahnung mehr hatten, denn selbst in unserer Zeit wird uns zum Vorwurfe gemacht, von den Judenfeinden, dass wir Blut zu unseren Zeremonien brauchen. Uns, denen selbst das Blut des Tieres verboten ist, werden solche lügenhaften Erdichtungen zum Vorwurfe gemacht! Dies erinnert mich an einen berühmten, hochberühmten Dichter [Shakespeare], der vor mehreren Jahrhunderten gelebt [hat]. Unter dessen Dichtungen findet sich auch eine [Kaufmann von Venedig], deren Held ein Jude ist:
Ein jüdischer Kaufmann, der seinem Schuldner für ein Pfund Gold, das er ihm geborgt, und das dieser aber später nicht zurückzahlen kann, ein Pfund Blut abzapfen will. Ein Pfund Blut für ein Pfund Gold!

Und diese Dichtung ward nicht geschrieben, etwa bloß für den gelehrten Leser in seiner einsamen Stube. Nein, sie ward geschrieben fürs Volk, für die große Menge. Ein Jude fordert von seinem Schuldner ein Pfund Fleisch aus dessen Herzen für ein Pfund Gold! Wie? Ein Jude, dem selbst das Blut des Tieres heilig ist, verlangt für sein Gold Menschenblut? Wie gehörte nicht eine hirnverbrannte Phantasie dazu, um solch eine Dichtung zu schaffen?! Doch nein, es war eben keine Dichtung, sondern Wahrheit, geschichtliche Tatsache, die ganz in der Wirklichkeit vor Jahrhunderten in einer Stadt sich zugetragen hat. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass im wirklichen Vorgange der Jude nicht der Gläubiger, sondern der Schuldner [war]. Der Jude war es, der in seiner tiefen Not und Bedrängnis einem harten, bösen Mann für ein Pfund Gold ein Pfund seines Herzblutes verschreiben musste. Derartige Lügen werden erdichtet, um Zwiespalt und Zwietracht zwischen der einen und anderen Konfession [zu säen].

Hat sich aber unser Zeitalter gebessert seitdem? Unsere Zeit hat gezeigt, dass der alte eingefleischte Judenhass noch immer nicht aufgehört hat, um Verdächtigungen, böse Anklage zu erheben.

Zum Verfasser der Predigt

Rabbiner Emanuel (Menachem b. Pinchas) Grünwald wurde ca. 1844 in Cece (Ungarn) geboren. Unter seinen Lehrern finden sich die Rabbiner Arje Lichter (Cece), Abraham Karpeles (Görböpincehely), Joel Ungar und Elieser Sussmann Sofer (Paks) sowie Samuel Wolf Schreiber (Abraham Benjamin Schmuel Sofer) in Preßburg, der Sohn und Nachfolger des Chatam Sofer. R. Menachem war der Schwiegersohn des Dajjan R. David Neumann in Preßburg. Nach seiner Hochzeit wohnte er bei seinem Schwiegervater, wurde dort selbst Dajjan und schließlich Rabbiner in Ödenburg (Sopron). In zweiter Ehe war er mit einer Tochter von R. Jizchak Kramer, Rabbiner in Neuhäusel (Nove Zamky, Slovakei) und Wien, verheiratet. Seine drei Söhne (Jehuda, Schmuel und Jehoschua) waren ebenfalls Rabbiner, desgleichen sein Schwiegersohn R. Katriel Blum aus Nagykaroly (Carei Mare, Rumänien). R. Menachem starb am 25. Tischri 5690 (September/Oktober 1929).
Kinstlicher, משה אלכסנדר זושא קינסטליכר, ה’חתם סופר‘ ותלמידיו, בני-ברק: מכון ‚זכרון‘, תשס“ה, S. 516.

Ein weiterer Sohn von R. Menachem Gruenwald war übrigens Malkiel Gruenwald (1882-1968), der zur Zeit der Affäre von Tisza Eszlar geboren wurde und später gegen Kastner gekämpft hat.

Ein paar Monate nach der erwähnten Predigt berichtet die „Jüdische Presse (Berlin)“ 5 (1884), S. 46 in einer Korrespondenz vom 25. Jänner über antisemitische Vorfälle in Ödenburg. Unter anderem wurden die Fenster des Rabbiners und jene der beiden Synagogen zertrümmert.

Leben und Glaube

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