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Web-Tipp der Woche – Jüdische Gemeinde Wiener Neustadt

Kein Jude soll über Nacht hier bleiben …

Wenn das Zitat auch aus den Jahren 1544/45 stammt, als der Stadtrat von Wiener Neustadt das von Ferdinand I. verhängte Aufenthaltsverbot für Juden erneuert hatte, darf es hier doch auch für die neueste Zeit stehen: Hatte Wr. Neustadt nicht nur im Mittelalter zu den ältesten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden Österreichs, sondern auch in den 1920er und 1930er Jahren zu den größten Kultusgemeinden gezählt, erfolgte nach 1945 keine Neugründung. Alle jüdischen Gebäude (mit Ausnahme des Friedhofs) bestehen nicht mehr, in Wiener Neustadt gibt es heute keine jüdische Gemeinde.

Treue LeserInnen unserer “Koscheren Melange” wissen, dass wir immer wieder hier über die jüdische Gemeinde von Wiener Neustadt berichteten. Gerne begleiteten wir die schon 2007 von Dr. Werner Sulzgruber ins Leben gerufene “Initiative AKJF und Lern- und Gedenkstätte Jüdischer Friedhof Wiener Neustadt” und waren unmittelbar beteiligt sowohl an der Aufarbeitung der hebräischen Inschriften am jüdischen Friedhof in Wr. Neustadt als auch insbesondere natürlich an der Aufarbeitung der fünf mittelalterlichen jüdischen Grabsteine, die am jüdischen Friedhof Wr. Neustadt zu sehen sind.

Nun ging eine sowohl sehr liebevoll und schön gestaltete als auch ausgesprochen informative Website über die jüdische Gemeinde Wiener Neustadt online, die wir Ihnen hiermit – als unseren Web-Tipp der Woche – sehr ans Herz legen möchten:

juedische-gemeinde-wn.at

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Einstiegsseite 'juedische-gemeinde-wn.at'

Zu finden sind auf der Website nicht nur viele Informationen über die Geschichte der jüdischen Gemeinde, sondern u.a. auch alle Daten zum jüdischen Friedhof (inklusive einer sehr bedienungsfreundlichen Datenbank zu den dort Begrabenen) sowie – besonders erwähnenswert – eine Fülle an kostenlos zur Verfügung gestelltem Lernmaterial für SchülerInnen.

Tipp der Woche

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Bild der Woche – Der Bischof

Vor einiger Zeit berichteten wir hier anlässlich der Eröffnung, dass im Stadtmuseum von Wiener Neustadt die Ausstellung “Schicksalswege. Die jüdische Gemeinde in Wiener Neustadt” zu sehen ist.
In der Ausstellung zu sehen ist auch ein Bildnis des berühmten Bischofs Kollonitsch, das unwillkürlich einige Assoziationen in mir hervorrief:
Denn in einer Pesach-Haggada, die 1740 in Altona (Hamburg) von Joseph ben David aus Leipnik geschrieben und illustriert wurde, finden wir eine Darstellung, wie Abraham die Götzenstatuen seines Vaters Terach zerstört.

Das Bild ist eine Illustration zum Text “Anfangs waren unsere Vorväter Götzendiener …”. Im Vordergrund liegen zerbrochene Teile von zwei Götzenstatuen. Abraham ist gerade damit beschäftigt, eine dritte zu zerschlagen. Hinter einem Fluss, über den eine Brücke führt, sehen wir eine ummauerte Stadt und dahinter auf vier Bergen Götzenstatuen. Ganz links Poseidon mit seinem Dreizack, weiter rechts Zeus mit Waage und Donnerkeil (?) – und dazwischen eine Figur, die wie ein katholischer Bischof aussieht!

Pesach-Haggada v. Joseph ben David aus Leipnik, Altona 1740

Pesach-Haggada, Schreiber: Joseph ben David aus Leipnik (Mähren). Geschrieben und illustriert 1740 in Altona/Hamburg, 40 fols, 350 x 260. London, British Library, Sloane 3173, 7v.

Ein katholischer Bischof in Hamburg, das protestantisch dominiert war und ist? Und was hat das Ganze mit Wiener Neustadt zu tun?
Nun, erwähnter Maler Joseph ben David kam aus Leipnik in Mähren und nach Mähren flohen viele Juden, nachdem sie 1670/71 von Leopold I. aus Wien vertrieben worden waren. Wir kennen viele Erklärungen für diese Vertreibung, ganz wesentlich aber waren sicher die aggressiven judenfeindlichen Reden von Bischof Leopold Karl von Kollonitsch, der 1670 Bischof von Wiener Neustadt geworden war.

Und so ist vielleicht wirklich mit der Darstellung des katholischen Bischofs als Götze, 70 Jahre nach der Vertreibung der Juden aus Wien, niemand anderer als Bischof Leopold Kollonitsch aus Wiener Neustadt gemeint (an ihn erinnert heute u.a. die den Bahnhof mit der Innenstadt verbindende Kollonitschgasse) …

Joseph ben David wurde übrigens der Begründer der jüdischen “Hamburger Malschule”. In Wien selbst lebten (nach 1670) wohlhabende “Hofjuden”, die meistens ein Stadtpalais bewohnten und oft für ihre Privatsynagogen illustrierte und illuminierte Handschriften bei den Schreibern/Miniaturisten in Mähren bestellten.

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Bild der Woche, Kunst und Kultur, Leben und Glaube

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Bild der Woche – ‘Judensau’

Am Dienstag wurde im Stadtmuseum in Wiener Neustadt die Ausstellung “Schicksalswege. Die jüdische Gemeinde in Wiener Neustadt” eröffnet.
Zu den wertvollsten und zweifellos beachtenswertesten Objekten der Ausstellung gehört das Kalksandsteinrelief der sogenannten Judensau aus dem 15. Jahrhundert (?), das sich auf dem Haus Hauptplatz 16 befand.

'Judensau', Stadtmuseum Wiener Neustadt

An den Zitzen einer großen Sau saugen vier Juden, ein fünfter befindet sich am Boden und ein sechster klammert sich an den Schwanz.

Im Mittelalter galt die Sau als Symbol für Ausschweifung und Schlemmerei, sie repräsentierte also Sünder, die in jeder Hinsicht ausschweifend lebten. Bereits der Fuldaer Abt und Mainzer Erzbischof Rabanus Maurus (780 – 856) stellt die Verbindung zwischen der Sau und den Juden her. Dadurch sollten die Juden als unrein und als Sünder abqualifiziert werden.

Die ältesten Belege von “Judensau”-Darstellungen in Deutschland stammen aus dem Beginn des 13. Jahrhunderts. Das Thema “Judensau” wurde auch mit dem Thema “Ecclesia und Synagoga” (“Kirche und Synagoge” – das Motiv entsteht im 9. Jahrhundert) verbunden. So reitet auf dem Chorgestühl des Erfurter Doms die Synagoge, dargestellt durch einen Mann mit Judenhut, auf einer Sau in das Turnier gegen die auf einem edlen Pferd reitende Kirche.

Die Sau spielte auch bei der Prozedur des Judeneides eine große Rolle. Nach dem Schwabenspiegel (13. Jahrhundert) musste der schwörende Jude barfuß auf einer blutigen Schweinshaut stehen. Diese Haut musste von einer Sau stammen, die in den vergangenen 14 Tagen Junge gehabt hatte, und sie musste entlang des Rückens aufgeschnitten sein. Die Zitzen, auf denen der Jude zu stehen hatte, mussten sichtbar sein.

Mehr Informationen zum Motiv der “Judensau” und Literatur: de.wikipedia.org/wiki/Judensau.

Tipp: Die Ausstellung im Stadtmuseum Wiener Neustadt können Sie bis 29. Mai 2011 besichtigen!

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Der Blauglockenbaum

Die mit Abstand von Besucherinnen/Besuchern am häufigsten gestellte Frage in unserem Museum ist – und das mag überraschen – keine zur jüdischen Religion oder zur jüdischen Geschichte, sondern, um welchen Baum es sich im Hof des Wertheimerhauses handelt!

Denn dieser viereckige Hof wird tatsächlich von einem wahrlich beeindruckenden Baum dominiert: einer Paulownia (Paulownia tomentosa oder Blauglockenbaum).

Und da sehr oft nach dem Baum gefragt wird (freilich gibt es auch genügend botanisch sattelfeste BesucherInnen, die nicht fragen, sondern den Anblick nur genießen), sind wir mittlerweile nicht um einigermaßen erschöpfende Antworten verlegen … Antworten, die wir Ihnen nun auch hier im Blog nicht vorenthalten wollen ;)

Auch der Zeitpunkt für diesen Blogbeitrag ist bewusst gewählt, denn der Blauglockenbaum blüht in seiner ganzen Pracht nur wenige Tage Ende April/Anfang Mai.

  • Blühende Paulownia tomentosa (Blauglockenbaum) im Hof des jüdischen Museums
  • Blühende Paulownia tomentosa (Blauglockenbaum) im Hof des jüdischen Museums
  • Blühende Paulownia tomentosa (Blauglockenbaum) im Hof des jüdischen Museums


Der Blauglockenbaum ist in seinem lateinischen Namen nach der russischen Zarentochter Anna Pawlowna (1795 – 1865) benannt.

Damit wären auch schon die notwendigsten Informationen zum Baum gegeben, denen ein Facebookeintrag oder Bild-der-Woche-Beitrag gerecht werden würde – wenn mit der Namensnennung von Anna Pawlowna nicht doch auch einige Assoziationen verknüpft wären, die sich aufdrängen und im Blog eines jüdischen Museums durchaus ihren Platz finden dürfen:

Anna Pawlowna und die Geschichte der Juden im Russischen Reich

Denn Anna Pawlowna, Tochter des russischen Zaren Paul I., war die Schwester der Zaren Alexander I. und Nikolaus I. von Russland. Gleich nach der Thronbesteigung Alexanders I. wurde eine Sonderkommission eingesetzt, die sich mit der Frage der Stellung der Juden beschäftigte und 1804 zum ersten “Jüdischen Statut” führte. Ein Statut, das Maßnahmen zur “Verbesserung” der Juden vorsah mit dem erklärten Ziel, die Einwohner des Reiches vor den “nachteiligen” Aktivitäten der Juden zu schützen. Hatte Zar Alexander I. als probatestes Mittel, die Juden in die Gesellschaft zu integrieren, ihre Bekehrung zum Christentum gesehen, bildete die Regierungszeit seines Bruders und Nachfolgers Nikolaus I. eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte des russischen Judentums. Der entschlossene und hartnäckige Widerstand der Juden jedoch ließ die seit 1840 bestehende “Kommission für die Juden” zur Einsicht gelangen, dass keine der drastisch verschärften “Verbesserungsmaßnahmen” (Erziehung durch staatlichen Zwang, Besteuerung der traditionellen Tracht usw.) ihr Ziel erreicht hatte.

Ein russischer Jüngling in Wiener Neustadt

Erst vor wenigen Wochen wurde ich zufällig in die erwähnte Zeit gleichsam zurückversetzt, und zwar durch einen (zumindest für mich) ausgesprochen bemerkenswerten Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Wiener Neustadt:

Grabstein von Jakob Berlin, 1908, jüdischer Friedhof Wiener Neustadt

[1. Zeile:]

H(ier liegt) g(eborgen)  

[2. Zeile:]

der frisch Verheiratete, Edle und Untadelige. 

[3. Zeile:]

Er verbrachte Nächte wie Tage 

[4. Zeile:]

über den Worten der Weisen, 

5. Zeile:

Jakob Berlin, 

6. Zeile:

Nachkomme der Geonim aus Wolozyn. 

7. Zeile:

Im Alter von 21 Jahren ging er zur ewigen Ruhe ein. 

8. Zeile:

Seine Eltern in Dwinsk ließ er in Trauer zurück. 

9. Zeile:

Am 4. Cheschwan 669 (= Donnerstag, 29. Oktober 1908). 

[1. Zeile:]

פ”נ

[2. Zeile:]

הא ברך היקר והתמים,

[3. Zeile:]

שם לילות כימים,

[4. Zeile:]

על דברי חכמים,

5. Zeile:

יעקב ברלין,

6. Zeile:

נכד הגאונים מוואלאזין,

7. Zeile:

בן כ”א שנה הלך למנוחות.

8. Zeile:

את הוריו בדווינסק עזב לאנחות

9. Zeile:

ד” חשון שנת ת”ר”ס”ט.”


2. Zeile:
Siehe Kommentar von Yoav unten.

3. Zeile:
Vgl. (babylonischer Talmud) Moed Qatan 25b (נשים/משים לילות כימים).

6. Zeile:
Gaon, Plural: Geonim; Titel, der sich in den Lehrakademien im babylonischen Exil (586/7-539 v.d.Z.) entwickelte und zwischen 589 n.d.Z. und 1034 der Amtstitel des Leiters einer hohen rabbinischen Schule war. Insbesondere im Umfeld des Rabbi Elia von Wilna (Gaon von Wilna, 1720-1797) wird der Titel auch noch später für besondere Gelehrte verwendet.

Valozhin (Volozhin), Wolozyn (polnisch), Stadt in Weißrussland, 75 km nordwestlich von Minsk. Berühmtheit erlangte vor allem die Jeschiva, also die traditionelle jüdische Schule von Volozhin, die 1803 von Rabbi Chaim ben Isaac Volozhin (1749 – 1821), einem Schüler des Gaon von Vilna, gegründet wurde. 1854 übernahm Naftali Zvi Jehuda Berlin die Leitung der Jeschiva und schloss selbige im Jahr 1892. Mütterlicherseits ist Naftali Berlin ein direkter Nachfahre des ersten Rabbiners von Eisenstadt, Rabbi Meir Eisenstadt (A”SCH; gestorben 1744).

Der in Wiener Neustadt begrabene Jakob Berlin ist zwar offensichtlich ein sehr naher Verwandter von Naftali Zvi Jehuda Berlin, trotzdem konnte eine direkte Verwandtschaft leider nicht nachgewiesen werden. Wahrscheinlich ist Jakob der Sohn oder Enkelsohn eines Bruders von Naftali Zvi Jehuda Berlin.

8. Zeile:
Dvinsk, im jüdischen Kontext manchmal auch “Dawinsk”, heutiges Daugavpils, die zweitgrößte Stadt Lettlands, etwa 230 km südöstlich der lettischen Hauptstadt Riga. Dvinsk war der Name der Stadt in der Zeit von 1893 – 1920, als sie Teil des Russischen Reiches war. Auf Deutsch ist die Stadt unter dem historischen Namen “Dünaburg/Dinaburg” bekannt. In der Stadt leben heute knapp 500 Juden.

In Dvinsk konnte kein Familienangehöriger der Berlins gefunden werden. Zudem ist noch fraglich, ob das hebräische Wort הורים (oben übersetzt mit “Eltern”) wie meist im engsten Sinn des Wortes, nämlich als leibliche Eltern, oder im weiteren Sinn verstanden wird und etwa seine Toralehrer o.Ä. meint.

P.S.: Sehe grad, dass es mir offensichtlich nicht möglich ist, einen Beitrag zu schreiben ohne zumindest 1 Grabstein zu erwähnen ;)

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir schon jetzt das Buch “Das jüdische Wiener Neustadt” von Werner Sulzgruber, das im September 2010 erscheinen wird! Ich freue mich sehr, dass ich dazu die Transkriptionen/Übersetzungen der hebräischen Grabinschriften beisteuern durfte. Wir werden natürlich berichten …

Burgenland, In eigener Sache, Leben und Glaube

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Grabstein Mittelalter V

Dieser Grabstein ist der fünfte von links der Installation der fünf mittelalterlichen Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt.

Untenstehend zwei Fotos des Grabsteines mit unterschiedlichen Qualitäten (auch zu unterschiedlichen Zeiten aufgenommen), um eine möglichst korrekte Lesung der Inschrift zu ermöglichen.
Der Grabstein war wahrscheinlich ein Doppelgrabstein. Die linke Hälfte, von der nur mehr ein kleiner Rest vorhanden ist, wird unten im Anschluss an die rechte Hälfte transkribiert (und übersetzt).

Rachel, Tochter des Zvi Hirsch, 03. Marcheschvan (5)445 = (Mittwoch,) 12. Oktober 1684?

  • 5. Grabstein (von links) der Installation mittelalterlicher jüdischer Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt
  • 5. Grabstein (von links) der Installation mittelalterlicher jüdischer Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt


Rechte Hälfte des Grabsteins:

1. Zeile:

[Ihre See]le? ging hinweg 

2. Zeile:

Frau? Rachel N.N. 

3. Zeile:

Tochter? d(es Herrn) Z(vi) H(irsch)?, Gatti(n) des? 

4. Zeile:

e(hrbaren) H(errn) Chaj(im)? Dieses ist 

5. Zeile:

ihr Grabm(al). 

6. Zeile:

(Sie verstarb am) 3.? Marcheschvan 445? (= 1684) 

7. Zeile:

[I(hre)] S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). A(men), A(men), S(ela) 

1. Zeile:

[נפש]ה יצתה

2. Zeile:

[.]מר רחל במו[ד]

3. Zeile:

בת ר צה רעיית[ו]

4. Zeile:

חי ה וזאת

5. Zeile:

[מ]צבת קבורתה

6. Zeile:

[ג] מרחשון מתה

7. Zeile:

[ת]נצבה א א ס


Linke Hälfte des Grabsteins:

1. Zeile:

Das Leben …? 

2. Zeile:

Spross  

3. Zeile:

er unterstützte? 

4. Zeile:

im/bei Mensch(en)? 

5. Zeile:

nach?/fremden? 

6. Zeile:

S([eine Seele möge eingebunden sein im Bund des Lebens)]? 

7. Zeile:

A[men]? 

1. Zeile:

חיית

2. Zeile:

צמח

3. Zeile:

וירפד

4. Zeile:

באד[מ]

5. Zeile:

אחר

6. Zeile:

[ת]נצבה
 

7. Zeile:

א[מן]


Die Inschrift bzw. beide Inschriften sind sehr schlecht zu lesen, sowohl Transkription als auch der Übersetzungsversuch (inklusive Datierung) sind mit vielen Fragezeichen zu versehen.

Rechte Hälfte des Grabsteins:

2. Zeile:
Das מר (könnte auch מת sein) ist unsicher, demzufolge auch der Vorname Rachel. Das letzte Wort der Zeile könnte ein zweiter Vorname sein? Oder בת מורנו “Tochter unseres Lehrers”? Dann sollte danach allerdings der Name des Vaters stehen. Wenn am Beginn der Zeile מת gelesen wird, sollte nachher der Name eines Mannes stehen, also “Herr Ch(ajim)? N.”? Jedenfalls müssten dann in beiden Fällen die 3. und 4. Zeile anders gelesen werden als oben vorgeschlagen.

3. und 4. Zeile:
Auf den ersten Blick könnte תרצה, Tirza, als ein weiblicher hebräischer Vorname, gelesen werden. Mit dem vorangestellten ב könnte etwa “Tochter der Tirza” übersetzt werden? Allerdings wäre der Name der Mutter an dieser Stelle in der Inschrift eher ungewöhnlich.
Oben bevorzugt wurde “Tochter des Herrn Zvi Hirsch”, was jedoch voraussetzt, dass beide Namen des Vaters der Verstorbenen abgekürzt angegeben wären. Sowohl dafür als auch für das letzte Wort der Zeile “Gattin”, hebräisch רעייה, fehlen mir Belege, die diese Lesung bestätigen könnten. Insbesondere, weil auch die Datierung des Steins sehr unsicher ist. Außerdem ist unklar, was am Beginn der 4. Zeile steht. Es sollte, wenn vorher “Gattin des” gelesen wird, der Name des Gatten stehen.

6. Zeile:
Die Lesung des Monatsnamen “Marcheschvan” (Oktober/November) ist naheliegend, davor könnte das Datum stehen. Das ג, also “3.” ist nicht eindeutig zu lesen, es kommen selbstverständlich auch יג, כג o.Ä. (also “13.”, “23. o.Ä.) in Frage. Platz hätten jedenfalls ein ב + ג oder auch ב + יג etc., also “am 3., 13. …”.
Das letzte Wort dieser Zeile sieht wie מתת aus, was aber weder als Wort gelesen einen Sinn ergibt (Geschenk?) noch als Jahreszahl (Zahlenwert 840). Stimmt die Lesung der Wörter davor, ist an dieser Stelle die Jahreszahl zu erwarten.
Oben vorgeschlagen wurde die Lesung מתה (“sie verstarb”) und, dass der Zahlenwert des hebräischen Wortes (445) zur Angabe des Sterbejahres dient.

Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass auch gelesen werden könnte: מדד, מדה oder מהד – was die Zahlenwerte 48 oder 49 (1288 oder 1289) ergeben würde. Da der Monat Marcheschvan im Herbst liegt, würde das Sterbejahr 1287 oder 1288 sein. Eine Frühdatierung dieses Grabsteins ins Ende des 13. Jahrhunderts halte ich aber schon aus sprachlichen Gründen für eher unwahrscheinlich.
Ebenso gelesen werden könnte מרר, מרד oder מדר, was die Zahlenwerte 244 bzw. 440 ergeben würde. Das wären umgerechnet die Jahre 1484 bzw. 1680, wegen des Herbstmonats also 1483 bzw. 1679. Da die Buchstaben aber als Wort gelesen, zumindest im Kontext, kaum oder keinen Sinn machen, ist nicht erklärlich, warum bei der Angabe der Jahreszahl nicht mit der Hunderterzahl, in diesem Fall also mit dem ר, begonnen wird (200). Als Wort gelesen werden müsste מרר “bitter”, also der “bittere Marcheschvan” (weil kein Feiertag in diesem Monat).

Linke Hälfte des Grabsteins:

Ausführlichere Anmerkungen zur Inschrift auf der linken Hälfte des Grabsteins sind müßig, da jede Zeile mit Fragezeichen zu versehen ist.
Es kann nicht einmal mit Sicherheit gesagt werden, ob es sich beim Verstorbenen tatsächlich um einen Mann handelt.

1. und 3. Zeile:
In der 1. Zeile wird ein Substantiv bevorzugt, weil die Lesung als Verb, 2. Person “du lebtest” einen doch unwahrscheinlichen Wechsel der Person – in der 3. Zeile: “er” – zur Folge hätte.

Wenig erfreuliche Schlussbemerkung:
Die Jahreszahl 1483 würde – rein historisch gesehen – Sinn machen, weil die jüdische Gemeinde Wiener Neustadt bis 1496 bestand. Da es im 17. Jahrhundert weder Gemeinde noch Friedhof gab, passt die Datierung nicht zu den vorhandenen historischen Belegen. Sozusagen leider, weil der Textbefund (meines Erachtens) doch eher 1684 nahelegt. Das Problem der historischen Dissonanz kennen wir auch schon vom Grabstein IV.
Das umgerechnete Datum für 1483 wäre Samstag, 13. Oktober 1483. Allerdings ist auch die Jahreszahl 1483, genausowenig wie 1679 und 1684, in der Literatur ausgewiesen.

Ich sage Frau Dr. Tirza Lemberger herzlichen Dank, dass sie sich Zeit genommen hat, mich bei der Lesung dieser Inschrift zu unterstützen!

Leben und Glaube

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