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Der Blauglockenbaum
Die mit Abstand von Besucherinnen/Besuchern am häufigsten gestellte Frage in unserem Museum ist – und das mag überraschen – keine zur jüdischen Religion oder zur jüdischen Geschichte, sondern, um welchen Baum es sich im Hof des Wertheimerhauses handelt!
Denn dieser viereckige Hof wird tatsächlich von einem wahrlich beeindruckenden Baum dominiert: einer Paulownia (Paulownia tomentosa oder Blauglockenbaum).
Und da sehr oft nach dem Baum gefragt wird (freilich gibt es auch genügend botanisch sattelfeste BesucherInnen, die nicht fragen, sondern den Anblick nur genießen), sind wir mittlerweile nicht um einigermaßen erschöpfende Antworten verlegen … Antworten, die wir Ihnen nun auch hier im Blog nicht vorenthalten wollen ;)
Auch der Zeitpunkt für diesen Blogbeitrag ist bewusst gewählt, denn der Blauglockenbaum blüht in seiner ganzen Pracht nur wenige Tage Ende April/Anfang Mai.
Der Blauglockenbaum ist in seinem lateinischen Namen nach der russischen Zarentochter Anna Pawlowna (1795 – 1865) benannt.
Damit wären auch schon die notwendigsten Informationen zum Baum gegeben, denen ein Facebookeintrag oder Bild-der-Woche-Beitrag gerecht werden würde – wenn mit der Namensnennung von Anna Pawlowna nicht doch auch einige Assoziationen verknüpft wären, die sich aufdrängen und im Blog eines jüdischen Museums durchaus ihren Platz finden dürfen:
Anna Pawlowna und die Geschichte der Juden im Russischen Reich
Denn Anna Pawlowna, Tochter des russischen Zaren Paul I., war die Schwester der Zaren Alexander I. und Nikolaus I. von Russland. Gleich nach der Thronbesteigung Alexanders I. wurde eine Sonderkommission eingesetzt, die sich mit der Frage der Stellung der Juden beschäftigte und 1804 zum ersten “Jüdischen Statut” führte. Ein Statut, das Maßnahmen zur “Verbesserung” der Juden vorsah mit dem erklärten Ziel, die Einwohner des Reiches vor den “nachteiligen” Aktivitäten der Juden zu schützen. Hatte Zar Alexander I. als probatestes Mittel, die Juden in die Gesellschaft zu integrieren, ihre Bekehrung zum Christentum gesehen, bildete die Regierungszeit seines Bruders und Nachfolgers Nikolaus I. eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte des russischen Judentums. Der entschlossene und hartnäckige Widerstand der Juden jedoch ließ die seit 1840 bestehende “Kommission für die Juden” zur Einsicht gelangen, dass keine der drastisch verschärften “Verbesserungsmaßnahmen” (Erziehung durch staatlichen Zwang, Besteuerung der traditionellen Tracht usw.) ihr Ziel erreicht hatte.
Ein russischer Jüngling in Wiener Neustadt
Erst vor wenigen Wochen wurde ich zufällig in die erwähnte Zeit gleichsam zurückversetzt, und zwar durch einen (zumindest für mich) ausgesprochen bemerkenswerten Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Wiener Neustadt:
[1. Zeile:]
H(ier liegt) g(eborgen)
[2. Zeile:]
der frisch Verheiratete, Edle und Untadelige.
[3. Zeile:]
Er verbrachte Nächte wie Tage
[4. Zeile:]
über den Worten der Weisen,
5. Zeile:
Jakob Berlin,
6. Zeile:
Nachkomme der Geonim aus Wolozyn.
7. Zeile:
Im Alter von 21 Jahren ging er zur ewigen Ruhe ein.
8. Zeile:
Seine Eltern in Dwinsk ließ er in Trauer zurück.
9. Zeile:
Am 4. Cheschwan 669 (= Donnerstag, 29. Oktober 1908).
[1. Zeile:]
פ”נ
[2. Zeile:]
הא ברך היקר והתמים,
[3. Zeile:]
שם לילות כימים,
[4. Zeile:]
על דברי חכמים,
5. Zeile:
יעקב ברלין,
6. Zeile:
נכד הגאונים מוואלאזין,
7. Zeile:
בן כ”א שנה הלך למנוחות.
8. Zeile:
את הוריו בדווינסק עזב לאנחות
9. Zeile:
ד” חשון שנת ת”ר”ס”ט.”
2. Zeile:
Siehe Kommentar von Yoav unten.
3. Zeile:
Vgl. (babylonischer Talmud) Moed Qatan 25b (נשים/משים לילות כימים).
6. Zeile:
Gaon, Plural: Geonim; Titel, der sich in den Lehrakademien im babylonischen Exil (586/7-539 v.d.Z.) entwickelte und zwischen 589 n.d.Z. und 1034 der Amtstitel des Leiters einer hohen rabbinischen Schule war. Insbesondere im Umfeld des Rabbi Elia von Wilna (Gaon von Wilna, 1720-1797) wird der Titel auch noch später für besondere Gelehrte verwendet.
Jeschiva von Volozhin
Foto: Wikipedia
Valozhin (Volozhin), Wolozyn (polnisch), Stadt in Weißrussland, 75 km nordwestlich von Minsk. Berühmtheit erlangte vor allem die Jeschiva, also die traditionelle jüdische Schule von Volozhin, die 1803 von Rabbi Chaim ben Isaac Volozhin (1749 – 1821), einem Schüler des Gaon von Vilna, gegründet wurde. 1854 übernahm Naftali Zvi Jehuda Berlin die Leitung der Jeschiva und schloss selbige im Jahr 1892. Mütterlicherseits ist Naftali Berlin ein direkter Nachfahre des ersten Rabbiners von Eisenstadt, Rabbi Meir Eisenstadt (A”SCH; gestorben 1744).
Der in Wiener Neustadt begrabene Jakob Berlin ist zwar offensichtlich ein sehr naher Verwandter von Naftali Zvi Jehuda Berlin, trotzdem konnte eine direkte Verwandtschaft leider nicht nachgewiesen werden. Wahrscheinlich ist Jakob der Sohn oder Enkelsohn eines Bruders von Naftali Zvi Jehuda Berlin.
8. Zeile:
Dvinsk, im jüdischen Kontext manchmal auch “Dawinsk”, heutiges Daugavpils, die zweitgrößte Stadt Lettlands, etwa 230 km südöstlich der lettischen Hauptstadt Riga. Dvinsk war der Name der Stadt in der Zeit von 1893 – 1920, als sie Teil des Russischen Reiches war. Auf Deutsch ist die Stadt unter dem historischen Namen “Dünaburg/Dinaburg” bekannt. In der Stadt leben heute knapp 500 Juden.
In Dvinsk konnte kein Familienangehöriger der Berlins gefunden werden. Zudem ist noch fraglich, ob das hebräische Wort הורים (oben übersetzt mit “Eltern”) wie meist im engsten Sinn des Wortes, nämlich als leibliche Eltern, oder im weiteren Sinn verstanden wird und etwa seine Toralehrer o.Ä. meint.
P.S.: Sehe grad, dass es mir offensichtlich nicht möglich ist, einen Beitrag zu schreiben ohne zumindest 1 Grabstein zu erwähnen ;)
Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir schon jetzt das Buch “Das jüdische Wiener Neustadt” von Werner Sulzgruber, das im September 2010 erscheinen wird! Ich freue mich sehr, dass ich dazu die Transkriptionen/Übersetzungen der hebräischen Grabinschriften beisteuern durfte. Wir werden natürlich berichten …
Schlagwörter: eisenstadt, hebräisch, wiener neustadt | Kommentare (12)
Grabstein Mittelalter V
Dieser Grabstein ist der fünfte von links der Installation der fünf mittelalterlichen Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt.
Untenstehend zwei Fotos des Grabsteines mit unterschiedlichen Qualitäten (auch zu unterschiedlichen Zeiten aufgenommen), um eine möglichst korrekte Lesung der Inschrift zu ermöglichen.
Der Grabstein war wahrscheinlich ein Doppelgrabstein. Die linke Hälfte, von der nur mehr ein kleiner Rest vorhanden ist, wird unten im Anschluss an die rechte Hälfte transkribiert (und übersetzt).
Rachel, Tochter des Zvi Hirsch, 03. Marcheschvan (5)445 = (Mittwoch,) 12. Oktober 1684?
Rechte Hälfte des Grabsteins:
1. Zeile:
[Ihre See]le? ging hinweg
2. Zeile:
Frau? Rachel N.N.
3. Zeile:
Tochter? d(es Herrn) Z(vi) H(irsch)?, Gatti(n) des?
4. Zeile:
e(hrbaren) H(errn) Chaj(im)? Dieses ist
5. Zeile:
ihr Grabm(al).
6. Zeile:
(Sie verstarb am) 3.? Marcheschvan 445? (= 1684)
7. Zeile:
[I(hre)] S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). A(men), A(men), S(ela)
1. Zeile:
[נפש]ה יצתה
2. Zeile:
[.]מר רחל במו[ד]
3. Zeile:
בת ר צה רעיית[ו]
4. Zeile:
חי ה וזאת
5. Zeile:
[מ]צבת קבורתה
6. Zeile:
[ג] מרחשון מתה
7. Zeile:
[ת]נצבה א א ס
Linke Hälfte des Grabsteins:
1. Zeile:
Das Leben …?
2. Zeile:
Spross
3. Zeile:
er unterstützte?
4. Zeile:
im/bei Mensch(en)?
5. Zeile:
nach?/fremden?
6. Zeile:
S([eine Seele möge eingebunden sein im Bund des Lebens)]?
7. Zeile:
A[men]?
1. Zeile:
חיית
2. Zeile:
צמח
3. Zeile:
וירפד
4. Zeile:
באד[מ]
5. Zeile:
אחר
6. Zeile:
[ת]נצבה
7. Zeile:
א[מן]
Die Inschrift bzw. beide Inschriften sind sehr schlecht zu lesen, sowohl Transkription als auch der Übersetzungsversuch (inklusive Datierung) sind mit vielen Fragezeichen zu versehen.
Rechte Hälfte des Grabsteins:
2. Zeile:
Das מר (könnte auch מת sein) ist unsicher, demzufolge auch der Vorname Rachel. Das letzte Wort der Zeile könnte ein zweiter Vorname sein? Oder בת מורנו “Tochter unseres Lehrers”? Dann sollte danach allerdings der Name des Vaters stehen. Wenn am Beginn der Zeile מת gelesen wird, sollte nachher der Name eines Mannes stehen, also “Herr Ch(ajim)? N.”? Jedenfalls müssten dann in beiden Fällen die 3. und 4. Zeile anders gelesen werden als oben vorgeschlagen.
3. und 4. Zeile:
Auf den ersten Blick könnte תרצה, Tirza, als ein weiblicher hebräischer Vorname, gelesen werden. Mit dem vorangestellten ב könnte etwa “Tochter der Tirza” übersetzt werden? Allerdings wäre der Name der Mutter an dieser Stelle in der Inschrift eher ungewöhnlich.
Oben bevorzugt wurde “Tochter des Herrn Zvi Hirsch”, was jedoch voraussetzt, dass beide Namen des Vaters der Verstorbenen abgekürzt angegeben wären. Sowohl dafür als auch für das letzte Wort der Zeile “Gattin”, hebräisch רעייה, fehlen mir Belege, die diese Lesung bestätigen könnten. Insbesondere, weil auch die Datierung des Steins sehr unsicher ist. Außerdem ist unklar, was am Beginn der 4. Zeile steht. Es sollte, wenn vorher “Gattin des” gelesen wird, der Name des Gatten stehen.
6. Zeile:
Die Lesung des Monatsnamen “Marcheschvan” (Oktober/November) ist naheliegend, davor könnte das Datum stehen. Das ג, also “3.” ist nicht eindeutig zu lesen, es kommen selbstverständlich auch יג, כג o.Ä. (also “13.”, “23. o.Ä.) in Frage. Platz hätten jedenfalls ein ב + ג oder auch ב + יג etc., also “am 3., 13. …”.
Das letzte Wort dieser Zeile sieht wie מתת aus, was aber weder als Wort gelesen einen Sinn ergibt (Geschenk?) noch als Jahreszahl (Zahlenwert 840). Stimmt die Lesung der Wörter davor, ist an dieser Stelle die Jahreszahl zu erwarten.
Oben vorgeschlagen wurde die Lesung מתה (“sie verstarb”) und, dass der Zahlenwert des hebräischen Wortes (445) zur Angabe des Sterbejahres dient.
Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass auch gelesen werden könnte: מדד, מדה oder מהד – was die Zahlenwerte 48 oder 49 (1288 oder 1289) ergeben würde. Da der Monat Marcheschvan im Herbst liegt, würde das Sterbejahr 1287 oder 1288 sein. Eine Frühdatierung dieses Grabsteins ins Ende des 13. Jahrhunderts halte ich aber schon aus sprachlichen Gründen für eher unwahrscheinlich.
Ebenso gelesen werden könnte מרר, מרד oder מדר, was die Zahlenwerte 244 bzw. 440 ergeben würde. Das wären umgerechnet die Jahre 1484 bzw. 1680, wegen des Herbstmonats also 1483 bzw. 1679. Da die Buchstaben aber als Wort gelesen, zumindest im Kontext, kaum oder keinen Sinn machen, ist nicht erklärlich, warum bei der Angabe der Jahreszahl nicht mit der Hunderterzahl, in diesem Fall also mit dem ר, begonnen wird (200). Als Wort gelesen werden müsste מרר “bitter”, also der “bittere Marcheschvan” (weil kein Feiertag in diesem Monat).
Linke Hälfte des Grabsteins:
Ausführlichere Anmerkungen zur Inschrift auf der linken Hälfte des Grabsteins sind müßig, da jede Zeile mit Fragezeichen zu versehen ist.
Es kann nicht einmal mit Sicherheit gesagt werden, ob es sich beim Verstorbenen tatsächlich um einen Mann handelt.
1. und 3. Zeile:
In der 1. Zeile wird ein Substantiv bevorzugt, weil die Lesung als Verb, 2. Person “du lebtest” einen doch unwahrscheinlichen Wechsel der Person – in der 3. Zeile: “er” – zur Folge hätte.
Wenig erfreuliche Schlussbemerkung:
Die Jahreszahl 1483 würde – rein historisch gesehen – Sinn machen, weil die jüdische Gemeinde Wiener Neustadt bis 1496 bestand. Da es im 17. Jahrhundert weder Gemeinde noch Friedhof gab, passt die Datierung nicht zu den vorhandenen historischen Belegen. Sozusagen leider, weil der Textbefund (meines Erachtens) doch eher 1684 nahelegt. Das Problem der historischen Dissonanz kennen wir auch schon vom Grabstein IV.
Das umgerechnete Datum für 1483 wäre Samstag, 13. Oktober 1483. Allerdings ist auch die Jahreszahl 1483, genausowenig wie 1679 und 1684, in der Literatur ausgewiesen.
Ich sage Frau Dr. Tirza Lemberger herzlichen Dank, dass sie sich Zeit genommen hat, mich bei der Lesung dieser Inschrift zu unterstützen!
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Grabstein Mittelalter IV
Dieser Grabstein ist der vierte von links der Installation der fünf mittelalterlichen Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt.
Die Punkte über den hebräischen Buchstaben (die man heute leider nicht mehr sieht, siehe unten) werden in der Transkription mit einfachen Anführungszeichen angedeutet.
Kela, Tochter des Jehuda, 5. Schvat (5)311 = (Montag,) 22. Jänner 1551
[1. Zeile:]
[Ich stimme die Totenklage an]
[2. Zeile:]
[über die bedeutende und angesehene
[3. Zeile:]
[Frau. All ihre Taten]
[4. Zeile:]
[vollbrachte sie im Glauben. Sie war eine t(üchige und)]
5. Zeile:
[g(ottes)f(ürchtige) Frau),] Frau [Kela, Tochter des]
6. Zeile:
[H(errn)] Jehuda. Sie wurde begrab(en)
7. Zeile:
am 5. Schvat 311? (= 1551)
8. Zeile:
n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). I(hre) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens).
9. Zeile:
Amen, Amen
10. Zeile:
Sela, Sela
[1. Zeile:]
[אשא קינה]
[2. Zeile:]
[על אשה חשובה]
[3. Zeile:]
[והגונה וכל מעשיה]
[4. Zeile:]
[היתה באמונה אשת]
5. Zeile:
[ח' י'א'] מרת [קילה בת]
6. Zeile:
[ר'] יהודה ונקבר[ה]
7. Zeile:
ביום ה’ שנת ש’ב’ט
8. Zeile:
לפרט ת’נ’צ’ב’ה
9. Zeile:
אמן אמן
10. Zeile:
סלה סלה
Die Inschrift ist nur teilweise deutlich lesbar. Im Bereich von Zeile 5 ist der Stein (nach 1927) abgebrochen. Max Pollak kannte offensichtlich noch den ganzen Stein und transkribierte daher die Inschrift von Zeile 1 an (Max Pollak “Die Juden in Wiener Neustadt. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Österreich”, Wien 1927, Seite 112). Der Text dieser ersten vier Zeilen und der Großteil von Zeile 5 stehen demzufolge oben in eckigen Klammern.
4./5. Zeile:
אשת ח’ י’א’ ist aufzulösen in: אשת חיל יראת אלהים. Der erste Teil in Anlehnung an Sprüche 31,10 “Eine tüchtige Frau, wer findet sie?”
7. Zeile:
Das Datum ist hier nur mit Vorbehalt angesetzt, da für das Jahr 1551 das Vorhandensein eines jüdischen Friedhofes in Wiener Neustadt nicht bezeugt erscheint.
Max Pollak, a.a.O., S. 112
Ich folge Pollak und lese ebenfalls 311. Da die Jahreszahl mit dem Wort Schvat, also dem Monatsnamen, dargestellt wird (eine sehr elegante Lösung), haben wir wenig Spielraum für andere Interpretationen. Wörtlich gelesen also etwa: “Am 5. des Jahres Schvat”.
ביום ה’ könnte auch “am Donnerstag” bedeuten, in diesem Fall würde aber das Tagesdatum fehlen. Lesen wir statt Schvat תבט, ergäbe der Zahlenwert das Jahr 411, umgerechnet 1651. Bei dieser Lesung würde aber die Monatsangabe fehlen und außerdem ist für 1651 auch kein jüdischer Friedhof für Wiener Neustadt belegt.
Pollak gibt als (umgerechnetes) Sterbedatum den 12. Jänner 1511 (?) an. Das ist auch das korrekte Datum nach dem damals (vor 1582) gültigen Julianischen Kalender. Nach dem Gregorianischen Kalender ist der 5. Schvat der 22. Jänner 1551.
Der Stil der Inschrift ist bis auf die Schlussformel ähnlich dem in neuerer Zeit (17. bis 18. Jahrhundert) gebräuchlichen und wäre wohl geeignet, die Herkunft des Grabsteines aus einer Übergangszeit zwischen zwei Stilgattungen, zwischen dem 13. bis 15. Jahrhundert einerseits, und dem 17. Jahrhundert andererseits zu bestätigen.
Max Pollak, a.a.O., S. 112
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Grabstein Mittelalter III
Dieser Grabstein ist der dritte von links der Installation der fünf mittelalterlichen Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt.
Untenstehend zwei Fotos des Grabsteines mit unterschiedlichen Qualitäten (auch zu unterschiedlichen Zeiten aufgenommen), um eine möglichst korrekte Lesung der Inschrift zu ermöglichen.
Die Schwalben über den hebräischen Buchstaben werden in der Transkription mit einfachen Anführungszeichen angedeutet.
Simcha, Sohn des Eljakim, Sonntag, 25. Kislew (5)107 = 18. Dezember 1346
1. Zeile:
Das ist der Stein, den
2. Zeile:
ich setzte als Grabmal zu Häupten
3. Zeile:
d(es Herrn) Simcha, S(ohn) d(es Herrn) Eljakim,
4. Zeile:
der erschlagen wurde, weil er nicht frevelte
5. Zeile:
mit seinen Händen, und begraben wurde am Sonntag, dem 25.
6. Zeile:
Kislew im Jahr 107
7. Zeile:
n(ach) d(er) k(leinen) Z(eitrechnung). G(ott) möge ihm sein Blut rä(chen)
8. Zeile:
bald in unseren Tagen. S(eine) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens).
1. Zeile:
האבן הזאת אשר
2. Zeile:
שמתי מצבה לראש
3. Zeile:
ר’ שמחה ב’ר’ אליקים
4. Zeile:
הנהרג על לא חמס
5. Zeile:
בכפיו ונקבר ביו’א’ כ’ה’
6. Zeile:
לכסליו בשנת ו’י’צ’א’
7. Zeile:
לפרט והש’ ינקו’ דמו
8. Zeile:
במהרה בימינו ו’ת’נ’צ’ב’ה
Die Inschrift ist sehr gut lesbar.
4. und 5. Zeile:
Herr Simcha dürfte ein (frühes) Opfer der Verfolgungen der Juden in der Zeit des Schwarzen Todes gewesen sein. לא חמס בכפיו “Er frevelte nicht mit seinen Händen” bedeutet, dass er seinem Glauben nicht abtrünnig geworden ist.
Der letzte Buchstabe in Zeile 5 sieht aus wie ein ד (Zahlenwert 4), am Stein selbst ist aber noch schwach ein ה zu erkennen. Da auch der Wochentag, Sonntag, angegeben ist, liegt der 25. Kislew nahe.
6. Zeile:
Die Inschrift (hebräische Transkription und kurzen Anmerkungen zu den Zeilen 4, 5, 7 und 8) wurde schon von Max Pollak aufgenommen in: Die Juden in Wiener Neustadt. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Österreich”, Wien 1927, Seite 111f.
Pollak gibt als (umgerechnetes) Sterbedatum Sonntag, den 10. Dezember 1346 an. Das ist auch das korrekte Datum nach dem damals (vor 1582) gültigen Julianischen Kalender. Nach dem Gregorianischen Kalender ist der 25. Kislev der 18. Dezember 1346.
Die Jahreszahl 107 wird mit dem Wort ויצא dar- und damit eine bewusste Assoziation mit dem euphemistischen Ausdruck für “sterben” יצאה נפשה/נשמה “Seine Seele schied” hergestellt (wörtlich also etwa: “im Jahr, in dem seine Seele schied” = 107).
7. und 8. Zeile:
“In einer auf Grabinschriften wohl selten anzutreffenden Leidenschaftlichkeit wird denn auch hier dem Wunsche, dass ‘bald, in unseren Tagen’ sein Blut gerächt werde, Ausdruck gegeben”, schreibt Pollak auf Seite 112.
Anzumerken ist, dass zur Vorstellung, dass der ungerecht erlittene Tod sühnende Kraft hat, als ihre Ergänzung der Glaube an die Vergeltung gehört. Aus Deuteronomium (5. Buch Mose) 32, 43b “ונקם ישיב לצריו וכפר אדמתו עמו” “Denn er erzwingt die Strafe für das Blut seiner Söhne und entsühnt das Land seines Volks” wird häufig eine Euphemie für Märtyrer und Opfer der Gewalt. Oft auch in Verbindung mit dem Epitheton הקודש “der Heilige” als eine Art Ehrentitel.
Vgl. dazu Dr. Zunz, Geschichte und Literatur, Erster Band, Berlin 1845, 334f.
Obowhl Herr Simcha den Ehrentitel “der Heilige” nicht erhält, muss er aber selbstredend als Märtyrer bezeichnet werden.
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Grabstein Mittelalter II
Dieser Grabstein ist der zweite von links der Installation der fünf mittelalterlichen Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt.
Die Punkte über den hebräischen Buchstaben werden in der Transkription mit einfachen Anführungszeichen angedeutet.
N. N., Tochter des Jakob, Gattin des Herrn Rachem, Dienstag, 20. Ijjar (5)101 = 16. Mai 1341
1. Zeile:
[...]
2. Zeile:
Tochter d(es) f(rommen) H(errn) Jakob, Gatt[in]
3. Zeile:
d(es) f(rommen) H(errn) Rachem, die hinwegging,
4. Zeile:
in ihre Welt am 20. Ijjar
5. Zeile:
101 (= 1341) n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung), am Dienstag.
6. Zeile:
I(hre) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens), A(men), A(men), A(men), S(ela), S(ela), S(ela)
1. Zeile:
[...]
2. Zeile:
בת הח’ר’ יעקב אש[ת]
3. Zeile:
הח’ר’ רחם שהלכה
4. Zeile:
לעולמה כ’ לאייר
5. Zeile:
ק’א’ לפרט ביו’ ג’
6. Zeile:
ות’נצ’ב’ה’ א’א’א’ס’ס’ס’
Die Inschrift ist deutlich lesbar. Leider fehlt der Name der Verstorbenen, den wir wohl in der ersten, nicht mehr lesbaren Zeile, vermuten dürfen.
2. und 3. Zeile:
In beiden Zeilen ist die Lesung החר nicht ganz sicher, es könnte auch ההר sein.
Lesen wir als zweiten Buchstaben ein ח, wäre es ausgeschrieben האיש החסיד רב (der fromme Mann; das ח kann natürlich auch als Abkürzung für חכם “weise” gelesen werden, also dann “der weise Mann” o.Ä.).
Lesen wir als zweiten Buchstaben ein ה, wäre es ausgeschrieben האיש הנכבד oder האיש היקר (der geehrte oder teure Herr) o.Ä.
Die Inschrift (nur hebräische Transkription) wurde schon von Max Pollak aufgenommen in: Die Juden in Wiener Neustadt. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Österreich”, Wien 1927, Seite 111.
Pollak gibt als (umgerechnetes) Sterbedatum Dienstag, den 08. Mai 1341 an. Das ist auch das korrekte Datum nach dem damals (vor 1582) gültigen Julianischen Kalender. Nach dem Gregorianischen Kalender ist der 20. Ijjar der 16. Mai 1341.
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