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Purim und der jüdische Witz

Die israelische Tageszeitung Haaretz publizierte gestern einen Beitrag, dass die Westmauer/”Klagemauer” hinkünftig auch als Werbefläche genutzt werden soll.

Wir haben diesen Beitrag auf unserer Facebook-Seite bewusst zunächst ohne Kommentar übernommen.

Kurzum: Diese (unsere) Meldung von gestern war ein Purimscherz!

Wir stehen nicht an zuzugeben, dass auch wir erst mal erschraken, als wir die Meldung im Original lasen. Und doch war es dann beruhigend, dass wir nicht die einzigen waren, die kurz geschockt reagierten, wenn man viele Kommentare auf der Haaretz-Website ansieht ;-)

Unsere Formulierung “Zum besseren Verständnis empfiehlt sich die Lektüre des Haaretz-Artikels im Original” betraf allerdings nicht die technischen Details dieser Fake-Meldung, sondern sollte helfen, den Beitrag als Witz zu entlarven.

Denn es findet sich so mancher Hinweis auf Purim:

  • Mordechai Hidud assoziiert nicht nur den Juden Mordechai (Onkel von Ester), sondern das hebräische Wort Chidud (חידוד) bedeutet auch “Witz, Sarkasmus”.
  • Der Name des amerikastämmigen Joe King soll wohl nicht nur an den Perserkönig Artaxerxes erinnern, sondern beinhaltet auch den Wortwitz “joking” (englisch für “Witze machen”)
  • Und, na ja, der Autor des Beitrags nennt sich Hurim Pappy

Dass ein solcher Beschluss in Israel so gut wie undenkbar ist, dürfen wir außerdem wohl annehmen.
Die Kommentare auf der Haaretz-Website sind gespalten: viele finden den Witz gelungen und ausgesprochen witzig, andere Kommentatoren/Kommentatorinnen sind erbost und/oder entrüstet:

  • … nichts als Blasphemie … unser Parlament (Knesset) versagt …
  • … da hat jemand jedes Gefühl für Verhältnismäßigkeit verloren …
  • … findet ihr es wirklich gut, die Idee der 1.-April-Scherze für uns zu übernehmen? …
  • … es ist ein Witz, aber er scheint antisemitische Stereotype zu übernehmen, dass Geldmachen typisch für die jüdische Religion ist …
  • Haaretz wird auch von vielen Nichtjuden gelesen, die gar nicht wissen, dass jetzt Purim ist …

… heißt es da etwa.

Die Kommentare und Diskussionen zeigen also nicht nur die verschiedene Rezeption dieser Witzmeldung, sondern sehr wohl und vor allem auch die generelle Problematik des jüdischen Witzes!

Es sollen hier – ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit – einige wesentliche Merkmale des jüdischen Witzes und die potentiellen Gefahren kurz zur Sprache kommen:
Der jüdische Witz ist von seinem Wesen her ein gesprochener und erzählter Witz. Wenn etwa ein jiddischer Witz übersetzt wird, dann ist die Übersetzung, wie jede andere Übersetzung auch, Interpretation und der Witz wird dabei in eine andere, fremde Kultur mit anderen Ausdrucksformen übertragen. Insbesondere der deutschen Sprache mangelt es an Möglichkeiten, jiddischen Wortspielen und Pointen gerecht zu werden. Die Gefahr der “Arisierung” liegt dabei auf der Hand. Ebenso, dass durch eine Pointenverschiebung, sobald der übersetzte Witz nun von Nichtjuden erzählt wird, der Witz missbraucht werden kann, die Pointen und somit der Witz antisemitisch werden können.

Hat sich doch der Antisemitismus ein Bild vom Judentum geschaffen, das sich zum echten wie eine schlechte Karikatur zur lebendigen Vorlage verhält. Wie oft kann eine gute jüdische Pointe einfach durch falsche Betonung, Outrierung jüdischer Gesten etc. zu ihrer eigenen antisemitischen Karikatur werden!

…Es ist eine traurige Tatsache, dass das leidvolle Schicksal des Judentums, das gerade in der jüdischen Anekdote am besten zum Ausdruck kommt, nicht nur Bewunderer, sondern – schon seit der Antike – auch Karikaturisten gefunden hat. Wie hat denn z.B. der “Stürmer” einen für die “Heiligung Gottes” zum Märtyrertode bereiten ostjüdischen Talmudgelehrten gesehen?!

Kurt Schubert, in: Kairos 5(1963).

Ich selbst kannte nie einen begnadeteren Erzähler jüdischer Witze als Professor Schubert. Nicht nur, dass er ein schier unendliches Repertoire an Witzen zu haben schien, Schubert musste man “hören”!
In der ersten “Langen Nacht der Museen”, an der unser Museum teilnahm, war unser Hauptprogrammpunkt “Professor Schubert erzählt jüdische Witze”. Der Saal war zum Bersten gefüllt, das Publikum hörte – eher untypisch für die Lange Nacht – über eine Stunde begeistert zu.

Vor kurzem haben wir auf Facebook auch einen jüdischen Witz gebracht. Das sehr erfreuliche Echo darauf wollen wir – unter Beachtung des hier Geschriebenen – zum Anlass nehmen, ein, wie wir glauben, kleines Juwel anzubieten:

2004 hatte ich die Gelegenheit, einige jüdische Witze, erzählt von Professor Schubert, digital (wenn auch nur mit einfachen technischen Mitteln) aufzunehmen.

Wir werden also ab nun in unregelmäßigen Zeitabständen einige der Witze auf unserer Facebookseite, die Sie auch sehen können, ohne selbst Mitglied bei Facebook zu sein, online stellen.

Danach werden wir alle Audiowitze hier im Blog gesammelt und archiviert zur Verfügung stellen.

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir eine sehr spezielle Nachstellung der Purimgeschichte.

In eigener Sache, Leben und Glaube

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