Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: wolf

…und sie alle werden nicht mehr zurückkehren…

Zwei Zeitdokumente – Briefe von Sandor und Frieda Wolf an ihre Freunde in Triest Die Arbeit am jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt hat eine neue Perspektive notwendig gemacht. Während die…

Zwei Zeitdokumente – Briefe von Sandor und Frieda Wolf an ihre Freunde in Triest

Die Arbeit am jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt hat eine neue Perspektive notwendig gemacht. Während die primäre Frage am älteren jüdischen Friedhof war:

Woher sind die Menschen gekommen, die sich in Eisenstadt ansiedelten und auch hier starben?

war die entscheidende Frage nun:

Was ist aus den Ehepartnern, Geschwistern, Kindern und Enkelkindern jener Juden, die auf dem Friedhof begraben sind, geworden? Konnten sie rechtzeitig fliehen und überleben oder führte ihr Weg nach Auschwitz und in den Tod?

Was wir bisher wissen und traurige Gewissheit ist: Es sind so viele Familienmitglieder der insbesondere zweiten und dritten Generation der auf den jüdischen Friedhöfen Eisenstadt begrabenen Juden, die die Schoa nicht überlebten. Viele von ihnen lebten vor ihrer Deportation nicht mehr in Eisenstadt und werden daher in den Datenbanken nicht zu den burgenländischen Opfern der Schoa gezählt.
Das Österreichische Jüdische Museum hat es sich zu einer seiner primären Aufgaben gemacht, über den „regionalen Tellerrand“ zu blicken, um die Geschichte der jüdischen Familien von Eisenstadt möglichst lückenlos zu dokumentieren. Allein der erste der beiden vorliegenden Briefe ließ uns vier Schoa-Opfer nachtragen.

Im Folgenden die beiden Briefe vom Sommer 1945 und März 1946.

Tief berührend in den Briefen sind die Trauer und der Schmerz über jene Familienangehörigen und Freunde, die den Holocaust nicht überlebten,
die große und qualvolle Ungewissheit, wer von den Verwandten und Freunden vielleicht doch die schreckliche Zeit überlebt haben könnte, und – insbesondere im handschriftlichen Zusatz im ersten Brief deutlich erkennbar – die große Freude, oft erst sehr spät erfahren zu haben, dass einzelne Angehörige und Freunde doch überleben konnten und in Sicherheit waren.

Die Ungewissheit aber wurde oft zur Gewissheit (wenn auch in diesem Fall Sandor Wolf sie nicht mehr erlebt hat): So wurde etwa seine Nichte Grete Back (s.u.), von der er so lange nichts gehört hatte, in Auschwitz ermordet.

Erster Brief

Haifa, Sommer 1945. Der letzte (uns bekannte) Brief von Sandor Wolf, der am 2. Jänner 1946 stirbt. Adressat sind Irma und Emilio Stock in Triest. Irma, Tochter des Eisenstädter Lederhändlers Leopold Hirschler, hatte 1903 in Baden bei Wien Manó Emil Stock, den Bruder des Gründers des Stock-Spirituosen-Imperiums Lionello Stock, geheiratet und war mit ihrem Ehemann nach Triest gezogen.
Emilio Stock starb 1951, Irma Stock, geb. Hirschler, 1972. Mit ihnen begraben auf dem jüdischen Friedhof in Triest auch Sohn Guido, geb. 1904 in Spalato/Split, gest. 1992 in Kitzbühel.

Die tiefe und respektvolle Freundschaft zwischen Sandor Wolf und der Familie Hirschler / Stock hatte ihre Wurzeln in der alten und geliebten Heimat, in Eisenstadt. Eine „Heimatliebe, die man (wohl nicht nur) Sandor Wolf ausgebläut hatte„, wie wir im Brief lesen. Und es kann nur deutlich wiederholt werden: Nein, Sandor Wolf beabsichtigte keineswegs nach Eisenstadt zurückzukehren (wie immer wieder behauptet wird, etwa hier). Es wäre ihm zu wünschen gewesen, dass er seine Kunstsammlung nach Haifa bringen hätte können. Das unwürdige und unselige Schauspiel des Landes Burgenland und besonders auch der Presse in den späten 1950er Jahren haben weder Sandor Wolf noch seine Sammlung verdient.




Transkription:

Irma und Emilio Stock, Via […], Trieste

Liebe Freunde Stock!

Endlich sind Sie wieder dorthin zurückgekehrt in Ihr schönes Heim, von dem Sie durch die Unholde vertrieben wurden und gezwungen waren die Wanderung anzutreten, die Ihnen viele Jahre viel Sorge und Plage verursachte, von der Sie aber mit Gottes Hilfe und Gnade gesund mit Ihren lieben Kindern und unversehrt zurückgelangt sind! Nehmen Sie unsere herzlichsten Glückwünsche, an Sie und die Familien Ihrer lieben Söhne.

Wie gern würde ich die Geschichte Ihrer Wanderung kennen. Wie Sie damals aus Trieste nach Spalato gekommen sind, und wie Sie dann aus Jugoslawien, als es ein Brandherd geworden ist, in dem doch so viele Juden umgekommen sind, heil heraus in die Schweiz gekommen sind! Das war ja eine Meisterleistung da aus dem Hexenkessel, des Balkans und Italien in die friedliche Schweiz zu gelangen, in dem Ihre lieben Söhne sicherlich die Mentoren waren!

Nun bin ich auch gespannt zu erfahren, wie die Zukunft Ihrer Unternehmungen sein werden, da sie doch in Istrien und Dalmatien liegen, die sich vorläufig in der jugoslawischen Einflusssphäre befinden!

Ich habe leider weniger diesbezügliche Sorgen. Meine Weingeschäfte in Österreich, die doch auf eine Tätigkeit im Handel basieren, sind doch nicht wiederherzustellen. Eine durch 150-jährige Tätigkeit groß gewordene Unternehmung, die auf Weinvorrat basiert, der doch längst ausgetrunken wurde, auf einer Einrichtung von Fässern, die wahrscheinlich schon verbrannt wurden, auf Kunden, die gestorben oder (Weinen, die, Anm. d. Verf.) verdorben sind. Und wenn sie vergangen wären, von Juden nichts mehr wissen wollen. Das Personal, das zum Großteil jüdisch, nun in alle Weltteile zerstreut ist, ist nicht mehr zu rekonstruieren, umso weniger, weil weder ich noch mein Neffe Hans Wolf, der beim englischen Militär dient – aber in den nächsten Wochen demobilisiert wird – werden nach Österreich zurückkehren wollen; oder erst in dem Moment wo unser weniges Geld zu Ende geht; und wir nichts aus Österreich und Ungarn transferierbares Vermögen zurückbekämen. Aber auch das geschähe mit einem Gefühl großer Unlust, weil man uns die Heimatsliebe ausgebläut hat, und wir jetzt schon unsere neue – alte Heimat lieben gelernt haben. Ich habe aus Wien die Nachricht, dass unser Geschäftshaus im XI. Bezirk Simmering steht, dass aber mein und meiner Nichten Privathaus in der Wollzeile bombardiert wurde. Aus Eisenstadt habe ich – da es von den Russen besetzt ist – keinerlei Nachricht. Jedoch Dr. Ignaz Friedmann, der mit seiner engsten Familie am Leben geblieben ist, ließ mir sagen, dass mein Museum nur schwach beschädigt ist. Ist das wahr, dann hätte ich vielleicht die Hoffnung, wenigstens Teile davon hierherzubekommen, was natürlich auch das Entgegenkommen Österreichs und der Russen voraussetzt!

Aber unsere Familie und unsere Freunde haben durch die Nazigräuel sehr gelitten. In Budapest ist meine Nichte Rosa Schmidek, geb. Schleiffer (Tochter von Sandor Wolfs Schwester Ernestine, Anm. d. Verf.), und ihr Mann und ihr Enkel, Andris Ney, ermordet worden; obwohl sie von mir Palästinische Zertifikate schon im Juni 1943 zugeschickt bekamen. Unsere Cousins und Cousinen in Budapest, in Györ und Steinamanger sind in Pest ermordet, ganze Familien von der Provinz nach Auschwitz deportiert worden. Grete Back, geborene Braun – meine Nichte (Tochter von Sandor Wolfs Schwester Flora, Anm. d. Verf.) –, wurde nach Lodz (Ghetto Litzmannstadt, Anm. d. Verf.) deportiert und seit einigen Jahren hören wir nichts mehr von ihr – was nur Hoffnungslosigkeit bedeutet.

Beinahe der schwerste Schlag für mich ist die Deportation meines intimsten Freundes Dr. Sandor Schwarz aus Sopron, der samt seiner Sekretärin, Irene Breiner – eine Schönberger Tochter aus Eisenstadt, Nichte von Zsiga Schönberger (Sigmund Schönberger, Sohn von Samuel und Bruder von Berthold Schönberger, Anm. d. Verf.), nach Auschwitz deportiert wurde. Ihr Onkel Zsiga Schönberger, ist mit Frau und 90-jähriger Schwiegermutter von Nizza, wohin sie aus Fiume wanderten, nach Polen geschickt worden und [sie alle] werden leider Gottes nicht mehr zurückkehren. Schönbergers waren bei einer französischen Familie gut versteckt, aber er beging den Fehler, dass er Briefe aus seiner früheren Wohnung holen wollte und dabei erwischt und samt seinen Damen dann verschickt wurde. Über Dr. Schwarz sind Gerüchte da, aus Amerika, dass ihn jemand in Deutschland in einem Lager gesprochen hätte; aber wie könnte es sein, dass man von ihm sonst gar kein Lebenszeichen bekommen hat. Dabei hatte er als mein Generalbevollmächtigter angeblich unser großes Weingut in Debrecen verkauft. Ich weiß nicht an wen, und auch nicht wohin das Geld gekommen ist. Hier sind wir alle gesund, ich wurde vor 2 Jahren zweimal operiert, es ist aber gut ausgegangen. Aber unsere geliebte Nichte, Ing. Käthe Böhm, ist im Jahre 1942 an einer schweren Gelbsucht infektiöser Natur gestorben. Sie war nie im Leben krank! Nun hoffe ich auch von Ihnen allen einen Bericht zu bekommen und werde mich freuen nur Günstiges zu hören. Wie geht es Ihren lieben Töchtern? Wo sind Sie? Ich glaube Ihre Ältere ist in Südamerika. Wie sind Ihre lieben Enkelkinder herangewachsen? Bitte grüßen Sie mir Ihre Söhne, Schwiegertöchter und seien Sie selbst innigst gegrüßt von Ihrem getreuen in alter Freundschaft

Sandor Wolf

Unter dem Brief ein handschriftlicher Zusatz der Schwester von Sandor Wolf, Frieda Löwy-Wolf:

Meine liebste Frau Irma!

Es war für mich eine große Freude, als ich hörte, dass Sie mit Ihren lieben Kindern gerettet sind. Was machen meine lieben Freunde Guido und Mario (Söhne von Irma und Emilio Stock, Anm. d. Verf.), ihre Frauen und Kinder? Ich bitte um recht ausführlichen Bericht. Es grüßt Ihren lieben Mann und Ihre Kinder. Es küsst Sie Ihre

Frida.



1908 besuchte Irma Stock, geb. Hirschel, offensichtlich mit einigen Verwandten aus Triest, ihre Eltern in Eisenstadt.


Familie Hirschel vor ihrem Haus in der Oberen Gasse im jüdischen Viertel Eisenstadt

Familie Hirschel vor ihrem Haus in der Oberen Gasse im jüdischen Viertel Eisenstadt



Dr. Mario Stock, Sohn von Irma Stock, Präsident der jüdischen Gemeinde Triest, geb. 1906 in Spalato/Split, gest. 1989 in Triest, beschreibt 1979 das Foto auf Italienisch, hier die Übersetzung:

Die Fotografie zeigt meine Großeltern Leopold und Charlotte Hirschel im Jahr 1908 vor ihrem Haus, das heute noch existiert. An den Fenstern zeigen sich 4 Töchter, von denen eine meine Mutter ist. Auf der Straße Sohn Sami und drei Neffen, unter ihnen Oscar, Leutnant, der mit 18 Jahren im Juni 1918 während des Angriffs bei Asiagio umkam, und Ottilie, (jetzt) 80-jährig und noch am Leben.

Anmerkung: Ottilie Flaschner, geb. 01. September 1894 in Graz, gest. 21. Jänner 1989 in Triest, Tochter von Berta Hirschel und Wilhelm Flaschner, ist die Nichte von Irma Stock, geb. Hirschel (Irma und Berta Hirschel sind die Töchter von Leopold Hirschel und Charlotte Tachauer).

Zweiter Brief

Haifa, März 1946. Frieda Löwy-Wolf, die Schwester von Sandor Wolf, informiert die Familie Stock über das Ableben ihres Bruders:




Transkription:

Haifa, 3. März 1946 Hause Winterlich, Haifa, Israel

Liebste Freundin, liebste Frau Irma, liebe Familie Stock!

Schweren Herzens entschließe ich mich, Ihnen zu schreiben. Mein geliebter Bruder Sandor Wolf hat uns am 2. Jänner für immer verlassen. Er war eine Woche krank und leider konnte die Kunst der Ärzte ihn nicht am Leben erhalten. Sie haben ihn gekannt und werden meine, der ganzen Familie und aller Freunde Trauer um diesen wahrhaft guten Menschen verstehen. Wie hätte er sich mit Ihren Briefen gefreut. Mit Sehnsucht warteten wir auf Nachricht von Ihnen und nun kamen diese schönen mit guten Nachrichten zu spät. Auch die Nachricht, dass seine Sammlung in Eisenstadt unversehrt erhalten, kam nun wenige Tage zu spät. Er hatte ein schönes, reiches Leben und er hat es auf seine Weise voll und ganz genossen. Nicht einmal die Nazis konnten ihm seinen schönen Glauben an Gott und die Menschen rauben. Sie können sich denken, wie einsam und verlassen ich mich ohne den geliebten Bruder fühle. Um Ihre Geschwister, liebe Frau Irma, trauere ich mit Ihnen. Wo lebt Willi? Wir trafen ihn zuletzt in London.

Zu Ihren Enkelkindern will ich Ihnen heute nur herzlichst gratulieren und Sie bitten jeden einzelnen meiner jungen Freunde innigst zu grüßen. Herrn Ingenieur Stock bitte ich zu entschuldigen, dass ich deutsch schreibe, aber derzeit ist mein Kopf und Gemüt zu betrübt, um meine Gedanken in einer anderen Sprache wiederzugeben. Ich grüße Sie alle innigst und bin in alter Freundschaft
Ihre

Frida Löwy

Ich möchte mich im Auftrag der alten Frau Reiner, die noch in Sandors Gesellschaft ihren 80. Geburtstag bei uns gefeiert hat, nach deren Nichte, Frau Otti Stock, erkundigen.

Anmerkung: Marie Reiner, geb. Flaschner, Tochter von Ignaz Isak Flaschner und Sali Joachim, ist die Schwester von Wilhelm Flaschner, dem Vater von Ottilie Stock, geb. Flaschner. Marie Flaschner heiratete am 29. November 1885 Samuel Reiner (aus Deutschkreutz) in Eisenstadt.



Vielen Dank an meine Mitarbeiterin Sonja Apfler für den großartigen Fund (der Briefe) in den Tiefen unserer Archive! :-)

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Orthodoxie und Oktoberfest

Friederike Spitzer aus Eisenstadt heiratet das bayerische Urgestein Angelo Feuchtwanger Am 15. Februar 1880 stirbt in Eisenstadt der Tuchhändler Ignatz Spitzer. Seine Ehefrau Kathi, eine Tochter von Leopold Wolf und…

Friederike Spitzer aus Eisenstadt heiratet das bayerische Urgestein Angelo Feuchtwanger

Am 15. Februar 1880 stirbt in Eisenstadt der Tuchhändler Ignatz Spitzer. Seine Ehefrau Kathi, eine Tochter von Leopold Wolf und Rosa Spitzer, stirbt 5 Jahre später. Die beiden haben 5 Töchter und 3 Söhne, alle in Eisenstadt geboren, nur 1 Tochter und 2 Söhne sterben auch in Eisenstadt.

In der hebräischen Grabinschrift von Ignatz Spitzer lesen wir u.a.:

…Er war die Krone seiner Söhne, die Pracht seiner Familie…

Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass auch Ignatz und Kathi Spitzer nicht untätig waren, wenn es darum ging, die geeigneten Ehepartner für ihre Kinder zu finden. An erster Stelle stand sehr wahrscheinlich der religiöse Hintergrund des oder der Zukünftigen, diesbezüglich wollte man keine Risken eingehen: Schließlich wuchsen doch beide Elternteile in einer Zeit auf, als der „deutsche Doktor“ und Mitbegründer der Neo-Orthodoxie, Rabbiner Asriel Hildesheimer, von 1851 – 1869 Rabbiner in Eisenstadt, über seine Wirkungsstätte schreibt:

… hier ist noch echt jüdisches Leben – … wirkliche Achtung der Tora, angesehene Stellung des Rabbiners, Fortbestand der Jeschiva.

Wirtschaftliche Interessen spielten bei der „Heiratspolitik“ wohl eine wichtige, aber – zumindest im konkreten Fall der Familie Spitzer – vielleicht eher untergeordnete Rolle.

Vor allem die Ehe von Tochter Friederike, geb. 01. Jänner 1859 in Eisenstadt, ist höchst bemerkenswert:

Friederike heiratet am 19. März 1883 in Eisenstadt Angelo Feuchtwanger aus München (Rabbiner war Salomo Kutna!).

Angelo (Ascher) Feuchtwanger, Teilhaber der J.L. Feuchtwanger Bank in München, geb. 09. August 1854 in München, ist der Onkel 2. Grades des weltberühmten Schriftstellers Lion Feuchtwanger, Autor u.a. von „Jud Süß“, „Die Geschwister Oppenheim“ oder „Die Jüdin von Toledo“.

Angelos Vater Jakob Löw Feuchtwanger (1821, Fürth – 1890, München), 1857 Bankgründer der J.L. Feuchtwanger Bank, ist der Bruder von Elkan Feuchtwanger (1823–1902), dem Großvater von Lion Feuchtwanger.

Elkan Feuchtwanger, Goldschmied, Seifensieder und Kaufmann, hatte in Haidhausen eine Margarinefabrik gegründet, die sein Sohn Sigmund Aaron Meir Feuchtwanger (1854–1916), der Vater von Lion, Ludwig und Martin Feuchtwanger, übernahm.

Am Bild links: Dr. Sigbert Feuchtwanger, Sohn von Friederike und Angelo Feuchtwanger, und seine Cousins 2. Grades Lion und Ludwig Feuchtwanger. Über Sigbert und die anderen Kinder von Friederike und Angelo s. Ignaz Spitzer (Vater).

  • Grabstein Sigmund Feuchtwanger und Johanna Feuchtwanger, geb. Bodenheimer

    Sigmund Feuchtwanger und Johanna
    Feuchtwanger, geb. Bodenheimer,
    Bild-©: Georg Gaugusch

  • Grabstein Igo Feuchtwanger, Sohn von Angelo und Friederike Feuchtwanger

    Dr. Igo Feuchtwanger, Sohn von Angelo und
    Friederike Feuchtwanger,
    Bild-©: Georg Gaugusch


Angelo Feuchtwanger war eine beeindruckende Persönlichkeit, die Nachkommen beschreiben ihn als bayerisches Urgestein.

Gleichzeitig waren die bayerischen Traditionen in der Familie sehr lebendig, man sprach Münchner Mundart, liebte Berge und Bier und ging aufs Oktoberfest. Angelo Feuchtwanger, ein Onkel von Lion war als bayerisches Urgestein bekannt, der nach dem fast täglichen Synagogenbesuch meist im Hofbräuhaus einkehrte. Falls dies auf einen Sabbat fiel, ließ er eben anschreiben (denn der Umgang mit Geld ist am Sabbat nicht erlaubt) und bezahlte die Rechnung im Laufe der nächsten Woche. Sehr unverkrampft fiel auch der Umgang mit Nachbarskindern und Schulfreunden aus und wie alle anderen Münchner ging man gerne ins Museum und Theater oder fuhr in die Sommerfrische an den Starnberger See.

Prädikat lesenswert: Familie Feuchtwanger, BR, radioWissen

Königliches Hofbräuhaus – 1903

Königliches Hofbräuhaus – 1903, Bild-©: Wikipedia


Ich bin zuerst Jude, dann Bayer und dann Deutscher,

lautete Angelos Wahlspruch.

Lion Feuchtwanger gehörte zu den Ersten, die die kommende Tragödie erkannten, schon 1920 thematisierte er in seinem satirischen Text „Gespräche mit dem Ewigen Juden“ den Wahnsinn, der bald Realität werden sollte (Bücherverbrennungen).
In seinem 1930 erschienenen Schlüsselroman „Erfolg“ karikiert Feuchtwanger mit spitzer Feder das politische und kulturelle Leben im konservativen München, das bei ihm nicht gut wegkommt – er spricht

von einer zähen dumpfigen und geistig nicht gut gelüfteten Bevölkerung -,

und zeichnet in der Figur Rupert Kutzners ein deutlich erkennbares Porträt Hitlers.

Beim Oktoberfest wurde auch die Familie Angelo Feuchtwangers mit dem brutal-primitiven Antisemitismus konfrontiert. Seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten hatte sich die Lage für die Privatbank der Feuchtwangers zunehmend verschlechtert, 1935 hatte sich die Lage so weit zugespitzt, dass die Feuchtwangers für sich und ihr Unternehmen in München keine Zukunft mehr sahen.

1936 emigrierte Angelo nach Palästina und auch in Tel Aviv besuchte er täglich die Synagoge, allerdings ohne anschließenden Gang ins Hofbräuhaus …

Angelo Feuchtwanger starb am 24. April 1939 in Tel Aviv, seine Frau Friederike, geb. Spitzer, war schon am 16. Oktober 1908 in München verstorben.

Fast allen Feuchtwangerfamilienmitgliedern der Münchner Linie gelang die Flucht, die meisten emigrierten nach Palästina. Es waren 854 Männer, Frauen und Kinder, 80 davon wurden in Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet.

Kein Familienmitglied der großen Familie hat seinen Namen in Israel geändert, und das, obwohl der Name in Israel schwer auszusprechen und noch schwerer zu schreiben war.

Prädikat hörenswert: „Von der Synagoge ins Wirtshaus, BR, radioWissen

Neben den oben verlinkten Lese- und Hörtipps empfehlen wir als Lektüre: Heike Specht: Die Feuchtwangers. Familie, Tradition und jüdisches Selbstverständnis im deutsch-jüdischen Bürgertum des 19. und 20. Jahrhunderts. Wallstein, Göttingen 2006.


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Spitzer Kathi – 22. Jänner 1885

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt Kathi (Elka/Elki) Spitzer, 09. Schvat 645 (= Donnerstag, 22. Jänner 1885) Standortnummer: 638 Foto 1993 Foto 2016 Die Grabinschrift Inschrift Kathi Spitzer: Zeilengerechte Transkription und…

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Kathi (Elka/Elki) Spitzer, 09. Schvat 645 (= Donnerstag, 22. Jänner 1885)

Standortnummer: 638

  • Grabstein Spitzer Kathi - 22. Jänner 1885

    Foto 1993

  • Grabstein Spitzer Kathi - 22. Jänner 1885

    Foto 2016


Die Grabinschrift

Inschrift Kathi Spitzer: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier liegt) b(egraben) פ’נ
[2] die edle Frau, unter Tausenden ausgewählt, האשה היקרה מרבבות ובחרה,
[3] unschuldig und rein, die ehrenwerte und angesehene Frau. זכה וברה, הקצינה והנגידה,
[4] Weisen Herzens und edlen Geistes tat sie Großes חכמת לב ויקרת רוח, עשתה חיל
[5] und wurde erfolgreich; sie war die Krone ihres Mannes und ihren Kindern, גם גברה עטרת בעלה ולבניה
[6] ein Diadem der Zierde. Sie, die durch ihren Geist und ihr Verständnis נזר תפארה, היא האשה המפורסמת
[7] berühmte Frau, בהשכל ודעת
[8] Frau Elka, a(uf ihr sei) F(riede), מרת עלקא ע’ה
[9] Witwe des weithin berühmten, angesehenen, e(hrenhaften) H(errn) אלמנת הנגיד המפורסים כ’ה
[10] Itziq Spitzer, s(ein Andenken) m(öge bewahrt werden), איציק שפיתצער ז’ל
[11] und Tochter des ehrenwerten Herrn, des Mäzens, d(es ehren)h(aften) H(errn) Löb Wolf, s(ein Andenken m(öge bewahrt werden). ובת הקצין הנדיב כ’הר ליב וואלף ז’ל
[12] Sie starb am Donnerstag, dem 6. Schvat מתה ביום ה ו שבט
[13] und wurde zu Grabe gebracht mit großer Ehre והובלה לקברות בכבוד גדול
[14] am Sonntag, dem 9. Schvat des Jahres 645 n(ach der kleinen Zeitrechnung). ביום א ט שבט שנת תרמה ל
[15] I(hre) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). תנצבה



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Hecht Therese – 03. März 1901

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt Theres(e) (Resl) Hecht, 12. Adar 661 (= Sonntag, 03. März 1901) Standortnummer: 606 Foto 1993 Foto 2016 Die Grabinschrift Inschrift Therese Hecht: Zeilengerechte Transkription und…

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Theres(e) (Resl) Hecht, 12. Adar 661 (= Sonntag, 03. März 1901)

Standortnummer: 606

  • Grabstein Hecht Therese - 03. März 1901

    Foto 1993

  • Grabstein 606-Hecht-Therese

    Foto 2016


Die Grabinschrift

Inschrift Therese Hecht: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Hier liegt und ruht eine tüchtige Frau. פה תישן תנוח אשת חיל
[2] Ihren Mund öffnete sie mit Weisheit und Einsicht. פיה פתחה בחכמה ובתבונה‏‏
[3] Viele Frauen waren erfolgreich, רבות בנות עשו חיל
[4] doch sie übertraf sie alle. והיא עלתה על כלנה,
[5] In der Mitte ihres Lebens wurde sie dem Lebensbaum entrissen בחצי ימיה נקטפה מעץ החיים, ‎‏‏
[6] im Jahr 661 am 12. des Monats Adar בשנת ת’ר’ס’א’ י“ב לחדש אדר ‎‏‏
[7] und wurde begraben am Tag des Fastens und Weinens der Juden. ונקטפה בינם צום ובכי ליהודים
[8] Ihr Ehemann, ihre Tochter und ihre Söhne beweinten den Verlust. בעלה בתה ובניה יבכו השבר:
[9] „Zur Erde fiel die Krone unseres Hauptes, „לארץ נפלה עטרת ראשנו,
[10] die Freude unseres Herzens ging dahin. משוש לבנו הלך אזל
[11] Weh uns, denn sie hat sich von uns entfernt, אוי לנו כי רחקה ממנו
[12] die Gattin meiner Jugend, unsere edle Mutter Resl.“ אשת נעורי, אמנו היקרה ריזל“
[13] Ihre Taten werden nicht vergessen werden, und ihre Seele מעשיה לא ישכחו ונפשה
[14] möge eingebunden sein im Bund des Lebens. תהי צרורה בצרור החיים.

Sockel – Die Grabinschrift

Inschrift Therese HechtS: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Dies ist der Grabstein זאת מצבת
[2] der Frau Resl, i(hr Andenken) m(öge bewahrt werden), מרת ריזל ז“ל
[3] Ehefrau des MORENU Isak, gena(nnt)
Doktor Hecht
אשת מהורר יצחק המכו’ דאקטר העכט
[4] und Tochter der Frau Eva, s(ein Hort) b(ehüte sie). ובת מרת חוה י“צ

Sockel2

Inschrift Therese HechtS2: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Bineter, Bpest. Karlsring 13


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