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Orthodoxie und Oktoberfest

Friederike Spitzer aus Eisenstadt heiratet das bayerische Urgestein Angelo Feuchtwanger

Am 15. Februar 1880 stirbt in Eisenstadt der Tuchhändler Ignatz Spitzer. Seine Ehefrau Kathi, eine Tochter von Leopold Wolf und Rosa Spitzer, stirbt 5 Jahre später. Die beiden haben 5 Töchter und 3 Söhne, alle in Eisenstadt geboren, nur 1 Tochter und 2 Söhne sterben auch in Eisenstadt.

In der hebräischen Grabinschrift von Ignatz Spitzer lesen wir u.a.:

…Er war die Krone seiner Söhne, die Pracht seiner Familie…

Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass auch Ignatz und Kathi Spitzer nicht untätig waren, wenn es darum ging, die geeigneten Ehepartner für ihre Kinder zu finden. An erster Stelle stand sehr wahrscheinlich der religiöse Hintergrund des oder der Zukünftigen, diesbezüglich wollte man keine Risken eingehen: Schließlich wuchsen doch beide Elternteile in einer Zeit auf, als der “deutsche Doktor” und Mitbegründer der Neo-Orthodoxie, Rabbiner Asriel Hildesheimer, von 1851 – 1869 Rabbiner in Eisenstadt, über seine Wirkungsstätte schreibt:

… hier ist noch echt jüdisches Leben – … wirkliche Achtung der Tora, angesehene Stellung des Rabbiners, Fortbestand der Jeschiva.

Wirtschaftliche Interessen spielten bei der “Heiratspolitik” wohl eine wichtige, aber – zumindest im konkreten Fall der Familie Spitzer – vielleicht eher untergeordnete Rolle.

Vor allem die Ehe von Tochter Friederike, geb. 01. Jänner 1859 in Eisenstadt, ist höchst bemerkenswert:

Friederike heiratet am 19. März 1883 in Eisenstadt Angelo Feuchtwanger aus München (Rabbiner war Salomo Kutna!).

Angelo (Ascher) Feuchtwanger, Teilhaber der J.L. Feuchtwanger Bank in München, geb. 09. August 1854 in München, ist der Onkel 2. Grades des weltberühmten Schriftstellers Lion Feuchtwanger, Autor u.a. von “Jud Süß”, “Die Geschwister Oppenheim” oder “Die Jüdin von Toledo”.

Angelos Vater Jakob Löw Feuchtwanger (1821, Fürth – 1890, München), 1857 Bankgründer der J.L. Feuchtwanger Bank, ist der Bruder von Elkan Feuchtwanger (1823–1902), dem Großvater von Lion Feuchtwanger.

Elkan Feuchtwanger, Goldschmied, Seifensieder und Kaufmann, hatte in Haidhausen eine Margarinefabrik gegründet, die sein Sohn Sigmund Aaron Meir Feuchtwanger (1854–1916), der Vater von Lion, Ludwig und Martin Feuchtwanger, übernahm.

Am Bild links: Dr. Sigbert Feuchtwanger, Sohn von Friederike und Angelo Feuchtwanger, und seine Cousins 2. Grades Lion und Ludwig Feuchtwanger. Über Sigbert und die anderen Kinder von Friederike und Angelo s. Ignaz Spitzer (Vater).

  • Grabstein Sigmund Feuchtwanger und Johanna Feuchtwanger, geb. Bodenheimer

    Sigmund Feuchtwanger und Johanna
    Feuchtwanger, geb. Bodenheimer,
    Bild-©: Georg Gaugusch

  • Grabstein Igo Feuchtwanger, Sohn von Angelo und Friederike Feuchtwanger

    Dr. Igo Feuchtwanger, Sohn von Angelo und
    Friederike Feuchtwanger,
    Bild-©: Georg Gaugusch


Angelo Feuchtwanger war eine beeindruckende Persönlichkeit, die Nachkommen beschreiben ihn als bayerisches Urgestein.

Gleichzeitig waren die bayerischen Traditionen in der Familie sehr lebendig, man sprach Münchner Mundart, liebte Berge und Bier und ging aufs Oktoberfest. Angelo Feuchtwanger, ein Onkel von Lion war als bayerisches Urgestein bekannt, der nach dem fast täglichen Synagogenbesuch meist im Hofbräuhaus einkehrte. Falls dies auf einen Sabbat fiel, ließ er eben anschreiben (denn der Umgang mit Geld ist am Sabbat nicht erlaubt) und bezahlte die Rechnung im Laufe der nächsten Woche. Sehr unverkrampft fiel auch der Umgang mit Nachbarskindern und Schulfreunden aus und wie alle anderen Münchner ging man gerne ins Museum und Theater oder fuhr in die Sommerfrische an den Starnberger See.

Prädikat lesenswert: Familie Feuchtwanger, BR, radioWissen

Königliches Hofbräuhaus – 1903

Königliches Hofbräuhaus – 1903, Bild-©: Wikipedia


Ich bin zuerst Jude, dann Bayer und dann Deutscher,

lautete Angelos Wahlspruch.

Lion Feuchtwanger gehörte zu den Ersten, die die kommende Tragödie erkannten, schon 1920 thematisierte er in seinem satirischen Text “Gespräche mit dem Ewigen Juden” den Wahnsinn, der bald Realität werden sollte (Bücherverbrennungen).
In seinem 1930 erschienenen Schlüsselroman “Erfolg” karikiert Feuchtwanger mit spitzer Feder das politische und kulturelle Leben im konservativen München, das bei ihm nicht gut wegkommt – er spricht

von einer zähen dumpfigen und geistig nicht gut gelüfteten Bevölkerung -,

und zeichnet in der Figur Rupert Kutzners ein deutlich erkennbares Porträt Hitlers.

Beim Oktoberfest wurde auch die Familie Angelo Feuchtwangers mit dem brutal-primitiven Antisemitismus konfrontiert. Seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten hatte sich die Lage für die Privatbank der Feuchtwangers zunehmend verschlechtert, 1935 hatte sich die Lage so weit zugespitzt, dass die Feuchtwangers für sich und ihr Unternehmen in München keine Zukunft mehr sahen.

1936 emigrierte Angelo nach Palästina und auch in Tel Aviv besuchte er täglich die Synagoge, allerdings ohne anschließenden Gang ins Hofbräuhaus …

Angelo Feuchtwanger starb am 24. April 1939 in Tel Aviv, seine Frau Friederike, geb. Spitzer, war schon am 16. Oktober 1908 in München verstorben.

Fast allen Feuchtwangerfamilienmitgliedern der Münchner Linie gelang die Flucht, die meisten emigrierten nach Palästina. Es waren 854 Männer, Frauen und Kinder, 80 davon wurden in Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet.

Kein Familienmitglied der großen Familie hat seinen Namen in Israel geändert, und das, obwohl der Name in Israel schwer auszusprechen und noch schwerer zu schreiben war.

Prädikat hörenswert: “Von der Synagoge ins Wirtshaus, BR, radioWissen

Neben den oben verlinkten Lese- und Hörtipps empfehlen wir als Lektüre: Heike Specht: Die Feuchtwangers. Familie, Tradition und jüdisches Selbstverständnis im deutsch-jüdischen Bürgertum des 19. und 20. Jahrhunderts. Wallstein, Göttingen 2006.


Genealogie

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Spitzer Kathi – 22. Jänner 1885

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Kathi (Elka/Elki) Spitzer, 09. Schvat 645 (= Donnerstag, 22. Jänner 1885)

Standortnummer: 638

  • Grabstein Spitzer Kathi - 22. Jänner 1885

    Foto 1993

  • Grabstein Spitzer Kathi - 22. Jänner 1885

    Foto 2016


Die Grabinschrift

Inschrift Kathi Spitzer: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier liegt) b(egraben) פ’נ
[2] die edle Frau, unter Tausenden ausgewählt, האשה היקרה מרבבות ובחרה,
[3] unschuldig und rein, die ehrenwerte und angesehene Frau. זכה וברה, הקצינה והנגידה,
[4] Weisen Herzens und edlen Geistes tat sie Großes חכמת לב ויקרת רוח, עשתה חיל
[5] und wurde erfolgreich; sie war die Krone ihres Mannes und ihren Kindern, גם גברה עטרת בעלה ולבניה
[6] ein Diadem der Zierde. Sie, die durch ihren Geist und ihr Verständnis נזר תפארה, היא האשה המפורסמת
[7] berühmte Frau, בהשכל ודעת
[8] Frau Elka, a(uf ihr sei) F(riede), מרת עלקא ע’ה
[9] Witwe des weithin berühmten, angesehenen, e(hrenhaften) H(errn) אלמנת הנגיד המפורסים כ’ה
[10] Itziq Spitzer, s(ein Andenken) m(öge bewahrt werden), איציק שפיתצער ז’ל
[11] und Tochter des ehrenwerten Herrn, des Mäzens, d(es ehren)h(aften) H(errn) Löb Wolf, s(ein Andenken m(öge bewahrt werden). ובת הקצין הנדיב כ’הר ליב וואלף ז’ל
[12] Sie starb am Donnerstag, dem 6. Schvat מתה ביום ה ו שבט
[13] und wurde zu Grabe gebracht mit großer Ehre והובלה לקברות בכבוד גדול
[14] am Sonntag, dem 9. Schvat des Jahres 645 n(ach der kleinen Zeitrechnung). ביום א ט שבט שנת תרמה ל
[15] I(hre) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). תנצבה



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Friedhof Eisenstadt (jüngerer)

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Hecht Therese – 03. März 1901

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Theres(e) (Resl) Hecht, 12. Adar 661 (= Sonntag, 03. März 1901)

Standortnummer: 606

  • Grabstein Hecht Therese - 03. März 1901

    Foto 1993

  • Grabstein 606-Hecht-Therese

    Foto 2016


Die Grabinschrift

Inschrift Therese Hecht: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Hier liegt und ruht eine tüchtige Frau. פה תישן תנוח אשת חיל
[2] Ihren Mund öffnete sie mit Weisheit und Einsicht. פיה פתחה בחכמה ובתבונה‏‏
[3] Viele Frauen waren erfolgreich, רבות בנות עשו חיל
[4] doch sie übertraf sie alle. והיא עלתה על כלנה,
[5] In der Mitte ihres Lebens wurde sie dem Lebensbaum entrissen בחצי ימיה נקטפה מעץ החיים, ‎‏‏
[6] im Jahr 661 am 12. des Monats Adar בשנת ת’ר’ס’א’ י”ב לחדש אדר ‎‏‏
[7] und wurde begraben am Tag des Fastens und Weinens der Juden. ונקטפה בינם צום ובכי ליהודים
[8] Ihr Ehemann, ihre Tochter und ihre Söhne beweinten den Verlust. בעלה בתה ובניה יבכו השבר:
[9] “Zur Erde fiel die Krone unseres Hauptes, “לארץ נפלה עטרת ראשנו,
[10] die Freude unseres Herzens ging dahin. משוש לבנו הלך אזל
[11] Weh uns, denn sie hat sich von uns entfernt, אוי לנו כי רחקה ממנו
[12] die Gattin meiner Jugend, unsere edle Mutter Resl.” אשת נעורי, אמנו היקרה ריזל”
[13] Ihre Taten werden nicht vergessen werden, und ihre Seele מעשיה לא ישכחו ונפשה
[14] möge eingebunden sein im Bund des Lebens. תהי צרורה בצרור החיים.

Sockel – Die Grabinschrift

Inschrift Therese HechtS: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Dies ist der Grabstein זאת מצבת
[2] der Frau Resl, i(hr Andenken) m(öge bewahrt werden), מרת ריזל ז”ל
[3] Ehefrau des MORENU Isak, gena(nnt)
Doktor Hecht
אשת מהורר יצחק המכו’ דאקטר העכט
[4] und Tochter der Frau Eva, s(ein Hort) b(ehüte sie). ובת מרת חוה י”צ

Sockel2

Inschrift Therese HechtS2: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Bineter, Bpest. Karlsring 13


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Friedhof Eisenstadt (jüngerer)

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Ein teurer Mann …

Siegmund Wolf – Gerüchte, Bosheiten … und wenn es so richtig menschelt …

Die Familie Wolf in Eisenstadt und in Neudörfl – ein kurzer Überblick

Die beiden unmittelbaren Stammväter der beiden Familienzweige sind die beiden Söhne von Chajjim (Joachim) Wolf, Asriel Wolf und Leopold (Löb) Wolf.

Leopold (Löb) Wolf, sehr grob beschrieben, dominiert die “Eisenstädter” Linie der Familie, seine beiden Söhne Adolf und Ignaz sind die Hauptfiguren der Weingroßhandlung Leopold Wolf’s Söhne. Enkel Leopold Wolf starb 1926, sein Bruder Sándor Wolf musste 1938 emigrieren.

Asriel Wolfs Sohn Abraham Wolf ist der Gründer der Firma “A. Wolf & Company” in Neudörfl. Sein Bruder Wilhelm Wolf gründete in Wr. Neustadt die Firma “Wilhelm Wolf & Sohn”, über die 1927/28 das Ausgleichsverfahren eröffnet wurde. Und Abrahams Sohn Siegmund Wolf wird Gesellschafter der Firma seines Vaters in Neudörfl. Von ihm handelt dieser Beitrag.

Leopold (Löb) Wolf, gest. 14. Mai 1926, sein Bruder Alexander (Sándor) Wolf, gest. 02. Jänner 1946, und ihr Großcousin Siegmund (Samuel Halevi) Wolf, gest. 18. Dezember 1908, sind auch die letzten bedeutenden jüdischen Vertreter einer Familie, deren Wurzeln bis in die Wiener jüdische Gemeinde zurückreichen (wir berichteten) und die in Eisenstadt seit 1718 nachweisbar ist. Fast alle Kinder von Leopold und Siegmund Wolf sind aus dem Judentum ausgetreten und ließen sich taufen… aber ob jüdisch oder getauft, 1938 bedeutete das Aus für die Familie in Österreich.


Zwischen 1854 und 1859 eröffnete die Firma die Weinumsatz-Zentralstelle des Komitats Ödenburg auf dem Grundstück der heutigen Landespflegeanstalt [Neudörfl]. Wolf lagert 1000 hl Wein in seinen, aber auch in weiteren Kellern verschiedener Bauernhäuser. Er beschäftigt 100 Arbeiter und hat sogar eine eigene Fassbinderei.

Herbert Radel, Neudörfl – Dorf an der Grenze. Im Wandel der Zeit, 24


Siegmund Wolf löst in seinen letzten Lebensjahren einen katastrophalen Weinskandal aus, ruiniert seine Firma, landet im Gefängnis …

Dabei war 1893 die Welt für Siegmund Wolf noch in Ordnung. Er wurde zwar verdächtigt, eigentlich sogar verleumdet und wurde zum Opfer haltloser bösartiger Gerüchte. Seine Firma genoss aber einen hervorragenden Ruf und galt weit und breit als vertrauenswürdig und seriös, die Gerüchte konnten zerstreut werden:

Aus Wiener Neustadt wird gemeldet: Dieser Tage färbte sich der um diese Zeit gewöhnlich sehr wasserarme Leithafluss oberhalb Wiener Neustadt, respektive Neudörfl bis hinab gegen Eggendorf plötzlich intensiv roth, so dass es anzusehen war, wie ein Strom von Blut. Sofort verbreitete sich in Wiener Neustadt und Umgebung das Gerücht, der bekannten Weingroßhandlungsfirma Wolf in Neudörfl seien behördlicherseits 4000-10.000 Eimer Rothwein in die Leitha geschüttet worden. Ja sogar in die “Wr. landw. Ztg.” fand diese Nachricht unglaublicher Weise Eingang. Nun ist aber an der Sache kein wahres Wort, denn die Verunreinigung geschah durch Einleitung von Farbstoffen aus einer oberhalb Neudörfl gelegenen Fabrik. Wie leicht derartige leichtsinnig oder boshaft verbreitete Gerüchte geeignet sind, den guten Ruf einer noch so vertrauenswürdigen Firma zu untergraben, ist wohl erklärlich und es sollten die Verbreiter derselben exemplarisch bestraft werden. Die Weingroßhandlungsfirma Wolf genießt zwar eines so hervorragenden Renommees, dass Niemand, der sie näher kennt, derartige Schaudergeschichten glaubt; es gibt aber immerhin Leute, welche derartige unsinnige Gerüchte, für ihre unlauteren Zwecke auszubeuten suchen.

Wiener Montags-Post, 28. August 1893, Seite 2

Kellerarbeiter der Firma Wolf, Herbert Radel, Neudörfl

Kellerarbeiter der Firma Wolf, Bildrechte: Herbert Radel, Neudörfl



Im Frühsommer 1907 aber zogen dunkle Wolken über Siegmund und seine Firma, schuld war er – offenbar – selbst. Geld- und sogar Gefängnisstrafe folgten, der gute Ruf der Firma, wohl auch jener von Siegmund Wolf, war auf einen Schlag Geschichte:

Ein bestrafter Weinpantscher.
Die österreichische Regierung wurde durch ein anonymes Schreiben aus Ödenburg darauf aufmerksam gemacht, dass der Weinhändler Siegmund Wolf “echte Ungarweine” um teures Geld nach Österreich, insbesondere nach Wien exportiere, welche sich tatsächlich als wertlose Fälschung darstellen. Eine Untersuchung ergab, dass die Ungarweine des Siegmund Wolf Kunstweine sind. Es wurden 1000 Hektoliter Weine mit Beschlag belegt und Wolf von dem Gerichte in Ödenburg zu einem Monate Arrest und 600 K. Geldstrafe verurteilt. Und die Moral von der Geschichte?

Marburger Zeitung 01. Juni 1907, Seite 3
Sehr ähnlich in der Drogisten Zeitung vom 21. Juni 1907, Seite 11


… Daher wird sein gesamtes Lager beschlagnahmt und sein Wein in den Dorfbach geschüttet. Zwei Tage rinnt ein Weinbach durch Neudörfl. Manche Bewohner füllen sich ihre Gießkannen mit Wein, andere trinken gleich direkt am Bach, schlafen schließlich und trinken nach dem Aufwachen weiter…

Herbert Radel, Neudörfl – Dorf an der Grenze. Im Wandel der Zeit, 30


Im kleinen Ort Neudörfl an der Leitha hält sich noch heute (!) das hartnäckige Gerücht, dass Siegmund Wolf mit den Folgen dieses Fehltritts nicht fertig wurde und sich kurz darauf das Leben genommen hätte…
Zieht man die Matrikeneinträge mit eingetragener Todesursache (Magenkrebs) heran sowie etwa die Formulierung seiner Ehefrau in der Sterbeanzeige – “nach langem schweren Leiden sanft entschlafen…” -, kommt ein Selbstmord wohl eher nicht in Frage.

Matriken Tod Siegmund Wolf

Matriken Tod Siegmund Wolf

Sterbeanzeige Siegmund Wolf

Sterbeanzeige Siegmund Wolf, Neue Freie Presse, 20. Dezember 1908, Seite 30



Der Titel für diesen Beitrag ist ein Zitat aus einem Vers der hebräischen Grabinschrift für Siegmund Wolf: “Ein teurer/edler Mann…”. Wir lesen weiter: “Deine Gerechtigkeit gehe vor dir her, denn den Weg des Glaubens hast du gewählt…ein rechtschaffener Mann und lauterer Geist… Wahrlich abgemüht hast du dich im Leben, und durch dein Mühen hast du das Glück kennengelernt…

Zugegeben: die Worte muten vielleicht ein wenig seltsam an angesichts der Vorkommnisse in den letzten Lebensjahren Siegmund Wolfs. Aber darum geht es auch gar nicht. Denn es muss klar festgehalten werden, dass solche Formulierungen stereotyp sind, dass sie – bewusst – in höchstem Maße idealisierend sind und keine Beschreibungen des real gelebten Lebens, schon gar nicht des Berufslebens, sein wollen. Und, dass sie von Menschen für ihre Toten mit sehr viel Liebe (und sehr oft mit viel Weisheit) verfasst wurden. Sie sollen den Hinterbliebenen Trost spenden und zeitlose Gültigkeit besitzen.

Es ist also obsolet zu hinterfragen, ob das Leben Siegmund Wolfs irgendeinem dieser idealisierten Stereotype entsprochen hat. Obwohl wir natürlich genügend Belege finden, dass Siegmund Wolf etwa immer wieder spendete, für den “Verein für fromme und wohltätige Werke in Wien I” (Neue Freie Presse, 1905), für das “Heim krüppelhafter Kinder” (Pester Lloyd 1905) usw.


Was aber doch vielleicht auffällt: Die Inschrift scheint mir etwas zurückhaltend formuliert zu sein. Und dass seine Ehefrau, die sieben Jahre nach ihm stirbt, nicht bei ihm am jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben wurde, sondern im Grab ihrer Familie in Wien, vermag zumindest Fragen aufzuwerfen…

Genealogie

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Wolf Leopold – 14. Mai 1926

Archiv jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt

Leopold (Löb) Wolf Segal, 01. Siwan 686 (= Freitag, 14. Mai 1926)

Standortnummer: 537

  • Grabstein Wolf Leopold - 14. Mai 1926

    Foto 2016

  • Grabstein Wolf Leopold Rückseite - 14. Mai 1926

    Foto 2016, Rückseite


Die Grabinschrift

Inschrift Leopold Wolf: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier liegt) {Levitenkrug} b(egraben) פ {כד של לויים} נ
[2] ein “Levitenführer” (Sega”l) סגן לויה
[3] d(er ehrenhafte) H(err) Löb Wolf, a(uf ihm sei) F(riede), כ”ה ליב וואלף ע”ה
[4] Sohn des berühmten, prachtvollen und angesehenen, בן הנגיד המפורסם והמפואר
[5] e(hrenhaften) H(errn) Esriel Wolf, a(uf ihm sei) F(riede). כ”ה עזריאל וואלף ע”ה
[6] Ein Mann von edlem Geist und großzügigem Herzen, erhöht unter dem Volk, איש יקר רוח ונדיב לבב מורם מעם
[7] erhaben in guten und würdevollen Eigenschaften, נעלה במדות טובות ונשגבות
[8] von namhaften, berühmten und angesehenen Männern und Mäzenen stammend. מגזע אנשי שם מפוארים ונדיבים
[9] Weise und in Liebe tätigte er seine fleißigen Hände. שכל את ידיו חרוצים באמונה
[10] Auch vollbrachte er Großes und erwarb sich einen guten Namen וגם עשה חיל וקנה לו שם טוב
[11] unter den Angesehenen des Landes, seinen Kaufleuten und Vornehmsten. בין נכבדי ארץ סוחריה ושריה
[12] Er handelte recht und verfuhr gut mit den Menschen, רב פעלים טוב ומטיב עם אנשים
[13] er liebte die Wahrheit und wusste einsichtsvollen Rat. אוהב אמת לו עצה עם תבונה
[14] Sehr bewährte er sich für jeden, der Hilfe erbat. נמצא מאד לכל מבקש עזרה
[15] Er verstarb zum Kummer seiner ihm Nahestehenden und ihn Liebenden נפטר לתוגת לב קרובי ואהובי לבו
[16] aus seiner erhabenen Familie und zum Leid all seiner נפטר לתוגת לב קרובי ואהובי לבו
[17] treuen und ihn achtenden Bekannten am V(orabend) d(es heiligen) Sch(abbat), משפחתו הרמה ולדאבון כל מיודעין
[18] am Neumondtag Siwan 686 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). ראש חודש סיון תרפ”ו לפ”ק
[19] Der Name seiner Mutter war Hendel. ושם אמו הענדל
[20] S(eine) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). תנצבה



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Friedhof Eisenstadt (jüngerer)

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